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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Veronika und Aloisius

Eines Sonntagnachmittags war ich allein zu Hause. Meine Eltern waren fortgegangen, um sich einen Neubau anzusehen, von dem viel die Rede war, wunderliche Interessen, die ich nicht teilen konnte, zumal ich in der Morgenpredigt wieder gehört hatte: ›Wir haben hier keine bleibende Statt, aber die ewige suchen wir.‹ Das ging mir nach.

Soeben hatte ich in einem Sonntagsblättchen, das uns zur Probe gratis ins Haus gebracht worden war, von der Vergänglichkeit alles Irdischen gelesen, von Tod und Pestfriedhöfen, von Gericht und Hölle, was mich mit Betrübnis und Gram erfüllte. Stellte ich mir vor, daß ich eines Tages das Leben würde entbehren müssen, an dem es freilich mancherlei auszusetzen gab, kam es mir dennoch angenehmer vor als das Unbekannte, Unsichere, in das ich gleiten würde. Bis dahin war es vielleicht noch lange, aber hier stand ausdrücklich geschrieben, daß das Leben so gar rasch vorüberflog. Dies wagte ich freilich ein wenig in Zweifel zu ziehen, denn von einem Weihnachtsfest zum andern lag eine unendliche Zeit. die gar nicht von der Stelle zu rücken schien, wenn man sie noch vor sich hatte. Auf zwölf Feste konnte ich allerdings schon zurückblicken, und ich mußte zugeben, daß jedes ersehnte Fest einmal gekommen war. Ja, und eines würde doch das letzte sein. Dies mußte man einsehen, wenn man bei der Logik bleiben wollte.

Seit dem Tode meiner Großmutter war die Sterbestunde eine Art Weihnachtsabend geworden. Man schloß die Augen, um sie im Himmel wieder 154 zu öffnen, in einem Lichtsaal ohne Ende. Wie beunruhigend, daß es über diesen Punkt eine wesentlich andere Meinung geben konnte, aber gerade in diesen letzten Dingen durfte wohl kein Mensch allzu rechthaberisch sein. Der liebe Gott mußte selbst wissen, wie er es einzurichten gedachte. Wem vertraute er wohl seine geheimen Pläne an? Er mußte ein milder Vater sein, der seine Kinder unentwegt in lächelndes Erstaunen versetzte, manchmal in einen Lichtsturz der Freude. Wir saßen mit ihm an einem freundlich-hellen Tisch und durften zusehen, wie er sich Sterne und Rosen schuf. Vielleicht hatte man Gelegenheit, ihn zu fragen, warum blühender Holunder so gut duftet, und wie er sich das Wetter immer wieder neu ausdachte und die Jahreszeiten, die einander liebzuhaben schienen. Eines Tages würde er sich das große, wundersame Geheimnis der Schöpfung abfragen lassen, und dafür würden wir ihn loben und liebhaben, immer. So hatte ich es mir gedacht.

Und jetzt stand hier in aller Strenge, der liebe Gott habe die Absicht, ein Jüngstes Gericht zu veranstalten. Sogar Einzelheiten waren angeführt: Gräber klafften auf, Verdammte zerrten verzweifelt an ihren Ketten, stürzten in Abgründe, während andere, nicht grad allzu viele, seelenruhig in den Himmel einzogen, leider ohne sich auch nur einmal nach den Zurückgewiesenen umzublicken. Dieses Jüngste Gericht mußte ja viel aufregender, weit beängstigender sein als ein Schulexamen, bei dem man nie sicher war, ob man es bestehen würde. Beim Rechnen hatte ich immer noch die denkbar schlechtesten Noten, und es sah nicht danach aus, als würde sich dies jemals ändern. Und die 155 Rechnerei war ein Fach, auf das großer Wert gelegt wurde, in der Schule und überhaupt in der ganzen Welt. Dabei tat ich mein möglichstes, mich in der Rechenkunst zu vervollkommnen. Nie stieg ich mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bett. Das tat nicht gut. Christine Duwe hatte mich darauf aufmerksam gemacht, daß man morgens vor dem Frühstück nicht singen dürfe, sonst müßte man unbedingt noch vor dem Abend weinen. Nun weinte ich zwar nicht täglich in der Rechenstunde, und darum konnte das allmorgendliche Singen, genau besehen, nicht die Schuld an meinem Ungemach sein.

