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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kinderspiele

In dieser Zeit verdiente ich mir das erste Geld. Ich hatte einen kleinen Posten als Laufmädchen bei Lehrer Thießen angenommen und verdiente wöchentlich eine Mark. Für diese Summe hatte ich nachmittags nach der Schule einige kleine Besorgungen zu machen, Kartoffeln zu schälen, Schuhe zu putzen, und an Mittwochnachmittagen durfte ich sogar Geschirr abwaschen und die Küche reinigen, worauf ich nicht wenig stolz war. Frau Thießen traute mir viel mehr zu als meine eigene Mutter, und ich war sehr bedacht darauf, meine Herrin nicht zu enttäuschen.

Das Schönste an dieser Sache war aber doch das Geld, das ich nicht hoch genug einschätzen konnte. Das Geld ließ sich herrlich verwandeln. Man konnte sich manches, was schön war, für Geld leisten. Was ich dafür einzutauschen wußte, darauf will ich noch zu sprechen kommen. Es gab ja viele Möglichkeiten, und es war nicht schwer, sich Ausgaben zu verschaffen. Sobald man etwas Geld in der Tasche hat, stellen sich die Bedürfnisse ein, das Geld anzubringen. Vorher war dies bei mir nicht nötig gewesen.

»Mutter, wenn du etwas Geld brauchst, dann sag es mir, bitte.«

Oh, es tat gut, so zu sprechen. Mutter war es nicht gewesen, die mich veranlaßt hatte, plötzlich Geld zu verdienen. Da sie jedoch sah, wieviel Freude es mir machte, ließ sie mich gewähren, und manchmal tat sie mir auch den Gefallen, mich um fünfzig Pfennige zu bitten. 100

»Wenn du so viel entbehren kannst«, fügte sie lächelnd hinzu.

Entbehren! Von Entbehren konnte bei mir nicht die Rede sein, denn ich hatte verschiedene Einnahmequellen.

Herr Thießen, der zugleich mein Klassenlehrer war, pflegte manchmal auf die Jagd zu gehen. Er war ein eifriger und, wie es mir vorkam, auch recht geschickter Jäger, der manchen Hasen erlegte. Das Hübsche war dabei: wenn er Glück hatte, hatte zugleich auch ich mein Jagdglück. Frau Thießen nämlich, die vielleicht den Wert eines Hasenfelles nicht kannte, überließ mir ein Fell nach dem andern, das ich säuberlich aufspannte, um es einem Kürschner auf dem Holm zu verkaufen, der ein stets williger Abnehmer meiner Hasenfelle war. Für zwei Felle bekam ich sechzig Pfennig, und das bedeutete jedesmal eine Eintrittskarte fürs Stadttheater. Klassikervorstellungen zu halben Kassenpreisen konnte ich nur noch mit Hasenfellen und umgekehrt in Verbindung bringen. Gelegentlich machte ich auch einen kleinen Zwischenhandel und übernahm von Kalle Hattenberg einige Kaninchenfelle, die ich gleichfalls an den Mann auf dem Holm zu bringen wußte. Auch verschmähte ich es nicht, Alteisen und Knochen sowie alle möglichen Abfälle zu verkaufen. Mein Traum war ein Abonnement fürs Stadttheater, was es freilich nur für den dritten Rang gab, doch hoffte ich, nach eingehender Aussprache mit dem Kassier vielleicht ausnahmsweise einen guten Platz auf der Galerie zu erhalten. Das würde wohl gehen, wenn ich sagte, daß ich selbst Schauspielerin werden wolle und daher notwendig das Theater besuchen 101 müsse. Vorerst begnügte ich mich mit den Klassikervorstellungen, die nachmittags stattfanden. Manchmal begleitete Mutter mich, doch ließ sie mich auch allein gehen.

