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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 9
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Achtes Kapitel

Ein Hotel, in dem wenig geschlafen, viel gewaschen und gehämmert wird und die Gäste auf nüchternen Magen ihre Rechnung bezahlen, aber aufs Frühstück verzichten.

 

Das ist doch die Höhe!« kreischte Josephus Bok in einem Wutanfall, und statt sachlich zu argumentieren, schlug er mit beiden Fäusten auf den Tisch des diensthabenden Polizeiinspektors, den man telephonisch auf die Wache gerufen hatte. »Es fällt mir gar nicht ein, mich so behandeln zu lassen! Sie scheinen zu vergessen, dass Sie es mit einem anständigen und angesehenen Mann zu tun haben! Ich habe Ihnen meine Karte gegeben und meinen Auslandspass vorgezeigt. Wie können Sie sich unterstehen, den Direktor einer grossen Versicherungsgesellschaft von Weltruf, der sich des besten Leumunds erfreut und Ritter der Ehrenlegion ist, auf blosse Vermutungen hin wie einen gemeinen Spitzbuben ...«

»Bitte tun Sie, was ich Ihnen sage,« erklärte der Inspektor mit geradezu herausfordernder Ruhe, »und wenn Sie sich noch länger widersetzen, werden wir eben Gewalt anwenden müssen ...«

»Also ich muss es mir gefallen lassen, dass man mir alle Taschen durchsucht, mit anderen Worten: dass Sie es für möglich halten, ich könnte diesen prächtigen Menschen, diesen rechtschaffenen, vortrefflichen Mann, mit dem ich schon seit Jahren befreundet bin ... Ich warne Sie, Herr Inspektor! Ich lasse es dabei nicht bewenden! Das ist ja eine geradezu schauderhafte Art ...«

»Ich habe keine Zeit zu verlieren, Kollege«, sagte Nathan Marius Duporc vom Amsterdamer Sicherheitsdienst. »Das Telephon geht leider nicht mehr. Es muss also jemand mit dem vorletzten oder letzten Zuge nach Rotterdam, um Roosendaal und die anderen Grenzstationen morgen in aller Frühe zu erreichen. Dieser Herr ist mitschuldig. Er weiss mehr, als er sagt, und ich bin nicht gewillt, mich durch seine grossen Worte irgendwie düpieren zu lassen.«

»Tun Sie Ihre Pflicht«, sagte der Dordrechter Polizeiinspektor, der mit wahrhaft amerikanischem Phlegma eine Zigarre rauchte und auch seinem Amsterdamer Kollegen eine anbot.

Einen Augenblick schien es, als wollte der joviale Direktor der All-Risk-Versicherungsgesellschaft sich mit aller Gewalt zur Wehr setzen. Dann aber begann er, den Vorfall mehr von der humoristischen Seite zu nehmen, hielt die Hände hoch und antwortete nur noch in dem beissend-satirischen Tone, mit dem er seinem Bureaupersonal die Freude am Leben zu vergällen pflegte. Währenddessen wühlten die dreisten Hände eines Kriminalbeamten und eines Schutzmannes in seinen Taschen; zuerst in der hinteren Hosentasche, aus der ein drohender Browning zum Vorschein kam.

»Aha,« sagte der Inspektor, »das ist ja ein vortrefflicher Anfang! Besitzen Sie einen Waffenschein?«

Josephus Bok war impertinent genug, eine Operettenmelodie zu pfeifen, und begann dann laut aufzulachen, als er das verblüffte Gesicht des Beamten sah, der plötzlich entdeckte, dass der verdächtige Gegenstand ein Zigarettenetui mit einer kleinen Benzinflamme war. Duporc, der dieser Untersuchung schweigend zugesehen hatte und jetzt das Taschentuch des Verdächtigen unter das Licht der Lampe hielt, mischte sich in das Verhör ein.

»Wie kommen diese roten Flecken in Ihr Taschentuch?«

»Das weiss ich nicht – das müssen Sie doch wissen ...«

»Sehr schön. Diese Antwort würden Sie nicht geben, wenn Sie zu Unrecht verhaftet wären. So antwortet nur ein Mensch, der sich seine Worte genau überlegt ... Ist das Ihre Spezialmarke Zigaretten?«

»Allerdings, verehrter Herr ...«

»Hat Ihr so schnöde ums Leben gebrachter Freund in seinem Coupé von diesen Zigaretten geraucht – ja oder nein?

