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Bones in Afrika

Edgar Wallace: Bones in Afrika - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleBones in Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun. Auflage 1.-20. Tsd.
editorFranz Schrapfeneder
year1951
isbn3-442-06437-6
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectida43a8918
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Henry Hamilton Bones

Leutnant Tibbetts und Captain Hamilton waren böse aufeinander.

Bones mochte eine noch so korrekte Haltung annehmen und bei jeder möglichen und unmöglichen Gelegenheit salutieren und die Hacken zusammenklappen nach Art der Deutschen, er mochte steif und formell sein – es änderte nichts daran, daß Hamilton ihn geringschätzig behandelte.

Bones war beleidigt. Hamilton hatte sich ihm gegenüber benommen, wie es ein Kamerad nicht tun soll. Er sprach abfällig und grob von der Ausführung eines Auftrages, den Bones unglücklicherweise nicht richtig erledigt hatte. Oben im Akasavaland hatte M'bisibi, ein weiser Mann, das Erscheinen eines Teufelskindes vorausgesagt. Nach seinen Worten sollte es in einer Nacht geboren werden, wenn der Mond dicht über dem Fluß stand und Regen in den Wäldern fiel.

Das Kind sollte »Iwa« genannt werden, das bedeutet Tod. Und zuerst sollte seine Mutter sterben, dann sein Vater, und es sollte eine Plage für sein Volk und eine Pestilenz für seinen Stamm sein. Die Ernten würden verdorren, wenn es über die Felder ging, die Fische des Flusses würden sterben und mit dem Bauch nach oben den Fluß hinuntertreiben, und bis zu dem Tode Iwa M'fabas sollten die N'gombi-Isisi nichts als Mißgeschick und Unglück erfahren.

Das war die Weissagung M'bisibis, und seine Worte verbreiteten sich stromauf und stromab, denn er war ein alter Prophet und sehr geachtet, selbst von Bosambo, dem Oberhäuptling der Ochori.

Auch Hamilton hörte früh genug von dem Gerücht und entsandte Bones in größter Eile, um die Ankunft eines solchen Teufelskindes abzuwarten, das taktlos genug sein könnte, in einem derartig unglückbringenden Augenblick auf der Welt zu erscheinen, um die Weissagungen des M'bisibi zu erfüllen.

Bones aber war zum falschen Dorf gegangen, obwohl ihn sein Steuermann und sein Sergeant auf den Irrtum aufmerksam machten. Glücklicherweise war kein Kind dort geboren worden, wie man ihm glaubwürdig berichtete, so daß die Weissagung unerfüllt blieb.

»Das junge Leben würde auf Ihr Haupt kommen, wenn es anders wäre«, sagte Hamilton zu ihm.

»Jawohl, Sir!«

»Ich erzählte Ihnen nicht, daß es zwei Dörfer gibt, die Inkau heißen«, gab Hamilton zu, »weil ich nicht ahnen konnte, daß Sie so wenig intelligent wären, zu dem falschen zu gehen!«

»Nein, Sir«, stimmte Bones geduldig bei.

»Ich dachte, daß die Aufgabe, unschuldige Kinder zu retten, Sie zu regerer Tätigkeit anspornen würde!«

»Natürlich, Sir!«

»Ich habe mir aber jetzt eine Meinung über Sie gebildet!«

»Jawohl – Sie meinen, daß ich ein Esel bin, nicht wahr?«

Hamilton nickte nur, es war zu heiß, um zu sprechen.

