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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 5
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Viertes Kapitel

Worin nun Näheres über den Hoteldieb Johan Tulp, genannt Charles Jean Tullipe, bekannt wird.

 

Dieses Land«, sagte Charles Jean, der langausgestreckt in dem schaukelnden Alkoven lag, während Jaapje, der kesse Spitzbube mit dem Clownsgesicht, in dem anderen Teil des Wohnschiffes »Rustenburch« eine Zigarette nach der anderen rauchte und die Goldmundstücke in Reih und Glied auf dem eisernen Bettrand aufbaute, »dieses Land ist in seiner Kleinheit ein Hemmschuh für jedes Wesen mit zu viel Phantasie, zu viel Hirn, zu viel Willenskraft, zu scharfem Verstand, das darin geboren ist. Wenn du oder ich das fatale Tageslicht in Frankreich, in England oder Amerika erblickt hätten, würden wir jetzt mindestens schon eine seetüchtige Dampfjacht mit erstklassiger Bemannung besitzen, statt uns mit einem undichten Wohnschiff begnügen zu müssen, das bei so verfluchtem Wetter heute oder morgen zweifellos eine Etage tiefer gehen wird.«

»Ich muss doch sehr bitten«, sagte die tonlose Stimme von der anderen Seite des Alkovens her, »ich muss doch sehr bitten, nicht über dieses Prachtschiff zu klagen, das an die Arche Noah erinnern würde, wenn sich noch andere Tiere als du und ich an Bord befänden. Das einzige, was uns hier fehlt, aber auch wirklich das einzige, ist: Zentralheizung, ein Perserteppich, elektrische Beleuchtung, ein Badezimmer mit Dusche, ein Chambre séparée für Privatbesuch ... Ich bete dich an, Connie mit deinem süssen Mündchen, ich verlasse mit dir diese trostlose Welt; für dich setze ich meine Seele, meine Seligkeit, mein Leben aufs Spiel!«

»Hör' doch auf, Jaap!« unterbrach ihn Charles Jean. Er war durchaus nicht in der Stimmung, die täglich ihren Gegenstand wechselnden verliebten Ergüsse seines Genossen anzuhören. »Ich bin wie gerädert von der letzten Nacht. Ich mache mir nichts aus solchen Dingen, die der erste beste Prolet viel besser erledigt. Als ich dich an dem Schloss herummurksen sah, hatte ich das Gefühl, als sänken wir je länger, je tiefer. Auf solche Weise geht einem noch das letzte bisschen Selbstachtung flöten. Aber was hat denn, zum Teufel, dies Schiff heute? Ich werde, weiss Gott, seekrank dabei.«

Tatsächlich schwankte die »Rustenburch«, als läge sie mitten in einer Brandung. Das frühere Lastschiff, das manche Ladung von Amsterdam nach den Binnengewässern gebracht hatte, ehe es alt und abgetakelt ausser Betrieb gesetzt worden war, riss an den Haltetauen, dass sie knirschten, und die kleine Hühnertreppe vor der Klapptür quietschte, dass es klang, als ob ein junger Hund jaulte.

Der Anflug von Menschenhass, der sich bei Charles Jean Tullipe zeigte, war nicht so ganz unbegründet. In diesem Wohnschiff musste ein Mensch, der bessere Tage und Wochen gekannt hatte und sie noch immer wieder erhoffte, melancholisch werden. Die Tüllappen vor den kleinen verwitterten Fenstern flatterten hin und her, die qualmige Petroleumlampe schlingerte in den gusseisernen Ringen, und auf dem Tisch flogen mit den Resten der Heringe, die man zum Mittagessen verzehrt hatte, leere Eierschalen gegen den Tellerrand. Dies alles aber war noch nicht das wahrhaft Deprimierende. Unter der niedrigen, verräucherten Zimmerdecke, zu der man mit der Hand hinaufreichen konnte, hatte der von solchen Aeusserlichkeiten abhängige Hoteldieb, der seinen Beruf in angenehm durchwärmten, gut gelüfteten Zimmern auszuüben pflegte, ein Gefühl der Beklemmung. Und wenn er die Augen schloss, um dem Anblick der Armut in dieser Behausung zu entgehen, so drang sie doch in der Dunkelheit heimtückisch auf ihn ein, weil der undichte Ofen beim Bereiten des fetten Mittagessens bei dem ruckartigen Sturm noch mehr gestunken hatte als die qualmende Petroleumlampe – und weil der scharfe Dunst sich nun überall festgesetzt hatte.

