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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Theaterbesuch

Eines Sonntags hatte ich meine Eltern besucht, von drei bis sieben Uhr nachmittags ein paar nette Stunden bei ihnen verbracht. Wir hatten einen kleinen Spaziergang nach dem Ostseebad gemacht, zusammen Kaffee getrunken, dann hatte ich zu Hause meinem Vater sein Lieblingslied vorgesungen: »Sag mir das Wort, das ich einst gern gehört . . .« Mein Lieblingsstück, ein kleines Allegretto von Mozart, und das Menuett aus dem »Don Juan« hatte ich auf dem alten Klavier gespielt, mich gefreut, daß ich noch nicht ganz aus der Übung gekommen war. Dann hatte Mutter mir die Hände gewaschen, die sehr spröde waren, und die ich ihrer Meinung nach nicht genügend pflegte. Immer wusch Mutter mir die Hände mit milder Seife, wenn ich zu ihr kam, tupfte sie sorglich ab, weil das Reiben weh tat, rieb die Hände sanft mit Glyzerin ein und puderte sie mit Talkum. Dies war eine Prozedur, die ich liebte. Es tat so gut, sich von Mutter verwöhnen zu lassen, und dies war die eigentliche Annehmlichkeit meines freien Sonntags. Manchmal durfte ich auch den Abend bei meinen Eltern verbringen, und Mutter brachte mich dann jedesmal gegen neun Uhr bis an die Haustür von Brünnings, wo wir uns mit zwei Küssen auf die Wangen rechts und links voneinander verabschiedeten bis zum nächsten Mal.

An diesem Sonntag aber wollten mir die Eltern eine Extrafreude machen. Sie hatten mir eine Eintrittskarte fürs Theater besorgt und wußten schon zum voraus, daß ich nach der Vorstellung 239 von Liese abgeholt und nach Hause zu Brünnings begleitet wurde. Nicht nur meine Eltern, auch Brünnings wünschten, daß ich spät abends nicht allein auf der Straße ging. Um Hilde, die doch nur wenige Jahre älter war als ich, kümmerten Brünnings sich nicht direkt. Indirekt schon, doch dieses merkte ich nicht. Ich selbst fand, daß es nicht grad nötig sei, mich auf der Straße beschützen zu lassen; denn dort konnte mir doch eigentlich gegen elf Uhr abends, da noch obendrein so viele Leute unterwegs waren, kaum etwas Gefährliches begegnen, was ich nicht selbst wollte. Immerhin, ich sträubte mich nicht gegen Beaufsichtigung, dies war ja nur das liebe Zeichen, daß man es gut mit mir meinte.

Es war hübsch, eine Eintrittskarte fürs zweite Parkett zu besitzen und im blauen Hauptexamenkleid unter vornehmen Menschen zu weilen. Vor der Vorstellung stellte ich fest, daß der große Kronleuchter, der schwebende Lichtvogel, schön war, schön wie einst. Auch der faltenreiche rote Sammetvorhang, der sich so leise und geheimnisvoll auseinanderbreiten und ebenso geheimnisvoll wieder schließen konnte, war genau wie einst. Freilich, ich saß nicht mehr hoch oben auf der Galerie wie bei »Hanneles Himmelfahrt«, ich erinnerte mich an mein erstes Entzücken über dies fromme Traumspiel und lächelte. Ich brauchte keine Hasenfelle mehr zu verkaufen. Ich war jemand, der zwölf Mark im Monat verdiente, das waren an die hundertfünfzig Mark im Jahr, bei freier Kost und Station. Es konnte sein, daß ich es noch weit bringen würde in der Welt, ich hatte die Anlagen dazu, nach meiner Meinung. Einige 240 Geigen im Orchester sangen wie die Singvögel, braun und warm, leise zwitschernd und rührend. Zwei Geigen waren wie zwei Vögel im Schlehendorn. Genau wie ein kleines Lied:

Wie ist der Dorn mit Blüten bedeckt.
Wie ist der Vogel so dicht versteckt.
Wie froh das klingt . . .

