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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zweiter Teil

Auf der Stellungssuche

Wenn ich an meine ersten Mädchenjahre zurückdenke, besonders an die wichtige Zeit des Reifens vom Kinde zur Jungfrau, habe ich beinahe etwas Mitleid mit mir. Warum? Weil ich mich so sehr schwer an das große Leben gewöhnt habe. Ob es dann doch ging? O ja, es ging schon. Es geht ja immer, wenn auch manchmal etwas schief. Es kam mir nur vor, als ginge es gleich von Anfang an schief. Dies war freilich eine Einbildung von mir, aber das sah ich leider erst spät ein. Es kommt nicht immer darauf an, wie das Leben wirklich ist, sondern wie es einem vorkommt. Ich hielt es für verfehlt. Und das war mit sechzehn Jahren doch gewiß ein Vorurteil. Wie ich dazu kam?

Weil ich meinen eigenen Willen nicht durchsetzen durfte. Ich will mich nicht nachträglich zu sehr kritisieren, doch bin ich genötigt einzugestehen, daß ich entschieden zu viel Wert auf das Recht der Selbstbestimmung legte. Eines Tages hatte ich ein kleines Programm im Kopf, das ich zu verwirklichen gedachte, aber meine Eltern waren dagegen. Meine lieben Eltern, die es doch gut mit mir meinten, waren also die ersten, die meinem Glück im Wege standen. Wenn sogar die nächsten Verwandten einem in der schönsten Laufbahn hinderlich waren, wie würden sich dann erst die fremden Menschen zu mir stellen? Und bei meinen großartigen Plänen brauchte ich Unterstützung, Hilfe von verschiedenen Seiten.

Nur auf Frau Trümpler konnte ich mich verlassen. Sie würde mir beistehen, so gut sie konnte. 182 Sie konnte nur nicht gut. Frau Trümpler war die Garderobiere des Stadttheaters, die mir den Floh ins Ohr gesetzt hatte, ich müsse zur Bühne, da ich ein enormes schauspielerisches Talent habe, was ich nur allzugern glaubte. Frau Trümpler, die doch Jahr und Tag von den Kulissen aus die Leute hatte spielen sehen, mußte wohl etwas davon verstehen. Außerdem hatte sie natürlich die besten Verbindungen zum Direktor und wollte mir sehr gern die Bekanntschaft mit ihm vermitteln. Ich sollte dem Mann nur einige Verse vordeklamieren: »Lebt wohl, ihr Berge, ihr geliebten Triften«, und daraufhin würde ich höchstwahrscheinlich sofort engagiert werden. Frau Trümpler war geradezu stolz darauf, mich als künftigen Stern entdeckt zu haben. Obwohl ich eigentlich mit der Tochter von Frau Trümpler, einer früheren Schulkameradin, bekannt war, hatte ich viel mehr Interesse für die Mutter, die meine geheimen Neigungen in solch bedenklicher Weise unterstützte, denn in Wirklichkeit war es doch eine phantastische Idee, von der Schulbank gleich auf die Bühne zu hüpfen. Mir erschien das damals eine Kleinigkeit.

Frau Trümpler war der Wink des Schicksals und diejenige, die den Stein ins Rollen bringen mußte. Die Frau muß an meiner Kinderstimme oder an meiner Art mich zu bewegen einen Narren gefressen haben, anders kann ich mir ihre Begeisterung für mich nicht erklären. Die verstiegene Schwärmerei fürs Theater an sich findet man sehr oft gerade bei Bühnenangestellten, die nicht unmittelbar mit dem Spiel selbst zu tun haben. Frau Trümpler war der Meinung, der Direktor würde ihr ganz besonders dankbar sein, wenn sie mich ihm vorführte. 183 Ich müßte sofort die Julia in »Romeo und Julia« spielen. Ich wußte dann auch die Rolle von einem Tag zum andern in- und auswendig. Ich hatte allerdings einen kleinen Sprachfehler, den die gewissenhafte Frau Trümpler an mir entdeckte. Ich sprach nämlich das »SP« und »ST« s-pitz aus, wie dies in der Mundart meiner Heimat üblich ist. Aber diesem kleinen Schönheitsfehler war leicht abgeholfen, indem ich überall, wo ich nur Gelegenheit hatte, vor mich hin sprach: »Ich stieß mich an einem spitzen Stein.« Oder: »Ich springe die höchsten Sprünge.« Da ich keine Zeit verlorengehen lassen durfte, mich zu üben, saß ich manchmal in der vollbesetzten Stadtbahn und ›stieß mich entweder an spitzen Steinen‹ oder ›sprang die höchsten Sprünge‹, so daß das Publikum mich befremdet anblickte. Um die Stimme zu lösen und nach vorne zu bringen, machte ich lange »Trrrrrrr«, während ich nebenbei Strümpfe stopfte. Bemerkte Mutter dies zufällig und wunderte sich über diese seltsamen Töne, erklärte ich: »Mir sitzt nur etwas im Hals.« Mit Vorliebe steckte ich einen Kork zwischen die Zähne, um die Aussprache zu lockern, wie ich überhaupt auf dem Gebiet der Sprachübungen nichts unversucht ließ. Frau Trümpler, die auch über dieses Bescheid wußte, gab mir einen Tip nach dem andern. Für diese Hinweise war ich so dankbar, daß ich ihr anbot, mich auf meinen späteren Gastspielreisen zu begleiten, selbstverständlich für ein gehöriges Monatsgehalt. Dieses verlockende Engagement konnte Frau Trümpler nun allerdings nicht annehmen. Frau Trümpler war nämlich mit einem Schuhmacher verheiratet, der seine Werkstatt in der Küche hatte. 184

