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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 15
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Vierzehntes Kapitel

Worin Nathan Marius Duporc einen ausführlichen Bericht schreibt und seine Cousine Anna den finsteren Pfad der Sünde betritt – Hans Thyssen mit 30 Sonetten und dem Entwurf zu zwei neuen Dramen aus der Haft entlassen wird – Josephus Bok, Ritter der Ehrenlegion, aus der Effektenbörse hinausgeworfen werden soll – Charles Jean Tullipe eine edle Rolle spielt – und verschiedene andere höchst interessante Ereignisse sich zutragen, die sich zu Beginn dieses Kapitels noch nicht alle aufzählen lassen, weil ein geschickter Romanschreiber nicht all sein Pulver schon vorher verschiessen darf.

 

In diesen Tagen zeigte sich der Kriminalkommissar nicht einmal auf dem Präsidium. Zwar meldete sich »Siebenstern« oft telephonisch bei seinem Vorgesetzten, und es fanden auf diesem Wege wiederholt lange Besprechungen statt, es wurden vertrauliche Instruktionen erteilt, allein die Base Anna, die doch auch nicht ganz unbegabt war und mehr als zehn Morde und fünfzig Einbrüche mit ihrem Vetter »mitgemacht« hatte, verstand absolut nicht, wie Duporc in diesem Falle, der die ganze Presse in grösste Aufregung versetzte, weil sich die Polizei so geheimnisvoll oder so lasch verhielt, ruhig zu Hause bleiben und stundenlang in seinem total verräucherten Zimmer ganze Aktenbogen vollschreiben konnte, als ob er an einem Feuilleton für die grösste Tageszeitung arbeitete, das nach Spaltenlänge honoriert wurde.

Erst gegen Abend ging er aus, tadellos rasiert, und dann hatte er so etwas Undefinierbares an sich, das eine feinnervige, rassige Frau zu reizen vermochte. Die ersten zweimal vierundzwanzig Stunden hatte sie keine Worte dafür gefunden, wie plötzlich solch offenbares Unkraut in dieser korrekten Beamtenseele zu wuchern anfing. Er kam ihr ganz sonderbar vor, anders als sonst, war auffallend kurz angebunden und benahm sich für einen Mann in seinen Jahren reichlich merkwürdig. Er duftete nach Parfüm, kaufte sich neue Krawatten, schnitt sich mit einer kleinen, zierlichen Schere die Haare aus Ohren und Nasenlöchern, kam spät heim, sprach kaum ein Wort, und wenn er auffallend oft telephonisch angerufen wurde, gab es Augenblicke, in denen er mit einer so innigen Flüsterstimme antwortete, dass man das Unheil sozusagen greifbar deutlich herannahen fühlte.

So sprach man bestimmt nicht mit dem »Präsidium«!

Dieses Telephon, dieses verdammte Telephon machte sich so mausig in dem Hause, in dem sie so lange allein geschaltet und gewaltet und sich jahrelang für diesen lieben Vetter aufgeopfert hatte – sie sah förmlich in seinen Drähten und Schnüren die fernher geworfenen, lockenden Schlingen eines Weibes, das es auf Duporc gemünzt hatte, und vermochte doch nichts gegen ihre Ränke zu tun, weil sie so gar keine Handhabe und auch eigentlich gar kein Recht hatte, nach einer solchen zu suchen.

Dann, am dritten Tage, eines Sonntagvormittags, fand sie bei ihrem Herumspionieren, während er noch schnarchte – ein Schnarchen, das nur sie ertragen konnte! –, unter seinen zusammengelegten Handschuhen in der Aussentasche seines Ueberziehers zwei Kinobilletts und eine weisse, leere Konfektschachtel. Also doch! Wenn er erst einmal so anfing, endete es sicher mit einer ihr sehr unsympathischen Verlobungsgeschichte – sie konnte sich's an den Fingern abzählen, dass sie sicherlich die längste Zeit ihrem Vetter die Wirtschaft geführt haben würde!

Ihr wurde heiss und kalt, aber weil sie eine Portion Selbstbeherrschung besass, schrie sie ihre plötzlich auflodernde, wenngleich schon ein wenig angesäuerte Lebenslust in Gängen und in Küche laut aus sich heraus, als gäbe es keinen schnarchenden Vetter, der noch in seinem Schlafzimmer lag und träumte. Brummend fuhr Nathan Marius auf, warf einen erschreckten Blick auf den Wecker, stellte zunächst fest, dass er keineswegs die Zeit verschlafen hätte, sah dann weiter, dass es ein aussergewöhnlich stiller, verregneter Sonntag wäre, und merkte drittens, dass seine Base Anna mindestens so schlecht gelaunt sein müsse wie an jenem unvergesslichen, berüchtigten Morgen, an dem die erste Post ihr eine Postkarte gebracht hatte, durch die ihr Verlobter ihr mitteilte, dass er auf weiteren Verkehr mit ihr keinen Wert mehr legte.

»Todsicher ist da der Deubel los«, dachte der Kriminalkommissar und besann sich, dass schon in den letzten Tagen düstere Wolken über dem sonnigen Antlitz seiner Base gelagert hatten. »Weil aber nun diesmal keine zarte Postkarte gekommen sein kann, werde ich wohl diesmal selber schuld daran haben – – und lieber noch weiter unter die Decke kriechen müssen, um etwas weniger von diesem Höllenlärm zu hören!« Als aber die Cousine nun auch noch anhaltend die Türen zuknallte und allerlei Dinge krachend herunterfallen liess, stand er als der Klügere, der nachgibt, auf, ohne seinerseits harte Worte über den Vorfall zu äussern, und machte ihr's am Frühstückstisch, der sonst Sonntags gewöhnlich irgendeine besondere Leckerei aufwies, nicht einmal mit dem leisesten Blick zum Vorwurf, dass die Milch käsig und die Zuckerdose vergessen war. Solange die liebe Base Anna auf solche Manier sang, hätte es doch keinen Zweck gehabt, sie nach irgend etwas zu fragen oder auf kleine allgemein-menschliche Fehler aufmerksam zu machen. Erst beim zweiten Frühstück, als er mit seinem offiziellen Bericht beinahe fertig war und sie ihre Stimmbänder schon einigermassen überanstrengt zu haben schien, gestattete er sich eine bescheidene Zurechtweisung, weil sie ihm zum zweiten Male die gekäste Milch vorsetzte, das Salz zu einem ganz grün gekochten Ei vergessen hatte, weil des weiteren sein Messer dem Brötchen den lieblichen Geschmack frisch geschälter Zwiebeln mitteilte und die Butter nicht gar zu ranzig, aber doch um ein gut Teil ranziger roch als tags zuvor. Sie blickte ihn leidend und zugleich vernichtend an. »Du wirst wohl mit deinem Magen nicht ganz in Ordnung sein«, sagte sie mit ihrer überschrienen Stimme ganz heiser. »Du isst jetzt offenbar zuviel Konfekt!«

Duporc pflegte sonst auch bei unmittelbarer Bedrohung nicht mit der Wimper zu zucken. Das hatte er nicht einmal getan, als er bei der Verhaftung von drei Falschmünzern die Mündungen dreier Revolver auf sich gerichtet gesehen hatte; auch nicht, als der breitschultrige Riese im Landhause Artur Rondeels ihm Handschellen anlegen wollte. Er besass eine Selbstbeherrschung, die auf dritte geradezu verblüffend wirkte. Obgleich es schon ganz rätselhaft war, woher sie etwas von seinem Ausgange und Konfektgenuss mit Connie wusste, sagte er ruhig und mit einem so liebenswürdigen Lächeln, als habe er von der Kampf- und Gewitterstimmung nicht das geringste bemerkt: er wolle nun aufs Präsidium gehen und würde vermutlich nicht zum Essen nach Hause kommen. Als er schon an der Haustür war, sandte sie ihm noch einen einzigen, vergifteten Pfeil nach, einen tödlichen, mit einem Widerhaken: »Schön, lieber Vetter. Und ich würde auch mal ins Kino gehen; oder meinst du nicht?« Aber selbst jetzt lächelte er nur und liess ruhig die Haustür hinter sich ins Schloss fallen. Gott sei Dank! Lieber in den Regen hinausgehen, als die Tyrannei einer Cousine ertragen, mit der es nicht mehr zum Aushalten war!

Sie aber setzte drinnen ihre Nachforschungen fort. Jetzt wollte sie alles wissen. Wenn Nathan Marius schon so eng in die Bande der auffallenden Person verstrickt war, die er neulich morgen empfangen hatte, dass er als Polizeibeamter mit ihr ins Kino ging, statt die Mörder des Bankiers zu verfolgen, dann war auch noch mehr los. Um auch ganz sicher zu sein, dass man sie nicht überfallen könnte, schob sie unten die Kette vor die Haustür, und in dem kleinen Zimmer des Vetters drehte sie noch den Messingriegel um.

