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Bones in Afrika

Edgar Wallace: Bones in Afrika - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleBones in Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun. Auflage 1.-20. Tsd.
editorFranz Schrapfeneder
year1951
isbn3-442-06437-6
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectida43a8918
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Das sagenhafte N'bosini

»Militini, im Lande N'bosini ist ein schlechtes Palaver«, sagte der geschwätzige Häuptling der kleinen Isisi und wiegte den Kopf gedankenvoll hin und her.

Hamilton erhob sich aus seinem Feldstuhl und reckte sich zu seiner ganzen Länge empor. Seine lachenden blauen Augen sahen den Häuptling scharf an, und seine glattrasierten Lippen zogen sich spöttisch zusammen.

Idigi schaute aufmerksam zu ihm empor. Er war dick und fett und ein kluger Mann, trotzdem aber ein Schwätzer; denn am Großen Strom sagt man: »Selbst die weißen Ochori sind Schwätzer!«

»O Herr, du lachst«, sagte Idigi gedemütigt und unterwürfig, denn blaue Augen in einem braunen Gesicht gelten als besonders teuflisch. »Dies ist kein Palaver, über das man lachen kann, denn man sagt ...«

»Idigi«, unterbrach ihn Hamilton, »ich muß lachen, wenn du von der Stadt N'bosini sprichst, denn die gibt es überhaupt nicht. Selbst Sandi, der viel klüger ist als der gewaltigste Ju-Ju, sagt, daß es kein N'bosini gibt. Das ist nur ein närrisches Geschwätz von Leuten, die nicht wissen, woher ihre Sorgen kommen, und die deshalb ein Land, ein Volk und einen König in ihrem verrückten Kopf erfinden müssen. Gehe zu deinem Dorf zurück, Idigi, und sage allen, daß ich hier zur Vertretung auf dem Platz meines Herrn Sandi sitze. Und wenn es nicht nur einen König von N'bosini, sondern zwanzig gäbe und wenn er nicht nur eine Armee, sondern drei und drei und drei Heere hätte, würde ich ihm mit meinen Soldaten entgegentreten, und er wird denselben Weg gehen wie irgendein anderer böser König.«

Idigi war nicht überzeugt. Er schüttelte den Kopf und sagte zweifelnd: »Wa!«

Er wollte sein interessantes Gespräch fortsetzen, denn er liebte die Geister.

»Man erzählt«, sagte er überaus bedeutungsvoll, »daß in der Nacht vor Neumond in der Gegend des Seewaldes zehn Krieger der N'bosini gesehen worden sind, die Speere von Feuer hatten und Bogen, die mit Sternen besät waren. Auch ...«

»Scher dich zum Teufel!« sagte Hamilton. »Das Palaver ist aus.«

Später beobachtete er, wie Idigi langsam seinen Weg stromauf nahm. Der Häuptling war so bescheiden, daß er nur mit vier Ruderern reiste.

Hamilton lachte nicht mehr. Er ging zu seinem Kanevasstuhl zurück und saß dort eine halbe Stunde lang. In schweren, sorgenvollen Gedanken rieb er sich die Arme.

Leutnant Tibbetts kam von einem Nachmittagsausflug zurück. Er hatte geangelt und trug ein paar merkwürdig aussehende Fische, die seine einzige Beute waren. Als er Hamilton erblickte, wollte er mit einem militärischen Gruß an ihm vorbeigehen.

»Bones!« rief Hamilton liebenswürdig.

Leutnant Tibbetts wandte sich um. »Sir?« sagte er steif.

»Steigen Sie von Ihrem hohen Pferd runter, Bones!«

»Ich bin mit Ihnen fertig, mein Lieber. Als Offizier und Gentleman haben Sie mich niederträchtig behandelt – in der Tat. Geben Sie mir einen Befehl, so werde ich gehorchen! Kommandieren Sie mich auf einen verlorenen Posten oder befehlen Sie, daß ich um zehn Uhr zu Bett gehen soll, und ich werde Ihre Vorschriften dem Militärgesetz entsprechend ausführen! Aber außerhalb des Dienstes sind Sie für mich erledigt. Ich bin beleidigt, Ham, furchtbar beleidigt. Ich denke ...«

»Nun seien Sie endlich still und setzen Sie sich her«, unterbrach ihn Hamilton böse. »Sie schimpfen dauernd, bis ich Kopfschmerzen bekomme.«

Widerstrebend kam Bones zurück und legte seine Beute mit der größten Sorgfalt auf den Boden.

