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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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In den Herbstferien

Es war in den Herbstferien. Mutter war nach Hamburg gereist und hatte mich mit Vater allein zurückgelassen. Da Rebekka als Kleinmagd auf einem Bauerngut beschäftigt war, durfte ich daheim den Haushalt führen, eine Aufgabe, die mir nicht wenig schmeichelte. Das Haushaltungsgeld für etwa zehn Tage war mir von Mutter etwas knapp zugemessen worden, so daß ich genötigt war, sparsam zu sein, aber gerade dieses Berechnen und Einteilenmüssen war es, das mir Vergnügen bereitete. Mit wenigem viel bieten, das war die Kunst im Hause, auf die es ankam. Mein guter Wille machte mich meiner eigenen Ansicht nach etwas tüchtiger, als ich es in der Tat war. Ich verstand schon ein einfaches, nahrhaftes Gericht zu bereiten, aber es kam mir auch auf den äußeren Glanz und Schimmer an, auf den meine Mutter etwas weniger Wert legte. Man aß doch gerne dreimal abends hintereinander Buchweizengrütze, wenn man dafür eine Kommode grün anstreichen konnte. Vater mußte natürlich ein oder zwei Eier essen, aber ich konnte leicht darauf verzichten, um Stahlspäne und Bohnerwachs zu kaufen. Ich wünschte unseren Fußboden so glänzend, wie ich ihn bei Lehrer Nielsen gesehen hatte. Grün war meine Lieblingsfarbe, und ich plante, Mutter mit einem grünen Küchenschrank und grün gestrichenen Fensterrahmen zu überraschen. Grüne Fensterrahmen, das mußte ja reizend aussehen zu den weißen Mullgardinen. Mutter brauchte eine große freudige Überraschung zum Dank für ihr liebes Herz. 135

Es war nämlich etwas Bewundernswertes um meine Mutter, die in einer äußerst schwierigen Mission unterwegs war. Es war doch keine einfache Sache, einen fremden Mann zu suchen, der ungefähr in Vierlanden geboren war. Wo, das wußte man nicht, und wie er hieß, das wußte man auch nicht genau. Nur der Vorname »Hans« war uns bekannt. Er hatte in unserer Stadt zwei Jahre als Soldat gedient, und Mutter war eigens auf der Kaserne gewesen, um sich nach diesem Hans zu erkundigen, und hatte dort auf dringende Bitten eine Liste mit verschiedenen »Hansen« bekommen; aber Mutter suchte nur einen Hans, und welcher der richtige war, das mußte erst ausgekundschaftet werden. Mutter war auf der Suche nach jenem Hans, der meine Kusine Else heiraten sollte, von der es hieß, daß sie ins Unglück gefallen sei, und daran war offenbar jener Hans irgendwie schuld.

Es war ein Unglück, wenn ein unverheiratetes Mädchen ein Kind bekam. Obwohl ich mit den Moralgesetzen noch nicht sehr vertraut war, lernte ich jetzt, daß es bei uns nicht eigentlich Mode war, als Ledige ein Kind zu haben. Um die Heiligkeit der Ehe wußte ich schon, aber das Geheimnis der Menschwerdung war mir unbekannt, und daher stellte ich es mir entzückend vor, ein Kindlein ganz für sich allein zu haben. Es kam ja doch nicht ohne den Willen des lieben Gottes zur Welt. Und Else hatte ein allerliebstes kleines Mädelchen, das sogar in unserem Hause zur Welt gekommen und nach meiner Mutter Anna Dorothea genannt worden war. Else war aber leider nicht bei uns geblieben, sondern hatte sich als Magd im Schützenhof verdungen, wo sie mit geringem Lohn zufrieden 136 war, da man ihr gestattete, das Kind bei sich zu haben. Else war recht glücklich mit ihrem Kind, und ich konnte ihr Los nicht so beklagenswert finden, wie unsere Nachbarschaft es tat. Dagegen war Hans weit mehr zu bedauern, weil er nicht wußte, daß er der Vater eines Kindes geworden war. Hans konnte einem ja in der Seele leid tun. Ob man ihn nicht hätte durch die Zeitung suchen lassen können? Aber es war fraglich, ob er überhaupt eine Zeitung las, und Else war so flüchtig gewesen, sich nicht einmal nach dem Stammnamen des Mannes zu erkundigen. Welch unbegreifliche Zerstreutheit, über die ich mich nicht genug wundern konnte.