»Ich fühle mich hier wie im Paradiese«, sagte Jaapje und legte das 23. Goldmundstück seiner zweiten Schachtel Zigaretten neben die anderen 22 auf den eisernen Bettrand, »und ich verstehe beim besten Willen nicht, warum dir diese innere Zufriedenheit abgeht. Hier lebe ich, nach vieljährigem Aufenthalt in den borniertesten und geradezu mit sadistischer Grausamkeit eingerichteten Zellengefängnissen, zum erstenmal wie ein Musterbürger aus den besten Zeiten der zu Wohlstand gelangenden Menschheit. Ich lenke die Aufmerksamkeit nicht unnötig auf mich. Ich hause in meinen eigenen vier Wänden. Und ich träume. Das einzige, was mir nicht passt und mein seelisches Gleichgewicht stört, ist die Gleichgültigkeit der kleinen Connie vom Notar gegenüber. Würde sie ›Ja‹ sagen, würde sie mir das Göttergeschenk ihrer Lippen reichen, so wäre ich imstande, in die menschliche Gesellschaft zurückzukehren und meine Nächsten auf gesetzlich erlaubte Art übers Ohr zu hauen. Da ist sie, der liebe Schatz! Sie legt Kartoffeln neben den Baum. Was für eine sonnige Seele, dass sie sogar bei diesem Sauwetter für einen einsamen Hund und für hungrige Spatzen sorgt! Guten Tag, mein Schatz! Hast du denn keinen Blick für mich übrig, obwohl ich doch schon in einer Stunde mit meinem Freunde Charles Tulipe eine wissenschaftliche Forschungsreise antreten soll? Fi donc! Sie sagt: Hol' dich der Teufel! Aber wie lieb sagt sie das; in welchem vornehmen Ton! Mein Herz schlägt höher. Hast du diese ersten Worte einer erwachenden Neigung vernommen, Charlie?«

»Es wäre mir lieb, wenn du jetzt aufstehen wolltest, sonst müssen wir uns wieder in Schweiss laufen.«

»Muss denn überhaupt diese Reise über die Grenze so Hals über Kopf angetreten werden? Dein Pass ist ja noch nicht einmal in Ordnung.«

»Wir fangen erst mal in dem französischen Express an. Machen wir gute Geschäfte, so übernachten wir in Roosendaal und sind morgen in aller Frühe schon wieder zurück. Machen wir keine Geschäfte, so gehen wir zu Fuss über die Grenze. Ich muss mich mal wieder betätigen. Zieh die Vorhänge zu, Jaap, dann steck' ich die Lampe an.«

Vor dem kleinen Rasierspiegel machte er nun Toilette, zog sich das Beinkleid und die Gamaschen an, packte seinen Handkoffer; und während Jaapje wie eine geschickte Hausfrau alles aufräumte und unter einer losen Diele ein paar Reiseutensilien ganz besonderer Art hervorholte, zündete er sich eine neue Pfeife an, horchte auf den wilden Hagelschlag über seinem Kopf und starrte in die Petroleumflamme. Da begegnete er dem Blick des lächelnden Unsichtbaren, der den Geruch des Chloroformfläschchens im Koffer mit der Kennernase des besterfahrenen Fachmannes einsog und lächelnd herüberschaute.

»Hast du nichts vergessen, Charlie?« fragte Jaapje, der im Alkoven kniete und dem starren Blick des Freundes mit einem gewissen Misstrauen folgte. Charles Jean gefiel ihm nicht; er hielt nicht viel von stillen Wassern, die einen tiefen Grund haben sollten!

