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Bones in Afrika

Edgar Wallace: Bones in Afrika - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleBones in Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun. Auflage 1.-20. Tsd.
editorFranz Schrapfeneder
year1951
isbn3-442-06437-6
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectida43a8918
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Der Fetischmast

1

Der Häuptling N'gori hatte einen Sohn, der hinkte und trotzdem lebte. Dies war eine merkwürdige Tatsache in einem Lande, wo Krüppel so verachtet waren und offensichtliche körperliche Gebrechen die sicherste Anwartschaft auf die Abberufung zum Himmel bedeuteten.

M'fosa wurde in einem Fischerdorf geboren zu einer Zeit, da alle Kräfte des Akasava-Volkes angespannt waren, um die Überfälle der N'gombi abzuwehren. Die N'gombileute wurden damals von dem kriegerischen Häuptling Gosimalino geführt, der auch andere Stämme zu Verteidigungskriegen zwang. Er besaß die Herrschaft über das Stromgebiet des Weißen Flusses vom Gebiet des Alten Königs bis südlich zu den Inseln der kleineren Isisi.

M'fosa war drei Monate alt, als Sanders mit seinen Soldaten kam und Gosimalino an einen hohen Baum hängte, seine Dörfer niederbrannte, seine Ernten zerstörte und die Überreste seines einst nahezu unbesieglichen Heeres in die wenig bekannten Schlupfwinkel des Itusiwaldes trieb.

Unter Sanders' wohltätigem Schutz wuchs M'fosa zum Mann heran, obgleich viele Versuche gemacht wurden, ihn in abgelegene Wasserstraßen zu locken, wo Krokodile den Krüppel hätten verschwinden lassen, ohne daß es großes Aufsehen erregt oder sich jemand darum gekümmert hätte.

Der Anführer der Leute, die M'fosa nach dem Leben trachteten, war Kobolo, ein Onkel des Knaben und N'goris eigener Bruder. Einst hatte dieser unzufriedene Mann mit mehreren Verwandten M'fosa in einen Hinterhalt gelockt. Als sie auf dem Wege zu den Inseln in der Mitte des breiten Stromes waren, um M'fosa die Augen auszustechen, traf es sich, daß Sanders des Weges kam.

Erließ die gesamte männliche Bevölkerung des Dorfes, in dem M'fosa lebte, schwer arbeiten. Sie mußten eine große Fichte umhauen, die unheimlich weit entfernt von ihrem Dorfe stand. Es dauerte eine Woche, bis sie die Äste und Zweige abgehauen und die Oberfläche des Baumes geglättet hatten. Eine weitere Woche brauchten sie dazu, um den langen Stamm durch den Wald zu schleppen (Sanders war teuflisch genug, den Baum in einem möglichst unzugänglichen Teil des Waldes zu wählen). Die dritte Woche brachten sie damit zu, große Löcher zu graben und den Baum aufzurichten.

Aber Sanders war nicht leicht zufriedenzustellen. Über die breiten, braunen Rücken rann der Schweiß, als sie den großen Flaggenmast aufstellten. Kaum war diese Arbeit beendet, als der hohe Herr Sandi seine Meinung änderte und den Baum an einer anderen Stelle aufrichten ließ. Der Distriktsgouverneur kam in kurzen Zwischenräumen, um sich von dem Fortgang der Arbeit zu überzeugen. Schließlich war der ungeheure Mast aufgestellt, und die Dorfbewohner atmeten erleichtert auf.

»O Herr, sage mir, warum errichtest du diesen großen Baumstamm?« hatte N'gori gefragt.

»Er ist für den errichtet«, sagte Sanders, »der M'fosa, deinem Sohn, etwas zuleide tut, denn er soll daran aufgehängt werden. Und wenn mehr als ein Mann an einem solchen Mord beteiligt ist, dann will ich noch einen anderen Baum abschlagen und durch den Wald bringen lassen, und ihn an einem zweiten Platz aufstellen, damit ich den nächsten daran aufknüpfen kann, und so fort. Alle Leute sollen wissen, daß dieser hohe Mast ein Fetisch ist. Er wird die bösen Herzen der Leute bewachen und mir all ihre Gedanken verraten, die guten und die bösen. Dann sage ich dir, dieser Fetisch besitzt Zauberkraft. Er wird mich, wenn es nötig ist, von dem äußersten Ende der Welt herbeiholen, um die Übeltäter zu bestrafen.«

Dies war die Geschichte des großen Fetischmastes in dem Lande der Akasava. Niemand rührte M'fosa an, und er wuchs zum Mann heran. Während dieser Zeit wurde sein Vater erster Ratgeber, später Unterhäuptling und zuletzt Oberhäuptling des ganzen Stammes. M'fosa nahm zu an Körpergröße und wurde um so erbitterter, je älter er wurde. Denn dieser große Mast, der vom Regen verwaschen und von der Sonne verbrannt war, erinnerte jeden weniger an die starke Hand, die ihn errichtet hatte, als an seine eigene Schwäche.