Ich sah hauptsächlich die Dramen von Schiller: Die Räuber, Die Jungfrau von Orleans, Don Carlos, und einmal ein Lustspiel, dessen Autor mir unbekannt ist: Das Milchmädchen von Schöneberg. Über dieses kleine Milchmädchen, das schon am frühen Morgen von einem feinen Kunden eine herrliche rote Nelke geschenkt bekam, lachte ich so herzlich, daß der zweite Rang und die Galerie durch mein Lachen so angesteckt wurden, daß auch dort gelacht wurde, wo vielleicht gar kein Grund zum Lachen war. Ich fand es nämlich überwältigend lustig, daß das Milchmädchen, da sie offenbar nicht genügend Milch in ihrer Kanne hatte, ungeniert vor allen Kunden mitten auf dem Platz vom Brunnen Wasser schöpfte, um davon in die Milch zu gießen. Da ich vom Spiel so sehr mitgenommen war, rief ich laut: »Aber das geht doch nicht, das geht wirklich nicht.«

Dann wieder sah ich auf der Bühne, daß einige junge Dienstboten sich zusammen ein Los gekauft hatten, das gewann. Das große Los! Es war herrlich. Ich wußte mich vor Freude nicht zu fassen. Ein solches Glück! Es war großartig.

Es wußten aber noch nicht alle, daß sie gewonnen hatten, und ich war in der freudigsten Spannung, was sie wohl dazu sagen würden. Gott, war das angenehm! Dieses viele Geld! Nur der Großknecht wußte es. Dann kam einer nach dem andern auf die Bühne, die eben für mich keine Bühne war, sondern das Leben. Die kleine Magd, 102 die so knapp daran war, fragte: »Ist es wahr, wir haben gewonnen? Ist es wirklich wahr?« Der Großknecht schwieg lächelnd, und dann fragten auch die andern Dienstboten: »Jetzt sag, ist's wahr oder nicht?« Der Großknecht spannte die Leute auf die Folter mit seinem Schweigen. Schon wurden die andern unruhig, enttäuscht, es könne vielleicht doch nicht wahr sein, und drängten nochmals: »Ist's wahr? Geh, sag's doch.«

»Ja, ja, es ist wahr! Leute, Ihr seid reich! Ihr habt das große Los gewonnen! Es ist wahr!« So rief ich mit heller Stimme von der Galerie aus, so laut ich konnte, damit die Betreffenden es nur ja hören konnten. Das ganze dichtbesetzte Theater jubilierte und klatschte. Es war ein Riesenerfolg. Minutenlang wurde nur gelacht und geklatscht. Es war ein Rausch der Freude und Heiterkeit, und ich hätte nicht entzückter sein können, wenn ich selbst das große Los gewonnen hätte. Gott, man brauchte ja nicht viel, aber es war doch wunderbar und eine Wohltat, zu wissen, daß es irgendwo so viel Gold gab. Kam ich dann mit übervollem Herzen nach Hause, fragten die Eltern: »Nun, wie war's mit dem großen Los?«

Ja, das war schon mehr als zwei Hasenfelle wert gewesen, und dann erzählte ich zum Ergötzen meiner Eltern, wie alles gewesen war, und Vater meinte, er spare auf diese Weise das Eintrittsgeld. Ja, aber den Theaterraum müsse man persönlich gesehen haben. Dieser herrliche Raum in Rot und Gold. Und der Kronleuchter, der in der Mitte des Theaters von der hohen Decke herabhing, ganz frei im weiten, großen Raum. Dieser Kronleuchter, das war ein unglaublich kostbares Stück. Ach, so 103 ein wundersam glitzernder Vogel, ein Vogel aus Licht. Wie sich von der schimmernden Kugel die schön geschwungenen goldenen Arme ausbreiteten, die lichtspendenden Hände! Wer solches gesehen, der hatte es gewiß für immer, und Vater sollte sich dies nur ja nicht entgehen lassen. Es würde ihm bestimmt nicht leid tun, versicherte ich ihm. Um ihn noch sicherer zu einem Theaterbesuch zu verführen, ging ich so weit, das äußere Gebäude zu beschreiben. Da gab es nichts, was nicht hochinteressant war, und ich beschrieb jedes Portal so genau, als hätte mein Vater noch nie ein Theater gesehen. Er aber hörte mir freundlich zu. Es stünden auch ein paar Sprüche an der Mauer.