»Was, in aller Welt, haben Sie denn da gefangen?« fragte Hamilton neugierig.

»Ich weiß nicht, ob es Kabeljaus oder Steinbutten sind«, sagte Bones vorsichtig, »aber ich will sie kochen lassen, dann erkenne ich es am Geschmack.«

Hamilton grinste. »Das sind Katzenfische – außerdem sind sie giftig!« sagte er und pfiff seiner Ordonnanz.

»O Ahmet«, befahl er auf arabisch, »nimm diese Fische und wirf sie fort!«

Bones klemmte sein Monokel ins Auge und verfolgte die Fische mit den Augen, solange er konnte. »Wenn es Ihnen Spaß macht, meinen Fischen Befehle zu geben«, sagte er dann resigniert, »ist es nicht an mir, weitere Fragen zu stellen.«

»Ich habe Sorgen, Bones«, begann Hamilton.

»Ein Gewissen, Sir, ist ein nettes, niederträchtiges Ding für einen Mann. Ich erinnere mich, vor Jahren ...«

»Es stehen oben im Lande Unruhen bevor.« Hamilton zeigte mit der Hand nach den dunkelgrünen Wäldern hin, die im finsteren Abendschatten dalagen. »Es handelt sich um ein Palaver, dessen Zusammenhänge ich noch nicht durchschauen kann. Wenn ich mich nur auf Sie verlassen könnte, Bones!«

Leutnant Tibbetts erhob sich, rückte sein Monokel zurecht, stand stramm in heldenhafter Pose, die unzweideutig seinen Protest ausdrücken sollte.

»Aber ich muß mein Vertrauen auf Sie setzen«, sagte Hamilton, »ob ich will oder nicht. Machen Sie sich zu einer Reise fertig. Nehmen Sie zwanzig Mann mit und fahren Sie den Strom zwischen den Isisi und den Akasava auf und ab.«

So kurz wie möglich erklärte er Bones die Legende von der Stadt N'bosini. »Natürlich gibt es diesen Ort nicht, es ist ein Land, das nur in Sagen existiert, wie die versunkene Atlantis, die Heimat mysteriöser und wunderbarer Stämme, von Riesen bevölkert und voll der schönsten Dinge dieser Welt.«

»Ich verstehe, Sir«, sagte Bones und nickte. »Es ist wie eine von diesen Annoncen in den amerikanischen Zeitungen, die Bauland anpreisen: Junge Leute, geht westwärts und kauft Dudville-Corner-Blocks ...«

»Sie haben eine ganz schreckliche Auffassung«, sagte Hamilton. »Machen Sie sich schnell fertig. Ich werde den Befehl geben, daß die ›Zaire‹ Dampf aufmacht, damit Sie fahren können.«

»Ich möchte Sie noch etwas fragen«, brachte Bones zögernd hervor. Er stand erst auf dem einen Bein, dann auf dem andern. »Ich glaube, ich habe Ihnen früher einmal gesagt, daß ich in europäischen Rennen auf Pferde gesetzt habe. Ich würde Ihnen sehr zu Dank verpflichtet sein ...«

»Lassen Sie mich damit in Ruhe!« sagte Hamilton wütend. Trotzdem war Bones vergnügt, als er abfuhr. Er liebte das Leben auf der »Zaire«, den Komfort in Sanders' Kabine, die elektrische Leselampe und das Hochgefühl der Kommandogewalt. Er konnte stundenlang mit verschränkten Armen und unbeweglichem Gesicht auf der Brücke stehen und nur nach vorn auf das dunkle Wasser schauen, das sich langsam in der Kielwelle hob. Ab und zu drehte er sich um und gab dem Steuermann oder dem geduldigen Yoka ein scharfes Kommando. Yoka, der dicke schwarze Kru-Mann, kannte jeden Zoll des Flusses und hatte immer die Hand am Griff des Maschinentelegrafen, um sofort abzustoppen, sobald das erste Zeichen einer neuen Sandbank sichtbar würde.

An manchen Stellen war der Fluß nicht einmal zwei oder drei Fuß tief, und die Fahrrinne änderte sich dauernd. Zwei Jungen standen dann am Bug des Dampfers, peilten mit ihren langen Stöcken und riefen mit monotoner Stimme die Wassertiefe zur Kommandobrücke hinauf. Aber schon lange, bevor sie Yoka warnten, hatte dieser den Maschinentelegrafen auf »Stopp« gestellt. Seine Augen entdeckten auf weite Entfernung das Kräuseln der Wasseroberfläche, das neue Untiefen anzeigte.