Jetzt war Mutter auf der Suche nach dem Mann, um ihm die frohe Botschaft zu überbringen. Die Anhaltspunkte, die Mutter sonst noch hatte, waren dürftig genug. Sie wußte nach Elsens Angaben nur, daß Hans in Hamburg einen Bruder hatte, der im Sternschanzenviertel eine Weinstube hielt, und im weitläufigen Sternschanzenviertel gab es viele Weinstuben, und überall mußte Mutter sich zunächst zaghaft erkundigen, ob man dort einen gewissen Hans in der Familie habe. War dies der Fall, machte Mutter uns sofort brieflich Mitteilung, auch wenn es noch nicht der richtige Hans war. Es war jedenfalls keine kleine Aufgabe, die Mutter sich gestellt hatte, und an ihren unsäglichen Bemühungen merkte ich, wie notwendig es sein mußte, daß ein Kind einen Vater hat.

Nebenbei war es wunderhübsch, daß Mutter mal richtig unterwegs war. Als sie jedoch eines Tages die Blumenausstellung besuchte und dieses brieflich in den leuchtendsten Farben schilderte, wurde 137 Vater etwas ungeduldig und meinte: »Was denkt Mutter sich eigentlich? Glaubt sie vielleicht, den Mann in der Blumenausstellung zu finden?«

»Aber, Vater, sie kann sich doch nicht den ganzen Tag über in den Weinstuben aufhalten. Du hast gelesen, wie sie sich mehrmals bei den Kellnerinnen hat etwas bestellen müssen, weil der Wirt selbst nicht anwesend war, und du weißt, daß sie keinen Wein verträgt. Ich hätte die größte Lust, ihr suchen zu helfen, aber wenn ich reise, das würde wohl zu sehr ins Geld laufen. Was meinst du, Vater?«

Vater blieb nachdenklich, überlegte:

»Wenn Mutter in drei Tagen nicht zurückkommt, reise ich ihr nach, um sie zu holen. Es ist eine verrückte Idee von ihr, diesen Menschen auftreiben zu wollen.«

Dies zu hören, tat mir weh.

»Aber, Vater, überlege einmal, wie es wäre, wenn ich ohne dich geboren wäre. Stell dir vor, du wüßtest nichts von mir, und jemand käme dir zu sagen, ich sei dein Kind. Wie sehr würdest du dich freuen! Oder würdest du dich nicht freuen?, sag, Vater.«

Ja, dagegen wußte Vater nichts einzuwenden, doch blieb er sehr still. Vielleicht zweifelte er daran, daß Mutter den Mann finden würde. Wenn sie ihn nicht fand, sollte es so sein. Dann war's wohl auch nicht so gar schlimm. Dann wollte eben der liebe Gott ganz allein dem Kinde Vater sein. Was konnte also der kleinen Anna Dorothea geschehen? Else hatte ja schon erklärt, daß sie dem Kinde das Vaterunser lehren würde und daß dies genügen würde, falls Mutter den irdischen Vater 138 nicht fände. Und sie selbst hatte ihr Kind so sehr lieb. Abends saß sie in ihrer Kammer und strickte emsig an einem Kleidchen, während das Kleine schlafend in seinem Bettchen lag. Wie seltsam und schön es war: immer würde die Mutter von ihrem Kinde wissen. Sie schien das Kind mehr zu lieben als ihr eigenes Leben, oder ihr Leben nur zu lieben um des Kindes willen. Kam sie am Sonntagnachmittag zu uns, hielt sie das Kleine schützend in ihrem weiten Mantel. Da lag es geborgen wie in einer wärmenden Laube und lugte mit ruhigen, blanken Augen aus den Falten des Mantels hervor. Es hatte braune Augen und den ernsten Blick eines jungen Rehleins, so voller Vertrauen.

 

Daß ein Unrecht, eine Sünde dabei sein konnte! Unvorstellbar war mir dieses. Einige sahen betreten weg, wenn Else durch die Straße ging, und mochten nicht einmal grüßen. Als wären die Menschen eigens dazu bestellt, einem andern ihre Verachtung zu zeigen. So, als hätte Else unsere Nachbarn persönlich beleidigt. Ihre eigenen Eltern, die in Hamburg wohnten, wollten nichts mehr von ihr wissen. Es hieß, sie hätte Schande in die Familie gebracht und sei ein gefallenes Mädchen. Daß man einen Fall so sehr übelnehmen konnte! Von gefallenen Männern hörte man nie bei uns. Männer konnten wahrscheinlich nicht fallen. Seltsam, Else sah gar nicht danach aus, als sei sie gefallen, aber der liebe Gott würde es ja schon wissen. Er ließ es wohl nur zu, daß jemand einmal fiel, damit der Gefallene sich um so inniger ihm zuwandte. Es war sehr einfach. 139