»Das ist ja ein interessanter Schluß, zu dem Sie da gekommen sind«, sagte Bones nachdenklich. »Nicht ganz ohne Originalität, als Sie zum erstenmal diesen Gedanken hatten, aber wenn Sie mich immer wieder einen Esel nennen, so ist das – verzeihen Sie meine Kritik, Sir – etwas gemein, abgesehen davon, daß es dem Geist und Buchstaben der Armeevorschriften widerspricht.«

Dann verließ er seinen Vorgesetzten, ohne noch ein Wort hinzuzufügen. Drei Tage lang saßen sich die beiden beim Frühstück, Mittagessen und Abendbrot gegenüber, und keiner von ihnen sagte mehr als: »Darf ich Ihnen das Brot reichen, Sir?« – »Danke. Möchten Sie das Salz haben?«

Hamilton war so beschäftigt, daß er den ganzen Vorfall vergessen hätte, aber Bones ließ sich keine Gelegenheit entgehen, ihn daran zu erinnern, daß er sich tödlich beleidigt fühlte.

Eines Abends saßen sie nach dem Essen Seite an Seite auf der Veranda und tranken ihren Kaffee. Keiner sprach ein Wort, und die Sitzung hätte wahrscheinlich mit dem üblichen »Gute Nacht« geendet. Bones hätte vorschriftsmäßig gegrüßt und Hamilton ebenso vorschriftsmäßig gedankt. Aber es sollte anders kommen.

Eine Gestalt erschien im Dunkeln, überquerte zögernd den großen Exerzierplatz und kam schließlich mit schleppendem Gang durch den Garten zu der Veranda.

Es war ein kleiner, magerer Knabe, wie Hamilton in dem Halbdunkel erkennen konnte.

Der Junge war nackt wie ein Neugeborener und trug ein einzelnes Ruder in der Hand.

»O Knabe!« rief Hamilton. »Ich sehe dich!«

»Wanda!« antwortete der Junge, und es klang Furcht aus seiner Stimme. Er zögerte und besann sich, ob er davonlaufen oder sein verzweifeltes Unternehmen zum Abschluß bringen sollte.

»Komm zu mir herauf!« sagte Hamilton freundlich.

Er erkannte an dem Dialekt, daß der Besucher von weit kommen mußte. Der Knabe hatte sein altes Kanu eine Meile von der Residenz entfernt im Elefantengras am Ufer verborgen. Drei Tage und Nächte war er auf dem Strom unterwegs gewesen. Nun kam er in Furcht und Verwirrung auf die Veranda und stand auf dem glatten, ungewohnten Fußboden. Er war so verlegen, daß er mit den Zehen spielte.

»Woher und warum bist du gekommen?« fragte Hamilton.

»O Herr, ich komme von dem Dorf, in dem M'bisibi wohnt. Meine Mutter hat mich gesandt, weil sie für ihr Leben fürchtet, denn mein Vater ist auf einer großen Jagd. Ich heiße Tilimi-N'kema.«

»Erzähle weiter, Tilimi-N'kema, und sage mir, warum deine Mutter für ihr Leben fürchtet.«

Eine Zeitlang war der Junge ruhig. Offenbar versuchte er, sich wieder an seine Botschaft zu erinnern, die er wie ein kleiner Papagei gelernt hatte, um sie Wort für Wort zu wiederholen.

»So spricht die Frau, meine Mutter«, sagte er schließlich mit der monotonen Stimme aller kleiner Jungen, die etwas auswendig Gelerntes hersagen müssen. »An einem gewissen Tage, als es Vollmond war und in den Wäldern Regen fiel, so daß wir es alle in dem Dorfe hörten, hat meine Mutter ein Kind geboren, das mein eigener Bruder ist. Und, o Herr, weil sie sich wegen der Worte fürchtete, die der alte M'bisibi gesprochen hat, ging sie in den Wald zu einem Zauberdoktor. Dort kam das Kind zur Welt. Und es scheint mir besser«, sagte der Junge mit dem seltsamen Verständnis, das alle Eingeborenenkinder besitzen, denen die Geheimnisse des Lebens und des Todes nicht verborgen sind, »daß sie das tat, denn sonst hätte man das Kind geopfert. Als sie nun zurückkam und die Leute zu ihr sprachen, sagte sie, daß der Knabe tot sei. Das aber ist die Wahrheit, o Herr: Sie hat dieses Kind bei dem Zauberdoktor gelassen, und nun ...« Er zögerte wieder.