»Das weiss ich nicht mehr ...«

»So will ich Ihrem Gedächtnis nachhelfen – im Aschenbecher des Coupés, in dem das Verbrechen verübt wurde, lagen mehr als ein halb Dutzend dieser ganz besonderen Mundstücke ...«

»Ich hätte geglaubt, dass ein tüchtiger Fachmann bessere und intelligentere Dinge zu sagen wüsste«, antwortete Joopie Bok, während er die Blicke unverwandt auf seinen Schlüsselring, sein silbernes Feuerzeug, seine Börse, seine Uhr, seinen Taschenkamm, seine Nagelschere, einen silbernen Zahnstocher und alles andere gerichtet hielt, was die dreisten Hände aus den düstern Abgründen seiner sämtlichen Taschen hervorholten. »Oder gehört es zur hohen Schule des inländischen Sicherheitsdienstes, schon das Zigarettenrauchen verdächtig zu finden?«

Diese Ironie war sehr deplaciert und zeitigte nur das eine Resultat, dass der äusserst gekränkte Kommissar noch ganz andere Seiten aufzog und jetzt allerhand »vernünftige« Dinge sagte, die des anderen unangebrachte Heiterkeit sehr merklich dämpften.

»Ich kann Ihnen schriftlich geben, Herr Bok, dass Sie heute hier übernachten werden, falls mein Dordrechter Kollege nichts gegen Ihre gastfreundliche Aufnahme einzuwenden hat. Sie schienen vorher beinahe übertrieben betrübt, und jetzt sind Sie plötzlich eben so übertrieben geistreich, dass ich mir schon mein Teil dabei denken kann. – Sie brauchen nicht weiter zu suchen, meine Herren. Ich bitte, den anderen Arrestanten vorzuführen, sobald ich klingle. – So, jetzt sind wir allein, Herr Bok, und jetzt können Sie sich ungeniert äussern. Wo hielten Sie sich auf, als auf der Maasbrücke die Notbremse gezogen wurde? Haben Sie mich verstanden?«

»Im Gange, um den Rotterdamer Hafen bei Abend zu sehen ...«

»Also Sie fanden es nicht der Mühe wert, als eine Panik entstand, in das Coupé des Herrn Artur Rondeel zu eilen, um sich davon zu überzeugen, ob ihm etwas zugestossen sei?«

»Auf den Gedanken bin ich gar nicht gekommen. Und Ihnen würde das auch nicht in den Sinn gekommen sein! Er hatte uns ›Gute Nacht‹ gesagt, weil er sich sehr müde fühlte. Und um recht gut zu schlafen, hatte er noch ein paar Glas Kognak getrunken. Darauf verschloss er die Türe ...«

»Auch die Verbindungstüre?«

»Die war schon verschlossen.«

»In welchem der beiden reservierten Abteile befand sich das Gepäck?«

»Nicht in unserem ...«

»Wer ist ›uns‹? Sie sprechen in der Mehrzahl ...«

»Nicht bei mir und dem Sekretär ...«

»Warum nicht?«

»Weil mein armer Freund das nicht wollte.«

»Und dabei hatte er Sie beide zur grösseren Sicherheit mitgenommen? Seltsam! Und die Verbindungstüre war geschlossen?«

»Das sagte ich Ihnen bereits ...«

»Wie kommt das Blut an Ihr Taschentuch?«

»Ich bin, nachdem der Mord begangen worden war, im Coupé gewesen. Vermutlich werde ich diesen oder jenen Gegenstand berührt und mir dann erlaubt haben, mir die Augen zu trocknen! ... Es ist doch geradezu skandalös, dass man sich auf solche Fragen hin verteidigen soll! ... Das wird mir nun allmählich zu viel, Verehrtester!«

»Mir aber noch lange nicht«, bemerkte der Kommissar trocken. »Ist Ihnen vielleicht bekannt, ob die Koffer versichert waren?«