Nein, singen mußte ich unbedingt, wenn ich dazu aufgelegt war. Die Vögel sangen auch sehr früh am Morgen im Garten, und Vögel weinten nie.

Für alle Fälle zählte ich die Schimmel auf der Straße und beim hundertsten Schimmel durfte man sich etwas wünschen: das Examen bestehen, und etwas bessere Noten im Rechnen. Das waren eigentlich zwei Wünsche, aber es ging so sehr lange, bis man die hundert Schimmel beisammen hatte. Ich ließ ohnehin ein paar graue Pferde als Schimmel mitgehen. Das Examen habe ich bestanden, das war doch etwas. Vielleicht lag es an den Schimmeln. Von jetzt ab wollte ich reine, klare Schimmel zählen, einwandfreie Schimmel, ohne zu mogeln, und wollte nur noch wünschen, das große Hauptexamen der Ewigkeit zu bestehen. Gewiß mich ordentlich aufführen, aber nebenbei viele, viele Jahre lang Schimmel zählen. Bei Tante Gertruds Hochzeit hatte jemand ein Lied von einem Schimmel gesungen. Es hieß »Tom, der Reimer«. Es mußte ein sehr schöner Schimmel gewesen sein, 156 den Tom im Walde erblickt hatte. Eine märchenhafte Frau saß auf dem Schimmel, langsam durch den Wald reitend. Ich hatte es vor mir zu sehen geglaubt. Die Frau war nicht von dieser Erde, aber der Schimmel war sehr wirklich. Die lange Mähne war durchflochten von bunten Seidenbändern.

Und wenn sie leis am Zügel zog,
Dann klangen hell die Glöckelein.

Wie hübsch war dieses silberhelle Klingen im stillen Wald. Ob man nicht diesen einen Schimmel als ersten mitrechnen durfte? Mitrechnen? Wobei rechnen? Ach, beim Jüngsten Gericht. Es nützte alles nichts, man mußte vorsorgen, solange es Zeit war. Meiner ganzen Verfassung nach bedurfte ich einer unerhörten Milde. Gerechtigkeit, Strenge, ein solides Urteil konnte ich nicht brauchen. Dies sah ich ein und ließ verzagt den Kopf hängen.

Wenn Mutter nur nicht auf dieses unerquickliche Sonntagsblatt abonnieren wollte! Man wußte nicht, was die nächste Nummer mit sich bringen würde, wenn schon die Kostprobe so unerbittlich streng war. Mutter kaufte manchmal solche Schriften an der Tür aus purem Mitleid und sagte jedesmal: Leben und leben lassen. Würde sie diesen Aufsatz lesen, möchte sie das nicht sagen. Was »Memento mori« wohl bedeuten mochte? Jedenfalls etwas Dunkles.

