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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kindergarten

Vielleicht hat die Vergangenheit oder ein Traum den Tag verwandelt, an dem ich zum erstenmal den Kindergarten besuchte. Noch sehe ich das schöne Fräulein, die Tante Petersen, vor mir, der meine Mutter mich anvertraute. Tante Petersen trug ein rosenrotes Kleid und eine weiße, ärmellose Schürze. Ein Kleid von der Farbe der Heckenrosen. Das ganze Fräulein duftete leise nach Blumen, nach Heckenrosen, wie sie bei uns am Waldrand blühten. Wie beglückend, daß dieses fremde Fräulein meine Tante war, die Tante von vierzig Kindern, mit denen ich nur durch die Kindergärtnerin verwandt war. Von einem Tag zum andern hatte ich viele kleine Schwestern und viele kleine Brüder, mit denen ich spielen lernte.

Es gab einen großen Hof, der von hohen Bäumen eingefriedet war, und wo Tante Petersen uns singen lehrte:

So gemeinsam wir spielen
So gemeinsam im Kreis.

Die schöne Stimme der Kindergärtnerin muß ihrem Herzen ähnlich gewesen sein. Man hätte wohnen mögen in dieser Stimme. Klar und froh klang alles, was sie sagte und sang. Ein Lied der jungen Jahre, das mir geblieben ist und das noch klingen mag, süß und lieb wie einst.

Aus weißem Meersand bauten wir kleine Gärten. Winzige Zweige wurden zu Rauschebäumen. Die zierlichen Wege, die wir anlegten, erschienen mir weit, und jeder Weg führte zu einer Überraschung. 44 Da gab es plötzlich kleine Steingrotten, eine Hütte aus glitzernden Muscheln, ein Blumenbeet, einen kleinen Sternenhimmel auf der Erde, schimmernd in allen Farben. Ich erinnere mich an die vielen bunten Strohblumen, mit denen wir spielten, die Farben sangen. Selbst die stillen, kleinen Geräte, Eimer, Schaufel, Formen, alles schien zu sprechen: nimm mich, spiele mit mir.

Zutraulich waren die Vögel, wenn wir ihnen Brosamen zuwarfen. Zwitscherte dann einer »Kiwit-kiwitt« hieß das »danke schön«. Manchmal hieß es »Habt ihr noch mehr? Das Brot war gut. Kiwit-kiwitt.« Dann wieder rief einer »Sieh, wie ich fliegen kann. Kiwit-kiwitt«, breitete die Schwingen aus und im leichten Fluge ging's bis in die Baumspitze. Die Vögel waren eigens von Tante Petersen hierher bestellt und wußten ganz genau, daß sie zum Kindergarten gehörten. Es waren keine Waldvögel, sondern richtige Kindergartenvögel. Sie hörten zu, wenn Tante Petersen sang, und um ihre Lieder zu hören, kamen sie manchmal eigens in den großen Saal, wo wir an langen Bänken und vor schmalen Tischen saßen.

In diesem Saal, wo wir uns bei Regenwetter aufhielten, machten wir verschiedene kleine Arbeiten. Wir flochten Körbchen aus buntem Glanzpapier, die wir mit heimnehmen durften und die um Weihnachten an den Baum gehängt wurden. Wir fertigten Silberketten an, formten kleine Kelche aus Staniol, das war das Silberpapier, das köstlich anzusehen war.

Es hing ein Bild an der Wand, von dem Tante Petersen uns sagte, daß es »Wandersmann und Lerche« hieß. Das Bild stellte eine sommerliche 45 Gegend dar, ein Kornfeld unter einem ruhigen, blauen Himmel. Ein Weg war da und ein Wanderer, der wohl nicht daran dachte, wohin er ging. Es war ihm gewiß nur ums Wandern zu tun. Er sah nach oben, wo in der blauen Luft die Lerche flog. Tante Petersen wußte ein Gedicht für dieses schöne Bild. Durch das geöffnete Fenster drang von den nahen Feldern der Duft von frischem Heu, während sie uns das Gedicht vorsprach.