In allen seinen Tiefen, seinen Höhen
Roll' ich das Leben ab vor deinem Blick.
Wenn du das große Spiel der Welt gesehen,
Dann kehrst du reicher in dich selbst zurück.

Vater fand dies sehr schön und bat auch noch um den andern Vers, der auf der Marmortafel gegenüber zu lesen stand in goldenen Lettern, die im Licht der Straßenlaternen so magisch funkelten:

Ein Janusbild lass' ich vor dir erscheinen.
Die Freude zeig' ich hier, und dort den Schmerz.
Die Menschheit wechselt zwischen Lust und Weinen.
Und mit dem Ernste gattet sich der Scherz.

Dann sah ich von Gerhart Hauptmann das Traumspiel »Hanneles Himmelfahrt«, das mich tief und ernst berührte. Dieses kleine schmale 104 Kindesleben Hanneles, das am Verlöschen war und im Scheiden das Kostbarste erblickte, griff mir ans Herz. Es war ein Heimwehlied, das ich vernahm. Hannele lag sterbend im Bett, und es kamen die Engel zu Besuch. Ein Engel kam nach dem andern. Man sah die Engel durch zarte Silberschleier. In einem leise singenden Silberlicht wohnten die Engel. Eine Lichtbahn fiel auf das sterbende Kind. In breiten Streifen floß das Licht von oben herab, als ströme es unaufhörlich. Wie Gottes strömende Liebe war dieses reine Licht, das auf dem Antlitz des Kindes blieb, hinanschwebend, während sich langsam der Vorhang senkte. Dann war es, als entstünden auf diesem Vorhang Worte, die gleichsam noch einmal das schöne Bild erhellten, Worte, die sich zugleich im Herzen bewegten: Die Seligkeit ist eine wunderschöne Stadt . . .

 

In diesen Tagen glaubte ich mich wachsen zu fühlen, um in einer anderen Stunde kleiner denn je zu sein. Ich lachte und weinte viel. Einmal war ich ernst und still, dann wieder tändelnd und verspielt. Obwohl ich mich mit allem möglichen beschäftigte, von meiner kleinen Laufmädchentätigkeit abgesehen, lesend, schreibend, spielend, kam ich in der Schule trotz vieler Zerstreuungen gut vorwärts, und da mein Lehrer doch einiges darüber wußte, wie ich meine Zeit verbrachte, weil ich mich in seinem Hause beschäftigte, war er eines Tages erstaunt, daß ich über Heinrich den Löwen einen Aufsatz von zwölf Seiten geschrieben hatte, der ihm besonders gefiel. Es waren ja nur drei bis vier Seiten vorgeschrieben, und Herr Thießen fragte, wie ich es nur fertiggebracht habe, in 105 drei Tagen so viel zu schreiben. Oh, das Schreiben, das sei doch eine Kleinigkeit, das Streichen mache mir mehr Schwierigkeiten, da ich zunächst den Aufsatz in Kladde geschrieben hätte. Dann kam Herr Thießen auf etwas anderes zu sprechen und meinte, ich müsse einen allerliebsten Großvater haben.