Tante Doris hatte auf »Melanie, die Scheintote« abonniert, was eine sehr angreifende Geschichte war. Meine Kusine, die kleine Doris, hatte mir heimlich einen Teil dieses fürchterlichen Schauerromans zum Lesen gegeben, aber gerade das, was ich nicht wußte, machte mich heiß und ließ mir 157 keine Ruhe. Nur, weil Tante Doris mitten im Abonnement, genau berichtet nach zwölf Heften, sich jede weitere Fortsetzung verbeten hatte. Sie hatte sogar den unschuldigen Kolporteur, den armen Herrn Giehse, mit Vorwürfen überhäuft, ihr einen solch grausligen Schund ins Haus gebracht zu haben. Zufällig war ich bei dieser Unterredung anwesend, hörte, wie der arme Giehse sich zu verteidigen suchte, einige Abonnenten hätten ihm mitgeteilt, der Roman sei wie aus dem Leben gegriffen, worauf Tante Doris prompt erwiderte, daß der Roman dann also ohnehin nicht viel wert sein könne, und sie habe ihr Geld nicht zum Wegwerfen. Ich durfte mir auf keinen Fall ein Urteil erlauben, weil ich mich dadurch verraten hätte, daß ich mit Melanie, der Scheintoten, sogar sehr vertraut war, und ich wußte wohl, daß dies keine Lektüre für Kinder war. Ich gab freilich Klein-Doris einen Wink, sie möge doch ihre Mutter auf den Untertitel hinweisen: Originalroman nach einem Tatsachenbericht. Es gäbe nun doch einmal Scheintote in der Welt, wenn auch zu hoffen wäre, daß sie in der Minderheit seien. Klein-Doris, die sich für diese Fälle weniger interessierte, meinte leichthin, Papier sei geduldig.

Ich war jedoch für dieses an sich wirklich verrückte Buch eine Leserin ganz besonderer Art. Es war nicht das Schauerlich-Sensationelle, das ich aufnahm, daran konnte ich unberührt vorbeilesen. Gewiß, das Schicksal Melaniens war recht bewegt gewesen. Die Untreue ihrer Freundin und ihres Mannes bemerkte sie erst wie nebenbei, da sie schon lange im Sarge lag und sich nicht rühren konnte. Diese ungeheuerliche Selbstbeherrschung 158 erregte meine Bewunderung. Nahezu allwissend lag sie im Sarg, so tief unterirdisch die Augen aufschlagend, alles begreifend und alles verzeihend. So hatte ich sie verlassen, und weiter wußte ich nichts von ihr. Scheintot war sie eigentlich nur im Leben gewesen, da hatte sie geschlafen und nichts gemerkt. Dann aber war sie gründlich gestorben, wie es sich gehörte, wenn man gründlich auferstehen wollte, was wohl inzwischen schon geschehen war. Und mußte sie jetzt nochmals am Jüngsten Gericht teilnehmen? Wenn dies schon sein mußte, würde sie sicher glimpflich davonkommen. Aber ich? Wie stand es mit mir? Hier war sich jeder selbst der Nächste. Wie man von solchen Gedanken nur überfallen werden konnte?

Es wurde mir zu eng im Zimmer, und plötzlich zog ich den Mantel an, setzte das Käppchen auf und eilte auf die Straße, in der Hoffnung, mich etwas zu zerstreuen. Es war ein klarer, doch schon recht kühler Herbsttag, aber die Luft tat gut. Ich atmete tief diese reine Luft ein, sie befreite mich sogleich von einem lästigen Druck. Frau Hansen stand im Vorgarten ihres Hauses und schnitt bunte Astern sorglich mit der Schere ab. Die schönen Blumen, die letzte Zärtlichkeit des Sommers.

In der Apenrader Allee sah es still aus, beinahe wie ausgestorben. Die wenigen Menschen, die an mir vorübergingen, waren dunkel gekleidet, und beinahe alle trugen Kränze und Blumen in den Händen. Alle schienen nach dem Friedhof zu pilgern, als hätte der eine sich mit dem andern verabredet. Es war wohl Totensonntag, doch weil ich dies nicht wußte, wirkten die dunkel gekleideten Menschen mit den Kränzen beunruhigend auf mich 159 ein. Ob ich nicht Frau Hansen fragen sollte, ob jemand gestorben sei? Ich würde ja freilich doch nichts daran ändern können. Wäre ich doch nur mit Vater und Mutter den Neubau ansehen gegangen! Auch verspürte ich Lust, ein wenig übers Seil zu springen. Ich sah die Straße hinauf und hinab, ob ich nicht einige Schulkameradinnen erspähen könnte.