So kam es, daß er den Fetischmast haßte und merkwürdigerweise auch den Mann, der ihn aufgestellt hatte.

Am seltsamsten aber war es, daß er der erste war, der Mißgestaltete verurteilte und heimlich all die Unglücklichen tötete, die entweder verkrüppelt zur Welt kamen oder durch Unglück verstümmelt wurden und zu Kampf und Schlacht untauglich waren.

Er ertränkte Kibusi, den Holzfäller, der sich mit der Axt drei Finger abgeschlagen hatte. Er stiftete die jungen Leute an, die den Knaben Sandilo-M'goma töteten, der durch Brandwunden entstellt war. Obgleich der Fetischmast als ein drohendes Warnungszeichen für alle emporragte, ihre Gedanken las und mit geheimnisvoller Macht ausgestattet war, trotzte M'fosa den Geistern und führte rücksichtslos seine bösen Taten aus, ohne die Folgen zu fürchten.

Als Sanders abgereist war und kein Gesetz mehr zu existieren schien, wurde N'gori plötzlich ein kühner und furchtloser Mann und nahm seine alten Klagen wieder auf. Beinahe hätte er Unruhe und Krieg über das Land gebracht, wenn nicht Bosambo auf der Hut gewesen wäre. Trotzdem war N'gori selbst ein gutmütiger Mann, und wenn seine Handlungen böse waren, so stand nur sein niederträchtiger Sohn hinter ihm, der ihn dauernd beeinflußte und ihm drohend seine Pläne ins Ohr flüsterte. M'fosa war eine große, düstere Erscheinung, hatte gewöhnlich ein Auge halb geschlossen und lief hinkend durch den Ort. Ein böses Lächeln lag auf seinem Gesicht. Eines Tages kamen Gesandte zu dem Lande der Ochori, die grüne Zweige von Isisipalmen trugen. Das war ein Zeichen friedlicher Absichten. M'fosa war ihr Anführer.

»O mein Herr Bosambo«, sagte der hinkende Mann, »der Häuptling N'gori, mein Vater, sendet mich, und er wünscht deine Freundschaft und Hilfe und bittet dich um deinen liebwerten Besuch zu einem großen Feste.«

»O ko!« sagte Bosambo trocken. »Was für ein herrliches Fest ist denn das?«

»O Herr«, fuhr der andere fort, »es ist kein Königsfest, aber ein großer Freudentanz. Denn unsere Ernten sind gut geraten, und unsere Ziegen haben sich so vermehrt, daß niemand sie zählen kann. Deshalb sagte mein Vater: Gehe hin zu Bosambo, dem Häuptling der Ochori, zu ihm, der einst mein Feind war, jetzt mein lieber Freund ist, und sprich zu ihm also: Komme zu mir in meine Stadt, damit ich dich ehren kann.«

Bosambo dachte lange nach. »Wie kann dein Herr und Vater die vielen Leute speisen, die ich mitbringen werde?« fragte er nachdenklich. »Denn sieh, M'fosa, ich habe tausend mit Speeren bewaffnete Krieger, alles junge Leute, die sehr hungrig sind.«

Man sah das Entsetzen in M'fosas Gesicht. »O Herr Bosambo, wenn du ohne deine Krieger kämest, nur mit deinen Ratgebern ...«

Bosambo schaute den anderen mit zusammengekniffenen Augen an. »Zu einem Freudentanz bringe ich meine Krieger mit, sonst würde es weder eine Freude noch ein Tanz für mich sein.«

M'fosa zeigte seine Zähne, und aus seinen Augen leuchtete glühender Haß. Er verließ die Ochoristadt in schlechter Stimmung und war froh, als er wieder aus dem Lande war, denn er hatte verschiedene Ochori gefoltert, nachdem er sie beim unberechtigten Fischen ertappt hatte, und er mußte fürchten, daß sie ihn überfallen würden.

