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Bones in Afrika

Edgar Wallace: Bones in Afrika - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleBones in Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun. Auflage 1.-20. Tsd.
editorFranz Schrapfeneder
year1951
isbn3-442-06437-6
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectida43a8918
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Prolog
Sanders, Ritter des St.-Michael- und St.-Georg-Ordens

1

Wenn man nur die amtlichen Berichte durchliest, wird man nie erfahren, was sich im Frühling des Wunschjahres eigentlich in Ochoriland zugetragen hat. Auch weiß man nichts von den Einzelheiten, die mit dem Verschwinden Sr. Exzellenz des Kolonialministers Joseph Blowter zusammenhängen.

Wir wissen, allerdings nicht aus den Blaubüchern der Regierung, daß Bosambo alle seine Unterhäuptlinge und Ältesten von einem Ende seines Landes bis zum anderen zusammenrief. Die ganze Versammlung saß in einem großen Kreise am Fuß des kleinen Hügels, auf dem Bosambo in seinem Staatskleid thronte. Er war zwar nicht berechtigt, es zu tragen, aber er sah prächtig darin aus. Aller Blicke hingen an ihm mit stolzem Vertrauen, ein beredtes Zeichen für die Stellung, die dieser ehemalige Sträfling aus Liberia unter dem Ochorivolk einnahm, das früher schwach und furchtsam gewesen war und sich nicht mit den anderen Stämmen hatte messen können.

Nun ist es Regierungsvorschrift, daß niemand ein Palaver der Unterhäuptlinge zusammenrufen darf, wenn er nicht die vorgesetzten Behörden von seiner Absicht verständigt hat, denn die Regierung wacht eifersüchtig darüber, daß keine Versammlungen aus eigener Machtvollkommenheit eines Häuptlings stattfinden. Es ist eine alte Erfahrungstatsache am Großen Strom, daß das Gespräch der Männer, so unschuldig es auch zu Anfang sein mag, doch auf Krieg hinausläuft, wenn sie zusammenkommen, um über das öffentliche Wohl zu beraten. Wenn sie sich aber sonst treffen und vertraulich miteinander sprechen, so dreht sich ihre Unterhaltung nach kurzer Zeit sicherlich um die Weiber.

Da nun eine Million Quadratmeilen Land nur durch eine Handvoll einfacher, rauher Soldaten regiert wird und dies auch ausreicht, solange nicht eine plötzliche Verschwörung gegen die Regierung entsteht, so stehen solche plötzlichen, unvorhergesehenen Palaver beim Gouverneur in großer Ungnade.

Aber Bosambo war seiner guten Sache zu gewiß, und er war optimistisch. Er glaubte nicht im mindesten, daß seine Handlungsweise von seinem Oberherrn mißbilligt werden könnte. Auch war er so von seinen eigenen hochfliegenden Plänen eingenommen und von seinem Vorhaben so begeistert, daß ihm die Gesetzwidrigkeit dieser Versammlung gar nicht zum Bewußtsein kam. Und hätte er auch einen Augenblick daran gedacht, so wäre ihm in seiner Großzügigkeit ein solcher Einwand als viel zu kleinlich erschienen.

So waren nun von allen Waldpfaden, von dem Strom, von allen Fischerdörfern und den weiter entfernt liegenden Ackerländern, von der Nähe der großen Berge, von den Holzfällerplätzen in den niedrigen Waldungen die größeren und kleineren Häuptlinge, die Ältesten und alle Verantwortlichen zusammengekommen, bis sie eine große Menge bildeten. Die Ältesten in der Ochoristadt aber seufzten, weil sie für die Gäste Unterkunft und Nahrung schaffen mußten.

»O ihr edlen Häuptlinge der Ochori«, begann Bosambo seine Rede.

Notiki, ein alter, schmächtiger Mann, stieß seinen Nachbar heimlich mit dem Ellenbogen in die Seite. »Unser Herr will sicher wieder etwas von uns haben«, bemerkte er.

Notiki war unzufrieden und verbittert. Er gehörte der früheren Häuptlingsfamilie der Ochori an und war jetzt nur noch Oberhaupt von vier Dörfern.

»Wa!« erwiderte sein Nachbar, sah aber trotzdem Bosambo mit strahlenden Augen an.

Notiki brummte noch etwas Unverständliches.

»Ich habe euch hier zu einer großen Versammlung zusammengerufen«, sagte Bosambo, »weil ich es liebe, euch um mich zu sehen, und weil es gut ist, daß ich mit euch berate, die ihr unter mir die Macht habt, nach den Gesetzen zu regieren, welche mein Herr, der König, euch gegeben hat.«

Es war eigentlich eine genaue Wiederholung der Ansprache, die Distriktsgouverneur Sanders vor drei Monaten gehalten hatte. Seine Zuhörer hatten das wahrscheinlich vergessen, nur Notiki erinnerte sich daran und sagte verächtlich: »O ko!«, aber nur zu sich selbst.

»Ich muß euch verlassen!« fuhr Bosambo fort.

Man konnte Äußerungen des Bedauerns hören, aber die Betrübnis war nicht allzu groß, und Notiki blieb ganz ruhig dabei.

»Der König hat mich zu sich an die Küste gerufen, und für zwei Monate werde ich für euch wie tot sein. Aber mein Fetisch wird euch bewachen, und mein Geist wird diese Straßen jede Nacht entlangwandeln mit großen Ohren, um böses Gerede zu hören, und mit ungeheuren Augen, um in die Herzen der Männer zu sehen. So ist es gewiß, von dieser Stadt wird er wandern bis zu den Grenzen meines Gebietes bis nach Kalala hin.« Seine vorwurfsvollen Blicke ruhten auf Notiki, der sich unruhig hin und her bewegte.

»Und wenn ihr mich fragt, warum ich fortgehe«, sprach Bosambo weiter, »so verkündige ich euch dieses: Aber vorher lege ich euch allen den Eid auf über das, was ich euch jetzt sage, nicht außer euren Hütten zu sprechen.« Mehr als zweitausend Leute hörten diesem tiefsten Geheimnis zu. »Mein Herr Sandi braucht dringend meine Hilfe, denn wer von uns ist so weise, daß er in die Herzen schauen und den schmerzlichen Ruf verstehen könnte, den ein Bruder dem anderen zusendet. Ich sage nichts weiter, als daß mein Herr mich nötig hat. Da ich nun der König der Ochori bin, eines Volkes, das groß unter anderen Stämmen dasteht, soll ich da wie ein Hund zur Küste gehen oder wie der Häuptling eines kleinen, armen Fischerdorfes?«

Er machte eine Pause nach dieser theatralischen Rede. Ein schwaches, allerdings sehr schwaches Murmeln ging durch die Reihen, und er mochte es als den Wunsch und den Ausdruck seines Volkes deuten, daß er mit großem Pomp reisen sollte, entsprechend der hohen Stellung der Ochori.

Die Begeisterung war deshalb nur so mäßig, weil alle ahnten, daß dies neue Steuern und Abgaben bedeutete. Und sie wußten, daß die Bevölkerung nur sehr ungern weitere Lasten tragen würde. Die Leute saßen lieber ruhig und zufrieden im Schatten ihrer Hütten, als daß sie in die Wälder eilten und dort im Schweiße ihres Angesichts Gummi und Harz und andere Dinge sammelten, um sie zu Füßen ihres Oberherrn niederzulegen.

Bosambo hörte sehr wohl, daß dieses Murmeln durchaus nicht liebenswürdig und freundlich war, aber er machte sich wenig daraus.

»Ganz wie ihr sagt – ich bin auch eurer Meinung, und es ist nur recht und billig, daß ich zu meinem Herrn und zu den fremden Völkern jenseits der Küste, zu Ländern, wo selbst die Sklaven Hosen tragen, mit wunderbaren Geschenken reise, so daß der Name des Ochorivolkes wie ein Donner über den Wassern ertönen soll und selbst große Könige mit Hochachtung von euch sprechen werden.« Wieder machte er eine bedeutungsvolle Pause.

Tiefes Stillschweigen herrschte, seine Rede hatte keinen Widerhall gefunden. Die Leute waren alles andere als begeistert. Sie spielten mit ihren Zehen und vermieden es sorgfältig, Bosambo in die Augen zu sehen. Schon vor zwei Monaten hatte Bosambo mehr Abgaben erhoben, als notwendig gewesen war. Diese Steuern sollten der Regierung abgeliefert werden.

Aber von den vierundzwanzig schweren Kanus, die nach der Ochoristadt gegangen waren, fuhren nur fünf, und auch die nicht einmal vollbeladen, zu Sanders' Residenz, um dem Oberherrn dieses Landes die Abgaben der Ochori zu bringen. Notiki sprach leise darüber mit seinem Nachbar.

»Ich werde neue Dinge mit nach Hause bringen«, sagte Bosambo lockend, »merkwürdige Teufelskisten und großen Zauber, der euch entzücken wird. Dinge, die noch niemand von euch gesehen hat und die nur Sandi und ich in diesem ganzen Lande kennen. Geht nur, wie ich euch sage, zu euren Dörfern und erzählt den Leuten alles, was ich gesagt habe. Und wenn der Mond im nächsten Viertel ist, dann werden sie freudig kommen und mit beiden Händen Geschenke bringen, die ihr dann zu mir senden sollt.«

»O Herr, was wird den Häuptlingen geschehen, die ohne Tribut und mit leeren Händen zu dir kommen und sagen müssen: ›Unser Volk ist aufsässig und will nichts mehr geben‹?« fragte Notiki.

