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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Kaiser besucht die Stadt

In den nächsten Tagen hieß es, der Kaiser wolle unsere Stadt besuchen, sich vielleicht die Kaserne ansehen, in der sich das Regiment der Kaiserin befand. Die Straßen sollten beflaggt, die Häuser geschmückt werden, die Wachparade würde aufmarschieren, es würde große Musik geben. Und ich hatte sofort die größte Lust, mir dies alles anzusehen. Obwohl die Feier am Vormittag stattfinden sollte, hoffte ich, Frau Brünning würde mir die Erlaubnis geben, wenn auch nur für eine kleine Stunde, denn ich wollte zu gerne ein einziges Mal den Kaiser sehen, ihn begrüßen, ihm zujubeln. Er war ja der Vater des Landes, und ich hatte an seinem Geburtstag, am 27. Januar, als Kind in der Schule so oft für ihn gesungen und gebetet, und ich stellte es mir wunderschön vor, ihn einmal von Angesicht zu Angesicht betrachten zu können.

Ich erinnerte mich an eine Extrageschichte, die ich von ihm wußte und die mir ganz privat sein gütiges Herz sonnenklar gezeigt hatte. Meine Mutter hatte ihm einmal als junges Mädchen einen Strauß Rosen in den Wagen gereicht, und zugleich mit den Rosen hatte er freundlich lächelnd einen Brief meiner Mutter empfangen und lieb darauf geantwortet. Nicht direkt, was auch gar nicht nötig war, denn Mutter hatte den Kaiser um Unterstützung für eine junge Dame gebeten, die so dringend nötig Geld brauchte. Wofür? Die Dame war eine begabte Tänzerin und brauchte Geld zur Ausbildung ihrer Kunst. Die Tänzerin 254 war keine eigentliche Freundin meiner Mutter, sondern eine Kundin, die bei meiner Mutter, die in ihren Mädchenjahren Schneiderin gewesen war, sich ihre Kleider machen ließ. Die Tänzerin hatte meiner Mutter ihre Not geklagt, und Mutter hatte sich ganz selbständig an den reichen, gütigen Kaiser gewandt, der tatsächlich eine seiner untergebenen Persönlichkeiten zur Künstlerin schickte, die auf ihre Begabung hin geprüft wurde und in reichem Maße die Unterstützung fand, mehr, als sie sich hatte träumen lassen. Das Bild der Tänzerin, die rasch berühmt wurde, befindet sich noch heute im Album, das ich von Mutter übernommen habe. Die Tänzerin trägt hier das weiße Spitzenkleid, das meine Mutter ihr einst nähte.

In diesen Tagen nun, da wir den Kaiser erwarteten, mußte ich an diese kleine Geschichte denken. Im Vorgarten bei Brünnings gab es schöne Maréchal-Niel-Rosen. Vielleicht würde man mir hiervon einige schenken für den Kaiser, ich zweifelte nicht daran. Doch sah ich mich trotzdem bei meinen Besorgungen, die ich täglich zu machen hatte, auch fleißig in den Blumenläden nach schönen Rosen um. Sehr wünschte ich in die Nähe des Wagens zu gelangen, um dem Kaiser die Rosen am liebsten zu überreichen, doch hatten gewiß viele denselben Wunsch, und es war fraglich, ob es ausführbar war. Es mußte ein Gruß bei den Rosen angebunden sein, denn wenn der Gruß ihn erreichte, würde es ihn freuen. Versuchen konnte man es jedenfalls. Ging es nicht, schadete es auch nichts. Daraufhin besorgte ich mir schönes Schreibpapier von feiner gelber Farbe, ein Papier, das ein schönes Korn hatte, und setzte mich abends allein 255 ins Bügelzimmer, um in aller Ruhe zu überlegen, was ich dem Kaiser mitzuteilen wünschte.

An Seine Majestät, den Kaiser von Deutschland und König von Preußen. Vielleicht war es besser, dies nur auf den Umschlag zu schreiben. Ob man wohl einfach »Lieber Kaiser« schreiben konnte? Es ging vielleicht doch nicht, wenn man's auch so meinte?

Hin und her überlegte ich, bis ich endlich schrieb, was mein Herz mir eingab.