Herr Trümpler verdiente nicht gar viel Geld. Neues Schuhzeug wurde selten bei ihm bestellt. Er saß an einem kleinen Tisch, auf dem auch unter Tags eine Lampe brannte hinter einer mit Wasser gefüllten Glaskugel, die das Lampenlicht schön hell machte. Hier saß Herr Trümpler und flickte Schuhe, die auch auf dem Boden überall ein bißchen herumlagen, ziemlich armselig und dürftig. Ich glaube, Trümplers besaßen außer der Küche nur noch einen Raum, den ich nie zu sehen bekam. In der großen, sehr niedrigen Küche stand noch ein Bett, in dem die Tochter Guste schlief, die tagsüber beim Theaterdirektor im Haushalt beschäftigt war. Herr Trümpler, ein Mann in den Fünfzigerjahren, hatte viel graues Haar und einen sehr buschigen grauen Vollbart. Sein Gesicht erschien mir manchmal etwas verbittert und abgearbeitet, doch zugleich sehr energisch. Es war begreiflich, daß er keine Lust hatte, hier allein in der Küche Schuhe zu flicken, sich selbst das Essen zu kochen und sich kümmerlich durchzubringen, während seine Frau mit mir auf Reisen war . . . Ob er nicht mitkommen wolle nach Hamburg, Berlin, Prag, Budapest. Ich mußte schon einige große Städtenamen fallen lassen, um Herrn Trümpler etwas in Stimmung zu bringen. Arbeiten brauchte er rein gar nichts, nur die schöne Welt bewundern. Geld war ja bei meinen Aussichten das wenigste, das würde sich finden lassen. Wenn er besorge, sich zu langweilen unterwegs, könne er einige Bücher aus seiner Bibliothek mitnehmen. Herr Trümpler hatte nämlich in seiner Küche auch ein Gestell mit vielen Büchern, von Marx und Engels, Bakunin und Krapotkin, 185 besonders ein dickes Buch, über dem ich ihn manchmal lesend antraf: »Die Sozialdemokratie von der Utopie bis zur Wissenschaft«. Das konnte er mitnehmen, daran hatte er lange zu studieren. Herr Trümpler sah mich lächelnd an und meinte, wenn es so weit sei, könne ich ihm Bescheid sagen. Wir könnten dann immer noch über die Sache sprechen. Er sei ein Mann der Gegenwart, der sich grad jetzt nicht mit der Zukunft beschäftigen könne. Nun ja, dann nicht. Ich hatte es gut gemeint. Wenn Trümplers meine Einladung nicht annehmen wollten, würde ich eben ohne sie durch die Welt reisen.

 

Vorerst mußte ich meine Eltern von meinen Plänen in Kenntnis setzen, und eines Abends fragte ich hübsch bescheiden an, ob sie es mir gestatten würden, Schauspielerin zu werden.

Mutter sah mich eine Weile über die Brille hinweg an.

»Sag, bist du närrisch geworden, oder hast du Fieber?«

»Nichts von beidem. Warum meinst du?«

»Daß du danach fragen magst.«

»Aber, Mutter, ich muß doch wissen, wie du darüber denkst.«

»So, mußt du? Und dein Vater, der Werftarbeiter ist. Mußt du nicht auch wissen, wie er darüber denkt?«

»Gewiß. Er wird sich ja schon äußern. Mir scheint, er überlegt es sich gerade. Nicht wahr, Vater?«

Mein Vater saß am Tisch, gebeugt über seine Matte, über eine Flechtarbeit, mit der er sich gern am Feierabend beschäftigte. Er hielt die Matte 186 auf den Knien, und ohne seine Arbeit zu unterbrechen, bemerkte er sehr ruhig:

»Ich wundere mich eigentlich nicht allzusehr. Ich habe mir schon gedacht, gelegentlich etwas Ähnliches von dir zu hören. Ob es aber das Richtige ist, was du dir da ausgesucht hast, kann ich nicht sagen. Ich möchte es bezweifeln. Ich weiß ja mit der Schauspielerei nicht Bescheid, doch glaube ich, daß die Leute ein ziemlich armseliges Leben führen. Es sieht vielleicht nur nach außen hin so glänzend aus.«

»Ach, Vater, ein armseliges Leben zu führen, würde mir gar nichts ausmachen, und glaube, bitte, nicht, daß es der äußere Glanz ist, der mich lockt. Dies ist es wirklich nicht.«

»Nun, was ist es denn?«

»Ich möchte so gerne, wenn ich es kann und wenn ich das Talent dazu habe, dem Schönen, der Kunst dienen. Wie ich jetzt hier dasitze, kann ich freilich nicht wissen, ob ich dafür tauglich bin. Frau Trümpler meint es zwar, aber . . .«

»Frau Trümpler«, fuhr Mutter empört auf, »wie kommt diese unmögliche Person nur dazu, dir dergleichen einzureden? Morgen werde ich mit ihr Rücksprache nehmen. Ich werde ihr die Leviten lesen. Sie soll sich um ihre eigene Tochter kümmern und die Kinder anderer Leute in Ruhe lassen.«