»Wer kann das wissen?« war die ganze Antwort, die Bosambo gab. Aber er fügte noch bedeutungsvoll hinzu: »Ich werde euch nicht tadeln, da ich ja weiß, daß es nicht euer Fehler ist, sondern daß eure Leute euch nicht genügend lieben und sich einen anderen Häuptling wünschen. Das Palaver ist aus.«

Und es war auch zu Ende, soweit es Bosambo anging. In der Nacht noch hielt er in seiner Hütte einen engeren Rat mit seinen Ältesten und Ratgebern ab.

Bosambo traf nun in aller Ruhe die Vorbereitungen zu seinem Urlaub. Es mußte noch vieles erledigt werden, bevor er sein Volk auf einige Zeit verlassen konnte. Darunter fiel vor allem die Eintreibung der neuerlich auferlegten Abgaben, zu denen er gar nicht berechtigt war.

Seine größte Sorge aber war es, seine Reise vor Sanders und dessen Spähern geheimzuhalten.

Das Glück begünstigte ihn. Er hatte aber auch alle Einzelheiten seines Planes sorgfältig und eingehend überlegt. Sanders sammelte zu jener Zeit gerade die Hüttensteuer am Kisaifluß ein, und er mußte ein großes Mordpalaver in Ikan abhalten, was Bosambo wohl wußte. Einer der Dorfältesten dort stand in dem Verdacht, seine Hauptfrau ermordet zu haben. Die einzigen Zeugen, die gegen ihn auftreten konnten, waren seine Nebenfrauen, gegen die sich die Verstorbene immer hochfahrend und geringschätzig benommen hatte.

Die Ochori waren zwar sehr erschrocken über die außerordentlichen Forderungen, die ihr Gebieter an sie stellte, aber sie waren zu klug, um seine Wünsche nicht zu erfüllen. Es hatte eine Zeit in der Geschichte dieses Volkes gegeben, in der kriegerische Nachbarstämme in demütigender Weise noch viel größere und schwerere Abgaben von ihnen verlangt und einfach solche Tribute auferlegt hatten. Es war eine feststehende Redensart bei ihnen, wenn sie zuweilen mit größerer Freiheit über ihren Herrn sprachen, als ihm lieb war, daß die Herrschaft Bosambos eher zu ertragen wäre als die Tyrannei der Akasava.

Unter den Häuptlingen war nur einer, der seinem Herrn die gewünschten Steuern nicht brachte. Als alle Gaben auf Tüchern in einem großen Raum zu Bosambos Füßen niedergelegt wurden, fehlte Notikis Tuch. Er hatte seinen Sohn gesandt, um die Gründe zu erklären.

»O Herr«, sagte der junge, schlanke, urwüchsige Bursche, »mein Vater hat für dich früher viele schöne Dinge eingesammelt, wie Harz und Gummi und die Zähne von Elefanten. Und er hätte auch diese letzte Steuer gebracht und sie zu deinen erhabenen Füßen niedergelegt, aber die Wege durch den Wald waren so schlecht, und es gab Überschwemmungen im nördlichen Land, so daß er nicht über die Strömung kommen konnte. Auch waren die Pfade in den Wäldern zugewachsen, so daß mein Vater für seine Träger fürchten mußte.«

Bosambo sah ihn nachdenklich an. »Gehe zu deinem Vater zurück«, erwiderte er höflich, »und sage ihm, daß ich als sein Herr und Gebieter weiß, daß er mich liebt, obgleich keine Geschenke von ihm zu mir gekommen sind. Ich verstehe die Gründe sehr wohl.«

N'gobi strahlte vor Freude. Er hatte sich schon darauf eingerichtet, sofort davonzulaufen, denn er wußte, daß Bosambo sehr schnell mit dem Stock bei der Hand war. Er hatte befürchtet, daß er die Rache, die sein Vater heraufbeschworen hatte, an ihm auslassen würde.

»Die schlechten Straßen kenne ich sehr gut«, sprach Bosambo weiter. »Nun sollst du deinem Vater dieses berichten: Der Häuptling Bosambo geht auf eine lange Reise, und seine Geschäfte halten ihn zwei Monate fern. Und wenn der große, schreckliche Herr Bim-bi von jetzt ab den dritten Mond einmal gebissen hat, werde ich zurückkommen und dann deinen Vater besuchen. Weil aber die Straßen so schlecht sind und sogar in der trockenen Zeit sich Überschwemmungen im Nordlande ereignen«, sagte er bedeutungsvoll, »und da die Wälder so verwachsen sind, daß er seine Geschenke nicht bringen und nur den Sohn seines Weibes zu mir schicken kann, so soll er, bis ich wiederkomme, eine Straße bauen, die so breit ist wie die Entfernung zwischen der Hütte des Königs von der seines Weibes. Und auf dieser Straße soll er alle Bäume niederschlagen und soll Brücken über die starken Ströme bauen, und er soll Staubecken anlegen für die Fluten. Er soll dazu alle Leute seines Königreiches nehmen und sie an diesem großen Werke arbeiten lassen. Und während sie ihre Arbeit tun, sollen sie ein Lied singen, das also lautet:

›Wir tun Notikis Werk,
Das Werk, das Notiki uns tun läßt,
Statt daß er dem König, seinem Herrn,
Geschenke sendet, wie Bosambo sie verlangt!‹

Das Palaver ist aus.«

Dies ist die Geschichte oder wenigstens der Beginn der Geschichte einer geraden Straße, die durch das Innere des Ochorilandes von den Stromschnellen des Großen Flusses bis zu dem Gebirge läuft, das die Grenze gegen den großen König bildet. Sie ist in ganz Afrika berühmt und für alle Zeiten mit dem Namen Bosambo verknüpft.

Am nächsten Tag fuhr Bosambo mit vier Kanus den Strom hinunter. Jedes war sehr schön mit roter Kamfarbe bemalt und mit vierundzwanzig Ruderern bemannt.

Es war ein glücklicher Zufall, daß er Sanders nicht begegnete, denn der Distriktsgouverneur kam gerade zum Großen Strom zurück, um das Zeugnis des Bruders der ermordeten Frau zu holen, der ein kleiner Häuptling in einem Isisifischerdorf war. Die »Zaire« erreichte den Strom gerade in dem Augenblick, als das letzte Kanu Bosambos um die Biegung gefahren und außer Sicht gekommen war. Und da eine Legende an dem Fluß verbreitet war, für deren Ursprung Bosambo persönlich die Verantwortung trug, daß er mit dem Distriktsgouverneur Sanders irgendwie verwandt sei, so sprach auch niemand von seiner Durchfahrt.

Der Häuptling kam drei Tage nach seiner Ausreise zur Residenz. Seine späteren Fahrten bleiben etwas im dunklen, selbst Sanders konnte sie trotz aller Mühe und Sorgfalt nicht vollständig aufklären. Bekannt ist allerdings, daß Bosambo hundertfünfzig Pfund in englischem Gold von Sanders' Lagerverwalter abhob. Er hatte nämlich während der Jahre seiner Herrschaft über die Ochori ein großes Guthaben in der Residenz für sich angelegt und viele Gelder darauf eingezahlt. Bekannt ist weiterhin, daß er sich mit einem seiner Ratgeber und seinem Weib auf einem Küstendampfer nach Sierra Leone einschiffte. Später kam von dieser Stadt noch ein Bote mit einem langatmigen arabischen Brief, in dem er eine Zahlung von weiteren hundert Pfund verlangte. Sanders hörte diese Neuigkeiten bei seiner Rückkehr und war darüber etwas bestürzt.

»Ich bin nur gespannt, ob dieser Teufel sein Volk im Stich lassen will«, sagte er.

Hamilton lachte. »Das wäre schon möglich. Aber vergessen Sie nicht, daß er noch ein Guthaben von vierhundert englischen Pfund hier bei uns hat. Bosambo hat einen Hauch der Zivilisation verspürt. Meiner Ansicht nach hätte er aber doch mindestens um Erlaubnis fragen müssen, wenn er das Land verlassen will.«

»Er hat den Leuten oben Arbeit gegeben, er läßt sie nicht zu Atem kommen«, sagte Sanders. »Ich habe schon einen leidenschaftlichen Protest von Notiki erhalten, das ist einer seiner Häuptlinge im Norden. Bosambo hat ihm den Befehl gegeben, eine Straße durch den Wald zu bauen, und er protestiert dagegen.«

Die beiden Männer gingen über den gelben, sandigen Exerzierplatz an den Hütten der Haussa vorbei zu dem Residenzgebäude.

»Wie ist das Mordpalaver verlaufen?« fragte Hamilton nach einer Weile, als sie die hölzerne Treppe zur Veranda emporstiegen.

Sanders schüttelte den Kopf. »Alle Leute haben gelogen«, sagte er kurz. »Ich kann den Mann, der meiner Meinung nach schuldig ist, nur in das Dorf der Ketten schicken. Ich hätte ihn bei einem klaren Beweis hängen können, aber die ermordete Frau scheint wenig beliebt gewesen zu sein. Dagegen hat der Mann großes Ansehen.« Er ließ sich in dem großen, bequemen Armsessel nieder. »Wenn ich ihn gehängt hätte, wäre es nicht notwendig gewesen, drei große, lange Aktenblätter Bericht über die Sache zu schreiben, was das Schlimmste ist. Diese heimlichen, häuslichen Morde hasse ich am meisten – am liebsten ist mir ein wütender Verbrecher, der das ganze Volk gegen sich hat.«

»Sie werden auch bald mit einem zu tun bekommen, wenn Sie nicht sofort Holz anfassen«, sagte Hamilton ernst. Er war nämlich Schotte, und die Schotten sind abergläubisch.

