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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Dreizehntes Kapitel

Worin der Kommissar das Gastrecht verletzt und die Bekanntschaft eines höchst ungeniessbaren Kollegen macht, Notars Connie mit Schillerlocken traktiert wird und selber was zum besten gibt, während eine chemische Untersuchung die Vermutungen Duporcs auf eine auch für ihn überraschende Weise bestätigt.

 

Mit beinahe krankhafter Neugierde hatte der Polizeibeamte die männlichen und weiblichen Bedienten ausgehorcht, die alle mehr oder weniger unter dem Eindruck des Mordes und des jähen Abbruches der Vorbereitungen zum Hochzeitsfeste standen.

Während der Unterhaltung waren eine beträchtliche Menge Skandalgeschichten aufgetischt worden: am wenigsten noch über Artur Rondeel, der bloss eine Freundin in Blumenthal, eine andere in Amsterdam und eine dritte in Brüssel haben sollte – am meisten aber über Fräulein Klothilde, die nichts durchgehen liess – und die zwar mit dem jungen Jones verlobt war, aber trotzdem unentwegt intensiv mit dem Sekretär ihres Vaters flirtete.

Nächst dem Geist des Bankiers mit dem Kopf Napoleons III. spukte in den Berichten allerlei von prunkvollen Empfängen während der Verlobungszeit und von ausgelassensten Theatervorstellungen unter Leitung von Josephus Bok, mit Klothilde, Kikker und Bok selbst in den Hauptrollen. Bei derartigen Gelegenheiten, hiess es, sei der Sekt in Strömen geflossen.

Vor sechs Wochen, als die meisten Gäste schon abgereist waren, hatte es etwas gegeben, hatte ein heftiger Wortwechsel zwischen dem Verlobten und dem Sekretär stattgefunden, und der Vater der Braut sowie der des Bräutigams hatten sich als verständige Friedensrichter ins Mittel legen müssen.

Der junge Jones war über Jan Kikker wütend gewesen, weil der als Student in der Posse »Charley's Tante« Klothilden, die als Backfischchen allerliebst ausgesehen, auf der Bühne so übermässig oft geküsst hatte. Es musste zwar in dem Stücke so sein, und die Gäste hatten auch geradezu gebrüllt vor Lachen, aber im Grunde genommen war es doch ein wenig anstössig gewesen, dass eine Braut sich so wenig ernsthaft gab und mehr Spass daran fand, Theater zu spielen, als in der Gesellschaft ihres zukünftigen Gatten zu bleiben.

»Morgen früh«, dachte Nathan Marius, nachdem er das Licht gelöscht, seiner Gewohnheit gemäss den Browning unter sein Kopfkissen gelegt und dem durch das Fenster hereinlächelnden Monde mit schlaftrunkenen Augen zugenickt hatte, »stehe ich um fünf Uhr auf und sehe mich im Hause noch ordentlich um, bevor ich zum Laboratorium gehe, um vom Ergebnis der Untersuchung der Fingerabdrücke und der sonstigen Funde zu hören.«

Er dachte sich das so einfach, zumal er fest darauf rechnete, dass die Bedienten in Abwesenheit der Herrschaften nicht allzu pünktlich zur Stelle sein würden. Allein das Bett hatte Täler und Hügel, eine kleine Dachluke klapperte im Nachtwinde, und – was das schlimmste war – in dem angrenzenden Zimmer schnarchte der Chauffeur so gewaltig, als wolle er im Traum den defekten Motor des Autos mit Gewalt in Bewegung bringen, und als nähme die Maschine immer wieder einen Anlauf ...

Duporc schnarchte zwar selber kräftig, aber er tat es in der Einsamkeit seiner Behausung und störte niemals einen anderen Menschen damit.

Von anderen war das kaum auszuhalten – eine Qual, eine Pein für die Nerven, wenn man so sehr um den Schlaf kämpfte mit der Absicht, am nächsten Morgen extra früh aufzustehen! Ein paarmal klopfte er gegen die Wand, etwa in Haupteshöhe des so selig Schlummernden. Aber dann sang der Wind sein schönstes Wiegenlied, und dann begann der Chauffeur wieder von neuem mit seinen Rasseltönen.

