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Bones in Afrika

Edgar Wallace: Bones in Afrika - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleBones in Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun. Auflage 1.-20. Tsd.
editorFranz Schrapfeneder
year1951
isbn3-442-06437-6
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectida43a8918
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Die Schwerverbrecher

1

Leutnant Tibbetts stand stramm und kerzengerade wie ein Ladestock vor seinem Vorgesetzten. Das Monokel hatte er ins Auge geklemmt.

Captain Hamilton schaute ärgerlich auf ihn. »Bones, Sie sind ein Esel!« sagte er schließlich.

»Jawohl, Sir!«

»Ich hatte Sie zu den Ochori hinaufgeschickt, um ein Blutbad zwischen den Eingeborenen zu vermeiden. Sie überraschen einen Häuptling, wie er seinem Feind einen Hinterhalt legt, und statt ihn ins Gefängnis zu stecken, legen Sie ihm die lächerliche Strafe von zehn Dollar auf!«

»Jawohl, Sir!«

Eine peinliche Pause entstand.

»Also, Sie sind ein Esel!« sagte Hamilton noch einmal, da ihm im Augenblick nichts Besseres einfiel.

»Jawohl, Sir! Aber ich denke, Sie wiederholen sich zu oft. Habe vorher schon dieselbe Bemerkung von Ihnen gehört.«

»Sie haben Bosambo und die Ochori schwer gekränkt und mich und die Regierung lächerlich gemacht!«

»Kaum meine Schuld, Sir!« entgegnete Bones höflich.

»Ich weiß überhaupt nicht, was ich mit Ihnen anfangen soll«, sagte Hamilton, zog seine Pfeife aus der Tasche und stopfte sie langsam. »Es ist ganz selbstverständlich, daß ich Sie nie wieder allein ins Land lassen kann!« Er steckte seine Pfeife an und rauchte nachdenklich. »Natürlich ...«

»Verzeihen Sie die Frage, Sir«, entgegnete Bones, der noch militärisch stramm stand, »ist dies eine Art amtlichen, offiziellen Verhörs oder etwas dergleichen?«

»Jawohl!«

»Darf ich Sie dann bitten, nicht zu rauchen? Wenn Ehre und Ansehen eines Offiziers und all das auf dem Spiel stehen, darf dabei nicht geraucht werden! Wirklich, Sir, glauben Sie mir!«

Hamilton wurde rot vor Wut und sah sich nach einem Gegenstand um, den er dem kritischen Bones an den Kopf werfen könnte. Es kam ihm ein ziemlich schwerwiegender Band in die Hand, aber Bones wich aus und fing ihn gewandt auf.

»Und wenn Sie sich gezwungen fühlen, mir Gegenstände an den Kopf zu werfen«, sagte er, als er den Titel auf der Rückseite des Wurfgeschosses gelesen hatte, »wollen Sie es bitte nach Möglichkeit vermeiden, so heilige Bücher wie die Armeeliste zu gebrauchen. Es verletzt mich tief, daß ich Ihnen das sagen muß, Sir, aber ich bin hierüber tief empört.«

»Wieviel Uhr ist es jetzt?« fragte Hamilton, und sein Untergebener sah nach seiner Armbanduhr.

»Zehn Minuten vor Essenszeit!« sagte er. »Großer Gott, wir haben eine ganze Stunde vertrödelt! Haben Sie neue Nachrichten von Sanders?«

»Er ist in London. Das ist alles, was ich weiß. Aber bringen Sie mich nicht von der vorigen Sache ab, Bones. Alle sind furchtbar böse auf Sie. Sanders hätte N'gori mindestens zu langer Gefangenschaft verurteilt.«

»Ich konnte es nicht tun«, sagte Bones entschieden. »Der arme, alte Kerl! Er sah so furchtbar dumm aus, und obendrein erinnerte er mich noch so sehr an eine Tante, daß ich es einfach nicht übers Herz gebracht habe!«