»Und nun?« wiederholte Hamilton.

»Nun, o Herr, sagte der Zauberdoktor – er heißt Bogolono –, daß sie ihm am Vollmond reiche Geschenke bringen muß, weil ihr Sohn, mein Bruder, das Teufelskind ist, das M'bisibi vorhergesagt hat. Und wenn sie ihm keine reichen Geschenke bringt, so will er das Kind zu dem Dorfe bringen. Und dann wird es zu Ende mit ihm sein.«

Hamilton rief seine Ordonnanz.

»Gib diesem Jungen zu essen!« sagte er. »Morgen wollen wir ein längeres Palaver abhalten.«

Er wartete, bis der Mann und sein Schutzbefohlener außer Hörweite waren. Dann wandte er sich zu Leutnant Tibbetts.

»Bones«, sagte er ernst, »ich denke, es wäre das beste, wenn Sie ohne großen Widerspruch nach dem Dorfe M'bisibis führen, die Frau aufsuchten und sie in Sicherheit brächten. Sie werden das Dorf jetzt kennen«, fügte er unnötigerweise hinzu. »Es ist dasselbe, das Sie das letztemal nicht finden konnten.«

Widerwillig verließ Bones die Veranda, ohne eine Antwort zu geben.

 

Bosambo schaute mit gekreuzten Armen auf die Gesandtschaft, die zu ihm gekommen war.

»Dies ist ein böses Palaver«, sagte er. »Denn es ist schon ein schlechtes Ding, wenn kleine Häuptlinge unrecht tun. Wenn aber sogar große Könige wie euer Herr Iberi hinter solchen Übeltaten stehen, so ist das sehr schlimm. M'bisibi, der dieses Teufelskind prophezeit hat, ist ein weiser Mann, wie wir alle wissen. Wenn er ein Mordpalaver abhält, wird Militini sehr schnell mit seinen Soldaten kommen, und dann wird es zu Ende sein mit den kleinen Häuptlingen und mit den großen Häuptlingen.«

»O Herr, so wird es sein«, sagte der Wortführer, »wenn nicht alle Häuptlinge im Lande brüderlich zusammenstehen. Und weil wir wissen, daß Sandi dich liebt, und ebenso Militini, und daß Tibbetti so freundlich zu dir ist wie zu seinem Bruder, so sprach M'bisibi dieses Wort: ›Geht zu Bosambo und sagt ihm, M'bisibi, der weise Mann, bittet ihn, zu einem großen, schrecklichen Palaver zu kommen, das wegen verschiedener Teufel abgehalten werden soll. Sagt ihm auch, daß großes Unglück über sein Land und über unser Land kommen wird, über sein Weib und die Weiber seiner Ratgeber, und über seine Kinder, wenn wir mit gewissen Teufeln nicht ein Ende machen.‹«

Bosambo saß nachdenklich da und stützte das Kinn auf die gekreuzten Fäuste.

»Es kann nicht sein«, sagte er dann. »Denn mag ich auch sterben und mögen sich alle diese merkwürdigen Dinge ereignen, von denen du eben sprachst, so darf ich doch keine ungesetzliche Tat tun, die in den Augen von Sandi, meinem Herrn, böse ist, und in den Augen der Männer, die er zurückgelassen hat, um das Gesetz zu erfüllen. Sage dies zu M'bisibi von mir: Ich glaube, daß er sehr weise ist und daß er die Geister versteht und Palaver über sie abhalten kann. Und sage ihm weiter: Wenn er Verwünschungen über meine Hütten ausspricht, dann werde ich mit meinen Speerleuten zu ihm kommen und ihn an seinen Ohren an einen hohen Baum hängen, obgleich er mit Geistern schläft und ganze Heere von Teufeln befehligt. Das Palaver ist aus.«

Der Bote brachte die Nachricht zu M'bisibi und ebenso zu den Häuptlingen und Ältesten, die im Palaverhaus versammelt waren. M'bisibi wußte, daß Bosambo das tun würde, was er sagte, und obgleich er alt und weise war, zitterte er, denn alte Leute schätzen das Leben mehr als junge. Dies ist allen Rassen und Farben gemeinsam.

