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Bones in Afrika

Edgar Wallace: Bones in Afrika - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorEdgar Wallace
titleBones in Afrika
publisherWilhelm Goldmann Verlag
printrun. Auflage 1.-20. Tsd.
editorFranz Schrapfeneder
year1951
isbn3-442-06437-6
translatorRavi Ravendro
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160517
projectida43a8918
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Das grüne Krokodil

1

Cala cala, vor langer Zeit, lebten sieben Brüder in der Bucht des grünen Krokodils. In jenen Tagen führte sie diesen Namen aber noch nicht, denn damals war das grüne Ungeheuer noch nicht vorhanden.

Die sieben Brüder hatten aber sieben Weiber, die Schwestern waren. Die Sage erzählt, daß diese sieben Frauen ihren Männern untreu waren. Als nun in einer Vollmondnacht die Brüder von einer Fahrt zurückkehrten, die sie durch die Wälder gemacht hatten, und von den bösen Taten ihrer Frauen erfuhren, banden sie die Schwestern zusammen, die Hand der einen an den Fuß der anderen, und warfen sie in den Strom. Kaum waren sie in den schwarzen Fluten verschwunden, als das Wasser unheimlich wirbelte und brodelte. Und an der Stelle, wo die treulosen Weiber versunken waren, erschien ein schreckliches Ungeheuer, so daß die sieben Brüder vor Furcht entflohen.

Es war ein grünes Krokodil mit einer langen, häßlichen Schnauze, kalten, bösen Augen und großen Füßen mit Klauen. Man sagte, daß die Frauen durch einen Zauber in dieses Ungetüm verwandelt worden seien, das in der Bucht am Fluß lebte, und viele Leute glaubten daran.

Sicher ist nur, daß dieses schreckliche Ungetüm lange Zeit hindurch sich seines Lebens freute, ohne daß ihm jemand nachstellte. Es war in unangefochtenem Besitz der flachen Sandbank, wo es seine Eier ablegte, und niemand störte es, wenn es sich an der sandigen Küste herumtrieb.

Alle Leute betrachteten es ehrfurchtsvoll und brachten ihm lebende und tote Opfer dar. Manchmal erschlug man auch einen oder mehrere Krüppel am Ufer und ließ sie als Fraß für das grüne Krokodil liegen. Wenn irgendwo in den umliegenden Dörfern ein Mord geschah, schaffte man den Toten zu der Bucht des grünen Krokodils, um die Spuren des Verbrechens zu verwischen. Die Eingeborenen achteten deshalb das Tier, und man sagte: »Sandi spricht nicht die Sprache des grünen Krokodils.«

Zuweilen entfernte sich M'zuba aus der Ruhe ihres stillen Verstecks und beteiligte sich an dem abenteuerlichen Leben auf dem großen Fluß. Eines Tages lag sie wieder dort; ihr ganzer Körper war im Wasser verborgen, nur ihre bösen Augen waren auf der Oberfläche zu sehen. Ein furchtsamer junger Rehbock kam gerade auf seinem Weg durch den Wald quer über die Pflanzungen zum Wasser. Von Zeit zu Zeit stand er lauschend still und zitterte bei dem leisesten Geräusch. Er schaute auf seinen Weg, kam einige Schritte vorwärts und suchte dann wieder ängstlich nach den Gefahren der grausamen Welt. Endlich erreichte er das Ufer, sah sich noch einmal um und neigte dann den Kopf, um zu trinken.

Schnell wie der Blitz fuhr das grüne Krokodil aus dem Wasser, schnappte zu und faßte den Kopf des Rehbocks. Erbarmungslos zog es das zarte Tier, das sich mit allen Kräften wehrte, in die Tiefe.

In der Mitte des Stromes fuhr ein kleines weißes Motorboot, und ein empörter junger Mann beobachtete diese Tragödie von der Kommandobrücke aus. Das grüne Krokodil versteckte seine Beute unter einem vorspringenden Felsen, sechs Fuß unter der Wasseroberfläche. In diese Höhle brachte es das große Tier und schloß mit seinen mächtigen Pranken den Eingang wieder durch Sand und Steine. Überaus zufrieden mit dem Erfolg, kam das grüne Krokodil wieder an die Oberfläche, um sich in der Bruthitze der Morgensonne zu wärmen.

