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Blume und Flamme

Emmy Hennings: Blume und Flamme - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleBlume und Flamme
authorEmmy Ball-Hennings
year1938
firstpub1938
publisherBenziger & Co.
addressEinsiedeln / Köln
titleBlume und Flamme
pages320
created20190213
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Engel

Großmutter war gestorben. Das war doch gewiß traurig. Besonders für sie, für Großmutter selbst. Denn das Leben war so schön, und jetzt hatte sie es nicht mehr. Von einem Tag zum andern war es fortgenommen, und daran ließ sich nichts mehr ändern. Schon seit zwei Tagen war Großmutter tot, und der liebe Gott machte seinen Entschluß nicht rückgängig, obwohl man ihn sonst so sehr gerne ein wenig darum gebeten hätte. Aber das ging nicht an.

Zur Schule brauchte ich in diesen Tagen nicht zu gehen. Den letzten Vormittag durfte ich bei Großmutter bleiben, solange sie noch über der Erde war. Sie lag in der besten Stube aufgebahrt, unnahbar schön und rein, in ein blühendweißes Mullkleid gehüllt, von Blumen umgeben. Hyazinthen und Hortensien waren dabei. In einem grünen Kranz drei weiße Rosen, die wohl aus dem Süden gekommen waren. Fremde, schöne, kühl duftende Rosen, die hier bei Großmutter noch ein wenig blühen wollten.

Obwohl es draußen Tag war, brannten zu beiden Seiten des Sarges Kerzen, die ein einsam-wehmütiges Licht spendeten, ganz kleine, leise Seideflammen. Die Fenster waren weiß verhangen, und auch der Spiegel war mit einem Tuch eingehüllt, mit einem sehr bleichen Tuch. Der Spiegel schien ein Geheimnis zu verbergen.

Scheu setzte ich mich auf den Sammetstuhl, gleich neben dem Kopfende des Sarges. Wie nahe Großmutter mir war, die liebe, und doch wie weit 124 von mir entfernt . . . Sie hatte die Augen nicht völlig geschlossen. Wie leicht sie schlummerte . . . Und doch so tief und reglos. Tief versunken schien sie, die weiße Schläferin, hingegeben einem Frieden oder einer sehr leisen Freude.

So sicher, so ruhig war der Ausdruck ihres Gesichtes. Sie wußte, wem sie sich anvertraut hatte. Wie wundersam und fremdartig sie geworden war. Sie war doch alt gestorben. Jetzt aber schien sie weder jung noch alt. Eine schöne, stille Königin und ein Kind zugleich. Ach, wäre sie Dornröschen und schliefe tausend Jahre im Schloß hinter einer hohen, immer blühenden Rosenhecke, und eines Tages käme ein Prinz, ein junger Königssohn des Lebens, sie wachzuküssen.

Neben dem verhüllten Spiegel hing das Bild vom Schiff, mit dem Großvater einmal übers Meer gefahren war. Die Segel hatten einmal gerauscht, wie Seide rauscht. Jetzt hingen sie gleich sanften weißen Fahnen. Vom Ufer aus war das Schiff gemalt worden, und nahe dem Ufer wurden alle Wellen sanft. Wie von einer großen Ruhe magisch angezogen, glitt das Schiff in den Hafen, mit einer langsamen Feierlichkeit. Dies war das Schiff, das einmal fröhlich durch das Meer gezogen war, durch die blauen Wogen hindurch, und jetzt war das vorbei. Es gab nur noch ein Bild von diesem Schiff. Ja. Und bald würde es nur noch ein Bild von Großmutter geben.

Weihnachten fiel mir ein. Der Baum mit Lichtern, der in diesem Zimmer gestanden hatte. Wie hatten wir uns hier gefreut. Wie hatte Großmutter mit ihrer leicht zitternden Stimme gesungen: 125

Zwei Engel kommen herein und beten.
Kein Auge hat sie kommen sehn . . .