»Das weiss ich bestimmt,« antwortete Josephus Bok bissig. »Sämtliche Sendungen mit Geld, Effekten und Wertpapieren, die von der Internationalen Bank ins Inland oder nach dem Ausland verschickt werden, sind fortlaufend auf Börsenpolice bei meiner Gesellschaft versichert. Wir erleiden einen ganz enormen Schaden, wenn die Koffer wirklich gestohlen sind. Mich sollte man doch wahrhaftig zu allerletzt auf eine so wahnsinnige Art verdächtigen.«

»Die Verantwortung dafür übernehme ich«, sagte Duporc und blinzelte seinem Dordrechter Kollegen zu, dass der sich nicht einmischen sollte. »Der Verlust dürfte auch nicht allzu gross sein, denn der Dieb kann mit den Effekten ja nichts anfangen. Also, Sie waren bestimmt nicht in einem der zwei reservierten Abteile, als an der Notbremse gezogen wurde?«

»Nein.«

»Sie standen im Gang und rauchten?«

»Ja ...«

»Eine Pfeife oder eine Zigarre?«

»Eine Zigarre.«

»Eine von Ihren eigenen oder eine von der Marke, die Ihnen Herr Rondeel im Speisewagen anbot?«

»Weder eine von meinen eigenen noch eine von denen meines unglücklichen Freundes«, antwortete Josephus Bok triumphierend. »Ich war mit dem Herrn Thyssen, den Sie bei mir im Abteil trafen, ein paarmal den Gang auf und ab gegangen und konnte aus Höflichkeit eine Zigarre, die er mir anbot, nicht zurückweisen. Dafür gab ich ihm eine aus unserer Kiste. Haben Sie noch mehr so bedeutsame Fragen an mich zu stellen?«

Er sagte das sehr von oben herab, wie jemand, der lästige Dinge von sich abschiebt. Aber allmählich gab es bei diesem Frage- und Antwortspiel doch eine starke Spannung zwischen den beiden. Der Kriminalkommissar schwieg einen Augenblick und ging dann zu einer neuen Attacke vor.

»Erfolgte dieser Austausch von Zigarren vor oder nach dem letztenmal, da Sie mit Herrn Rondeel im Abteil zusammen waren?«

»Natürlich nachher!« antwortete der Verdächtige ärgerlich. »Ich habe meinen Freund nicht mehr gesehen, nachdem wir uns Gute Nacht gesagt hatten. Das kann der Schriftsteller bezeugen, den Sie so niederträchtig daran hindern, seinen Vortrag zu halten.«

»Sie lügen!« schrie Nathan Marius Duporc jetzt ganz laut. »Denn die Bauchbinde der Zigarre, die der Schriftsteller rauchte, lag im Aschbecher des anderen Abteils ... Sie lügen, denn Sie waren nicht im Gange, als ich jemanden suchte ... Und was nun Ihr blutiges Taschentuch anbelangt, so lügen Sie ebenfalls, denn dieser Herr Thyssen war dabei, als Sie Ihre Komödie aufführten und die Tür öffneten und dann, laut aufschreiend, gewahr wurden, dass jenes Abteil leer war! Sie werden über das alles Rechenschaft ablegen müssen, wenn das Gericht den Fall näher untersucht. Wenn die Behörden Sie freilassen wollen, so kann ich natürlich nichts dagegen einwenden; ich aber habe fürs erste allen Grund, Sie heute nacht hier festzuhalten.«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich vollständig unschuldig bin,« sagte der Direktor der All-Risk-Versicherungsgesellschaft, »und ich werde Beschwerde dagegen einlegen, dass man mir meinen guten Namen und meinen makellosen Ruf in dieser Weise gefährdet.«

»Dieser Herr bleibt im Gewahrsam,« sagte der Kommissar, der inzwischen geklingelt hatte, »der andere soll eintreten.«

»Junge, Junge!« meinte der Dordrechter Kollege, als sie allein geblieben waren. »Herr Duporc, irren Sie sich auch wirklich nicht? Der sieht mir gar nicht so aus, als wäre er an solchem Attentat beteiligt. Ein Mann von Stand – eine bekannte Persönlichkeit, die auch ohne Ihr Dazwischentreten hierher gekommen wäre, um Anzeige zu erstatten. Das gibt viel Schreiberei und Proteste in den Zeitungen ...«