2

Nun sollen aber die Wahrheit über Bosambo berichtet und alle seine sonderbaren Reisen aufgeklärt werden. Er hatte in seinem Herzen einen seltsamen Plan gefaßt. In dem Schweigen seiner Hütte, in den dunklen Laubgängen der Wälder und unter sternenlosem Himmel waren ihm Gedanken gekommen, oder auch, wenn er mit seinen Leuten auf der Jagd war und sie so fest schliefen, wie es nur die Unschuldigen und die Bewohner der Wildnis können. Auch in Augenblicken, wenn er den Gerichtsverhandlungen nur halb zuhörte, in denen ihm Rechtsuchende mit monotoner Stimme ihre Anliegen vortrugen, beschäftigte sich sein Geist mit diesem Plan.

Es gab nur einen Menschen, den er ins Vertrauen zog, und das war sein Weib. Er offenbarte ihr all seine geheimen Gedanken, wenn er ihr in der Hütte gegenübersaß und eine Schüssel mit dampfenden Fischen zwischen ihnen stand. Denn so tolerant Bosambo auch sein mochte, sie war eine strenge Mohammedanerin und würde einen Greuel wie gebratenes Fleisch von Ziegen, deren Klauen gespalten sind, nicht geduldet haben.

Er sagte ihr viele Dinge. »O du Licht meines Herzens«, erklärte er, »unser Herr Sandi ist zu mir wie Vater und Mutter, er hat mir Reichtümer und Geld gegeben. Aber obgleich er ein gerechter und großer Mann ist, der seine Feinde nicht fürchtet und seinen Freunden keine süßen Worte gibt, so scheint es mir doch, daß die obersten Herren dieses Landes, die so weit weg über dem großen Meer wohnen, ihn nicht genügend ehren.«

»O Herr«, erwiderte sein Weib ruhig, »ist es denn keine Ehre, daß er wie ein König über uns gesetzt ist?«

Bosambo nickte zustimmend. »Du hast die Wahrheit gesprochen, meine Liebe«, sagte er im Übermaß der Bewunderung. »Aber ich kenne viele der Gewohnheiten der weißen Leute, denn ich habe an der Küste gelebt und bin in allen Städten von Dakka bis Mossamedes gewesen. Auch bin ich zu einem fernen Lande gefahren, das man Madagaskar nennt und das auf der anderen Seite der Welt liegt, und so ist mir die Art der weißen Leute vertraut. In Benguela residiert ein Gouverneur, der nicht so groß ist wie Sandi, und auf seiner Brust sind doch alle Arten von glänzenden Sternen zu sehen, die so schön in der Sonne blinken, und er trägt Bänder um seinen Bauch und eine große farbige Schärpe und Schwerter.« Dabei zeigte er mit dem Finger die verschiedenen Stellen. »Habe ich dir nicht gesagt, daß er nicht so groß wie Sandi ist? Wann hast du aber meinen Herrn mit Sternen oder Kreuzen oder Schärpen oder Schwertern gesehen? In Dakka, wo die Frenchi leben, und an einem gewissen Platz in Togo habe ich die Gouverneure mit ähnlichem Schmuck gesehen, denn damit ehren die Weißen verdiente Leute.« Er schwieg eine lange Zeit, und sein Weib schaute ihn mit dunkelbraunen Augen neugierig an.

»Was kannst du aber dazu tun, mein Herr?« fragte sie. »Obgleich du sehr mächtig bist und Sandi dich liebt, ist es doch sicher, daß keiner auf dich hören und Sandi ehren wird, wenn du es sagst. Ich kenne die Art und Weise der weißen Leute nicht, aber ich glaube doch, daß ich recht habe.«

Bosambos großer Mund zog sich nun von einem Ohr zum anderen in die Länge, und er lachte vergnügt, so daß die beiden Reihen seiner blendendweißen Zähne sichtbar wurden. »Du bist wie die Stimme der Weisheit und die Seele der Klugheit«, sagte er. »Denn was du sprichst, ist wahr. Aber ich weiß Wege, und ich bin schlau und klug, auch bin ich ein frommer Mann und bin bekannt mit den heiligen Aposteln wie Pauli und St. Peter, dem sie das Ohr abschlugen, weil eine Tänzerin es wünschte. Dann wurde es durch einen großen Zauber wieder angesetzt, damit er hören konnte, wie der Hahn kräht. All dies und viele andere Dinge habe ich hier!« Er zeigte mit seinem Finger auf die Stirn.

Als eine kluge Frau versuchte sie nicht, sich in die Angelegenheiten ihres Mannes einzumischen, sondern sie traf Vorbereitungen zu der langen Reise für sich und ihren wohlgenährten und munteren braunen Jungen, der Bosambos Augapfel war.

Bosambo war also den Strom hinuntergefahren. Vier Tage nach seiner Abreise verschwanden zehn seiner jüngeren Verwandten aus der Ochoristadt. Es waren ausgesuchte, starke, kräftige Jäger, die dem Tod in jeder Gestalt entgegentraten. Niemand kannte ihr Ziel, man wußte nur, daß sie nicht den Weg ihres Herrn einschlugen.

Tukili, der Häuptling der mächtigen östlichen Isisi, oder, wie sie verächtlich von dem Volk am Fluß genannt werden, der N'gombi-Isisi, kam eines Tages auf der Jagd unglücklicherweise an die Grenzen des Ochorilandes. Fimili, ein gerade gewachsenes, schönes Mädchen von vierzehn Jahren, ging eben in den Wald, um Wurzeln zu suchen, mit denen sie die Beulen des mürrischen Vaters heilen wollte.

Tukili sah das Mädchen, begehrte sie und nahm sich einfach das, was er wünschte. Sie leistete ihm wenig Widerstand, als sie sah, daß er sie nicht töten wollte. So brachte er sie zur Isisistadt, und sie lebte nicht schlechter in dem Harem Tukilis als in der Hütte des armen Fischers, dem ihr Vater sie versprochen hatte.

Ein paar Jahre früher wäre ein solcher Vorfall überhaupt nicht beachtet worden, denn damals wurden die Ochori gewöhnlich von anderen Stämmen ihrer Weiber und Ziegen beraubt, und sie waren so furchtsam, daß sie jede Demütigung ertrugen, wenn sie nur die blitzenden Speere ihrer Feinde sahen. Sie wären vielleicht obendrein noch dankbar gewesen, daß die Räuber sich damit begnügten, nur ein junges Mädchen zu stehlen. Aber als Bosambo Oberhäuptling der Ochori wurde, brachte er einen neuen Geist in diese Leute. Er machte sie zu tüchtigen Kriegern, sie lernten ihre Kraft und auch ihre Rechte kennen.

Der Vater des geraubten Mädchens eilte sofort zu seinem Häuptling Notiki. Er hatte sein Haupt mit Asche bestreut und Asche auf seine Brust gestrichen.

»Dies ist ein schlechtes Palaver«, sagte Notiki, »und seit Bosambo uns verlassen hat, ist unser Mark und unsere Kraft gleich Wasser, weil er uns befiehlt, eine Straße zu bauen. Und es ist niemand im Lande, den ich als Oberherrn anerkennen oder der anderen Befehle erteilen könnte. So scheint es mir nun, daß ich etwas tun muß, denn ich stehe in dem Alter und bin mit den alten Königen dieses Landes verwandt.«

Er sammelte zweitausend Krieger, die an dem Straßenbau arbeiteten und froh waren, statt schwerer Steine wieder leichte Waffen tragen zu können. Sie marschierten mit ihren Speeren in den Isisiwald und brannten und mordeten, wenn sie in ein kleines Dorf kamen, und niemand trat ihnen entgegen. So machte sich Notiki ohne weiteres zu einem Eroberer, wie es ja auch früher schließlich jeder ehrgeizige General tat.

Hätte sich dieser Raubzug in der Nähe des Flusses abgespielt, so wäre Sanders sicherlich darauf aufmerksam geworden, denn die natürliche große Straße dieses Gebietes ist der Wasserweg. Aber wenn es sich um Unternehmungen der inneren Stämme handelte, die im Busch wohnten und ihre Krieger im Dunkel der Wälder verbergen konnten, war Sanders sehr im Nachteil.

Tukili hörte erst von den Heerscharen, die gegen ihn heranzogen, als sie noch einen Tagesmarsch von seinen Toren entfernt waren. Eilig brach er mit seinen Männern auf, die im Kampf erfahren und in der Jagd geübt waren. Die Schlacht dauerte genau zehn Minuten, und alle die, die von Notikis Speerleuten übrigblieben, flohen wieder zurück in ihre Heimat. Aber sie vermieden dabei, soweit es ging, die Dörfer, denen sie auf ihrem Auszuge so viel Unglück und Schaden zugefügt hatten.

Nun wird ein Eroberer niemals der Vergessenheit anheimfallen, ohne daß sein Besieger seinen Ruhm für sich selbst in Anspruch nimmt. Tukili hatte seinen Gegner niedergekämpft, und auch er machte keine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel. Während er früher ein gutmütiger, gerechter und gütiger Herrscher war, wurde er jetzt plötzlich eine drohende Gefahr für alle Gebiete Sanders' zwischen der französischen Grenze und dem Großen Fluß.

Die Lage war so gespannt, daß nur Bosambo mit ihr fertig werden konnte. Sanders verwünschte ihn aufrichtig und hätte ihn noch mehr verdammt, wenn er nur die leiseste Ahnung von der Aufgabe gehabt hätte, die Bosambo sich gestellt hatte.

3

Seine Exzellenz der Gouverneur residierte in einer großen, schönen Villa in einer glücklichen Stadt, in der es viele Steinhäuser gab. Wir wollen sie Kumbuli nennen, obgleich das nicht ihr richtiger Name ist.

