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Boëtius von Orlamünde

: Boëtius von Orlamünde - Kapitel 10
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleBoëtius von Orlamünde
publisherAufbau-Verlag Berlin und Weimar
printrun1. Auflage
year1969
firstpub1928
correctorreuters@abc.de
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10.

Cyrus fühlt in mir die große Macht. Er ist verstummt. Dumpf klingt sein Huf schlag auf dem in weiten Kreisen aufgewühlten Boden der grünen Reitschule. Er blickt mit seinen hellen Augen nach dem inneren Zügel, der lose neben dem triefenden Maule herabhängt. Er schüttelt ihn wie zum Spiele, als habe er nichts von ihm zu fürchten.

Aber von der anderen Seite her, von der »gebrochnen Führung« her, wird er allmählich hereingezogen. Eine ungeheure Hebelkraft setzt mit jeder Sekunde stärker ein. Man hat eiserne Ketten in der Hand, mehr noch, man zwingt das Tier durch sich selbst. Das ist es. Denn das Pferd hat sich durch die planvolle Bindung der Riemen die Nüstern wie mit einer Stahlfeder nach rückwärts gezogen. Die Nüstern aber, von weichster Haut bedeckt, sind beim Pferd in höchstem Grade empfindlich. Jetzt hat es sich seine zarteste, seine verwundbarste Stelle durch die eigene widerwillige Kraft, durch sein Sichwehrenwollen bis ins Unerträgliche gepeinigt. Denn die Nüstern sind jetzt bis zum Kummetringe nach hinten herangerafft. Sieht man das ohne Zittern vor sich? Das arme, von sich selbst gehetzte Tier hat sich den fürchterlichsten Schmerz, hat sich die grauenvollste Verrenkung im Genick erzwungen. Heraus kann es nicht mehr, auch dann nicht, wenn es stillestehen wollte. Der geschmeidige mausgraue Nacken krümmt sich unter nie zu ahnenden und nachzufühlenden Schmerzen wie ein außerordentlich stark angespannter Bogen. Jetzt wird er und damit das ganze Tier einem zuckenden eisgrauen Hecht ähnlich, der sich, im Netze springend, aufbäumt und sich unter der Wassernot fürchterlich wehrt. Aber dies ist nur eine Erscheinung. Man sieht nur das Äußere. Das Innere des Cyrus kann man nicht sehen. Aber hören kann man ihn. Hören kann man, wie er seufzt. Unselig, herzbewegend.

Unter dem Klange des Seufzens, das dem Klange einer ziehenden Säge in frischem Holze gleicht und das keine Ähnlichkeit mit dem oft belanglosen Seufzen der Menschen hat, unter diesem unbeschreiblichen, unvergeßbaren Seufzen wendet sich der Kopf des Cyrus in die befohlene Richtung. Schüchtern und dennoch immer noch voll Kraft wendet sich der Körper, es strecken und beugen sich die Beine im mäßig schnellen Trab rechtsherum, und damit löst sich die Gewalt. Der schrecklichste Schmerz muß schwinden. Das Tier gehorcht. So vollkommen ist es in meiner Gewalt, daß ich mich des Kampfes schäme. Ich bin noch nicht ganz frei, kann aber durch eine Linkswendung meines Körpers wieder in meine frühere Position zurück, ich darf mich sogar sorglos im kleinen Kreise bewegen. Nun fängt der »banale«, der bürgerliche Zügel, möchte ich sagen, nämlich der innere, wieder an zu wirken. Ich mache meine Hände nun vollends los. Ich atme auf. Ich sehe aber Cyrus nicht an und weiß, daß er mich nicht ansieht. Unter der schweren Portiere ist der Stallpage durchgeschlichen. Er empfängt jetzt das Pferd aus meiner Hand. Es ist auf ewige Zeiten willig. Nur noch einem Herrn wird es sich nach meiner Herrschaft fügen müssen, dem T.

Habe ich die Probe bestanden? War es eine Probe auf den T.? Habe ich sie bestanden? Ist es vorbei?

Noch in der kühlen Dämmerung der Reitschule reibt der Stallbursche den Gaul mit einem Frottierlaken trocken. Dabei steckt das Pferd seine lachsfarbene, an der Spitze noch mit weißem Schaum bedeckte Zunge heraus und leckt dem Knaben, der sich an der Brust des Pferdes zu schaffen macht, die Hand.