Dann wieder klang die Musik leise und vielstimmig. Als breiteten viel zarte Farben in sanfter Feierlichkeit sich aus. Als fiele ein Sonnenstreifen über eine Wiese, über eine Brücke, auf der es geregnet hatte. Ein grüner Schatten vertiefte sich. Es sang. Es spielte. Es träumte. Es waren zwei Vögel, und eine Stimme, ein unbekanntes Musikinstrument, schien zu klagen. Schmerzlich und hell in hohen, nahezu weißen Tönen, in denen schon etwas Jubelndes lag, wie zum voraus. Dann aber, noch einmal fiel die Melodie zurück.

O Vögelein, jubelt nicht allzusehr.
Ihr macht mir beide das Herze schwer.
Ich bin allein . . .

Und dann sanken die Töne, wie um sich in diesem Einsamsein zu erholen für etwas unendlich Bereitwilliges, Vielfaches. Das strahlte in allen Farben. Die Musik endete in einem Akkord, der unsäglich beruhigend war. Darüber schlief ich ein.

Der Vorhang muß hochgegangen sein. Ich habe es nicht bemerkt. Es muß gespielt worden sein. Ich habe es nicht bemerkt. Es wurde von Björnstjerne Björnson »Über unsere Kraft« gegeben. Ich habe es nicht bemerkt. Ich schlief und schlief. Nur 241 wenn ein Akt zu Ende war, und ich das Händeklatschen des Publikums hörte, machte ich für wenige Minuten die Augen auf, sah auf der Bühne, wie die Schauspieler, sechs bis sieben nebeneinander, Hand in Hand, glücklich über den Erfolg, sich lächelnd verneigten, um sofort weiterzuschlafen.

Ich wurde nur halbwach, wenn sich die Schauspieler siegeslächelnd bedankten. Wofür? Ich wußte es nicht. Ich schlief weiter, schlief, bis der Theaterdiener mich weckte, das Stück sei aus und ich möchte nach Hause gehen. Benommen war mir, als müsse ich dem Mann ein Trinkgeld geben, dafür, daß er mich geweckt hatte, mich zur Garderobe geleitete, wo alle Kleiderhaken schon leer waren und ich einsam und verlassen nur mein graues Mäntelchen und darüber meine Krimmermütze hängen sah. Der Theaterdiener half mir gefällig in den Mantel. Ich suchte in meinen Taschen nach dem Portemonnaie. Wo hatte ich es denn nur? Noch wußte ich es nicht, ermunterte mich aber doch, schon zum voraus zu sagen: »Darf ich Ihnen vielleicht . . .«

»Aber lassen Sie nur, Fräulein. Bemühen Sie sich doch nicht . . .«

»Ja, also dann vielen Dank für heute.« Und gab dem Mann die Hand und wurde bis zum Ausgang begleitet.

 

Draußen an der frischen Luft war der Schlaf rasch weggeflogen. Da ich mich grade auf Liese besann, mich nach ihr umsehen wollte, kam Herr Rasmussen, einer unserer Pensionäre, ein junger Mann von beinahe zwanzig Jahren, auf mich zu, er sei von Herrn Brünning geschickt, mich heim 242 zu begleiten, da Liese nicht gut hätte abkommen können.

Ah, da sei es aber freundlich, daß Herr Rasmussen gekommen sei.

»Ja, Herr Brünning hat es so gewünscht. Wünschen Sie durch die Dorotheenstraße oder durch die Nerongsallee geführt zu werden?« Herr Rasmussen sah mich mit ernster Höflichkeit fragend an. »Es ist eine rein sachliche Frage, aber ich muß es vorher wissen.«

»Ja so«, überlegte ich, »es ist mir gleich, welchen Weg wir nehmen. Die eine Straße ist ja so gut wie die andere. Oder? Wenn Sie anderer Meinung sind. Ist es Ihnen recht, wenn wir durch die Nerongsallee gehen?«

»Ich richte mich ganz nach Ihnen. Wie Sie wollen werden. Der Weg durch die Dorotheenstraße scheint mir etwas kürzer zu sein, aber wenn Sie die Nerongsallee vorziehen . . .«

»Ach, nein das nicht, wir können genau so gut durch die Dorotheenstraße gehen.«

»Nach Belieben.«

»Das heißt, gehen wir doch lieber durch die Nerongsallee. Ich habe die Akazienbäume so gern. Es sieht hübsch aus, wenn abends Licht auf die Bäume fällt . . . Die Nerongsallee hat jetzt neue Beleuchtung bekommen.«

