Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Emmy Hennings >

Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Das Spiel um Mitleid

Von einem berühmten italienischen Dichter las ich einmal, daß er sich unkenntlich machte und als Bettler verkleidet zu seiner Schwester kam, um ihr in bewegten Worten den eigenen, plötzlichen Tod mitzuteilen. Warum er diese Komödie aufführte? Er wünschte den Schmerz und die Trauer zu entdecken. Er wollte wissen, sehen, wie sehr er geliebt wurde. Er genoß den Schreck, der sich auf dem Gesicht der Schwester zeigte. Nicht einen Augenblick dachte er daran, welch grausame Probe er seiner Schwester zumutete. Weit davon entfernt, die Bestürzte zu trösten, war er geneigt, die Tränen zu zählen, die aus ihren Augen fielen. Jeder Ausruf des Schmerzes um den verlorenen Bruder befriedigte, entzückte ihn. Ja, bitte, verzweifle nur, mein einzigartiges Leben ist dahin. Weine, weine über meine verlorenen, unwiederbringlichen Tage.

Wie gut ich diesen Dichter verstand, da ich vom selben Verlangen erfüllt war. Nun konnte ich mich freilich nicht wie dieser »Totenspieler« unkenntlich machen, doch suchte ich mich auf andere Weise so gut es ging zu maskieren. Eine Zeitlang war ich bemüht, mit den stärksten Mitteln die Aufmerksamkeit meiner Mutter zu erregen, indem ich mich mehrmals in der Mittagsstunde einfach tot stellte. Ich wünschte den Anschein zu erwecken, vom kleinen Schlaf in den großen gefallen zu sein. Vom heimlichen Herzschlag abgesehen, gelang es mir schon, die ungefähre Stille einer Leiche aufzubringen, aber selbstverständlich 115 konnte ich mit der Blässe und Kühle einer Leiche nicht konkurrieren. O, wie ich mich über meine Unbegabtheit grämte! Es fiel Mutter gar nicht ein, verzweifelt die Hände zu ringen. Statt sich in wildem Schmerz aufgelöst vor dem Sofa, auf dem ich lag, in die Knie zu werfen, begnügte meine Mutter sich damit, mich an der Schulter zu rütteln: »So wach doch auf, Helga, du mußt in die Schule.«

Am liebsten hätte ich heftig erwidert: »Kann man das von einer Leiche verlangen? Siehst du denn nicht, daß ich tot bin? Ich brauche Rosen und Tränen. Ich brauche ein Schneewittchenkleid und, wenn es nicht zu kostspielig ist, sieben Lotosblüten für mein Haar. Legt mich in einen gläsernen Sarg, damit ihr immer sehen könnt, was ihr verloren habt.«

So sehr ungefällig wollte ich nicht sein. Ein Stückchen vergifteten Apfel hätte ich im Munde haben mögen, der mir bei einer kleinen Erschütterung des Sarges hätte aus dem Munde fallen müssen, aber nicht vor Ablauf eines Monats. Vor allem mußte Rebekka sich gründlich über mich ausgeweint haben, bevor ich mich entschloß, ins Leben zurückzukehren. Seltsam waren die Augenblicke, in denen ich, einsam, alles in der Hand zu haben glaubte. Indessen blieben meine besten Todesabsichten ohne Erfolg, und kein Mensch ahnte, wie sehr ich mich dabei anstrengte.