Es betrachtete die umliegende Welt, die niedrige Küste, den heißen, blauen Himmel, und es sah auf dem Fluß, der breit und ruhig dalag, ein merkwürdiges, weißes großes Ding, das vorher schon oft dampfend vorbeigefahren war.

Und das war das letzte, was seine Augen erblickten. Denn Bones zielte auf der Kommandobrücke der »Zaire« mit seinem Schnelladegewehr nach ihm und drückte ab. Von einem Explosivgeschoß in den Kopf getroffen, sank M'zuba in einem Wasserwirbel unter.

»So sollen alle bösen Krokodile zum Teufel gehen!« rief Bones, der sehr mit sich selbst zufrieden war, und stellte das Gewehr wieder auf den Ständer.

»Zum Kuckuck, was schießen Sie denn schon so früh am Morgen?« fragte Hamilton.

Er trat in seinem Pyjama heraus, einen Tropenhelm auf dem Kopf. Seine Moskitoschuhe reichten bis zu den Knien.

»Ein Krokodil, Sir!« sagte Bones.

»Warum verschwenden Sie gute Munition auf so gemeine Tiere? War es denn etwas Besonderes?«

»Ein unheimlich großes Ding!« sagte Bones begeistert. »Etwa fünfzig Fuß lang und so grün wie ...«

»Grün?« wiederholte Hamilton schnell. »Wo sind wir denn eigentlich?« Er schaute schnell auf die Küste, um sich zu orientieren. »Hoffentlich haben Sie nicht M'zuba getötet!«

»Ich kenne Ihren Freund nicht beim Namen, aber warum sollte ich ihn denn nicht totschießen?«

»M'zuba ist eine Art heiliges Krokodil, Sie verrückter Esel!«

»Dann war sie niemals so heilig wie jetzt, Sir, denn sie fliegt augenblicklich im Krokodilhimmel umher«, sagte Bones redselig. »Denn ich bin einer von diesen todsicheren Schützen – wenn ich nur einen Blick auf ein Tier richte –«

»Setzt sofort das Kanu auf den Fluß und laßt den Heizer nach dem grünen Krokodil tauchen!« sagte Hamilton zu seiner Ordonnanz. Denn ein totes Krokodil sinkt unweigerlich auf den Grund, und man kann es nur entdecken, wenn man danach taucht.

Nach langen Anstrengungen brachten sie das Tier an die Oberfläche, und Hamilton seufzte.

»Es ist tatsächlich M'zuba!« sagte er verzweifelt. »O Bones, was haben Sie wieder angestellt!«

Bones sagte nichts. Er ging schweigend zum Achterdeck und zog die blaue Fahne auf halbmast. Glücklicherweise bemerkte Hamilton diese Unverschämtheit erst viel später.

Hamilton konnte seine Leute nicht zusammenrufen und ihnen über das grüne Krokodil und sein unzeitiges Ende Schweigen auferlegen, ohne dadurch die voreilige Tat des Leutnants Tibbetts noch zu verschlimmern. Der einzige Ausweg blieb nur, den Tod M'zubas als eine Sache zu behandeln, die jeden Tag vorkommen kann und über die man sich weiter nicht beunruhigt. Als er beim ersten Dorf anlegte, kam eine traurige Abordnung zu ihm, zu der auch ein Häuptling und ein beleidigter Zauberdoktor gehörten, und beklagte das Mißgeschick. Aber Hamilton tat die Sache großzügig ab.

»Was hat es zu sagen, ob in diesem großen Strom ein Krokodil mehr oder weniger lebt?« fragte er.

»Herr, dies war kein Krokodil«, begann der Zauberdoktor, »es war ein von uns verhexter Geist, und es war unser Ju-Ju seit vielen Jahren. Es brachte uns große Ernten und ein gutes Wetter, weil wir es gut hielten. Und es hat alle Krankheiten und Teufel aufgefressen, die zu unseren Dörfern kamen. Jetzt aber werden wir großes Unglück erleiden.«

»Bugobo«, sagte Hamilton, »du sprichst wie ein Verrückter. Denn wie kann ein Krokodil, das nur im Wasser lebt und alt und böse ist, einem Volk Glück bringen? Es hat Frauen und Kinder gestohlen und war gefährlich für eure Ziegen.«

»Wie kann der Strom fließen, o Herr?« entgegnete der Mann.

»Und er fließt doch!«

Hamilton dachte einen Augenblick nach.