Mehr Glück hatte er bei seinen anderen Einladungen. Hamilton weilte gerade in der Isisistadt, als die Gesandtschaft zu ihm kam.

»Das ist etwas für Sie, Bones«, sagte er.

Leutnant Tibbetts hatte vergeblich einen Tag lang mit Angelruten und Netzen im Strom gefischt und saß nun bequem in seinem Deckstuhl unter dem Sonnendach der Kommandobrücke.

»Würden Sie als Ehrengast zu einem kleinen Erntedankfest N'goris gehen?«

Bones richtete sich in seinem Stuhl auf. »Muß ich dabei eine Rede halten?« fragte er vorsichtig.

»Sie müssen auf den Toast der jungen Damen antworten!« neckte ihn Hamilton. »Nein, mein Lieber, Sie haben nur ruhig zu sitzen und ein recht gescheites Gesicht zu machen.«

Bones dachte eine Weile nach. »Ich wette, Sie schicken mich wieder zu irgendeiner bösen Sache«, erklärte er. »Aber ich will trotzdem gehen.«

»Ich wünschte, Sie würden der Einladung Folge leisten«, sagte Hamilton ernst. »Ich weiß nicht, was ich von den Absichten N'goris denken soll, seit Sie ihn so milde behandelt haben.«

»Wenn Sie die böse Vergangenheit wieder ausgraben, mein Lieber«, erwiderte Bones vorwurfsvoll, »und wieder Vorgänge erwähnen, die vergessen sein sollten, dann gehe ich zu Bett!«

Er stand auf, klemmte das Monokel ins Auge und schaute seinen Vorgesetzten an.

»Setzen Sie sich einmal her und seien Sie still«, sagte Hamilton bestimmt. »Ich will Sie nicht tadeln, und ich will auch N'gori nicht tadeln. M'fosa ist sein Sohn. Hören Sie zu.« Er winkte die drei Leute herbei, die von den Akasava gesandt waren und die Einladung brachten.

»Sagt noch einmal, was euer Herr wünscht!«

»So sagte N'gori, und ich spreche mit seiner Stimme: Lasse den Teufelsbaum, den Sandi in unserem Orte aufgerichtet hat, umlegen; denn er beschämt uns und M'fosa, den Sohn unseres Häuptlings.«

»Wie kann ich das tun?« fragte Hamilton. »Ich, der ich doch nur Sandis Diener bin? Ich erinnere mich sehr wohl, daß er den Mast aufgepflanzt hat, um einen großen Zauber zu vollführen.«

»Nun ist der Zauber vollendet«, sagte der Sprecher der Gesandtschaft düster. »Denn niemand unseres Stammes ist des Todes gestorben, seit Sandi ihn aufgerichtet hat.«

»Da habt ihr verdammtes Glück gehabt«, murmelte Bones. »Gehe zu deinem Herrn zurück und bringe ihm diese Botschaft von Militini: Mein Herr Tibbetti wird zu deinem Feste kommen, und du sollst ihm Ehre erweisen. Was aber den Fetischmast angeht, so wird er so lange stehen, bis Sandi sagt, daß er weg soll. Das Palaver ist aus.«

Als sich die Gesandtschaft entfernt hatte, ging Hamilton auf dem Deck auf und ab, die Hand auf dem Rücken, die Stirn in tiefen Falten. »Viermal haben sie mich nun schon aufgefordert, den Mast umzulegen«, sagte er laut und belustigt. »Ich möchte nur wissen, warum.«

»Warum?« fragte Bones. »Der Grund, mein lieber, wenig begabter Freund? Das ist doch so klar wie Ihre alte Nase – sie wollen ihn einfach nicht haben!«

Hamilton sah ihn an. »Was für einen großartigen Verstand müssen Sie haben, Bones«, sagte er dann voll Bewunderung. »Ich frage mich öfter, warum Sie ihn nicht anwenden.«

2

Mitten im Walde steht ein blühender Baum, der wunderbare Kräfte hat. Im Lande ist er weit und breit unter dem Namen »Der Baum, der kein Echo hat und den Schall auffrißt« bekannt. Die Leute glauben, daß man sich an alles erinnern kann, was unter seinen verborgenen Zweigen und Ästen gesprochen wird, daß man es aber nicht wiederholen darf. Und wenn jemand unter seinem tödlichen Schatten ruft, vernehmen selbst die nichts davon, die nicht weiter als einen Schritt von dem äußersten Zweige oder Blatt entfernt stehen.