»Bogolono, bringe das Kind herbei«, sagte er zu dem Mann, der an seiner Seite saß. Viele Ketten von Menschenzähnen hingen um seinen Hals, und um seine Augen hatte er Kreise aus weißer Asche gezogen. »Es soll nach dem alten Brauch geopfert werden, wie es in den Tagen unserer Väter und Vorväter war.«

Sie suchten einen Platz im Wald, wo vier junge Bäume an den Ecken eines ungefähren Quadrates standen. Mit kurzen Buschmessern schlugen die Leute alle jungen Zweige ab und ließen nur vier kahle Stämme übrig, von denen der Saft heruntertropfte. Mit großer Sorgfalt bogen sie die Spitzen der Bäume zur Erde, bis sie sich berührten. Dann schnitten sie die äußeren Spitzen ab, bis sie alle gleich waren. An den vier Enden befestigten sie Taue, eines für jeden Arm und für jedes Bein des Teufelskindes. Mit anderen Stricken wurden die Bäume in ihrer Lage festgehalten.

»Dieses ist der Zauber«, sagte M'bisibi. »Wenn der Mond diese Nacht voll ist, werden wir zuerst eine Ziege opfern, dann ein Huhn, und wir werden verschiedene Teile dieser Tiere in einem Feuer von weißem Harz verbrennen. Dann will ich geheimnisvolle Zeichen auf das Gesicht des Kindes und auf seinen Bauch machen und diesen Strick durchschlagen, so daß wir diesen Teufel nach den vier Ecken der Erde fortschleudern, damit er uns nicht länger schaden kann!«

In der Nacht kamen viele Häuptlinge: Iberi von den Akasava, Tilini von den kleinen Isisi, Efele (der Sturm) von den N'gombi, Lisu (der Seher) aus den inneren Gebieten. Aber Lilongo »Lilongo« ist abgeleitet von dem Wort »balongo« – Blut und heißt wörtlich: »Der, welcher Blutsfreundschaft bricht.«, wie sie Bosambo von den Ochori nannten, erschien nicht.

 

Zwei Stunden bevor das Opfer stattfinden sollte, erreichte Bones das Dorf und landete zwanzig Haussa-Soldaten mit einem kleinen Maschinengewehr. Das Dorf lag ruhig und friedlich da. Es waren keine Anzeichen irgendeiner Ungesetzlichkeit zu bemerken. Nur eins fiel ihm auf: Er sah nur alte Leute und Kinder. M'bisibi war eine Stunde weit – es mochten auch zwei oder vier sein – in den Wald gegangen, vielleicht nach Norden, Osten, Süden – niemand wußte es.

Die Lügen und Ausflüchte, mit denen die Leute seine Fragen beantworteten, machten ihn wütend. Er besichtigte die Wege und fand, daß das Volk alle drei Ausgangspfade aus dem Dorf benützt hatte.

Das Maschinengewehr sandte er an Bord der »Zaire« zurück, teilte seine Mannschaft in drei Abteilungen und schlug in Begleitung von zwölf Mann selbst den mittleren Weg ein. Eine Stunde lang marschierte er unter großen Anstrengungen vorwärts. Einmal verlor er den Pfad und fand ihn wieder. An einer Kreuzung mußte er seine kleine Schar noch einmal teilen.

Schließlich stolperte er ganz allein über den unebenen Boden in der Finsternis vorwärts, die er nur ab und zu durch seine elektrische Taschenlampe etwas erhellen konnte. Er ging auf einen schwachen Schein rötlichen Lichtes zu, das gerade vor ihm aufschimmerte.

M'bisibi hielt in seinen ausgestreckten Händen ein kleines, dickes Kind, das mit großen, erstaunten Augen ernst in die züngelnden Flammen schaute und zufrieden an seinem kleinen braunen Daumen lutschte.