Zweifellos hatte Leutnant Francis Augustus Tibbetts mit seiner sonnverbrannten Nase, seinen großen, runden Augen und seiner fast feierlichen Harmlosigkeit den Glauben der leicht beeinflußbaren Eingeborenen stark erschüttert. Dies sollte Hamilton noch große Schwierigkeiten machen. Tibbetts war mit einer Abteilung Haussa nach Norden geschickt worden, um auf jeden Fall die Anfänge eines Aufstandes bei den Akasava zu unterdrücken, hatte sich aber seiner Aufgabe in keiner Weise gewachsen gezeigt. So darf man sich nicht wundern, daß Hamilton eine militärische Untersuchung anstellte, deren letzte Phase soeben beschrieben wurde. Schließlich verurteilte er den seiner Meinung nach vollständig unfähigen Untergebenen zu sieben Tagen Felddienstübung im Dschungel mit einer halben Kompanie Haussa.

»Ach, zum Teufel, das ist doch nicht Ihr Ernst?« fragte der empörte Bones, als ihm dieser Urteilsspruch beim Mittagessen verkündet wurde.

»Das ist mein voller Ernst«, sagte Hamilton bestimmt. »Ich würde meinen Posten nicht richtig verwalten, wenn ich Ihnen hierdurch nicht nahebrächte, daß Sie vollkommen verrückt sind.«

»Vollkommen – ja«, widersprach Bones, »verrückt – nein! Die Wahrheit ist nur, mein Lieber, ich habe eben Gemüt. Aber Sie wollen mir doch nicht wirklich den Befehl geben, daß ich in diesen scheußlichen Dschungel gehen soll, um Schützenlöcher auszuheben, Zeltlager zu bauen und all solchen verdammten Unsinn. Es ist überhaupt viel zu gräßlich, so etwas auszudenken.«

»Ganz im Gegenteil«, sagte Hamilton. »Sie werden die Felddienstübung abhalten, während ich nach Norden gehe und all denen die Köpfe zurechtsetze, die aus Ihrer unangebrachten Großmut Vorteil schlagen wollen. Ich werde zeitig genug zurückkommen, um bei der Inspektion der Zentralverwaltung zugegen zu sein. Vergessen Sie um Himmels willen nicht, daß Seine Exzellenz ...«

»Gott hab sie selig!« murmelte Bones.

»... daß Seine Exzellenz zu der jährlichen Inspektion am Einundzwanzigsten kommt.«

Ein Hoffnungsstrahl leuchtete in Leutnant Tibbetts auf.

»Wäre es unter diesen Umständen nicht besser, mein Lieber, die ganze verdammte Felddienstübung aufzugeben? Würde man nicht besser eine große Inschrifttafel aufstellen? Die könnten die Kerle doch anmalen mit einem schönen Spruch: ›Willkommen in den Vereinigten Gebieten‹ oder ›Gott segne unsere Heimat!‹ oder sonst irgend etwas!«

Hamilton sah ihn vernichtend an. Als er später oben auf der Brücke der »Zaire« stand und das Schaufelrad des Schiffes sich in Bewegung setzte, sagte er noch einmal zu Bones:

»Denken Sie an die Felddienstübung und drücken Sie sich nicht davon!«

»Honi soit qui mal y pense!« brüllte Bones zurück.

2

Hamilton sollte bald genug den Beweis dafür bekommen, welche Wirkungen die Sanftmut seines Untergebenen hervorgerufen hatte. Nachrichten werden in diesem Gebiet sehr schnell verbreitet, und die Akasava sind große Schwätzer. Als Hamilton auf seinem Wege stromaufwärts zu dem Isisistaat kam, fand er dort träge Eingeborene mit lässig verschränkten Armen, die am Ufer warteten, als der Dampfer vertäut wurde. Aber weder der Oberhäuptling noch sein Sohn, noch einer seiner Untergebenen oder Ältesten war gekommen, um den Regierungsbeamten ehrfurchtsvoll zu begrüßen.