Er stand im besten Alter, war kräftig und gesund und zeichnete sich durch Geduld und Klugheit aus. Man hatte ihm diesen Posten gegeben, um all die Fehler und Mißstände zu beseitigen, die zwei wenig begabte Gouverneure vor ihm geschaffen hatten. Sie waren nicht wegen ihrer Kenntnisse von Land und Leuten zu dieser Stellung gekommen, sondern weil ihre Freunde sich fast täglich in den verschiedenen Vorzimmern der hohen Regierungsstellen sehen ließen. Es spricht für den Ruf Sr. Exzellenz, daß er allen Distriktsgouverneuren und höheren Beamten der ganzen Küste entlang unter dem Vornamen »Bob« bekannt war, obwohl er ein Kommandeur des St.-Michael- und St.-Georg-Ordens, ein Ritter des Viktoria- und ein Kommandeur des Bath-Ordens war und aus einer vornehmen Familie stammte.

Bosambo fühlte sich nicht ganz wohl in seiner Haut, als er zum Gouverneur kam. Das Selbstvertrauen hatte den Häuptling bis zu einem gewissen Grade verlassen, denn er zweifelte nicht, daß Sanders allen Stellen seine schnelle Abreise und die merkwürdigen Umstände seines Verschwindens mitgeteilt hatte.

Die ersten Worte Sr. Exzellenz bestätigten Bosambos weitgehendste Befürchtungen.

»O Häuptling«, sagte Sir Robert und zwinkerte ihm ein wenig mit den Augen zu, »fürchtest du dein Volk so sehr, daß du vor ihm davonläufst?«

»Mächtiger Herr«, antwortete Bosambo, »Furcht kenne ich nicht, denn wie deine Hoheit gehört haben wird, bin ich ein sehr tapferer Mann, der nichts fürchtet als die Ungunst seines Herrn Sandi.«

Ein leichtes Lächeln spielte um die Mundwinkel Sir Roberts.

»Das hast du gut gesagt, mein Freund«, entgegnete er. »Erzähle mir jetzt aber, warum du heimlich gekommen bist und warum du dieses Palaver mit mir wünschst. Aber eins sage ich dir, Bosambo: Lüge nicht! Denn ich habe auf dem Hügel bei Grand Bassam drei Häuptlinge gehängt, weil sie mich belogen haben.«

Die einheimische Bevölkerung glaubte felsenfest an dieses Gerücht, das man an der Küste erzählte. Wie sich die Sache wirklich verhielt, wollen wir ein andermal berichten. Hier genügt es, festzustellen, daß Bosambo zu denen gehörte, die nicht den mindesten Zweifel an der Wahrheit dieser Legende hegten.

»Jetzt werde ich zu dir sprechen, o mein Herr!« sagte er feierlich und ernst. »Und ich spreche unter allen Eiden, sowohl denen meines eigenen Volkes ...«

»Sprich mir nicht von den Schwüren des Kru-Volkes«, warnte Sir Robert.

»Dann will ich bei Marki und Luki schwören«, erwiderte Bosambo eifrig, »diesen feinen Kerlen, von denen auch deine Hoheit weiß. Ich saß lange in dem Lande der Ochori und habe klug regiert nach meinen Fähigkeiten. Und immer wachte Sandi über mir, der ein Vater seines Volkes war und ein schönes Herz besaß, daß selbst die Toten auferstanden, um mit ihm zu sprechen, als er zu uns kam. Dies ist ein Wunder«, sagte Bosambo mit geheimnisvoller Stimme, »von dem ich hörte – aber ich sah es nicht selbst. Nun frage ich dich, der alle Dinge sieht, und dies ist die schwierige Frage, die ich deiner Hoheit vorlegen will: Wenn Sandi so groß und so weise ist und sein König ihn so liebt, wie kommt es, daß er immer an dieser Stelle ist und keine schönen Sterne um seinen Hals hängen und daß er keine wundervollen Bänder um seinen Bauch legt – so wie es die großen Frenchi machen und die großen Allamandi und selbst die Portugiesi, die von ihren Königen geehrt werden?«

Das war wirklich eine schwere Frage für Sir Robert Sanleigh. Er richtete sich in seinem Stuhl auf und schaute in das feierliche Gesicht des Mannes, der vor ihm saß.

Bosambo war in seinen europäischen Hosen, seiner Jacke und seinem Hemd – einen Kragen trug er nicht – eine unromantische Figur. Er hatte die Hände tief in die Hosentaschen gesteckt, denn er wußte nicht, daß das unschicklich war. Mit großen Augen schaute er den Gouverneur wieder an.

»O Häuptling«, sagte Sir Robert erstaunt, »dies ist ein merkwürdiges Palaver, das du mit mir hältst. Woher hast du diese Ideen?«

»O Herr, niemand hat mir diese Gedanken gegeben, sie sind in meinem eigenen großen Herzen gewachsen«, erwiderte Bosambo. »Ja, ich habe viele Nächte gelegen und darüber nachgedacht, und ich bin gerecht und meinem Herrn treu.«

Der Gouverneur schaute den Häuptling unverwandt an. Er hatte schon viel von Bosambo gehört und wußte, daß er ein Original war. Er war davon überzeugt, daß er es offen und ehrlich meinte. Ein Mann mit einem kleineren Gesichtskreis als er, wie zum Beispiel sein Vorgänger, hätte die unangenehme Frage einfach unter den Tisch fallen lassen und sie als eine Unverschämtheit empfunden und den Frager an die frische Luft gesetzt.

»Diese Dinge sind für mich zu hoch, Bosambo«, sagte er. »Was für ein Hund bin ich, daß ich es wagen könnte, meine Herren zu fragen. In ihrer Weisheit belohnen und strafen sie. Das steht geschrieben.«

Bosambo nickte. »Aber, o Herr«, sagte er hartnäckig, »mein eigener Vetter, der die Ställe deiner Hoheit kehrt, erzählte mir heute morgen, daß du an großen Palavertagen auch Sterne und schönen Schmuck auf deiner Brust hast und vornehme bunte Bänder um den Bauch bindest. Nun sollst du mir sagen, durch wessen Gunst diese Dinge kommen.«

Sir Robert mußte lachen. »Bosambo«, sagte er feierlich, »man gab mir diese Dinge, weil ich ein alter Mann bin. Wenn nun dein Herr Sandi alt wird, so wird er diese Ehrung auch empfangen.«

Er sah die Enttäuschung in Bosambos Gesicht und fuhr fort: »Es mag auch sonst manches geschehen, was die Augen des großen Königs auf Sandi lenkt, es kann eine hervorragende Tat sein, die er ausführt, oder ein großer Dienst, den er dem obersten König erweist, denn alle solche Begebenheiten bringen hohen Rang und Ehre. Gehe jetzt zu deinem Volk zurück und erinnere dich daran, daß ich immer an dich und an Sandi denken werde, und ich weiß, daß du hierher kamst, weil du ihn liebst. Sei gewiß, daß ich eines Tages ein Buch (Buch = Brief) an meinen Herrn schreiben werde, in dem ich gut von Sandi spreche zu seinen Gunsten und zugunsten des Volkes, das ihn liebt. Das Palaver ist aus.«

Bosambo entfernte sich und war mit dem Ergebnis dieser Unterredung nicht zufrieden. Er schritt durch die große Halle, wo viele Beamte und Häuptlinge auf eine Audienz warteten. Er wandte dem großen, weißen Gebäude den Rücken und kam zu seinem Vetter, der die Ställe des Gouverneurs ausfegte. Hier in der Kühle des steinernen Hauses erfuhr er viel von Sir Robert, allerhand kleine Informationen, die man nicht gut in einer Zeitung hätte veröffentlichen können. Auch erhielt er eine ganze Menge Angaben, wie solche Ehren verliehen wurden. Nachdem er seinen armen Vetter stundenlang examiniert hatte, ließ er ihn müde und zermürbt wie eine ausgepreßte Zitrone zurück. Aber der Mann war glücklich, denn Bosambo hatte ihm ein blankes, silbernes Fünfshillingstück in die Hand gedrückt. Später jedoch stellte sich heraus, daß es gefälscht war.

4

In der Nähe des Geisterflusses liegt ein tiefer Wald, der sich bis an die Grenze des Gebietes erstreckt, in dem die Zwergvölker hausen. Bäume und Sträucher bilden hier ein einziges großes Dickicht, durch das weder Weg noch Steg führt. Kein Mensch hat je die Tiefen dieses schrecklichen Waldes erforscht, denn hier hausen die wilden Tiere in ihren Zufluchtsstellen und Schlupfwinkeln und ziehen ihre Jungen auf. Moskitos schwärmen in dichten Wolken umher, und außerdem – das ist wichtiger – geht hier Bim-bi um, ein mächtiger, böser Geist. Er wandert ruhelos von dem einen Ende des Waldes zum andern. Bim-bi ist älter als die Sonne und fürchterlicher als irgendein anderer Dämon, denn er nährt sich von dem Mond, und in den Nächten kann man sehen, wie das große Gestirn langsam von ihm aufgefressen wird. In jeder Nacht schrumpft es mehr zusammen und wird immer kleiner und kleiner, bis schließlich überhaupt kein Mond mehr am Himmel steht. In den dunklen Nächten aber, wenn die Götter eilig ein neues Mahl für Bim-bi bereiten, verschlingt der wütende Teufel die Sterne. Wie jeder kleine Akasava-Junge, der seinen Vater ängstlich an der Hand faßt, kann man dann beobachten, wie die glänzenden Meteore über den schwarzen Sammethimmel in den gefräßigen Rachen Bim-bis fliegen.

