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Bones in Afrika

Edgar Wallace: Bones in Afrika - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleBones in Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun. Auflage 1.-20. Tsd.
editorFranz Schrapfeneder
year1951
isbn3-442-06437-6
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectida43a8918
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Navigation:

Bones in M'fa

Hamilton traf Bosambo auf seiner Fahrt zur Residenz an dem Zusammenfluß der Ströme. Er hatte den Häuptling dorthin bestellt.

»O Bosambo, ich habe nach dir gesandt, um ein Likambo (Palaver) mit dir über gewisse Dinge zu halten, die meine anderen Augen gesehen und meine anderen Ohren gehört haben.«

Den übrigen Häuptlingen würde die Erwähnung der Regierungsspione sehr unangenehm gewesen sein und Furcht eingeflößt haben. Aber Bosambo hatte ein reines Gewissen, und diese Einleitung erweckte seine äußerste Neugierde.

»O Herr, ich bin dein Auge in dem Lande der Ochori«, sagte er aufrichtig. »Gott weiß, daß ich dir ehrlich berichte.«

Hamilton nickte. Sein Gesicht war gelb vom Fieber, und seine Hand, mit der er die kurze Pfeife stopfte, zitterte bedenklich. Bosambo entging das alles nicht.

»Ich spreche nicht von dir und deinem Volke, sondern von den Akasava und den N'gombi und den kleinen, üblen Menschen, die in den Wäldern wohnen. Nun will ich dich fragen – machen sie sich über meinen Herrn Tibbetti lustig?«

Bosambo zögerte. »O Herr, was sind das für Hunde, daß sie von einem so Mächtigen sprechen könnten. Aber Militini, ich will dich nicht belügen. Sie lachen im geheimen über Tibbetti, weil er jung ist und ein gutes Herz hat.«

Hamilton nickte wieder und faßte an sein Kinn. Er war tief in Gedanken.

»Ich bin krank«, sagte er schließlich, »und ich muß ausruhen. Deshalb werde ich Tibbetti senden, den Strom zu bewachen. Die Ernten sind gut geraten, und es gibt viele Fische. Weil aber die Leute Überfluß haben, Bosambo, rühmen sie sich, sind übermütig, und die einzelnen Stämme unternehmen törichte Dinge. Die Männer wollen vor den Frauen glänzen und sich zeigen.«

»All dieses weiß ich, Militini, und weil du krank bist, fühle ich Kummer in meinem Herzen und in meinem Bauch. Denn obgleich ich dich nicht so liebe wie Sandi, der viel klüger und schlauer ist als du, so liebe ich dich doch genug, um hierüber traurig zu sein – und auch Tibbetti ...«

Er machte eine Pause.

»Er ist noch jung«, sagte Hamilton, »und ist sich seiner selbst noch nicht bewußt. Also Bosambo, höre: Du sollst alle Leute bestrafen, die ihm frech entgegentreten, und du sollst seine starke rechte Hand sein.«

»O Militini, bei meinem Kopf und bei meinem Leben, das werde ich tun! Ich glaube, daß auch Tibbettis Tag kommen wird. Denn es steht in der Sure Djin geschrieben, daß alle Menschen dreimal geboren werden, und auch Bonesi wird einst wiedergeboren werden.«

Bosambo saß in seinem Kanu, bevor Hamilton seine Worte verstanden hatte.

»Erzähle mir, Bosambo«, sagte er, als er sich über die Reling der »Zaire« beugte, »was für einen Namen hast du meinem Herrn Tibbetti gegeben?«

»Bonesi«, sagte Bosambo unschuldig. »Denn so habe ich immer gehört, daß du ihn nennst.«

»O du Dieb und Hund!« rief Hamilton aufgebracht. »Wenn du ohne Achtung von Tibbetti sprichst, dann will ich dir das Genick umdrehen.«

Bosambo schaute ihn mit seinen großen Augen von der Seite an.

»O Herr«, sagte er mild, »man sagt am Strom, ›sprich nur die Worte, die die großen Leute sprechen, und du kannst nichts falsch sagen‹. Und wenn du, der du doch klüger bist als andere, meinen Herrn Bonesi nennst – was für ein Ziegenbock bin ich, daß ich ihn nicht auch Bonesi nennen sollte?«

Hamilton sah, wie sich das Kanu herumdrehte und die Ruder sich im Gleichtakt in das Wasser senkten, und er hörte den Gesang der Ochorileute, der immer schwächer und schwächer wurde, als Bosambos Staatskanu seine lange Reise nach Norden antrat.