Das Herz schlug Anna bis in den Hals, dem so viele schöne Arien entquollen waren, als das Schubfach des Schreibtisches vor einem der Schlüssel an ihrem Schlüsselbunde aufsprang. Mit der Brutalität eines Berufseinbrechers tastete und wühlte die Cousine unter dem Berg von Papieren und Akten herum, besah sich einen Damenhandschuh, ein paar getrocknete Blumen, eine Flasche Parfüm – dann begann sie ziemlich enttäuscht, weil die Beute nicht allzu überwältigend war, die obersten Folioseiten zu lesen, und bald fesselte das Geschreibe sie so, als wenn sie einen ihrer geliebten Kolportageromane in Fortsetzungen vor sich hätte. Vor allem wurde ihre Aufmerksamkeit auf die mit roter Tinte unterstrichene Schlussfolgerung gezogen, die sozusagen als Motto über dem letzten Absatz stand:

»So komme ich also zu dem Schluss, dass der anscheinend auf so entsetzliche Art im Coupé des Schlafwagens überfallene, ermordete und aus dem Zuge geworfene Bankier Artur Rondeel noch nach seinem Tode gemeinsam mit seinem Mörder und zwei raffinierten Burschen im Hotel Ponsen zu Dordrecht mehrere Gläser Whisky getrunken hat und dass er sich augenblicklich aller Wahrscheinlichkeit nach mit dem bereits öfters erwähnten Jan Kikker und dem seitens der Polizei gesuchten Karel Jan Tulp im Ausland aufhält – eine Angelegenheit, die vorläufig, als Privatsache von Artur Rondeel und Jan Kikker, ein weiteres Eingreifen unserer Kriminalpolizei nicht erforderlich macht, da der Herr Artur Rondeel nicht als flüchtig gilt, wenigstens bisher keinerlei Anzeige dieser Art erstattet worden ist, und man Herrn Jan Kikker schwer verfolgen kann, wenn man die absolute Gewissheit hat, dass er an dem im Zuge verübten Morde oder Raub in keiner Weise beteiligt ist.«

Die Base Anna sass, als sie dies las, wie die Verkörperung eines fast übermässigen Erstaunens da und zitterte vor Erregung, wie sie weder der geheimnisvolle »Lord Lister« noch sonst eines der Produkte der hochstehenden modernen Schundliteratur, die sie so gern und begierig zu verschlingen pflegte, je bei ihr ausgelöst hatte. Sie hatte nach gründlichen Beweisen für die Nichtswürdigkeit ihres Vetters in bezug auf seine Haltung gegenüber dem leichtfertigen, flattrigen jungen Ding gesucht und war plötzlich mitten in eine ebenso spannende wie unglaubliche Detektivgeschichte hineingeraten, die in der Wirklichkeit spielte, sie aber nicht zu befriedigen vermochte, da sie in dieser Art von Dingen keinen Spass verstand und für sie Blut, aber dann auch echtes Blut fliessen musste!

Jungfer Annas Augen quollen ihr beinahe aus dem Kopfe. Also sollte Herr Artur Rondeel nicht wirklich ermordet sein? ... Das war doch einfach undenkbar! ... Wie wäre so etwas möglich? ... Was in aller Welt konnte ein so reicher und mächtiger Herr damit bezwecken, so zu tun, als ob er ermordet sei? Warum sollte er allen anständigen Leuten die grösste Unruhe beim Gedanken an die entsetzlichen Gefahren machen, denen ein reisender Mensch in diesen ohnehin schon so verwilderten Zeiten preisgegeben ist? ... Unsinn! ... Mit Nathan Marius war etwas nicht ganz richtig, das stand fest. Nathan Marius besuchte mit einem Scheusal, das des Ansehens nicht wert war – Base Anna hatte zwar die lieblichen Gesichtszüge Connies niemals gesehen, allein das besagte nur, dass Connie das nicht wert war: so ist die seltsame Logik jener Art von Frauen, zu denen wir die holde Anna leider rechnen müssen! – er besuchte also mit dieser Person Kinos und verzehrte mit ihr gemeinsam Konfekt – um von weniger unschuldiger Lippentätigkeit ganz zu schweigen! Nachdem dies alles festgestellt war, konnte es für die Verwandte eines so genialen Detektivs nicht schwierig sein, zu der Schlussfolgerung zu kommen, dass Nathan Marius neben all diesen unglaublichen Dummheiten am Ende auch noch die weitere Torheit begehen würde, zu behaupten, ein geschehener Mord sei gar nicht geschehen! Bis ins Tiefste ihres Herzens erbittert, dachte Anna über die Worte des Berichtes nach, die sich anscheinend auf die grässliche Kinofreundin Nathans bezogen, und überlegte, dass bei derartigen Abschweifungen alles denkbar wäre; der Gedanke an senile Alterserscheinungen kam ihr, und zugleich schwebte nicht weniger unheimlich das Wörtchen »Gehirnerweichung« durch ihr sensationslüsternes, altjüngferliches Unterbewusstsein ...

Lange sass sie so in tiefem Nachdenken. Endlich raffte sie sich aber auf, schob die widerrechtlich gelesenen Blätter in die Schreibtischschublade zurück, ordnete alles mit verdächtig behenden und geschickten Fingern genau so, wie sie es gefunden hatte, verschloss die Schublade, riegelte die Türe auf und begab sich in die minder heiligen Hallen, die sie mit ihrem Vetter gemeinsam bewohnte, während die scharfen Linien um ihre Nase auf ihr ernsthaftes Vorhaben deuteten, sich in einem bissigen und nicht aufzuhaltenden Wortschwall mit ihrem Vetter auseinanderzusetzen.

Als der Kriminalkommissar diesen Abend heimkehrte, empfing ihn seine hausfrauliche Base, ohne gleich wieder heimtückisch mit ebenso wild tremolierender wie beträchtlich danebengehender Stimme ein Trommelfeuer von Vorwürfen auf ihn loszulassen. Einigermassen verwundert ob dieser unerklärlichen Veränderung des atmosphärischen Druckes begab er sich mit harmlosem Gruss in sein Arbeitszimmer und holte seinen Bericht vor, um die letzte Hand daran zu legen und seine Schlussfolgerungen fertig zu formulieren. Während er die zuletzt geschriebene Seite flüchtig durchlas, wurde seine Aufmerksamkeit durch ein Etwas auf dem Rande seines Manuskriptes angezogen. Er lächelte, dann neigte er sich über das Papier, und in der Stille, die nun durch keinen Lärm mehr gestört wurde, flog die Feder zufrieden über die Blätter, die sich rasch füllten – eins nach dem andern. Und was darauf geschrieben stand, war geradezu zerschmetternd für alle, die an dem Mord im D-Zug Anteil hatten.

Die teure Base Anna hatte doch einigermassen gespannt (denn dieser verdammte Teufel von Vetter war gar zu gerissen!) abgewartet, ob nicht irgendeine Bemerkung oder eine Aeusserung des Misstrauens käme. Aber als dies alles ausblieb, fühlte sie sich gleich wieder sicher genug, um ihm (wenn auch sehr brummig) »Gute Nacht« zu sagen, und sie konnte nicht umhin, wenigstens noch hinzuzufügen:

»Es geht mich zwar nichts an, aber du solltest dir deine Kinobesuche doch wieder abgewöhnen!«

Sie beging den Fehler aller Verbrecher, die Nathan Marius in die Hände fielen, und liess sich durch dessen scheinbar arglose Gemütlichkeit, hinter der sich die schärfste Wachsamkeit verbarg, einlullen. Ruhig drehte sich Duporc auf seinem Stuhl um und antwortete mit ganz sanfter Stimme:

»Ein jeder hat so seine Eigentümlichkeiten, liebe Anna; du musst nicht vergessen, dass der Mensch ein Gewohnheitstier ist. Du solltest dir auch lieber dieses und jenes abgewöhnen.«

»Ich treibe mich nicht mit Mädchen, die unter meinem Stand und unter meinen Jahren sind, in Kinos herum«, entgegnete sie giftig und fühlte, dass ihr Herz wieder heftiger zu schlagen anfing. »Und aus Konfekt mache ich mir auch nichts!«

»Nein«, antwortete der Kriminalkommissar bedächtig. »Und das alles ist ja auch sehr lobenswert, aber etwas solltest du dir doch abgewöhnen!«

»So, und was wäre das?« keifte nun die Base, die um so unliebenswürdiger wurde, je mehr sie sich in die Enge getrieben sah.

»Du solltest nicht mit deinen Nägeln auf dem Rande des Papiers herumkratzen, wenn dich das, was du liest, besonders stark fesselt«, sagte Nathan Marius ruhig, allein er sah sie dabei mit einem eiskalten Berufsblick an, und Anna fühlte, wie sie vom Kopf bis zu den Zehenspitzen erstarrte. Schweigend stand sie da, ein Bild des Schuldbewusstseins, des Entsetzens, der Erniedrigung, und ihre so sehr gefürchtete Beredsamkeit liess sie jetzt gründlich im Stich.