Vorübergehend glückte es dem Kommissar, einmal einzuschlafen. Aber plötzlich sass er wieder lauschend aufrecht in seinem Bett, in das er mittlerweile immer tiefer eingesunken war, und bildete sich fest ein, dass draussen im Gang jemand liefe und dass eine Hand sich an der Türklinke zu schaffen machte.

»Unsinn«, sagte er zu sich selber und legte sich wieder hin. Aber nun war es wirklich kein Irrtum: unten wurde eine Tür zugeschlagen, auf dem Kiespfade der Auffahrt vor dem Hause erklangen Schritte, und ein paar Hunde in der Nähe bellten laut.

Von neuem versuchte Duporc seines angeborenen Argwohns, der schon zur Manie zu werden drohte, Herr zu werden.

»Ich liege hier, um zu schlafen«, sprach er unter der Decke, damit ihm der Mondschein nicht lästig fiele; »ich habe einen schweren Tag hinter mir, ich habe auf den Dächern ein gefährliches Abenteuer erlebt und will jetzt von nichts weiter wissen, auch von keinen Geräuschen – sollten sie auch von Einbrechern herrühren, die etwa Lust verspüren, unten alles aufzuräumen oder hier oben an meiner Türe zu rütteln!«

Rinketinkeltinkel ...

Er war zwar ein stämmiger Kerl, er hatte soundso oft sein Leben riskiert, in diesem Augenblick aber überlief ihn doch entsetzliches Gruseln, dass er von den Haarwurzeln bis zu den Zehenspitzen eiskalt wurde.

Das währte kurz oder lang – wer vermag die Dauer eines Entsetzens zu ermessen, das einem eine Gänsehaut überlaufen lässt? Dann richtete er sich mit einem Ruck auf, nahm den Browning in die Hand, tastete sich durch das graublaue kalte Mondeslicht bis zur Türe hin, sah, wie die Klinke sich bewegte, und hörte ein unterdrücktes Fluchen sowie den schleichenden Schritt eines Menschen, der vermutlich auf Strümpfen ging.

Dann wurde es vollkommen still; selbst der Chauffeur schien zu lauschen.

Aus Furcht, sich lächerlich zu machen – es konnte ja irgendeiner vom Personal verspätet heimgekommen sein! –, hatte Duporc nicht den Mut, die Türe zu öffnen, um sich davon zu überzeugen, wer hier um halb zwei Uhr nachts umherspukte. Seine lächerliche Ueberreiztheit ärgerte ihn – schon wollte er wiederum ins Bett steigen, als er plötzlich zum zweiten Male draussen Schritte auf dem Kies vernahm. Leise öffnete er das Fenster.

Niemand!

Nur das Hundegekläff in der Ferne, und in der Garage, am Ende der Auffahrt, Licht.

Seltsam. So war also doch jemand heimgekommen, der ein Auto hatte? Aber von den Wagen des seligen Artur Rondeel war nicht ein einziger unterwegs.

»Alter Idiot!« dachte Nathan Marius und beschimpfte sich so selbst, »du bist ja übergeschnappt! Leg dich schlafen und fang morgen mit ausgeruhtem Hirn von vorne an.«

Als er eben das Fenster schliessen wollte, sah er, wie im rechten Flügel der Villa plötzlich eine elektrische Krone aufflammte und das Zimmer ganz hell wurde.

Eine Frau schloss die Vorhänge – und nun war es ihm klar, dass Klothilde das hinter dem Reichsmuseum gelegene Stadthaus verlassen hatte und noch so spät nach Aerdenhout zurückgekehrt war.

Schade. Das machte seinen ganzen Plan zunichte. Die Männlein und Weiblein vom Personal würden es natürlich merken, dass die Tochter des Hauses, die nichts durchgehen liess, ihre Gemächer bezogen hatte – und so war er um die Hoffnung ärmer, sich morgen in aller Frühe ungesehen umschauen zu können.