»Sehr richtig, mein Herr,« sagte Hans Thyssen, der die letzten Worte noch gehört hatte und sich nun gleich einmischte, »es wird allerdings Schreiberei in den Zeitungen geben, und zwar mehr, als Ihnen lieb ist. Auf diese Art wären wir ja keine freien Bürger mehr, sondern Untertanen eines mittelalterlichen Polizeistaates! Ich als Schriftsteller habe zwar schon sehr eigentümliche Dinge erlebt; aber das ist denn doch die Höhe! ... Ich sollte heute abend hier im Theater einen Vortrag halten ...«

»Ihr Name?« unterbrach ihn der Beamte hinter seinem Schreibtisch.

»Das ist Nebensache ... Ich verweigere Ihnen jede Auskunft, bis Sie mir meine Freiheit wiedergeben ...!«

»Untersuchen Sie die Taschen dieses Herrn, Schutzmann ...«

Mit einer fabelhaften Zungenfertigkeit, die noch weit über die des Direktors der Versicherungsgesellschaft hinausging, setzte der Schriftsteller seine grundsätzlichen Einwände gegen ein derartiges Verfahren auseinander, nannte den einen Beamten einen stupiden Proleten, den anderen einen zehnfachen Kaffern, schrie, dass er den Justizminister durch ein Dutzend Abgeordnete werde interpellieren lassen, erklärte, dass dies kein Irrtum, sondern ein Verbrechen sei, und liess sich erst, als der Schutzmann ihm drohend zu verstehen gab, dass er ihn fesseln werde, wie ein gekränkter König befühlen und betasten – er unterwarf sich dem skandalösen Vorgang, dass man ein Inventar vom Inhalt seiner Taschen aufnahm. Da kamen nun freilich allerhand ziemlich blamable Dinge zum Vorschein – lauter Gegenstände, die sich mehr für ein Raritätenmuseum eigneten als für die spähenden Augen von Polizeibeamten unter dem indiskreten Licht einer Lampe. Die Gebärde des Schutzmanns, mit der er ein zerfetztes Taschentuch, das mehr einer dunklen Gesichtsmaske mit Augenlöchern und einem Schlitz für den Mund glich, zwischen Zeigefinger und Daumen weit von sich hielt, als fürchtete er, sich die Uniform damit schmutzig zu machen, war geradezu ein Schlag ins Gesicht. Hans Thyssen besass zwei Taschentücher, eins für die Nase, die er sich selten schnaubte, und ein anderes für allerlei sonstige Verrichtungen; dieses zweite, das er kürzlich noch in der Damentoilette des D-Zuges als Benzinläppchen missbraucht hatte, kam zuerst ans Tages- oder vielmehr Lampenlicht des Dordrechter Polizeibureaus. Ein drittes aus violetter Seide, das aus besseren Tagen stammte, sah aus der Brusttasche seines Jacketts hervor und diente zu weltmännischem Gebrauch, wenn er es etwa während des Vortrages des öfteren herauszog und an sein Gesicht führte. Ausserdem kam noch zum Vorschein eine Schachtel Streichhölzer, ein Schlüsselring mit vier verrosteten Schlüsseln, eine kleine Schachtel mit Hustenpastillen, ein Kamm mit ein paar ausgefallenen Zähnen, ein kleines Stückchen Seife, das in Zeitungspapier eingewickelt war, und schliesslich eine Zigarrentasche mit einer noch kompletten Zigarre der von ihm gewöhnlich gerauchten Marke und dem sorgfältig aufbewahrten Stummel der geschenkten Importe des Bankiers. In einem dicken Portefeuille steckten Briefe, unbezahlte Rechnungen, eine Quittung und ein Hundertguldenschein.

»Hat er sonst noch Taschen?« fragte Nathan Marius Duporc, der höchst unsympathischerweise die Intimitäten dieser Brieftasche aufs eingehendste besah.

»Nein, Herr Kommissar!« sagte der Schutzmann.

»So sehen Sie seine Schuhe nach!« befahl der Vorgesetzte.