»Aber, Mutter, bitte, reg' dich doch nicht auf. Ich hätte ohne Frau Trümpler denselben Wunsch gehabt. Sie hat gar nichts damit zu tun. Sie ist vollkommen unschuldig.«

»Schon gut. Jetzt weiß ich wenigstens, woher deine verrückten Nücken kommen, aber bei Frau Trümpler bist du das letzte Mal gewesen. Verstanden?« 187

»Ich werde nicht mehr hingehen.«

Dann nahm Vater das Wort:

»Ja, Anna, wenn du meinst, daß das etwas hilft, wenn sie nicht mehr zu Trümplers geht, dann täuschst du dich. Ich bin ja auch nicht dafür, daß sie dort verkehrt. Es ist nicht nötig. Sie wird nicht wieder hingehen. Aber laß das Kind sich doch wenigstens einmal aussprechen.«

»Nein, hier gibt es nichts auszusprechen. Es ist ja Unsinn, was sie sagt, und du antwortest noch darauf.«

»Nun, ich werde doch wohl meine eigene Tochter anhören dürfen, wenn sie mir etwas zu sagen hat.«

Tief erschrocken bat ich die Eltern, doch meinetwegen nicht streiten zu wollen, so wichtig sei die Sache nicht.

Da ich solches bemerkte, glaubte Mutter mich wieder zur Vernunft gebracht zu haben, und an diesem Abend wurde nicht mehr gesprochen.

 

In den nächstfolgenden Tagen blieb ich still und in mich gekehrt. Sprachübungen machte ich keine mehr. Es war nicht mehr nötig. Jedenfalls vorläufig nicht. Ganz festgerannt kam ich mir vor, wußte nicht, was aus mir werden sollte. Gegen den Willen meiner Eltern war ich nicht fähig, etwas zu unternehmen. Gewiß, es verstimmte mich sehr, daß ich auf den Widerstand meiner Mutter stieß, doch besann ich mich darauf, daß ja gerade das vierte Gebot das erste war, das eine Verheißung hatte. Ehre Vater und Mutter, auf daß es dir wohl ergehe und du lange lebest auf Erden. Vielleicht würde ich durch den schweren Verzicht auf meinen Lieblingstraum bald belohnt werden. Hiermit 188 rechnete ich ein wenig, da ich mich möglichst schadlos zu halten suchte.

Die Küche putzte ich so fein wie möglich, damit Mutter ja nicht sah, daß ich mit meinem Los nicht ganz einverstanden war. Ich nahm das Stammbuch zur Hand, um mich in meiner betrüblichen Situation zu trösten. Ich las die schöne Aufforderung, die mir mein Klassenlehrer hineingeschrieben hatte:

Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber kein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an.

Danach wollte ich mich richten, was auch kommen würde.

Meine liebe Mutter begann ich freilich etwas kritisch zu betrachten. Die Schauspielerei sei nichts Solides, hatte sie gesagt. Solide? Was war denn überhaupt solide? Zuverlässig, reell, ehrlich, grundehrlich? Saß ich am Nachmittag über eine Handarbeit geneigt, konnte ich nicht verhindern, daß die herrlichen Worte der ›Jungfrau von Orleans‹ in mir auftauchten, so, als wolle die Dichtung selbst sich in Erinnerung bringen.

Denn: Der zu Mosen auf des Horebs Höhen
Im feur'gen Busch sich flammend niederließ
Und ihm befahl, vor Pharao zu stehen . . .
Der einst den frommen Knaben Isais,
Den Hirten, sich zum Streiter ausersehen,
Der sprach zu mir aus dieses Baumes Zweigen:
Geh hin, du sollst auf Erden für mich zeugen.

Eine Fahne hatte Johanna getragen, eine weiße Fahne mit dem Bilde der Jungfrau. Und die Worte, 189 die ihr der liebe Gott gesagt: »Geh hin, du sollst auf Erden für mich zeugen . . .«, das war etwas, das Gott zu jedem Menschen sagte. Einmal hatte ich meiner Mutter das Gedicht der Johanna vorgesprochen, den Abschied von der Heimat. Mutter hatte es schön gefunden. Da sie jedoch meine Ergriffenheit spürte, fügte sie hinzu: »Aber das ist ja doch nicht das Leben.« Darüber hatte weder Mutter noch ich zu entscheiden. Warum aber durfte die Dichtung nicht das Leben sein?

Wie anders war ich doch als Mutter, die treu sorgende, die wohl Sinn für das Schöne hatte, doch nur, soweit es nützlich war, nur, soweit man es brauchen konnte zum Wohlbefinden. Das Schöne war auch für sich da, bewahrte seinen Wert in einer unberührten Einsamkeit, und wie seltsam war es, dieses Einsamsein des Schönen zu bedenken. Man konnte sich in solchem Traum verlieren. Wie anders war ich als Vater, der so genügsam war, zufrieden, nur zu schaffen, um das Brot zu verdienen. Wie bescheiden sagte er: Ich verstehe nichts von der Schauspielerei. Und ich verstand doch auch nichts davon. Es gab so manches, was Vater nicht kannte. Daß er aber kein Verlangen trug, etwas kennenzulernen? Als Kind hatte ich ihn einmal gefragt, wie es sei, wenn man tot wäre. Es war ja eine ungeschickte Frage gewesen, denn wie hätte er das wissen können, da er noch nie tot gewesen war? Er aber gab zur Antwort: »Man sieht nichts mehr.« Daß ihm dies genügte, nichts zu sehen! Es blieb nichts anderes übrig, als daß jeder Mensch anders war als der andere. Und man wußte nicht, wie. 190

Mutter, die mein verträumtes Wesen bemerkte, kam im leichten, stillen Plauderton wie von ungefähr auf die »Bühnenlaufbahn« zu sprechen, so als wäre dies kein Thema, das mich sonderlich beschäftigte.