Nein, das hatte ich leider nicht, dafür aber vier Großmütter. Für diese zeigte Herr Thießen weniger Interesse, sondern wünschte über einen Großvater zu hören, den ich nie gekannt hatte. Ich hatte nämlich die Geschichte von Heinrich dem Löwen meinen Großvater erzählen lassen und diesen vielleicht noch genauer geschildert als Heinrich den Löwen. Dies war es, was dem Lehrer Spaß machte. Er wünschte den Aufsatz für sich zu behalten, und da ich seine freundliche Anteilnahme für meine Schreiberei und zugleich für meine Verwandtschaft sah, erzählte ich, daß ich auch über meine Eltern geschrieben hätte, eine Studie, die den Titel »Die Entgleisten« führte. Herr Thießen wird seinen Ohren nicht getraut haben. Die Entgleisten? Ja, so hieße das Stück nun einmal. Herr Thießen fand den Titel reichlich kritisch und despektierlich. Das wollte er allerdings ganz gern einmal lesen, wenn ich ihm den Aufsatz anvertrauen könne. Mit Vergnügen war ich bereit. Wäre ich nicht mit Herrn Thießen durch meine besondere Stellung in seinem Hause auf etwas vertrauterem Fuße gestanden, möchte ich freilich kaum gewagt haben, von meinen schriftlichen Arbeiten zu sprechen, die ich als hübschen Zeitvertreib auffaßte. Die »Entgleisten« war eine rein phantastische Geschichte, und eine eigentliche Kritik war nicht darin zu bemerken, 106 es sei denn, daß man mein Bedauern, daß meine Eltern sich nicht etwas zigeunerischer aufführten, als Kritik bezeichnen will. Ich beklagte, daß Vater so wenig Lust bezeigte, ein neues Land zu entdecken, wozu er meines Erachtens alle Begabung hatte, und hier ließ ich allerdings klar durchblicken, daß ich das bequeme Verhalten meines Vaters für eine Nachlässigkeit gegen Deutschland ansah. Und was die Vaterlandsliebe anbetraf, erging ich mich in den kühnsten Forderungen. Jeder Seefahrer war nach Möglichkeit verpflichtet, wenigstens eine fruchtbare Insel zu entdecken, und wenn er nach dieser Richtung nicht alles getan hatte, hatte er nichts gemacht.

Mein Lehrer mag schön gelächelt haben, als er diese Ausführungen las, und er sagte mir mit Recht: »Man darf von niemandem etwas verlangen, was man nicht selbst zu tun bereit ist. Du bist ja kein Junge, sonst würde ich dir raten, dich um die unentdeckte Insel zu bemühen, wenn du so weit bist, daß du segeln kannst. Sieh nur zu, daß du selber nicht entgleisest, und kümmere dich als Mädel nur immer hübsch um deine eigene Insel. Es gibt nicht nur Pflichten für Seefahrer, sondern auch für kleine Mädchen. Versuch mal diese immer wieder zu entdecken und dem nachzukommen, dann kommst du schon auf den richtigen Weg.«

Ich versprach, mir das zu merken.

Oh, waren wir Kinder beschäftigt! Wir waren auf das Theaterspielen verfallen, und das war natürlich etwas höchst Anregendes, wobei es sehr viel zu überlegen und auch zu tun gab. Ich hatte mir das Buch »Die versunkene Glocke« angeschafft. Das riß ein großes Loch in die Kasse. Es lief in 107 die Hasenfelle, aber es lohnte sich. Wenn nur Herr Thießen etwas öfter auf die Jagd gehen wollte, ich brauchte hochnötig Hasenfelle, denn Mutter hatte, wohl aus erzieherischen Gründen, mir von meinem eigenen selbstverdienten Geld die Schuhe besohlen lassen. Nun, es war ja gut, wenn man es hatte, wenn man es erschwingen konnte, sich die Schuhe besohlen zu lassen; doch dieses Bewußtsein allein konnte nicht befriedigen.

»Die versunkene Glocke« sollte in der Waschküche aufgeführt werden, und ich hätte mir als Rautendelein sehr gerne einige Seerosen ins Haar gesteckt, was sicher eine feine Wirkung gehabt hätte, aber die Seerosen, die im Blumengeschäft bei Wollesen im Schaufenster standen, waren sicher nicht billig. Nach dem Preise zu fragen, ohne etwas zu kaufen, war genierlich. Vielleicht taten's die weißen und roten Papierrosen vom vorjährigen Christbaum auch. Ich probierte es vor dem Spiegel im Dachstübchen, und ich fand, daß sich die Rosen im Haar, wenn man nur wenige zum Kranz nahm, recht nett machten.

