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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 7
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Sechstes Kapitel

Was Schreckliches in dem Zuge geschehen, und in welches Labyrinth der Kriminalkommissar geraten war.

 

In dem überfüllten Zuge entstand eine gewaltige Erregung, weil jemand – was seit Menschengedenken nicht vorgekommen war – die Notbremse gerade auf der Maasbrücke gezogen hatte.

Die Wagen hielten mit einem solchen Ruck, dass die Puffer gegeneinander krachten und die Kuppelungen zu zerreissen drohten. Im Speisewagen stürzten die Gläser um, und aus den Gepäcknetzen fielen die Taschen den Reisenden auf die Köpfe.

Aber das alles schien unwesentlich neben der panikartigen Stimmung, die bei dem Gedanken aufkam, dass eine Entgleisung oder ein Zusammenstoss so unmittelbar über dem tief unten dahinziehenden Flusse stattgefunden haben könnte.

Aus allen Fenstern sahen erschreckte Gesichter, und ein Gewirr von angstvollen Stimmen drang auf den Lokomotivführer und den Heizer ein, die ihre Maschine verlassen hatten und nun mit rasch entzündeten Fackeln die heissgewordenen Achsen untersuchten.

Drunten klatschten die Wellen gegen die granitenen Brückenpfeiler, und der Rauch aus dem Schornstein der Lokomotive wurde von dem Sturmwind den Leuten ins Gesicht geweht.

Da hörte man plötzlich, während die Schaffner vorsichtig mit Laternen den schmalen Holzsteg zwischen dem Zug und dem eisernen Brückengeländer entlang liefen, das Schreien des eingeschlossenen Kriminalkommissars, und alle, die beim Toben des Windes seine Worte verstehen konnten, erstarrten vor Schreck, als er rief:

»Macht doch hier die Tür auf und lasst keinen Menschen aus dem Zuge! Keinen Menschen herauslassen! Es ist ein Mord verübt worden! Haltet jeden fest, der heraus will!«

Der Zugführer war schon auf das Trittbrett gesprungen, zog sich hoch, schaute durch das Fenster der Toilette und fluchte, weil er nichts sehen konnte.

»Sie sind wohl verrückt geworden!« schrie er. »Was brüllen Sie wie ein Besessener? Wollen Sie mich zum Narren halten? Haben Sie die Notbremse gezogen?«

»Jawohl, das habe ich!« antwortete Nathan Marius Duporc, der in seiner Nervosität zu stottern anfing, »Kriminalkommissar Duporc, bitte, hier ist mein Ausweis ... meine Erkennungsmarke ... verlieren Sie um Gottes willen keine Zeit! Es ist jemand aus dem Zuge geworfen worden! Vorwärts ... machen Sie doch endlich diese verdammte Tür auf! Und dass mir kein Mensch entwischt, verstanden!«

Anfangs hatte der Zugführer ihn wütend angesehen und kaum daran gezweifelt, dass er es mit einem Wahnsinnigen zu tun hätte; dann aber machten die Worte und die Ausweiskarte des Beamten doch Eindruck auf ihn, und so riss er endlich die Wagentür auf, und einen Augenblick später gab auch die Tür der Toilette nach.

»Was soll denn das heissen?« fragte er barsch und versperrte mit seinem stämmigen Körper den Weg.

»Später, später!« antwortete der Kommissar hastig und schob ihn beiseite, »schwätzen können wir nachher – bitte, machen Sie Platz! Sie wissen doch, dass es strafbar ist, einen Beamten in Ausübung seiner Dienstpflichten zu hindern.«

Er wartete die Antwort nicht erst ab, sondern eilte durch den Gang zu dem Abteil 1. Klasse, in dem die Witwe Menzel Polack mit Jan Tulp gesessen hatte ... es war niemand mehr da!

»Alle Wetter noch mal!« schrie der Zugführer, »was ist das für eine verdammte Komödie?«

»Ich warne Sie zum letzten Male!« sagte Nathan Marius drohend und holte seinen Dienstrevolver aus der Tasche. »Ich habe mich legitimiert! Ich dulde keinen Widerstand! Halten Sie mich nicht länger auf, oder Sie haben selber die Folgen zu tragen!«

Das half. Das blosse Zeigen des Browning wirkte schon Wunder. Und wenn der drohende Lauf der Waffe noch nicht geholfen hätte, so gab nun obendrein die Versicherung des Schaffners, der gerade vorüberkam, den Ausschlag.