»Nichts«, antwortete der andere, der im Schein der Lampe mit seinem feinen, bleichen Gesicht, den dunklen, träumerischen Augen und dem seidigen, schwarzen, gepflegten Schnurrbart so gentlemanlike aussah, dass er unbedingt Erfolg haben musste, wo man sich nicht gerade für seine Papiere und sein Strafregister interessierte.

»Hast du das Formyltrichlorid CHCl3, Charlie?«

»Wenn du dich etwas deutlicher ausdrückst, will ich dir gern antworten ...«

»Ich drücke mich mehr als deutlich aus«, sagte der Kleine, und aus seiner lauschenden Haltung entnahm der Gentleman-Dieb, dass sein Sozius die Ohren spitzte und sich irgend ein Geräusch zu deuten versuchte, das ihn unruhig machte. Ohne Zweifel war da etwas nicht geheuer, denn plötzlich gab Jaapje, indem er sich zweimal auf das Kinn schlug, ein Zeichen, dass er Unheil wittere. Mit geradezu vorbildlicher Geschwindigkeit verschwand Charles Jean Tullipe hinter der geschlossenen Tür des primitiven Raumes, der auf der »Rustenburch« für bestimmte Zwecke eingerichtet war, und der feindselig pfeifende Wind fuhr durch das geöffnete Miniaturfensterchen an der Rückseite des Wohnschiffes über sein glatt pomadisiertes Haar. Noch bevor die Glocke zu der Eingangstür über der Hühnerleiter läutete, kroch Jaapje mit der Geschwindigkeit einer Katze über den Boden links von der Lampe, damit kein Schatten ihn verriete, und im Nu hatte er seine Weste und sein Jackett auch schon beiseite gebracht.

Zum zweiten Male ertönte die Klingel.

»Geben Sie mir einen halben Liter«, sagte er und reichte, die Zigarette zwischen den Lippen, die Milchkanne aus dem Türspalt heraus.

»Ich hoffe,« sprach eine sehr bekannte Stimme, »dass ich Ihnen nichts anderes zu geben brauche, Jaapje Eekhorn. Ich wollte nur mal rasch nachsehen. Spielen Sie den barmherzigen Samariter, der vornehmen Herren Ihres Schlages, die lieber nicht polizeilich gemeldet werden wollen, Obdach gibt? Ich glaubte, da soeben zwei Schatten zu sehen.«

»Hahaha,« lachte Jaapje mit dem ihm eigenen, ganz besonderen Tonfall, der ebenso wie seine Fingerabdrücke der Polizei wohlbekannt war, »da muss mein Schatten gejungt haben. Bitte schön, überzeugen Sie sich; aber nicht gar zu lange, wenn ich bitten darf; denn es ist ein Hundewetter, und ich neige sehr zu Bronchialkatarrhen.«

Der Wind spielte mit den flatternden Enden seiner Krawatte und den noch lose herabhängenden Bändern seiner Hosenträger.

Ueber das Deck des Wohnschiffes neigte sich ein Kopf; ein paar prüfende Augen schweiften durch die kleine Küche und den halbdunklen Alkoven mit den zwei leeren Betten und der Reihe Goldmundstücke. Und eine verdammte Spürnase, die die verfluchte Angewohnheit hatte, in alles hineinzuriechen, sog den Rauch der auf dem Tisch liegen gebliebenen, noch brennenden Pfeife ein und witterte auch den schwülen Geruch des Chloroforms, das soeben mit dem wissenschaftlichen Wort »Formyltrichlorid« und der chemischen Formel CHCl3 benannt worden war.

»Nehmen Sie die kleine Störung nicht übel«, sagte der Kopf, freundlich nickend. »Sie waren anscheinend im Begriff, etwas Milch zu kaufen, bevor Sie sich zu Bette legten?«

»Richtig! Sie sehen dem Menschen bis auf den Grund der Seele«, sagte Jaapje freundlich. »Es ist immer ein wenig kühl auf dem Wasser, und Morgenstunde hat Gold im Munde.«

»Dann wünsche ich Ihnen eine recht angenehme Ruhe, Herr Eekhorn«, sagte die Stimme freundlich, während die Tür in das Sicherheitsschloss fiel.