Es mochte wirksamer sein, mit irgendeinem Gebrechen behaftet zu sein. Einen Tag lang spielte ich vergeblich die Taubstumme, aber als man dringend eine Erklärung dieses sonderbaren Benehmens verlangte, fand ich nur die treffliche 116 Ausrede, daß man ja Rechenschaft geben müsse von jedem unnützen Wort, das man rede, und ich wolle probieren, mich ohne Worte verständlich zu machen. Nur singen wollte ich heimlich in der Dachkammer, damit Zunge und Kehle nicht völlig aus der Übung kamen. Gerade an jenem stummen Tag entdeckte ich im Krämerladen einen allerliebsten, kleinen Käfer, der sich doch auf dem Salzsack sicherlich nicht wohl fühlen konnte. Dieses niedliche Lebewesen, das ein rotes Flügelmäntelchen hatte mit schwarzen Pünktlein, nahm ich behutsam in die Hand und trug es auf Schlichtings Wiese, wo ich es fliegen ließ. Im selben Augenblick vergaß ich auch das Gelübde zu schweigen, aber das Käferlein verstand ja nicht, was ich sang:

Gotteskäfer fliege,
Dein Vater ist im Kriege.
Die Mutter ist im Pommerland,
Und Pommerland ist abgebrannt.
Gotteskäfer fliege . . .

Eine Schulkameradin, die beneidenswerte Ida Oppermann, hatte das Bein gebrochen, war ins Spital gefahren worden und lag jetzt da, wie man zwei Tage lang sagte, schwebend zwischen Tod und Leben. Das hätte ich nun meinerseits sehr zu würdigen gewußt, aber Ida sorgte sich lediglich darum, eventuell ihr Lebtag hinken zu müssen, während sie die Fürsorge der Eltern, Geschwister, Ärzte und Krankenschwestern kaum beachtete. Da ich sie besuchen durfte und neben ihrem Bett ein Nachtschränkchen mit gläserner Tischplatte sah, auf der eine Vase mit Narzissen stand, konnte 117 ich nicht umhin zu bemerken: »Würde man mir nur einmal solche Blumen bringen, dafür würde ich ja gerne viele Jahre lang hinken, sogar auf beiden Beinen, wenn's möglich wäre.« Wie sich leicht denken läßt, wurden mir solche Redensarten als eine Art Frivolität ausgelegt, die erschreckend wirkte. Die wunderbar duftenden Blumen waren lediglich für Ida von solch schluchzender Blässe, und einzig und allein für sie, für das kranke Mädchen, erblüht. Ich aber sah ein, daß ich es wohl niemals zu einem Strauß Narzissen bringen würde, zu solch reizenden Blumen, hinter denen sich das Mitleid, die Anteilnahme verbarg. Es ließ sich nichts erzwingen, und da ich bereit war, das Spiel aufzugeben, konnte ich dennoch nicht davon lassen.

In der Schule rechnete ich so schlecht wie möglich, was mir ja ohnehin nicht schwer fiel. Eines Tages aber verstieg ich mich zu einer Gipfelleistung. Der Lehrer, der genau wußte, wie wenig ich wußte, fragte mich eines Morgens nicht ohne Ironie, ob ich ihm sagen könne, wieviel zweihundert und zweihundert seien. Im künstlich milden Ton antwortete ich: »zweihundert und zweihundert sind einhundert.«

Ich hoffte, er würde durch solche Antwort alle Bemühungen aufgeben, mir das Rechnen beibringen zu wollen. Er sagte aber nur, ich möchte meine Bücher zusammenpacken und mich unverzüglich zu Herrn Johannsen, eine Klasse tiefer begeben. Das war freilich eine Entscheidung, die ich nicht hatte voraussehen können. Um alles in der Welt nicht hätte ich mich der Beschämung ausgesetzt, in die andere Klasse einzutreten und dort zu sagen, wie es mit mir stand. Was tat ich? 118 Ich holte mir eine Schachtel Schuhcreme und zwei weiße Semmeln mit dem Bemerken, meine Mutter würde das später zahlen, packte Schuhcreme und Brot in die Schulmappe und begab mich an den Strand, nahe dem Buchenwald, wo ich mich ungestört niederließ, um mich meinen trüben Gedanken hinzugeben.