Sie waren dagewesen, die Engel, unsichtbar im Raum. Um Weihnachten waren die Engel dagewesen. Für dieses Fest hatte ich für Großmutter eine Überraschung. Einen kleinen Haussegen hatte ich gezeichnet, sorgliche Buchstaben, mit Blumen und Sternen bemalt. Die Worte waren aus lauter winzig-kleinen Sternchen zusammengesetzt, leuchtend auf zartblauem Papier.

Wo Glaube – da Liebe.
Wo Liebe – da Friede.
Wo Friede – da Segen.
Wo Segen – da Gott.
Wo Gott – keine Not.

Wieviel kostbare, goldene Worte. Jetzt lagen sie vor Großmutter ausgebreitet. Ein wenig verdeckt unter Blumen hatte sie das kleine Geschenk nahe zur Hand. Ich betrachtete die stillen Hände, die mich so oft gestreichelt und die mir noch vor wenig Tagen, noch vom Bett aus, das Schächtelchen mit dem Kandiszucker hingeschoben hatten: Hier, nimm dir, mein Liebling . . . Oh, nichts mehr und nie wieder.

Könnte Großmutter doch den Haussegen mitnehmen in den Himmel! Dafür hatte ich die Arbeit ja eigens gestern beendet, nur damit Großmutter noch ihr Vorweihnachtsgeschenk bekam. Nimm's mit, Großmütterchen. Sie blieb still. Vielleicht aber hörte sie mich irgendwo. Gewiß würde sie schon heute im Himmel sein, und es wäre mir lieb, wenn sie das Andenken mitnehmen wollte, dem lieben Gott zu zeigen, was wir hier unten für 126 hübsche Weihnachtsarbeiten machen konnten. Er wußte es ja, aber es so direkt und genau anzusehen, mußte doch auch nett sein. Jemand hatte mir erzählt, daß Schwestern im Krankenhaus einem sterbenden Kinde Aufträge für den Himmel mitgegeben hatten, Bitten und Grüße für Heilige, und einige Bitten waren nach dem Tode des Kindes so schön und klar erhört worden. Wie wunderbar und schön war solche Verbindung, der Austausch der Liebe. Nun hatte ich zwar Großmutter keinen direkten Auftrag mitgeben können, aber sie würde ohnehin an uns denken. Vielleicht hatte sie Gelegenheit, schon heute abend mit dem lieben Gott zu sprechen, vielleicht in derselben Stunde, in der sie ankam. Man konnte freilich nicht wissen, wie das war. Gott war überall und immer da, aber einmal empfing er jeden Seligen persönlich. Wo und wann, das konnte man nicht wissen. Die Sicherheit aber, ihn bestimmt erwarten zu dürfen, ja, das war schon eine Seligkeit. Wie am Weihnachtsabend mußte das sein, wenn man vor der Türe stand und noch nicht hinein durfte; aber man wußte doch, daß ein Christbaum da sein würde. Genau so war es im Himmel, nur noch schöner, tausend- und aber tausendmal schöner. Und Großmutter stand vor der Tür. Man sollte ja eigentlich nicht weinen, daß sie gestorben war, doch war man so hinfällig und dachte in der Trauer nur an sich. Daß Großmutter nicht mehr bei uns sein würde! Daß sie nicht mehr Geschichten erzählen konnte. Daß sie nicht mehr stricken würde und dabei leise singen. Jetzt wollte sie Engel werden. Das war etwas, das man ihr lassen mußte. Es machte nur so sehr sehnsüchtig . . . 127

Die Zeit verging, obwohl die Uhr im Totenzimmer stillstand. Der Zeiger war angehalten worden. Aber irgendwo rückte die Zeit weiter. Bald war Mittag, und dann würde man Großmutter holen. Einmal wurde man gebracht und einmal geholt.

Ich nahm mir das kleine Album von der Etagere. In diesem Album gab es zwei Bilder, die ich schon oft mit der immer gleichen scheuen Bewunderung betrachtet hatte. Daß etwas so Kleines und Zierliches so viel Hohes und Erhabenes zeigen konnte.