Für Bones war der Strom nur eine tiefe, klare Fahrrinne. Er hatte keine Ahnung von den eigentlichen Verhältnissen und machte sich auch nie die Mühe, danach zu fragen. Von Zeit zu Zeit gab er Befehl, den Dampfer nach links oder nach rechts zu steuern, aber niemand kümmerte sich im mindesten darum. Selbst Bones würde sich sehr gewundert haben, wenn man es getan hätte. Er beobachtete, wie der Dampfer einen Zickzackkurs einschlug, einmal sich dieser, dann jener Küste näherte. Das schien ihm aber nicht der Würde eines Regierungsdampfers zu entsprechen, und er fragte nach dem Grund.

»O Herr«, sagte der Steuermann Ebibi, »es gibt hier viele Sandbänke, die in einer einzigen Nacht entstehen können. Deshalb müssen wir den Weg für den Puck-a-Puck wählen, indem wir bald an diesem, bald an jenem Ufer entlangfahren.«

»Du bist ein dummer Esel!« sagte Bones, und damit war es gut.

Trotz aller Verantwortungslosigkeit und all seiner unkontrollierbaren und unsachlichen Ansichten über das Land und seine Bewohner lebte in dem Herzen des Leutnants Tibbetts eine ungestillte Sehnsucht nach Abenteuern und düsterer Romantik, wie sie nur an diesen Küstenstrecken entstehen kann.

Sein Vater war früher selbst einmal Distriktsgouverneur in dieser Gegend gewesen und hatte sich später auf einem Landsitz bei Dorking angesiedelt. Bones verlebte seine Kindheit in dem großen, schönen Haus, und hier waren die Wünsche und Träume über ihn gekommen, die durch Vererbung naturgemäß in ihm lagen. Es beherrschte ihn ein unausgesprochenes Verlangen, das man am besten Lust am Entdecken nennen könnte. Dieser Trieb hat schon viele Männer in unbekannte, ferne Länder geführt. Sie opferten freudig Leben und Gesundheit, damit ihr Name in irgendeiner Form in Zusammenhang mit neuentdeckten Gegenden auf die Nachwelt käme und ihre Arbeit späteren Generationen nütze.

Bones hing gerne solchen Träumen nach. Auf der Kommandobrücke der »Zaire« war er Nelson, der sein Admiralsschiff befehligte, oder er war Stanley oder gar Kolumbus.

Es war daher nicht zu verwundern, daß er von Zeit zu Zeit dem Steuermann scharfe Kommandos zurief. Aber noch weniger verwunderlich war, daß der Steuermann seinen Dienst versah, als ob Leutnant Bones überhaupt nicht existiere.

Am Abend des vierten Tages nach seiner Abfahrt von der Residenz ließ Bones Mahomet Ali, den Sergeanten, der seine Soldaten befehligte, in seine Kabine kommen.

»O Mahomet«, sagte er, »erzähle mir von diesem N'bosini, von dem die Leute reden und an das alle Eingeborenen glauben, denn mein Herr Militini hat gesagt, daß es diese Stadt nicht gibt und daß nur Verrückte davon träumen und schwätzen.«

»O Herr, das ist auch meine Meinung«, sagte Mahomet Ali. »Die Leute hier am Fluß sind ungebildet, sie glauben an keinen Gott und sind seit undenklichen Zeiten dazu vorbestimmt, in die Hölle zu fahren. Das Gerede über N'bosini ist weiter nichts als das, was die Gläubigen vom Paradiese erzählen, und das haben diese Heiden gehört und es auf ihre Art verdreht.«

»Sage mir, wer spricht eigentlich von N'bosini?« Bones legte ein Bein über das andere, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. »Denke daran, Mahomet Ali, daß ich noch ein Fremder unter euch bin, der von einem weiten Lande hergekommen ist und viele Wunder gesehen hat wie ...« Er machte eine Pause und suchte arabische Worte für Grammophon, Autobus, fuhr dann aber fort: »... all solche Wunder, die du dir gar nicht vorstellen kannst.«

»Alle Leute hier am Strom glauben an N'bosini, mit Ausnahme von Bosambo, dem Häuptling der Ochori, der an gar nichts glaubt, denn er ist ein Anhänger des Propheten und des einigen Gottes.«

Mahomet machte einen ehrfurchtsvollen Salaam.