Es war ein Geist, der von allen Stämmen gefürchtet wurde, von den Akasava, Ochori, Isisi, N'gombi und den Buschleuten, von den Bolengi, den Bomongo und selbst von den weit entfernten Stämmen am oberen Kongo. Auch sandten alle Häuptlinge seit unzähligen Generationen ein Opfer von Korn und Salz an den Rand des Waldes, um Bim-bi zu besänftigen. Einst lagen die Isisi mit den Akasava in schwerem Kampf, und es geht die Legende, daß der Gesandte der Isisi ohne Belästigung durch die Linien der Feinde gehen durfte, um seine Gaben Bim-bi zu Füßen zu legen. Nur einer auf der Welt, soweit die Leute am Fluß wissen, sprach geringschätzig von Bim-bi, und das war Bosambo von den Ochori. Er hatte keinen Respekt vor Geistern, es seien denn solche, die er selbst erfand.

Im Akasava-Distrikt ist es Sitte, ein Geisterpalaver abzuhalten, zu dem die erfahrenen Männer aller Stämme eingeladen wurden. Dieses Palaver findet in dem Dorfe Ookos an der Grenze des Waldes statt.

Eines Tages im Jahr der Fluten, als Bosambo schon einen Monat von seinem Dorfe abwesend war, kamen Boten, die voll Schrecken zu allen Hauptstädten und Dörfern der Akasava, Isisi und N'gombi-Isisi eilten und ihnen die folgende Nachricht brachten:

»Mimbimi, der Sohn des Simbo Saka, Sohn des Ogi, hat sein Haus für seine Freunde in der Nacht geöffnet, wenn Bim-bi den Mond verschlingt.«

Eine Aufforderung zu einem solchen Palaver im Auftrag Bimbis durfte man nicht übersehen, aber über eine Einladung von Mimbimi mußte man zum mindesten staunen und nachdenken, denn er war eine unbekannte Persönlichkeit. Einige Schwätzer wollten zwar wissen, daß er der Häuptling eines Nomadenstammes sei, der im Herzen des Waldes lebte und ohne Unterschied die Akasava und die Isisi beraubte, aber sie kannten weder seine Nationalität noch seine Hautfarbe. Sie gehörten zu den eifersüchtigen Seelen, die weder bestätigen konnten noch wollten, daß sie nichts darüber wußten.

Niemand konnte sagen, ob er ein Räuberhauptmann oder ein rechtmäßig eingesetzter Häuptling war. Mimbimi hatte zu einem geheimen Palaver eingeladen, und die edelsten Häuptlinge mußten gehorchen.

Tukili aber, ein siegreicher Führer, ließ sich das nicht ohne weiteres gefallen. Er hätte am liebsten die Aufforderung vollständig außer acht gelassen, aber seine älteren Ratgeber glaubten an Bim-bi und riefen ihn an. Sie waren sprachlos, als er den Gedanken äußerte, dieses Palaver zu übergehen.

»Wer darf den Besieger Bosambos zu einem Palaver rufen? Bin ich nicht der große Büffel des Waldes, und beugen sich nicht alle Männer vor mir in Furcht?« fragte Tukili mit einem gewissen Recht.

»O Herr, du sprichst die Wahrheit. Aber dies ist ein Geisterpalaver, und alles Unglück kommt auf jene, die dem Ruf nicht Folge leisten.«

Sanders hörte durch seine Spione von den Aufforderungen im Namen Bim-bis, und er war nicht froh darüber. In dem Lande, das er regierte, war nichts zu gering, um ernst genommen zu werden.

Zum Beispiel: Bei den unteren N'gombi herrschten Zweifel darüber, ob spitzgefeilte Zähne besser wären als natürliche. Tombini, ein Häuptling der N'gombi, hatte die Ansicht, daß die Zähne so, wie die Natur sie wachsen ließ, am besten seien, während sich B'limbini, sein Vetter, für zugespitzte Zähne entschied.

Zwei Bataillone der King Coast Rifles, eine halbe Batterie Artillerie und Sanders waren notwendig, um diese nationale Frage zu klären.

»Ich wünschte, Bosambo wäre zum Teufel gegangen, bevor er dieses Land verließ«, sagte Sanders gereizt. »Ich würde mich sicherer fühlen, wenn dieser aalglatte Strolch oben bei den Ochori säße.«

»Was macht Ihnen Sorge?« fragte Hamilton und sah von seiner Beschäftigung auf. Er drehte Zigaretten mit einer neuen Maschine, die ihm jemand von zu Hause geschickt hatte.

»Ein verteufeltes Bim-bi-Palaver«, sagte Sanders. »Als das letztemal ein solches abgehalten wurde, mußte ich zwanzig Meilen weit alle Ernten auf dem rechten Flußufer verbrennen, um die Isisi zur Erkenntnis ihrer Machtlosigkeit zu bringen.«

»Dann werden Sie diesmal die Ernten auf der linken Seite niederbrennen«, meinte Hamilton sorglos, und seine geschickten Finger drehten die Silberrollen der Zigarettenmaschine weiter.

»Ich dachte, ich hätte das Land befriedigt«, sagte Sanders etwas verbittert. »Und gerade jetzt brauchte ich so dringend Ruhe.«

»Warum denn?« fragte Hamilton erstaunt.

Sanders zog ein zusammengefaltetes Schreiben aus der Brusttasche seiner Uniform und reichte es ihm über den Tisch.

Hamilton las:

»Sehr geehrter Herr, ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß Mr. Joseph Blowter, Seiner Majestät Staatssekretär der Kolonien, voraussichtlich am 30. d. Mts. an Ihrer Station ankommen wird. Ich hoffe, daß Sie ihm alle Hilfe und Unterstützung zukommen lassen werden, damit er seine Spezialstudien, in denen er eine große Autorität ist, dort betreiben kann. Ich bitte Sie, alle nachgeordneten Beamten, Inspektoren und alle Offiziere, die Truppen in Ihrem Gebiet befehligen, anzuweisen, daß sie Mr. Blowter in gleicher Weise helfen und ihm ihren Schutz angedeihen lassen.

Ich habe die Ehre usw.«

Hamilton las den Brief zweimal.

»Damit er seine Spezialstudien betreiben kann, in denen er eine große Autorität ist«, wiederholte er. »Morgen haben wir schon den Dreißigsten«, fuhr Hamilton fort, »und vermutlich bin ich einer der Offiziere, die Truppen befehligen. Ich muß also schleunigst meine wüste Soldateska in der Kunst unterrichten, Seine Exzellenz zu unterstützen.«

»Genau gesagt, sind Sie der einzige Offizier, der Truppen in diesem Lande befehligt«, sagte Sanders. »Tun Sie, was in Ihren Kräften steht. – Sie werden es kaum glauben«, lächelte er verlegen, »aber ich habe um einen sechsmonatigen Urlaub gebeten, als ich diesen Brief bekam.«

»Lieber Himmel!« sagte Hamilton, denn Sanders und Urlaub erschienen ihm wie unvereinbare Gegensätze.

Hamilton machte sich seine Aufgabe leicht, denn er richtete es immer so ein, daß er möglichst wenig zu tun hatte. Ein kurzer Befehl an seine Ordonnanz quer über den Exerzierplatz ließ auch den Trompeter der Wache aus dem Schlaf auffahren. Lauthin tönte das Signal »Antreten!«.

Bald standen sechzig Haussa-Soldaten in Parade da, in der Annahme, daß sie zu einer plötzlichen Expedition ins Innere abmarschieren sollten.

»Meine Kinder!« sagte Hamilton, indem er seinen leichten Spazierstock hin und her pendeln ließ. »Es wird ein Mann der Regierung hierherkommen, der von nichts eine Ahnung hat. Es ist nun möglich, daß er durch die Wälder irrt und sich verläuft wie die Kuh des Bräutigams von dem Feld des Schwiegervaters, weil sie die neue Umgebung nicht kennt. Nun ist es eure Aufgabe, euch um seine Sicherheit zu kümmern. Ich, die Regierung und auch Sandi, euer Herr, werden dasselbe tun. Ihr dürft diesen Fremden nicht aus den Augen lassen, auch dürft ihr nicht erlauben, daß sich ihm irgendein böser Kerl nähert, ein N'gombi-Eisenhändler oder ein Fischer von den N'gar oder ein Verfertiger von hölzernen Amuletten, denn die Regierung hat gesagt, dieser Mann darf nicht beraubt werden, sondern man muß ihn sehr zuvorkommend behandeln. Und ihr von der Wache sollt ihn alle grüßen.«

Hamilton wollte durch seine drastische Redeweise keinerlei Mißachtung ausdrücken. Er hatte es mit einfachen Leuten zu tun und mußte sich einer lebendigen, bildreichen Sprache bedienen, um sich ihnen verständlich zu machen.

Die Haussa-Soldaten fanden auch nichts Unwürdiges an dem ehrenwerten Herrn, der am nächsten Morgen ankam. Er war über mittelgroß, etwas stark, genau und fein gekleidet und zwirbelte gern an seinem kleinen Schnurrbart, der schon etwas grau wurde. Er hatte schwere Augenlider und trat mit einer gewissen Feierlichkeit auf. Allen Leuten, die irgendwie in der Nähe waren, schüttelte er lebhaft und heftig die Hände. Er hieß alle Meinungen gut, die ihm vorgetragen wurden, um ihnen gleich darauf zu widersprechen. Dies berührte eigenartig, weil man fühlte, daß er unter allen Umständen populär sein wollte. Alles in allem war er ein langweiliger Schwätzer und fiel Sanders schwer auf die Nerven. Wenn er dem Distriktsgouverneur weniger lästig gewesen wäre, hätte dieser wohl einen schärferen Protest erhoben, als der Minister den Wunsch äußerte, das Innere zu besuchen. Sanders hatte seine Wohnung geräumt und sie mit allem Komfort dem Staatssekretär zur Verfügung gestellt, der hier seinen Urlaub zu verbringen gedachte.