Der Mann, der pfeifend vor der Tür gestanden und bei ihm einzudringen versucht hatte, das Wesen, das ihm in seiner übermüdeten Verfassung so stark auf die Nerven gefallen war, konnte kein anderer gewesen sein als der Diener, der mit ihr aus Amsterdam gekommen war.

Der Kommissar überlegte, ob er nicht doch lieber aufstehen sollte. Er war schliesslich nicht zu seinem Vergnügen hierher gekommen, und ausserdem würde in diesem Falle aufgeschoben auch gleich aufgehoben sein! Vorsichtig und leise wie eine Katze erhob er sich, kleidete sich im Lichte des anmutig lächelnden Mondes notdürftig an, zog Beinkleid und Weste über, liess aber den schwarzen Rock an der Tür hängen – der Ueberzieher genügte –, und während er noch die Filzpantoffeln anzog, blieb er wartend am Fenster stehen, bis das Licht in Klothildes Zimmer erlosch.

Dann erst öffnete er, ohne sich zu beeilen, mit denselben katzenartigen Bewegungen die Zimmertür, ohne dass ihr Schloss auch nur das leiseste Geräusch von sich gab, und blickte lauernd durch den Korridor.

Der Chauffeur schnarchte so laut, als schnaufte ein vorweltliches Monstrum in den letzten Atemzügen, und der Wind ächzte leise um das Haus.

Sonst nichts – kein Laut.

Duporc schlich vorsichtig an den herausgestellten Schuhen vor den Türen vorbei über den Läufer zu der breiten Wendeltreppe, spähte über die Brüstung hinab und horchte. Nichts. Kein Ton. Das Mondlicht beleuchtete schaurig und beinahe unheimlich die gemalten Fensterscheiben des Treppenhauses.

Er tastete sich weiter, stützte sich mit der Hand auf das runde Geländer, hielt an, sobald eine der Stufen knarrte, schritt dann vorsichtig im ersten Stockwerk durch den Korridor bis zum Schlafzimmer Klothildes, sah sich erst um wie ein Einbrecher, ob auch nirgends etwas Verdächtiges wäre, und traf dann mit dem Licht seiner elektrischen Taschenlaterne die Halbschuhe der Tochter des ermordeten Bankiers.

Erst presste er das Ohr gegen die Tür, lauschte, glaubte Atemzüge zu vernehmen. Dann betrachtete er mit beinahe unverständlicher Neugier einen der kleinen Schuhe – den spitzen hohen Absatz – die noch fast neue Sohle – und die Nummer 38. Das machte ihm anscheinend solche Freude, dass er lächelte und die Ungeschicklichkeit beging, das hübsche Ding aus der Hand gleiten zu lassen. So zierlich der Schuh war, schlug er nun doch mit einem hässlich-harten Knall auf den gebohnten Fussboden neben dem Läufer.

Schnell löschte Duporc, der sich nun wirklich wie ein Dieb vorkam, die Laterne und schoss mit einem Satz zum Treppenhaus.

Kaum war er um die Ecke, als auch schon Licht im Korridor angedreht wurde und eine Stimme rief: »Ist da jemand?«

Er rührte sich nicht und hielt den Atem an, bis die Türe wieder geschlossen wurde. Erst nach einer Weile schlich er über die Smyrnateppiche im Vestibül, unter der Kuppel mit der riesengrossen Zierpalme hindurch, weiter bis zum luxuriös eingerichteten Arbeitszimmer des Bankiers, einem Erkergemach, das mit seiner Mahagoniholztäfelung und den eingebauten Bücherschränken einen äusserst gediegen-vornehmen Eindruck machte.