Ich nahm den lieben Gott zu Hilfe, und das schien mir das Allereinfachste. Ich schrieb also sorglich nieder:

Vater, kröne Du mit Segen
Unsern König und sein Haus.
Führ' durch ihn auf allen Wegen,
Herrlich Deinen Ratschluß aus.
Deiner Kirche sei er Schutz,
Deinen Feinden biet' er Trutz.
Sei Du dem Gesalbten gnädig.
Segne, segne unsern König!

Mehr wurde von mir, der treuen kleinen Untertanin, wohl nicht verlangt. Für den König des Landes wollte ich immer beten, das war selbstverständlich. Dann aber kam ich – ich weiß selbst kaum, wie es geschah – auf den Gedanken, ein sehr persönliches Anliegen voller Vertrauen dem Landesherrn vorzutragen, nämlich, ob es nicht möglich wäre, falls es keine zu großen Umstände mache, mich gelegentlich auf meine Begabung als Schauspielerin hin prüfen zu lassen, und falls es sich herausstellte, daß ich Talent habe, meinen 256 Lieblingswunsch doch gütigst bei meinen Eltern schriftlich befürworten zu wollen. Geld würde ich höchstwahrscheinlich nicht bedürfen, doch fehle es mir an geistiger Förderung und so weiter. Ich gestattete mir, Seine Majestät auf die Tänzerin hinzuweisen, an die er sich gewiß noch erinnern werde und der er so viel Wohlwollen entgegengebracht habe, und darum möchte ich die Hoffnung hegen und so weiter.

Wenn der Kaiser nicht antwortete, gut, dann antwortete er eben nicht. Dann sollte es so sein und würde mich nicht enttäuschen.

Der Kaiser kam gerade an einem Samstagvormittag, wenn ich Fenster putzen mußte. Diese vielen unnötigen Fenster. Gleich in der Frühe zog ich das blaue Hauptexamenkleid an, und als Frau Brünning zum Kaffeetisch kam, fragte ich, ob ich vielleicht eine oder zwei Stunden frei bekommen könne, um den Kaiser anzusehen.

Frau Brünning, man sah es ihr an, hatte schlecht geschlafen. Sie kam mir müde und abgespannt vor.

»Den Kaiser ansehen? Und das an einem Samstag und in der Morgenstunde? Nein. Also das geht wirklich nicht.«

»Ach, liebe Frau Brünning, ich möchte Sie so sehr darum bitten. Gestatten Sie es mir doch. Sehen Sie, es ist vielleicht das einzige Mal in meinem Leben, daß . . . daß . . . Ach, wenn ich denke, daß unser Kaiser in der Stadt ist, und ich muß hier . . . Nein, es ist zu schrecklich . . . Erlauben Sie, daß ich weggehe. Sie müssen es mir erlauben.«

»Was muß ich? Was erlaubst du dir? Bist du denn übergeschnappt? Ich weiß wahrlich nicht, 257 was ich von dir halten soll. Was glaubst du denn, was am Kaiser zu sehen ist? Zu sehen! Bildest du dir etwa ein, er fährt im Hermelinmantel und mit der Krone spazieren? Was du da sehen willst, ist mir unerklärlich. Er ist ein Mensch wie jeder andere auch.«

»Um so besser. Das weiß ich auch, daß der Kaiser seine Krone nur bei festlichen Gelegenheiten im Zimmer trägt. So ungebildet bin ich nicht, aber . . .«

»Sag, möchtest du mich jetzt gefälligst in Ruhe frühstücken lassen? Du weißt doch, daß ich vor dem Kaffeetrinken nicht zu sprechen bin. Bildest du dir etwa ein, daß ich auf nüchternem Magen mich mit dir über den Kaiser unterhalten will? Also bitte, nachher. Hast du schon alle Stiefel geputzt?«

»Jawohl. Aber ich habe noch nicht gekündigt, was ich hiermit tue.«

Es war doch nicht so ganz leicht, Frau Brünning lediglich für eine Unglückliche anzusehen. Solche unverständige, böse Frau, die mich nicht zum Kaiser lassen wollte. Die Rosen wollte ich jetzt auf alle Fälle im Laden kaufen.