Das Brot duftete so gut, und ich aß weiße Semmel so sehr gerne. Man konnte mir wohl nicht übel nehmen, daß ich mir als letzte Mahlzeit weiße Semmel geleistet hatte. Ich bestrich sie ja mit dieser giftigen Schuhcreme. Es schmeckte gräßlich, aber ich würgte tatsächlich alles herunter. Es war wirklich nicht einfach, so ganz und gar ohne Zeugen zu sterben, nur ein wenig begleitet vom leichten Schlag der Wellen. Was wußten die Wellen von mir? Nichts, gar nichts. Vater, Mutter, Rebekka, der Lehrer, Doris, Martha, alle meine Schulfreundinnen, die wußten doch alle nicht, wie ich mich jetzt fühlte. Es ging jeder allein auf seinen zwei Beinen, und im Grab konnte der eine den anderen nicht küssen. Es war eine Einsamkeit sondergleichen auf der Welt. Dabei hatte der liebe Gott noch gesagt: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gesellschaft geben, die mit ihm sei. Wie die Gesellschaft beschaffen sein sollte, darüber hatte er sich nicht verlauten lassen, sich ausgeschwiegen. Nun, er mußte Bescheid wissen. Wie leicht, es war sogar höchst wahrscheinlich, konnte mir was Schlimmes im Leben begegnen. Warum tröstete, warum umarmte man mich nicht zum voraus? Das würde mir ja eine ungeheuerliche Kraft gegeben haben und ich wäre vielleicht eine Stütze der Gesellschaft 119 geworden, wie Rebekka Stütze der Hausfrau werden wollte. Jetzt aber war alles zu spät, die Schuhcreme war gegessen und der Rest war Schweigen.

O, dieser widerwärtige Geschmack im Munde, und dann dieses Würgen im Magen oder in der Seele. Es war völlig gleichgültig wo. Alles schmerzte wie in einem unbekannten Land. Dieses Elend war danach angetan, einen Ausflug aus sich selber zu machen. Dann wieder mußte ich ein wenig bei der Sache bleiben, nämlich bei mir selbst. Für alle Fälle wusch ich mir die Lippen, das Gesicht mit dem Salzwasser, denn man wollte doch leidlich sauber diese Welt verlassen. Hätte ich doch Rebekkas Taschenspiegel bei mir gehabt, um zu sehen, ob meine Lippen sauber waren. Man mußte doch wenigstens eine einigermaßen anständige Leiche abzugeben wissen. Warum nur brachte ich es nicht so weit? Lag es jetzt an der Schuhcreme oder an mir? Bis zur Ermüdung, bis zur völligen Resignation dachte ich über diese eine Frage nach, bis ich endlich in der Abendstunde ausgelaugt, taub und leer heimwärts ging, wo Schelte und Schläge an mir anprallten, als wäre ich aus Stein. Es war nichts zu machen. Ich hatte wohl keine Begabung zu sterben. Ich konnte viel aushalten, sehr viel, und damit mußte ich mich abfinden.

Ich wollte nicht mehr aufs Ganze gehen. Ich wollte nicht mehr herausfordern, daß man sich meiner plötzlichen Abwesenheit wegen einer wilden Verzweiflung hingab. Für pathetische Äußerungen hatte meine Familie keinen Sinn. Also mußte ich meine Ansprüche herabsetzen, wenn's auch schwer fiel. 120

Was ich jetzt unternahm, war in Anbetracht meiner früheren Ziele etwas unter meiner Würde. Was aber half's? Es galt etwas durchzusetzen um jeden Preis. An Mühe ließ ich es mir nicht fehlen. Ich legte mir einen Veitstanz zu, der so echt wirkte, daß ich jeden Arzt damit hätte täuschen können. Jedenfalls wäre ein Arzt von meinem Simulationstalent überrascht gewesen. Ich sah mir einen veitstanzkranken Jungen an, dessen Zittern und Zuckungen ich treulich nachahmte. Genau wie er verstand ich mit den Gliedern zu schlenkern und zu zappeln. Um noch ein neues Symptom zu bieten, übte ich mich, mein Gesicht »wetterleuchten« zu lassen, was mir zu meinem eigenen Erschrecken vorzüglich gelang. Bei dieser fürchterlichen Komödie dachte ich nicht einen Augenblick daran, daß eine gewisse Blasphemie in meinem Tun und Treiben lag. Nur das eine Ziel hatte ich im Auge: eine möglichst erschütternde Wirkung auf meine Umgebung.