Auf jedem Bild war ein Engel zu sehen, der ein Kind in den Armen trug, schwebend über einer großen Stadt. Der Engel flog vom Himmel zur Erde, wenn er eine Menschenseele zur Welt brachte, und dann holte er sie wieder ab, wenn sie in den Himmel zurückgeführt werden sollte. Dieses war nicht etwa gemalt oder gezeichnet, sondern meiner kindlichen Annahme nach photographiert, also eine Szene, die völlig objektiv und sachlich festgehalten worden war. Auf dem einen Bilde, das genau neun Zentimeter lang und sechs Zentimeter breit war, glaubte ich den Friedhof zu entdecken, von wo aus der Engel aufgeflogen war. Oh, dieser beneidenswerte Photograph, der einen Engel gesehen hatte. Unbeschreiblich ist es, was alles aus diesen Bildern zu mir sprach, Bilder, die noch heute in meinem Besitz sind und die mich immer wieder an den ersten Sternglauben des Kindes erinnern.

Der Engel wegen wäre ich gern Photographin geworden, vorausgesetzt, daß sie mir allabendlich begegnen wollten, die Engel. Und warum sollten sie es nicht? Ich wollte mir Mühe geben, die 128 schönsten Bilder von den Engeln zu machen. Bilder, die man vielleicht an die Zeitungen senden konnte. Die Menschen hatten ja auch großes Interesse für neuauftauchende Sterne, für Kometen, die durch den Weltenraum ihre leuchtende Bahn zogen, und um Engel, die ja jeden Menschen persönlich angingen, war man noch froher.

Mit solch anregenden Zukunftsplänen saß ich wachehaltend bei meinem Großmütterchen. Von Zeit zu Zeit warf ich einen langen Blick auf das stille Gesicht. Das war zart wie Elfenbein. Aus dem alleredelsten Material geformt, unbegreiflich schön gefügt. Daß das Kostbarste in die Erde gelegt wurde! Schon in wenigen Stunden, schon bald, sehr bald.

Den Engel wünschte ich zu sehen, der Großmutter in den Himmel tragen würde. Ja, ich wollte ihn sehen, diesen Engel. Warum sollte ich nicht dasselbe Glück haben, wie es dem Photographen beschieden war? Überall wollte ich es dann weitererzählen, allen Menschen zur Freude und zum Trost: Ich habe einen Engel gesehen. Ob er sich durch meine Anwesenheit gestört fühlen würde? Das war kaum anzunehmen, und Großmutter konnte ihm ja auch leicht erklären, wer ich sei. O wie sie sich freuen würde, wenn sie mich noch einmal zu Gesicht bekam, so ganz unerwartet. Sie hatte mich lieb, und ich hatte sie lieb, und wir würden uns beide freuen. Nachwinken wollte ich ihr, so hoch meine Augen reichen würden, bis sie sich im abendlichen Dunkel der Wolken verlieren würde, oder im Licht der Sterne. Bemerken würde ich gleich, ob sie meinen Haussegen mitgenommen hatte. Ich stellte mir vor, wie sie ihn in der Hand 129 hielt, wie die Worte mit hinanflogen: Wo Glaube – da Liebe. Noch lag sie still da. Der ausgestreckte Finger der rechten Hand schien auf die Worte zeigen zu wollen: Wo Gott – keine Not.

 

Es traf sich gut, daß ich nicht mit zum Begräbnis sollte. Daran konnte eigentlich niemand gar viel gelegen sein. Seltsam, daß die Menschen dennoch so großen Wert darauf legten, dabeizusein. Eine Beerdigung war etwas Provisorisches. Sehr genau hatte ich mich nach der Bedeutung des Wortes »provisorisch« erkundigt. Das hieß soviel wie »vorläufig« oder »fürs erste«. Auf manchen Gräbern fand man kleine Marmortafeln, auf denen nur »provisorisch« zu lesen stand, sonst nichts. Nur dieses eine Trostwort »provisorisch«.