Deshalb werden unter dem schweigenden Baum gern heimliche Palaver abgehalten, wie N'gori und sein hinkender Sohn es beabsichtigten und wie sie die kleineren Isisi fürchteten.

Man nahm an, daß N'gori eine führende Rolle bei den Verhandlungen spielte, die auf die Zusammenkunft folgten, aber in Wirklichkeit war er der furchtsamste von allen, die im Schatten der ungeheuren Zeder saßen.

Er hatte Bedenken, Vorurteile, Zweifel und riet von allem ab, bis sein Sohn sich nach ihm umwandte und ihn in übelster Laune angrinste.

»O mein Vater«, sagte er sanft, »am Strom sagt man, daß Leute, die schnell sterben, mit ihrem letzten Atemzug nicht mehr sagen als ›Warte!‹. Nun sage ich dir, daß die jungen Leute, die sich geheim mit mir verschworen haben, dich niedermetzeln wollen, aber sie schonen dich, weil ich wie ein Gott zu ihnen bin.«

»Mein Sohn«, sagte N'gori unbehaglich, »das ist ein sehr bedeutendes Palaver; denn viele Häuptlinge haben sich gegen die Regierung erhoben, und immer ist Sandi mit seinen Soldaten gekommen. Dann gab es Rücken, die sich vor Schmerz krümmten und nicht heilten, bevor ein Monat um war, und Hälse, die nur so lange traurig waren« – er schnippte mit dem Finger –, »dann waren sie nicht mehr traurig.«

»Sandi ist fortgegangen«, sagte M'fosa.

»Aber sein Fetischmast steht noch«, sagte der alte Mann hartnäckig. »Alle Tage und Nächte beobachtet uns sein furchtbarer Geist, denn wir haben alle gesehen, daß die starken Blitze M'shimba-M'shambas in diesen Mast einschlugen und ihm nichts zuleide taten. Auch haben Militini und Mond im Auge ...«

»Diese Narren!« fiel ein Ratgeber ein.

»Der Herr Militini ist kein Narr, das weiß ich«, widersprach ein anderer.

»Tibbetti kommt zu uns und bringt keine Soldaten mit sich. Nun sage ich dir: Sandis Fetisch ist tot, denn Sandi ist von uns gegangen. Das aber ist das Zeichen, das ich wünsche – ich und meine jungen Männer. Wir wollen ein Mordpalaver machen im Angesicht des Fetischmastes, und wenn Sandi lebt und uns nicht belogen hat, so soll er vom andern Ende der Welt kommen, wie er gesagt hat.«

M'fosa erhob sich. Nun wußte man zweifellos, wer die Akasava regierte.

»Das Palaver ist aus«, sagte M'fosa und ging zur Stadt zurück. Sein Vater folgte ihm demütig.

Zwei Tage später kam Bones in der Akasavastadt an und hatte keinen anderen Schutz bei sich als einen Haussa-Soldaten, der seine Ordonnanz war.

3

An einem Septemberabend war Distriktsgouverneur Sanders Gast des Staatssekretärs Lord Castleberry auf dessen Landsitz.

Sanders bewegte sich nicht gern in Gesellschaft. Er war es weder von Jugend an gewöhnt, noch hatte er Neigung dazu. Lieber wäre er sorglos durch die hellerleuchteten Straßen Londons gewandert. Aber er mußte dieser Verpflichtung nachkommen. In gewissem Sinn war er, wenn auch gegen seinen Willen, ein Löwe der Gesellschaft. Sein Name war allgemein bekannt, und die Zeitungen schrieben von seinem Charakter, seinen Ansichten und Aussprüchen. Zu seinem eigenen Erstaunen hatte er sogar einen Vortrag vor den Mitgliedern der Ethnographischen Gesellschaft über die Sagen der Eingeborenen gehalten und war aus der Diskussion glänzend hervorgegangen. Die Gäste des Lord Castleberry fanden, daß Sanders zurückhaltend und schweigsam sei. Man konnte ihn nicht bewegen, über das Land zu sprechen, das er so liebte. Man hätte ihn für einen langweiligen Menschen halten können, da er sich aber so vollständig im Hintergrund hielt, war es nicht möglich, sich ein abschließendes Urteil über ihn zu bilden.