»Ich sage euch dies, und ihr sollt es allen Leuten mitteilen, die euch fragen. Ich werde durch meinen Zauber ein anderes grünes Krokodil zu diesem Strom bringen, das größer und schöner ist als M'zuba, und es soll ein Ju-Ju für alle sein.«

»Nun ist es Ihre Pflicht, auf die Suche zu gehen«, sagte er zu Bones, als sich die Abordnung entfernt hatte, »und schnell ein schönes, ansehnliches Krokodil für das alte herbeizuschaffen, das Sie so leichtsinnig getötet haben!«

Bones verging der Atem. »Sir, lieber Sir«, sagte er schwach, »die Gebräuche und Gewohnheiten der hiesigen Fauna kenne ich durchaus nicht. Ich will Ihnen ein Krokodil fangen mit dem größten Vergnügen, obgleich, soviel ich weiß, in den Dienstvorschriften nichts davon steht, daß es zu den Pflichten eines Offiziers gehört, Krokodile zu fangen.«

Hamilton kümmerte sich wenig um einen Ersatz für den früheren Bewohner der Bucht, bis er erfuhr, daß man seine Worte sehr ernst nahm und daß man am ganzen Fluß davon sprach, daß bald ein neues Krokodil kommen werde.

Dies ist eine Tatsache, die durch offizielle Bestätigung erhärtet wird. Obwohl die »Berichte über die Territorien« keine Notiz von Geistern, Gespenstern und anderen okkulten Dingen nehmen, sondern sich mit weltlichen Angelegenheiten beschäftigen, z. B. ob die Ernte gut ausgefallen und die Disziplin unter den Stämmen gut sei, machten sie doch in jenem besonderen Jahr eine Ausnahme und waren für Hamilton und für den Gouverneur in seinem fernen Steinhaus eine böse Lektüre.

Die Ernten waren im ganzen Land gut geraten, so daß Hamilton schon die Folgen fürchtete, denn die Männer kämpften lieber mit vollen Speisekammern als ohne solche. Nur in der unmittelbaren Nähe der Bucht hatte es eine Mißernte gegeben. Auch die Fische, die sonst ihren Aufenthalt hier hatten, setzten es sich in den verrückten Kopf, in entfernte Gewässer abzuwandern. Hier zeigten sich also die Folgen von Bones' Mordtat in höchstem Grade. Die Kartoffeln waren schlecht, die Maisernte war aus irgendeinem Grunde mager ausgefallen, und es traten drei unerwartete Fälle von Schlafkrankheit in einem inneren Dorf auf, die von Wahnsinn begleitet waren. Um aber alles Unheil zu krönen, kam einer jener plötzlichen Stürme, die über den Strom dahinfegten, über das Dorf, und die Blitze schlugen in die Hütten ein.

»Mein Sohn«, sagte Hamilton zu Bones, als er diese Neuigkeiten erfuhr, »Sie müssen sich nun beeilen, ein neues grünes Krokodil zu finden.«

So zog denn Bones mit dem Motorboot aus und ließ Hamilton mit der schwierigen Aufgabe zurück, eine natürliche Erklärung für all die entsetzlichen Ereignisse zu geben, die über das unglückliche Volk gekommen waren.

Grüne Krokodile sind sogar in dem Großen Strom selten, obwohl er eine halbe Million anderer Arten aufweist. Denn die grüne Farbe ist nach allgemeiner Ansicht sowohl ein Anzeichen für Alter als auch für menschenfresserische Neigungen.

Wenn das grüne Krokodil auch an jener Bucht sehr verehrt werden mochte, so dehnte sich die Achtung doch nicht auf andere Gebiete aus, wo die grünen Tiere herausgesucht und schon in früher Jugend getötet wurden. Bones brachte sieben aufgeregte Tage mit Jagen und Lassowerfen zu. Manchmal mußte er auch auf große Reptile schießen, um sich selbst zu verteidigen. Aber seinem Ziel kam er nicht näher.

»Ahmet«, sagte er endlich verzweifelt, »anscheinend gibt es in diesem großen Fluß keine grünen Krokodile.«

»O Herr, es gibt schon einige«, gab der Mann zu, »denn die Leute töten sie wegen ihres bösen Einflusses.«

In jedem Dorf erfuhr Bones Neuigkeiten, die sein Herz erfreuten. Einige Leute hatten immer solch ein Ungeheuer gesehen. Es lebte entweder in einem Teich oder hauste in einer Bucht und war gewöhnlich nur im Kanu erreichbar. Bones wartete dann an dem angegebenen Platz, rauchte wütend, versteckte seine Köder in dem dichten Gebüsch oder ließ eine am Ufer angebundene Ziege einladend meckern. Aber niemals sah er auch nur einen Schimmer von einem grünen Krokodil. Es gab gelbe, graue, sandfarbene und dunkelbraune Tiere, aber es tauchte keine Färbung auf, die man auch nur annähernd als grün bezeichnen konnte.