Es blieb still in dem an knarrenden Haltetauen schwankenden Schiff. Jaapje Eekhorn zog sich an, ohne sich besonders zu sputen – aber hinter der brennenden Lampe; er legte alles, was er brauchte, mit mathematischer Genauigkeit zusammen, dann drehte er die Lampe aus und schwieg. Und weil er schwieg, gab auch Charles Jean Tullipe in dem primitiven Gelass, in das er sich eingeschlossen hatte, keinen Laut von sich, sondern setzte sich still, erschöpft von dem nervenaufreibenden Warten und gepeinigt von dem Gedanken, dass sie den Zug versäumen könnten, auf den nassgeregneten Sitz und nahm den Handkoffer mit seinem mysteriösen Inhalt auf die Knie.

Als Jaapje sicher zu sein glaubte, dass die Luft in der nächsten Umgebung wieder rein war, öffnete er die Aussentür. Er machte ganz den Eindruck eines verschlafenen Schiffers, der in der Dämmerung noch einmal frische Luft schöpft und mit schläfrigen Augen um sich guckt. In Wahrheit entging ihm dabei keine Bewegung, kein Schatten auf dem stillen Kai. Dann kletterte er schweren Schrittes die Hühnerleiter herauf, bückte sich ein paarmal, als suchte er etwas, schaute lauernden Blickes in die Seitenstrasse und auf den tiefen Schatten hinter dem Häuschen der städtischen Strassenreinigung. Und dann ging er in derselben nachlässigen Haltung an all den vornehmen, elektrisch beleuchteten Wohnschiffen und den am Kai gelegenen Häusern vorüber – und wäre beinahe rettungslos verloren gewesen. Denn die kleine Connie von Notars musste noch ein paar Gänge machen und ging direkt an ihm vorbei.

»Guten Tag, mein lieber Schatz«, sagte er, indes er sich ihr ohne Umschweife anschloss und darüber den wartenden Charles Jean ganz vergass.

»Machen Sie, dass Sie fortkommen!« gab sie zur Antwort und ging absichtlich schnell. Zwar schielte sie immer durch die Tüllvorhänge des vergitterten Küchenfensters nach dem Scheusal mit dem Affengesicht und der Hornbrille, das wie eine Schnecke an seinem Wohnschiff festzukleben schien; aber wenn er sich ihr aufdringlich näherte, so wie jetzt zum Beispiel auf dem schon in der Dämmerung liegenden Kai, wurde ihr unbehaglich zumute.

»Connie, mein Herz, ich schmelze dahin vor lauter Sehnsucht«, begann er, während er seinen Zeigefinger in ihr Schürzenband legte, um ihren Schritt ein wenig zu hemmen. Sie aber gab ihm einen derben Schlag mit ihrem Einholekorb und sprach die vernichtenden Worte: »Dass du mich nicht anrührst, du verdammter Kerl!« Und weg war sie, verschwunden.

Wäre sie nur etwas zugänglicher gewesen, hätte sie den abschüssigen Pfad betreten, der mit einer kleinen Unterhaltung harmlos beginnt und in Trübsal endet, so sässe Charles Jean noch da, und aus der mit so viel Sorgfalt vorbereiteten Reise wäre nichts geworden.