»Seht dieses Kind, o ihr Häuptlinge und du Volk, das geboren wurde, wie ich es voraussagte, und das von Teufeln besessen ist!« sagte M'bisibi.

Das Kind wandte den Kopf, so daß der kleine, fette Hals ganz faltig wurde, und sagte »Ah!« zu dem Feuer. Es schien ihm zu gefallen, denn es lachte.

»Jetzt sprechen die Teufel aus ihm!« fuhr M'bisibi fort. »Aber gleich werdet ihr sie schreien hören, weil ich sie vernichtet habe!« Und dann ging er zu den vier Bäumen.

Zerkratzt und blutend lief Bones schnell hinter ihm her. Seine Uniform war an vielen Stellen zerrissen.

»Das ist das gesuchte Kind!«

Ungeschickt griff er nach dem Opfer M'bisibis.

Man stelle sich Bones mit dem Baby unterm Arm vor, das sich ungemütlich fühlte und unter seinem harten Griff schließlich fürchterliches Geschrei anstimmte.

»O Herr«, sagte M'bisibi, und atmete schnell, »was suchst du?«

»Das, was ich habe!« erwiderte Bones und wehrte ihn mit der schwarzen Mündung seiner Browningpistole ab. »Morgen wirst du dich wegen vieler Verbrechen zu verantworten haben!«

Er eilte schnell dem schützenden Wald zu, denn er ahnte die kommende Gefahr.

Er hörte das Gebrüll des alten Mannes.

»O Volk, dieser weiße Mann wird den Teufel auf unser Land loslassen!«

Ein Speer fuhr in Bones' Nähe in den Stamm eines Baumes, ein anderer folgte. Er hatte keine Soldaten bei sich, und diese Versammlung von Teufelsbeschwörern war wahnsinnig in ihrer Wut auf Tibbetti.

»Snick!«

Ein Speer traf Bones' Absatz.

»Mach deine Augen zu, mein Kleiner!« sagte er und feuerte in den Haufen der Verfolger hinein. Dann rannte er vorwärts über Wurzeln und umgefallene Bäume. Es ging ums Leben. Er fiel und taumelte, und sein kleiner Begleiter brüllte, als wenn er am Spieße steckte.

»Halt doch den Schnabel!« sagte Bones ungehalten. »Zum Donnerwetter, warum schreist du eigentlich so? Habe ich dir nicht das Leben gerettet, du undankbares Teufelsbalg?«

Ab und zu machte er halt, um einen Blick auf seinen phosphoreszierenden Kompaß zu werfen. Daß man ihn weiter verfolgen würde, wußte er, aber er hatte die zweifelhafte Genugtuung, daß er den Weg verloren hatte und sich mitten im Dschungel befand.

Dann hörte er aus der Ferne einen Schuß, dem mehrere andere folgten. Er lachte. Seine Feinde waren mit einer Abteilung seiner Haussa zusammengeraten.

Das Kind war vor Ermüdung in Schlaf gefallen – Babies waren doch furchtbar schwer. Diese Tatsache war Bones vorher nie zu Bewußtsein gekommen. Aus seinem Degengurt machte er eine Schlinge, so daß ihm das Tragen etwas leichter wurde. Er war jetzt beruhigter, denn er wußte, daß M'bisibis Leute aufgehalten worden waren. Eine halbe Stunde lang setzte er sich nieder und ruhte aus. Ein Leopard kam geräuschlos durch den Wald, man konnte ihn nur an den beiden grünen Lichtern erkennen. Bones fuhr in die Höhe und leuchtete dem erschrockenen Tier mit seiner Taschenlampe ins Gesicht. Es heulte vor Furcht auf und lief durch den Wald davon. Das Geheul weckte aber Bones' Schützling wieder auf. Das Kind war hungrig, brüllte und wollte nicht wieder schlafen, ohne Nahrung bekommen zu haben. Sein Pflegevater konnte ihm aber nichts geben. Er wiegte das wimmernde Kind auf seinen Armen.