»Sie sind ein ganz ordinärer Bowke! Sie haben eine Lakaienseele! Sie haben nicht den geringsten Respekt vor den besten Geistern Ihrer Zeit!« sagte Hans. »Wenn Sie meinen zweibändigen Roman ›Die Beichte des Stanislaus Erkerman‹ gelesen hätten, würden Sie gar nicht auf den Gedanken kommen, einen feinfühligen Dichter auf solche perfide Art blosszustellen.«

»Ich habe nicht den Vorzug, Sie oder Ihre Romane zu kennen«, bemerkte der Kommissar. »Ich kenne Sie offiziell überhaupt nicht, da Sie ja die Güte hatten, die Nennung Ihres Namens zu verweigern. Was steckt in dem Schuh, Schutzmann?«

»Eine Preisliste«, sagte der Beamte und versuchte, die Schrift zu entziffern.

»Gehört es auch zu Ihrem Beruf,« fragte Duporc malitiös, »dass Sie Weinkarten aus Speisewagen ohne Erlaubnis zu sich stecken und sie auf diese Weise der Allgemeinheit entziehen?«

»Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie Sie die Speisekarte auf die gleiche Art mitnahmen«, antwortete der Schriftsteller höhnisch.

»Die brauchte ich als Beamter des Sicherheitsdienstes«, sagte Nathan Marius, der sich zu einer Antwort herabliess und unwillkürlich lächeln musste, als er die wunderhübsch zurechtgeschnittene Einlage mit den renommiertesten Weinnamen, wie Saint Emilion, Barzac, Haut Sauternes, Moet et Chandon, betrachtete. »Aber in Ihrem Falle ist das etwas anderes, und ich möchte Ihnen doch raten, etwas weniger höhnisch zu lächeln, denn ich habe noch einige Fragen an Sie zu richten, die Ihnen nicht gerade sehr angenehm sein dürften. Ich muss auch den Inhalt des anderen Stiefels sehen, Schutzmann. Und nun schnell, bitte! Sie haben die Damentoilette aufgesucht, und Sie haben dort eine leere Flasche mit dem Etikett eines Drogisten aus der van-Wou-Strasse neben dem Waschbecken stehen lassen ...«

»Wenn ich Ihnen damit eine Freude machen kann,« antwortete Hans Thyssen, »so sage ich: Ja! und nochmals: Ja!«

»Eine leere Chloroformflasche!«, sagte der Kommissar mit einem Tonfall, wie er dieser schweren Anklage entsprach, und runzelte die Brauen.

»Richtig!« versetzte Hans Thyssen bestätigend, der nun, genau wie Josephus Bok, die Angelegenheit ironisch behandelte – eine durchaus falsche Taktik, da mit so grossen Herren nicht gut Kirschen essen ist und im Bereich des starken Armes der Gerechtigkeit unnötige Scherze besser zu vermeiden sind.

»Mit Chloroform!«, wiederholte der Kommissar.

»Jawohl ... allerdings,« sagte der Schriftsteller lächelnd, »jeder Drogist würde Sie um Ihre Nase beneiden!«

»Damit haben Sie einen Menschen betäubt ...!«

»Gewiss! Warum auch nicht?« bekannte der Schriftsteller mit dem liebenswürdigsten Lächeln von der Welt.

»Die Dame?«

»Richtig, die Dame!« sagte Hans Thyssen bestätigend – die Sache fing an, ihm Spass zu machen – das gab einen glänzenden Romanstoff.

»Sie geben also zu, dass Sie die Damentoilette aufgesucht haben?«

»O gewiss!«

»Haben Sie diesen nassen Streifen Zeitungspapier, der aus dem ›Kirchlichen Familienblatt‹ stammt, dort zurückgelassen?«

»In der Tat ...« sagte der Schriftsteller lachend. Das gab eine Parodie auf eine Detektivgeschichte, und dieser Sherlock Holmes, den er da vor sich hatte, war ein herrliches Modell! Wie der diese komischen Verwicklungen mit der Ermordung des Bankdirektors zusammenreimen wollte! Nun die Vorlesung doch in die Binsen gegangen war, konnte er wenigstens die Nacht im Hotel gleich aufbleiben und haarklein niederschreiben, was ihm da für ein Abenteuer in den Weg gekommen war!