Er hatte sich die Lage der Zimmer sorgfältig gemerkt, schloss die Tür sofort hinter sich ab und stand jetzt in der tiefsten Dunkelheit, denn die schmale Spalte in den fest verschlossenen Läden liess nur zwei fahlgrüne Lichtstreifen durch. Ohne auch nur einen Augenblick zu zaudern, zündete Duporc die grosse Arbeitslampe auf dem Schreibtisch an. Es war ein wundervolles Stück: ein grinsender Satyr hielt in der einen hocherhobenen Hand eine Fackel, hatte mit der anderen das Haar einer zitternden Waldnymphe gepackt und trieb sie mit seinen muskulösen Beinen wie ein gezähmtes Tier vor sich her.

Mit der Gewandtheit eines berufsmässigen Einbrechers – war doch die Kriminalpolizei wegen ihres ausgezeichneten Materials bekannt! – schloss Nathan Marius Duporc die oberste Schublade des Schreibtisches auf. Da lag nichts, was die Mühe lohnte. Mit den unteren Türen ging es nicht so flott. In diese passte kein einziger seiner zwölf feinen Dietriche, und wenn es der Zufall nicht so gefügt hätte, dass der Schlüssel einer Kassette nach einigen Versuchen gepasst hätte, so würde dieser Besuch zu keinem Resultat geführt haben.

Duporc zog nun den grinsenden Satyr mit der Nymphe zu sich heran und kniete vor den geöffneten Schubfächern nieder. Ihr Anblick verriet einen ordnungsliebenden, wohlsituierten Mann, der für alle seine Bedürfnisse die schönsten Luxusgegenstände gewählt hatte.

Ihm zunächst zur Hand lag ein wunderschönes Kassenbuch in Maroquinleder mit den goldenen Initialen A. R.

Wie ein Verbrecher liess der Kommissar, der in dieser Stunde unter der Fackel des Satyrs – ohne Kragen, ohne Oberhemd, mit wirrem Haar um das unrasierte Gesicht – wahrlich selber wie ein Spitzbube aussah, das Kassenbuch in der Tasche seines Ueberziehers verschwinden und wollte gerade weiter Umschau halten, eine offene, mit Briefen gefüllte Schachtel durchsehen, als er zum zweiten Male in dieser Nacht durch Schritte erschreckt wurde, die dicht vor dem Zimmer hörbar wurden.

Mit einem raschen Sprung war er an der Tür, um einen der Messingriegel vorzulegen – zu spät! Er sass noch schlimmer in der Falle als Jaapje Eekhorn am Morgen! Ein riesengrosser Kerl stand vor ihm – er hielt eine Laterne vor sich her, mit der er ihn höchst unnützerweise auch noch beleuchtete, und seine andere Hand ruhte auf einem Futteral, das er an einem Riemen umgehängt hatte.

Diese breitschultrige Erscheinung blickte den überrumpelten Duporc unter dem Schirm einer blauen Uniformmütze an und sprach die bekannten Worte, die der Kriminalkommissar selbst schon so häufig unter gleichen Umständen gesprochen hatte, während der Lauf eines prächtigen Selbstladers höchst beunruhigend zu dem Einbrecher hinüberblinkte:

»Hände hoch!«

»Pardon«, begann Duporc, in der Absicht, noch einiges Weitere hinzuzufügen.

»Ich sage: Hände hoch! Und wenn ich es zum dritten Male sagen muss, haben Sie auch schon eine Kugel zwischen den Rippen.«

Es war das erstemal, dass Nathan Marius Duporc seinerseits verhaftet wurde, und obwohl dieses völlig unerwartete, plötzliche Dazwischentreten des Wächters ihm einen hässlichen Strich durch die Rechnung machte und die Erfüllung des Hauptzweckes seines Besuches in Aerdenhout zu vereiteln drohte, nahm er die Sache von der scherzhaften Seite, hob die Hände hoch und lächelte dem ortsansässigen »starken Mann« zu.