Am zweiten Abend seines Besuches waren alle im Billardzimmer versammelt. Die schöne Tochter Lord Castleberrys hatte – bildlich gesprochen – mit der Kühnheit der Jugend Sanders in eine Ecke getrieben, aus der es kein Entrinnen gab.

»Wir sind sehr geduldig gewesen, Mr. Sanders!« sagte sie schmollend. »Wir möchten doch so gerne etwas von Ihrem wunderbaren Land hören – besonders von Bosambo, von Fetischen und anderen Dingen. Aber Sie haben uns noch nicht ein Wort davon erzählt.«

»Es ist wenig darüber zu sagen«, lächelte er. »Vielleicht – wollen Sie etwas über Fetische hören?«

Alle bejahten. Sanders hatte seit seinen Erfahrungen in der Ethnographischen Gesellschaft genug Mut und begann seinen Vortrag.

»Warten Sie einen Augenblick«, sagte Lady Betty. »Wir wollen alle diese brennenden Lichter ausmachen, um unserer Phantasie freien Spielraum zu geben.«

Ein kurzes Knipsen, und der Saal lag im Dunkeln. Nur ein Wandarm über Sanders brannte.

Sanders war der jungen Dame sehr dankbar. Die ganze Gesellschaft setzte sich im Kreis um ihn herum auf Sessel, Sofas, Stühle und Bänke und lauschte gespannt.

Er erzählte seltsame, kaum glaubliche Geschichten von Geisterpalavern, merkwürdigen Gebräuchen und geheimnisvollen Botschaften, die durch das große Gebiet und die unheimlichen Urwälder zu ihm gelangten.

»Nun etwas von Fetischen!« bat das Mädchen.

Sanders lächelte. Vor seinen Augen sah er die Eingeborenen im Schweiß ihres Angesichts müde einen Baumriesen durch den dichten Wald schleppen. Nur langsam kamen sie Schritt für Schritt vorwärts.

Und er erzählte ihnen die Geschichte von dem Fetischmast in der Stadt der Akasava.

»Und ich sagte«, schloß er seinen Bericht, »daß ich vom äußersten Ende der Welt kommen würde ...«

Plötzlich hörte er auf zu sprechen und starrte vor sich hin. In dem schwachen Licht sah es aus, als ob er zu Stein geworden wäre.

»Was ist geschehen?«

Lord Castleberry sprang auf, jemand drehte das Licht an. Aber Sanders merkte es nicht. Sein Blick war auf das Ende des Raumes gerichtet, und seine Gesichtszüge waren hart und konzentriert.

»O M'fosa!« rief er. »Du Hund!«

Sie hörten die kurzen abgerissenen Worte der Bomongosprache und verwunderten sich sehr.

4

Leutnant Tibbetts leistete keinen Widerstand mehr. Seine Lippen bluteten, seine Uniform war vollständig zerrissen, und er hatte keinen Helm mehr, als sie ihn an den hohen, glatten Fetischmast banden. Dicht vor seinen Füßen lag der tote Haussa-Soldat, den er zu seinem Schutz mitgenommen hatte. M'fosa hatte ihn von hinten mit dem Speer durchbohrt.

In einem großen Kreise saßen die Eingeborenen. Das flackernde Feuer, das in der Mitte brannte, beleuchtete ihre Gesichter. Interessiert blickten die Akasava auf das Schauspiel, das sich ihnen hier bot.

Der Häuptling N'gori saß steif vor Schrecken mit zusammengezogenen Augenbrauen und hielt seine zitternden Hände an den Mund. Man sah ihm an, daß er sich fürchtete. Er war nur noch Zuschauer, denn sein mächtiger Sohn hinkte von einer Seite zur anderen und fragte seine Ratgeber.

Die Leute, die Bones gebunden hatten, traten beiseite, da sie ihre Arbeit vollendet hatten. M'fosa kam mitten durch den Kreis geschritten und stellte sich dicht vor seinen Gefangenen.

»Nun, der Fetischmast, den Sandi aufgerichtet hat, ist wohl ein wenig hart?« fragte er höhnisch.

»Du bist ein gemeiner Schuft!« sagte Bones, der in seiner Wut englisch sprach. »Du bist ein abscheulicher Hund!«

»Was sagt er?« fragten sie M'fosa.