Hamilton erreichte die Residenz mit einer Fiebertemperatur von 41,5 Grad, und doch lehnte er Bones' wohlgemeintes Anerbieten ab, ihn zu betreuen.

»Sie brauchen sorgsamste Pflege, mein lieber, alter Offizier«, sagte Bones, der sich in Hamiltons Zimmer zu schaffen machte. »Verlassen Sie sich auf Ihren alten Kameraden, er wird Sie schon wieder gesundmachen. Haben Sie nur Mut! Ich werde Sie davon abbringen, von dem Tal des Schattens und des Todes zu sprechen. Gehen Sie zu Bett, und ich will Ihnen im Handumdrehen ein Senfpflaster auf die Brust legen.«

»Wenn Sie mir mit einem Senfpflaster auch nur in die Nähe kommen«, rief Hamilton aufgebracht, »schlage ich Ihnen den Schädel ein!«

»Meinen Sie nicht, daß Sie ein Fußbad in Senfwasser nehmen müßten?« fragte Bones ängstlich. »Ein wunderbares Mittel für einen Mann wie Sie – das bringt Sie wieder auf die Beine und all so was. Ein Onkel von mir, der leider zuviel trinkt ...«

»Es gibt nur eine Möglichkeit für mich, wieder gesund zu werden: Gehen Sie jetzt sofort aus dem Zimmer und lassen Sie mich allein. Es ist ganz verrückt, Bones. Ich bin ein kranker Mann, und Sie haben jetzt alle Verantwortung. Fahren Sie den Strom bis zu den Isisi hinauf und sehen Sie zu, daß nichts passiert. Es fällt mir sehr schwer, Ihnen das zu sagen, aber ich bin jetzt leider von Ihnen abhängig.«

Bones antwortete nicht. Er schaute auf den vom Fieber geschüttelten Mann und steckte seine Hände in die Hosentaschen.

»Lieber Bones«, sagte Hamilton. Man konnte an seiner Stimme hören, wie schwach und krank er war. »Sanders hat diese Kerle in der Hand, ich aber habe lange nicht das Ansehen ... und ... Sie haben überhaupt kein Ansehen bei ihnen. Ich will Sie nicht verletzen, aber Sie sind noch zu jung, Bones, und diese Leute wissen ganz genau, was für ein gutes Herz Sie haben.«

»Ich bin ein Esel, Sir«, flüsterte Bones. »Ich verstehe jetzt, daß ich in dieser schweren Zeit, um in meiner netten kleinen Karriere vorwärtszukommen, kein Esel sein darf. Aber ich werde mich zusammennehmen.«

Hamilton lächelte, als er ihn ansah.

»Es ist nicht um Sanders' oder um meinet- – oder um Ihretwillen, Bones«, sagte er, »sondern für – ja – für uns alle, für England. Sie müssen alles tun, was in Ihren Kräften steht, alter Junge.«

Bones drückte die Hand seines Kameraden, schluckte ein wenig, machte aber trotzdem ein mutiges Gesicht. Dann ging er an Bord der »Zaire«.

 

»Erzählt allen Leuten«, sagte B'chumbiri zu seinen gefühllosen Verwandten, »daß ich zu einem großen Tage ausziehen und viele fremde Länder durchwandern werde.«

Der Mann war schlank, nur seine geschwollenen Kniegelenke fielen auf. Er sprach das Ende der Sätze, die er mit tiefer Stimme begann, in merkwürdig hohem Ton. Um seine müden Augen waren Kreise roter Kamholzfarbe gemalt. Ein Messingdraht lag eng um seinen Kopf, der tief ins Fleisch einschnitt. Aber dies erschien B'chumbiri notwendig, und deshalb hatte er Kopfschmerzen, die ihn weder bei Tag noch bei Nacht verließen.

Ein langes, wallendes Tuch umgab seine große Gestalt. Mit irrem Blick schaute er von einem zum andern.

»Ich sehe euch!« sagte er zum Schluß. Dann wiederhohe er seinen Wahlspruch, der vom Affen handelte.

Sie beobachteten ihn, als er die Straße zum Ufer hinabging, wo das leichteste Kanu des Dorfes angebunden lag.