Nahe der Glashütte entdeckte ich ein Mädchen, das ich nicht kannte. Das Mädchen, das etwa in meinem Alter sein mochte, trug eine lichtblaue Jacke, ein ebensolches Mützchen und einen weißen Rock. Das sah hübsch aus. Sie spielte mit einem kleineren Knaben Kreisel. Es war ein bunter, silbriger Kreisel, den die beiden abwechselnd peitschten. Ich ging den Kindern einige Schritte entgegen, um dem Spiel besser zuzusehen. Wie lustig der Kreisel sich drehte! Plötzlich hüpfte er im Bogen in den Rinnstein. Da der Kreisel näher bei mir als bei den Kindern war, eilte ich, ihn rasch aufzuheben, und überreichte ihn dann dem Mädchen, das sich freundlich bedankte und mich gleich fragte, ob ich Lust habe, mitzuspielen.

»O ja, sehr gerne«, antwortete ich und war überglücklich, Gesellschaft gefunden zu haben.

»Ich heiße Veronika, und dies ist mein Bruder Aloisius«, sagte das Mädchen.

»Veronika, Aloisius? Nein, wie kann man nur so wunderschöne Namen haben?! Die hab' ich noch nie gehört. Seid ihr Ausländer?«

»Nein, wir sind richtige Deutsche, und unsere Namen sind nicht so gar selten, wie du vielleicht meinst.« 160

»Gleichviel, aber sie sind ungewöhnlich schön. Sie klingen sehr fremdartig.«

»Uns sind sie ganz vertraut«, lächelte das Mädchen mit einer Anmut, die mich entzückte.

»Ja freilich«, entgegnete ich und suchte verlegen nach weiteren Worten, während Veronika offenbar darauf wartete, daß ich ihr meinen Namen sagen würde, doch dachte ich gar nicht daran, sondern fragte vielmehr befangen:

»Wie lange heißt du denn schon Veronika?«

»Schon bald vierzehn Jahre. Und du?«

»Ja, ich heiße doch nicht Veronika, sondern Helga. Seltsam, ich kann mir nicht denken, daß noch jemand außer euch Veronika und Aloisius heißen kann, ich weiß aber nicht, warum . . .«

»Nun, da irrst du dich aber sehr. Unsere Schutzpatrone hießen schon Veronika und Aloisius. Wir sind nämlich Katholiken.«

»So . . . Also so steht es mit euch. Schutzpatrone habt ihr. Sind es Verwandte von euch? Wohnen eure Schutzpatrone hier in der Stadt, oder sind sie außerhalb ansässig? Und haben die Schutzpatrone sonst noch einen Beruf, wenn ich fragen darf?«

Oh, ich durfte viel fragen und bekam die erstaunlichste Auskunft. Das Kreiselspiel war vergessen, und ich wurde nur noch über die Schutzpatrone aufgeklärt.

»Es sind Heilige. Es sind Engel im Himmel.«

»Engel . . . Engel im Himmel . . .«

»Ja, aber früher waren es Menschen, wie sie noch auf Erden gelebt haben, und weil sie ein gutes Leben geführt haben, hat Gott sie zu Engeln gemacht.« 161

Das Bemühen der Kinder, mir das Schönste mitzuteilen, was sie wußten, bewegte mich.

Es war wohl die Macht eines völlig unberührten, klaren und starken Kinderglaubens, dessen Hauch mich traf. Besonders das Mädchen hat mir einen unauslöschlichen Eindruck hinterlassen. Beinahe möchte ich annehmen, es seien weniger die Worte gewesen, die Veronika zu mir sprach, als vielmehr etwas wunderbar Schönes, das in ihr gewesen sein muß. Es kann nur jener helle Taubenglaube gewesen sein, von dem es heißt, daß er Berge zu versetzen vermag. Das strömte auf mich über, und ich war fähig es aufzunehmen. Wie gerne wäre ich neuer Worte mächtig, um den Zauber dieser kleinen Stunde wiederzugeben. Wollte ich unsere Unterhaltung, den Spaziergang, den wir mitsammen machten, schildern, fürchte ich beinahe vom Thema abzugleiten. Ich habe die Kinder, deren Stammnamen ich nicht einmal kenne, nur noch zwei- oder dreimal flüchtig gesprochen, und doch halte ich diese Bekanntschaft für die kostbarste meines Lebens, obwohl ich erst viel später nach und nach und immer stärker spürte, wie entscheidend die Kinder auf mich eingewirkt haben. Unsere erste Begegnung muß am Allerseelen- oder Allerheiligentag stattgefunden haben. Genau weiß ich es nicht. Es ist ja auch gleichgültig, welcher Tag es war, da jeder Tag Allerheiligentag sein kann. Es ist aber noch kein Jahr vergangen, an dem ich nicht an diesem Tage besonders an Veronika und Aloisius dankbar gedacht habe.