»Ja, das ist Herr Duporc von der Geheimpolizei«, sagte der Mann, der früher im städtischen Dienst gestanden hatte.

Der Zugführer zog sich zurück und versuchte nur noch schüchtern etwas zu fragen, allein der Kommissar liess sich auf nichts weiter ein, sondern befahl kurz und bündig: »Langsam weiter bis zur ersten besten Blockstelle mit telegraphischem oder telephonischem Anschluss, damit Sie Meldung machen können, während wir den Zug durchsuchen.«

Mehr sagte er nicht. Die Wagentüren wurden zugeschlagen, die Lokomotive pfiff, der Zug fuhr weiter.

Wie ein enttäuschter Jagdhund, der seine Spur verloren hat, eilte Nathan Marius Duporc durch den Gang und liess alle Abteile öffnen, während all seine Gedanken dem gutgekleideten jungen Manne galten, den er zuletzt Arm in Arm mit seinem Schlachtopfer hatte herumwandeln sehen.

Er drang sogar in die Abteile des Schlafwagens ein und verschonte einzig und allein das Coupé, das für Herrn Artur Rondeel reserviert war. Jeder unnütze Aufenthalt musste vermieden werden.

Vor der Coupétür des Direktors der Internationalen Bank stand der Schriftsteller Hans Thyssen und rauchte eine neue Zigarre.

»Haben Sie vielleicht hier einen jungen Mann mit Gamaschen vorbeigehen sehen?« erkundigte sich der Kommissar hastig.

»Nein«, antwortete Thyssen und war ausserordentlich verblüfft, als ihn der vermeintliche deutsche Geschäftsreisende plötzlich in unverfälschtem Holländisch anredete.

»Sind Sie dessen auch ganz gewiss?« fragte der Reisende mit dem kurzgeschnittenen roten Haar nochmals eindringlich.

»Sicher – gewiss – bestimmt!« antwortete der Schriftsteller äusserst indigniert; »aber darf ich wohl fragen, mit welchem Recht Sie ...?

Allein der Sonderling aus dem Speisewagen, der gleich ihm nur schwarzen Kaffee getrunken und gleich ihm die Karte in die Tasche gesteckt hatte, rannte schon wieder weiter, und der Mann mit der roten Mütze ging vor ihm her und öffnete alle Türen.

Hans Thyssen sah, wie die beiden einen Blick in die Coupés 3. Klasse warfen und dann sogar den Packwagen durchsuchten.

»Herr Zugführer«, sagte Duporc, der nur mühsam seiner Nerven Herr blieb, »ich vermisse eine Dame, deren Handgepäck noch im Zuge liegt, und ferner einen der gefährlichsten Schurken, der steckbrieflich verfolgt wird. Die Dame ist aus dem Zuge geworfen worden; der Mörder hat sich vermutlich über die Maasbrücke nach Amsterdam zurückbegeben. Ich will in Fijenoord den Zug verlassen. Innerhalb vierundzwanzig Stunden muss ich ihn gefasst haben!«

Inzwischen waren sie wieder zu dem Abteil gelangt, in dem Frau Menzel Polack mit Charles Jean Tullipe geflirtet hatte.

Grimmig, mit zusammengebissenen Zähnen, ohne jeden mitleidigen Gedanken an die zweifellos erst betäubte, dann beraubte und zuletzt aus dem Zuge geworfene Frau, die er eigentlich vor der berüchtigten Gesellschaft, in die sie geraten war, hätte warnen müssen, durchsuchte er das Abteil, die Polster, den Linoleumläufer.

Da, wo sie gesessen hatte, lag die flüchtig geöffnete Zeitung, die Tulp auf dem Delfter Hauptbahnhof für sie gekauft hatte; der Handspiegel war zwischen die Rücklehne und eines der Polster eingeklemmt. Im Gepäcknetz lag ein geöffnetes, durchwühltes Täschchen, ein geschlossener Handkoffer, eine Reisedecke und ein Regenschirm.

Neben dem glänzenden Stanniolpapier des Konfekts, von dem sie genascht hatte, gewahrte er – und dies war eine prachtvolle Entdeckung – auf dem Platz, wo Jan Tulp gesessen hatte, die noch warme Pfeife des gewissenlosen Schurken und daneben einen kleinen, nach Benzin riechenden Wattebausch.