 

Es war ein prächtiges Wetter, um in die Stadt zu gehen. Mit dem Haushaltungsgeld von Mutter in der Tasche ging es sich bedeutend vornehmer. Ich hatte zwar einige Einkäufe zu machen, aber ein bißchen fühlte ich mich als Kurgast, als Hergereiste. Mitten in der Woche trug ich das blaue Sonntagskleid und den breitrandigen Florentinerhut, meine schöne Schaluppe mit Mohnblumen beladen. Ich trug den Einholekorb am Arm und den weißen volantbesetzten Sonnenschirm meiner Schwester in der Hand. Das eine paßte nicht recht zum andern, aber ich war auf elegant eingestellt und verstand es nicht besser.

Beim Nordertor begegnete mir der Maler Magnussen, der ein berühmter Maler und sonst noch einiges war, nämlich verlobt. Er war in Gesellschaft seiner Braut und seiner zukünftigen Schwiegermutter. Wahrscheinlich wollten die drei eine Tour nach »außab«, vielleicht ins Klurieser Gehölz, im Schatten der Bäume liegen und so halt. Sie hatten ja recht bei dem herrlichen Sommerwetter. Von Herrn Magnussen waren in der Buchhandlung zwei Bilder ausgestellt. In jedem Schaufenster stand eines. Das eine war sogar »verkauft«, wie auf einer kleinen Tafel zu lesen stand, aber weil es so schön war, wurde auch den Vorübergehenden die Betrachtung des Bildes gegönnt. Das war liebenswürdig. Herr Magnussen hatte den Strand von Glücksburg und den Wald von Kollund gemalt, frei nach der Natur und sehr ähnlich. Großartig war's. Jetzt weilte Herr Magnussen in unserer Stadt und suchte gewiß nach neuen Motiven.

Herr Magnussen hatte ein gelbes fremdländisches Gesicht. Wo er wohl herstammte? Vielleicht 140 aus Spanien. Er trug eine schwarze Sammetjacke mit Ripsband eingefaßt, und unter einem breiten, dunklen Künstlerhut das vermutlich spanische Gesicht mit großen dunklen Augen, die mich aufmerksam musterten, obwohl ich nicht der Strand von Glücksburg war. Die Braut war zierlich und schmal. Ihr Kleid war von derselben zartvioletten Farbe wie das meiner Puppe Liese, aber sonst sah sie meiner Liese gar nicht ähnlich. Das Kleid saß eng an, doch hielt ich die stark geschnürte Taille für etwas, das von Gott gegeben war. Auch kam ich nicht auf den Gedanken, daß die Augen der Braut blau untermalt, das Gesicht gepudert und der Mund geschminkt war. Von Kopf bis Fuß konnte man alles einzeln an dieser Braut genießen. Das rötlich blonde, locker frisierte Haar, große, weiche Locken, das war ja bezaubernd schön zu einem seegrünen Spitzenhut. Das war ein Gedicht von einem Hut, davon man allein hätte leben können. Ja, es gab viel Schönes in der Welt. Herr Magnussen hatte sich als Künstler natürlich eine besondere Braut ausgesucht, die zum Überfluß an Reizen auch noch den Namen Lulu führte. Dagegen war die Schwiegermutter von einer nahezu mitleiderregenden Unauffälligkeit, langweilig wie die Vereinsstraße bei Regenwetter. Gott, sie konnte ja nicht dafür, die Arme. Sie war dick und schwerfällig. An dieser Figur bemerkte man das stramme Schnürleib beinahe mehr als das schwarze Alpakakleid, das klar zu sehen war. In schwarz bei Sonnenwetter und einen Weg von zwei Stunden haben. Frau Alsen lächelte trotzdem selig, die Ärmste. Man sollte alle Zähne und kein Korsett haben, so gehörte es sich. Jetzt 141 lächelten die drei mir freundlich zu, und ich nickte, mehr mit den Augen als mit dem Kopf.