»Der böse alte Leopard ist gekommen und hat mein Kind in der Nacht aufgeweckt«, sagte er leise zu ihm.

Die Spitze von Bones' kleinem Finger beruhigte schließlich das Baby wieder, obgleich das nur ein schwacher Ersatz für die Nahrung war, auf die es doch ein Recht hatte. Langsam weinte es sich in Schlaf.

Leutnant Tibbetts schaute auf seinen Kompaß. Er hatte festgestellt, daß die Schüsse östlich von ihm gefallen waren. Er ging aber nicht auf diese Richtung zu, da er fürchten mußte, mit seinen Feinden zusammenzustoßen, die jetzt nach dem Fluß gehen würden.

Zwei Stunden vor Tagesanbruch schlief er ein wenig ein. Plötzlich wurde er durch ein Zerren an seiner Nase geweckt. Er fuhr auf und setzte das Baby auf den weichen Boden. Dann stemmte er die Arme in die Hüften, klemmte das Monokel ins Auge und besah sich seinen unruhigen Gefährten.

»Warum zum Teufel machst du all diesen Unsinn?« fragte er entrüstet. »Sei doch etwas ruhig, du kleiner Schlingel. Übe dich ein wenig in anständigem Betragen, alter Kerl!«

Aber das kleine, dicke Kind auf dem Boden schrie in einem fort. Es protestierte gegen diese ungewohnte und unsachliche Behandlung.

»Vermutlich hast du Hunger«, sagte Bones verdrießlich und schaute hilflos umher.

Er durchsuchte seine Taschen und fand glücklicherweise ein Biskuit. In der Feldflasche hatte er noch eine halbe Tasse warmen Tee. Er fütterte das Kind mit eingetauchtem Biskuit und trank den Tee selbst.

»Man müßte dich eigentlich baden«, sagte er streng. Aber erst eine Stunde später kam er zu einem kleinen Waldteich, in dem er diese Prozedur vornehmen konnte.

Um zwei Uhr nachmittags – er konnte nur schätzen, weil seine Uhr stehengeblieben war – fand er einen Weg, auf dem er das Dorf noch vor Sonnenuntergang hätte erreichen können. Aber er verfehlte den Pfad wieder und entdeckte gleichzeitig, daß er seinen Kompaß verloren hatte.

Verzweifelt schaute er auf das wache Kind.

»Lieber, alter Waffengefährte«, sagte er traurig, »jetzt sind wir verloren.«

Das Baby lächelte.

»Darüber gibt's nichts zu lachen, du verrückter alter Esel!«

 

»O Herr, von Tibbetti weiß ich nichts«, sagte M'bisibi grämlich und mißgestimmt.

»Dann wirst du es lernen, bevor die Sonne schwarz wird«, erwiderte Hamilton. »Deine jungen Leute werden ihn finden, oder ich werde einen Baum für dich aussuchen, alter Mann, und du wirst schnell sterben, bei Iwa!«

»Ich habe nach ihm gesucht, o Herr!« sagte M'bisibi. »Alle meine Jäger haben den Wald durchstreift, aber sie haben ihn nicht gefunden. Aber hier ist ein kleines Teufelsding.« Er holte unter seinem Kleide Bones' Kompaß hervor. »Dies haben wir auf dem Wege entdeckt, der nach Inilaki führt.«

»Und das Kind ist bei ihm?«

»So sagen die Leute«, antwortete M'bisibi. »Aber ich weiß durch meinen Zauber, daß das Kind sterben wird. Denn wie kann ein weißer Mann, der nichts von kleinen Kindern versteht, es ernähren und pflegen? Aber«, verbesserte er sich sorgfältig, da er den Charakter des beabsichtigten Opfers hüten mußte, »wenn dieses Kind wirklich ein Teufelsbalg ist, wie ich glaube, wird es meinen Herrn Tibbetti an schreckliche Orte führen und selbst unverletzt zurückkehren.«

»Es wird dich an einen noch schrecklicheren Ort bringen«, sagte Hamilton bedeutungsvoll und schickte einen gewandten Kletterer in die Bäume, um einen Block an einem dicken Ast festzumachen und ein Seil anzubinden.