»Nein, das ist mir schon oft eingefallen, wenn ich so vom Theater nach Hause ging. Schauspielerin sein, das ist gewiß nicht leicht.«

»Nein, das ist es bestimmt nicht«, entgegnete ich bereitwillig in friedfertigem Ton, mußte aber dabei ein bißchen lächeln, weil Mutter selbst so gar schlecht Komödie spielte. Sie hatte offensichtlich die Absicht, mich gründlich von meiner Theaterkrankheit zu heilen. Dies durchschauend, hielt ich es für angebracht, mich möglichst zahm und artig zu verhalten. Wahrscheinlich dachte Mutter, daß ich sie um etwas befragen würde, aber den Gefallen, ihr entgegenzukommen, wollte ich ihr denn doch nicht erweisen. Ich schwieg also beharrlich.

»Wir finden sicher noch einen Platz für dich. Meinst du nicht auch, mein Liebling?«

»O ja, warum sollten wir nicht, Mutter? Die Welt ist groß genug.«

»Nicht wahr? Das ist auch meine Meinung. Wir werden einfach in der Zeitung suchen, und dann werden wir mit der Zeit schon das Passende für dich finden. Es eilt ja nicht. Wir können uns Zeit lassen. Wir wollen nichts überstürzen.«

»Nein, das wollen wir nicht.«

Hätte sie es damit nur genug sein lassen. Wir waren uns ja einig. Dann aber fing sie wieder an: »Sieh mal, um nochmals darauf zurückzukommen. Was hat so eine arme Schauspielerin von ihrem Leben? Solange sie jung ist, entzückt sie das 191 Publikum vielleicht, vielleicht auch nicht, denn auf das Publikum ist im allgemeinen wenig Verlaß. Einmal gefällt dieses, ein andermal jenes. So, wie die Mode es mit sich bringt. Und du möchtest doch gewiß einmal etwas werden, was nicht aus der Mode kommt. Ich meine, was überhaupt gar nichts damit zu tun hat.«

»Ja, ich glaube, daß du darin recht hast, Mutter.«

»Aber die Schauspielerin selbst hat nur wenige Jahre, in denen sie ihre Kunst ausüben kann.«

»Schade.«

»Ja, schade. Was aber macht sie, wenn sie älter wird und immer älter?«

»Was soll sie denn machen? Dasselbe, was alle Welt tut. Sterben, nehme ich an. Es gehört sich so, und schließlich ist das auch eine Beschäftigung.«

»So, meinst du? Stell dir das nur nicht einfach vor, mein Kind.«

»Aber, Mutter, was willst du denn eigentlich? Ich stelle mir das überhaupt nicht vor. Dazu habe ich doch nicht den mindesten Grund.«

»Wirklich nicht? Ich bin nicht so sicher. Es ist ein immerwährender Kampf um Erfolg, und dann eine rastlose Wanderung von Ort zu Ort. Und höchstens einen Winter lang kann sie in einer Stadt bleiben.«

»Wie lange soll sie denn bleiben? Ist denn das Bleiben so etwas Erstrebenswertes? Dies kann ich nicht einsehen.«

»Natürlich nicht, weil du eine Heimat hast, aber eine Schauspielerin hat das nicht.«

»Nun, etwas wird sie auch in sich haben. Vielleicht hat sie irgendwo Vater und Mutter. Auch 192 bleibt sie das Kind ihrer Eltern, selbst wenn sie diese verloren hat. Wäre ich in der Fremde, würde ich dich und Vater doch nicht vergessen. Nie könnte ich mich ohne Heimat wissen. Warum aber erzählst du mir das alles von der Schauspielerin? Du willst nicht, daß ich es werde, und darum will ich es selbst nicht. Noch vor kurzem wolltest du nicht darüber sprechen. Ich selbst durfte doch nicht sagen, wie ich es mir gedacht hatte. Jetzt wäre ich dankbar, wenn du nie wieder davon anfangen wolltest. Das hat keinen Zweck. Es muß erledigt sein.«

»Fällt dir das schwer?«

»Nein, ich glaube nicht. Wie soll ich wissen, ob mir etwas schwerfällt? Es könnte doch sein, daß mir einmal etwas schwerer fällt als dieses, und dann werde ich finden, es sei mir eine Kleinigkeit gewesen. Übrigens hab' ich soviel Lust glücklich zu sein.«

»Nun, dann sei es«, sagte Mutter.