Das Nordertor war ja eine Sehenswürdigkeit unserer Stadt, war mehrere hundert Jahre alt, wurde immer wieder sowohl photographiert als auch gemalt. Vielleicht fühlte Herr Magnussen sich angeregt. Das mußte ich wissen und drehte mich um. Die Spaziergänger drehten sich auch um, was ich ja nicht hatte vorher ahnen können, sonst hätte ich mich nicht umgedreht. Den Dreien im Torbogen mochte es genau so gehen wie mir. »Es ist einfach reizend«, entschied Herr Magnussen. Ich war befriedigt, daß er unser Nordertor bewunderte.

Die Damen stimmten ihm zu. Die Sonne fiel schräge auf den grünen Spitzenhut und durch die goldenen Locken der Braut. Nein, wie schön sie doch war. Ich genoß das Bild und starrte versunken hin. Plötzlich grüßten alle drei, nickten mir freundlich lächelnd zu und die gute, arme Frau Alsen winkte liebevoll mit der Hand. Wie nett es war, von Menschen begrüßt zu werden, die man nicht persönlich kannte. Es war ja beinahe wie auf dem Lande bei Kalleby, wo einer dem andern »guten Tag« sagte und schon nachmittags um sechs »glückseligen Abend« wünschte. Das war eine hübsche Mode, die man in jeder Stadt hätte einführen sollen.

Es war überaus angenehm, so selbständig durch die große Straße zu gehen. Erwachsen, beinahe wie eine kleine Hausfrau, kam ich mir vor mit so viel Geld in der Tasche. Mutter war verreist und kam wohl so bald nicht wieder. Mir war der ganze Haushalt anvertraut. Ich konnte mir ja das Geld 142 nach Gutdünken einteilen. Wichtig war nur, daß das Geld reichte und daß Vater zu seinem Recht kam, aber er war ja so sehr bescheiden, er verdiente, daß man ein neues Gericht für ihn erfand. Im Lebensmittelgeschäft bei Jespers lagen kleine Pakete, die Puddingpulver enthielten, aber Götterspeise war gewiß noch etwas feineres als Pudding. ›Die sorgfältige Fabrikation bietet Gewähr für ein hervorragendes Produkt. Nahrhafte, aromatische Essenzen. Erfrischend und wohlschmeckend. Götterspeise sollte in keinem Haushalt fehlen.‹ Wie hätte ich solche Mahnung unbeachtet lassen können? Ich kaufte also ein Paket Götterspeise um vierzig Pfennige und war beruhigt, als ich die rührende, ausführliche Gebrauchsanweisung las. Das mußte ja gelingen. Buchweizengrütze, Kartoffeln, Petersilienkartoffeln mit Spiegelei, und Götterspeise. Wenn das kein vornehmes Mittagessen war! Vielleicht war es angebracht, die Buchweizengrütze wegzulassen, um für die Götterspeise aufnahmefähiger zu sein. Oder sollte es etwa nur Götterspeise geben und nichts anderes? Ich ließ die Frage unentschieden. Es war ein Vergnügen, zu verschiedenen Zeiten darüber nachzudenken.

Die Sonne brannte und das Pflaster war heiß. Ich trug die Goldkäferschuhe mit den dünnen Sohlen. Zu dumm, daß ich mich so lange geniert hatte, den Sonnenschirm aufzuspannen. Was nützte ein zusammengeklappter Schirm? Und auf diese Art und Weise konnte ja kein Mensch die hübsch fallenden Volants sehen. Das war eine Ungefälligkeit sondergleichen den Straßenpassanten gegenüber. Ich spannte also den Schirm auf und besah mir zur Abwechslung das Schaufenster der 143 Drogerie Teichgräber. Es lagen da ein paar hygienische Bedarfartikel, für die ich keinen Sinn hatte. Plötzlich aber entdeckte ich etwas nahezu erschreckend Schönes. Auf dunklem Grunde einen herrlichen Frauenkopf. Javol! Es war wohl ein so abgründig tief er Blick nötig, um solch ein ungewöhnlich schönes Haar zu zeigen. Ein Haar, das Flocke, Duft und Schaum war. Ein unwiderstehliches Loreleygesicht lächelte mich in aller Unschuld und siegessicher an. ›Benutzen Sie Javol. Jedermann wird Ihr Haar bewundern. Das schönste Haar durch Javol!‹ Jawohl, das war einleuchtend. Getroffen fühlte ich mich, schlagartig. So also stand es um Javol. Je länger man das Haar betrachtete, um so schöner wurde es. Ich war bezaubert. Das schöne Gesicht sollte nicht umsonst gelächelt haben. Ohne zu zögern, klappte ich den Schirm zu und betrat entschlossen den Laden.