»Es ist besser, wir gehen hinter ihm her und stechen ihm die Augen aus«, sagte sein älterer Bruder. »Wer weiß, was er sonst noch für Schaden anrichtet, den wir bezahlen müssen.«

Nur B'chumbiris Mutter schaute ihm traurig nach, denn er war ihr einziger Sohn.

Sein Vater und sein Onkel standen beiseite und flüsterten miteinander, und als B'chumbiri mit einer großen Geste sein Boot bestiegen hatte, liefen sie den Waldpfad entlang, bis sie die Biegung des Flusses abgeschnitten hatten und wieder ans Ufer kamen.

»Hier wollen wir warten«, schlug der Onkel vor, »und wenn B'chumbiri kommt, rufen wir ihn ans Land, denn er hat die Krankheit Mongo.«

»Was wird aber Sandi sagen?« fragte der Vater, der kein schlechter Mensch war.

»Sandi ist außer Landes«, erwiderte der andere, »und es gibt kein Gesetz mehr.«

In diesem Augenblick kam B'chumbiri um die Biegung des Stromes. Er sang mit seiner absonderlichen Stimme von einem fernen, fernen Land, von einem glücklichen Volk und von großen Schätzen.

Als sein Vater ihn anrief, wandte er sein Boot zum Ufer und kam gehorsam zu ihm ...

 

Der Himmel lag leuchtend blau über dem Lande der unteren Isisi, und das schnellfließende Wasser spiegelte seine herrliche Farbe wider, obgleich das dichtgewachsene, hohe Elefantengras am Ufer und die überhängenden Äste der Gummibäume tiefe Schatten warfen.

Eine leichte, kühle Brise kam von Süden. Es waren keine Fliegen und Moskitos in der Luft, so daß Bones, der unter dem rot-weißgestreiften Sonnensegel der »Zaire« saß, ungestört denken, lesen und träumen konnte. Das Leben erschien ihm wunderbar schön, und er war dankbar dafür.

Solche Tage sind selten auf dem Großen Strom, aber wenn sie kommen, enthüllt der Fluß gerade im Lande der Isisi alle seine Herrlichkeiten und Wunder. Hier ist sein Lauf sechs Meilen lang völlig gerade und die Strömung schneller und stärker als sonst. Die wenigen Felsen im Strom sind bekannt und auf der Karte verzeichnet. Das Flußbett ändert sich hier nicht, weil das schnelle Wasser keinen Sand mit sich führt. Da die Fahrstraße immer dieselbe bleibt, so ist die Navigation nur eine Sache der Maschinenkraft und des Steuermanns. Die »Zaire« machte nicht viel mehr als zwei Knoten in der Stunde und glich einem Vergnügungsdampfer. Kanevasüberzüge bedeckten die langen Rohre der Hotchkiß-Kanonen, auch die Maschinengewehre sah man nicht, weil sie zu beiden Seiten unter der Kommandobrücke befestigt waren.

Leutnant Augustus Tibbetts saß bequem in einem großen, geflochtenen Sessel und hatte eine illustrierte Zeitung auf den Knien. Ein Grammophon stand zu seinen Füßen und ein großes Glas Zitronenlimonade neben ihm. Er hatte wenig zu tun und konnte sich ganz seinen Liebhabereien hingeben. Emsig schrieb er an seinem Tagebuch, das bei späterer Gelegenheit veröffentlicht werden sollte.

Plötzlich brachte ihn ein schriller Schrei in die Höhe. Er folgte der ausgestreckten Hand des Wachtpostens und schaute auf das Wasser.

»Was, zum Teufel –?« fragte Bones und beugte sich über die Reling. Er sah etwas Entsetzliches, und sein zufriedenes Gesicht wurde hart.

»Verdammt!«

Die »Zaire« hielt an, ein kleines Boot wurde ausgesetzt.

Bones sprang hinein. Geschickt ergriff er einen Arm des Toten und zog ihn in das Boot.

»Wer kennt diesen Mann?« fragte er.

»O Herr«, sagte ein Heizer, »dies ist B'chumbiri, der verrückt war. Er lebte in dem Dorf hier in der Nähe.«

»Dorthin wollen wir gehen!« sagte Bones ernst.

Alle Leute in M'fa wußten, daß B'chumbiris Vater und Onkel den lästigen jungen Mann mit seinen Kopfschmerzen und seinen irren Reden beiseite geschafft hatten. Als nun die Nachricht kam, daß die »Zaire« ihren Weg zum Dorfe nahm, wurde in aller Eile ein Likambo von den älteren Leuten abgehalten.