Hamilton schickte nach ihnen. Trotzdem kamen sie nicht und ließen sich entschuldigen, daß sie krank wären. So blieb ihm nichts anderes übrig, als selbst zu ihnen zu gehen. Mit langen Schritten durchmaß er die Hauptstraßen der Ortschaft. Vier Haussa gingen in ihrem merkwürdigen Laufschritt schnell hinter ihm her. B'sano, der junge Häuptling der Isisi, kam nachlässig aus seiner Hütte, stellte sich breitbeinig hin, stemmte die Arme in die Hüften und wartete, bis Hamilton mit den Haussa näher kam. Er zeigte weder Achtung noch Furcht. Denn allgemein ging das Gerede, daß Sanders das Land verlassen habe und jetzt niemand so mächtig sei, andere Leute zu bestrafen.

Die Ratgeber, die hinter B'sano standen, hielten Bündel von Speeren in ihrer Rechten und den geflochtenen Schild in der Linken, ganz entgegen allen Gewohnheiten und den Vorschriften, die Sanders darüber erlassen hatte.

»O Häuptling«, sagte Hamilton mit dem schnellen Lächeln, das man an ihm kannte, »ich wartete auf dich, und du kamst nicht!«

»Krieger«, erwiderte B'sano unverschämt, »ich bin der König dieses Volkes und bin nur meinem Herrn Sandi verantwortlich, der ja, wie du weißt, uns verlassen hat.«

»Das weiß ich«, sagte Hamilton geduldig, »und weil ich es in meinem Herzen habe, allem Volk zu zeigen, was für ein Gesetz Sandi zurückgelassen hat, so lege ich dir und deiner Stadt eine Strafe von zehntausend Matakos auf, damit du daran denkst, daß das Gesetz noch lebt, obgleich Sandi im Monde ist, und obwohl alle Herrscher wechseln und sterben.«

Der Häuptling verzog sein Gesicht langsam zu einem verächtlichen Lächeln.

»Krieger, ich bezahle dir keine Matakos – wa!«

Er taumelte zurück und schnappte vor Furcht nach Luft, denn Hamilton hatte ihm die Mündung seines langen Revolvers auf den bloßen Magen gesetzt.

»Wir wollen ein Feuer anmachen«, sagte Hamilton in arabisch zu dem Sergeanten. »Hier im Mittelpunkt der Stadt, um die stolzen Schilde und die ungesetzlichen Lanzen zu verbrennen!«

Einer der Ratgeber nach dem andern warf den geflochtenen Schild in das Feuer, das der Haussa-Sergeant angezündet hatte. Und während sie das taten, legte der in diesen Dingen geübte Ali ihnen Handschellen an. Er fesselte die Ältesten paarweise zusammen.

»Du wirst andere Ratgeber bekommen«, sagte Hamilton, als die Leute zur »Zaire« abgeführt wurden. »Nimm dich in acht, daß ich nicht einen anderen Häuptling an deine Stelle setze!«

»O Herr«, sagte B'sano unterwürfig, »ich bin dein Hund!«

Aber nicht nur B'sano war aufsässig, überall stromauf und stromab erwachten alte Beschwerden und Klagen, die geordnet werden mußten. Rechnungen sollten beglichen, Irrtümer beseitigt werden. Bei den meisten Mißverständnissen handelte es sich um Fragen der Oberhoheit unter den Stämmen, die wahrscheinlich endgültig nur durch blutigen Kampf entschieden werden konnten.

Dann wieder hörte man von dem Unwesen einer Geheimgesellschaft, die Sanders rücksichtslos unterdrückt hatte. Leute übten die Riten, mißtrauisch voreinander, trotzdem sie sich Treue geschworen hatten. Zu alledem kam noch die aufregende Botschaft, die sich schnell im Lande verbreitete: »Sandi ist fortgegangen, es gibt kein Gesetz mehr!«

Das war eine gute Zeit für ehrgeizige Machtträume, für Leute, die auf Vorzeichen achteten und es verstanden, mit Ju-Jus umzugehen.