»Einige sagen, daß diese Stadt hinter dem Gebiet der N'gombi liegt, andere wieder behaupten, daß sie nahe bei dem Land des alten Königs ist, und wieder andere, daß sie sich weit entfernt, jenseits der französischen Kolonie, ausdehnt. Die Bewohner des Landes sollen Flügel an ihren Schultern haben, so daß sie fliegen können. Ihre Augen sollen so feurig sein, daß die Bäume verbrennen, wenn sie darauf schauen. Aber eines wissen wir sicher, o Herr, und die Erfahrung haben wir Soldaten gemacht, die wir Sandi bei all seinen großen Abenteuern folgten: Wenn die Leute von N'bosini sprechen, gibt es Unruhen, denn sie suchen dann nach einem Grund, um ihre eigene Niedertracht und Bosheit zu entschuldigen.«

Die ganze Nacht warf sich Bones auf seinem Lager hin und her. Er hörte das Summen und Surren der Fliegen und Insekten, die vergeblich versuchten, in das Innere der Kabine zu dringen, da die Fenster mit einem Gazenetz geschlossen waren. Die Nachrichten über N'bosini ließen ihn nicht zur Ruhe kommen.

Es ist unwahrscheinlich, dachte Bones, daß Menschen ein Land oder die Existenz eines Landes erfinden, selbst wenn es Leute sind, die etwas verbrochen haben und dafür eine Entschuldigung suchen. Sprachen nicht alle Erfahrungen für die Theorie, daß N'bosini doch vorhanden war? Konnte nicht ein geheimer Volksstamm mitten in dem rätselvollen Innern der unerforschten dichten Wälder leben, durch schnelle Ströme von der Verbindung mit der Außenwelt abgeschlossen und umgeben von unzugänglichen Sümpfen? Vielleicht war es gar ein Stamm weißer Menschen!

Bones hatte von solchen Dingen in Büchern gelesen. Wer konnte wissen, ob nicht ein geheimer Weg durch den Wald führte, den bewaffnete Krieger bewachten und der in das Gebirge ging, in das Land des alten Königs? Es wäre doch möglich, daß dort in den Schluchten und unzugänglichen Gebieten eine Stadt von Steingebäuden lag, die von ernsten Männern mit weißen Barten bevölkert und regiert wurde. Und in den Straßen wandelten vielleicht die schönsten Mädchen, gekleidet wie die alten Griechinnen!

»Ach, das ist doch alles dummer Blödsinn«, sagte Bones zu sich selbst. Aber sein Protest war nur schwach, denn eigentlich war er überzeugt, daß hinter all diesen Gerüchten doch etwas stecken müsse. Wo Rauch ist, da ist auch Feuer!

Der Gedanke an N'bosini ließ ihn nicht mehr los und bekam immer größere Gewalt über ihn. Er nahm die kostbaren Karten von Sanders und studierte sie eingehend. Er durchstöberte alles andere Kartenmaterial, das er an Bord fand. Bei verschiedenen Dörfern machte er halt und hielt lange Palaver über N'bosini ab, wobei er eine Menge einander widersprechende Nachrichten sammelte.

Wenn man aber über Bones lacht, so lacht man über den unternehmungsfreudigen Geist, der viel zu der Herrschaft der weißen Rasse beigetragen hat. Aus Träumereien, wie sie jetzt Leutnant Tibbetts bedrängten, entstanden Nationen, von denen man früher nichts ahnen konnte, und große Reiche, die Cäsar niemals kennenlernte.

Sicherlich tat Bones bei all seinen Bemühungen und Nachforschungen über N'bosini ein brauchbares Stück Arbeit. Die Palaver, die er abhielt, hatten mehr als geographische Bedeutung für die Leute, die daran teilnahmen. Denn das Volk der Isisi hatte einen kleinen Überfall auf einige Akasavafischer geplant, die sich unrechtmäßigerweise auf dem Isisiufer niedergelassen hatten. Aber durch Bones' Palaver bewogen, legten sie ihre Speere wieder beiseite und falteten ihre Hände, als über N'bosini verhandelt wurde, denn Bones hatte ihnen, ohne daß er es wußte, damit ihre Entschuldigungsgründe genommen.

Idigi selbst, der Hamilton vorsichtig auf einen kleinen Streit zwischen seinem eigenen Stamm und den N'gombi, die im Innern wohnten, vorbereitet hatte, sah in den eifrigen Nachforschungen des Leutnants Tibbetts mehr als geduldiges Suchen und Prüfen.