»Es ist nicht Sandi, und es ist auch nicht Militini, der kommt«, sagte der Häuptling N'jeli (der Bringer), ein alter Mann. »Aber ›Mond im Auge‹ ist noch ein Kind, und wir wollen ihm sagen, daß B'chumbiri ins Wasser fiel und daß ein Krokodil ihn mit dem Schwanz schlug, so daß er starb. Wenn er uns fragt, wer B'chumbiri tötete – denn es ist ja möglich, daß er es weiß –, soll keiner etwas sagen, und nachher wollen wir Militini erzählen, daß wir ihn nicht verstanden haben.«

Alle waren sich einig: Dieses Palaver brauchte man nicht zu fürchten.

Bones kam mit seinen Haussa-Soldaten ins Dorf.

Von dem dunklen Innern der mit Palmblättern bedeckten Hütten aus beobachteten die Männer und Frauen den schlanken Mann, wie er die Straße herabkam, und lachten hinter ihm her.

Sie lachten nicht einmal leise, Bones hörte das Gekicher der unsichtbaren Zuschauer. Er merkte, daß man ihn nicht ernst nahm, und seine Lippen zitterten. Er fühlte sich unendlich verlassen und allein. Alle Verantwortung der Regierung lag auf seinen Schultern, und dieser Gedanke lastete schwer auf ihm.

Aber er riß sich mit ungeheurer Willensanstrengung zusammen und zeigte seine Erregung nicht.

Das Palaver hatte wenig Wert. Alle taten unschuldig, und niemand wußte etwas von dem Totschlag oder Mord. Überdies schwuren alle Männer Stein und Bein, daß der Leichnam, der am Ufer lag und jetzt identifiziert werden sollte, ihnen unbekannt war. Als er ihnen sagte, daß es B'chumbiri sei, lachten sie ihm offen ins Gesicht und erzählten, daß B'chumbiri eine weite Reise in den Wald gemacht habe.

Er merkte sehr wohl, daß sie sich über ihn lustig machten, als sie ihm an gewissen Zeichen beweisen wollten, daß der Tote kein Akasava, sondern ein Mann von den oberen Isisi sei.

Bones' Besuch brachte keine Ergebnisse. Er entließ die Leute vom Palaver und ging zu seinem Schiff zurück. Er fuhr von Dorf zu Dorf, aber er hatte überall den gleichen Mißerfolg.

An dem Abend hielten die Leute in M'fa einen großen Tanz ab und feierten in heller Freude das Ereignis, daß sie die Herren des Landes durch ihre Schlauheit übers Ohr gehauen und betrogen hatten. Am nächsten Tage aber kam Bosambo, der ein ganzes Netz von Spionen über das Land verbreitet hatte, das weiter reichte und wirkungsvoller war als der Dienst, den die Regierung unterhielt.

Bones gegenüber konnten sie sich allerhand Freiheiten herausnehmen, vor diesem fremden Häuptling aber saßen sie niedergeschlagen und eingeschüchtert. Bosambo trug ein Gewand aus Affenschwänzen und hielt den großen Schild in der einen und ein Bündel Speere in der anderen Hand.

»Ich kenne die Wahrheit genau«, sagte er, als sie ihm alles erzählt hatten, was sie vorbringen konnten, »und ich habe erfahren, daß ihr unverschämt von Tibbetti gesprochen habt, der mein Freund und Herr ist und den Sandi liebt. Auch hat man mir erzählt, daß ihr über ihn gelacht habt. Nun sage ich euch, es wird ein Tag kommen, wo euch das Lachen vergeht, und dieser Tag ist sehr nahe!«

»O Herr«, sagte der Häuptling, »Tibbetti hielt mit uns ein närrisches Palaver ab. Er glaubte nämlich, daß wir B'chumbiri beiseite gebracht hätten.«

»Und er wird zu diesem närrischen Palaver zurückkehren«, sagte Bosambo böse, »und wenn er unzufrieden wieder fortgeht, dann werde ich kommen und eure alten Leute mitnehmen und sie an Haken an den Bäumen aufhängen und ihnen die Füße ein wenig mit Feuer kitzeln. Denn wenn es keinen Sandi mehr gibt und kein Gesetz, so bin ich Sandi, und ich bin das Gesetz. Ich handle nach dem Willen des mächtigen Königs Tigitani mit dem spitzen Bart.« (Gemeint war König Georg von England.)