 

Jetzt handelte es sich darum, eine Beschäftigung zu finden, mit der meine Eltern einverstanden waren. Ein wenig aber mußte mir meine künftige Arbeit doch auch selbst zusagen, obwohl man dies nicht allzu genau vorauswissen kann, wenn man noch nichts versucht hat. Es gefiel mir, die Fabrikmädchen abends in einer langen Reihe, Arm in Arm nebeneinander, plaudernd und singend nach Hause gehen zu sehen. Sie waren in Karton-, Schokoladen- oder Wollfabriken beschäftigt, bekamen jeden Samstag ihren Wochenlohn, hatten abends und sonntags frei. Dies konnte ein nettes Leben sein. Besonders die Schokoladenfabrik zog 193 mich an, wo Else Schura war, die mich dort leicht hätte einführen können. Else bekam manchmal Süßigkeiten geschenkt. Aus Schokolade machte ich mir nicht viel, aber es wurde dort auch eine Art Marzipan fabriziert, und besonders das sogenannte Sultansbrot, von dem ich bei Gelegenheit ganz gern noch einmal gekostet hätte. Außerdem hatte ich in dieser Fabrik eine Maschine flott singen gehört:

Auf in den Kampf, Torero,
Stolz in der Brust,
Siegesbewußt.

Das war ein Rhythmus, an den man sich gewöhnen konnte.

Eine andere Schulfreundin war als Einlegerin in einer Druckerei beschäftigt, in der ich mich auch umgesehen und eine höchst komplizierte Maschine betrachtet hatte, die unermüdlich eine Zeitung nach der andern umlegte. Klipp-klapp-klipp-klapp! Dazu konnte man singen: Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Dann antwortete die Maschine »Klipp-klapp!« Ich wollte gewiß fleißig sein, doch unwillkürlich überlegte ich mir bei jeder Arbeit, was man wohl dabei singen könnte. Eine mechanische Beschäftigung sagte mir zu, weil ich hoffte, daß ich dabei träumen könne. Diesmal war es mein Vater, der durchaus nicht wollte, daß ich eine Fabrikarbeit annahm.

 

Abends studierte ich die Zeitung, strich sämtliche Stellenangebote an, die in Betracht kamen. Frohsinniges Mädchen zu Kindern und zur Mithilfe im Haushalt, Gasthof zur Linde, Kollund. Ehrliches Mädchen zu Kindern und Gärtnerei. 194 Ausläuferin für vornehmes Blumengeschäft, Eintritt sofort. O ja, es gab noch mancherlei Möglichkeiten, man brauchte nur zu wählen.

In Kollund dufteten die Linden, und der helle Gasthof lag nahe der Ostsee. In der Wirtschaft war es zwar etwas rauchig und lärmend, und es war nicht ausgeschlossen, daß die Gäste manchmal etwas angeheitert waren, wie bei der schwarzen Jette, bei der am Sonntag die Arbeiter manchmal Kaffeepunsch tranken, der so widerlich roch, aber das mußte man übersehen. Man durfte nicht so genau nehmen, was einen ja schließlich nichts anging. Wenn man sich mal vor betrunkenen Leuten ekelte, mußte man sich nur vor Augen führen, daß die Betrunkenen sich auch nicht über die Nüchternen aufhielten. Vielleicht war es ratsamer, das Gasthaus zur Linde zu meiden. Das kleine Kollund lag allerdings so glücklich nahe der Ostsee. Man würde frühmorgens oder abends schwimmen gehen können.

In der Gärtnerei wurden Blumen gezüchtet. Wie das gemacht wurde, war sicher hübsch kennenzulernen. Man konnte die Kinder mitnehmen in den Garten und leicht nebenbei beaufsichtigen. Es mußte doch reizend sein, einem vielleicht etwas dürftigen Boden eine besonders schöne, vielleicht ganz seltene Blume abzugewinnen. Die Bedürfnisse und das Leben der Blumen kennenzulernen, täglich zu beobachten, wie eine kleine Knospe sich allmählich zur vollen Blüte entwickelte. Lächelnd saß ich über meiner Zeitung, wenn ich mir das vorstellte. Ich war dort, wo die Blumen wuchsen. Es gab nichts Reizvolleres als so ein Anzeigenblatt. Es sollten nur Anzeigen darin stehen, sonst nichts, 195 höchstens noch ein paar An- und Verkaufsgesuche. Lustig war's ja auch, wenn einer ein Fahrrad gegen eine Violine einzutauschen suchte, so kleine Abschwenkungen. Dann aber kehrte ich zu dem zurück, was mich persönlich anging. Den ganzen Tag mit Blumen im Arm herumlaufen. Es wurden ja nur zu festlichen Angelegenheiten Blumen bestellt, bei Kindtaufe, Verlobung, Hochzeit, Begräbnis. Zu allen Jahreszeiten des Lebens würde ich mich mit meinen Blumen einstellen. Eintritt sofort. Wie angenehm es doch war, die Taschen voller Adressen. Die ganze Stadt rief nach Hilfe, und hier saß ich und konnte Hilfe bringen. Als Blumenbotin konnte man sich alle Schaufenster gemütlich betrachten, und gab man Blumen ab, bekam man von glücklichen Menschen etwas Geld geschenkt, von Hochzeitsleuten. Wie hübsch, in der Buchhandlung die Auslage zu sehen. Die Neuerscheinungen. Es genügte, die Titel der Bücher zu lesen, und danach konnte man sich manches vorstellen. Vielleicht nicht das Richtige, aber das machte nichts. Dieses kleine Leben im Kopf gefiel mir gut.