»Schliessen Sie das Abteil ab«, sagte der Kommissar, »und lassen Sie niemanden herein, bevor wir die Fingerabdrücke kontrolliert haben. Er entrinnt mir nicht, und wenn er auch einen Vorsprung hat. In Fijenoord wird der Zug zum Halten gebracht, verstanden?«

»Streng verboten,« antwortete der Zugführer, »in diesem besonderen Falle will ich es riskieren, Sie an der Blockstelle rasch herauszulassen; aber ein internationaler Zug darf den Anschluss nicht verpassen! Wir haben schon sechs Minuten Verspätung! Es wäre doch viel vernünftiger, wenn Sie bis Dordrecht mitführen, da müssen wir ohnedies halten.«

»Fällt mir gar nicht ein,« antwortete Nathan Marius Duporc immer aufgeregter; »wenn nicht die Bahnvorsteher und die Polizei an beiden Enden der Strecke gewarnt werden, hat der gerissenste Schurke der Welt alle nur denkbare Gelegenheit, bequem zu entkommen!«

Er würde, nun er mit den Eisenbahnvorschriften in Kollision zu geraten drohte, sicherlich noch mehr und noch erregter gesprochen haben, wenn er nicht ganz plötzlich aus allen Wolken gefallen wäre und einen Schock bekommen hätte, der sein ganzes Selbstbewusstsein als Kriminalgrösse erschütterte.

Langsam und sich nur mühselig auf den Beinen haltend, noch ganz leichenblass und mit starrem Blick, kam die Witwe Menzel Polack, die doch aus dem Zuge geflogen sein musste, auf ihn zu!

Bei der Eile, mit der er die Abteile durchsuchte, hatte er die Toiletten vollständig vergessen. In seinem Kopf hatte nur die einzige Gedankenreihe Raum gehabt: ein fallender Körper, der gegen einen Pfeiler schlug – die beraubte Frau des Fabrikanten – der Hoteldieb. Diese Gedanken hatten seinem Willen mit bezwingender Gewalt die einzig möglich scheinende Richtung gegeben, hatten ihn nicht eine halbe Sekunde losgelassen, hatten ihn dazu veranlasst, in aller Eile seine Massregeln zu ergreifen – und jetzt – wahrhaftig, jetzt kam die vermisste Dame auf ihn zu! Es zuckte um ihre Augen, als wollte sie gleich in Ohnmacht fallen, und der Polizeikommissar, der drauf und dran war, sich vor Zugführer und Schaffner zu blamieren, hatte das seltsame Empfinden, als ob ihm seine Augen zum Kopfe herausquöllen wie die eines Schellfisches, der auf dem Trocknen liegt.

Flüchtig durchzuckte sein Hirn der unwahrscheinliche Gedanke, es könnte ein Kampf stattgefunden haben, und am Ende Jan Tulp selber ...

»Darf ich bitten,« ertönte jetzt die müde Stimme der Dame, die vergebens versuchte, die Tür des Abteils zu öffnen, »darf ich bitten ...«

»Auf polizeilichen Befehl geschlossen! Kein Mensch darf hinein!« sagte der Zugführer im vollen Bewusstsein seiner Autorität, die durch eine andere Autorität gedeckt war.

Da handelte Nathan Marius Duporc wie ein Held. Mit geradezu vorbildlicher Selbstüberwindung sagte er, aus dem Gefühl heraus, dass seine eigene Autorität in den Augen derjenigen, denen er soeben noch strenge Befehle erteilt hatte, in Grund und Boden versank: »Das ist die bewusste Dame, Herr Zugführer ...«

»Das ist ...«, wiederholte der andere völlig verständnislos, und dann blickte er den Kriminalkommissar so vernichtend an, als wollte er ihn am liebsten bei lebendigem Leibe sezieren, um festzustellen, was ihm eigentlich fehlte.

»Ich habe mich getäuscht, mir ist die Geschichte ein Rätsel,« sagte Duporc und wurde plötzlich sehr bescheiden.

»Also die Dame ist nicht ermordet?« schnob ihn der Zugführer an, dem von neuem der Gedanke kam, er könne es am Ende doch mit einem Narren zu tun haben, obwohl dieser Narr zur Polizei gehörte. Er öffnete die Tür, die Dame setzte sich wieder auf ihren Platz und lehnte sich mit geschlossenen Augen in die Polster zurück.

Ausserordentlich verstimmt kletterte der Zugführer über die Trittbretter nach der Lokomotive hin und schrie etwas zum Tender hinüber. Der Zug fuhr rascher, ohne in Fijenoord anzuhalten, und nahm mit höchster Geschwindigkeit seinen Weg nach Dordrecht.