»Donnerwetter! Das hat aber lange gedauert«, sagte Tullipe unwirsch, als Jaapje endlich wieder mit der Hand an sein Kinn schlug. »Was war denn los?«

»Sst! Hier wird nicht geredet!« warnte der andere, der im Dunkeln sein Bündel packte. »Später haben wir genug Zeit. Du verschwindest nach links; die Luft ist rein; du brauchst dich nicht umzusehen. Ich gehe nach rechts. Wir treffen uns im D-Zug, und wir verleugnen einander steif und fest; mindestens bis Roosendaal kennen wir uns nicht. Psst! Geh' doch bloss nicht so dicht neben dem Laufbrett mit deinen verdammten hellen Gamaschen! Und kein Wort Holländisch, wenn ich bitten darf! ... Au revoir, mon cher ...«

Jaapje Eekhorn ging durch die Seitenstrasse nach rechts, und trotz der Abfuhr mit dem Korb warf er in jeden Laden, an dem er vorüberkam, einen heimlichen Blick, um zu sehen, ob er die schwarzäugige Kleine nicht etwa doch noch zu fassen bekäme.

Links ging Charles Jan Tullipe mit elastischen Schritten sorgfältig um alle Pfützen herum, damit seine hellen Gamaschen nicht bespritzt würden. Jaapje, der dieses Viertel von Amsterdam am besten kannte, hatte gesagt: »Du brauchst dich nicht umzusehen«, und nun beging Jean die Dummheit, sich an diese Parole zu halten; wusste er doch nicht, dass der kleine Schelm es über seinem lyrischen Intermezzo mit der hübschen Connie verabsäumt hatte, diese Hälfte des Kais gründlich zu inspizieren. Auf dem Platz stieg er in eine Elektrische und stopfte sich auf der hinteren Plattform eine frische Shagpfeife. Zugleich bestieg ein Herr mit kurzgeschnittenem, rotem Haar, der vom Kai aus den von Jaapje mit Recht »verdammt« genannten Gamaschen gefolgt war und gleichfalls am Zentralbahnhof ausstieg, den Vorderperron.

»Eins Erster Antwerpen,« sagte Charles Jean Tullipe am Schalter, oder vielmehr: er verlangte im korrektesten Französisch: »Première classe, Anvers.« – »Bitte«, antwortete der Beamte.

»Je vous remercie bien«, sagte Charlie darauf äusserst höflich, zahlte und stellte sich mit dem holländischen Geld, das er anscheinend nicht kannte, so ungeschickt an, dass der Beamte ihn zweimal auf einen kleinen Irrtum aufmerksam machen musste.

Nach ihm löste der Herr mit dem kurzgeschnittenen, roten Haar eine Fahrkarte und flüsterte so leise wie nur möglich, weil mehrere Reisende hinter ihm standen. In der Reihe befanden sich auch Artur Rondeel, Jan Kikker und Joopie Bok, jeder mit einem dickbauchigen Handkoffer. Der Chauffeur und ein Gepäckträger warteten bepackt und beladen unter der Uhr.

Am Schalter für die Fahrkarten dritter Klasse stand Jaapje Eekhorn und dachte über ein kleines Abenteuer nach, das er eben unterwegs erlebt hatte. In einem Luxusauto, das im Gedränge hatte halten müssen, hatte er etwas höchst Seltsames bemerkt. Ein dicker Herr mit einem rotwangigen Gesicht hatte einen anderen mit einem Browning bedroht, er hatte den Hahn gespannt und dann laut auflachend aus diesem Browning eine Zigarette und Feuer angeboten. Dieser Witz war weiter nicht neu. Aber das Gesicht des erschrockenen Herrn, der gleich darauf das Licht im Auto ausgeknipst hatte, kam ihm so bekannt vor. Das musste doch weiss Gott der unanständig reiche Bankier sein, der sein Bureau auf der Kaisersgracht und eine fürstliche Wohnung in der vornehmsten Gegend Amsterdams hatte. Wenn der mit zwei anderen zusammen auf die Reise ging – etwa vier Meter von Jaapje entfernt standen sie vor dem Schalter zur 1. und 2. Klasse, – und wenn sie alle ihre schweren Handkoffer selber trugen, dann – dann – ja, dann musste doch was Besonderes los sein.