 

Gegen vier Uhr nachmittags machte ich mich auf den Weg nach dem Friedhof an der Mühlenstraße, der eine gute Stunde von unserem Hause entfernt lag. Ich schritt tüchtig aus, weil ich zeitig an Ort und Stelle sein wollte. Mir war, als hätte ich eine Verabredung. Beim Nordertorplatz hielt ich mich gleichwohl etwas auf. Hier wurde nämlich von Zirkusleuten eine kleine Gratisvorstellung gegeben, eine Kostprobe, die wohl zur Abendvorstellung verlocken sollte. Ich sah mir die grünen Wohnwagen an. Was für nette Gardinchen vor den Fenstern waren. Nun ja, sie mußten ja viel unterwegs sein, die Zirkusleute, da brauchten sie etwas Gemütlichkeit. Sie sahen so fremd aus, als kämen sie aus Spanien. Gott weiß, woher. Sie sagten: Wir haben hier keine bleibende Statt, aber die ewige suchen wir. Ein 130 kleiner Junge in roter Jacke und weißem Zylinder lächelte mich an. Ich lächelte zurück, und es war eine gute Unterhaltung. Dann begann ein Mädelchen in kurzem blauem Schleierkleid eine Leiter zu besteigen, die zu einem Seil führte. Da das Kind seinen Weg beginnen wollte, blieb es ein Weilchen auf der kleinen Plattform stehen, machte eine grüßende Bewegung nach unten, öffnete einen bunten, flachen Schirm und begann übers Seil zu gleiten. Wie anmutig war dieses gefährliche Gleiten. Es kam mir vor, als sei das Seil sehr lang und als führe es sehr hoch nach oben.

So kühn und sicher glitt die Kleine hinan, als hätte sie sich verlieren mögen in den Äther, in das reine, tiefe Blau des Himmels. O wie schön war es, diese kleine Himmelstänzerin anzusehen. Hoch oben in der klaren Luft war sie vogelhaft leicht und zierlich, doch sah ich noch einmal den Gruß, den sie aus der Höhe in die Tiefe hinabfallen ließ. Nach diesem Gruß ging ich weiter.

 

Hinter dunklen Lebensbäumen, die wie eine hohe Wand nebeneinander standen, lag der Friedhof. In der Mühlenstraße gab es damals nur wenige Häuser. Einige Gärtnereien waren hier. Ich ließ mir Zeit, die Blumen zu betrachten, die vielen Beete mit den Stiefmütterchen, mit den bunten Gesichtern aus weichem Sammet. Stiefmütterchen waren Großmutters Lieblingsblumen. Ob sie wohl über diese vielen Blumen hinwegfliegen würde? Man konnte von hier aus weit ins Land sehen, über Wiesen und Äcker hinweg. Einsam auf freiem Feld stand die große Windmühle. Die Flügel bewegten, drehten sich langsam im Kreise, und doch ging der 131 Wind nicht stark. Wie seltsam, daß sich die Flügel bewegten. Die Luft war doch nahezu still. Vielleicht merkte ich nicht das Wehen des Windes. Wie vieles mochte es geben, das ich nie kennenlernen würde? Wie groß, wie weit war hier die Gegend. Und wie dunkel und mächtig hoben sich die großen Flügel vom tiefblauen Himmel ab.

Dann entschloß ich mich, auf den Friedhof zu gehen. Wo Großmutters Grab war, wußte ich, denn wir hatten hier ein großes Familiengrab. Ich kannte aber auch sonst viele Gräber von Unbekannten, deren Lebensgeschichte ich mir nach den wenigen Angaben auf den Grabsteinen ausmalte. Mein besonderes Interesse galt den Krankenschwestern, die hier nebeneinander unter Efeu schliefen. Die Schwestern hatten alle ein und dasselbe schlichte weiße Holzkreuz, das nur Namen und Daten kundgab. Die meisten Schwestern waren jung gestorben, und ihr Leben war Dienst und Liebe für die Kranken gewesen. Sie hatten nie an sich gedacht, immer nur daran, wie sie den andern Gutes erweisen könnten, und dann sagten sie noch von Jesus: »Alle unsere Werke hast du für uns getan.« So selbstlos waren diese Schwestern, und an den Efeugräbern ging man gerührt und dankbar vorüber.