»Ich muß ihn schon ins Innere gehen lassen«, sagte Sanders zu Hamilton, als sich Mr. Blowter zurückgezogen hatte.

»Wie steht es mit Mimbimi?« fragte Hamilton.

»Mimbimi macht mir große Sorge – ich kenne ihn ganz und gar nicht«, sagte Sanders mit einem Stirnrunzeln. »Mein Spion Ahmet hat einen der Häuptlinge gesehen, der bei dem Palaver zugegen war, das anscheinend sehr eindrucksvoll verlaufen ist. Bis jetzt hat sich nichts zugetragen, was Maßnahmen gegen ihn rechtfertigte. Es ist möglich, daß er von dem französischen Kongogebiet gekommen ist.«

»Haben Sie irgendwelche Nachrichten von Bosambo?«

Sanders schüttelte den Kopf. »Soweit ich unterrichtet bin«, sagte er böse, »ist er nach Cape Coast Castle gegangen. Er wird viele Unannehmlichkeiten haben, wenn er zurückkommt.«

»Was würde es für ein Segen sein«, seufzte Hamilton, »wenn wir den alten Blowter der Fürsorge Bosambos anvertrauen könnten!«

Die beiden mußten herzlich lachen.

5

Vor vielen Jahren richteten die Ochori einen großen Mast an der Grenze des Waldes bei dem Gebirge auf und bestrichen ihn mit einer Farbe aus rotem Kamholz und Kopalgummi.

Das war eine der wenigen vernünftigen Taten der Ochori in jenen traurigen Zeiten. Der Pfahl bezeichnete die Grenze des N'gombilandes, die kein Mann der Ochori überschreiten sollte.

Man hatte alles mit viel Überlegung vorbereitet. Ein Palaver darüber dauerte von Vollmond des einen Monats bis zum abnehmenden Mond des nächsten. Man brachte Ziegenopfer dar, sprengte Blut umher und nahm Beschwörungen und Zauberriten an den sandigen Ufern vor. Alle irgendwie geeigneten Zeremonien fanden statt, ehe die Ochori in einer hellen Mondnacht den Pfosten aufrichteten.

Dann schrieben sie diesem Mast Fähigkeiten und Eigenschaften zu, die er in Wirklichkeit gar nicht besaß, kehrten wieder zu ihren Hütten zurück und vergaßen die ganze Geschichte sehr schnell. Aber obgleich die Ochori nicht mehr daran dachten, so gab es doch andere Stämme, die dieses Teufelszeichen mit großer Ehrfurcht betrachteten. Sicher aber hielt Mimbimi diesen Mast in hohen Ehren und glaubte an seine Macht. Denn dieser eben aufgetauchte Räuberhauptmann des Waldes, der die Akasava, die Isisi und selbst die N'gombi-Isisi durch seine Streifzüge beunruhigte, kam niemals über dieses Grenzzeichen. Es geht auch die Legende, daß er einmal seine schrecklichen Krieger bis an die Grenze des Landes führte und einem einfachen hohen Pfahl seine Verehrung darbrachte. Dann zog er sich wieder zu seinem Lager im tiefen Wald zurück. Seine Züge riefen aber zuweilen Gegenmaßnahmen hervor, und mancher Häuptling zog mit seinen Kriegern gegen ihn aus. Die größte Streife aber unternahm Tukili, der Häuptling der Isisi. Er machte sich mit hundert Speerleuten auf, um die Schmach zu rächen, die dieser Eindringling ihm zugefügt hatte, als er ihn zu einem Palaver aufforderte.

Tukili war ein anmaßender Mann, denn er hatte das Heer Bosambos geschlagen. Daß Bosambo selbst dabei nicht den Befehl geführt hatte, machte für ihn keinen Unterschied aus und schmälerte den Ruhm in seinen Augen nicht. Obwohl Mimbimi seinem Gebiet keinen großen Schaden zufügte, zog dieser wilde Häuptling doch mit einer Anzahl erlesener Krieger aus, um den Kopf und die Füße des Mannes als Beute heimzubringen, der seine Hoheitsrechte zu verletzen wagte.

Was Tukilis Truppe widerfuhr, ist nicht genau bekannt. Alle Männer, die aus dem Hinterhalt Mimbimis entkamen, gaben später verschiedene Berichte darüber, und jeder war von der Wahrheit seiner Erzählung überzeugt. Es stand nur fest, daß sie ihr Leben retteten. Tukili selbst kehrte nicht zurück, und die Körperteile, die er vom Rumpfe seines Feindes hatte trennen wollen, wurden ihm selbst abgeschnitten. Eines Morgens fanden sie seine erschrockenen Untertanen vor den Toren ihrer Stadt.

Von Zeit zu Zeit entstanden Streitigkeiten, die leicht zu einem Kriege führen konnten. Die Stämme sandten dann gewöhnlich ihre Klagen zu Sanders und überließen es ihm, die Sache in Ordnung zu bringen. Man kann aber nicht eine Armee gegen ein Dutzend Häuptlinge ausschicken, die einen Guerrilla-Krieg führen. Diese Erfahrung machten die Engländer einige Jahre vorher in einem Land, das südlich von Sanders' Gebiet lag. Hätte Mimbimis Tätigkeitsfeld an den Fluß gegrenzt, so hätte ihn Sanders bald gefaßt, denn am Fluß kann man einen Räuber leicht fangen, weil er im Wald verhungern würde. Auch wenn er dorthin fliehen würde, müßte er doch zum Wasser zurückkehren, um sein Leben zu fristen.

Aber hier hatte man es anscheinend mit einem Häuptling zu tun, der im Walde lebte und keine Berührung mit dem Strom suchte. Er gab sich damit zufrieden, in den Schlupfwinkeln des Busches zu hausen.

Sanders sandte drei Späher aus, um seine Lager auszukundschaften. Er selbst aber widmete sich einer näherliegenden Aufgabe, nämlich seinem Gast, dem Kolonialminister. Mr. Joseph Blowter hatte sich dazu entschlossen, eine Reise in das Innere zu unternehmen, und man stellte ihm die »Zaire« zur Verfügung. Wie ein Geschenk des Himmels kam die Nachricht von einem Streitfall in dem Buschland, sechzig Meilen von der Residenz entfernt, so daß Sanders und Hamilton der Notwendigkeit enthoben wurden, ihren Besuch zu begleiten. Mr. Blowter reiste also nur in einer Begleitung von zwanzig Haussa-Soldaten ab. Das war in diesen friedlichen Zeiten mehr als genug.

»Was machen Sie nur mit Mimbimi?« fragte Hamilton leise, als sie an dem betonierten Anlegeplatz standen und beobachteten, wie die »Zaire« zur Mitte des Stromes fuhr.

»Er ist wahrscheinlich ein Buschmann«, sagte Sanders kurz. »Er wird nicht zum Strom kommen und hält sich außerdem vom Ochoriland fern. Und unser Freund Blowter sucht doch gerade die Ochori. Ich wüßte nicht, wie er deshalb in Ungelegenheiten kommen sollte.«

Trotzdem telegrafierte Sanders vorsichtigerweise dem Gouverneur nicht nur die Abfahrtszeit des Ministers, sondern auch alle Sicherheitsmaßnahmen, die er für ihn getroffen hatte. Auch teilte er ihm mit, warum weder er noch Hamilton ihn auf seiner Reise ins Innere begleiten konnten.

»Alles in Ordnung«, telegrafierte Bob zurück, und das genügte Sanders.

Es ist unnötig, von den Erlebnissen des Mr. Blowter im einzelnen zu berichten. Er hielt jedes Dorf für eine Stadt und jede Stadt für ein Land und legte überall an, wo es nur möglich war. Er sprach lange und geläufig zu den Eingeborenen über die Segnungen der Zivilisation und den Ruhm der britischen Flagge – er hatte einen Dolmetscher mit. Er kam auch auf das Korbflechten und auf den Fischfang zu sprechen und zeigte dann den Leuten am Strom, wie man Fische mit Fliegen fangen könne. Aber er hatte nicht den geringsten Erfolg.

Im Laufe der Zeit kam er glücklich bei dem Ochorivolk an und wurde von Notiki empfangen, der sich inzwischen die Würde eines Oberhäuptlings angeeignet hatte. Er übte sein Amt aus, war aber bereit, jeden Augenblick zu fliehen, wenn Bosambos Boot um die Flußbiegung kommen sollte. Sanders hatte Mr. Blowter besonders eingeschärft, unter keinen Umständen an Land zu schlafen. Er nannte ihm viele Gründe: Es bestehe die Gefahr, daß er sich Beriberi hole; die Schlafkrankheit sei weitverbreitet, und es gäbe viele Moskitos und andere Insekten, die man höflicherweise nicht beim Namen nennen könne.

Aber Notiki hatte eine neue Hütte gebaut, und zwar besonders für seinen Gast, wie er sagte. Mr. Blowter, der sich durch diese Aufmerksamkeit geehrt fühlte, übertrat zum erstenmal Sanders' Verbot, verließ die bequeme Kabine, in der er während seiner Reise wohnte, und schlief in der neuen Umgebung einer Eingeborenenhütte.

Wie lange er dort lag, kann nicht berichtet werden. Er wachte plötzlich auf, als er eine harte Hand an seiner Kehle fühlte, und eine wütende Stimme ihm etwas ins Ohr flüsterte, was er ganz richtig als eine Warnung und Drohung auffaßte.