Als müsse ich die Medizin für einen Schwerkranken auf der Stelle haben, wünschte ich hastig mit vor Erregung bebender Stimme:

»Bitte, eine Flasche Javol!«

»Die große oder die kleine Packung?«

Ein Glück, daß ich bescheiden blieb, ich bat zunächst um die kleine Packung. Die große Packung lief mir ja nicht davon. Ich dachte auch an das Dielenöl und an das Wachs, das ich einzukaufen hatte.

Das Javol kostete zwei Mark und fünfundsiebenzig Pfennige. Ein rasendes, ein irrsinniges Geld, aber solche Ausgabe zu bereuen hatte ich immer noch Zeit genug. Das ließ sich eventuell nebenbei abmachen. Man mußte erst richtig sündigen, 144 bevor man bereuen konnte. Die Versuchung war zu stark, als daß ich ihr hätte entgehen können. Es war ein Anfall von Eitelkeit, dem ich mich kampflos hingab. Es duftete hier nach Parfum und Lysol, das irritierte mich vollends. Ich legte das Geld auf den Tisch, so daß der Verkäufer wohl annahm, ich hätte keine weiteren Wünsche. Eine Frau betrat den Laden und verlangte übermangansaures Kali. Wozu das wohl gut sein mochte? Da ich doch noch Dielenöl brauchte, blickte ich mich ein wenig um, und meine Augen fielen auf ein Schild, das an einem Pfeiler hing: »Jede Frau von Welt braucht zur Erhaltung ihres Teints unbedingt eine gute Seife. Professor Riggelsens Seife ist die rechte.« Jede Frau von Welt 2. 2. . Ja, du lieber Gott, gab es denn auch Frauen, die nicht von dieser Welt waren? Ich glaubte mich wachsen zu fühlen. Ich selbst war die Frau von Welt. Sie steckte in mir. Ich würde es sein. Bald, sehr bald. Es hätte vielleicht heißen sollen: Jede Frau von dieser Erde, aber »Welt« klang großartiger. Seltsam, daß ein Professor sich damit abgab, Seife herzustellen. Ob das auch auf den hohen Schulen gelehrt wurde? Der Teint, die Haut des Menschen, mußte etwas sehr Wichtiges sein. Die Haut mußte ernst genommen werden. Ob es nicht ratsam war, rechtzeitig für die Erhaltung des guten Teints Sorge zu tragen? Wenn ich später einmal Schauspielerin werden sollte, war ich von Berufs wegen genötigt, mein Äußeres zu pflegen. Ein Stück Seife konnte wohl nicht mehr als fünfzig Pfennige kosten. Auf das Bohnerwachs konnte ich verzichten. Sogar das Dielenöl war, wenn man es recht bedachte, nicht unbedingt nötig. Jedenfalls mußte es nicht von 145 der besten Sorte sein. Was war ein Fußboden? Aber die Haut war wichtig, die Haut, in der man ein Leben lang stecken mußte.

»Wünschen Sie noch etwas?« fragte der Verkäufer.

Er sagte »Sie« zu mir, also machte ich den Eindruck eines erwachsenen Menschen.

»Ja, ich wünsche noch etwas. Ich möchte fragen, wieviel ungefähr ein Stück Seife von Professor Riggelsen kostet?«

»Hier. Eine ganz vorzügliche Seife. Das beste, was wir auf Lager führen. Wird sehr viel verlangt. Sie kostet zwei Mark das Stück. Etwas Hervorragendes. Mild, schäumend, sanft, fettreich, und dabei äußerst sparsam im Gebrauch.«

»Ist sie auch nicht zu stark parfümiert?«

»Bewahre, ganz leicht und diskret.«

Der Verkäufer hielt mir die Seife an die Nase, und ich gab nach.