Lerche, wie früh schon fliegest du
Jauchzend der Morgensonne zu?
Will dem lieben Gott mit Singen
Dank für Leben und Nahrung bringen.
Das ist von alters her mein Brauch.
Wanderer, deiner doch wohl auch?

Der Wanderer träumte, er sei ein Vogel, und der Vogel war mit dem Menschen befreundet. Wie die beiden einander verstanden. O, das war reizend! Es war, als dürfte ich unsichtbar in diesem Bilde weilen. Das war im Sommer und es duftete nach Heu. Die Mohn- und Kornblumen blühten.

Eines Tages saß ich Tante Petersen ganz nahe, so nahe, daß ich mich in ihren Augen spiegeln konnte. Warum sie mich zu sich ans Pult rief, weiß ich nicht mehr. Sie muß sehr schöne Augen gehabt haben, da ich noch heute geneigt bin, dieses Augenpaar mit dem Herzen zu verwechseln. Das stille Blühen dieser blauen Bergseeaugen muß dem Herzen dieses Mädchens ähnlich gewesen sein. Wie anders wäre die Macht eines flüchtigen Augenblickes erklärbar? Augen, in denen ich das eigene Gesicht sah. 46

Tante Petersen sang vom Engel. Wie aber hätte ich mir einen Engel vorstellen können, da ich bisher nur flüchtig von Engeln gehört und nicht wissen konnte, wie dem Menschen die Vogelschwingen wachsen. Gewiß hätte Fräulein Petersen weniger schön sein können und ich hätte sie leicht mit einem Engel verwechselt, aber sie war in der Tat schön wie ein Engel. Darum war mir auch, als sänge sie ihr eigen Lied. Sie glich der Saite einer Harfe, die sich unscheinbar macht, während sie klingt und schwingt.

Noch sehe ich sie vor mir, die kleine Kindergärtnerin, wie sie saß und sang, die schlanken, weißen Hände lagen wie Blumen im Schoß. Dann war sie Stimme, nur Stimme.

Es geht durch alle Lande
Ein Engel still umher.
Kein Auge kann ihn sehen.
Doch alles siehet er.
Der Himmel ist sein Vaterland.
Vom lieben Gott ist er gesandt.

Er geht von Haus zu Hause,
Und wo ein gutes Kind
Bei Vater oder Mutter
Im Kämmerlein sich findt,
Da wohnt er gern und bleibet da
Und ist dem Kinde immer nah.

Und geht das Kind zur Ruhe
Der Engel weichet nicht.
Er hütet treu sein Bettchen,
Bis an das Morgenlicht.
Er weckt es auf mit stillem Kuß
Zur Arbeit und zum Frohgenuß. 47

O, lieber Engel, führe
Auch mich den Kindern zu,
Die du so gern geleitest
Zu Arbeit, Spiel und Ruh.
Bei solchen Kindern lieb und fein,
Da möcht' ich auch so gerne sein.

Von dieser Zeit an glaubte ich an Engel, wie an die letzte und schönste Möglichkeit des Menschen. Es war der erste Wendepunkt in meinem Leben, da ich zu ahnen begann, daß es auch auf dieser dunklen Erde irgendwo Engel ohne Flügel gibt. Meine kleine Kindergärtnerin gehörte dazu. Es war pure Bescheidenheit, daß sie sich nicht der Flügel bediente. Sie hätte fliegen können wie die Lerche oder wie ein Engel ohne Saum, wenn sie gewollt hätte, aber daß sie zu Fuß ging, war mir viel erstaunlicher und versetzte mich in weit größere Bewunderung als der Traumengel, den ich fliegen sah. Auf was für Sohlen die Engel gehen? Heute weiß ich es nicht mehr so genau, aber damals, fünfjährig, ließ ich mich nicht durch den Augenschein verblüffen. Tante Petersen trug schlichte Lederschuhe mit halbhohen Absätzen, aber damit konnte sie mich nicht täuschen. Ich wußte ja, daß sie ein Engel in Menschengestalt war. 48

 

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