Als der Zugführer zurückkam und gegen den Reisenden, der die Notleine gezogen hatte, kraft seines Amtes vorgehen wollte, sass Nathan Marius Duporc im Abteil 1. Klasse in einem vorsichtigen Gespräch mit Frau Menzel Polack, die noch immer nicht ganz bei sich zu sein schien.

»Gnädige Frau,« hatte der Kommissar gefragt, »haben Sie Ihre Ringe und Ihren Schmuck irgendwo abgelegt?«

Sie hatte in dem Herrn mit den kurzgestutzten, roten Haaren den »Deutschen« aus dem Speisewagen wiedererkannt und fragte erst auf Deutsch:

»Was meinen Sie, bitte?«

Worauf Duporc sich rasch legitimierte und zur Antwort gab:

»Ich bin kein Deutscher, mein Name ist Duporc, Kriminalkommissar ... Ihnen fehlen Ihre Ringe und Ihre Boutons ...«

So wenig er sich darin getäuscht haben konnte, dass ein menschlicher Körper aus dem Zuge gefallen war, so gewiss war es, dass die kostbaren Schmuckstücke, die ein Kapital wert waren, dieser Dame fehlten.

Wie ein Mensch, der nur mühsam aus tiefem Schlaf zu sich kommt, sah sie auf ihre Finger, griff sie an ihre Ohren.

Noch immer schien sie nicht völlig bei Bewusstsein zu sein; sie murmelte etwas Unverständliches, und ihre Stimme klang, als sei die Zunge gelähmt:

»Aber was ist denn das? ... wo bin ich denn eigentlich ...?«

In diesen ungewöhnlich dramatischen Augenblick, den ein Filmoperatur mit Gold aufgewogen hätte, platzte plötzlich der Zugführer hinein!

»Haben Sie eine Fahrkarte Erster?« fragte er den Rotkopf, der Gespenster gesehen und wie ein Verrückter an der Notleine gezogen hatte ...

»Lassen Sie mich in Ruhe!« brüllte Nathan Marius ihn an. »Die Dame ist bestohlen, und das muss ich unverzüglich näher untersuchen.«

»Das mag alles stimmen, guter Mann«, entgegnete der Zugführer – mit dem musste etwas nicht richtig sein, der litt zweifellos an irgendeiner fixen Idee, wenn er auch seine Erkennungsmarke bei sich trug, und wenn auch der andere Schaffner ihn zu kennen geglaubt hatte! – »Sie können meinetwegen so viel untersuchen, wie Sie wollen, wenn Sie mir nur erst mal Ihren Namen, Ihren Vornamen, Ihre Eltern, Ihren Geburtsort und Ihre jetzige Adresse nennen und gestatten wollen, dass ich Ihr Billett knipse. Na – bitte – keine Widerrede! Ich muss Meldung machen, dass die Notbremse gezogen worden ist; das kostet Sie mindestens 25 Gulden, Verehrtester.«

»Ich bin Beamter der Amsterdamer Geheimpolizei!« schrie Nathan Marius Duporc. »Ein Beamter im Dienst! Machen Sie, dass Sie rauskommen!«

Und mit der Hand, die schon viele Missetäter am Kragen gepackt hatte, beförderte er den Zugführer ziemlich unsanft hinaus und zog die Tür zu.

Das würde zweifellos einen handgreiflicheren Gedankenaustausch zur Folge gehabt haben, wenn nicht die Witwe Menzel Polack, die durch den heftigen Wortwechsel endlich vollständig wach geworden war, einen Schrei des Entsetzens ausgestossen hätte.

Jetzt endlich begriff sie. Jetzt erkannte, jetzt wusste sie alles.

Während die beiden Beamten sich herumzankten, hatte sie einen Blick in die offene Tasche geworfen, die noch immer im Gepäcknetz lag, hatte ihre leeren Finger und Ohren betastet und darauf einen so herzzerreissenden Schrei ausgestossen, dass der Zugführer, der gerade Gewalt gegen Duporc anwenden wollte, ganz erschrocken stehen blieb.

»Allmächtiger Himmel!« schrie sie, und nun, da sie wieder ganz bei Bewusstsein war, machte sie ihrerseits ganz instinktiv eine Bewegung nach der Notbremse – der Polizeibeamte konnte ihr gerade noch rechtzeitig in den Arm fallen! »Allmächtiger! Ich bin bestohlen! Meine Brillanten, meine Pretiosen, mein Portemonnaie! Wo ist der Sekretär von der französischen Gesandtschaft? Mein Gott, mein Gott, dass auch gerade mir so etwas passieren muss!«

Sie schluchzte in wilder Verzweiflung auf, schüttete den Inhalt ihres Täschchens auf die Polster und sah, dass ihr alles, aber auch alles fehlte, ja sogar die Schlüssel zur Tür ihrer in der Sarphatistrasse gelegenen Wohnung.