Bemebibi, der Häuptling der kleineren Isisi, war zu dick, um sich phantastischen Träumen hinzugeben. Er war weder von hoher Gestalt, noch deutete irgend etwas in seiner Erscheinung auf eine überragende Persönlichkeit. Er hatte breite Schultern und einen dicken Specknacken, einen runden Schädel und schlaue kleine, listige Augen. Er war jähzornig und gewohnt, seine Ratgeber zu schlagen, wenn ihr Rat ihm mißfiel. Auch war er schnell bei der Hand, Menschen zu töten.

Man munkelte, daß er und die Mitglieder seines Bundes in den Wäldern Menschenopfer darbrächten, aber niemand sagte Bestimmtes darüber, denn Bemebibi war sowohl Häuptling eines Stammes als auch einer Geheimgesellschaft. Nur bei den kleineren Isisi hatte der Bund der Weißen Geister trotz aller Anstrengungen der Regierung, ihn zu vernichten, stets Macht und Ansehen besessen. Die Jugend der Isisi war begierig, in diese Gemeinschaft aufgenommen zu werden, denn die jungen Leute auf der ganzen Welt sind einander gleich, ob sie nun einfaches Tuch um ihre Lenden oder violettseidene Strümpfe an den Beinen tragen.

So kam es, daß etwa die Hälfte der erwachsenen männlichen Bevölkerung der kleineren Isisi einen Eid leistete, wobei sie sich blutig ritzten und mit Salz einrieben:

I. Eine Speerlänge weit jeden Morgen und Abend auf einem Fuß zu hüpfen,

II. alle Geister zu lieben und freundlich von Dämonen zu sprechen,

III. stumm und blind zu sein und die Speere schnell zu gebrauchen für die Weißen Geister.

Eines Abends ging Bemebibi mit sechs Ältesten seines Geheimbundes in den Wald. Sie kamen zu einem verborgenen Platz an einem Teich und setzten sich dort in einem Kreise nieder. Jeder legte in einer vorgeschriebenen Haltung die Hand auf die Fußsohle.

»Schlangen leben in ihren Löchern«, sagte Bemebibi in der herkömmlichen Weise, »Geister wohnen im Wasser, und alle Dämonen sitzen in den Körpern kleiner Vögel.«

Alle sprachen ihm das nach und bewegten ihre Köpfe dabei langsam von einer Seite zur anderen.

»Dies ist eine gute Nacht«, sagte der Häuptling, als das Ritual beendet war, »denn ich sehe jetzt das Ende unserer großen Gedanken. Sandi ist fortgegangen, und Militini befindet sich an dem Ort, wo sich die drei Ströme treffen. Furchtsam ist er dorthin gekommen. Auch habe ich durch meinen Zauber erfahren, daß er vor Angst zitterte, weil er weiß, daß ich ein Mann von schrecklicher Gewalt bin. Ich glaube, die Zeit ist da für alle Geister, schnell zuzuschlagen.«

Er sprach in großer Erregung und verlegte sein Gleichgewicht von einer Seite auf die andere, wie es große Redner tun. Die Größe seines Planes überkam ihn, und seine Stimme schwoll an.

»Es gibt kein Gesetz mehr in diesem Lande! Sandi ist fortgegangen, und ein kleiner, dünner Mann fürchtet sich davor zu strafen! Militini hat Blut wie Wasser – laßt uns opfern!«

Einer der Ältesten verschwand im Dunkel des Waldes und kam schnell wieder zurück. Er zog einen halbverrückten Jungen hinter sich her, der blöde lächelte, vor sich hin murmelte und mit sich und der Welt zufrieden war, bis das krumme N'gombimesser in der Hand des Häuptlings seinen Hals durchschnitt.

