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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 4
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180101
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Drittes Kapitel

Worin Näheres über den Schriftsteller Hans Thyssen, Mitglied des Literaturwissenschaftlichen Vereins, mitgeteilt wird.

 

Nachdem der Schriftsteller Hans Willem Adriaan Thyssen, bekannter als »Hans Thyssen«, etwa zehn Minuten lang einen heftigen Kampf mit den Fettflecken auf seiner Weste und seinem Jackett ausgefochten, nachdem er dann weiter die Fransen an seinen reinen Manschetten und seinem reinen Hemdkragen sorgfältig abgeschnitten und sich mit seinem Rasierapparat gründlichst die Haut rot geschabt hatte, sah er ganz repräsentabel aus. Er machte sich daran, sein kärgliches Mittagsmahl – ein paar Tassen Tee und ein paar belegte Brötchen – herzurichten und stellte zwischendurch im Kursbuch fest, dass der Pariser Express Schlafwagen und Speisewagen führte – märchenhafte Traumbilder, die er vermutlich niemals als Wirklichkeit kennen lernen würde! Dann legte er die letzte Hand an seine Toilette, indem er aus einem kirchlichen Familienblatt ein paar neue Papiereinlegesohlen für seine etwas leck gewordenen Stiefel zurechtschnitt. Das half vorzüglich.

Während er seine Mahlzeit einnahm, las er den Vortrag, den er an diesem Abend um dreiviertel zehn Uhr in Dordrecht zu halten gedachte, noch einmal durch. Es war die humoristische Geschichte einer Familie, die an einem Tage mit allem, aber auch mit allem Pech hatte, eine Geschichte, die er im Auftrage einer Versicherungsgesellschaft geschrieben und die dem Publikum ausserordentlich gefallen hatte.

Als er fertig gegessen hatte, zündete er sich eine Pfeife an.

Der feuchte Frühabend liess ihn fröstelnd zusammenschauern.

Da sass er nun in seinem dürftigen Zimmer bei seinen Büchern, diesen Reihen von Büchern, die er selber geschrieben hatte, und war wieder einmal in dem behaglichen Kreislauf des Lebens bei einer Periode angelangt, in der er sich nicht einmal ein anständiges warmes Mittagessen leisten konnte. Welche andere Missetat hatte er denn begangen, als dass er, der Erfindungsreiche, den Gebilden seiner Phantasie hatte Leben und Wirklichkeit geben wollen? Man konnte sich stolz wie ein König dabei fühlen, aber was kaufte man sich dafür? Man schlug sich gerade so durch, wie ein armer Edelmann, der sich als Jockei verdingte oder Adressen schrieb, die nach dem Tausend bezahlt wurden.

In seinen eigenen Wänden »fühlte« man sich noch einigermassen, draussen aber war man wie ein abgeklappertes Droschkenpferd, das im Regen auf eine Fuhre wartete. »Wenn sich mir«, seufzte er vor sich hin und dachte dabei an den Augenblick, in dem er so behaglich mit den Füssen im Wasser gesessen und der Teufel ihm zugelächelt hatte – »wenn sich mir jemals irgendeine Chance bietet, dann wird mich kein Mensch davon zurückhalten, sie auszunutzen – und müsste ich über Leichen gehen! Zum Sklaven bin ich nicht geboren.«

Darauf legte er einen Zettel für seine Wirtin hin: »Erwarten Sie mich heute abend nicht. Ich muss fort. H. Th.« Und dann ging er mit langsamen, vorsichtigen Schritten zum Zentralbahnhof.

Vor dem Hause von Josephus Bok, dem Direktor der All-Risk-Versicherungsgesellschaft, stand ein Auto. Er erkannte sofort den Mann, der ihm mal etwas zu verdienen gegeben hatte, grüsste und sagte leise vor sich hin: »Guten Tag, du Idiot!«

Merkwürdig, dass jeder von beiden den anderen so einschätzte! Und noch merkwürdiger, dass sie nun miteinander in demselben Zug reisten ...

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