Dringende Botschaften erreichten Bones. Die »Zaire« selbst kam mit Abibu den Strom herauf und brachte ihm einen Brief voller Schmähungen, denn Hamilton konnte sich nicht mehr retten vor den außerordentlichen Kundgebungen, die er jeden Tag über die Macht des getöteten Ungeheuers erhielt. Bones sandte den Sergeanten in dem Motorboot mit einer aufsässigen Antwort zurück und übernahm selbst die ihm viel angenehmere »Zaire«.

»Es gibt nur noch einen Ausweg«, sagte er zu sich selbst, »ich muß den guten alten Bosambo fragen.«

Er richtete die Spitze des Schiffes nach dem Ochoriland und erreichte am zweiten Tage die Stadt.

»O Herr«, sagte Bosambo leichthin, »ich habe Krokodile zu Tausenden.«

»Auch grüne?« fragte Bones ängstlich.

»Von jeder Farbe – blaue oder grüne oder rote, sogar goldene Krokodile habe ich in meinem herrlichen Fluß. Aber sie werden viel Geld kosten, denn sie sind sehr schlau, und meine Krokodiljäger sind unabhängige Leute, die es nicht nötig haben, zu arbeiten.«

Bones stoppte schnell die Flut seiner Beredsamkeit.

»O Bosambo«, sagte er, »es gibt kein Geld für dieses Palaver. Aber ich muß ein grünes Krokodil haben, denn das böse Volk der unteren Isisi behauptet, ich hätte einen Zauber auf sein Land gelegt, weil ich das grüne Krokodil M'zuba erschoß. Solch ein Krokodil muß ich wieder haben, bevor der Monat zu Ende geht. Mein Herr Militini hat mir mächtige Botschaften deshalb gesandt.«

Das war eine andere Sache, und Bosambo schaute zweifelnd drein.

»O Herr, welche Art von Grün war es denn? Ich habe M'zuba nie gesehen.«

Bones sah sich um. Aber weder die Bäume im Umkreis noch der Rasen unter seinen Füßen, noch das Elefantengras, das an dem Flusse wuchs, noch die jungen Isisipalmen zeigten das richtige Grün. Und doch war es notwendig, genau denselben Farbton wieder herbeizuschaffen. Er sah alle seine Bücher, sein und Hamiltons Besitztum durch, um die Farbe zu finden. Unter Hamiltons Sachen entdeckte er einen Pyjama, dessen Streifen ungefähr dem Grün entsprachen, aber die gesuchte Tönung nicht ganz trafen.

»O Ahmet«, sagte Bones endlich verzweifelt, »gehe zu dem Lagerverwalter und lasse ihn alle Farben bringen, die er hat, damit ich Bosambo eine bestimmte Farbe zeigen kann.«

Sie fanden die genaue Nuance schließlich an einem Zehn-Pfund-Emailleeimer.

Bosambo dachte lange nach. »O Herr«, sagte er dann, »ich glaube, ich weiß, wo ich ein Krokodil finden kann, wie du es brauchst.«

Spät in der Nacht kam Bones zu einem langen und ernsten Palaver in Bosambos Hütte, und eine Stunde vor Tagesanbruch brach er mit Bosambo und seinen Jägern auf. Er wurde zu einer gewissen Bucht im Ochoriland gerudert, die wegen der Größe und Stärke ihrer Krokodile bekannt war.

2

Zweifellos hatte Hamilton eine schwierige Aufgabe zu lösen. Obwohl sich der Kummer, den er stillen mußte, auf dies eine Gebiet beschränkte, über dem der Geist M'zubas waltete, gab es doch viele Mitfühlende, die die Ereignisse ebenso bitter empfanden wie die Beteiligten selbst. Downing Street nannte das »lokale religiöse Gebräuche«.

Ein unerlaubtes Palaver wurde in dem Wald abgehalten, an dem sich die Akasava und die N'gombi beteiligten. Späher brachten die Nachricht zu Hamilton, daß die kleinen Zauberdoktoren durch die Dörfer gingen und Geschichten von Verwüstungen erzählten, die als Folge von M'zubas Tod auftraten.