Allein Nathan Marius Duporc, der schon kompliziertere Fälle behandelt hatte und niemals locker liess, bevor er volle Gewissheit erlangt hatte, fragte beharrlich weiter: »Woher haben Sie die hundert Gulden in Ihrer Brieftasche?«

»Was geht das Sie an, in drei Teufels Namen?«

»Recht so! Dieser entrüstete Ton ist mir lieber als der sarkastische. Ein Mensch, der so abgenutzte Stiefel und so zerfetzte Taschentücher und so minderwertige Toilettengegenstände bei sich trägt, ein Mensch, der eine Weinkarte zu Schuheinlagen benutzt, pflegt keine so grossen Banknoten bei sich zu tragen. Ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse, dass Sie mir eine korrekte Antwort geben.«

»Ich habe das Geld auf ehrliche Weise verdient«, sagte der Schriftsteller ruhig.

»Haben Sie diese hundert Gulden aus Amsterdam mitgenommen?«

»Nein, ich habe sie vor einer halben Stunde von Herrn Josephus Bok bekommen.«

»Merkwürdig! ... Sehr merkwürdig! ... Und zu welchem Zweck, wenn ich fragen darf?

»Als Vorschuss auf eine zweite Reklameschrift für die All-Risk-Versicherungsgesellschaft ...«

»Eine zweite Reklameschrift? Und mehr hatten Sie dafür nicht zu leisten ...?«

»Ich darf wohl annehmen, dass Sie von solchen Arbeiten nichts verstehen«, sagte der Schriftsteller und zuckte geringschätzig die Achseln.

»Ich bin solche impertinenten Antworten von Leuten gewöhnt, die mich aufs Glatteis führen wollen ... Erhielten Sie das Geld, bevor die Notbremse gezogen wurde – oder nachher?«, fragte der Kommissar weiter.

»Vorher ... Wissen Sie jetzt vielleicht genug?«

»Wo standen Sie, als Sie die hundert Gulden in Empfang nahmen?«

»Im Gang des Schlafwagens ...«

»Und wo waren Sie, als der Zug hielt?«

»Dort, wo Sie meine Sohlen gefunden haben«, lachte der Schriftsteller.

»Führen Sie die Dame herein!« sagte Nathan Duporc, ohne auf dieses Lachen zu achten. Die beiden Beamten flüsterten miteinander und warfen einen Blick auf die Notizen, die der Dordrechter sich gemacht hatte.

Der Witwe Menzel Polack wurde ein Stuhl angeboten, weil sie sich noch elend fühlte. Sie zögerte keinen Augenblick. Mit der grössten Bestimmtheit blieb sie bei ihrer Behauptung, dass Hans Thyssen, der Verfasser des berühmten Romans »Die Beichte des Stanislaus Erkerman«, jener blasse Mann mit der brennenden Pfeife wäre, der ihr in der Damentoilette ihre Schmucksachen geraubt hätte. Hans Thyssen geriet in Erregung, nannte sie wütend eine hysterische Person, drohte, sie zu verklagen, sagte, ohne sich noch weiter zu genieren, dass er in der bewussten Toilette nur neue Papiersohlen in seine Stiefel gelegt und übrigens keine Pfeife im Munde gehabt, sondern da schon die Zigarre geraucht hätte, deren Stummel noch in seiner Zigarrentasche wäre. Sie aber blieb beharrlich dabei, dass sie sich nicht irren könnte, und das wiederholte sie auch auf der Strasse noch mindestens ein Dutzend Mal, dieweil Nathan Marius Duporc als Mann von Welt sie ins Hotel Ponsen begleitete, wo er selbst auch ein Zimmer nahm. Mit dem ersten Zuge wollte er dann nach Roosendaal weiterfahren.