Nach diesem Einkauf war es unmöglich, gleich nach Hause zu gehen. In den Bahnhofsanlagen wollte ich mir überlegen, wie ich das Geld, das ich extra ausgegeben hatte, am besten wieder einsparen konnte. Selbstverständlich würde ich für mich einige Fastentage einschalten. Auf ein bißchen Hungern sollte es mir nicht ankommen, wenn nur das Javol seine Pflicht tat. Ein Segen, daß ich die Götterspeise besorgt hatte. Vater durfte auf keinen Fall etwas entbehren. Ich für mein Teil wollte mich vierzehn Tage lang mit Wasser und Schwarzbrot begnügen. Die armen Schwerverbrecher im Gefängnis bekamen ja auch nichts anderes. Auf einer Bank sitzend gab ich mich meinen Betrachtungen über Enthaltsamkeit hin, und das 146 war beinahe so gut wie Geld gespart. Dann aber leistete ich mir das Vergnügen, die Javolflasche auszupacken. Die Flasche sah dunkel aus, geheimnisvoll wie die Nacht. Ich behielt sie im Schoß und machte mich an das Seifenpaket heran, das zwei bedruckte Zettel enthielt. Es mußte etwas gutes sein. Auf dem einen Zettel war viel von Professor Riggelsen die Rede. Professor Riggelsen hat sein ganzes Leben dem Studium der Haut gewidmet. Herrgott nochmal! War das nicht doch etwas einseitig? So nur und ausschließlich für die Haut zu leben, kam mir reichlich dürftig vor. Dann aber hieß es: seine Seife hat unzähligen Frauen Glück gebracht. Glück gebracht?! Ob ich nicht mit der Anwendung der Seife warten sollte, bis ich einmal richtig im Unglück saß? Man konnte nicht vorher wissen, was herangeschwommen kam. Glück, Unglück? Nahezu tiefsinnig wurde ich über diese beiden Reklamezettel. Was brauchte ich Glück oder Unglück? Ich lebte, atmete und blieb gesund bei Schwarzbrot und Wasser. Ich beschloß, die »Frau von Welt-Seife« meiner Schwester nach Mellerup zu schicken. Mochte meine Haut machen, was sie wollte. Die Haut meiner Hände sah ja gar nicht beunruhigend, sondern ganz normal und frisch aus.

Mit dem Javol war es freilich eine andere Sache. Mit dem Loreleyhaar konnte ich nicht konkurrieren. Ich hatte freilich einen kräftigen und dichten Haarwuchs, aber er hätte etwas flockiger und weicher sein dürfen. Wieder fiel mir ein Zettel in die Hände: der Erfolg ist verblüffend. Ein erfrischendes, unvergleichliches Schönheitsmittel. Erfrischend. Es war heiß in den Anlagen, und ich 147 konnte nicht den Sonnenschirm über mich halten und zugleich Pakete öffnen und an Flaschen herumdrehen. Unauffällig nahm ich den Hut vom Kopf, legte ihn sorglich auf die Bank, goß mir dann einige Tropfen Javol auf den Scheitel, schob das Haar an den Seiten zurück, damit ich auch dort etwas von dem edlen Naß bekam. Die Erfrischung spürte ich sofort. Erfrischend war das Javol, das mußte man ohne weiteres zugeben. Am liebsten hätte ich meine langen Zöpfe gelöst, die mir im Kranz um den Kopf lagen, aber das ging nicht, weil mir gegenüber ein paar junge Leute saßen, die nichts anderes zu tun hatten, als mich zu beobachten. Warum betrachteten sie sich nicht das Brunnenrondell? Ich hatte mir doch den Kopf zu massieren, und dabei konnte man doch kein Publikum brauchen. Wenn ich hier saß und mein teures Javol verschwendet und nicht richtig angewandt hatte, waren es ja nicht die jungen Herren, die mir ersetzen würden. Wenn nur die Flasche nicht so groß und schwer sein wollte. Und dabei war es noch die kleine Packung. Nun ja, es war nichts dagegen zu machen, und ich begann mir ungeniert aufs Geratewohl das Javol überall ein bißchen anzuspritzen. Mit dem Massieren haperte es. Ich hätte die Flechten lösen müssen, aber dazu konnte ich mich nicht entschließen.

So saß ich still auf der Bank und wartete den Erfolg der Haarbehandlung ab, während ich mich über die Zubereitung der Götterspeise orientierte. Ja, Dielenöl mußte ich noch kaufen, vom billigsten Dielenöl ein Pfund. Dazu hatte ich ja eigens die Kanne mitgenommen. Ich kramte in meinen Siebensachen herum, vernahm von drüben ein kleines 148 Lachen. Als ich hinübersah und auch auf die übrigen Bänke, fiel es mir auf, daß man mich von allen Seiten mit freundlichen Blicken bedachte. Es war das Haar, das allen Leuten gefiel. Der Erfolg war wirklich verblüffend. Vielleicht mußte ich sparsamer mit dem Javol umgehen. Jedermann wird Ihr Haar bewundern. Die Bewunderung machte doch recht verlegen. Scheu und mit nicht ganz klarem Gewissen lächelte ich zurück. Dann setzte ich den Florentinerhut auf mein duftiges Haar, verließ die Bahnhofsanlagen, um nochmals bei Teichgräber vorzusprechen, ich hätte aus Versehen Javol gekauft, ob man es mir nicht gegen Dielenöl umtauschen könne. Die Eitelkeit war verflogen, aber das Javol mußte ich behalten. Es stand dann lange unbenutzt, im äußersten Winkel, verborgen im Kleiderschrank.