»Ja. Duburg ist überhaupt im Aufschwung begriffen.«

»So, ist es das?«

»Der Stadtteil dehnt sich offensichtlich mehr nach oben hin aus.«

»Aha. Ja, so ist es.«

»Haben Sie dies nicht bemerkt?« 243

»Nein, ich habe das nicht bemerkt. Ich habe ja wenig Gelegenheit, mir die Gegend anzusehen, hab' immer im Hause zu tun. Übrigens habe ich es nicht allzugern, wenn eine Stadt im Aufschwung begriffen ist. Ein bißchen, meinetwegen, aber nur nicht zuviel. Die schöne Mühle in der Friedhofstraße hat man abgebrochen, und vielleicht ist der ganze Marienwald abgeholzt in einem Jahr. Nein, das gefällt mir nicht. Die armen Buchen können sich freilich nicht dagegen wehren.«

»Sollten die Buchen etwa gegen das Gefälltwerden revoltieren?«

»Das können sie ja leider nicht. Wenn sie es könnten, würde es ihnen wenig helfen. Ein schöner Baum hat kein Recht.«

»Die Akazien sind aber nett zufrieden, dünkt mich.«

»Scheint so. Aber man weiß es nicht.«

Dann schwiegen wir eine Weile, während wir durch die Nerongsallee gingen.

Als wir von oben in die Duburger Straße einbogen, f ragte Herr Rasmussen, ob mir das Theaterstück gefallen hätte. Ich antwortete: »Ich habe gar nichts davon gesehen, weil ich die ganze Zeit über geschlafen habe. Nur die Schauspieler waren mit dem Erfolg zufrieden. Ich nehme an, daß das Stück gut gefallen hat, doch habe ich nicht die mindeste Ahnung, wovon es handelt. Ich habe alles verschlafen.«

»Sie hatten sich wahrscheinlich tagsüber zu sehr angestrengt . . . Haben Sie wenigstens gut geschlafen? . . . Schlafen Sie immer im Theater«?

Darüber mußte ich sehr lachen, und Herr Rasmussen lachte auch. Nein, wie komisch er doch 244 gefragt hatte! Ob ich immer im Theater schlafe! Meinte er das im Ernst, oder sagte er aus Verlegenheit solchen Unsinn?

Wenn Herr Rasmussen eine Ahnung hätte, wie ich schon wach gewesen war im Theater! Es war aber doch schade um das Stück und um die teure Eintrittskarte. Dann fiel mir das Orchester ein, und ich erzählte Herrn Rasmussen, was ich für schöne Musik gehört hätte. Es sei wie ein Lied gewesen, aber mehr noch, und begann ein wenig zu summen, um einen kleinen Begriff davon zu geben. Doch merkte ich, daß sich über Musik schwer sprechen ließ, und fügte daher hinzu: »Musik muß man hören. Schade, daß Sie es nicht gehört haben.«

»Oh, danke schön, aber ich kann es mir schon vorstellen, daß es schön gewesen ist . . . Aber, nicht wahr, wir sind angelangt. Darf ich mich hier von Ihnen verabschieden? Ich danke Ihnen noch vielmals für Ihre freundliche Begleitung. Guten Abend.«

»Aber Sie haben doch mich begleitet, Herr Rasmussen, also danke ich Ihnen bestens. Ja, gehen Sie denn nicht mit mir hinauf?«

»Nein, ich habe noch einen kleinen Gang zu machen. Guten Abend, gute Nacht.«

Und damit ging Herr Rasmussen seiner und ich meiner Wege.

 

Möglich, daß das Glück eine Notwendigkeit ist, die niemand umgehen kann und wonach jeder instinktiv hascht. Wir haben nicht die Freiheit, ein unglückliches Leben dem glücklichen vorzuziehen. Hätten wir die freie Wahl, würden wir uns für 245 jenes Leben entscheiden, das wir als das richtige, das »glückliche« erkannt haben. Das Glück aber ist es, das für jeden Menschen anders aussieht.