Ich schlage mit der Reitgerte, die ich eben aufgehoben und von Staub gereinigt habe, leicht nach den beiden, treffe eben noch die Spitze der rasch zurückschnellenden Zunge des Pferdes und die Achsel des erschrocken zusammenzuckenden Knaben. Kaum ist der leichte Schlag gefallen, den man kaum richtig gehört hat, als ich schon die tiefste Scham empfinde. Aus der Oberstenloge am Kopfende der Reitschule, wo bei feierlichen Gelegenheiten, Sprungturnieren und so weiter der Direktor an der Spitze des Lehrkörpers unseren Leistungen zusieht, kommt ein leichtes Beifallsklatschen, das einem sehr verspäteten Echo meines Peitschenhiebes gleicht. Ist denn die Schule nicht leer gewesen? Habe ich in der Loge Zeugen gehabt? Aber alles ist so schnell aufeinandergefolgt, daß ich nicht weiß, ob das Beifallsklatschen der Bändigung des Cyrus gilt, über die ich jetzt am liebsten weinen möchte, oder dem unbesonnensten Schlag, den je ein von Lebensmut berauschter achtzehnjähriger Schüler und stellvertretender Rittmeister einem unschuldigen, nur durch mechanische Mittel und barbarische grobe Hilfen besiegten Tiere und einem wenn auch ungeschickten, so doch anstelligen und willigen Jungen erteilt hat. Ich blicke mich nicht nach dem Meister um. Er hat applaudiert. Es kann nichts Unrechtes hier im Hause und draußen im Gute geschehen, ohne daß er beifällig dabeisteht und mithilft nach Kräften. Viele lasterhafte Gewohnheiten der Schüler scheint er zu billigen, verschiedene, nicht ganz durchsichtige Manöver des Rendanten fördert er. Ich schäme mich seines Lobes, ich hasse seine ungewollte widerliche Zuneigung zu mir, obgleich ich ihr den kostenlosen Aufenthalt hier verdanke ich und meine armen Eltern mit mir müßten ihm auf den Knien danken.

Nichts derart. Ich bücke mich und streife mit der Rückenfläche meiner Handschuhe den Staub und die Reste von Lohe an meinen Knien ab. Cyrus hat mich vorhin, ich schämte mich, es zu sagen, bei unserm ungleichen Kampfe hingeschleudert. Er hat mich, mit meinen Zügeln um den Leib, gezwungen, auf den Knien wie auf Schlittenkufen rutschend, einen Teil seiner blitzschnellen Kreuz- und Querfahrten mitzumachen. Jetzt endlich verklingen die Schritte des müden Pferdes und des auf seinen genagelten Schuhen bäurisch einherschreitenden Stalljungen. Nun ist der ovale, überall bis in die Ecken aufgewühlte Reitplatz leer. Die Sonne bricht von oben ein in unvermindertem Glänze, ja sie scheint jetzt in diesem Augenblick, als ich, die Schultern hebend, aus der grünen Reitschule hinaustrete, an Glanz und Feuer, Größe und Blendung noch gewonnen zu haben.

Ich habe noch Lebenskraft in mir, obwohl ich fühle, daß ich diese Probe nicht bestanden habe. Ich bin jetzt entschlossen, nie mehr Pferde in solcher Weise zu bändigen. Ich will niemals Rennreiter, nicht Hindernisreiter oder Trainer werden, eher, wenn es sein muß, Knecht in einem Stalle, wo die edlen, dem Menschen an Adel vielfach überlegenen Tiere gepflegt werden. Muß ich Proben im Kampfe mit dem T. bestehen, sollen es andere sein.

Meine Kameraden haben sich, da es inzwischen Mittag geworden ist, zur Erholungspause in den großen Hof begeben. In kleinen Gruppen stehen sie umher. Von weitem sehen sie einander in ihren weiten sommerlichen staubfarbenen Uniformen alle ähnlich wie Brüder aus einem Hause oder Schafe aus einer Hürde. Mich erkennen sie von weitem, rufen mir Scherzworte zu, nicht immer der anständigsten Art. Ein kleiner Junge bittet mich (aber es ist eher Ironie) zu Hilfe, da er im Kampfe mit dem dicken Fürsten X. steht, demselben, den man bei uns Piggy (amerikanisches Schwein) nennt. Aber davon ist nicht die Rede. Ich hasse zwar Piggy, denn aus seinem Munde kam im Schlafsaale der »Fürsten« die gemeine Erzählung, die mir die Unschuld dem T. gegenüber genommen hat. Aber es wäre nicht recht, sich parteiisch in einen Kampf dieser Jungen einzulassen. Ich begebe mich mit einem stillen, verschlossenen Lächeln an ihnen vorbei in mein Zimmer, um mich zu waschen und die von Staub und Schweiß unansehnlich gewordene Uniform zu wechseln.

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