Während ich daheim alles anstrich und anmalte, was der Verschönerung und Auffrischung bedurfte, führte meine Mutter in Hamburg ein recht bewegtes Leben. Sie hatte es vermieden, bei unseren Verwandten Wohnung zu nehmen, weil sie sich »frei« fühlen und durchaus Herrin ihrer Zeit sein wollte, was aber meinem Vater gar nicht recht zu passen schien. Sie hatte sich im Zentrum der Stadt ein möbliertes Zimmer gemietet bei einer alleinstehenden Frau Duve, mit der sie im Ernst-Drucker-Theater gewesen sei, wo sie ein Stück gesehen hatte, das »De Leev in Veerlanden« hieß. Mutter hatte sich dabei köstlich vergnügt. Im Alsterpavillon hätten sie Kaffee getrunken und viele prachtvolle Schiffe, Lachmöwen und Schwäne gesehen. In der Michaelskirche hätte sie ein Orgelkonzert gehört. Sie hatte sowohl den Ohlsdorfer 149 Friedhof als auch die Kunsthalle besucht. Sie schrieb von einem großen Maler, den sie kennengelernt hatte, von einem gewissen Bertram von Minden, und darüber geriet Vater in beträchtliche Unruhe. Obwohl er kein Freund vom langen Briefschreiben war , setzte er sich abends hin, um bei Mutter schriftlich anzufragen, was es mit diesem Herrn von Minden für eine Bewandtnis habe, und sie möge ihm hierüber gefälligst reinen Wein einschenken. In seiner Besorgnis um seine Frau ließ Vater mich jeden Brief lesen. Mutter schickte postwendend eine fromme Ansichtskarte, die Reproduktion eines uralten Bildes, von dem sie entzückt war; das war von Bertram von Minden. Ihre Briefe hatten etwas reizend Lächelndes, Jubelndes an sich. Sie war wie ein frohes Kind, das nicht umhin kann, die schöne Welt zu bewundern, und es hatte den Anschein, als sei sie nur deswegen gereist. Sie hatte aber trotz der vielen Ausflüge, die sie unternahm, ihre eigentliche Aufgabe nicht vergessen. Es war offenbar ihrem Wesen eigen, eine Sache nicht zu straff zu nehmen. Sie war, wenn sie ein Ziel verfolgte, nie übereifrig, sondern ließ geruhsam die Dinge an sich herankommen, und dadurch bewahrte sie sich die frische Kraft.

Eines Tages fand sie tatsächlich den Bruder von Hans, der Karl Terpen hieß, glücklich verheiratet und Vater von zwei Kindern war und für die Angelegenheit meiner Mutter das schönste Verständnis zeigte. Die ganze Familie Terpen nahm sich auf das freundlichste meiner Mutter an, die das Bild von Else und ihrem Kind vorzeigte. Karl Terpen wagte sich vorerst nicht direkt um die Sache zu kümmern, sondern begnügte sich vorläufig damit, 150 meiner Mutter die Adresse von Hans zu geben, doch versprach er, wenn es nötig sein sollte, seinem Bruder zu schreiben, um ihn an seine Pflicht zu erinnern.

Hans Terpen arbeitete in der Nähe von Bergedorf in einer einsamen Gegend, in der ein Landhaus errichtet wurde. Hier war er Brunnenmacher. Mutter fuhr also zunächst nach Bergedorf und ging von dort aus über Land. Erst kurz vor Feierabend erreichte sie den Bauplatz, wurde von den Arbeitern zum Brunnen gewiesen, wo sie den vielgesuchten Hans in der Tiefe schaffen sah. Da sie es nicht erwarten konnte, bis er von selbst an die Oberfläche kam, rief sie ihm vom Brunnenrande aus zu: »Hören Sie, junger Mann, Herr Terpen, ich möchte gerne einige Worte mit Ihnen sprechen. Kommen Sie bald herauf? Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.«

»Ich komme gleich«, rief die Stimme zurück.