Zu spät kam Hamilton mit seinen zwanzig Haussa durch den Wald. Bemebibi und seine Genossen sahen ihr Ende vor sich, aber sie wollten kämpfend sterben.

»Stoßt sie mit den Bajonetten nieder!« befahl Hamilton kurz und zog schnell seinen langen, blitzenden Säbel. Bemebibi stieß mit seiner langen Lanze nach ihm. Hamilton konnte sie gerade noch mit dem Säbel zur Seite schlagen. Dann traf Bemebibi ein tödlicher Hieb.

»Begrabt alle diese Leute«, sagte Hamilton. Er brachte mit seinen Leuten eine böse Nacht im Walde zu.

So endete Bemebibi, und sein Volk versetzte ihn und seine Ältesten unter die Geister.

Aber es gab noch viele andere Dinge, die weniger tragisch waren und doch auch von Hamilton geregelt werden mußten. Der gekränkte Bosambo war zu trösten, den übermütigen N'gori mußte man ducken und ihm seine Machtlosigkeit klarmachen, größere und kleinere Häuptlinge sollten wieder gefügig gemacht werden. Hamilton fuhr stromauf und stromab, tauchte bald hier und bald dort auf. In diesen Tagen gaben ihm die Eingeborenen den Namen »Fliegender Drache«. Das Bild war nicht übel gewählt, denn die »Zaire« mit ihren schwarzen Rauchwolken schien zornig zu fauchen und war immer plötzlich an einer anderen Stelle, wo man sie nicht erwartete. Der Geist des Friedens und der Beruhigung, in dem Sanders das Land zurückgelassen hatte, wandelte sich in Furcht, wie in den ersten Tagen nach der Ankunft dieses Distriktsgouverneurs.

Hamilton sandte durch ein Boot einen Brief an seinen Untergebenen. Das Schreiben begann ganz einfach:

»Bones – ich will Sie nicht mein lieber Bones nennen« – man fühlte den Groll, den der Schreiber im Herzen hatte –, »denn Sie sind mir nicht lieb. Ich muß durch das Land fahren, um all die Verwirrung aufzuklären, die Sie hier angerichtet haben, damit ich Seiner Exzellenz zeigen kann, daß die Einwohner des Landes das Gesetz achten. Ich habe Sie an der Küste gelassen, Bones, aber wären Sie bei der einen oder anderen Gelegenheit dabeigewesen, so wäre es Ihnen übel ergangen. Haben Sie als Junge jemals ordentliche Prügel bekommen? Hat Sie schon irgendwann einmal ein mutiger Mensch am Kragen gepackt und Sie in eine schmutzige Pfütze gesteckt? Denken Sie einmal nach und schreiben Sie mir seinen Namen, ich werde ihm jetzt noch einen großen Dankbrief schicken. Weil Sie durch Ihre unerhörte Nachgiebigkeit die Leute aufsässig gemacht haben, muß ich nun tagelang umherhetzen. Bones, Bones, Sie wissen nicht, was Sie angestellt haben. Obendrein verpfuschen Sie mir noch die Disziplin meiner Haussa-Leute. Es fehlt nur noch, daß Sie den Alis und Ahmets und Mustafas unter meinen Soldaten eigenhändig Tee und Kuchen anbieten oder sie durch Imitationen des Komikers Frank Tinney ergötzen und ihnen die Fliegen wegwedeln, wenn sie schlafen!«

»So ein ungebildeter Mensch!« murmelte Bones, als er diesen Brief las. Es folgten noch sechs Seiten Vorwürfe und weitere sechs Seiten Instruktionen.

Als Bones das Schreiben erhielt, saß er im Dschungel, war unrasiert und müde und hatte allerhand Beschwerden. Er haßte die Arbeit, verabscheute Felddienstübungen und hielt Brückenbauten über imaginäre Flüsse und den ganzen teuflischen Drill für Dinge, die sich wohl für Pfadfinder eigneten, aber eines Haussa-Offiziers unwürdig waren.