Der Haarschmuck war noch das wenigste, aber die Inszenierung des Stückes selbst bereitete mir Sorgen. Halb in der Nacht schrieb ich die Rolle des Glockengießers aus, die Kalle Hattenberg übernehmen sollte. Zum Schreiben braucht man Licht und Papier, und das hatte man ja auch nicht umsonst. Als Kalle Hattenberg die große Rolle des Glockengießers sah, schnitt er ein bedenkliches Gesicht, das sei völlig ausgeschlossen, das könne er niemals auswendig lernen. Gut! Wenn nicht, denn nicht! Auf Kalles Mitwirkung mußte man also verzichten. Es war kein zu großer Schade, 108 da ich bemerkte, daß seine Stimme für die Rolle viel zu wenig schmiegsam war. Doris, Martha Jochimsen, Christine Danielsen hatten sich angeboten, die Elfen darzustellen, und zeigten sich in jeder Hinsicht sehr willig. Sie hatten ja auch mehr zu schweben und zu tanzen als zu sprechen. Streichen ließ sich an »der versunkenen Glocke« nicht viel. Es war eine ungemein fesselnde Beschäftigung, das Buch darauf hin zu studieren. Was konnte da entbehrt werden? Eigentlich nichts, gar nichts. War das reizend, ein Stück darauf hin zu lesen! Wochenlang hätte ich darüber zubringen mögen. Gab man dann die Sucherei nach Streichungen auf, war's tausendmal schöner.

Es war das beste, das Ganze selbst vorzulesen und die Elfen, höchstens noch einen »Wassermann«, der Stimmung wegen mitwirken zu lassen. Die drei Elf en waren reizend. Es wurde geprobt: »Schlingt und windet euch im Tanz! Ringelreigenflüsterkranz!« Ganz vorzüglich huschten diese Elfen. Man konnte zufrieden sein. Die kleine, blonde Martha bewegte sich mit einer Anmut, als wäre sie immer ein Elflein gewesen. Man hätte sie »Märchen« nennen mögen. Doris verstand drollig zu hopsen. Sie hatte kurze braune Locken, die so lustig auf und nieder hüpften, daß man vor Entzücken lachte über die vielen vergnügten Locken und über die putzigen Kapriolen, die Doris mit ihren Beinchen zu machen verstand. Die feierliche Christine schien die große, wohlwollende Schwester der kleinen Elfen zu sein, Christine hätte man sicher auch gern allein tanzen sehen. Wunderschön aber war die gütige Bewegung, mit der sie die Kleinen wie schützend an sich zog, um den Reigen 109 Hand in Hand zu vollenden. Der Elfentanz, den wir im Garten probten, machte uns so viel Freude, daß er ein Spiel für sich wurde und wir uns ernsthaft überlegten, ob wir uns nicht begnügen sollten, nur diesen Tanz vorzuführen. Da aber »Die versunkene Glocke« überall in der Nachbarschaft angezeigt war und schon an die zwanzig Plätze ausverschenkt waren, wagten wir doch nicht, das einmal versprochene Programm nicht innezuhalten, und so fand denn die geplante Aufführung an einem Samstag Nachmittag in unserer geräumigen Waschküche statt.

Die Waschküche war des Brunnens wegen als Theaterraum gewählt worden. Den Märchenbrunnen glaubten wir nicht entbehren zu können. Es war allerdings ein recht primitiver Brunnen, nämlich der mit Wasser gefüllte und mit grünen Zweigen verdeckte große runde Waschbottich, der unter dem Wasserhahn stand und der mit klarem, frischem Wasser angefüllt war.