 

Stellte man sich irgendwo vor, und fand man den Posten besetzt, war man keineswegs enttäuscht. Im Gegenteil. In der großen Straße hatte ich mich in der Drogerie Rottweiler als Kindermädchen gemeldet. Die Stellung war besetzt. Das Mädchen, das mir die Tür öffnete, sagte mir: »Ach, Fräulein, Sie können von Glück sagen, daß Sie nicht hierhergekommen sind.« Daheim meldete ich sofort triumphierend, daß ich von Glück sagen könne. Bei Rottweilers hätte ich vielleicht hungern müssen, was in meinem Alter fürs ganze Leben gefährlich 196 sein konnte. Es kam nicht darauf an, ob man etwas Feines zu essen bekam, aber vier doppelte Schwarzbrotscheiben mit Schmalz und Salz verlangte mein Körper. Mein Körper, nicht ich. Schmal war ich und schoß ziemlich in die Höhe. Manchmal, besonders am Morgen beim Erwachen, war ich erstaunt, wie groß ich geworden war, denn im Traum war ich noch klein, sprang übers Seil, und manchmal flog ich als Schmetterling mit farbigen, lichtzitternden Flügeln, die es sonst nirgends in der Welt gab.

Jetzt freilich würde man ja viel zu Fuß gehen müssen. In Küchen und Zimmern hin und her, täglich viele Meilen. Über Land laufen wäre angenehmer gewesen, als Milchmädchen von Schöneberg etwa. Den Leuten die gute Nahrung bringen, selbstverständlich reichlich gemessen. Lieber viel und gut als wenig und schlecht. Oh, ich würde das schon besorgen.

Ach, es kam nicht darauf an, wohin man ging. Es würde allenfalls ein Griff ins Ungewisse sein. Recht so. Nur manchmal, wenn eigens ein »exaktes Mädchen« verlangt oder wichtigtuerisch »ein gepflegter Haushalt« erwähnt wurde, setzte ich einige Zweifel in meine Fähigkeiten. Es gab Leute, wie zum Beispiel Werftdirektors, die jede Woche die Fenster putzten, obwohl man noch vorzüglich durch die Scheiben sehen konnte. Aber nein, die Fenster mußten geputzt werden. Betrat man Lehrer Nielsens Salon, mußte man beinahe die Füße in die Hand nehmen. Wenn die Wohnung »gepflegter« war als die Menschen selbst, das war ja gräßlich. Die Gemüsefrau Hinrichsen streute weißen Sand auf den Boden, alle acht bis vierzehn 197 Tage, öfter nicht. Frau Hinrichsen strengte sich nicht mit dem Boden an, dafür konnte sie wahrsagen. Sie hatte sowohl Fahrräder als Automobile vorausgesehen, von Druckknöpfen und Rolläden ganz zu schweigen. Sie sah besonders die Errungenschaften der Technik voraus. Sie hatte den Staubsauger der Zukunft vorausgesehen, aber sie lehnte für sich selbst ihn gründlich ab. Sie streute weißen Sand auf den Boden, und auf ihrem Hut ließ sie die Spinngewebe vom vergangenen Jahr völlig in Ruhe. Ihr zerfurchtes Gesicht war eine Landschaft, die sie unberührt wachsen ließ. Seife, die sie neben dem Gemüse verkaufte, schien sie für ihre eigene Person ziemlich selten zu benutzen, aber sie wollte eben nicht so hoch hinaus. Sie wußte das Wetter zum voraus, ohne an Rheumatismus zu leiden, eine unheimlich kluge Frau, von einer Weisheit, die ihr angeflogen kam. Schade, daß sie sich kein Dienstmädchen leisten konnte. Für eine Zeitlang wenigstens hätte mir Frau Hinrichsens Haushalt gut entsprochen. Frau Hinrichsen ging in einem brüchigen Taftkleid in die Kirche, einem Kleid, das aus dem sechzehnten Jahrhundert stammen mochte. Alle schüttelten dann den Kopf über Frau Hinrichsen, nur ich nicht. Diese völlige Unbekümmertheit um die Umwelt war es, die mir gefiel und imponierte. Sie tat ja niemand etwas zuleide, vielmehr meinte sie es mit allen gut, besonders mit Kindern, denen sie Zuckerstückchen schenkte. Man machte sich lustig über die alte Frau und wußte doch, wie sehr ernst sie zu nehmen war. Sie konnte es vertragen, sich von verständnislosen Leuten auslachen zu lassen. Etwas Ähnliches hätte ich gern gelernt. 198

Warum las man niemals in der Zeitung von einem »ungepflegten Haushalt«? Warum fügte niemand einem Gesuch bei: »Wir nehmen's mit der Ordnung nicht genau«? Wahrscheinlich genierten die Leute sich, dergleichen einzugestehen. In »evangelischen Häusern« wurden Mädchen gesucht. Die »Religionslosen« bekannten sich nicht. Das war merkwürdig genug. Manchmal hieß es: »Kein Lohn, kleines Taschengeld, jedoch Familienanschluß«. Mutter war sehr für Familienanschluß. Ich dagegen trachtete sorglich danach, jeglichen Familienanschluß zu umgehen. Familienanschluß konnte lästig sein, wenn es in die Jahre ging und man aus lauter Teilnahme ewig im Dienst blieb. Dann mußte man sterben, ohne die Welt gesehen zu haben. Die Familie, bei der man Anschluß hatte, wohnte abseits des kleinen Dorfes, wo es landschaftlich hübsch war. Man sah die Kornfelder reifen. Dann aber kam im Hochsommer ein Gewitter nach dem andern. Die Ernte war hin, und der Winter war hart und lang. Abends saß man in der Herdstube mit niedriger Decke bei Knechten und Mägden. Ja, da saß ich dann spinnend am Kamin. Sah von Zeit zu Zeit, wie die Holzscheiter prasselten. Ich war ja schon dreißig Jahre alt, und hier, in dieser ländlichen Einsamkeit, mußte ich bleiben. Es konnte nicht schaden, wenn mir der Großknecht sagte, daß ich schön sei. Leise nebenbei, weil der liebe Gott mich gemacht hatte, und dann fiel mir singend ein:

Heute, nur heute, bin ich so schön.
Morgen, ach morgen muß alles vergehn.