»Er spricht zu seinen Göttern in seiner Muttersprache«, antwortete der Lahme. »Er hat große Furcht!«

»Höre mich!« sagte Bones in fließendem Bomongo. Seine Stimme klang hart und schneidend, denn er gebrauchte den Fischerdialekt, den er besser kannte als die wohltönende Sprache, die am oberen Fluß gebraucht wird. »Höre mich, du Fischesser, du lahmer Hund, du namenloses Kind eines Affen!«

M'fosa verzog den Mund vor Ärger und Wut. »O Herr«, sagte er sanft, »du sollst jetzt nichts mehr sprechen, denn ich werde dir die Zunge herausschneiden, damit du nicht mehr reden kannst ... später will ich dich dann mit dem Fetischmast zusammen verbrennen, so daß ihr beide zusammen umstürzt.«

»Sicher wirst du in die Hölle fahren, und zwar sehr bald, denn du hast Sandis Ju-Ju beleidigt, der große und fürchterliche Macht besitzt!«

Wenn er nur Zeit gewinnen könnte, damit Hamilton diese unglaubliche Nachricht erhalten könnte. Der ahnungslose Offizier schlief zu dieser Zeit zwanzig Meilen stromab, ohne das geringste von dem gemeinen Verrat an seinem Untergebenen zu ahnen. Er wußte auch nicht, daß eine Kanuflotte der Akasava den Fluß herunterkam, um ihn auf seinem kleinen Dampfer zu überfallen.

Vielleicht erriet M'fosa die Gedanken Bones'.

»Du stirbst allein, Tibbetti!« sagte er. »Es war eigentlich mein Plan, daß du einen großen Tod sterben solltest, mit Bosambo an deiner Seite. Was aber den Ju-Ju angeht, so magst du Sandi rufen, solange du noch eine Zunge hast!«

Er zog sein kurzes N'gombimesser aus seiner ungegerbten Lederscheide, die an seinem bloßen Bein befestigt war, und strich damit langsam über die innere Handfläche.

»Rufe Sandi, rufe ihn jetzt, du Mann mit dem Mond im Auge!« höhnte er.

Bones sah das Schreckliche kommen und nahm allen Mut zusammen, um es mannhaft zu ertragen.

»O Sandi!« rief M'fosa. »Errichter des großen Ju-Ju, komm schnell herbei!«

»O M'fosa, du Hund!«

M'fosa wandte sich schnell um, das Messer entfiel seiner Hand. Er erkannte die Stimme und war gelähmt. Ein halbes Dutzend Schritte von ihm entfernt stand Sandi vor ihm.

Ein Sandi in merkwürdiger schwarzer Kleidung, mit einer großen weißen Brust ... aber ein Sandi mit harten, durchbohrenden Blicken.

»O Herr, o Herr!« stammelte M'fosa und hielt die Hände vor die Augen.

Als er wieder hinschaute, war die Gestalt verschwunden. »Zauber!« murmelte er und taumelte vor Schrecken vorwärts. Er wagte nicht, sein Werk zu vollenden.

Dann teilte sich die Menge, und ein schlanker Mann schritt durch die Gasse.

Ein Gewand aus Affenschwänzen bedeckte seine breiten Schultern, und seine linke Hand war hinter einem großen Schild verborgen.

In der Rechten hielt er einen dünnen, biegsamen Wurfspeer.

»Ich bin Bosambo von den Ochori«, sagte er selbstbewußt.

Aber das war nicht nötig, denn alle kannten ihn. »Du sandtest nach mir, und ich bin gekommen – mit tausend Kriegern.«

M'fosa blinzelte ihn an, aber er sagte nichts.

»Auf dem Fluß«, fuhr Bosambo fort, »traf ich viele Kanus, die zu einem mörderischen Überfall fuhren – sieh her!« Er warf den Kopf des Unterführers der Akasava, der den Überfall auf Hamilton befehligte, vor M'fosas Füße.

Einen Augenblick starrte M'fosa auf das Gräßliche, dann wandte er sich um und sprang auf. Bosambos Speer traf ihn in der Luft.

»Guter, alter Bosambo!« murmelte Bones, dann schwanden ihm die Sinne.

 

Viertausend Meilen davon entfernt entschuldigte sich Sanders vor einer erstaunten Gesellschaft.

»Ich hätte schwören können, daß ich eine Vision hatte«, sagte er.

An diesem Abend erzählte er keine Geschichte mehr.

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