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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 11
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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11

Da die Hitze fast unerträglich geworden ist, haben die Lehrer beschlossen, den Unterricht in den Nachmittagsstunden ausfallen zu lassen. Dafür sollen körperliche Übungen treten. Und zwar soll ein Teil, der die jüngsten Schüler umfaßt, eine Art Handball, ein zweiter Teil soll Tennis spielen (beides sehr unsinnig wegen der schattenlosen Spielplätze), dem dritten Teil, von der »Fünften« angefangen, also den ältesten Schülern, wird erlaubt, mit einigen Pferden in die Schwemme zu reiten.

Die Pferde werden ohne Sattel und Bügel, bloß mit dem Handzügel aufgezäumt, um vier Uhr vorgeführt werden. Wir haben unser Badekostüm anzulegen und darüber, solange wir uns im Bereich der Gehöfte befinden, die grauen Turnanzüge.

Auf ungesattelten Pferden zu reiten ist selbst für einen passionierten Reiter nicht immer ein Vergnügen, auch muß das Pferd beim Verlassen des Wassers trockengeritten werden. Das ist eine schwierige Arbeit, denn die Pferde sind gegen Erkältung und Nässe in gleicher Weise empfindlich, und bei der herrschenden Schwüle stellt dies keine leichte Aufgabe dar. Dafür lockt die Freude eines Bades im See und das Vergnügen, ohne Aufsicht der Lehrer ein paar Stunden zu verbringen. Denn statt des Rittmeisters bin ich zum Leiter der Kolonne ausersehen, und mich dürfen die Schüler ruhig als ihresgleichen betrachten.

So kann uns das immer düsterer sich sammelnde Gewölk, das niedriger drohende Gewitter keine Angst einflößen, wir dürfen auch im ärgsten Regen heraus und draußen bleiben. Nicht alle sind freilich im selben Maße wie ich von diesem Plane entzückt. Der junge Prinz Piggy, ein kleiner, dicker, junger Herr mit mattbraunem Gesicht (er ist in den Tropen geboren), mit schwarzen, wie Kirschenmarmelade funkelnden Augen und einem sehr blassen, breiten, wenn auch außerordentlich festen Munde, ist nicht recht bei der Sache. Sonst schreit er gern umher oder gibt sein bellendes Lachen bei der blödesten Gelegenheit von sich, jetzt flüstert und zischelt er und scheint die Kameraden von etwas überzeugen zu wollen, was sie aber nicht ernst nehmen, denn sie hören gar nicht auf sein Gelispel hin. Daß es Mangel an Courage bei ihm ist, kann ich nicht glauben, da ich mir Feigheit vor Dingen des Lebens (und das sind doch Wasser, Gewitter, Pferd, Donner und Blitz) weder bei mir selbst noch bei andern je vorstellen konnte.

Wir stehen jetzt alle in unsern weiten, ungebügelten, um die Knöchel schlotternden Turnanzügen vor dem Stalltore, um die Pferde zu erwarten, die drinnen schon stampfen, scharren, an den Karabinern und Stallketten klirrend zerren und leise aufwiehern. Es ist auch zu hören, wie sie mit den Schwänzen an die Stallraufen schlagen, was ein eigenartiges zischendes Geräusch gibt, und wie sie mit den Nasen die salzhaltigen Wände »ausradieren«.