Auf eine Weise indessen ist sogar die Ansicht vom »Glück« der Mode unterworfen. Der Mensch selbst wird nach seiner Brauchbarkeit beurteilt. Wird er für die Gesellschaft als nützlich anerkannt, imponiert er, obwohl man nie so genau vorher wissen kann, was der Menschheit tatsächlich dienbar ist. Doch wird jeweils ein Idealtyp der Zeit aufgestellt, beinahe eine Art Schablone, nach der man sich willkürlich oder unwillkürlich richtet. Gewiß muß der Mensch sich in den Rahmen seiner Zeit irgendwie einfügen. Jeder ist auf seine Weise Kind seiner Zeit, doch gibt es auch Kinder, die mit ihrer Mutter, der Zeit, sich nicht ohne weiteres einverstanden erklären können, und es bedarf viel guten Willens und Erfahrung, sie zu begreifen und zu durchdringen.

Es gibt bei Thomas a Kempis, in seiner »Nachfolge Christi«, ein Kapitel, das heißt »Von Gehorsam und Unterwürfigkeit«, das ich erst in meinem zwanzigsten Lebensjahre kennenlernte, doch enthält dieses Kapitel eigentlich all das, was ich schon in sehr früher Jugend hätte recht begreifen mögen. Hier heißt es zunächst: »Es ist etwas sehr Großes, im Gehorsam zu stehen und unter einem Obern zu leben, ohne sein eigener Herr zu sein. Viel sicherer ist es, im Verhältnis des Untergebenen zu stehen, als in dem des Vorgesetzten.«

Es war mir nun doch einmal beschieden, in Diensten zu sein, obwohl ich mir dies an einer wesentlich anderen Stelle gewünscht hatte. Etwas Geistiges zu erlernen, mich in irgendeiner Wissenschaft 246 auszubilden, zu studieren, dies war etwas, das man mir allenfalls hätte versagen müssen, da meine Eltern hierzu nicht die Mittel hatten. Meinen Kinderwunsch, Schauspielerin zu werden und auf diese Weise der Kunst zu dienen, glaubte ich überwunden und sozusagen in mir getötet zu haben. Ich wünschte, mich in einem Leben zurechtzufinden, das mir aufgezwungen war. Obwohl ich einsah, daß ich bei Brünnings nicht am rechten Platz war, hatte ich gleichwohl den besten Willen, hier auszuhalten und diesen Platz auszufüllen. Was Gutes in mir war, konnte nicht verlorengehen, und es kam vielleicht nicht darauf an, wo sich dieses Gute auslebte und auswirkte. Vielleicht war das, was ich durchaus auf mich nehmen wollte, eine Übung fürs Leben. Ob mir diese Übung gut bekommen ist oder nicht, will ich dahingestellt sein lassen, doch halte ich für möglich, daß sie viel dazu beigetragen hat, mein Wesen zu formen.

Im allgemeinen hält man es ja für richtig, wenn junge Menschen sich allein und selbständig durchsetzen. Man glaubt, es gehöre Mut und Kraft dazu, ein Ziel trotz aller Widerstände zu erreichen. Dies will ich zugeben. Es gehört aber auch Kraft dazu, auf einen starken Wunsch zu verzichten. Und hierbei kann man noch erleben, daß man unerwartet das heimliche Ziel seiner Wünsche viel rascher erreicht, als man geahnt, und daß die Erfüllung dann enttäuscht, wie ich es an mir erfahren habe.

Dennoch glaube ich, daß mein Wille zur Nachgiebigkeit, ein Wille, in dem ich mich ganz bewußt übte, etwas zu stark war und etwas zu weit ging. Doch habe ich mir nicht vorgenommen, mein 247 Leben zu erzählen, wie es vielleicht hätte sein sollen, sondern wie es gewesen ist. Die Kritik steht mir nicht zu. Es gibt wohl Menschen, die lediglich aus einer Haltlosigkeit, aus einer Schwäche heraus sich der Meinung anderer unterordnen, doch darf ich getrost sagen, daß dies bei mir nicht der Fall war. Gerade junge Menschen haben sehr starke Ansichten, sogar besonders stark, weil sie erstmalig sind, und ich nun war unentwegt bemüht, diese Ansichten »kühl« zu stellen, wie ich dieses seltsame Spiel vor mir selber nannte. Es war ein fortwährendes, absichtliches Dämpfen und immerwährendes Zurückstellen der eigenen Meinung. Genötigt bin ich dieses mitzuteilen, andernfalls das folgende Erlebnis niemand verständlich sein würde.