Und dann noch etwas: als der Wagen vor einem Friseurgeschäft hielt, hatte er den Schlag geöffnet, und eine ganz unwillkürliche Bewegung seiner Hand hatte dem Jüngsten der drei Herren aus der linken Tasche des Ueberrocks eine bezahlte Rechnung herausgeholt, auf der ein paar Details notiert waren, die ihn interessierten. Hier stimmte was nicht. Hier war etwas im Werke. Und was es auch war; jedenfalls gab es hier etwas zu verdienen, wenn man es nur geschickt anfing und sich möglichst in rechter Entfernung hielt.

Auf dem Bahnsteig selbst herrschte kurz vor der Abfahrt des D-Zuges mit seinem sauber gedeckten und beinahe festlich erleuchteten Speisewagen und den Schlafwagen mit herabgelassenen Vorhängen ein nervöses Treiben von Menschen, die ihre Verwandten begleitet hatten, von Dienstmännern, die Gepäckstücke in die Netze legten, von Postwagen und Bahnbeamten. Vor einem der geöffneten Fenster des Schlafwagens, in dem der Direktor der Internationalen Bank zwei Abteile hatte reservieren lassen, standen der alte, riesengrosse Jones, sein Sohn Henry und der Subdirektor Cochefort, während Klothilde, die noch gerade in einem Auto von Aerdenhout gekommen war, weil sie klugerweise vorher festgestellt hatte, dass der Pariser Express nicht in Haarlem hielt, am Arm ihres Vaters hing, sich immer wieder auf die Lippen biss und sich die Augen wischte. Es herrschte eine ausgesprochen trübselige Stimmung. Die einzigen, die ein wenig munterer schienen, waren Josephus Bok und der Sekretär Jan Kikker. Die beugten sich aus dem Coupéfenster – Bok mit einer Reisemütze, die ihm bis über die Ohren ging, Kikker, der es vom Sport her so gewöhnt war, barhäuptig.

»Warum bist du bloss so traurig, mein Kind«, sagte der Bankier. »Es wäre mir lieber gewesen, wenn du in Aerdenhout geblieben wärest. Die Menschen müssen denken, dass wir Abschied fürs Leben nehmen.«

»Lass sie glauben, was sie wollen,« sagte das junge Mädchen, »wenn du nur um Gottes willen vorsichtig bist.«

»Ja, ja, ja«, sagte der Bankier nervös und ein wenig gereizt, weil der Herr mit dem kurzgeschnittenen, roten Haar ihn so aufdringlich ansah und seine Unterhaltung so dreist zu belauschen schien.

Im Speisewagen sass Charles Jean Tullipe, freute sich nach der Armseligkeit des Wohnschiffes doppelt über all den Komfort, der ihn umgab, und studierte die Speisekarte.

Ihm gegenüber hatte eine ziemlich aufgetakelte Dame Platz genommen, die hin und wieder das feine Profil des interessanten, blassen, jungen Mannes ansah, der auch sie mit der zurückhaltenden Wohlerzogenheit des Weltmannes ab und zu fixierte und mit noch grösserer Diskretion taxierte. Sie hatte kleine, fette Hände, an denen Ringe wie Schätze aus »Tausendundeiner Nacht« blitzten, und in ihren Ohren funkelten Steine, die geradezu magnetisch die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Während er das Menü las und wieder las und unwillig an Jaapje Eekhorn dachte, der auf dem Petroleumkocher einen Eierkuchen in schlechter Margarine gebacken hatte, stützte er den tadellos frisierten Kopf in die Hand und betrachtete nun die Dame in ihrem Spiegelbild in der Fensterscheibe – eine Methode, die für unauffällige Beobachtung ausserordentlich zu empfehlen ist! Darauf bückte er sich höflich, weil einer ihrer Handschuhe vom Tisch geglitten war, und fragte auf Französisch:

»Gehört dieser Handschuh Ihnen, gnädige Frau?«

Sie dankte lächelnd. Was für liebenswürdige Menschen waren doch diese französischen jungen Leute; was hatten sie für einen feinen Charme!