Als Hans heraufkam, war er recht verwundert, eine fremde Frau vor sich zu sehen, die zunächst in einer begreiflichen Anwandlung von Verlegenheit nicht wußte, wie sie ihr Anliegen in Worte kleiden sollte. Sie fragte ihn, ob er in unserer Stadt als Soldat gedient habe, was Hans sogleich bejahte.

»So. Dann kennen Sie vielleicht zufällig diese Person?« Mit diesen Worten holte Mutter das Bild von Else und dem Kinde aus der Tasche und hielt es dem jungen Mann hin.

Dieser nahm zögernd die Photographie an sich, betrachtete sie eine Weile, blickte bestürzt drein, sah sich das Bild nochmals an und sagte dann leise: 151

»Ja, ich kenne dieses Mädchen, scheint mir . . . Es kommt mir jedenfalls nicht unbekannt vor . . . Das heißt, ganz sicher bin ich nicht . . . Ich verstehe nicht recht, aber vielleicht sagen Sie mir, was Sie eigentlich von mir wollen . . .«

Er sprach sehr schüchtern zu meiner Mutter, sah sie aber doch mit einem solch ernsten, klaren Blick an, daß Mutter gleich bemerkte, daß sie es mit einem guten, ehrlichen Menschen zu tun hatte. Er war noch so jung und hatte vielleicht noch ein langes Leben vor sich. Es mochte besser für ihn sein, wenn er frei und ungebunden seiner Wege ging. Meine Mutter war es ja nicht, die über das Schicksal eines fremden Menschen bestimmen durfte.

»Ich wünsche nichts von Ihnen, was Sie nicht selbst gerne wollen.« So antwortete Mutter dem jungen Mann, der vielleicht für sich schon wußte, um was es sich handelte. In einer plötzlichen Gefühlsaufwallung rief er erregt:

»Ja, wer ist es denn, um's Himmels willen? Ich muß doch wenigstens wissen, wer es ist.«

»Ich dachte ja eigentlich, das heißt, ich hoffte, es könnte Ihre zukünftige Frau sein.«

»Aber, ich müßte sie doch kennen.«

»Haben Sie sie denn nicht erkannt?«

»So meinte ich es nicht. Ich meine nicht das Äußerliche, sondern das Wesen der Frau.«

»Ich verstehe, aber darauf sollte man bei einer Bekanntschaft zunächst achten. Oh, damit will ich Ihnen keinen Vorwurf machen. Dies ist nicht meine Aufgabe. Aber glauben Sie mir, junger Mann, es ist eine eigene Sache mit dem Kennen. Da gibt es Leute, die viele Jahre miteinander 152 verheiratet sein können, die einander genau zu kennen glauben, und plötzlich bemerken sie, daß es mit diesem Sichkennen gar nicht gestimmt hat. Der gute Wille, die Anständigkeit zueinander ist viel wichtiger als jene Menschenkenntnis, die sich so oft irrt. Sehen Sie, zum Beispiel Else kennt sich selbst noch nicht recht, glaube ich. So kommt es mir wenigstens vor. Wie also wollen Sie sie kennen? Mir ist, als habe sie einen Charakter, der mehr zum Guten als zum Schlechten und Unsoliden neigt. Kommt sie in eine gefährliche Gelegenheit, in eine Versuchung, erliegt sie. Sobald jedoch ein verderblicher Einfluß aufhört, gewinnen ihre guten Eigenschaften die Oberhand, und gerade für dieses möchte ich gerne sorgen. Ob nun auch Sie Lust dazu haben, das weiß ich nicht. Wie aber der Fall nun einmal liegt, wäre es doch nur natürlich, wenn Sie sich der Mutter und Ihres Kindes annehmen würden. Es muß ja nicht heute oder morgen sein. Irgendwann einmal. Ich will Sie gewiß nicht bedrängen. Keine großen Worte will ich brauchen, aber es ist etwas Hohes, das Ihnen beschieden ist. Sie haben sich nicht selbst zum Vater gemacht. Es ist ein Geschenk, das Ihnen zuteil wurde. Vielleicht werden Sie einmal glücklich darüber sein und dankbar. Dies möchte ich wünschen.«

Es kam tatsächlich so, wie meine Mutter es wünschte. Die Hochzeit fand in aller Stille statt, wenige Wochen später, und ich möchte hier vorweg bemerken, daß es eine wahrhaft glückliche Familie wurde und meine Mutter sich also kein Gewissen zu machen brauchte, diesen Bund veranlaßt zu haben. 153

 

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