»Ich könnte einen Prozess gegen dich anstrengen wegen des Vertrauensbruchs, wegen der unerlaubten Einsichtnahme in geheime amtliche Berichte, ja, vielleicht sogar wegen eines Einbruchs«, sprach Duporc und vernichtete damit unbarmherzig auch noch den letzten schäbigen Rest ihrer Selbstachtung und Menschenwürde. »Allein ich habe eine geradezu krankhafte Schwärmerei für meinen unbefleckten Familiennamen. Versprich mir nur eines, Anna, und dann will ich deinen Fehltritt, der einem Verbrechen gefährlich nahe kommt, zu vergessen suchen: Rede kein Wort zu irgendeiner Menschenseele über das, was du auf diese unerlaubte Weise zu erfahren bekommen hast.«

»Ich gelobe es dir«, antwortete Anna verzagt und kleinmütig mit so zitternder Stimme, dass sie sogar dem in seinem Beruf hart gewordenen Nathan Marius beinahe leid tat. Immerhin nahm er diesen günstigen Augenblick wahr und fügte noch hinzu:

»Ich möchte übrigens künftighin frische Milch zum Frühstück haben und Butter, die nicht riecht, als ob sie noch aus den gehamsterten Vorräten der Kriegsjahre stammt ... Nun: ich wünsche wohl zu ruhen, Anna, und wenn du das Telephon läuten hörst, so reg' dich nicht weiter auf: es ist dienstlich!«

Anna ging, Nathan blickte ihr nach und war selbst beinahe verblüfft über die gewaltige Auswirkung seines Flankenangriffs. Er murmelte: »Der gezähmte Drache in optima forma!«, lächelte glückselig, zündete sich mit einem Gefühl der Erleichterung eine frische Pfeife an und sagte dann vergnüglich vor sich hin: »Was eine Mordgeschichte doch alles zustande bringen kann!« Dann lachte er laut auf, beleidigte damit aufs tiefste seine Base, die bereits im sittsamsten Nachtgewande vor ihrem jungfräulichen Lager stand, und fuhr, unbekümmert über den Lauf der Dinge, damit fort, seine Schlussfolgerungen niederzuschreiben, die ihn für alle Zeit zu einem der tüchtigsten Köpfe unter allen Detektiven der Welt stempeln sollte. Bald darauf läutete das Telephon lange und anhaltend, was dem Kommissar anzeigte, dass der erwartete Auslandsanschluss da war und das Drama, das so viele Verwirrungen geschaffen und so viele Aufregungen verursacht hatte, sich nunmehr seinem alles aufklärenden Ende näherte. Er sprach lange, und zwar französisch, was die holde Base Anna für eine neue Bosheit hielt, die er sich absichtlich ausgedacht hatte, um ihr sein Misstrauen kundzutun. Hin und wieder hörte sie ihn lachen, dann wieder ganz behaglich auf Holländisch fluchen; und im allgemeinen schien er über den Verlauf der geheimnisvollen Unterredung sehr befriedigt zu sein. Wenigstens reckte er nach deren Beendigung die Arme weit aus, pfiff einen Gassenhauer, ging mit schweren und kurzen Schritten in seinem Zimmer auf und ab und murmelte vergnüglich grinsend: »Da werden die Schlafmützen aber Augen machen – vor allem ein gewisser »S« wie Schubbiack!«

Rasch beendete er nun seinen Bericht, schloss die Blätter weg, dachte einen Augenblick nach, gelangte zu der Ueberzeugung, dass vorläufig an Einschlafen doch nicht zu denken sei, zog sich den Ueberzieher an, griff zum Hut und machte sich seelenvergnügt zu einem Spaziergang auf. Als die Türe hinter ihm zufiel, erging sich die Base in allerlei nicht gerade liebenswürdigen Vermutungen und vergoss heisse Tränen vor Scham und Machtlosigkeit, weil sie mit Händen und Füssen an einen so widerwärtigen »Lustgreis« gebunden war, bloss weil sie in einem schicksalsschweren Augenblick den Pfad der Sünde betreten hatte. Es war wirklich eine grausame Heimsuchung! ...

Nathan Marius Duporc ahnte nichts von den unfeinen Vermutungen, die in dem jungfräulichen Bett über seinen wahrscheinlichen Zeitvertreib gehegt wurden. Er entfernte sich weiter und weiter vom Hause und rauchte eine Zigarre nach der andern, während unter den rötlichen Haaren seines Schädels das scharfe Hirn nochmals alles sorgfältig durchprüfte, was mit dem interessanten Fall zusammenhing. Befriedigt kam er zu dem Resultat, dass ihm in der Kette kein einziges Glied von irgendwelcher Bedeutung mehr fehlte, und dass er nun selber die Spur gefunden hätte. Dieweil er über die seltsamen Verwicklungen der Mordgeschichte nachdachte, schlenderte er an der Amstel entlang zur Stadt hinaus, freute sich über die blaue Klarheit, die der Mond über das glitzernde Wasser breitete, und liess seine Gedanken dann ruhig zu lieblicheren Dingen als blutigen Mordszenen weitergleiten. Ein Paar helle Augen schwebten ihm vor und zauberten ein seltsam zärtliches Lächeln um seinen breiten Mund, bis sie sich in zwei andere Augen verwandelten, die er mit Verwunderung als dem Schriftsteller Hans Thyssen zugehörig erkannte. Und da standen nun die beiden Nachtwandler einander gegenüber und waren höchst erstaunt, sich auf diese Art wieder zu treffen ...

Beide stiegen nur ungern aus den lichten Gefilden ihrer Träume hernieder, und um beider Lippen ging ein leises Lächeln als Reflex ihrer tiefgründigen philosophischen Betrachtungen, die richtig einzuschätzen wussten, was wir aus Unwissenheit »Zufall« zu nennen pflegen. Dann sprach der Kommissar höflich:

»Welch eine Ueberraschung! Wie geht es Ihnen?«

Worauf wiederum eine kleine Pause erfolgte, in der zwei unbekannte Männer und ein philosophischer Vollmond über die unerwartete Begegnung lächelten.

»Ich hoffe,« hub Duporc wieder an, als Thyssen stumm blieb, »dass der bedauernswerte Zwischenfall Ihnen nicht allzuviel Ungelegenheiten verursacht hat?«

Hans Thyssen hatte seine Ueberraschung jetzt so weit überwunden, dass er wenigstens still in sich hinein lachen konnte. Freundlich antwortete er:

»Nun, Herr Kommissar, wir Menschen können nicht immer sogleich richtig beurteilen, was für uns gut, und was schlecht ist. Wenn ich hätte ahnen können, wozu die Einsamkeit und die anfänglich wilde Erregung über eine zu Unrecht erfolgte Verhaftung führen kann ...«

»Verzeihung!« unterbrach Duporc ihn liebenswürdiger denn je.

»Nun, ich wollte sagen: wozu eine irrtümlich erfolgte Verhaftung für einen Schriftsteller gut sein kann, dann würde ich Sie sicherlich gesegnet haben, statt Ihnen zu fluchen, als Sie mich einsperren liessen. Immerhin muss ich dabei bleiben, dass die Art, wie dies geschah, sehr geringe Achtung vor der niederländischen Literatur überhaupt und meinem geschätzten Schriftstellernamen im besonderen verriet, der in dieser unbarmherzigen und materialistischen Welt meinen einzigen einigermassen wertvollen Besitz darstellt.«

Etwas erstaunt blickte der Kommissar ihm in sein zufriedenes Gesicht. »Ich freue mich, Sie so zufrieden zu finden«, sagte er. »Also haben Sie es scheinbar in Dordrecht ganz gut gehabt. Anständige Verpflegung?«

»Nicht gerade überwältigend«, antwortete der Schriftsteller lächelnd. »Aber in kulinarischer Hinsicht bin ich nicht sehr verwöhnt. Im übrigen verzichtete der brave Gefängniswärter auf jede überflüssige Unterhaltung, und die ihm wohl ›vernichtend‹ erscheinenden Blicke, die er mir zuwarf, bedeuteten für mich, der ich an die vergiftete Wunden schlagenden Wurfspiesse aus den Augen meiner teuren Verleger gewöhnt bin, geradezu ein zärtliches Streicheln. Ein Künstler ist eine eigenartige Erscheinung, Herr Duporc; die Welt wird das niemals genügend zu würdigen wissen! Diese Kleinigkeiten indessen, zusammen mit der Ueberzeugung, dass einem Unschuldigen angesichts der vortrefflichen Einrichtung der niederländischen Justiz bei uns zu Lande nichts geschehen kann ... Sie lachen doch nicht etwa?«

»Durchaus nicht«, beteuerte Nathan Marius gut gelaunt.

»Gut also: diese Ueberzeugung im Verein mit der geradezu rührenden Besorgtheit um mein körperliches Wohl beruhigte mich nicht nur, sondern liess auch eine erhabene Ruhe in meine Seele einziehen. Und auf diese Weise haben Sie, geehrter Herr Duporc, mir und der gesamten niederländischen Literatur geradezu einen Dienst erwiesen, als Sie mich verhaften liessen.«

»Das freut mich«, antwortete der Kriminalkommissar. »Sollten Sie wieder einmal das Bedürfnis fühlen, sich auf ähnliche Weise zurückzuziehen, so können Sie jeder Zeit über mich verfügen.«

»Danke schön«, sagte Hans Thyssen kühl. »Dies eine Mal genügt mir vollkommen. Die Dordrechter Verhaftung hat die Literatur um etwa 30 Sonette und zwei Bühnenwerke bereichert, die, wenn nicht alle Zeichen trügen, aufsehenerregend sein werden.«

»Das ist ja geradezu erstaunlich!« rief Duporc angenehm überrascht aus. »Von heute an will ich es mir zur Pflicht machen, von Zeit zu Zeit einen oder mehrere Autoren unter leidlich annehmbaren Vorwänden zu verhaften und damit die daniederliegende nationale Literatur zu neuer Blüte zu bringen. Ist es unbescheiden, wenn ich Sie frage, ob Sie mit Ihren »Zellstoffen« zufrieden sind?«

»Wenn es Sie interessiert, will ich Ihnen die Sonette vortragen. Die Dramen sind erst im Entwurfe fertig, aber sie werden gut, so gut, dass sie voraussichtlich niemals aufgeführt werden – das aber tut wenig zur Sache.«

»Apropos«, sagte der Detektiv so ganz obenhin. »Sagen Sie mir doch bitte einmal, wie Sie auf die Idee kamen, einen Ihrer Helden Reinier Rana zu nennen?«

»Woher wissen Sie das?« erwiderte der Schriftsteller, und der Kommissar fiel ihm lachend ins Wort:

»Wir wissen doch sozusagen alles! Aber mich interessiert es noch im besonderen, zu erfahren, wie Sie auf diesen Namen gekommen sind.«

»Meinen Sie, dass es mit dem an Rondeel verübten Morde in irgendwelchem Zusammenhang stehen könnte?«

»Wer weiss!« sagte Duporc geheimnisvoll.