 

Ich fragte Liese, ob ich nicht für den Mittagstisch Einkäufe zu machen hätte. Ja, viel sei nicht zu besorgen, nur einige Salatköpfe, und die beim Fleischer bestellten Koteletten könne ich abholen. Ferner gab's noch ein paar Schuhe zum Schuster zu bringen. Sonst nichts.

Die kleine weiße Tändelschürze sah ganz nett zum blauen Kleid aus. Gern hätte ich das kranzförmige Häubchen vom Kopf genommen, aber der 258 Kaiser sah im raschen Vorbeifahren wohl nicht so genau hin. Es war zehn Uhr früh, als ich das Haus verließ. Es waren schon ziemlich viele Menschen auf der Straße. Zunächst besorgte ich die Maréchal-Niel-Rosen. Nur drei Rosen, ein klein wenig Schaum- und Zitterkraut dazwischen. Es war ein reizender Strauß, der mich sehr glücklich machte. Der Salat nahm etwas viel Platz ein im Korb und die Koteletten ebenfalls. Den Brief steckte ich zwischen das Papier, mit dem der Korb ausgelegt war. Beim Schuhmacher, der mein Freund war, blieb ich längere Zeit auf dem Hocker sitzen, fragte, ob er wisse, wann der Kaiser vorbeigefahren käme. Er zeigte wenigstens ein schönes Interesse für die Tatsache, konnte mir aber keine Auskunft geben. Auf der Straße wußten die Leute auch nicht so recht Bescheid. Einige meinten, er würde im großen Hotel nahe dem Bahnhof absteigen. Das war nun freilich in einem ganz anderen Stadtteil und ziemlich weit abgelegen. Der Weg war ja das wenigste, aber die Zeit. Gleichwohl überlegte ich nicht lange und eilte in die untere Stadt, alles zu Fuß, weil ich kein Geld für die Bahn hatte. Unten bei den Norderhofenden waren viele Menschen versammelt. Oder waren es nicht so viele? Ich erkundigte mich und erfuhr, daß der Kaiser erst gegen Mittag ankommen und wahrscheinlich oben im Offizierskasino speisen würde. Also war das Richtigste, wieder hinauf nach Duburg zu gehen. Als ich hier ankam, waren die Straßen gesteckt voller Menschen, so daß man sich kaum durchwinden konnte. Nahe der Diakonissenanstalt, hieß es, würde man ihn auf alle Fälle vorbeifahren sehen. So gut es ging, eilte ich, um 259 dorthin zu kommen. Es war ein furchtbares Gedränge. Ich wartete geduldig mit den vielen Menschen, hatte mir aber auf der Mauer, wo ich hinaufgeklettert war, einen verhältnismäßig guten Platz gesichert und stand hier, den schweren Einholekorb am Arm, die Rosen in der Hand, neben vielen kleinen Jungens, alles dicht an dicht. Die Straße selbst, der Platz wurden freigehalten, und von Briefabgeben konnte natürlich nicht die Rede sein. Dies machte mir aber nicht die mindeste Sorge, vielmehr freute ich mich auf das Erscheinen des Kaisers. Dann kam Militär und Militär, in gleichem Schritt und Tritt, eine Abteilung nach der andern. Dann die Musik, die durch Mark und Bein ging. Alles sang:

Fühl' in des Thrones Glanz
Die hohe Wonne ganz,
Liebling des Volks zu sein . . .

Und dann kam der Wagen und der Kaiser, der nach allen Seiten grüßte, und im weiten Bogen warf ich die Rosen, die in die Falten der zurückgeschlagenen Kalesche fielen. Ich jubelte laut vor Entzücken, da ich so gut getroffen hatte. Es war eine herrliche Sache.

Erst gegen ein Uhr kam ich bei Brünnings an, noch ganz befangen vom Rausch der Begeisterung.