»Nun?« sagte der Polizeibeamte mit triumphierender Miene.

»Na, na«, meinte der Zugführer, der jetzt seinerseits ein wenig unsicher geworden war.

»Bewahren Sie Ihre Ruhe, gnädige Frau,« sagte Duporc beschwichtigend; »ich habe mich Ihnen bereits vorgestellt: Marius Duporc von der Amsterdamer Geheimpolizei. Sie dürfen noch von Glück sagen, dass ich so genau weiss, wer der Täter ist. Der Kerl soll mir nicht entwischen! Sie sind mit einem berüchtigten Mitglied einer internationalen Diebesbande zusammen gereist. Ich wollte gerade eingreifen, aber ich konnte – zufällig, oder weil sie absichtlich verschlossen war – die Tür nicht aufkriegen ...«

»Was hilft mir das alles?« antwortete die überreizte Dame weinend, »ich habe alles, buchstäblich alles eingebüsst! Ich habe nicht einmal Reisegeld, habe keine Fahrkarte mehr! Und der tadellose junge Mann, dieser Herr von der französischen Gesandtschaft, hat damit gar nichts zu schaffen ...«

»O doch, gnädige Frau!« fiel Duporc ihr ins Wort.

Da verlor die Witwe Menzel Polack einen Augenblick ihre ganze Wohlerzogenheit und ihre guten Manieren: »Ach, reden Sie doch nicht, Herr Kommissar!« sagte sie durch ihre Tränen hindurch, »reden Sie sich doch nicht den Mund fusselig! Hier haben Sie seine Visitenkarte! Sonst hätte ich mich ihm doch nicht angeschlossen! Und er war auch nicht mit auf der Toilette!«

Nathan Marius warf einen flüchtigen Blick auf die Visitenkarte. Daran war nun weiter nichts Besonderes: eine Krone, ein lithographierter Name: Charles Antoine Lenormand – darunter Secrétaire de la Légation Française, Bruxelles – ein fettiger Fingerabdruck. Aber während er eben noch die Karte mit einem grimmigen Lächeln betrachtete und einen Augenblick an das Wohnschiff am Kai gegenüber vom Haus des Notars dachte, wurde er plötzlich bei dem letzten Wort der gänzlich aus den Fugen geratenen Dame äusserst erregt.

»Wenn er nicht auf der Toilette war, und wenn er Sie dort nicht beraubt hat, wer soll es dann gewesen sein? Ich selbst habe Sie doch noch mit all Ihren Ringen und Ihrem ganzen Schmuck hier vorbeigehen sehen!«

»Ein anderer ...« sagte sie mit aller Bestimmtheit.

»Was für ein anderer?« fragte der Beamte eindringlich, während er dem Zugführer, der dem ganzen Gespräch wie ein Untersuchungsrichter zuhörte, einen nicht gerade freundlichen Blick zuwarf.

»Ich kann nicht genau sagen, wie er aussah ... ich weiss keine Einzelheiten mehr ...« sagte sie jetzt wieder mit klagender Stimme, »... mir war so entsetzlich übel ...«

»Nachdem Sie den Kaffee in Rotterdam getrunken hatten?« meinte Duporc.

»Ach nein, schon vorher ... wahrscheinlich von den Bonbons ...«

»Gehörten die Ihnen, oder hatte der Franzose sie Ihnen gegeben?«

»Sie gehörten nicht mir und nicht ihm. Herr Lenormand hatte sie in meinem Beisein im Speisewagen gekauft ... Plötzlich wurde mir schwach und schwindlig ... Herr Lenormand von der Botschaft, – ja, von der Botschaft, mein Herr – ich habe seine Papiere gesehen! – hat mir in Rotterdam noch eigenhändig eine Tasse schwarzen Kaffee geholt und hat mich dann, als auch das nicht half und mir immer elender wurde, als echter Kavalier bis zur Toilette geführt. Dann ist er fortgegangen ... Und dann, als ich mich gerade über das Waschbecken neigte, kam plötzlich ein anderer Herr herein, ein kleiner, blasser mit einer brennenden Pfeife ...«

»Mit einer Hornbrille und einem Japanergesicht?« fragte der Polizeibeamte rasch und interessiert – Jaapje Eekhorn, der, wie er glaubte, im Wohnschiff zurückgeblieben war, tauchte plötzlich in seiner Erinnerung auf.