Der Schriftsteller lachte diesmal ein wenig spöttisch und antwortete:

»Nun, wenn Sie es denn durchaus wissen wollen, ich ging durch die Kalverstrasse, und ...«

»Und da sahen Sie ein Buch mit Fröschen darauf in einem Schaufenster liegen«, fuhr der Kommissar völlig überraschend fort.

»Richtig«, sagte Hans Thyssen und war ganz verblüfft. »Und weil es eine so schöne Alliteration gibt, habe ich dann den Vornamen ›Reinier‹ hinzugefügt.«

Bei diesen Worten stemmte Nathan Marius Duporc die Hände in die Seiten und begann laut zu lachen, während der aufs äusserste erstaunte Schriftsteller den Kriminalkommissar verständnislos anstarrte. Dieser klopfte ihm jovial auf die Schulter und prustete zwischen zwei donnernden Lachsalven:

»Kümmern Sie sich nicht weiter darum ... Lassen Sie mich nur einen Augenblick ... Und wenn man bedenkt, dass auf so etwas beinahe ein Beweis der Mitschuld, zum mindesten der Mitwisserschaft aufgebaut worden ist ... Hahahaha! ... Nun aber genug! Verehrter Herr Thyssen, ich interessiere mich ausserordentlich für Ihre Sonette, und ich habe zu Hause noch eine Flasche Rheinwein stehen, die geradezu danach schreit, ausgetrunken zu werden. Dürfte ich Sie bitten, noch ein bisschen mit zu mir herauf zu kommen?«

Und so geschah es, dass die Base Anna aus der Stille ihres Schlafgemaches, in dem sie sich ruhelos unter der zerknüllten Decke wälzte, dröhnende Stimmen vernahm, als ob Marius, vollständig verrückt geworden, sich mitten in der Nacht von einem Geistlichen erbauliche Predigten vorhalten liesse. Allein der Vetter sass, rauchend und Liebfrauenmilch trinkend, still nachdenklich da, und die deklamierende Stimme war für ihn nichts anderes als ein Klangreiz: von den Versen verstand er keine Silbe. Nichtsdestoweniger gab er beim letzten Glase aus der zweiten Flasche Herrn Hans Thyssen die Versicherung, dass er in seinem ganzen Leben noch nicht so prächtige, sozusagen gemeisselte Sonette gehört habe, und verglich ihn mit Horaz, wobei der Dichter allerdings ein wenig erstaunt aufblickte. Endlich ersuchte der Kriminalkommissar seinen Gast höflichst, am nächsten Tage um 3 Uhr auf dem Polizeipräsidium erscheinen zu wollen, wobei er hinzufügte, dass er neue Verwicklungen nicht zu befürchten brauchte. Es bestehe die begründete Hoffnung, dass um diese Stunde die letzten Rätsel der komplizierten Mordgeschichte gelöst werden würden. Und Herr Hans Thyssen habe doch ein gewisses Recht darauf, dabei zu sein. Näher liess er sich noch nicht darüber aus. Und so begab sich der doch einigermassen nervöse Dichter durch die verlassenen Strassen wieder auf seinen hochgelegenen Parnass in der Amsterdamer Mansarde ...

*

Als der Versicherungsdirektor Josephus Bok, Ritter der Ehrenlegion, wieder aus der Untersuchungshaft entlassen, das rührende Wiedersehen mit seiner getreuen Wirtschafterin leidlich gut überstanden und einige Stunden zufrieden in seinem eigenen Bette geschnarcht hatte, machte er sich auf den Weg, um wie gewöhnlich zur Effektenbörse zu gehen. Gefühle verschiedenster Art erfüllten sein Gemüt. Ein warmes Bad und ein wohlangewandtes Gilletterasiermesser hatten ihm das Bewusstsein seines Eigenwertes wiedergegeben. Eine leichte Angst war noch in ihm zurückgeblieben bei dem Gedanken, wie jemand sich in der Untersuchungshaft fühlen müsste, wenn er nicht unschuldig wäre: das grausame, raffiniert eindringliche Verhör der mitleidlos scharfsinnigen Polizei- und Gerichtsbeamten durchstöberte einen ja wie mit einer tausendkerzigen Diebeslaterne bis ins Innerste, und alle Winkelchen des Herzens und der Seele wurden erbarmungslos geöffnet! Mit einem bemerkenswert leichten Schritt und einem auffallend vergnügten Ausdruck für einen Menschen, der soeben seinen besten Freund unter so tragischen Umständen verloren hatte, schritt er weiter und sang in seinem Innern ein Loblied auf sein vortreffliches Amsterdam, das ihm noch niemals so schön und so verlockend erschienen war. Schon im voraus freute er sich auf die Gesichter und Gespräche der Geschäftsfreunde, die ihn natürlich mit Fragen überhäufen würden und die er seinerseits nach Kräften anlügen wollte. Als alter Theaterhase hatte er eine besondere Vorliebe für solche spannenden Szenen, besonders dann, wenn er selber die bedeutendste Rolle darin spielen konnte. Und mit dem Empfinden, das den ersten Schauspieler befällt, wenn der Vorhang aufgeht und er seine ersten grossen Worte loslässt, betrat er die Börsensäle, klopfte seinem Busenfreund, dem Makler Van Duyn, auf die fette Schulter und sagte erwartungsvoll:

»Hallo, alter Freund, da wären wir wieder ... Was sagst du zu so einer Unverschämtheit?«

Wahrscheinlich, oder besser gesagt: bestimmt hatte er erwartet, dass Van Duyn ihm die Hand schütteln und dass die Kunde von seiner Rückkehr sich wie ein Lauffeuer verbreiten, dass dann die ganze Börse sich um ihn drängen und ein Strom warmer Kameradschaftlichkeit seine misshandelte Seele umgeben würde. Wie hatte er sich auf diesen grossen Moment gefreut und seine Haltung vorher überlegt: Ueberraschung, Freude, Ironie, bescheidene Dankbarkeit den Kollegen gegenüber! Und nun kam alles so ganz anders! Der Makler mass ihn vom Scheitel bis zur Sohle, als wäre er ein wunderliches und einigermassen ekelhaftes Gewürm, und sprach mit eiskalter Stimme die denkwürdigen Worte:

»Die Unverschämtheit ist wahrlich ganz auf Ihrer Seite ... mein Herr!«

Der Ritter der Ehrenlegion verschluckte sich vor lauter Erstaunen, hustete und vergewisserte sich raschen Blickes, dass er nicht einen Falschen angeredet hatte. Andere drängten sich heran. Bok liess seine Blicke rundherum gehen und begegnete überall einer gewissen Feindseligkeit, einem Misstrauen, einem Abscheu, einer Bosheit, kurzum, allen den edlen Gefühlen, die tugendhafte Staatsbürger gegenüber der minderwertigen und greulichen Erscheinung eines Verbrechers zu hegen pflegen. Da erst wurde es Josephus Bok klar, dass andere vielleicht nicht so rasch von seiner Unschuld überzeugt werden konnten, und der Gedanke, dass alle diese tadellos gekleideten, hochangesehenen Herren rings um ihn her voll heimlicher Furcht und Scheu auf seine Hände blickten, an denen das Blut ihres ehrenwerten Freundes und Kollegen, des einflussreichen Bankiers Artur Rondeel klebte, erschien ihm so ausgesucht lächerlich, dass er, ohne es zu wollen, laut auflachte und wie ein Narr in der beinahe peinlich gewordenen Stille immer weiter lachte, bis die Diener aus den fernsten Winkeln der grossen Säle herbeieilten und das Gedränge rings um Bok noch grösser machten.