Es war an einem Abend, als Herr und Frau Brünning ausgegangen waren. Herr Rasmussen hatte gerade ein Examen bestanden, das er zusammen mit einigen andern Schülern in seinem Zimmer ein wenig gefeiert hatte. Liese hatte die Getränke gerichtet, und Hilde bediente. Um halb elf Uhr hatten die Besucher, soweit sie außerhalb wohnten, schon das Haus verlassen, und Liese ersuchte mich, den Rest der Gläser und sonstiges Geschirr aus Herrn Rasmussens Zimmer zu holen. Oben fand ich Herrn Rasmussen, eine Zigarette rauchend, auf seinem Bettrand sitzend vor. Nun hatte freilich Herr Rasmussen mich schon einmal vom Theater nach Hause gebracht. Er war mir also persönlich nicht ganz unbekannt. Nun aber, da ich hier als Magd in seinem Zimmer etwas zu ordnen hatte, grüßte ich ihn nur leichthin, während er meinen Gruß mit distanzierter Höflichkeit erwiderte. 248

Trotzdem konnte ich es nicht unterlassen, mich im Zimmer ein wenig umzusehen, während ich die Gläser auf das Tablett räumte. Über dem Schreibtisch, der an die Wand gerückt war, bemerkte ich einen Kalender, auf dem die Zahl 96 stand, was mich verwunderte, da ein Monat doch höchstens 31 Tage hat. Oberhalb dieses Abreißkalenders las ich die in netter Rundschrift gemalten Worte »Parole Heimat«. Dieser Kalender war nicht so hübsch wie derjenige, der über Frau Brünnings Bett hing, den ich an diesem Morgen noch betrachtet hatte, weil dort ein neuer Wochenspruch zu lesen war, der mir sonderlich gefiel:

Selig, wer sich vor der Welt
Ohne Haß verschließt,
Einen Freund am Busen hält
Und mit dem genießt,

Und dann die seltsam-schönen Zeilen:

Was von Menschen nicht gewußt,
Oder nicht bedacht,
Durch das Labyrinth der Brust
Wandelt in der Nacht.

Dies fiel mir ein, da ich Rasmussens eigenartigen Kalender an der Wand sah, dessen Bedeutung ich mir überlegte.

Herr Rasmussen, der wohl bemerkte, daß sein Kalender meine Aufmerksamkeit erregte, fragte zu mir hinüber an den Tisch: »Nun, Fräulein Helga, was spekulieren Sie über meinen Kalender?«

Ich erwiderte, daß ich nur über die hohe Zahl 96 nachgedacht habe, worauf Herr Rasmussen 249 erklärte, daß es ein Heimatskalender sei, von dem er täglich ein Blatt abreiße, und nach 96 Tagen würde er nach Hause zu seinen Eltern nach Dithmarschen fahren.

»Oh, da haben Sie gewiß Heimweh, da Sie sich eigens einen solchen Kalender gemacht haben, denn Sie müßten auch ohne Kalender wissen, wie lange es noch dauert, bis Sie wieder nach Hause kommen.«

»Das ist wahr, doch gefällt es mir, dies täglich genau zu betrachten. Finden Sie das sehr kindisch von mir?«

»O nein, ich finde es schön, aber . . . .«

»Was denn ›aber‹?« drängte Herr Rasmussen.

»Nichts Besonderes. Es fällt mir nur auf, daß Sie so ohne weiteres annehmen, daß Sie noch 96 Tage leben, und so sehr weit zum voraus über die Zeit disponieren.«

»Würden Sie nicht dasselbe wagen?«

»Nein, das würde ich kaum tun.«

»Fühlen Sie sich denn der Zukunft und des Lebens so wenig sicher?«

»O doch. Die Zeit geht ja schon weiter ohne unser Zutun. Ihr Kalender gefällt mir schon gut. Es wäre nicht übel, dünkt mich, einen solchen Parole-Heimat-Kalender zu haben, der alle Tage unseres Leben enthielte und von dem wir täglich ein Blatt abreißen müßten, bis zum Tode. Da müßte man sich doch gut vorbereiten können.«

»Aber das wäre doch schrecklich. Es kann nicht Ihr Ernst sein, sich einen solchen Kalender zu wünschen.«

»Es kann keinen geben. Ich habe nur daran denken müssen, wie es wäre, wenn wir solchen 250 Kalender hätten. Ob wir uns in diesem Falle ebensosehr freuen würden, nach Hause zu kommen, wie Sie jetzt sich darauf freuen, wieder zu Ihren Eltern zu gelangen.«

Hierüber sprachen wir noch einiges hin und her, und dann verließ ich mit dem Tablett das Zimmer.