In einem Raucherabteil 2. Klasse sass Hans Thyssen, Mitglied des Literaturwissenschaftlichen Vereins, und las das Abendblatt. »Sobald sich der Zug in Bewegung gesetzt hat,« überlegte er, »ziehe ich mich gleich auf die Herrentoilette zurück und lege mir ein paar neue Sohlen in meine Stiefel – das Papier des Kirchlichen Familienblattes taugt doch nicht so recht für nasse Füsse. Und dann will ich mir den scheusslichen Flecken auf meinem Jackett noch ein wenig mit Benzin ausreiben. Gut, dass ich das Restchen aus der Benzinflasche mitgenommen habe.«

In einem Nichtraucherabteil 3. Klasse, in dem das meiste Gepäck in den Netzen lag, lehnte sich Jaapje Eekhorn schläfrig zurück. Ueber seinem hochgeschlagenen Rockkragen, unter dem tief in die Stirn gezogenen Hut und hinter den runden Gläsern der Hornbrille war sein Gesicht kaum zu erkennen. Mit halbgeschlossenen Augen machte er Inventur, nahm das ganze Hab und Gut seiner Reisegefährten auf. Ihm entging nichts. Kein Mensch konnte in dem Korridor des D-Zuges vorübergehen, ohne dass Jaapjes Schlitzaugen jedes Detail wahrnahmen und einen ganzen Steckbrief hätten herstellen können!

»Einsteigen!« rief es draussen. Und während auf dem Bahnsteig der alte und der junge Jones, Klothilde und Cochefort von der Internationalen Bank standen und winkten und ein paar Coupétüren heftig zugeschlagen wurden, setzte sich der Zug in Bewegung.

Jetzt erst wurde Jaapje Eekhorn wach. Gähnend belegte er seinen Eckplatz und fragte den im übervollen Coupé ihm gegenübersitzenden Herrn in fliessendem Französisch, wie lange man bis zur Grenzstation zu fahren habe? Er sprach so schnell, dass man ihn kaum verstehen konnte. Einer der Mitreisenden gab ihm jedoch die gewünschte Auskunft.

Jaapje fügte noch auf Französisch einige für die Holländer ungemein schmeichelhafte Bemerkungen über den Komfort in Holland hinzu und schob dann an den Knien der anderen Reisenden vorbei und hinaus, um weitere Erkundigungen vorzunehmen. Dabei irrte er sich bewusst im Wege und kam in den Korridor des Schlafwagens. Im dritten Abteil sass der dicke Herr mit dem roten Gesicht, der in dem hellerleuchteten Auto mit dem Browning gedroht hatte, und rauchte eine ausländische Zigarette. So, so – der passte also auf das Gepäck auf, während die anderen wohl im Speisewagen waren?

Um sich davon zu überzeugen, ging Jaapje nun nach dem Speisewagen, gerade in dem Augenblick, in dem Hans Thyssen sich an der Damentoilette zu schaffen machte, weil die für Herren besetzt gewesen war.

Vorüber an dem geöffneten Küchenraum, aus dem das Klappern von Tellern und Schüsseln drang – er war nicht ganz so primitiv wie die Kochgelegenheit in der Rustenburch! –, ging er und blieb beobachtend hinter der Glastür des Speisewagens stehen. Die Voraussetzung traf glänzend zu: der Bankier von der Kaisersgracht sass mit dem jungen Mann an einem der kleinen Tische bei den Hors d'oeuvres, und ihm schräg gegenüber plauderte der geniale Charles Jean Tullipe mit einer Dame.

Grossartig, wie rasch der Bekanntschaften machte!

Dann aber war Jaapje Eekhorn einen Augenblick sehr betroffen:

An einem Tischchen allein sass der Herr mit dem kurzgeschnittenen, roten Haar und knabberte an einem Zwieback. Das war der elendeste Kerl von der Welt: Nathan Marius Duporc von der Kriminalpolizei, der vor einer Stunde bei ihm auf dem Wohnschiff vorgesprochen hatte.

»Alle Wetter«, sagte Jaapje, der einen kurzen Augenblick lang sein Französisch vergass, und in einem Minimum von Zeit kehrte er in sein Abteil 3. Klasse zurück, sagte: »Pardon, Messieurs« – und schlief.

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