Auf alle Fälle betrachtete er es als Aufforderung, sich ruhig zu verhalten, und gab in seiner Todesangst auch keinen Laut von sich. Drei Männer ergriffen ihn, banden ihn mit Stricken fest, steckten ihm einen Knebel in den Mund und zogen ihn dann vorsichtig durch ein Loch, das sie in die Wand der neuen Ehrenhütte Notikis gemacht hatten. Vor der Hütte war eine Haussa-Schildwache aufgestellt, aber sie wachte nicht auf, als Mr. Blowter entführt wurde.

Die Leute, die den Minister gefangengenommen hatten, brachten ihn auf Schleichwegen zum Fluß, legten ihn in ein Kanu und ruderten in großer Eile zum anderen Ufer. Sie brachten das Boot an Land, nahmen ihn mit sich und verschwanden im Wald. Auf ihrem Wege trafen sie einen Jäger, der über Nacht einem Leoparden aufgelauert hatte. In der Dunkelheit redete der Häuptling, der Mr. Blowter mit sich schleppte, den bestürzten Mann an.

»Gehe zur Stadt der Ochori und sage: Mimbimi, der große Häuptling, der Herr des Waldes von Bim-bi, sendet Nachricht, daß er den dicken weißen Mann genommen hat, um ihn bei sich zu behalten und ihn zu seinem Vergnügen mit sich zu führen.«

6

Aus all den vielen Aktenstücken und Briefen, die später veröffentlicht wurden, ging hervor, daß Sanders Mr. Blowter davor gewarnt hatte, eine Reise ins Innere zu machen. Auch der zuvorkommende Sir Robert hatte diesbezüglich seine größten Bedenken geäußert. Selbst die Regierung sandte ein langes, teures Telegramm von Downing Street, in dem sie energisch darauf hinwies, im Augenblick wäre eine Reise in das Ochoriland nicht wünschenswert, da die öffentliche Meinung dagegen sei.

Die übereilten Bemühungen einiger Zeitungen, den Distriktsgouverneur Sanders und seinen direkten Vorgesetzten zu tadeln und dafür verantwortlich zu machen, daß eine so bedeutende Persönlichkeit wie Mr. Blowter geraubt worden war, konnten nur durch die vollständige Unkenntnis der näheren Umstände entschuldigt werden.

Sanders fühlte sich jedoch schuldig, wie es jeder gewissenhafte Mann tun wird, der die Macht hat, einen Unglücksfall zu verhindern.

Brieftauben, die kleinen, treuen Diener der Regierung, flatterten nach Osten, Süden und Norden. Ein Missionsdampfer wurde in aller Eile requiriert, und Sanders eilte zum Tatort.

Bevor er abfuhr, telegrafierte er nach allen nur irgendwie denkbaren Küstenplätzen an Bosambo.

»Wenn dieser vagabundierende Teufel sein Land nicht verlassen hätte, wäre das nie geschehen«, sagte Sanders gereizt. »Er muß unter allen Umständen zurückkommen und mir helfen, den Verlorenen wiederzufinden.«

Aber bevor eine Antwort auf seine Depeschen kommen konnte, hatte er sich schon an Bord begeben. Er tat auch gut daran, auf keine Antwort zu warten, denn nicht eine war befriedigend. Bosambo blieb anscheinend unerreichbar. Von Sierra Leone kam sogar die aufsehenerregende Nachricht, daß er sich nach England eingeschifft und die Absicht ausgesprochen habe, dort eine hohe Persönlichkeit aufzusuchen.

Wenn Sanders in treuer Pflichterfüllung am Fieber oder unter der Folter der in solchen Dingen erfahrenen Akasavakrieger gestorben wäre, hätte die Londoner Presse ein paar Zeilen gebracht, die sein Lebenswerk würdigten oder von der schrecklichen Art berichteten, wie er ums Leben gekommen war.

Aber ein Kabinettsminister, der von einem wilden Stamm gefangengesetzt worden war, gab Zeitungsleuten die weitgehendsten Möglichkeiten für große, schreiende Überschriften. Sicher war dies eine aufregende Neuigkeit für den englischen Leser, der es liebt, schon beim Frühstück eine Sensation zu erleben. England wurde durch dieses unerwartete Ereignis bis in seine tiefsten Tiefen aufgerüttelt. Denn es war etwas ganz Ungewöhnliches, daß ein Kolonialminister in die Gefangenschaft der Kannibalen geriet, und außerdem war Mr. Blowter sehr populär in England und spielte da eine wichtige Rolle.

Zum erstenmal in der Geschichte waren die Augen der ganzen Welt auf Sanders' Gebiet gerichtet, und die Presse aller Länder widmete dem geraubten Minister ganze Spalten, weil man ihn so gut kannte. Etwas mehr oder weniger ungenau waren die Artikel, die sich mit dem Manne beschäftigten, der ihn wiederfinden sollte.

Auch Bosambo, der sich auf einer Reise nach England befinden sollte, wurde in den Zeitungen erwähnt. In Plymouth wartete sogar eine kleine Flotte von Motorbooten mit den Vertretern der Presse auf den ankommenden Postdampfer. Aber zu ihrem größten Bedauern mußten sie erkennen, daß er nicht an Bord war.

Glücklicherweise erfuhr Sanders zunächst nichts von dem Sturm, den das Verschwinden des Ministers hervorgerufen hatte. Natürlich wußte er, daß man darüber sprechen würde, und er sah in düsteren Visionen schon die langen Rapporte vor sich, die er würde schreiben müssen. Es wäre ihm wohler zumute gewesen, wenn Mimbimi irgendeiner der umherwandernden Häuptlinge gewesen wäre, die er von Zeit zu Zeit traf und die ihm bekannt waren. Mimbimi war wirklich ein Teufelskerl, dem nicht beizukommen war.

Auch in den Städten und Dörfern, die Mimbimi besucht hatte, konnte er nicht mehr erfahren, als er schon wußte. Einige erzählten ihm, daß der Häuptling groß und hager sei, geschwollene Knie und eine Wunde am Fuß habe, so daß er hinke. Andere berichteten wieder, daß er ein kleiner, häßlicher Mann sei mit einem großen Kopf und kleinen Augen und daß seine Stimme wie der Donner schalle.

Sanders verschwendete keine Zeit durch nutzloses Nachfragen. Er schickte einen ganzen Schwarm von Spähern und Treibern in den Wald von Bim-bi und begann eine regelrechte Treibjagd. Er gönnte sich tagsüber nur wenige Stunden Schlaf, wenn sich Gelegenheit dazu bot. Aber obgleich seine Streifen bis zu den Grenzen des Ochorigebietes auf der rechten Seite und des Isisilandes auf der linken vorstießen und obgleich er Gegenden durchwanderte, die man bisher als undurchdringlich angesehen hatte, weil gewisse Teufel die Gegend unsicher machten, fand er doch keine Spur von dem Menschenräuber. Denn dieser brach nachts durch Sanders' Linien. Er schleppte immer noch ein Mitglied der britischen Regierung mit sich herum; Mimbimis Leute hatten ein dickes Tau um Mr. Blowter gelegt und zogen ihn daran weiter.

Nach und nach erreichten Sanders Nachrichten, lange Telegramme, die man ihm von der Residenz aus mit schnellen Booten nachschickte oder durch Taubenpost übermittelte. Es waren aufgebrachte, leidenschaftliche und verärgerte Botschaften von der Regierung und den vielen Freunden und Verwandten des geraubten Mannes. Hamilton kam mit einer Verstärkung nach, aber auch dadurch konnte man keinen Erfolg erzielen.

»Er ist verschwunden, als ob ihn der Erdboden verschlungen hätte! O Mimbimi, wenn ich dich jetzt fassen könnte!« sagte Sanders.

»Sie würden ihm sicher übel mitspielen«, meinte Hamilton beruhigend. »Aber unser guter Freund muß sich doch irgendwo aufhalten! Glauben Sie, daß er den armen, alten Mann ums Leben gebracht hat?«

Sanders schüttelte den Kopf.

»Der Himmel mag wissen, was er mit ihm angefangen hat!«

In diesem Augenblick erschien ein Bote. Die »Zaire« war an dem Ufer des oberen Isisilandes, an der Grenze des Bim-bi-Waldes, vertäut. Die Haussa hatten ein Biwak am Ufer aufgeschlagen. Ihre roten Feuer glühten in der hereinbrechenden Dunkelheit.

Der Bote kam kühn vom Walde her. Er zeigte nicht die geringste Furcht vor den Soldaten, ging mitten durch ihr Lager hindurch und winkte mit einem langen Stock wie ein Kapellmeister seinen Musikern. Als der Wachtposten an der Landungsbrücke sich von seinem Schrecken über die unerwartete Erscheinung erholt hatte, nahm er den Mann fest und führte ihn vor den Distriktsgouverneur.