Bei welchem Wort mir das folgende geschah, weiß ich nicht mehr. Es flammte urplötzlich ein Licht in mir auf, als erblicke man durch Nebel und 162 Nacht ein Licht, das einem entgegenkommt und das durch irgendeinen Umstand dann wieder nicht zu sehen ist. Wohl war ich betrübt, daß dieses Licht bald verschwand, aber ich wußte, daß es da war. Mir war, als wäre dies der Stern, von dem ich einst Licht empfing. Vielleicht war es nur ein Strahl, den ich erblickte, aber selbst dieser eine kleine Strahl war fähig, viel Dunkel zu erhellen, und eine Lichtsucht bemächtigte sich meiner, der ich mich hingab, weil ich dieses Licht als das einzige erkannte, in dem ich wirklich leben konnte. Diese Erkenntnis war so stark, daß ich auch rein physisch eine Veränderung empfand, ein Glücksgefühl, wie ich es nie zuvor empfunden hatte, und das auszusprechen ich noch heute nicht fähig bin. Wie hinweggenommen war ich, als gäbe es weder Erde noch Himmel, und alle Vielheit des Lebens lag einzig und allein im Geistigen. Warum nun läßt sich dieses Erlebnis nicht schildern, an das ich so oft und immer wieder zurückdenke?

Bevor mich dieser Strom traf, zeigte mir Veronika ein paar Heiligenbildchen, so leichthin nebenbei. Wir hatten uns auf eine Treppe gesetzt, die zur Glashütte hinanführte. Ich erinnere mich, wie sie das kleine Büchlein aus der Kleidertasche zog. Wie sie das Buch aufblätterte. Wie die Bildchen zwischen den frommen Worten lagen. So nahe der Quelle befand ich mich, an der Quelle des reinsten Glückes. Wie einen Siegelring hätte ich das Kindermeßbuch an mein Herz legen mögen, damit die Worte in mich eindrangen: zu Gott, der meine Jugend froh macht. Ein Überschwang war in mir, den ich zu dämmen suchte. Die Kinder waren so ruhig. Oder waren sie nicht so ruhig, wie es mir vorkam? 163

Die Gesichter der Heiligen waren ein wenig wie Sonnenblumen. Daß aus den Häuptern Licht strahlen konnte! Wie befremdlich, wie schön das war. Hier waren Menschen, die Licht warfen, und das Licht war nur der helle Schatten eines noch helleren Lichtes. Es war so tief erstaunlich! Waren diese Wesen anderen Gesetzen unterworfen als andere Sterbliche? Veronika blätterte in ihren Bildern, so leichthin, während ich nur an den Sinn dachte, der hinter jedem Bilde flammt. Wie am Horizont am Meere die Grenzen sich aufzuheben, wie Meer und Himmel ineinanderzufließen scheinen, so war mir, als wäre Wort und Bild nur eines. Bitte für uns.

Veronika überreichte mir das Buch. Ich sah mir die lauretanische Litanei an, denn ich kann nicht sagen, daß ich eigentlich las. Ich sah die Worte. Du mystische Rose . . . Du Turm Davids . . . Du elfenbeinerner Turm . . . Du goldenes Haus . . . Es brandete wie Wellen an einen Altar . . . Es war das Meer . . . Und ich war das Kind vom Meer. Ich wußte, was die Wellen sangen.