»O nein,« antwortete sie und war schon wieder halb betäubt, »aber wie soll ich denn das wissen? Sie richten auch so merkwürdige Fragen an eine Dame, der übel geworden ist. Können Sie vielleicht eine Personalbeschreibung von jemandem geben, wenn Sie in Ohnmacht gefallen sind? Nur das weiss ich bestimmt, und darauf kann ich schwören, dass es der nette Franzose nicht war.«

»Aber Ihr netter Franzose ist doch nicht mehr im Zuge!« bemerkte der Beamte ein wenig ironisch.

»Ach, was reden Sie da!« sagte die verwitwete Frau Menzel Polack jetzt wieder weniger höflich, »er kann doch nicht aus dem Fenster gesprungen sein!«

»Es scheint doch so«, meinte der Kommissar beharrlich. Keinen Augenblick vergass er das Bild, wie der Körper über die Maasbrücke hinabgestürzt war. Andererseits aber wunderte er sich etwas darüber, dass die reiche Frau nach dem ersten Schreck und dem ersten Schrei die materielle Seite der Sache nicht mehr allzu schwer zu nehmen schien.

»Dürfte ich Sie dann vielleicht bitten, gnädige Frau,« drang er nun in sie, »wenn Sie sich dazu wohl genug fühlen, mit mir durch den Zug zu gehen, um festzustellen, ob Sie den anderen, der Sie beraubt hat, während Sie ohnmächtig geworden waren, vielleicht doch zufällig wiedererkennen?«

»Ich denke gar nicht daran!« antwortete sie schroff. »Ich fühle mich noch immer krank, und ich bin schon mehr, als mir lieb ist, zum Gesprächsstoff geworden – aber wenn Sie wirklich von der Polizei sind, dann schreiben Sie doch, bitte, auf, was mir gestohlen worden ist.«

»Hier haben Sie Papier und Bleistift,« sagte er abwehrend, »tun Sie das, bitte, selber und schreiben Sie Ihre Amsterdamer und Ihre Brüsseler Adresse gleich mit dazu. Inzwischen will ich nochmal mit dem Zugführer Umschau halten. Sind Sie versichert?«

»Was geht das Sie an?« antwortete sie gelangweilt.

»Dann ist sie es sicher,« dachte der Polizeibeamte bei sich, »sonst würde sie es sagen!«

»Ich war wohl vorhin ein bisschen grob zu Ihnen«, meinte er dann entschuldigend zu dem Zugführer. »Sie dürfen mir das nicht weiter übelnehmen. Sie hielten mich anscheinend für nicht ganz richtig. Aus dieser Damentoilette ist sie vorhin herausgekommen, nicht wahr?«

»Das steht fest.«

»Schön. Jetzt wollen wir doch gleich noch einmal durch den ganzen Zug gehen und uns davon überzeugen, ob sich auf den anderen Toiletten etwa jemand versteckt hält.«

Mit seiner Taschenlaterne beleuchtete er sorgfältig die Waschschüssel, an die sich die bestohlene Frau festgeklammert hatte.

Da stand eine leere Flasche, die ganz eigentümlich roch, und in einem Winkel lagen ein paar doppeltgefaltete, feuchte, merkwürdig geformte Zeitungsausschnitte am Boden.

Auf der kleinen Flasche klebte das Etikett eines Drogisten aus der Van-Wou-Strasse in Amsterdam – die feuchten Zeitungsstreifen stammten aus dem »Kirchlichen Familienblatt«.

»Hier spüre ich einen starken, betäubenden Geruch,« sagte der Kommissar; »die Sache ist komplizierter, als ich dachte.«

Das war sie wirklich.

Eine Ueberraschung jagte die andere.

Während sie noch damit beschäftigt waren, die Spuren in der Damentoilette zu verfolgen, wurden sie durch den leichenblassen Schaffner gestört.

»Herr Zugführer,« sagte er mit leiser Stimme, »Herr Duporc hat sich nicht geirrt. In dem dritten Abteil des Schlafwagens fehlen zwei Herren. Auf dem Bett ist ein riesiger Blutfleck. Das eine Jackett mit der Brieftasche, Weste, Hut, Gepäck – alles ist noch da – aber von den beiden Reisenden keine Spur! Koffer mit enormen Werten sind verschwunden ... und auch dort ist die Notleine gezogen worden ...«

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