Sehr genau erinnere ich mich an jenen Tag, da ich nach wochenlanger Übung und Überlegung meine Kunst zum erstenmal anwandte. Es war an einem langweiligen Sonntagnachmittag, da ich meine Eltern auf einem Spaziergang begleitete. Wir kamen an dem neuerbauten Gaskessel vorbei, und ob das nun wirklich etwas Besonderes war, weiß ich nicht, doch fiel mir auf, daß nicht nur meine Eltern, sondern auch viele andere Leute sich für diesen Gaskessel interessierten. O, ich war eifersüchtig auf diesen schwarzen dicken Kessel, der so belanglos war. Trotzdem konnten sich die Menschen kaum satt sehen an diesem Monstrum, das doch nur gleichgültiges Gas barg, sonst nichts. 121 Mußte denn unbedingt dieser Gaskessel so bewundert werden, während ich einem wandelnden Veilchen ohne Verbreitung glich? Ich beschloß urplötzlich meine Bescheidenheit abzustreifen und fing an zu veitstanzeln. Dabei gingen meine Eltern neben mir Arm in Arm lustwandelnd um den Gaskessel herum, als wär's der Dom von Florenz; Meine Eltern bemerkten nicht, daß ich zuckend neben ihnen ging, aber sie würden ja schon dahinter kommen, was plötzlich mit mir los war. Ich spürte, daß ich unübertrefflich gut zuckte und schlenkerte. Vielleicht für nichts und wieder nichts, aber ich verstand es ja nun einmal so gut . . . Ich durfte auch nicht aus der Übung kommen.

Ein paar ältere Damen kamen uns entgegen, die den Gaskessel nicht so überwältigend fanden und dieses unnütze Ding nur flüchtig ansahen, um dann ihre volle Aufmerksamkeit mir zuzuwenden. O, diese langen, bedauernden Blicke. Ja, seht mich nur an, so steht es mit mir. Die Damen waren so erschüttert, daß ich Mitleid mit dem Mitleid empfand und etwas mäßiger zuckte. Ich bemühte mich, mit den Augen zu nicken, zu lächeln, so schlimm sei es ja nun auch wieder nicht. Wie gern ertrug man jedes Leiden, wenn man soviel Anteilnahme sah. Das waren wirklich reizende Damen. Als sie an uns vorübergingen, sagte die eine leise zur andern: »Tz . . .tz . . . tz . . . Dieses hübsche Kind und so krank . . . Wie traurig das ist.« »Schrecklich«, flüsterte die andere ergriffen.

Ich konnte nicht anders, ich mußte mich umsehen, zurücklächeln. Die Damen blieben stehen, konnten sich nicht beruhigen. Die eine Dame rief kopfschüttelnd, ziemlich laut und entrüstet: »Es 122 ist aber ein Skandal, daß die Mutter dieses arme Geschöpf nicht an der Hand führt. Die geht ja daneben, als ginge das eigene Kind sie nichts an. Das ist nun doch wahrhaftig Sünde und Schande.«

Meine Eltern drehten sich um, aber die Damen wollten keinen Streit anfangen und gingen ihrer Wege. Mutter fragte erstaunt: »Was hatten die beiden Frauen denn nur mit uns?« Sie sah mich an, aber ich ging plötzlich genau so schlicht wie alle Welt, denn es bedurfte ja keines so großen Erfolges, um mich zufriedenzustellen. 123

 

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.