Bones führte alles aus, was Hamilton ihm aufgetragen hatte, obgleich er selbst nichts davon wußte. Da alle Leute großen Widerwillen gegen die Ochori hatten, so endeten die Palaver über den Ursprung von N'bosini jedesmal mit dem Hinweis, daß der einzige, der Auskunft über dieses sagenhafte Land und über den merkwürdigen Volksstamm geben könne, Bosambo, der Häuptling der Ochori, sei. So hatte man geschickt Bosambo die volle Verantwortung für diese ganze Angelegenheit aufgebürdet.

Hamilton hatte Bones beim Abschied auf die Seele gebunden: »Seien Sie außerordentlich höflich zu Bosambo, denn er hat allen Grund, sich über Sie zu beklagen, und er ist ein sehr brauchbarer Mann für die Regierung.«

Nach allem, was Bones auf seiner Reise erfahren hatte, betrachtete er den Ochorihäuptling als die größte Autorität über N'bosini und traf aus diesem Grund weitgehende Vorbereitungen, um die Befehle seines Vorgesetzten zu erfüllen. Als er um die Biegung des Stromes zur Ochoristadt fuhr, hatte er den weißen Mast mit vielen Fahnen beflaggt, seine Soldaten waren auf Deck in Parade aufgestellt, die Trompeter bliesen, was sie konnten, und die Sirenen des Dampfers heulten zum Himmel empor.

Bosambo, der bei jeder Gelegenheit annahm, daß er geehrt wurde, hatte sich diesmal nicht geirrt. Er erschien in einem smaragdgrünen Gewand und hatte zwölf Paar Strumpfhalter um seine Waden befestigt, deren blitzende Anhängsel herunterhingen. Er hatte sie bei seinem Besuch an der Küste gekauft. Ein großer Staatsschirm war über ihm aufgespannt, und sechs Männer trugen einen Baldachin über seiner erhabenen Person. So kam er zum Ufer, um den Regierungsvertreter zu begrüßen.

»O Herr«, sagte er untertänig, »ich bin sehr stolz, daß du mein Land mit deiner wunderbaren Gegenwart beehrst. All diese Monate saß ich in meiner Hütte und wunderte mich, warum du nicht zu den Ochori kamst, und ich habe keine Speise zu mir genommen viele Tage lang, weil ich traurig war und fürchtete, daß du nicht zu uns kommen würdest.«

Bones schritt unter dem Baldachin zu der Hütte des Häuptlings. Dann hielt er den ganzen Nachmittag ein Palaver mit Bosambo über die Frage der Abgaben an die Regierung. Er fühlte sich dabei auf sicherem Grunde, denn er hatte keine Vollmachten, die Steuern zu erlassen, sondern strikte Anweisung, sich auf keine Kompromisse einzulassen. Es war leicht für ihn, mit gutem Gewissen den Kopf zu schütteln. Immer wieder sagte er auf englisch: »Ganz unmöglich!«

Dieser Ausdruck wurde später in den Wortschatz der Ochori aufgenommen und bedeutete ebensoviel wie die strikte Verneinung eines Vorrechtes.

Erst am zweiten Tag schnitt Bones die Frage nach N'bosini an. Bosambo hatte schon auf der Zunge, die Existenz dieses Volkes abzustreiten und schickte sich an, dumme Leute, die daran glaubten, zu verhöhnen. Aber er fragte doch erst vorsichtig: »O Herr, warum sprichst du von diesem Lande, und warum willst du etwas darüber wissen?«

»Weil es in diesem Lande irgendwo solch ein Volk geben muß, Bosambo. Und da sich alle Leute darin einig sind, daß du weise bist, so bin ich zu dir gekommen, um von dir Aufschluß zu erhalten.«

»O ko!« sagte Bosambo zu sich selbst.

Er schaute Bones mit großen Augen an, befeuchtete seine Lippen ein wenig, spielte mit seinen Fingern und begann dann: »O Herr, es steht in einer gewissen Sure geschrieben, daß Weisheit vom Osten kommt, Kenntnis vom Westen, Mut vom Norden und Sünde vom Süden.«

»Halb so wild, Bosambo!« murmelte Bones vorwurfsvoll. »Ich komme gerade vom Süden her!«

Er sprach englisch, und Bosambo widerstand der Versuchung, ebenso zu antworten. Auch war ihm klar, daß er seinen großen Wortschatz entfalten mußte, um seinen Hörer zu überzeugen. Er fuhr feierlich in Bomongo fort. »O Herr, ich will dir dieses sagen. Wenn Sandi gekommen wäre, der mich liebt wie seinen Bruder und der meinen Vater kannte und viele Jahre mit ihm zusammen gelebt hat, und hätte zu mir gesagt: ›0 Bosambo, erzähle mir, wo liegt N'bosini?‹, dann hätte ich geantwortet: ›0 Herr, es gibt Dinge, die geschrieben stehen, und ich kenne sie, aber ich darf nicht darüber sprechen. Nicht einmal zu dir, den ich so sehr liebe.‹«

Er machte eine Pause.