Er verließ die Dorfleute von M'fa, die einen Tag lang sehr unglücklich waren. Aber nach Art der Eingeborenen vergaßen sie sehr bald, was Bosambo ihnen gesagt hatte.

In der Zwischenzeit fuhr Bones den Strom auf und ab und hielt Palaver ab, die von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang dauerten.

Er hatte sich fest vorgenommen, um der Ehre seiner Regierung willen, den Mann zur Verurteilung zu bringen, der den Toten ermordet hatte. Häuptlinge und Älteste begegneten ihm mit kaum verhehlter Wut und warteten darauf, seine fremde englische Sprache zu hören. Sie waren sehr erstaunt und unangenehm überrascht, als Bones ihre eigene Sprache sprach. Aber er machte nur wenig Worte. Verärgert und krank im Herzen, ging er am neunten Abend, nachdem er die Leiche gefunden hatte, an Bord der »Zaire«.

Ahmet, der Haussa-Sergeant, stand schweigend am Tisch, auf dem ein einfaches Abendessen serviert war.

»Es scheint, daß niemand in diesem verrückten Land die Wahrheit spricht und daß man mich nicht fürchtet, wie man Sandi fürchtet«, sagte Bones zu ihm.

»O Herr, das ist so. Denn Sandi war sehr streng zu ihnen, wie du weißt. Und dann, o Tibbetti, ist er ein älterer Mann, sehr weise und klug, und er kennt die Art dieses Volkes und kann die Gedanken ihrer Herzen erraten. Alle großen Bäume wachsen langsam, o Herr, und die Pflanzen, die in einer Nacht emporschießen, verwelken am nächsten Tage.«

Bones dachte über diese Worte nach.

»Wecke mich morgen früh bei Sonnenaufgang«, sagte er nach einer Weile. »Ich werde nach M'fa zurückgehen und dort ein letztes Palaver abhalten. Und wenn es schlecht ausgeht, so sei sicher, daß du mein Gesicht nicht wieder am Strom sehen wirst.«

Bones sprach die Wahrheit, denn sein Abschiedsgesuch lag bereits in verschlossenem Briefumschlag in seiner Kabine und war fertig zum Absenden. Er ließ seinen Dampfer sechs Meilen von M'fa entfernt halten und sandte eine Abteilung Haussa mit einer Botschaft zu dem Dorfe. Der Häuptling sollte alle Dorfältesten und alten Leute, die der Regierung verantwortlich waren, alle, die Medaillen trugen und Rechte verwalteten, alle Landleute und die Häuptlinge der Jäger und alle Befehlshaber der Speerleute zusammenrufen. Selbst die Medizinmänner und die Zauberdoktoren sollten kommen.

»O Krieger«, sagte der Häuptling zweifelnd, »was geschieht mir, wenn ich dem Befehl nicht gehorche? Denn meine Leute sind müde, weil sie im Walde gejagt haben, und meine Dorfältesten lieben keine langen Palaver über Recht und Gesetz.«

»Das mag sein«, sagte Ahmet ruhig, »aber wenn mein Herr dich zum Palaver ruft, mußt du gehorchen, sonst werde ich dich festnehmen, und meine starken Soldaten werden dich zu dem Dorf der Ketten bringen, damit du dort einige Zeit zum Vergnügen meines Herzens lebst.«

Das half. Der Häuptling sandte überallhin Boten aus und ließ seine Lokolis ertönen. Alle Ältesten, Unterhäuptlinge und Zauberdoktoren, kleine und große Vormänner, hervorragende Krieger rief er zu dem Palaverhaus auf dem kleinen Hügel im Osten des Dorfes zusammen.

Bones kam mit einer Eskorte von vier Haussas. Er stieg langsam die Stufen hinauf, die in den Hügel geschlagen waren, und setzte sich auf einen Stuhl zur Rechten des Häuptlings. Gleich nachdem er Platz genommen hatte, begann er ohne Einleitung zu sprechen. Er erzählte von Sanders, von seinem Glanz und von seiner Macht, von seiner Liebe zu allen Leuten in diesem Lande. Auch sprach er von Militini, vor dem diese Menschen wegen seiner teuflischen blauen Augen Achtung hatten.

Zuerst redete er langsam, weil ihm das Atmen schwerfiel, aber allmählich gewann er seine Selbstbeherrschung zurück und sprach fließend und laut.