Dann verließ ich rasch die Herdküche, zog mir die Pelzjacke an und ein Käppchen tief über den 199 Kopf, ging in den Stall, holte mir mein Faladapferd und ritt durch den Wald in einer sternenklaren Nacht. Das durfte ich ohne zu fragen, denn ich hatte ja Familienanschluß. Ich durfte auch »mein Faladapferd« sagen. Das war »mein« und doch nicht »mein«. Oh, es war Christnacht, und ich ritt nach Klintekongensee in die Mitternachtsmesse, durch den weiß verschneiten Wald. Glocken läuteten von Klintekongensee her, als riefen sie mir zu. Das rote Dach der Kirche, das im Sommer vom Grün der hohen Bäume umgeben war, fand ich in Weiß. Die ganze Welt war weiß. Und in der Kirche wurde gesungen:

Es ist ein' Ros' entsprungen
Aus einer Wurzel zart.

Und hier in dieser kleinen Kirche war der Himmel, der Himmel auf Erden. Heimat, süße Heimat . . .

Falada wartete am Friedhofstor. Nahe der Kirche wurden die Leute begraben, nahe, ganz nahe. Hier wartete Falada, eingehüllt in die graue Wolldecke. Was für ein liebes Wesen war Falada! Es hatte eine Flamme im Auge, vielleicht seine Seele, von der es nichts wußte. Wohl konnte ich sprechen mit Falada, doch war ich nicht immer sicher, ob ich verstanden wurde. Das macht nichts, nicht wahr, Falada? Ich kenne dich nicht, ich hab' dich nur lieb. Und dann schmiegte es sich. Es wieherte, es schmiegte sich. Genug, genug jetzt. Wir reiten heim, heim.

Ja, so war's mit dem Familienanschluß. Hatte man dann endlich seine Zeit abgedient, starb man, eventuell alt und hochbetagt, vielleicht auch etwas früher. Es kam nicht darauf an, wie lange, sondern wie sehr man gelebt hatte. Nun ja, es mochte 200 hingehen mit mir. Ein sauber gepflegtes Grab war mir sicher. Eigentlich wäre ich gern im Dienste des lieben Gottes hier auf Erden gewesen. Man war gefällig genug, solchen Wunsch, der nur dürftig erfüllt worden war, als vollendete Tatsache hinzunehmen.

Und wenn ihr Grab einst grünet,
Dann sei ihr nachgesagt:
Sie hat getreu gedienet,
Sie war des Herren Magd.

Die Reime stimmten und klappten nicht, aber so war das Leben. Immerhin war man bereit, sein möglichstes zu tun.

 

Einmal wurde eine »versatile Reisebegleiterin« nach Ägypten gesucht. Das gab mir einen Ruck. Ach, wenn ich es wäre! Wenn ich diese versatile Reisebegleiterin wäre! Und warum denn nicht ich? Herzklopfen bekam ich, Reisefieber, Fernweh, und mit aller Intensität bettelte ich meine Eltern an: Bitte, bitte, laßt mich nach Ägypten. Man wird mich mitnehmen. Nur einmal braucht man mich mitzunehmen, dann gehe ich schon alleine. Ungestüm und dringlich lag ich meinen Eltern in den Ohren: Darf ich mich um diese Stellung bewerben? Meine arme Mutter hielt sich die Ohren zu: »Ja, geh nach Ägypten in Gottes Namen. Mach, was du willst. Nur, bitte, verschone mich mit deinem Gedrängel. Lauf dir die Hacken und die Sohlen ab, soviel du Lust hast, aber laß mich nur einmal mit deinem ewigen Stellungsuchen in Ruhe.«

Mutters Nerven ließen nach. Mutter war mürbe geworden, das kam mir zugute. Ich wollte sie 201 schonen und alles allein machen. Die Reisebegleiterin nach Ägypten mußte »gesetzten Alters« sein. Das war nun freilich etwas dumm und ungeschickt. Ich konnte ja nicht dafür, daß ich das gesetzte Alter noch nicht erreicht hatte, aber dafür war ich um so versatiler. Vater wußte, daß versatil beweglich bedeutet. Welch interessantes, exotisches Wort! Ja, eine unbekannte Dame, die nach Ägypten reiste, war gewohnt, sich solch aparter Ausdrücke zu bedienen. Eine versatile Reisebegleiterin, das konnte ich sein. Ich war es. Jeden Abend saß ich unter der Hängelampe, studierte die Zeitung, kam nicht vom Fleck und dennoch . . . Ich war schon so weit gereist, immerwährend reiste ich. Hatte ich nicht schon eine Ahnung vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten? Es kam mir so vor. Ich konnte ja gar nicht anders als unterwegs sein. So rasch ging keine Eisenbahn, so eilends flog kein Pfeil wie ich in meinen Träumen. Versatile Reisebegleiterin. Wie still ich dasaß! Nur der Erde vergleichbar, die sich unmerklich dreht. Kopernikus hatte das herausgebracht. Eine überflüssig lange Zeit war man der Meinung gewesen, daß sie stillstehe, die Erde, bis Galilei gesagt hatte: »Und sie bewegt sich doch.« Dasselbe hätte ich meiner lieben ahnungslosen Mutter sagen mögen, wenn sie mir manchmal vorwarf: »Du rührst dich ja nicht vom Fleck.« Ich begnügte mich jedoch mit der Entschuldigung: »Bitte sehr, ich wachse.« Dann lachte Mutter, und das war hübsch zu hören.