Sein dröhnendes Lachen, das eine zynische Gleichgültigkeit gegen alles verriet, was der Welt für achtenswert gilt, liess die Verachtung und die Entrüstung, den Abscheu und den Groll über den vermeintlichen Mörder des eigenen besten Freundes derart anschwellen, dass allgemein eine drohende Haltung angenommen wurde, insbesondere von denen, die am weitesten von ihm entfernt standen. Ein dumpfes Gemurmel, das die nur mühsam, unterdrückte Lust zu Gewalttätigkeiten verriet, stieg an bis zu dem erst noch halblauten, noch etwas zögernden Ruf eines Herrn, der in den hintersten Reihen stand: »Werft den Schuft doch aus der Börse hinaus!«

Andere Stimmen nahmen den Ruf auf; einen Augenblick gab es einen Wirrwarr von Worten, deren Sinn indessen nicht misszuverstehen war; sie alle forderten: »Hinaus mit dem Banditen! ... Fort mit dem Schuft! ... Raus aus der Börse! ...«

Und kräftig begannen die am weitesten Entfernten heranzudrängen, so dass der ehrenwerte Josephus Bok, der im Knopfloch seines tadellos sitzenden Jacketts das Bändchen der Ehrenlegion trug, trotz seines anfänglichen Widerstrebens ganz allmählich von seinem Platz weg und in die ihm unangenehme und höchst unerwünschte Richtung nach der Tür zu gedrängt wurde. Nach einem Augenblick starren Erstaunens gewann der Versicherungsdirektor die Macht über seine geschulte Stimme wieder und brüllte laut durch den Tumult hindurch:

»Idioten! ... Was wollt Ihr denn eigentlich? Man hat mich doch auf freien Fuss gesetzt! Habt ihr denn nicht mehr gesunden Menschenverstand als ein verdreht gewordener Kriminalbeamter, der vor Verlegenheit nicht ein noch aus weiss? Hört doch auf mit dem blödsinnigen Gedränge! ... Habt ihr denn wirklich auch nur einen Augenblick geglaubt ...«

Er hatte noch halb lachend angefangen zu reden, aber jetzt lachte er schon gar nicht mehr. Die Schamröte stieg ihm in die feisten Wangen, und während er an der Stelle, wo ihm das Herz sass, einen stechenden Schmerz empfand, fühlte er, wie das Misstrauen der Menge eine dunkle Mauer rund um ihn aufbaute, und zugleich empfand er die Machtlosigkeit des einzelnen, in solchem Falle auch nur den allergeringsten Einfluss auszuüben. Diese ihm blitzschnell bewusst gewordene Verallgemeinerung seines persönlichen und eigentlich komischen Ungemachs benahm Josephus Bok jegliche Lust zum Lachen. Sein gutmütiges Komikergesicht erblasste und nahm einen Ausdruck an, der nahe an Furcht und Verdruss grenzte. Das bestärkte nun wieder die anderen Ehrenmänner, und in einem immer stärker anschwellenden Gefühl von der Aufrichtigkeit, ja, der Heiligkeit ihrer Wut drängten sie immer heftiger heran und schrien immer lauter:

»Raus mit dem Schuft! ... Raus aus der Börse! ... Raus aus der Börse! ...«

Josephus Bok widersetzte sich kaum noch. In ihm war nun eine tiefe Mutlosigkeit, ein Gefühl des Unbehagens, der Ohnmacht und des Widerwillens gegen die unwiderlegliche Dummheit einmal geweckter Vorurteile. Ueberall sah er boshaft drohende Augen und wutverzerrte Gesichter. Ueberallher schoss die tiefste Verachtung ihre mit Widerhaken versehenen giftigen Pfeile auf ihn ab. Die Menge hatte ein Schlachtopfer gefunden und kühlte in wahrer Wollust ihre entfesselten Triebe an ihm bis zur letzten Erniedrigung und Vernichtung. Bereits stand er zur Seite gedrängt oben an der Freitreppe, die auf die Strasse führte, wo fortan sein Platz sein sollte: da kam ein grosses Luxusauto in schnellster Fahrt um die Ecke gefahren und hielt scharf bremsend plötzlich an. Der Schlag wurde geöffnet. Eine breite Gestalt sprang auf die Stufen, warf einen Blick auf die schreienden Börsianer dort oben, merkte, was los war, eilte mit ein paar Sätzen die Treppe hinauf, stellte sich demonstrativ an die Seite des in die Enge getriebenen Josephus und legte ihm mit einer freundschaftlichen Gebärde die Hand auf die Schulter.

Der Lärm verstummte wie auf einen Zauberschlag. Wie vom Donner gerührt standen die wütenden Börsenmänner jetzt da. Höchstes Entsetzen, Unglauben, Verwunderung waren in deutlich lesbaren Zeichen auf die erblassten Gesichter der Zuschauer geschrieben, die mit einem Schlage ihren ganzen Furor verloren hatten und nun Kindern glichen, die von einem strengen Lehrer bei einem unerlaubten Scherz ertappt worden sind.

Neben Josephus Bok stand der ermordete Bankier Artur Rondeel, lebendig, unversehrt, lächelnd, und seine Hand lag freundschaftlich auf der Schulter eines seiner Mörder! ...

Und nun sprach mit seiner ganz vertrauten Stimme, ohne den geringsten gespenstischen Beigeschmack, der von einem grauenhaften Tode Auferstandene:

»Meine Herren ... ich danke Ihnen für den Beweis Ihrer Sympathie, den Sie mir dort so handgreiflich darbrachten. Ich hoffe, dass Sie bereit sein werden, meinem guten Freunde Josephus Bok, dem Treuesten unter der Sonne, jede Genugtuung zu geben, auf die er ein volles Recht hat. Sie werden bald mehr von uns hören. Auf Wiedersehen!«

Und noch bevor einer der aufs höchste verblüfften Zuschauer seinen vor Erstaunen weit geöffneten Mund wieder hatte zumachen können, raste das Luxusauto schon davon und brachte den Bankier sowie den auf so seltsame Weise rehabilitierten Direktor der Versicherungsgesellschaft auf das Polizeipräsidium.

Eine volle Minute lang blieb es oben an der Treppe der Effektenbörse mäuschenstill. Dann aber brach ein neuer Tumult los: alles rief, schrie, brüllte durcheinander. Man packte sich gegenseitig bei den Schultern, griff sich an die Stirn, und der Herr Makler Van Duyn, der die Attacke so selbstbewusst begonnen hatte, verlor leise seufzend zum erstenmal in seinem Leben die Fassung und fiel in Ohnmacht, was nicht gerade dazu beitrug, die Gemüter zu beruhigen ...

Fünf Minuten später setzte eine lebhafte Nachfrage nach Aktien der Internationalen Bank ein. Die Kurse schnellten in die Höhe, das Angebot war jedoch äusserst gering ...

Aber während die Aktien der Bank auf der Börse so sprungweise stiegen; sass im Chefbureau der Kriminalabteilung des Polizeipräsidiums eine merkwürdige Gesellschaft beieinander. Da war einmal der Chef der Kriminalpolizei selber mit seinem so trefflich begabten Untergebenen, seiner »rechten Hand«, dem bestrenommierten Nathan Marius Duporc. Ferner bemerkte man Herrn Artur Rondeel – glatt rasiert und von neuem im Schmuck seines braunen Haares; seinen Sekretär Jan Kikker und seinen Freund Josephus Bok, der soeben erst der Wut der Börsenleute entronnen war; und dann war – wahrscheinlich zur grössten Verwunderung des Lesers – auch der gerissene Karel Jean Tullipe dabei, der doch allen Grund gehabt hätte, diese für ihn höchst bedenkliche Umgebung zu meiden, und er tauschte mit Jaapje Eekhorn, der niemals unverschämter und selbstsicherer hinter seinen grossen glitzernden Brillengläsern in diese unwürdige Welt geblinzelt hatte, ein freundliches Lächeln aus.

Der Chef zeigte eine undurchdringliche Amtsmiene. Nathan Marius sah sehr vergnügt aus; er liess merken, dass dies sein grosser Tag war. Die Uhr schlug drei. Es klopfte, und als der diensttuende Beamte ihn fragend anblickte, sagte Duporc, so wie es sich für einen echten Meisterdetektiv ziemt, ohne auch nur abzuwarten, was der Mann vorbringen wollte: »Führen Sie Herrn Thyssen herein.«

Worauf Herr Hans Thyssen das Zimmer betrat, erbleichend auf der Schwelle stehen blieb und die Augen starr auf den aus dem Jenseits zurückgekehrten Herrn Rondeel heftete, der ihn mit einem höflichen, wenngleich einigermassen ironischen Lächeln begrüsste.

»Erschrecken Sie nicht, alter Freund und Papierverderber«, rief Josephus Bok, der sich schon ganz von dem Schrecken erholt hatte, und lachte übers ganze Gesicht. »Herr Rondeel ist niemals lebendiger gewesen als in diesem Augenblick, und Sie sind ihm ausserordentlich sympathischer. Das einzige, was er an Ihnen auszusetzen hat, ist, dass Sie nicht der Verfasser des Romanes ›Ozean der Welt‹ sind, doch auch das wird er Ihnen verzeihen.«

»Verrückter Hering!« lachte der Bankier.

»Nehmen Sie Platz, Herr Thyssen,« sagte der Kommissar, »alle Rätsel werden sich nun bald lösen. Darf ich Sie bitten, Herr Rondeel, mit den Aufklärungen zu beginnen, die Sie uns in so liebenswürdiger Weise versprochen haben, obwohl wir darauf amtlich keinen Anspruch geltend machen könnten?«

»Wenn Sie nichts dagegen haben, möchte ich lieber, dass mein Prokurist Karel Jean Tullipe, der sozusagen der Regisseur der ganzen Komödie gewesen ist, das Wort nimmt«, erklärte der Bankier.