Als er den Brief zu Ende gelesen hatte, fühlte er aber doch Gewissensbisse, denn am Abend vorher hatte er der ganzen Kompanie den Soldatenchor mit Banjobegleitung vorgetragen.

Er strich seine hübschen Locken aus der Stirn, stülpte den Helm auf, zog die Schultern hoch und schritt mit finsterem Gesichtsausdruck, der harte, unbeugsame Pflichterfüllung bedeuten sollte, aus seinem Zelt. Er faßte den festen Vorsatz, alle seine Missetaten wiedergutzumachen, und wenn er nicht die Zuneigung seiner Mannschaften erwerben konnte, so wollte er sich wenigstens fürchterlichen Respekt verschaffen.

3

Bei allen menschlichen Leistungen spielen Furcht und Hoffnung eine große Rolle. Es handelt sich dabei weniger um pekuniäre Erfolge als um den Wunsch, Fehlschläge zu vermeiden. Auch Hamilton war nur ein Mensch, und obgleich er Sanders seiner Verdienste wegen schätzte, hegte er doch die stille Hoffnung, das Werk dieses gottähnlichen Mannes zu einem guten Ende zu führen, ohne das Mitleid seiner Vorgesetzten zu erregen.

Es war natürlich, daß er den Lorbeer für seine vielen Bemühungen ernten und am Schluß sagen wollte: »Seht her, das hat der talentvolle Sanders geschaffen, aber durch meine Arbeit sind seine Erfolge verdoppelt worden.«

Er kam in großer Eile flußabwärts, nachdem er sein Beruhigungswerk vollendet hatte, und warf gerade noch frühzeitig genug Anker vor dem Dorf der Ketten, um dem Haussa-Gefangenenwärter vier unglückliche Ratgeber des Isisikönigs auszuhändigen.

»Laß diese Leute tüchtig arbeiten, bis unser Herr Sandi wiederkommt!«

In Bosinkusu gab es durch ein Unwetter eine Verspätung. Der rasende Sturm wühlte die Wasser des Flusses auf und setzte die »Zaire« breitseits ans Ufer. Die Bewohner von M'idibi hatten die Pflicht, Holz zu schlagen und es für die Regierungsdampfer zu stapeln. Aber als Hamilton ankam, waren sie in den Wald gegangen, um einen berühmten Zauberdoktor zu feiern. Zehn Meilen weiter stromab lag ein Dorf, das ebenfalls Holz liefern mußte, und sie hofften fest, daß Hamilton diese Ortschaft wählen würde, um seine Vorräte zu ergänzen.

Sie hatten aber an einer besonders sichtbaren Ecke des Stromes ein scheinbares Gerüst von Brennholz aufgebaut, um die Beamten, die gelegentlich vorbeifuhren, zu täuschen und Fleiß und Unterwürfigkeit zu heucheln. So kam es, daß Hamilton kein Brennholz vorfand und seine eigenen Leute dazu anstellen mußte, Holz zu schlagen.

Er hatte diese zeitraubende Arbeit vollendet, als die Dorfbewohner in einer großen Schar mit Gesang zurückkehrten. Sie waren mit Blumenketten geschmückt und scherzten und lachten.

»Wir kommen gerade von einem Palaver, das wir mit einem heiligen Mann abgehalten haben«, erklärte der Dorfälteste. »Er hat uns versprochen, daß wir eines Tages eine große Kornernte haben, die er durch seinen Zauber hervorbringt. Wir werden sie vor unseren Türen finden, wenn wir erwachen.«

»Und ich verspreche euch eine große Ernte von Peitschenschlägen«, sagte der zweifelnde Haussa-Offizier, »die über Nacht über euch kommen werden und euch einmal ordentlich aufwecken sollen!«