Auf Bones hatten diese Worte großen Eindruck gemacht. Er schaute mit erstaunten Augen auf den Häuptling, schob den Helm ein wenig aus der heißen Stirn zurück, faltete die Hände über den Knien und saß mit offenem Munde da.

»Aber nun bist du es, o Herr«, fuhr Bosambo mit ungewöhnlichem Tonfall fort, »der diese Frage an mich richtet. Du, der du plötzlich unter uns getreten bist, der für uns so groß ist wie der Mond und teurer als die Erde, die uns das Korn heranreifen läßt. Deshalb muß ich dir sagen, was mein Herz bewegt. Wenn ich lüge, so schlage mich nieder, denn ich bin bereit, zu deinen Füßen zu sterben.«

Er machte wieder eine Pause und breitete seine Arme einladend aus. Aber Bones schwieg.

»Nun aber sage ich dir, daß es eine Stadt N'bosini gibt!« Bosambo bewegte seine Hände bedeutungsvoll.

»Wo?« fragte Bones schnell.

Er sah sich bereits vor einer großen Zuhörerschar in der Königlich Geographischen Gesellschaft eine Vorlesung halten. Sein Name stand in allen Zeitungen. Vielleicht wurden die geographischen Kenntnisse der Gegenwart durch einen Tibbettsfluß oder sogar ein Francis-Augustus-Gebirge bereichert.

»Sie liegt an einer Stelle«, sagte Bosambo, »die nur ich kenne. Aber ich habe einen feierlichen Eid geschworen bei vielen heiligen Dingen, den ich nicht brechen darf. Ich habe mich blutig geritzt und mit Salz eingerieben, damit ich dieses Geheimnis nicht enthüllen werde.«

»Ach, sag es mir doch, Bosambo«, bat Bones. Er beugte sich vor und sprach schnell. »Was ist das für ein Volk, das in N'bosini-Stadt lebt?«

»Es sind Männer und Frauen«, sagte Bosambo nach einer Pause.

»Weiße oder Schwarze?« fragte Bones eifrig.

Bosambo dachte eine Weile nach. »Es sind weiße Menschen«, erklärte er dann ernst und war äußerst zufrieden mit dem Eindruck, den diese erschütternde Nachricht machte.

»Das habe ich mir gleich gedacht«, rief Bones begeistert und sprang auf. Seine Augen leuchteten vor Freude, und seine Hände zitterten, als er sein Notizbuch aus der Brusttasche hervorzog. »Ich will ein Buch hierüber machen, Bosambo«, sagte er unvermittelt. »Du mußt langsam sprechen und mir alles erzählen, denn ich muß es englisch niederschreiben.« Er nahm seinen Bleistift, legte das offene Buch auf seine Knie und schaute Bosambo begierig an.

»O Herr, ich kann es nicht tun«, sagte Bosambo mit düsterem Gesicht. »Denn habe ich deiner Hoheit nicht gesagt, daß ich einen fürchterlichen Eid geschworen habe? Wir alle, die wir in dieses Geheimnis eingeweiht sind, haben einen großen Ledersack mit Silber in der Erde verborgen, und der, der das Geheimnis preisgibt, soll seinen Anteil verlieren. Nun, beim Propheten, o Mond im Auge (dies war einer der Namen, die Bones seinem Monokel verdankte), ich kann deinen Wunsch nicht erfüllen.«

»Wie groß war dieser Lederbeutel, Bosambo?« fragte Bones und kaute an dem Ende seines Bleistiftes.

»O Herr, er war so groß.« Bosambo bewegte seine Hand langsam und beobachtete dabei scharf das Gesicht des Leutnants Tibbetts, bis er die richtige Größe daraus ablas.

»So groß«, sagte er noch einmal und gab dabei dem Silbersack einen solchen Umfang, daß Bones noch gerade nicht dagegen protestierte.

»O Herr, in dem Sack war so viel Silber, daß es mindestens hundert englische Pfund wert war.«

Bones setzte seine Mahlzeit von Bleistiftzedernholz fort und dachte über die Sache nach.