Dieses Mittel war so wirksam, daß der alte M'bisibi plötzlich sehr lebendig wurde. Signaltrommeln ertönten, und schnelle Boten machten sich von allen Dörfern auf die Suche. Jede halbe Stunde feuerte das Hotchkiß-Geschütz der »Zaire« einen lauten Schuß ab. Hamilton ging selbst in den Wald, aber sein Mut sank, als Stunde auf Stunde verging, ohne daß Nachricht von seinem Kameraden kam. »Ich sage dir dies, o Herr«, sprach der Dorfälteste, der ihn begleitete. »Ich denke, Tibbetti ist tot und das Kind auch, denn dieser Wald ist voll von bösen Geistern und wilden Tieren. Auch leben hier große, giftige Schlangen.«

Er zeigte geradeaus.

Sie hatten eine Lichtung erreicht. Hohes Gras wucherte üppig, überhängende Äste bildeten ein lauschiges Plätzchen. Große weiße Orchideen blühten, Schlingpflanzen zogen sich von Ast zu Ast und hielten die grünen Zweige in ihren Windungen fest.

Hamilton folgte der Richtung des Fingers. In der Mitte der Lichtung sah er eine lange, dunkelbraune Schlange mit lebhaft grünen und roten Flecken. Sie bewegte sich hin und her und zischte wütend.

»Großer Gott!« rief Hamilton und faßte schnell nach seinem Revolver. Aber bevor er ihn aus der Ledertasche nehmen konnte, hörte er einen scharfen Knall. Die Schlange zuckte auf, fiel wie ein Stein zurück und rollte durch das Unterholz auf den Boden. Gleich darauf erschien Bones. Er war in Hemdsärmeln und ohne Helm, hatte seine große Pfeife im Mund und kam schnell zwischen den Bäumen hervor, die Pistole in der Hand.

»Unnützer Bengel!« sagte er vorwurfsvoll, neigte sich nieder und nahm ein braunes Paket vom Boden auf. »Hat dir Papa nicht gesagt, daß du nicht so nahe an eine so große Schlange krabbeln sollst? Papa wird dir Prügel geben –«

Plötzlich sah er den verwunderten Hamilton, packte das Baby mit der linken Hand und salutierte mit der rechten. »Das Kind zur Stelle und in guter Ordnung, Sir!« meldete er dienstlich.

 

»Was werden Sie damit anfangen?« fragte Hamilton, nachdem Bones ein Bad genommen und mit ihm zu Abend gespeist hatte.

»Womit?« fragte Bones.

»Damit!«

Hamilton zeigte auf ein herumkrabbelndes, kleines Kind, das in diesem Augenblick freundlich zu Bones emporschaute.

»Was erwarten Sie denn, daß ich tun soll?« fragte Bones steif. »Die Mutter ist tot, und es hat keinen Vater – ich fühle eine gewisse Verantwortung für Henry.«

»Wer, zum Teufel, ist denn Henry?«

Bones stellte das Kind mit einer großartigen Handbewegung vor.

»Henry Hamilton Bones, Sir«, sagte er feierlich. »Das Kind des Regiments! Von mir adoptiert. Es soll einmal die Stütze meiner alten Tage werden!«

»Himmeldonnerwetter!« sagte Hamilton.

Er ging fort, um sich von diesem Schrecken zu erholen. Als er wiederkam, wurde er unfreiwilliger und ungesehener Zeuge einer häuslichen Szene. Denn Bones hatte das kleine dicke Wesen in seine eigene Gummibadewanne gelegt und säuberte es behutsam mit einem großen Scheuerlappen.

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