Vermutlich hatte man es der Erde nicht zutrauen können, daß sie sich bewegte, da sie sich so unauffällig leise benahm. Sie bewegte sich 202 gleichwohl. Sie hatte es nicht eilig. Sie liebte zu wandern, sich kreisend zu drehen, eine liebende Langsamkeit war ihr eigen. Von Rekordleistungen wußte sie nichts. Sie war jünger, als man annahm. Sie war älter, als man annahm. Sie war versatil.

In diesen Tagen kümmerten sich meine Eltern wenig um mich. Es war, als hätten sie mich losgelassen. Sie ließen mich machen, wie ich wollte. Dies war eine Diplomatie von den beiden, die ich aber nicht durchschaute. Ich fühlte mich recht wohl dabei und setzte eine Bewerbung auf, in der ich meine Versatilität in aller Schlichtheit schilderte. Ich gab die ehrlich gemeinte, lebhafte Versicherung ab, Ägypten sehr gerne kennen lernen zu wollen, das I,and, in dem Joseph seine Zukunftsträume geträumt. Ich erwähnte die Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten und noch manch andere historische Begebenheit, die mir vertraut war, damit die Dame sah, daß mir Ägypten kein völlig unbekanntes Land, sondern ein lebendiger Begriff war. Von den Pyramiden hatte ich in der Schule gehört, die Pyramiden, die einsam auf einer unabsehbaren Fläche standen und sich hoch und silbergrau, scharf vom lichtblauen Himmel abhoben. Schön, sehr schön, wir würden das ansehen gehen, die Dame und ich. Nicht viel hätte gefehlt, und ich hätte mich erboten, das rätselhafte Lächeln der Sphinx zu deuten, doch war ich vorsichtig und mäßig genug, dies nur sachte zu streifen. Für alle Fälle versprach ich, Wäsche und Kleidung der Dame nett in Ordnung zu halten, stets die Koffer ordentlich zu packen und die Strümpfe zu stopfen, falls es nötig sein sollte. Ich bat, die Dame möge es gütigst übersehen, daß ich sechzehn Jahre alt sei, und 203 bedenken, daß ich in absehbarer Zeit zwanzig Jahre alt sein würde. Fremde Sprachen verstünde ich nicht, da ich nur die Volksschule besucht habe, darum nur hoch- und niederdeutsch sprechen könne, doch würde ich, wenn es sein müsse, auch Englisch und Französisch erlernen, und sie möge so freundlich sein, mir hierüber Mitteilung zu machen. So sehr ich mich auch bemühte, mein Gesuch kurz abzufassen, wurden es immerhin zwölf engbeschriebene Bogen. Für diesen wichtigen Geschäftsbrief, den ich persönlich in der Neustadtpost aufgab, mußte ich Doppelporto zahlen, aber es kam ja nicht auf Geld an. Ein Lichtbild, das gewünscht worden war, hatte ich nicht beilegen können, da ich nur zweimal in meinem Leben photographiert worden war, einmal siebenjährig mit vierzig Kindern, mit der Schulklasse zusammen, und einmal mit meiner Schwester, zwölfjährig. Vielleicht wollte die Dame nur ein Ungefähres sehen, ob man nicht schief oder bucklig war, ob man nicht lahmte oder dergleichen. Natürlich waren gesunde Gliedmaßen beim Wandern durch die Wüste erwünscht. Es war also keine Neugierde, wenn die Dame ein Bild verlangte. Darum fügte ich noch verschiedene Nachschriften hinzu. »Post scriptum« nannte man das. Ich machte es genau, wie ich es in der Schule gelernt hatte. Es machte etwas verlegen, sich selbst zu beschreiben, und ich machte es ähnlich, wie es bei Vaters Seemannspaß gemacht worden war. Augen blau und Haare blond. Gretchenfrisur, fügte ich in Klammer hinzu, und daß ich keine besonderen Merkmale besitze. Besondere Merkmale, das waren Wunden, Narben oder Holzbeine. 204

Wenige Tage später erhielt ich einen Brief aus Hamburg, den ich herzklopfend öffnete. Miß Edith Jefferson war es, die mir mitteilte, daß sie leider ohne mich nach Ägypten fahren müsse. Sie schrieb ausdrücklich: »Vielleicht tut es mir mehr leid als Ihnen, kleines Fräulein. Seien Sie nicht traurig, daß ich Ihnen eine Absage geben muß, aber ich brauche eine ältere Person. Ihr Brief hat mir viel Freude gemacht, und ich will Ihnen eine Karte aus Syene schicken, wohin ich reise. Sie haben ja noch das ganze Leben vor sich, und wenn es sein soll, werden Sie vielleicht auch nach Ägypten kommen . . .« Es hat bis jetzt immer noch nicht sein sollen, aber das macht nichts. Man kann sehr gut leben, ohne in Ägypten gewesen zu sein. 205

 

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