Das Publikum saß auf einer großen, altmodischen Wäschemangel, die man heutzutage wohl kaum mehr kennt. Es war eine Art Kastenwagen, unter dem sich die Rollen mit der Wäsche befanden. Der Kastenwagen, der mit Mauersteinen angefüllt war, damit die Wäsche beschwert und dadurch schön glatt wurde, hatte einen Griff zum Hin- und Herschieben, und hier sollte das Publikum als Ersatz für die leider fehlende Pausenmusik ein wenig hin- und hergeschoben werden. Hier oben auf der Wäschemangel wurden die kleinsten Kinder plaziert, die wir kurzweg die Galeristen nannten. Die größeren Kinder, meistens Mädchen, saßen auf umgestülpten Waschbottichen oder auf 110 Brettern, die über Tonnen gelegt wurden. Einige saßen mit herunterhängenden Beinen auf dem langen Wäschetisch. Die Platzfrage war entschieden gut gelöst, jedes Eckchen geschickt ausgenutzt. Das Publikum selbst sorgte zum Teil für die Ausstattung des Märchenwaldes. Miete Voschero hatte einen Oleander mitgebracht, der den Waschherd gut verdeckte, und dieser große Herd war obendrein noch mit grünen Zweigen und Blumen belegt. Der Herd sah wie eine freundliche Anhöhe, beinahe wie ein blühender Berg aus.

Ich führte nicht nur die Regie, sondern hatte zugleich beinahe alle Rollen übernommen, und als Platzanweiserin war ich auch beschäftigt. Als nun endlich alles zur Aufführung vorbereitet war, warf ich mich rasch in Rebekkas Nixenkleid, das sie auf dem letzten Kostümball getragen hatte. Es war ein Hängekleid aus grünem Tarlatan, mit Silberfäden durchwirkt. Das Kleid paßte mir gut. Vielleicht war es mir etwas zu lang, doch fand ich, daß dies kaum ein Nachteil war, da dieses lange phantastische Gewand, das meine Füße verbarg, mich nur noch unwirklicher machte. Die Kinder mußten vergessen, daß ich Helga war, und dazu forderte ich die Kleinen, am Märchenbrunnen sitzend, eigens auf.

Weiß nicht, woher ich kommen bin.
Weiß nicht, wohin ich geh'.
Ob ich ein Waldvogel bin,
Oder eine Fee . . .

Die Elfen trugen helle Sommerkleider, Blumenkränze im offenen Haar und flogen auf leisen Sohlen, nämlich barfuß, auf und nieder. Daß die 111 Jahreszeit schon etwas herbstlich war, wurde nur vom Wassermann bemerkt. Wir hatten nämlich einen kleinen vierjährigen Jungen zum Wassermann auserkoren, der im Brunnen von Zeit zu Zeit seinen niedlichen Blondkopf über den grünen Rand zu strecken und nur »Brexbrekekekek« zu rufen hatte. Als Honorar war ihm eine Tafel Schokolade versprochen, und ein kleiner Vorschuß sollte ihm in den Brunnen mitgegeben werden. Der kleine Niels, so hieß unser Wassermann, ließ zunächst zwar verwundert, aber doch ruhig geschehen, daß wir ihm die Kleider auszogen. Als er jedoch in den Brunnen gesetzt werden sollte, schrie er wie wild, und solch wasserscheuen Wassermann konnten wir nicht brauchen. Einige der Kinder glaubten, er würde sich an das frische Element gewöhnen, aber er erkältete sich nur, wie sich später herausstellte, und dies war das einzige störende Nachspiel der »versunkenen Glocke«.

*

Später verlegten wir uns auf »Einzelnummern«. Doris war Seiltänzerin. Martha jonglierte mit vier Bällen zugleich. Kalle Hattenberg lief auf Stelzen. Meine Glanzleistung wurde »der heimgekehrte Krieger«. Dazu bedurfte es weder Mitspieler noch eigentlichen Hintergrund, denn meine Mutter war von der Verwandlung unserer Waschküche, die einer Laube glich, nicht sehr eingenommen. Zum »heimgekehrten Krieger« brauchte ich freilich einige Requisiten, die sich unbemerkt mitnehmen ließen, nämlich die Hardanger- und die Jettbrosche meiner Mutter und den Besen, der mir als Stütze diente, da ich lahm aus dem Kriege zurückgekehrt war. Die Broschen blinkten als Orden, und alles 112 in allem erfreute sich dieser heimgekehrte Krieger einer großen Beliebtheit, so daß ich Gastspiele in allen Nachbarstraßen zu absolvieren hatte.