Ich sah, ich las, ich hörte und ich weiß nicht, ob meine kleinen Freunde eine Ahnung hatten, was mich bewegte. Ich mußte die Gelegenheit benutzen, die vielleicht unwiederbringliche Zeit. Ich sah das Bild einer lichtstrahlenden Frau. Es war die Lichtsäerin, die Ursache aller Freude. Bemüht war ich, mir in wenigen Minuten das Bild genau anzusehen und einzuprägen. Es war ja völlig ausgeschlossen, daß Veronika mir das Bild etwa schenken oder leihen konnte. Mir war, als gäbe es nur dieses eine Bild, von dem ich nicht wissen konnte, daß es zu tausenden existiert, wie mir bei 164 der Betrachtung eines Heiligenbildes niemals eingefallen ist, mir auszudenken, wie es hergestellt wird. Mir war, als hätte die Mutter Gottes ihr Bild vom Himmel fallen lassen, und jetzt wußte ich genau, wie die Königin aller Heiligen aussah. Vielleicht war es doch am Allerheiligentag, ich möchte es annehmen.

In meiner Unerfahrenheit stellte ich mir die Mutter Gottes ein wenig älter vor als den lieben Gott selbst. Wie jung mußte er sein, da seine Mutter so jung war. Ein Gesicht, das einer Mädchenzeit oder einer leise aufblühenden Rose glich. Dann wieder wußte ich, daß dieses kleine Bild, das man ansehen konnte, dem Unsichtbaren dienbar war. Das heißt, ich wußte es nicht, weil man das, was man weiß, nicht immer weiß. Ich ahnte es nur. Das schöne Bild war eine Brücke, die zum schöneren Ziele führen konnte.

Veronika versprach mir, mich den Heiligen zu empfehlen, und ich habe mich gewiß nicht geirrt damals, da ich das kleine Mädchen für sehr einflußreich hielt. Sie hatte geheime Verbindungen, das war sicher. Sie war sehr gefällig, aber sie wußte wofür. Gewiß darf ich nicht behaupten, an diesem Tage etwas von der Gemeinschaft der Heiligen begriffen zu haben, aber gleichwohl ahnte ich tastend die Macht der Gemeinsamkeit und was es bedeutete, in diesen Schutzkreis zu treten. Es war gewiß nicht mein Verstand, der dieses erkannte. Vielmehr dachte ich gar nicht, doch ich war damals fähig mich hinzugeben. Da ich das Große nicht begreifen konnte, blieb ich still im Vertrauen, daß das Große mich begreifen würde. Möge ich mich davor hüten, Vergangenheit und 165 Erinnerung zu fälschen, doch kann ich nur daran glauben, daß ich mich an diesem Tage zum Idealbild der Menschheit hingezogen fühlte, wohl wissend, daß ich nicht würde leben können ohne zu verehren.

Dann war es vielleicht primitiv, da ich mir auf dem Jahrmarkt ein Bild vom heiligen Aloisius kaufte, von dem ich nur wußte, daß er der Schutzheilige der Jugend war, sonst nichts. Dieses genügte. Das hing nahe meinem Bett in der kleinen Dachkammer, doch kann ich nicht sagen, daß ich mich mit Gebeten sonderlich um die Protektion des Heiligen bemüht habe. Ich liebte nur sein Leben, das ich nicht kannte, ein engelhaftes Leben. Es war ein Gesicht mit Augen, die nach innen sahen. Ich hatte es lieb und das war alles.

Wenn ich jetzt an Veronika zurückdenke, die wie ein Traum in der Morgendämmerung, scheinbar so flüchtig in mein Leben trat, dann ist mir, als wäre es diese kleine Menschenblume gewesen, die zum erstenmal mich flammen machte. Sie war die Botin, die mir den Sinn des Daseins andeutete. Unser Leben möchte nichts anderes sein, nur ein kleiner Beweis der göttlichen Liebe, und würde diese nicht aus dem Menschen hervorleuchten, wäre alles vergeblich. 166

 

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