Das war die Nachricht wert.

»Ist es eine große Stadt?« fragte er plötzlich.

»Größer als das ganze Ochoriland!« antwortete Bosambo mit Nachdruck.

»Und was für Häuser stehen in dieser Stadt?«

»Sie sind größer als Königshütten.«

»Sind sie aus Stein gebaut?«

»O Herr, aus Felsen, so daß sie so groß sind wie die Berge.«

Bones schloß sein Buch und stand auf.

»Heute noch fahre ich zurück zu Militini und bringe ihm die Nachricht von N'bosini.«

Als er dies sagte, machte Bosambo ein langes Gesicht, aber Bones merkte es in seiner Begeisterung nicht.

»Ich komme dann sofort zurück und bringe so viel Silber mit mir, daß es hundert englische Pfund wert ist. Dann wirst du uns zu dieser merkwürdigen Stadt führen.«

»O Herr, der Weg ist sehr weit«, stotterte Bosambo. »Er führt durch schauerliche Sümpfe und über hohe Gebirge – dort herrschen Krankheiten, und es lauert der Tod. Wilde Tiere sind in den Wäldern, und Schlangen winden sich auf den Bäumen, und fürchterliche Stürme und Unwetter toben in jener Gegend.«

»Trotzdem werde ich den Weg machen«, sagte Bones begeistert. »Und du wirst mitkommen.«

»O Herr«, sagte Bosambo in großer Unruhe, »sprich kein Wort davon zu Militini. Wenn du es doch tust, so sei sicher, daß meine Feinde es entdecken und mich töten.«

Bones zögerte, und Bosambo zog sofort seinen Vorteil daraus.

»Besser, o Herr, gibst du mir all das Silber, das du hast, und läßt mich allein gehen. Ich werde dann eine Botschaft an den mächtigen König von N'bosini überbringen und so schnell wie möglich wieder zurückkehren mit seltsamen Nachrichten, die noch kein weißer Mann, nicht einmal Sandi, gehört hat. Wertvolle Waffen werde ich mitbringen, wie sie nur die N'bosini machen und gebrauchen, und kräftige Zauberbeschwörungen. Auch will ich dir die Legenden von ihrem Strom berichten. Aber ich muß allein gehen, obgleich ich sterben werde. Denn was bin ich, daß ich dir meine Dienste verweigern dürfte?«

Zufällig hatte Bones etwa zwanzig Pfund Gold an Bord der »Zaire«. Bosambo kam mit und nahm sie mit ausgestreckten Händen als Handgeld in Empfang.

»O Herr«, sagte er feierlich, als er sich von seinem Wohltäter verabschiedete, »obwohl ich einen großen Sack mit Silber verliere und gewisse Leute betrogen habe, so weiß ich doch, daß der Tag kommen wird, wo du mir alles zahlst, was ich wünsche. Ziehe hin in Frieden!«

Bones fuhr in freudiger Begeisterung den Strom hinunter zur Residenz. Seine ganze Zeit war damit ausgefüllt, daß er auf große Blätter in Aktenformat in nicht weniger großen Schriftzügen all das aufschrieb, was Bosambo ihm erzählt hatte. Auch fügte er alle Schlüsse hinzu, die er aus den vertraulichen Mitteilungen des Ochorihäuptlings ziehen konnte.

Er war geladen mit Neuigkeiten. Aber zuerst wollte er seinen Chef durch einen ausführlichen Bericht des Inhalts, daß er all seine Befehle ausgeführt hatte, zufriedenstellen.

Glücklicherweise brauchte er Hamilton nicht erst zu überzeugen, denn dieser hatte schon durch seine eigenen Späher erfahren, daß sich gewisse wilde Distrikte seines schwer zu regierenden Gebietes beruhigt hatten. Er war mit den Leistungen seines Untergebenen in jeder Weise zufrieden.

Nach dem Abendessen, als sie ihren unvermeidlichen Reispudding verzehrt hatten und der Tisch abgedeckt war, steckten sie ihre Pfeifen an und bliesen blaue Tabakwolken zu der Decke des Speisezimmers empor. Bones konnte sich nicht mehr halten.