In den Augen des Chefs war eine leichte Verwunderung zu lesen, allein Nathan Marius lächelte nur milde, wenn auch ein wenig ungläubig. Der korrekte Karel Jean Tullipe hüstelte vornehm und begann darauf mit einer ziemlich eintönigen und gelangweilten Stimme, als erzähle er eine schon längst bekannte und masslos uninteressante Geschichte zum soundsovielten Male:

»Obwohl die kühl feindliche Umgebung hier mir ziemlich stark auf meine empfindsamen Nerven fällt, will ich doch versuchen, den Auftrag meines verehrten Chefs so klar und kurz wie möglich auszuführen. Die verehrten Zuhörer wollen, soweit sie noch nicht eingeweiht sind, freundlichst versuchen, jeglichen Gedanken an verbrecherische Absicht zu verbannen. Es handelt sich hier einzig und allein um eine Familienangelegenheit, sozusagen um eine Gefühlssache ... Fräulein Klothilde Rondeel war, wie bekannt, beinahe schon mit dem jungen Jones verheiratet. Allein sie liebte ihn nicht, hatte nur, nachdem er sie sehr stark und ausdauernd umworben und um sie angehalten hatte, sozusagen aus Mitleid in die Heirat eingewilligt. Diese würde auch zweifellos stattgefunden haben, wenn nicht verschiedene Tatsachen in jüngster Zeit die Vermutung hätten aufkommen lassen, dass der junge Jones sie gar nicht liebte, sondern nur auf Betreiben seines Vaters und mit der Absicht, die Internationale Bank in eine einzige Hand zu bringen, sich so hartnäckig um sie bemüht hatte. Stellen Sie sich die Besorgnis des liebenden Vaters vor, der seine angebetete Tochter von dem ganzen Elend einer ohne Liebe und nur aus hässlicher Berechnung geschlossenen Ehe bedroht sieht! Um die Probe auf das Exempel zu machen, wurde nun eine kleine Komödie inszeniert, die Namen und Stellung des Vaters scheinbar in Gefahr bringen sollte. Auf diese Weise musste sich ja herausstellen, ob die Liebe des jungen Jones wirklich so gross war, wie er behauptete, ob sein Herz wirklich aus echtem Golde war – oder nur vergoldet! Während einer meiner häufigen Vergnügungsreisen ins Ausland hatten Herr Rondeel und ich die allerangenehmsten Beziehungen angeknüpft, und da ihm meine Geschicklichkeit bekannt war, nahm er meine Hilfe in Anspruch. In Gemeinschaft mit Herrn Josephus Bok inszenierte ich darauf den vermeintlichen Mord im D-Zuge. Die unerwartete Anwesenheit unseres hochverehrten Kommissars Duporc (Nathan Marius verneigte sich bei diesen Worten ironisch dankend) zwang uns dazu, erst einen frechen Eisenbahndiebstahl zu fingieren, um Zeit zu gewinnen und seine Aufmerksamkeit von uns abzulenken. Zu diesem Diebstahl suchten wir uns die auffallend plump nachgemachten Edelsteine einer allein reisenden Dame aus, damit ja niemand einen ernstlichen Schaden erlitte. Wir sahen uns sogar genötigt, den als äusserst scharfsinnig bekannten Kommissar in Amsterdam auf die Spur einer hübsch ersonnenen Erpressungssache zu hetzen, um ihn uns so viel wie möglich vom Leibe zu halten. Unser Freund und Mitarbeiter Jacobus Eekhorn stellte sich dafür zur Verfügung; er war natürlich ganz sicher, dass unsere vereinten Aussagen über die Harmlosigkeit seiner »Absichten« ihm Straflosigkeit garantieren würden, da es ja niemals in unserm Plan gelegen hatte, das »erpresste« Geld zu behalten, und infolgedessen eine strafbare Handlung nicht vorliegt. Während wir Herrn Duporc – er möge es uns freundlichst verzeihen! – auf diese Weise ablenkten, wurde der fingierte Mord auf möglichst grauenvolle und blutige Weise inszeniert. Die Herren Rondeel und Kikker sowohl wie meine Wenigkeit machten sich mit Hilfe einer Maskerade völlig unkenntlich, und zwar Herr Kikker und ich dadurch, dass wir Frauenkleider anlegten, während Herr Rondeel sich in einen sehr englisch aussehenden, alten Herrn verwandelte, und zwar durch Mittel, deren nähere Schilderung ich mir – Diskretion Ehrensache! – hier versagen muss ...«

»Unter denen aber ein Gillette-Rasiermesser sowie eine Flasche Kognak Fine Champagne zur Entfernung eines Patent-Haarfärbemittels eine nicht unbeträchtliche Rolle spielten«, warf Duporc hier so obenhin dazwischen.

Der Hoteldieb ignorierte diese Bemerkung genial geflissentlich, allein der Bankier wurde puterrot und fuhr unwillkürlich mit der Hand nach seinem glänzend braunen Haarschopf.

Karel Jan fuhr ruhig fort:

»Eine im Hause des Herrn Bok angefertigte Puppe sollte von der Eisenbahnbrücke aus ins Wasser geworfen und nicht aufgefischt werden, da sonst der Trick allzu rasch entdeckt worden wäre. Zu diesem Zweck war die aus Jute gemachte Puppe mit Salz gefüllt, so dass der Inhalt in dem strömenden Wasser geschmolzen sein musste, ehe man sie noch hätte auffischen und damit etwas beweisen können. Bei der Verwirrung, die ausbrach, als der Zug plötzlich auf das Notsignal hin hielt, konnten die Teilnehmer an dem Scherz sich bequem zwischen die anderen Passagiere mengen und später in den Vermummungen weiterreisen, die sie unkenntlich machten.«

»Und wer schloss einen gewissen Jemand in die Toilette ein, sobald die – natürlich nur fingierte – Beraubung stattgefunden hatte?« fragte Duporc lachend.

»Das tat sicherlich jemand, der ganz besonders mit der Bewachung dieses gewissen Jemand betraut war und ihn gerade in der Toilette verschwinden sah,« antwortete grinsend Jaapje Eekhorn, »und ich will keine Zigarette mehr rauchen, wenn er's nicht verteufelt geschickt anfing!«

Der verbindliche Herr Tullipe verlor kein Wort über diese belanglosen Einzelheiten und fuhr fort:

»Die Einmischung des Herrn Duporc hat uns böse zu schaffen gemacht und uns dazu gezwungen, früher zurückzukehren, als wir ursprünglich beabsichtigten. Seine geniale Entdeckung des Aufenthaltsortes von René Rana zwang uns, der Marseiller Polizei gegenüber auf ihr Ersuchen mit ganz offenen Karten zu spielen, und nur die telephonische Einmischung des Herrn Duporc selber hat es uns ermöglicht, hier freiwillig zu erscheinen und alles nach Wahrheit, Ehre und Gewissen aufzuklären. Uebrigens ist der »Zweck der Uebung« erreicht, wie wir das beim Militär zu nennen pflegten, dem ich als Reserveleutnant anzugehören noch die Ehre habe. Das Märchen von den enormen Werten, die angeblich gleichzeitig mit dem Bankdirektor verschwunden sein sollten, erschütterte das Vertrauen zu der Solidität und dem Kredit des Hauses Rondeel in so hohem Masse, dass Herr Jones jun. seine Maske ablegte und sein ganzes spekulatives Gebaren auf geradezu unerhört dreiste Weise zu erkennen gab. Die Hochzeit mit Fräulein Klothilde wird nicht stattfinden.«

»Richtig!« sagte Jan Kikker ein wenig zu triumphierend, als dass er noch länger nur als teilnahmsvoller Freund des Hauses hätte gelten können.

»Richtig!« sagte auch der Kommissar und lächelte auf eine Art, die den Berufsmenschen Jaapje Eekhorn und Jan Tulp durchaus nicht recht gefiel. Darauf fragte der Schriftsteller Hans Thyssen:

»Und was habe denn eigentlich ich mit dieser lächerlichen, ganz platten und unkünstlerischen Komödie zu schaffen?«

»Sie dürften das Opfer von ein paar unvorhergesehenen Einzelheiten geworden sein«, sagte Duporc. »Dazu gehörte zum Beispiel der Einfall des Herrn Bok, Sie in seiner Nähe festzuhalten, um Sie bei der Entdeckung des Verbrechens als Zeuge zu benutzen. Das gelang vorbei, weil Herr Bok selber in Verdacht geriet, und weil Ihr eigenes Verhalten im Zusammenhang mit der Beraubungsaffäre einigermassen verdächtig erschien.«

»Ich weiss! ... Ich weiss! Sie denken an das Benzin, das Sie so hartnäckig für Chloroform hielten«, lachte der Schriftsteller. »Ich hätte geglaubt, dass Kriminalisten eine bessere Nase hätten.«

»Ihr Benzingeruch war ausgeprägt genug«, versicherte Duporc. »Aber es waren auch noch andere Anzeichen vorhanden, die uns veranlassten, Sie mit dem Verbrechen in Verbindung zu bringen.«

»Das wird unsereinem mit durchgelaufenen Stiefelsohlen, die man mit der gestohlenen Weinkarte aus dem Speisewagen notdürftig ausbessern will, wohl immer so gehen«, meinte Hans Thyssen seufzend, während er verliebt auf seine neuen, wasserdichten Stiefel schaute, die er sich von dem Honorarvorschuss auf eine neue Reklameskizze rasch gekauft hatte.