Wie Frau Brünning mich empfing, das will ich nicht beschreiben. Sie schrie so sehr, daß ich dachte, die Stimme kippe ihr um. Sie riß mir den Korb aus der Hand, packte in aller Eile höchst persönlich die Koteletten aus, die Salatköpfe dazu und rief mir zu: »Also deine Kündigung hab' ich angenommen, und wenn du willst, kannst du sofort gehen. Jetzt geh' nur und zieh' dich erst mal um.« 260

Ich ging ins Zimmer und dachte: Es hat ja nicht viel Sinn, das rosa Morgenkleid anzuziehen, wenn ich weggehe. Setzte mich auf den Stuhl, um zu überlegen, bedachte meinen Ausflug, und plötzlich fiel mir ein, daß ich im Korb etwas vergessen hatte. Ich eilte zurück in die Küche und sah, wie Frau Brünning am Tisch stand und in höchster Verwunderung meinen Brief musterte.

»Ah ja, gut zufrieden. An Seine Majestät . . .«

»Erlauben Sie, Frau Brünning, dies ist meine Privatsache.«

»So, findest du?«

»Ja, das finde ich allerdings! Der Brief ist nicht an Sie gerichtet, Sie haben also nicht das Recht, ihn zu öffnen. Ich bitte, mir sofort den Brief zurückzugeben.«

Wie spöttisch diese Frau lächeln konnte! Ich ärgerte mich gewaltig. Es fiel mir nicht ein, ihr den Brief einfach aus der Hand zu nehmen. Sie selbst sollte ihn mir reichen.

»Nun, und wenn ich den Brief öffnen und lesen würde?«

Das war doch ein starkes Stück! Schon beinahe eine Majestätsbeleidigung, da auf der Rückseite des Umschlags eigens vermerkt war: »Bitte, eigene Angelegenheit des Empfängers«, was jeder Minister, jeder Adjutant des Kaisers respektieren würde, falls nicht vom Kaiser selbst ein Gegenwunsch erfolgte.

Klipp und klar gab ich Frau Brünning zu verstehen, daß ich sie wegen Verletzung des Briefgeheimnisses gerichtlich belangen könnte, und bei diesen ernsten Drohungen wurde mir selbst bange zumute. Ich war froh, daß Frau Brünning es nicht 261 darauf ankommen ließ, sich von mir vor ein strenges Tribunal schleppen zu lassen.

Ich wartete, bis ich meinen Brief in den Händen hatte, und sagte nur noch vier Worte, seelenruhig: »Danke, jetzt geh' ich.«

 

Daheim bei meiner Mutter langte ich gerade rechtzeitig zum Kaffeetrinken an. Natürlich war Mutter höchst erstaunt, mich mit Sack und Pack so plötzlich anfahren zu sehen.

Hoch zu Wagen kam ich daher, neben dem Kutscher sitzend, dem ich die Geschichte mit dem Kaiserbrief haarklein erzählte. Ich fand bei dem Mann mehr Verständnis für meine Situation, als ich erwartet hatte. Ja, es sei ein Skandal, was sich die Herrschaften heutzutage alles herausnehmen.

»Die glauben, sie können mit unsereins machen, was sie wollen. Das Fell soll man sich über die Ohren ziehen lassen. Ja, davon kann ich auch ein Lied singen. Sie haben ganz recht gehabt, Fräulein, daß Sie sich das nicht gefallen ließen. Sie bekommen ja leicht anderswo einen bessern Platz.«

Es tat gut, so was zu hören. Selbstverständlich nahm auch ich an den zum Teil empörenden Erfahrungen des Droschkenkutschers den lebhaftesten Anteil. Da gab's Leute, die die Taxe nicht zahlen wollten und in solchem Fall doch hätten zu Fuß gehen müssen. Das Pferd wollte doch auch ernährt sein.

Mutter mußte die Droschke bezahlen, doch war der Kutscher unglaublich bescheiden in seinen Ansprüchen, er wollte nur eine Mark und fünfzig. Er hatte doch auch meine schwere Truhe gefahren 262 und verschiedene Pappschachteln, die im Rücksitz hin und her gewackelt hatten.

»Mutter, gib dem Mann noch dreißig Pfennig. Du weißt nicht, was der schon alles durchgemacht hat in seinem Leben. Ich erzähle dir nachher.«

Doch war Mutter zunächst begierig zu erfahren, was ich »durchgemacht« hatte.