Hamilton bereitete dem Palaver ein jähes Ende. Zwanzig Soldaten und ein Maschinengewehr waren ungebetene Gäste bei dieser Versammlung, und die Teilnehmer zogen sich verwirrt zurück. Die Haussa fingen zwei Zauberdoktoren. Einen ließ Hamilton vor aller Augen auspeitschen, den anderen schickte er für zwölf Monate in das Dorf der Ketten.

Die ganze Zeit über sprach er von dem neuen grünen Krokodil, welches er durch seine Zauberkraft herbeirufen würde und welches sicherlich in dem Teich erscheinen würde, mit einem Bein an einen Pfahl gebunden, damit es alle Leute sehen könnten.

Er gründete (ganz ohne sein Zutun) eine Sekte der Verehrer des neuen grünen Krokodils. Es bedurfte nur noch der körperlichen Gegenwart seiner neuen Gottheit, um die wenigen mißtrauischen Gefühle völlig auszutreiben, die noch vorhanden waren.

Tag um Tag verging, aber es kam keine Nachricht von Bones. Captain Hamilton verfluchte ihn und seine Verwandten und die ganze Grausamkeit des Geschicks, die Bones unter seinen Befehl gebracht hatte.

Aber eines Morgens, als Hamilton noch schlief, erschien der Müßiggänger wieder. Stolz und triumphierend kam er zurück. Er schlich sich so leise in das Dorf, daß ihn nicht einmal die Haussa-Schildwache hörte, die vor Hamiltons Hütte schlummerte. Flüsternd gab er seine Anordnungen und landete seine ungewöhnliche Last. Eine große, mit einem Lasso zugebundene Schnauze und gefesselte Füße kamen zum Vorschein. Der mächtige Schwanz des Tieres war fest zwischen zwei Bretter geklemmt (für diese hervorragende Idee war Bones verantwortlich). Dann ging Leutnant Tibbetts zu der Hütte seines Vorgesetzten und weckte ihn auf.

»So, Sie sind hier?« sagte Hamilton.

»Ja, ich bin hier«, antwortete Bones zitternd vor Stolz, so daß Hamilton sofort wußte, daß er Erfolg gehabt hatte. »Gemäß Ihren Befehlen, Sir, habe ich das grüne Krokodil gefangen. Es ist von ungeheurer Größe und viel höher als Ihre verewigte Freundin. Nach Ihren Befehlen, die mir in einem Brief übersandt wurden, datiert vom 23. dieses Monats, habe ich es am rechten Bein in der Nähe des Teiches befestigt. Wenigstens war es befestigt«, fügte er vorsichtig hinzu, »aber infolge gewisser technischer Schwierigkeiten entschlüpfte es den Ketten und wälzt sich nun in seinem angeborenen Element.«

»Sie waren nicht faul, Bones – wie?« fragte Hamilton, der aufgestanden war und sich ankleidete.

»Vollkommen wahr und richtig, Sir, ich war nicht faul«, sagte Bones steif. »Geben Sie mir irgendeine Aufgabe, und mit Hilfe des netten, alten Bosambo –«

»Hat Bosambo Ihnen beigestanden?«

Bones zögerte. »Er hat mir viel geholfen«, sagte er, »aber die eigentliche Idee hatte sozusagen ich.«

Hamiltons Trommeln riefen die Bewohner der umliegenden Dörfer zu dem Palaverhaus zusammen. Die Neuigkeit war aber schon durch das kleine Gebiet gesickert, und es versammelte sich eine große Menge, die begierig auf die Botschaft wartete, die Hamilton zu verkünden hatte.

»O Volk«, sagte er, »alles, was ich euch versprochen habe, ist nun erfüllt. Schaut jetzt in den Teich, denn ihr sollt mit mir das Wunder sehen – ein größeres Krokodil als M'zuba wird nun hier wohnen, ein mächtiger, segensreicher Geist, der eure Ernten beschützen und so wie M'zuba sein wird, ja noch besser. All dies habe ich für euch getan.«

»Der Herr Tibbetti hat es für euch getan«, soufflierte Bones heiser.

»All dieses habe ich für euch getan«, wiederholte Hamilton, »weil ich euch liebe.«

Er führte sie den Weg durch die breite, weitläufige Pflanzung zu dem großen Teich, der in einer engen Bucht beginnt, die vom Fluß herführt und im Osten des Dorfes breiter wird.