»Ich hoffe, dass die Angelegenheit nun genügend geklärt ist?« fragte der Bankier. »Ich habe mit der Direktion der Schlafwagengesellschaft gesprochen und bin für allen Schaden und alle entstandenen Unkosten aufgekommen. Diese Angelegenheit dürfte also restlos geregelt sein – liegt etwa sonst noch ein Anspruch vor?«

Der Chef schüttelte nachdenklich den Kopf. Ihm war ein wenig schwindlig bei der ganz unerwarteten Wendung, die diese ohnehin schon seltsame Affäre nun genommen hatte. Er fühlte sich überrumpelt durch das dreiste Spiel dieser Komödiantengruppe, unter der sich einige Individuen befanden, die ihm nur wenig Vertrauen zu verdienen schienen.

»Wenn ich mir eine Frage gestatten dürfte,« fuhr der Bankier fort, »so möchte ich wohl gern wissen, wie Herr Duporc hinter unser Geheimnis gekommen ist?«

»Sie und Ihre Freunde haben allzu deutliche Spuren hinterlassen«, sagte lächelnd Nathan Marius. »Das ist alles. Eine gewisse Kenntnis der Gewohnheiten mancher Menschen, ein Haar in einer Waschschüssel, ein defekter Riegel am Fenster eines Hotelzimmers, dazu ein wenig Kombinationstalent und ein einigermassen sicheres Schlussfolgerungsvermögen lässt die Geheimnisse schon leidlich durchsichtig werden. Und sogar so tüchtige Schauspieler, wie Herr Bok zweifellos einer ist, haben ihre schwachen Momente, wenn ihnen die Ueberraschung zu schnell kommt. Ohne den unnatürlichen, jähen Uebergang vom äussersten Schmerz zur unverkennbar echten bösartigen Ironie hätte ich niemals den Mut gehabt, so energisch gegen Sie aufzutreten.«

Bok, der sich nun in seiner Berufsehre gekränkt fühlte, lächelte sauersüss und bemerkte in der unverkennbaren Absicht, dem anderen etwas Unangenehmes zu sagen:

»Sie hätten zweifellos eine glänzende Zukunft als Theaterkritiker.«

»Danke!« antwortete Duporc trocken. »Ich habe so schon Feinde genug.«

»Aber ich bitte Sie, Herr Kommissar ... Jetzt übertreiben Sie doch wohl ein wenig!« rief Jaapje Eekhorn eifrig aus.

»Brauchen Sie uns noch?« fragte Rondeel.

»Ich nehme an, dass der einzige, der hierbleiben muss, der sogenannte Karel Jan Tulp ist, der in gewissen Kreisen besser unter dem Pseudonym Charles Jean Tullipe bekannt ist«, antwortete Nathan Marius äusserst liebenswürdig. »Wir beide haben noch dies und jenes zu besprechen, was mit Theatervorstellungen in D-Zügen nichts zu schaffen hat.«

»Ich stehe Ihnen zur Verfügung«, sagte Tulp, während er aufstand und eine zierliche Verbeugung machte. »Ich wusste, dass ich mich dieser unsympathischen Unterhaltung und den daraus etwa entstehenden Folgen schwerlich würde entziehen können. Allein der Wunsch, meinen Freunden gefällig zu sein, Hess mich meine nicht geringen Bedenken gegen mein Hierherkommen überwinden. Vielleicht gestatten Sie mir, dass ich Herrn Rondeel dieses Portefeuille mitgebe, damit er es in meinem Safe in seiner Bank für mich aufhebt, bis ich nach einiger Zeit, sobald alle Missverständnisse aufgeklärt sind, meine Stellung bei ihm wieder aufnehmen kann.«

Der Polizeichef untersuchte den Inhalt der Tasche und brachte zehn Tausendguldenscheine zutage sowie einen zehnjährigen Vertrag als Prokurist mit dem Anfangsgehalt von jährlich 12 000 Gulden. Der Kommissar blickte den Bankier fragend an. Dieser sagte freundlich:

»Das Geld kommt ihm ehrlich zu: Honorar für die Regie des Mordes im D-Zuge. Die Ernennung stimmt auch und ist ganz seriös. Dieser achtbare Herr kommt heute wohl mit Ihnen zum letztenmal in Berührung, vermute ich. Intelligenzen wie die seinige und die des Herrn Eekhorn lässt sich ein vernünftiger Geschäftsmann nicht entgehen, wenn er sie erst einmal entdeckt hat.«

»Dann ist also die Zusammenkunft im Hotel Ponsen ein besonderer Glücksfall für die Herren Tulp und Eekhorn gewesen«, sagte Duporc, während seine Blicke blitzschnell umherflogen. Tulp und Eekhorn lächelten harmlos, Rondeel und Kikker wurden um einen Schatten blasser, Bok schaute ehrlich verwundert drein, Thyssen blieb vollkommen gleichgültig, und so fand der Schlaukopf seine gesamte Kombination mit einem Schlage bestätigt.

Inzwischen verabschiedete sich Karel Tulp sehr herzlich von seinem Chef und den übrigen Freunden und wurde an einen weniger angenehmen Ort abgeführt. Immerhin konnte er dies um so gelassener ertragen, weil ja seine ganzen Gedanken nun der Prokuristenstelle galten, die seiner harrte, und er inzwischen alle Chancen überlegen konnte, mittels deren er sein nicht unansehnliches Gehalt auf geniale Weise zu erhöhen vermochte. Nachdem er verschwunden war, fuhr Jaapje Eekhorns Equipage vor, und er wurde in sein »Hotel« zurückgebracht, wo er den Beschluss abwarten musste, den der Untersuchungsrichter fassen würde, wenn er die Erklärungen so zuverlässiger Zeugen wie eines Bankdirektors, seines Sekretärs, des Direktors einer ausserordentlich gut renommierten Versicherungsgesellschaft und Ritters der Ehrenlegion zur Kenntnis genommen hatte. Als nun auch der Herr Hans Thyssen, ein wenig perplex über all den unbegreiflichen Wirrwarr, aus dem sein ehrliches und unerfahrenes Autorenherz nicht klug werden konnte, nach höflicher Verabschiedung und vielen Entschuldigungen seitens der Polizei gegangen war und die drei noch zurückgebliebenen Herren sich die Handschuhe anzogen und aufstanden, um auch ihrerseits das Amtsgebäude zu verlassen, fragte Duporc plötzlich mit honigsüssem Lächeln den Bankier:

»An welchem Tage wird Herr Jones sen. aus der Direktion der Internationalen Bank ausscheiden, Herr Rondeel? Oder haben Sie vielleicht noch nicht die Zeit gefunden, den Termin festzulegen?«

»Wer hat Ihnen denn gesagt, dass Herr Jones überhaupt aus der Direktion austreten wird?« fragte der Bankier, sichtlich unangenehm berührt.

»Das habe ich mir so zusammengereimt,« antwortete lächelnd Nathan Marius. »Also das Datum steht noch nicht fest?«

Der nie verlegene Jan Kikker versuchte die Situation zu retten, indem er unhöflich mit der Frage dazwischenfuhr: »Darf ich vielleicht wissen, mit welchem Rechte Sie sich in Dinge einmischen, die nur die Direktion und die Verwaltung der Bank angehen?«

»Zu der auch Sie alsbald gehören werden?« gab der unverbesserliche Detektiv dreist zurück und fügte dann ruhig hinzu: »Nach Ihrer Heirat mit einer gewissen jungen Dame aus Aerdenhout, deren Schuhnummer 38 ist. Es tat mir nur leid, dass ich nicht bald genug durchschaute, was eigentlich der Zweck dieser ›Uebung‹ war, wie Ihr intelligenter Freund Tulp sich so unverblümt ausdrückte. Vielleichtwären dann die Aktien der Internationalen Bank nicht so stark gefallen, und vielleicht hätten dann ein paar Kleinrentner ihre Effekten noch sicher und geborgen in ihrem Schrank zu liegen.«

»Ich glaube, wir müssen nun gehen,« bemerkte der Bankier, der plötzlich auffallend kleinlaut geworden schien.

»Wir haben leider keine gesetzliche Handhabe, durch die wir Sie daran hindern könnten,« sagte der höfliche Duporc. »Und daher glaube ich, dass mein Herr Chef Sie ohne weiteres wird gehen lassen. Mir sind übrigens simple Taschendiebe wie Jaapje Eekhorn lieber, aber das ist natürlich persönliche Geschmacksache, worüber sich bekanntlich nicht streiten lässt. Ich empfehle mich, meine Herren.«

Merkwürdigerweise reagierten die im Weggehen begriffenen Herren auf diese Worte nicht, obgleich sie mit besonderer Betonung gesagt wurden. Sie verschwanden mit einer bemerkenswert schüchternen Verneigung gegen den Chef, der sich damit begnügte, kühl mit dem Kopf zu nicken. Als sie gegangen waren, wendete er sich zu Duporc, schaute ihn mit ehrlicher Bewunderung an, reichte ihm die Hand und sagte mit dem Brustton der Ueberzeugung:

»Sie sind ein Prachtkerl! Ihr Blick dringt bis in jedes kleinste Detail. Und was glauben Sie nun: war Tullipe schon von vornherein mit im Komplott?«