»Sir«, begann er, »Sie denken, ich bin ein Esel!«

»Im Augenblick dachte ich das gerade nicht«, entgegnete Hamilton. »Aber wenn Sie es als mein allgemeines Urteil betrachten, habe ich nichts dagegen einzuwenden.«

»Sie denken sogar, daß der arme alte Bones ein Gup ist«, sagte Leutnant Tibbetts mit einem mitleidigen Lächeln, »aber trotzdem wird sein Name der Nachwelt rühmlichst überliefert werden.«

»Das sind ja schöne Aussichten für die arme Nachwelt«, sagte Hamilton beleidigend.

Aber Bones überhörte es. »Sie bilden sich ein, daß es solch ein Land wie N'bosini nicht gibt?« Er sagte dies mit einer so herausfordernden Sicherheit, daß Hamilton verblüfft war.

»Das bilde ich mir nicht nur ein, sondern das weiß ich ganz bestimmt!«

Bones lachte ironisch und selbstbewußt. »Wir werden ja sehen«, sagte er geheimnisvoll. »Ich hoffe, Ihnen in ein paar Wochen Dokumente zu übergeben, die Sie nicht nur überraschen werden. Sie werden auch erfreut sein, wenn Sie erkennen, daß sich unter meinem etwas rauhen Äußeren ein goldenes Herz verbirgt.«

»Wollen Sie Ihren Abschied nehmen?« fragte Hamilton interessiert.

»Ich habe meinen Worten nichts mehr hinzuzufügen, Sir!«

Bones stand auf, nahm seinen Tropenhelm vom Haken, grüßte militärisch, ging hocherhobenen Hauptes aus der Residenz und verschwand in der Dunkelheit.

Eine Viertelstunde später klopfte es an der Tür, und der Sergeant Mahomet Ali kam herein.

»Nun, Mahomet«, sagte Hamilton und sah ihn lächelnd an. »Alle Dörfer und Stämme am Fluß sind ruhig, wie mir mein Herr Tibbetti erzählt.«

»Herr, alles ist in bester Ordnung«, erwiderte der Sergeant, »und alle Leute kamen untertänigst zu den Palavern.«

»Was willst du nun?«

»O Herr, Bosambo, der Häuptling der Ochori, gehört zu meinem Glauben, wie du weißt, und wir sind durch bestimmte Eide Blutsbrüder geworden. Dies ereignete sich nach einer Schlacht im Jahre der großen Dürre, als Bosambo mein Leben rettete.«

»Das weiß ich alles.«

»Nun, o Herr, bringe ich dir dieses.«

Er zog aus einer inneren Tasche seiner Uniform einen kleinen Kanevasbeutel, öffnete ihn langsam und schüttete den goldenen Inhalt auf den Tisch. Ein kleiner Haufen Pfundstücke und ein zusammengefalteter Brief kamen zum Vorschein. Das Papier übergab er Hamilton, der es schnell öffnete. Er erkannte die arabischen Schriftzüge Bosambos.

»Von Bosambo, dem Diener des Propheten, in der Stadt der Ochori, an Militini, seinen Herrn. Friede sei mit deinem Hause.

Im Namen Gottes sende ich dir diese Nachricht. Mein Herr mit dem Mondauge hat Nachforschungen über N'bosini angestellt und kam auch zu der Stadt der Ochori. Ich habe ihm vieles berichtet, was er alles in ein Buch schrieb. Nun sage ich dir, Militini, ich bin nicht zu tadeln, weil mein Herr mit dem Mondauge diese Dinge niederschrieb. Auch gab er mir zwanzig englische Pfund, weil ich ihm gewisse Geschichten erzählte. Diese Summe sende ich nun zu dir, damit du sie mit all meinen anderen Schätzen aufhebst und dir aufschreibst, daß dies das Geld Bosambos ist. Auch bitte ich dich, mir ein Buch zu senden, daß diese zwanzig Pfund sicher in deine Hände gekommen sind.

Friede und Glück sei mit deinem Hause. Geschrieben in der Stadt der Ochori und meinem Bruder Mahomet Ali übergeben, daß er es zu Militini bringen soll an der Mündung des Stromes.«

»Armer, alter Bones!« sagte Hamilton, als er das Geld langsam zählte. »Armer, alter Bones!«

Dann nahm er ein Rechnungsbuch aus seinem Pult und öffnete es auf der Seite, die für Bosambo reserviert war. Es war schon eine lange Liste von Einzahlungen eingetragen. Die letzten lauteten:

Erhalten 30 Pfund (Verkauf von Gummi)
Erhalten 25 Pfund (Verkauf von Harz)
Erhalten 130 Pfund (Verkauf von Elfenbein)

Jetzt fügte Hamilton hinzu:

Erhalten 20 Pfund (Autorhonorar).

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