Plötzlich erscheint zum Erstaunen aller vom Lazarette her über den jetzt schattendunklen Hof mein Freund Titurel. Er ist noch etwas blaß; aber wüßte man es nicht, könnte man ihm Fieber und Krankheit nicht ansehen. Er mischt sich unter die anderen, ist ebenso wie wir in einen grauweißen Turnanzug gekleidet und hat das Handtuch, das zum Baden mitgenommen wird, in den Gürtel eingefaltet. Da die Anzahl der Pferde beschränkt ist, muß einer der anderen Schüler auf die Partie verzichten, wenn Titurel mitkommen soll. Eben schlägt die Uhr im Schulgebäude vier. Die Tiere drängen sich schon nebeneinander durch die weit geöffnete Tür vor. Jetzt erscheinen die ungesattelten Pferde mit ihren weichen, aneinanderknirschenden Leibern, nackt, mager und nicht so ebenmäßig gebaut, wie es sonst unter den schmalen, kleidsamen englischen Sätteln aus Schweinsleder und den breiten, sanft umfassenden Gurten der Fall ist. Wer soll nun zurückbleiben? Denkt Piggy wirklich an sich selbst? Er sieht auf mich, dem die Entscheidung zusteht. Dabei versucht er meinen Blick zu fangen. Wie er das macht, ist mir nicht erklärlich, denn er fixiert mich nicht eigentlich, er hat die richtig kameradschaftliche, weder übertrieben selbstbewußte noch ausgesprochen familiäre Haltung. Er hat sein Pferd bereits in Empfang genommen und streicht mit seinem auffallend weibischen Daumen über den schmalen Zügel hin. Schon habe ich seinen Namen auf der Zunge und will ihn bitten zu verzichten, als ich bemerke, daß er dies wahrgenommen hat und daß seine Finger den Zügel wieder fortlassen wollen. Er ist also wirklich feige, er hat Angst davor, ein ungesatteltes Pferd zu reiten (dabei ist kein zweiter ungebändigter Cyrus unter diesen Tieren), er will nicht auf einem ungesattelten Pferd sitzend ins Wasser gehen und sich einem schwimmenden Gaul anvertrauen. Gerade weil ich seine Feigheit erkenne, gehe ich nicht darauf ein und bitte den jüngsten unter uns, einen besonders hochbegabten Jungen, der wegen seiner vorgeschrittenen Kenntnisse unter die viel älteren aufgenommen ist, daheim zu bleiben und sich seinen Altersgenossen beim Spiel anzuschließen. Er ist ein reizender Bursche, bescheiden, lebhaft, mit einem runden Gesicht, weiß und rot, wie aus Porzellan gebildet. Er heißt unter uns Assissus, nach dem berühmten Heiligen; wieso er zu diesem Namen gekommen ist, weiß ich nicht. Man hat ihm diesen in meiner Abwesenheit nachts im Schlafsaale nach einer sehr scharfen, aber ohne Wimperzucken ertragenen »Probe« gegeben.

Ich warte weiter nichts ab, nehme aus der Hand des Stallburschen mein Pferd, eine ziemlich hohe, betagte Schimmelstute, entgegen, fasse mit der linken Hand den Zügel, stütze mich mit dieser Hand auf den gekanteten Bug, mit der rechten auf die weiche und doch unter meinem Griff unnachgiebige Kruppe des Pferdes und werfe mich mittels eines mühelos aussehenden, aber immer schwierigen Sprunges über das Tier, dem ich gar nicht Zeit gegeben habe zu überlegen. Ich sitze oben, die Zügel in der linken, meine Gürtelschnalle in der rechten Hand, mit den Beinen den nackten Leib der Stute fest umklammernd, während die andern sich noch mit den unruhig gewordenen, durcheinandergedrängten Pferden abplagen.

Es ist ziemlich düster unter den Lindenbäumen der Allee, denn die Wolken haben sich seit dem Vormittag noch mehr zusammengezogen. Der schwere, fast greifbare Duft der mit honigfarbenen Blüten überhäuften, still rauschenden Lindenbäume mischt sich mit dem von unten nach oben steigenden Dunst der vielen Pferde. Schwärme von Spatzen rauschen schilpernd von den Bäumen herab zu den Füßen der Pferde, denn sie erwarten da etwas. Sie sind besonders unruhig. Man sieht immer wieder ihre mattbraunen Flügelchen aufgeplustert, die helleren Schnäbel haben sie weit geöffnet, und so wirbeln sie kleine Wölkchen Staubes in der Straßenmitte auf, sie baden im Staube, bis sie vor den Pferden aufflattern, kreischend vor Unruhe und Lust. Das Gewitter liegt in der Luft.

Unter den Schülern ist es zuerst meinem Freunde Titurel gelungen, in den richtigen Sitz zu kommen. Er hält sich oben stumm, sehr gerade aufgerichtet. Die sommersprossigen Hände und die mit blondem Flaum bedeckten Unterarme hat er weit vor sich hingestreckt. So bleibt er neben mir und wartet, bis unter lautem Gelächter, das allerdings die Pferde noch unruhiger macht, auch alle andern hinaufgeklettert sind. Das dauert lange, denn einer will dem andern helfen, schließlich gibt es nur einen Haufen von ungeduldigen, schwitzenden und stallenden Pferden, von grauen, unter der Achsel schon vom Schweiß angedunkelten Turnanzügen, von Knabenhänden, an denen die Pferdemäuler ziehen, und von Knabengesichtern, die teils vom Lachen, teils von der Anstrengung stark gerötet sind. Nur einer ist blaß, ruhig, hält sich abseits und lächelt spöttisch, wenn auch kaum erkennbar, mit seinen wulstigen Lippen und seinen hübschen falschen Marmeladeaugen: Piggy.

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