»O Herr, wir wußten nicht, daß du vorbeikommen würdest«, sagte der Dorfälteste demütig. »Auch haben wir die Botschaft gehört, daß du in dem Strom ertrunken seist und dein Puck-a-Puck gesunken ist. Darüber waren meine jungen Leute glücklich, weil sie nun kein Holz mehr zu schlagen brauchten.«

Nachdem die »Zaire« ihre Brennvorräte ergänzt hatte, fuhr sie den Strom hinunter. Hamilton lehnte am Geländer und versprach den aufsässigen, pflichtvergessenen Dorfbewohnern böse Dinge, als der Dampfer abfuhr. Er hatte alle Unruhen mit großer Umsicht unterdrückt und konnte nun hoffen, daß er die Residenz ungefähr eine Stunde eher erreichen würde, als Seine Exzellenz der Gouverneur im Postdampfer ankam. Wäre Bones zuverlässig gewesen, so hätte kein Grund zur Beunruhigung vorgelegen. Er hatte ihm den Befehl gegeben, das Quartier der Mannschaft mit weißer Farbe streichen, den Exerzierplatz kehren und aufschütten zu lassen. Die Vorräte sollten mustergültig geordnet sein, ebenfalls alle Bücher, um dem Intendanten eine schnelle Übersicht zu ermöglichen. Aber Bones!

Hamilton krümmte sich innerlich, wenn er an Francis Augustus Tibbetts und seine Talentlosigkeit dachte.

Er hatte seinem Untergebenen vollständig ausgearbeitete Instruktionen übersandt, aber wie er ihn kannte, würde er doch nichts anderes tun, als diese Aufträge seinem Korporal zur Ausführung zu überlassen.

Es war zehn Uhr morgens. Die »Zaire« kam in schneller Fahrt den Strom herab und hielt an dem kleinen Betonkai. Hamilton seufzte erleichtert auf, als er Leutnant Tibbetts sah, der ihn am Ufer erwartete.

Die tadellose Khaki-Uniform saß ihm wie angegossen, sein weißer Tropenhelm leuchtete schon aus weiter Entfernung, und sein Degen glitzerte.

»Alles in bester Ordnung, Sir!« meldete Bones und grüßte militärisch.

Hamilton wunderte sich über den barschen Ton.

»Postdampfer gerade angekommen, Sir!« fuhr Bones mit ungewöhnlicher Schneidigkeit fort. »Sie kommen eben zu rechter Zeit, um Seine Exzellenz zu begrüßen. Alle Vorräte tadellos geordnet, Bücher zur Einsicht bereit, Exerzierplatz und Mannschaftsquartiere angestrichen gemäß Ihrem netten, alten Befehl, Sir!«

Er grüßte wieder und ließ seine Augen hervortreten. Sein Gesicht hatte den Ausdruck kriegerischer Wildheit und Entschlossenheit. Er drehte sich scharf auf dem Absatz um und machte sich auf den Weg zum Ufer.

»Warten Sie doch einen Augenblick!« sagte Hamilton. »Was ist denn mit Ihnen los?«

»Irrtum eingesehen«, schnarrte Bones und salutierte wieder stramm militärisch. »War ein Esel, Sir – zu nachsichtig, Sir – habe Ihnen Masse Verdruß gemacht – soll nicht wieder vorkommen, Sir!«

Es war keine Zeit mehr, weitere Fragen an ihn zu richten. Sie mußten schnell ausschreiten, um den Landungsplatz noch zur Zeit zu erreichen, denn das Boot kam gerade ans Ufer.

Sir Robert Sanleigh in tadellos weißem Anzug wurde ans Ufer getragen, und ein Stab von Beamten folgte ihm.