Der Stelzfuß, dieses Krückenholz
Und die Medaillen sind mein Stolz.
Solange noch im Lande Friede,
Leb' ich als schlichter Invalide
Von meines Königs Gnadensold.
Doch hab' ich's satt nun, und ich wollt',
Es wär' vorbei mit meinen Tagen,
Und 's würde bald Alarm geschlagen . . .

Bei dieser Stelle wurde im Hintergrund ein wenig dumpf getrommelt, was stets eine gewisse Spannung hervorrief. Einmal hatte Fiete Krey mit leiser elegischer Stimme dazwischen zu singen versucht: »Es braust ein Ruf wie Donnerhall.« Hierbei begannen die Kinder plötzlich laut mitzusingen, was aber zu meiner tragischen Kriegerrolle nicht recht paßte, obwohl wir in solchem Fall bereit waren, das Spiel zu ändern.

Natürlich konnte Mutter daheim nicht die Küche fegen, wenn ich in irgendeinem Hofe deklamierte:

Wenn jetzt der große Feldherr dort
Mich riefe mit Kommandowort:
Ich wollt' als Krieger gern gehorchen.
Ging' heute lieber noch als morgen
Zu der Armee, die der regiert,
Der sicher keine Schlacht verliert . . .

»Bravo, bravo! Nein, wie die Helga sterben kann! Beinahe wie eine Große . . .« Ich deklamierte und starb, griff seufzend ans Bein, um mich allmählich zu Boden sinken zu lassen, wo ich den Beifall, der wie Regenrauschen fiel, liegend über 113 mich ergehen ließ. Bei solcher Gelegenheit muß ich wohl meine Orden zugesetzt haben. Jedenfalls hatte ich sie eines Tages nicht mehr. Wir suchten zwar sorglich danach, aber sie blieben unauffindbar; doch dachte ich wenig darüber nach, daß dies der einzige Schmuck meiner Mutter war, und da sie ihn nur bei hochfestlichen, seltenen Gelegenheiten trug, tröstete ich mich, daß sie den Verlust ihrer Broschen vorerst nicht bemerken würde. Dennoch befaßte ich mich ernstlich mit dem Gedanken, eine Mosaikbrosche für Mutter anzuschaffen, die ich im Schaufenster eines Warenhauses entdeckt hatte. Die Brosche sollte zwei Mark kosten, stellte also hohe Anforderungen an meine Zahlungsfähigkeit. Auf der großen, ovalen Brosche war auf Weiß in hellen, blauen Steinchen ausgelegt: »Gott mit dir!« Wenn das kein Stück fürs Leben war! Ja, diese Brosche sollte Mutter bekommen im entscheidenden Augenblick, wenn sie die Hardanger- oder die Jettbrosche suchte. Aber es hatte wohl noch Zeit.

Den Besen vergaß oder verlor ich niemals. Ich verstand ja so großartig zu hinken. Es war eine Fertigkeit, die mir niemand nachmachen konnte. Kinder haben oft verspielte Schrullen, die ein Erwachsener kaum begreift. Kinder denken sich nichts Schlimmes dabei, wenn sie Gebrechen nachahmen. Kinder spielen das Leben, ohne es zu wissen. Sie spielen die Freude, aber sie spielen auch das Leid. Was das ist, wissen sie noch nicht recht. Sie sehen es nur, sehen nur das Bild. Als wir aber einmal im Kreise spielten: »Mariechen, warum weinest du?«, wurde ich traurig, sang mit Tränen in den Augen: »Ich weine, weil ich sterben muß . . .« 114

 

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