Ich hatte aber einen gehörigen Hunger, da ich den ganzen Tag über so gut wie nichts gegessen hatte. Mutter möge mir nur rasch ein paar Stück Butterbrot geben, dann würde sie was zu hören bekommen. In nahezu revolutionärer Stimmung berichtete ich dann.

Mutter fand, daß es nicht unbedingt ein Kündigungsgrund sei, wenn ein Dienstmädchen am Samstagmorgen einmal nicht zur Kaiserfeier durfte. War Mutter nicht ein bißchen rückständig in ihren Ansichten? Großreinemachen oder nicht, aber die Feste mußten gefeiert werden, wenn sie fielen.

»Ja, es können doch nicht alle Betriebe an solchem Tag einfach stillstehn.«

»Vielleicht nicht alle, aber möglichst viele. Hätten die Fenster und die Lampen nicht einmal ungeputzt bleiben können?«

Darauf sagte Mutter nichts, und ich mußte sie darüber aufklären, daß die Vaterlandsliebe unbedingt gepflegt werden müsse, genau so gut wie ein Haushalt. Und ein Landesfürst, der doch weiß Gott genug zu tun hatte, hatte doch ein Recht darauf, sich hin und wieder mal feiern zu lassen. Selbst Jesus, der König der Könige, hatte gelegentlich gesagt: »Arme habt ihr alle Tage. Mich aber habt ihr nicht alle Tage.« Und wer es nicht 263 dulde, daß man den Vater des Landes ehre, mit dessen Achtung könne es auch nicht weit her sein dem himmlischen Vater gegenüber.

»Aber sag, Kind, was hast du denn dem Kaiser geschrieben?«

Daß ich ihm überhaupt geschrieben hatte, das setzte Mutter nicht in Verwunderung, zumal ich schon als Kind mehrmals ausführliche Briefe an Leute geschrieben hatte, die mir persönlich unbekannt waren, denen zu schreiben ich mich aber unwiderstehlich gedrungen fühlte. Es waren Leute, die Todesanzeigen in die Zeitung gesetzt hatten und denen ich meine Kondolenz machte; denn ich hatte ja schon erfahren, wie es war, einen Menschen durch den Tod zu verlieren, da meine eigene Großmutter gestorben war, und mit den Weinenden mußte man weinen. Meine Trauerbriefe wurden nicht immer abgeschickt, aber geschrieben mußten sie werden, und einige meiner kindlichen Episteln hatte Mutter sich zum Andenken aufbewahrt. Sie war also nicht erstaunt, daß ich mich bei dieser trefflichen Gelegenheit auch einmal an den Kaiser gewandt hatte, nur wollte sie gerne wissen, was ich geschrieben hatte. Ich konnte es nicht eingestehen. Den Segenswunsch hätte ich ihr ruhig anvertrauen können, aber mein Privatgesuch mußte Mutter allenfalls in Unruhe versetzen. Es war mir selbst unerklärlich, wie ich nur hatte diesen Brief schreiben können. Das mußte halb im Traum geschehen sein, denn es lag mir nichts an einer Bewilligung meines Gesuches. Ich hatte doch auf meinen Wunsch nicht nur verzichtet, ich hatte den Wunsch überhaupt nicht mehr. Wie hätte ich diese Wahrheit meiner 264 Mutter begreiflich machen können, da doch der Brief durchaus gegen mich sprach?

Nach einer ausweichenden Antwort suchend, meinte ich schließlich unbestimmt: »Ach, Mutter, was kann man einem Kaiser schreiben? Doch nur ein paar freundliche, höfliche Worte, sonst nichts.«

»Dann kann ich den Brief vielleicht einmal sehen.«

»Natürlich kannst du das, wenn du es willst. Ich hab' den Brief hier in meiner Handtasche. Hier ist er. Wenn du durchaus willst, lies ihn. Du würdest mir aber einen großen Gefallen erweisen, wenn du darauf verzichten möchtest. Warum, das kann ich dir später erklären. Vielleicht auch gleich, wenn du willst.«

»Nein, es ist nicht nötig.«

Darauf warf ich den Brief ins Herdfeuer, wo er verbrannte. 265

 

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