»Und jetzt komme ich zu euch«, sagte er, »der ich noch jung und erst kurze Zeit im Regierungsdienst bin und unwürdig, die Stelle meines Herrn Sandi zu vertreten. Aber ich halte das Gesetz in meinen beiden Händen, ebenso wie Sandi es hielt, denn das Gesetz ändert sich nicht mit den Menschen, ebensowenig wie sich die Sonne ändert, ob das Land, auf das sie scheint, gut oder schlecht ist. Nun sage ich euch und allen Leuten, liefert mir den Mörder B'chumbiris aus, damit ich ihn nach dem Gesetz bestrafen kann.«

Bones wartete die Wirkung seiner Worte ab. Zuerst herrschte tiefes Schweigen, dann erhob sich ein Raunen und Flüstern, und schließlich hörte er jemanden lachen.

Er erhob sich, um seinen letzten Trumpf auszuspielen. »Komm her, komm her, o Mörder«, sagte er sanft, »denn wer bin ich, daß ich dich verletzen könnte? Habe ich nicht eben einige Stimmen gehört, die ›G'la‹ sagten? Und bedeutet nicht G'la einen Narren? O ihr weisen und tapferen Männer der Akasava, die ihr ruhig hier sitzt und nicht einmal einen Finger aufzuheben wagt vor einem, der ein Narr ist!«

Wieder wurde es ganz ruhig. Bones schob den Helm etwas zurück, steckte die Hände in die Taschen und ging einige Schritte den Hügel hinab, auf den Halbkreis der älteren Männer zu.

»O ihr Tapferen«, fuhr er fort, »ihr wundervollen Sucher der Gefahr, ich, ein Narr, stehe vor euch, und noch sitzt der Mörder B'chumbiris zitternd und will sich nicht vor mir erheben, weil er meine Rache fürchtet! Bin ich denn so schrecklich?«

Seine weitgeöffneten Augen richteten sich auf den Onkel B'chumbiris, und der alte Mann erwiderte den Blick mißtrauisch.

»Bin ich denn so schrecklich?« wiederholte Bones höflich. »Fürchten mich die Männer, wenn ich gehe, oder rennen sie zu ihren Hütten, wenn der Ton meines Puck-a-Puck ertönt? Falten die Frauen vielleicht die Hände, wenn sie mich sehen?«

Wieder erhob sich ein Flüstern. Aber N'gobo, der Onkel B'chumbiris, verzog wütend das Gesicht.

»Wo ist der Kühne, der B'chumbiri ermordete?«

N'gobo sprang auf. »O Herr«, sagte er mit rauher Stimme, »warum findest du ein Vergnügen daran, die Leute zu verspotten?«

»Dies ist kein Vergnügen«, antwortete Bones schnell. »Dies ist ein Palaver, und zwar ein Mordpalaver. War es denn eine Frau, die B'chumbiri tötete? Ist sie nicht bei diesem Palaver zugegen? Schön, dann werde ich einen Rat mit den Frauen abhalten!«

N'gobo schäumte vor Wut. »Tibbetti«, rief er, »ich habe B'chumbiri getötet, und zwar nach unserer Sitte – und ich werde mich vor Sandi verantworten, der ein Mann ist und solche Palaver versteht.«

»Überlege es dir wohl«, sagte Bones, blaß bis in die Lippen. »Überlege es dir noch einmal, bevor du so etwas sagst!«

»Ich tötete ihn, du Narr«, schrie N'gobo laut, »obwohl sein eigener Vater schließlich furchtsam wie ein Weib wurde – mit diesen Händen habe ich ihn umgebracht, mit zwei Messern.«

»Verdammter Hund!« rief Bones und streckte ihn mit einem Schuß zu Boden.

 

Hamilton hatte sich wieder soweit erholt, daß er eine Zigarette rauchen konnte. Er hörte Bones' Bericht ohne Unterbrechung bis zu Ende an.

»Das habe ich also getan, Sir, und dabei fühlte ich mich wie ein netter kleiner Mörder. Aber wie hätte ich sonst handeln sollen, mein Lieber?«

Hamilton sagte immer noch nichts.

Bones wurde unruhig. »Um alles in der Welt, sitzen Sie doch nicht da wie eine runde, alte Eule«, sagte er erschrocken. »Habe ich es falsch gemacht?«

Hamilton lächelte. »Sie haben gehandelt wie ein netter, alter Distriktsgouverneur selbst, Sir!« sagte er, indem er Bones' Sprechweise nachahmte.

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