Vertraut waren mir auch die Kindergräber, die kleinen Betten mit den Vergißmeinnichtdecken. Hier gab es junge Marmorengel, niedliche kleine Kinderengel, die sinnend und betrübt ihr Köpfchen auf die Hand stützten. »Nicht verloren, nur vorangegangen.« Dies war oft hier zu lesen. Und alle Blumen waren hier besonders schön, denn sie waren ein Zeichen, daß die Menschen einander 132 liebhatten und daß der eine den andern nicht vergessen konnte. Daß man an einen Menschen denken konnte, der nicht mehr zu sehen war, das war eine kleine Unsterblichkeit auf Erden. Nicht verloren, nur vorangegangen.

Bei Großmutters Grab war die Erde frisch und locker. Ich setzte mich auf die schmale Einfassung aus Granit und ruhte mich aus. Bedachtsam genug war ich gewesen, meine Laterne mitzunehmen sowie eine Anzahl halb abgebrannter Weihnachtskerzen. Man konnte nicht wissen, zu welcher Stunde der Engel kommen würde, und deswegen hatte ich für Beleuchtung vorgesorgt. Auf dem Albumbild war es spätestens neun Uhr abends gewesen, als der Engel gekommen war. Dies war leicht nach den erleuchteten Fenstern zu beurteilen.

Es begann dunkel zu werden, und um mir die Zeit zu vertreiben, zündete ich das Laternchen an, das aus rotem, geripptem Papier und zum Aufklappen war. Es hatte eine schöne Sternform. Wie warm war dieses rote Licht! Wenn die Tage kürzer wurden, machten wir Kinder mit diesen Laternen kleine Prozessionen in den Straßen, singend:

Laterne, Laterne,
Sonne, Mond und Sterne.
Brenne auf, mein Licht,
Brenne auf, mein Licht,
Nur meine schöne Laterne nicht.
Laterne, Laterne . . .

Ganz leise singend wartete ich, nur von Zeit zu Zeit nachsehend, wie es mit dem Licht stand. Brenne auf, mein Licht . . . Ach, es gab ja noch 133 Licht . . . Ich hatte reichlich davon. Vielleicht hätte ich mehr Streichhölzer mitnehmen sollen. Um die Wartezeit zu verkürzen, zählte ich die Hölzer, siebzehn hin und siebzehn her. Nun, das würde reichen. Wann der Engel wohl kam?

Kühl wurde es und dunkel. Die Eltern würden auf mich warten. Sorge machte ich mir um die Angst von Vater und Mutter. Ich konnte ja nicht wissen, wie es vor sich ging, wenn ein Engel ans Grab kam. Was hatte mich nur hierhergezogen?

Großmutter durfte nicht in der dunklen Erde bleiben. Plötzlich wurde ich von einem Rausch der Trauer erfaßt, daß ich selbst nicht wußte, wie mir geschah, und ich begann bitterlich zu weinen, lange, lange. Dann wieder wurde ich sehr ruhig, und ich wußte, es kam kein Engel. Doch war diese Einsicht ohne jegliche Enttäuschung. Nein, kein Engel kam, nur eine weiche Nacht, die voller Friede war. Und mir war, als würde mein Großmütterchen auch wieder auferstehen in meinem Herzen. Sie war gewiß schon längst im Himmel, und es machte ja gar nichts, wenn man die Engel nicht mit den leiblichen Augen sehen konnte. Eine Schulkameradin, die kleine Tine Fleth, die so plötzlich gestorben war, hatte wenige Tage vor ihrem Tode ihren Engel gesehen, und ihre Mutter und ihre Geschwister hatten den Engel zwar nicht gesehen, aber sie hatten ihn doch gespürt und wußten, daß er dagewesen war, um Tine vorzubereiten. Das war doch gut gewesen. Die Engel zeigten sich wohl nur, wenn es sehr notwendig war, und in solchem Fall würde gewiß auch einer zu mir kommen. 134


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