Als er hinter Frau Menzel Polack – der er als Gentleman zwanzig Gulden lieh, weil man sie doch gänzlich ausgeplündert hatte – seinen Namen in das Fremdenbuch eintrug, stellte er gleichzeitig fest, wer nach dem Eintreffen des Pariser D-Zuges in dem Hotel abgestiegen war und forschte sogleich nach, ob ein Telegramm aus dem Haag eingegangen wäre. Eingeschrieben hatten sich James Macdonald und Frau aus Melbourne und Henri Aimard und Frau aus Boulogne-sur-mer; Telegramme waren nicht eingelaufen.

Der Beamte trank unten noch ein Glas Bier und ging dann auf den Zehenspitzen nach oben, wo eben, als er die Treppe emporstieg, eine Tür eilig geschlossen wurde. Er sah nur gerade noch, wie eine Hand ein Paar Stiefel vor die Tür stellte.

In seinem Zimmer machte er sich's bequem, zündete sich eine neue Zigarre an und durchwanderte bedachtsam die kleine Schatzkammer seiner Erinnerungen von dem Augenblick an, seit er diesen Abend dem Jan Tulp vom Wohnschiff aus nach dem Zentralbahnhof gefolgt war. Eine verdammte Geschichte war es doch, dass er den mit so grosser Hartnäckigkeit gesuchten und jetzt auf frischer Tat ertappten Hoteldieb hatte entweichen lassen müssen, weil die Raubmordaffäre ihn auf eine andere Fährte trieb! Aber da es nun einmal so war, sollten die Schufte, die den Bankier ermordet hatten, ihn auch kennenlernen! Diesen Herrn Bok durfte man unter keinen Umständen loslassen, und diesen sonderbaren Zeitungsschreiber ...

Als er mit seinen Ueberlegungen bis zu diesem Punkte gekommen war, tat er das gleiche, was Jaapje Eekhorn, Jan Tulps Busenfreund, kurz vorher auch getan hatte: er lauschte. Das Café unten war schon zu; das Hotel war auch geschlossen, weil nun kein Zug mehr zu erwarten war, und dennoch drangen Geräusche bis in sein Zimmer, die ihn zu dieser Stunde seltsam anmuteten.

Links schien man seine Freude daran zu haben, irgend etwas zu reparieren; denn er vernahm leise Schläge, als wenn mit einem Hammer auf Leder geklopft würde. Rechts schien jemand ein äusserst ergiebiges Bad zu nehmen. Und da Luft in die Röhren gekommen war, brummte und dröhnte der Wasserhahn höchst widerwärtig. Im Begriff, zu Bett zu gehen, weil er höchstens fünf Stunden Ruhe vor sich hatte, klopfte der Kriminalkommissar seinerseits nun erst an die linke, dann an die rechte Wand, und es wurde auch unmittelbar danach mäuschenstill. Aber nach einer halben Stunde ging es zu beiden Seiten von neuem los. Rasch sprang Duporc aus dem Bett und öffnete die Korridortür. Links standen die Stiefel von Herrn und Frau Macdonald, rechts die von Herrn und Frau Aimard. Bei den Macdonalds wurde geklopft und gewaschen, bei den Aimards anscheinend auch.

»Merkwürdig«, dachte der Kommissar, »es ist mir doch so, als hörte ich Männerstimmen!«

Aber da er in seinem Nachtgewande nicht übermässig lange herumhorchen wollte, klopfte er nur wütend an jede der benachbarten Türen. Links und rechts wurden die Lichter gelöscht, und die in ihrem Treiben gestörten Ehepaare rührten sich nicht mehr.

Sehr frühzeitig schon sass Nathan Marius Duporc am Frühstückstisch im grossen Speisesaal. Es wollten noch mehr Reisende mit dem ersten Zug fort, aber die hatten anscheinend so grosse Angst, ihn zu verpassen, dass sie lieber ohne Frühstück abreisten.

»Mir ist das rätselhaft,« sagte der Ober, »wie man nüchtern auf die Reise gehen kann. Wie die Leute Sie sitzen sahen, taten sie so merkwürdig.«

»Ach was!« sagte Duporc lachend, »das bilden Sie sich wohl bloss ein!«

»Nein, wirklich nicht! Die Engländer und die Franzosen hatten schon bezahlt; aber sobald sie Sie sahen, haben sie nicht eine Tasse Tee getrunken und kaum noch ein Trinkgeld gegeben.«

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