»O Mann«, sagte Sanders, »woher bist du, und woher kommst du? Sage mir schnell deine Botschaft!«

»O Herr«, antwortete der Mann gewandt, »ich bin der Führer von Mimbimis Leuten.«

Sanders sprang von seinem Stuhl auf. »Mimbimi?« fragte er schnell. »Sage mir, welche Nachricht du von diesem Dieb und Räuber bringst!«

»O Herr, Mimbimi ist kein Dieb, er ist ein hoher Fürst!«

Sanders sah ihn durchbohrend an. »Es scheint mir, daß du ein Ochori bist!«

»O Herr«, sagte der Bote, »früher war ich ein Ochori, aber jetzt bin ich bei Mimbimi, und ich bin der Anführer seiner Leute. Ich folge ihm durch alle Gefahren, deshalb gehöre ich keinem Volk und keinem Stamm mehr an – wa! O Herr, höre meine Botschaft!«

Sanders nickte. »Sprich schnell, Bote Mimbimis, und laß deine Nachricht gut für mich sein!«

»O Herr«, sagte der Mann, »ich komme von dem großen Fürsten der Wälder, der das Leben aller in seinen beiden Händen hält und nichts Lebendiges fürchtet, weder Teufel noch Bim-bi, noch die Geister, die in der Nacht umherstreifen, noch die großen Drachen in den Bäumen ...«

»Sage mir rasch deine Botschaft«, unterbrach ihn Sanders böse, »denn ich habe eine Peitsche, die schärfer zubeißt als die Drachen in den Bäumen und sich schneller bewegt als M'shimba-m'shamba!«

Der Mann nickte. »So spricht Mimbimi«, fuhr er fort. »Gehe zu der Stelle nahe dem Krokodilfluß, wo Sandi sitzt, und sage ihm, daß der Häuptling Mimbimi ihn liebt, und weil er ihn liebt, wird Mimbimi etwas Großes für ihn tun. Aber bevor ich nun seine größte Botschaft sage, mußt du ein Buch von meinen Worten machen.«

Sanders zog die Augenbrauen zusammen, denn es war eine ungewöhnliche Forderung von einem Eingeborenen, daß seine Botschaft niedergeschrieben werden sollte.

»Schreiben Sie es bitte auf«, wandte er sich an Hamilton. »Aber warum er das verlangt, kann ich mir nicht vorstellen. Also sprich weiter, Bote!« sagte er schon milder. »Denn du siehst, daß mein Herr Hamilton ein Buch macht.«

»So spricht mein Herr Mimbimi: Weil er Sandi liebt, wird er ihm den fetten weißen Mann geben, den er mit sich genommen hat, und er fordert dafür kein Elfenbein oder Salz als Bezahlung, sondern er tut dies, weil er Sandi liebt und weil er ein gerechter und vornehmer Häuptling ist. Deshalb übergebe ich nun den dicken Mann in deine Hände.«

Sanders staunte.

»Sprichst du die Wahrheit?« fragte er ungläubig.

Der Mann nickte.

»Wo ist denn der fette Mann?« fragte Sanders. Es war jetzt nicht der Augenblick, um höfliche und zeremonielle Phrasen über einen Minister auszutauschen.

»O Herr, er ist im Walde und weniger von dir entfernt als das nächste Dorf. Dort habe ich ihn an einen Baum gebunden.«

Sanders eilte über die Landungsbrücke, durch die Reihen der erschreckten Haussa, und zog den Boten am Arm mit sich. Hamilton folgte mit den schnell alarmierten Soldaten.

Man fand Joseph Blowter nach allen Regeln der Kunst an einen Gummibaum gebunden, einen hölzernen Knebel im Mund, der ihn am Sprechen und Rufen hindern sollte. Er fühlte sich entsetzlich unglücklich. In größter Eile lösten sie seine Fesseln, nahmen ihm das Holzstück aus dem Munde und führten den stöhnenden Minister zur »Zaire«, indem sie ihn halb trugen.

Er erholte sich aber schnell und konnte schon am Abend an der Tafel erscheinen. Er erzählte von seinen vielen Abenteuern und neigte natürlich dazu, die Gefahren zu übertreiben. Es ist jedoch entschuldbar, daß er aufs höchste über den Häuptling empört war, der ihn durch so viele teils wirkliche, teils eingebildete Fährnisse geführt hatte. Aber vor allem war er Sanders dankbar.

Er gab sofort zu, daß er durch keinen Fehler des Distriktsgouverneurs in diese entsetzliche Lage gekommen war.

»Ich kann Ihnen nicht sagen, wie traurig ich über all diese Vorkommnisse bin«, sagte Sanders.

Nach dem Abendessen fühlte sich Mr. Blowter, der stark abgenommen hatte, bedeutend wohler. Er begann sein ganzes Abenteuer allmählich mit Humor zu betrachten. »Etwas habe ich erfahren, Mr. Sanders«, sagte er, »und das ist die außerordentliche Achtung, die diese Leute im Lande vor Ihnen haben. Jedesmal, wenn ich zu diesem Teufelskerl von Ihnen sprach, verneigte er sich tief, ebenso alle Männer, weil sie Sie so sehr verehren.«

Sanders blickte erstaunt auf. »Das ist mir eine große Neuigkeit«, sagte er trocken.

»Es ist nur Ihre Bescheidenheit, mein Freund.« Ein wohlwollendes Lächeln ging über die Züge des Ministers. »Ich weiß es sehr wohl zu würdigen, daß ich nur Ihrem großen Ansehen unter den Eingeborenen meine Befreiung von dieser Mörderbande zu verdanken habe.«

Am nächsten Morgen fuhr er mit der »Zaire« stromabwärts. Der Dampfer konnte die vielen Haussa-Soldaten kaum mit sich führen.

»Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich eine Abteilung in den Wäldern zurückgelassen«, sagte Sanders. »Ich werde nicht eher ruhen, bis ich diesen Räuber Mimbimi gefaßt habe!«

»Ich würde die Sache nicht auf die Spitze treiben«, meinte Hamilton trocken. »Der bloße Klang Ihres Namens scheint ja ebenso mächtig zu sein wie meine Haussa-Soldaten.«

»Bitte, werden Sie nicht ironisch!« sagte Sanders scharf. Er war sehr empfindlich in diesen Dingen. Trotzdem freute er sich, daß die Geschichte gut ausgegangen war. Er erhielt viele Glückwunschtelegramme, nicht nur vom Gouverneur, sondern auch aus allen Teilen Englands.

»Wenn ich wenigstens noch etwas dazu getan hätte, den Minister zu befreien, würde ich nichts dagegen sagen!«

»Aber das ist doch gerade das Schöne daran«, lächelte Hamilton. »Wenn Sie etwas brauchen, dann kriegen Sie es nicht – und wenn Sie es nicht brauchen, dann kommt es in Wagenladungen an. Sie müssen die Feste feiern, wie sie fallen!«

Sie verabschiedeten sich von Mr. Blowter an der Meeresküste. Das Landungsboot wartete schon, um ihn zu dem Postdampfer zu bringen, der bei dieser Gelegenheit geflaggt hatte.

»Ich habe noch eine Frage, die ich an Sie stellen möchte«, bemerkte Sanders. »Können Sie mir vielleicht Mimbimi so beschreiben, daß ich ihn wiedererkennen kann? Er ist mir bis jetzt vollkommen unbekannt.«

Mr. Blowter zog die Stirn in Falten und dachte nach.

»Das ist schwer, alle Eingeborenen sind für mich gleich«, sagte er langsam. »Aber er ist sehr groß, von annehmbarer Gestalt und sieht für einen Eingeborenen gut aus. Außerdem spricht er viel.«

»So, er spricht viel?« sagte Sanders schnell.

»Auch kann er etwas englisch reden«, sagte der Minister. »Anscheinend hat er auch Religionsunterricht gehabt, denn er sprach immer von Marki und Luki und den verschiedenen Aposteln – vielleicht ist er auf einer Missionsschule gewesen.«

»Marki und Luki?« murmelte Sanders. Ein Licht ging ihm auf. »Ich danke Ihnen vielmals. Sagten Sie nicht auch, daß er sich tief verneigte, wenn mein Name genannt wurde?«

»Das tat er stets«, lächelte der Minister.

»Vielen Dank!« Sanders drückte Mr. Blowter die Hand zum Abschied.

»Mr. Sanders!« Blowter wandte sich in dem Boot noch einmal um. »Ich vermute, daß Sie bereits wissen, daß Ihnen das Ritterkreuz des St.-Michael- und St.-Georg-Ordens verliehen worden ist?«

»Ritterkreuz des –?« stammelte Sanders und wurde rot.

»Diese Ehrung macht Ihnen sicherlich nicht viel aus, da Sie Ihrem Vaterland einen so großen Dienst erwiesen haben«, sagte Mr. Blowter selbstzufrieden und bedeutungsvoll. »Aber die Regierung fühlt, daß es das Wenigste ist, was sie für Sie tun muß, nachdem Sie sich so unendlich viel Mühe um mich gemacht haben. Man hat mich auch gebeten, Ihnen mitzuteilen, daß man sich Ihrer in Zukunft gern erinnern wird.«

Er ließ Sanders wie eine Salzsäule am Strande zurück. Hamilton gratulierte ihm zuerst.

»Mein lieber Freund, wenn jemals ein Mann den St.-Michael- und St.-Georg-Orden verdient hat, dann sind Sie es!«

Es würde nicht der Wahrheit entsprechen, zu sagen, daß Sanders sich nicht freute. Sicherlich war er nicht beglückt über die Art und Weise, wie er zu dem Orden gekommen war. Aber er wußte ja, wie Regierungen handelten, und nahm es als Belohnung für all seine bisherigen Dienste. Schweigend ging er zur Residenz zurück. Hamilton schritt an seiner Seite.

»Übrigens habe ich eben eine Taubenpost vom oberen Strom erhalten. Bosambo ist zu den Ochori zurückgekehrt. Haben Sie eine Ahnung, wie er dorthin gekommen ist?«

»Ja«, sagte Sanders und lächelte grimmig. »Ich glaube, ich muß Bosambo in kürzester Zeit sprechen.«

Aber diesen Plan führte er nicht aus, denn am selben Abend kam ein Telegramm von Bob.

»Ihr Urlaub ist genehmigt. Hamilton wird während Ihrer Abwesenheit als Stellvertretender Distriktsgouverneur die Geschäfte führen. Ich schicke Leutnant Francis Augustus Tibbetts, um den Befehl über die Haussa-Abteilung zu übernehmen.«

»Wer, zum Teufel, ist Francis Augustus Tibbetts?« fragten Sanders und Hamilton zu gleicher Zeit.

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