»Ausgeschlossen!« versicherte Nathan Marius. »Sie haben ihre Geschichte gut abgekartet; sie hatten ja auch Zeit genug dazu. Aber sie lügen alle, dass sich die Balken biegen. Der Gauner hat sie in ihrem Abteil überrascht, als sie gerade im Begriff waren, ihre neue Maske zu machen, und zwar in dem Augenblick, als er vor mir die Flucht ergriff. Er hat ihnen eins der Damenkostüme abgepresst, und erst im Hotel Ponsen haben die vier edlen Gesellen dann einen Bund geschlossen, als jenen das Messer an der Kehle oder vielmehr der Browning Walther 67 999 auf der Brust sass. Uebrigens haben sie alle die vereinbarten Rollen weiterhin ganz ausgezeichnet durchgeführt, und die Justiz hat jetzt das Nachsehen. Die Mitglieder dieser Komödiantengesellschaft sind zum grössten Teil viel zu vornehm, als dass man sie der Defraudation verdächtigen könnte.«

»Und was halten Sie von der Familiengeschichte? Ganz von der Hand zu weisen ist sie ja nicht, wenngleich sie für unsere prosaischen Zeiten merkwürdig romantisch klingt. Bleiben Sie bei Ihrer Hypothese aus dem Bericht?«

»Aber natürlich! Glauben Sie denn als moderner Mensch, dass sich ein Bankier wie Rondeel derartigen Strapazen aussetzt – nur wegen einer Heiratsangelegenheit, die ja viel einfacher rückgängig zu machen wäre? Nein, dahinter steckt mehr! Lauter Schmus, den man irgendeinem schweren Jungen keinen Augenblick glauben würde! Ich habe mich übrigens heute noch einmal bei der Bank informiert. Der alte Jones hatte die Macht vollständig in seinen Händen. Er besass weitaus die meisten Aktien und hatte Rondeel infolgedessen ganz in der Gewalt. Die Verlobung zwischen seinem Sohn und Klothilde hatte er tatsächlich gegen den Willen des jungen Mädchens und des Jan Kikker durchgesetzt, um einer Zersplitterung des Kapitals vorzubeugen und das Geld der beiden Bankiersfamilien in eine Hand zu bringen. Und so muss auf Betreiben des Josephus Bok, dieses ehemaligen Schauspielers und Phantasten, des Hausfreundes der Rondeels, der verrückte Plan gefasst worden sein, der trotz alledem so wohl gelungen ist. Der angebliche Riesendiebstahl an Gold und Wertpapieren, die den Besitz der Bank repräsentierten, und die Aufsehen erregende Ermordung des als Direktor geltenden Rondeel haben an der Börse eine Panik hervorgerufen, die den Aktien einen kolossalen Stoss versetzt hat. Und selbst Jones ist darauf reingefallen!«

Und Duporc fuhr fort:

»Sehen Sie, die Strohmänner des Rondeel müssen für ihn einen grossen Coup gemacht haben, und in diesem Augenblick hat der Herr sein Schäfchen ins trockene gebracht, hat die Aktienmajorität der Internationalen Bank an sich gerissen, drängt Jones leichtlich hinaus und schafft einem Kikker, alias René Rana, der sein zukünftiger Schwiegersohn und persona grata im Herzen der anmutigen Klothilde ist, einen Direktorposten. Zwei Fliegen mit einer Klappe, aber zugleich eine Schwindelaffäre von so ungeheuerem Ausmass, dass wir dagegen nichts machen können. Das ist die moderne Romantik: Kein Kampf mit Dolch und mit Pistolen, sondern mit Gold und Aktienpaketen ... Können Sie es jetzt verstehen, wie solche Ehrenmänner wie Jaapje Eekhorn und Jean Tullipe zu der Ueberzeugung gelangen mussten, dass sie vollkommen in ihrem Recht sind, und wie sie es uns übelnehmen, wenn wir uns in ihre Finanzoperationen einmischen, die sich doch immerhin auf sehr kleiner Basis abspielen?« schloss er verbittert. Und dann fuhr er nach einer kleinen Pause fort:

»Und da hat man nun alles zusammengetragen, herumgewühlt und geschnüffelt, alles entdeckt, alles erraten ... Und das Ende vom Liede ist, dass man die Schurken laufen lassen muss, weil man auch nicht den Schatten eines Beweises für ihren Betrug aufzeigen kann und die ganze unsaubere Affäre als einen Scherz gelten lassen muss. Wenn man die Kunst nicht um der Kunst willen betriebe, möchte man weiss Gott den ganzen verdammten Kram hinschmeissen und sich vor Wut die Haare ausraufen. Aber es geht eben, wie es geht! Jaapje Eekhorn und Jan Tulp können bei mir auf einen glänzenden Extrabericht vor Gericht rechnen. Je früher diese beiden Gauner ihre Tätigkeit bei der Bank aufnehmen, desto lieber ist es mir; sie gehören ganz einfach dahin! Und jetzt will ich doch rasch noch eine Erkundigung einziehen.«

Er nahm das Telephon ab, nannte die Nummer eines Effektenmaklers und erfuhr, dass die Aktien der Internationalen Bank auf 145 standen und noch immer weiter stiegen ... Gestern waren sie zwischen 48 und 49 gewesen ...

»Prost!« rief Nathan Marius und warf den Hörer hin. »Jetzt kann man sich ja leicht ausrechnen, was die Herren bei ihrem unschuldigen Scherz verdient haben. Na, meinetwegen! Das geht uns nichts an, Gott sei's geklagt. Kommen Sie, lieber Freund, ich bin müde von all dem Gerede um nichts und wieder nichts, ich brauche ein wenig frische Luft. Ich gehe in ein Kino!«

Und noch bevor der Chef antworten konnte, war Duporc verschwunden. Draussen im Schein der Wintersonne wurde seine Stimmung bald besser, und an der Ecke der Damstrasse vergass er alle Bitterkeit, als er Connies kleines rotes Mündchen lächeln sah. Ganz ungeniert schob er seinen Arm in den ihren und ging mit ihr auf die Kalverstrasse zu, wo das glückliche Paar im hellerleuchteten Femina-Kino verschwand. Alle Verbrechen und alle Missetäter, alle echten und fingierten Morde und Beraubungen liessen Nathan Marius Duporc in diesem Augenblick eiskalt. Er genoss die »frische Luft« in dem Kino, wo man ein »Wild-West«-Drama drehte ...

 

Und der Teufel, der ihn hineingehen sah, grinste, wie ein Gegner grinst, der sein Spiel gewonnen hat.

Darauf schaute derselbe Teufel sich nach dem Bankdirektor um, den er mit seinem Freunde, seiner Tochter und seinem zukünftigen Schwiegersohn bei einer Flasche Champagner antraf, und er hörte gerade, wie der jugendliche Liebhaber des Ensembles einen Toast auf die einigermassen hereingefallene Familie Jones und den wackeren Herrn von der Kriminalpolizei ausbrachte, der alles mit so viel Geschick entdeckt hatte und sie nachher doch hatte laufen lassen müssen. Sie lachten alle sehr vergnügt, wie nur Menschen mit reinem Gewissen und zufriedenem Herzen lachen können. Und der Teufel lachte mit und machte seine Rechnung.

Darauf wendete er sich einen Augenblick nach dem Gefängnis, durchbohrte mit seinen grünschillernden Augen die schweren Mauern und erfreute sich an dem Anblick seines Spezialfreundes Jaapje Eekhorn, der lang hingestreckt auf seiner Pritsche lag, unruhig um sich schaute und vor sich hin murmelte: »Wenn sie mich, alle Wetter, hier nicht bald loseisen, dann kann sich die ganze Bande auf etwas gefasst machen.« Der Teufel lächelte nachsichtig, wie man es den Wünschen der kleinen Kinder gegenüber wohl tut. Er wusste ja, dass dieses Kind seinen Willen bekommen würde.

In der danebenliegenden Zelle hörte er eine affektierte Stimme zu dem Wächter sprechen: »Mein bester Freund, tun Sie mir den einzigen Gefallen und lassen Sie mich allein. Ich möchte aus den Börsennotierungen, die ich erst flüchtig gesehen habe, berechnen, wieviel ich heute durch das Steigen meiner Bankaktien verdient habe. Bringen Sie mir in einer halben Stunde das Diner, vergessen Sie nicht die Hors d'oeuvres und auch nicht den perlenden Wein: Marke Château la Pompe premier cru, ohne den mein empfindlicher Magen dieses königliche Mahl nicht verdauen kann. Gehen Sie, mein Freund, und tun Sie Ihre Pflicht. Ich wünsche nun allein zu bleiben.« Noch ein zierlicher Wink einer kleinen weissen Hand, und laut auflachend flog der Teufel davon, um noch einen Augenblick vor dem beschlagenen Fenster eines Zimmers im obersten Stock zu verweilen.

Da sah er, wie ein Mann über grosse Bogen Papier gebückt sass, sie mit vielen schwarzen Worten bekritzelte und darein seine Ewigkeitsträume goss. Dieser Mann hatte völlig vergessen, in welchem verwickelten Drama er eine kurze Zeitlang eine Rolle gespielt hatte. Enttäuscht zuckte der Teufel die Achseln und murmelte verächtlich vor sich hin: »Ich habe auch ihm seine Chancen gegeben, aber der unverbesserliche Idiot hat es natürlich wieder nicht gemerkt. Ich gebe ihn auf. Es ist ein hoffnungsloser Fall.«

Und mit einem wilden Schlagen seiner Fledermausflügel schwang er sich empor und verschwand. Das Fenster klirrte. Hans Thyssen blickte auf und lächelte der Muse zu, deren Antlitz er hinter den Scheiben zu gewahren glaubte. Es war aber nur das letzte Endchen von Satans verschwindendem Schweif ...

 

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