 

In der folgenden Nacht fühlte ich mich gesundheitlich sehr schlecht, und auch in den nächsten Wochen empfand ich eine bleierne Mattigkeit in den Gliedern, die wahrscheinlich von meinem starken Wachstum herrührte. Hinzu kam noch, daß ich plötzlich den Appetit verlor und weder essen noch trinken mochte. Das Unglück wollte, daß mein Schlechtbefinden von meiner Umgebung in einer Weise gedeutet wurde, die auszusprechen ich mich scheue. Ich erfuhr hier zum erstenmal, was eine einzige böse Zunge für Unheil anrichten kann. Vielleicht glaubt derjenige, der seinen Nächsten verleumdet, selbst nicht an das, was er sagt. Ein anderer jedoch, der sich solches anhört, hält die schlimme Nachrede für wahr, und weit davon entfernt, sie für sich zu behalten, trägt er sie weiter, ohne genügend zu bedenken, was für traurige Folgen die überflüssige Klatscherei mit sich bringt. Über mich wurden Dinge gesagt, die ich kaum vom Hörensagen kannte, geschweige denn aus Erfahrung. Ich hörte mir alles mit einem stillen, heimlichen Schreck an, konnte auf alle Vorwürfe nur den Kopf schütteln und schweigen. Sehr beneidete ich in diesen Tagen die Blattpflanzen, die ich zu pflegen hatte. Das zarte Schlinggewächs hatte es leicht, sich verständlich zu machen, es wuchs nur und gefiel jedem. Wie anders war das mit mir! 251 Es gab wahrlich Dinge in der Welt, gegen die man sich nicht verteidigen durfte. Weh tat es schon, aber man konnte die Menschen vielleicht in ihrer irrigen Meinung belassen, da sich mit der Zeit herausstellen würde, ob sie recht hatten oder nicht. Man bekam ja kein Kind vom Sommerwind.

 

Herr Brünning bewies in dieser Angelegenheit mir gegenüber ein völlig unangebrachtes Mitleid. Er beging hinter meinem Rücken die Unvorsichtigkeit, mit Herrn Rasmussen zu sprechen, dem er einfach vorwarf, mich »verführt« zu haben, was dieser selbstverständlich heftig erschrocken bestritt. Um so erstaunlicher war es daher, daß er sich trotzdem bereit erklärte, mich zu heiraten, falls seine Eltern hierzu ihre Einwilligung geben würden. Herr Brünning, der nahezu stolz darauf war, dies vermittelt zu haben, und mir feierlich kundgab, was alles er für mich zustande gebracht hatte, konnte nicht verstehen, daß ich ihm hierfür so gar wenig dankbar war. Ich wünschte mich weit fort, doch sagte ich mir, es würde anderswo andere Schwierigkeiten geben. Es gibt Fälle, in denen der schuldige Mensch sich leichter verteidigen kann als der unschuldige, der nur die eine Wahrheit hat, die ihm nicht geglaubt wird. Frau Brünning hatte mich am Tage meiner Vorstellung im Hause, vom Fenster aus, mit einem Soldaten auf der Straße gesehen, was ihr sehr bedenklich vorgekommen war, nachträglich. Die Mädchen, was ich freilich erst später erfuhr, verdächtigten mich Herrn Brünnings wegen, der mir einen Kamm und eine Tafel Schokolade geschenkt hatte. Kurz, es waren lauter nichtige Kleinigkeiten, die gegen mich 252 sprachen, und denen ich nicht die mindeste Beachtung geschenkt hatte.

Da ich mich nun mit aller Entschiedenheit gegen eine »unnötige Heirat« sträubte – denn so weit ging mein Gehorsam nicht –, kam Herr Brünning endlich auf den Gedanken, den Hausarzt zu konsultieren, der mit wenigen Worten die Sache richtigstellte, worüber ich sehr froh war, weil dadurch das widrige Geklatsche von einem Tag zum andern aufhörte. 253

 

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