Alle standen und beobachteten das stille Wasser, aber es ereignete sich nichts.

»Können Sie ihm pfeifen oder sonst etwas tun, damit es heraufkommt?« fragte Hamilton.

»Sir«, sagte Bones entrüstet, »ich bin kein Krokodilzähmer – ich erfreue Sie zwar gern und bin auch in Redekünsten erfahren, aber ich hatte noch nicht das Vergnügen, im Lauf einer Woche ein Krokodil zu veranlassen, mir auf den Füßen zu folgen.«

Aber Eingeborene sind geduldig.

Sie standen und schwatzten und betrachteten die unbewegte Wasserfläche eine halbe Stunde lang. Dann kam plötzlich freudige Bewegung in die Menge.

Das neue Krokodil wurde sichtbar. Es bewegte sich langsam auf eine Sandbank zu, die sich mitten im Teich über dem Wasser zeigte. Zuerst ragte seine Schnauze aus dem Wasser, dann kam der ganze, lange Körper zum Vorschein. Hamilton verging fast der Atem.

»Großer Gott, Bones!« flüsterte er verwirrt, und sein Erstaunen fand ein tausendfaches Echo.

Und es war auch Grund vorhanden, sich über dieses Schauspiel zu wundern, das der selbstzufriedene Bones ihm darbot.

Denn dieses große Reptil schillerte in einem so lebendigen Grün, daß es die Farben des Waldes in den Schatten stellte. Mitten über seinen breiten Rücken lief eine Zickzacklinie in Orange.

»Oho!« pfiff Hamilton, »das sieht nach etwas aus!«

Die Beifallsäußerungen des Volkes waren unverkennbar. Das Krokodil aber wandte seinen häßlichen Kopf, und Bones schien es einen Augenblick, als ob seine Augen ihn giftig anschauten. Später gab er zu, daß ihn ein panischer Schrecken erfaßte.

Mit einem bösen »Wuf!«, gleich dem hundertfach verstärkten grollenden Bellen eines Hundes, glitt es in das Wasser zurück und verschwand in der Bucht.

»Das haben Sie großartig gemacht, Bones – einfach großartig!« sagte Hamilton und klopfte ihm auf die Schulter. »Wirklich, Sie sind ein Teufelskerl!«

»Keineswegs, Sir!«

Bones speiste auf der »Zaire« und beantwortete nur einsilbig die Fragen, die Hamilton wegen der Suche und des Aufenthaltsortes dieses wunderbaren Tieres an ihn richtete. Nach dem Essen, als sie in der Dämmerung ihre Zigarren rauchten und die »Zaire« ihren Weg zur Küste nahm, gab Bones seinen Gedanken Ausdruck.

Aber merkwürdigerweise handelte das Gespräch weder direkt noch indirekt von seiner Entdeckung.

»Wann wurde eigentlich das Boot zuletzt neu gestrichen?« fragte er.

»Ungefähr sechs Monate vor Sanders' Abreise«, erwiderte Hamilton überrascht. »Wie kommen Sie darauf?«

»Ach, ich meinte nur so, Sir!« sagte Bones und pfiff eine flotte Melodie. Dann kehrte er wieder zu seinem Thema zurück.

»Ich fragte nur, weil sich doch die Emaillefarbe in den Kabinen und auch sonst sehr gut gehalten hat.«

»Ja, sie ist wirklich dauerhaft«, gab Hamilton zu.

»Wissen Sie, das Grün in dem Baderaum ist direkt schön – ob es auch haltbar ist?«

»Sie meinen die Emaillefarbe?« fragte Hamilton lächelnd.

»Sicher! Ich verstehe zwar nicht viel von solchen Dingen, Bones, aber ich glaube, daß sie noch ein weiteres Jahr hält, ohne daß man die geringste Abnutzung merkt.«

»Ist sie auch wasserbeständig?« fragte Bones nach einer langen Pause.

»Wie?«

»Ich meine, ob sie nicht verderben wird, wenn man viel Wasser darauf schüttet?«

»Deshalb hat man doch gerade das Badezimmer damit angestrichen«, sagte Hamilton. »Aber warum fragen Sie eigentlich?«

»Ach, es interessierte mich bloß.« Bones schaute gleichgültig zu den Sternen auf, die vom Himmel herableuchteten – aber innerlich grinste er.

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