»Ah, Hamilton!« sagte der große Mann. »Nun, ist alles in Ordnung?«

»Jawohl, Euer Exzellenz«, entgegnete Hamilton. »Es gab einige schwierige Mordpalaver, über die ich noch berichten werde.«

Sir Robert nickte mit dem Kopf. »Sie haben wohl einige Schwierigkeiten, seit Sanders fort ist.«

Er war großzügig und ging planmäßig vor, weil er nur wenig Zeit auf die Inspektion verwenden konnte. Das Postboot wartete schon, um ihn zur nächsten Station zu bringen. Bücher, Mannschaftsquartiere und Vorräte waren in ausgezeichnetem Zustand. Hamilton lobte innerlich den jungen Mann immer mehr, der schweigend und in bester Haltung an seiner Seite einherschritt. Seine Gesichtszüge waren finster und düster und zeigten einen Ingrimm, der Hamilton ganz neu war.

»Ist die Disziplin bei den Haussa gut – keine Verbrechen vorgekommen?« fragte Sir Robert.

»Die Disziplin ist ausgezeichnet«, erwiderte Hamilton herzlich. »Wir hatten kein einziges schweres Verbrechen seit Jahren.«

Sir Robert Sanleigh setzte seinen Klemmer auf und schaute über den Exerzierplatz. Ein Dutzend Haussa-Soldaten stand in zwei Reihen verlassen und einsam in der Mitte des Platzes.

»Wo sind denn Ihre anderen Leute?«

»Im Gefängnis, Sir!« beantwortete Bones die Frage.

Hamilton verging der Atem. »Im Gefängnis – es tut mir leid, aber ich weiß nichts von dieser Angelegenheit – ich bin gerade aus dem Innern angekommen, Euer Exzellenz –«

Sie schritten quer über den Platz zu der kleinen Gruppe.

»Wo ist der Sergeant Abibu?« fragte Hamilton plötzlich.

»Im Gefängnis, Sir! Zum Tode verurteilt, weil er sich trotz wiederholter Vorwarnung das Bein kratzte.«

»Wo ist der Korporal Ahmet, Bones?« Hamilton war wütend.

»Im Gefängnis, Sir! Ich verurteilte ihn zu zwanzig Jahren Gefängnis, weil er im Gliede sprach und unverschämt wurde, als ich ihm das Reden verbot. Eine ganze Anzahl solcher Fälle, Sir«, fuhr er sachlich fort. »Ich verurteilte zwei Kerle zum Tode, weil sie miteinander kämpften, nachdem sie angetreten waren. Ein anderer hat zehn Jahre bekommen, weil ...«

»Ich denke, das genügt«, sagte Sir Robert taktvoll. »Eine vorzügliche Inspektion, Captain Hamilton. Ich werde jetzt auf das Schiff zurückkehren.«

Am Ufer nahm er Hamilton beiseite. »Wie nannten Sie doch den jungen Mann?« fragte er.

»Bones (Knochen), Euer Exzellenz«, sagte Hamilton, dem ganz elend zumute war.

»Ich würde ihn ›Blut und Knochen‹ nennen«, lächelte Sir Robert, als er Hamilton zum Abschied die Hand drückte.

 

»Wozu werde ich eigentlich immer ausgeschimpft, mein lieber, guter Captain?« fragte Bones entrüstet. »Lasse ich einen Kerl laufen, kriege ich einen Fußtritt, bestrafe ich ihn, kriege ich auch einen – dabei kann man wirklich den Verstand verlieren!«

»Bones, Sie sind ein Gup!« sagte Hamilton in hellster Verzweiflung.

»Ein Gup, Sir? Wollen Sie so liebenswürdig sein, mir zu erklären –?«

»Also, ein Esel«, sagte Hamilton und hob einen Finger hoch, »dann ein verrückter Esel«, dabei nahm er den zweiten Finger in die Höhe. »Dann ein verrückter Esel, der ein so verrückter Esel ist, daß er nicht einmal weiß, was für ein verrückter Esel er ist – das ist ein Gup!«

»Ich danke Ihnen, Sir«, sagte Bones, ohne empfindlich zu sein. »Und wer ist nun der Gup, Sie oder –?«

Hamilton faßte an seine Pistole, und einen Augenblick lang funkelte mörderische Wut in seinen Augen.

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