»Das ist aber doch eine unglaubliche Frechheit«, sagte der Riese, der nun seine Laterne hinsetzte, den Arrestanten aber immer noch mit dem Revolver bedrohte. »Wie bist du hier hereingekommen, Kerl?«

»Erst mal das Ding da herunter,« sagte Duporc in aller Gemütlichkeit; »es ist ja ohnedies gesichert, wenn ich nicht irre. Sie können also doch nichts damit anfangen. Und überdies bin ich total unbewaffnet ...«

»Ich frage dich, wie du hier reingekommen bist! Antworte mir und behalte deine Scherze für dich!«

»Auf zwei Beinen, Herr Kollege. Wenn Sie sich mit mir ins zweite Stockwerk begeben wollen, werde ich mich nach Gebühr legitimieren. Es steht mir allerdings nicht zu, mich in dieser Stunde hier aufzuhalten; aber andererseits habe ich hier eine eilige Sache zu erledigen ...«

Seltsam, wie er mit jedem Ton und mit jedem Wort das Gelichter kopierte, dem er selber auf den Fersen war.

»Hände hoch und umdrehen!« befahl der Riese.

Es wurde Ernst. Das war einer, der es verstand! Er machte einen Schritt vorwärts, beging aber dabei die Ungeschicklichkeit, die Laterne, deren er ja übrigens nicht bedurfte, umzustossen.

Die Kerze fiel um, erlosch.

»Kollege,« sagte der Kommissar mit äusserster Bescheidenheit, »sehr verehrter Herr Kollege, Sie haben mich ja in Ihrer Gewalt, und Sie versäumen nicht das mindeste, wenn Sie mich nur zwei Sekunden lang aussprechen lassen. Ich bin Nathan Marius Duporc von der Amsterdamer Kriminalpolizei. Bitte, sperren Sie mich doch hier ein und überzeugen Sie sich oben in meinem Zimmer von der Richtigkeit meiner Angaben. Durch das Schlüsselloch kann ich ja nicht gut entkommen ...«

Der breitschultrige Riese verlor die Geduld und erwies sich damit als nicht allzu geschickt. Mit einer raschen Bewegung spannte er den kleinen Hahn des Selbstladers, der in der Tat gesichert gewesen war, und brüllte:

»Verdammter Schuft! Zum letzten Male sage ich dir: Hände hoch! Kehrt gemacht! Ich habe genug von dem Geschwätz ... Ich zähle bis drei, und dann schiesse ich! ... Eins ... zwei ...«

Gehorsam drehte sich Duporc um, stolperte über das geöffnete Schubfach des Schreibtisches und ächzte: »O je, o je, wie habe ich mir weh getan – ich habe mir die Kniescheibe verletzt ...« Und während er unwillkürlich eine Bewegung machte, um die schmerzende Stelle zu reiben, wurde es plötzlich noch dunkler als dunkel im Zimmer, weil er in haarsträubender Ungeschicklichkeit an den grinsenden Satyr gekommen war, der die leuchtende Fackel emporhielt.

»Lass deine Pfoten vom Licht weg!« Der Riese beging noch die Dummheit, sich aufzuspielen, während er zugleich versuchte, an die Türe zu kommen.

Diesmal aber tönte Duporcs Stimme durch das Dunkel, als kommandiere er eine ganze Brigade:

»Nicht von der Stelle rühren, oder ich mache ein Sieb aus dir!«

Mit seinem Ringe schlug er gegen den Kopf des Satyrs; es klang, als halte auch er eine Feuerwaffe in der Hand, deren Hahn knackte: »Nicht an der Türe rummurksen ... Keinen Schritt und keinen Ton ...«

Einen kurzen Augenblick blieb es still im Zimmer, in dem die beiden Polizeibeamten einander wie zwei Feinde im Dunkel gegenüberstanden.

Duporc spielte das gefährlichste Spiel, das er je gespielt hatte.

Der andere war ganz in seinem Rechte, wenn er schoss, sobald er dazu Gelegenheit bekam, und kein Mensch auf dieser Erde konnte ihn dieserhalb verurteilen. Er war der Eindringling, war tatsächlich ein »Einbrecher«, weil er seine Befugnisse überschritten und ohne besondere Ermächtigung eine Untersuchung so abnormer Art zu so abnormer Zeit angefangen hatte.

Das Ausdrehen des elektrischen Lichtes war ihm zwar ausserordentlich zu pass gekommen und hatte ihn für den Augenblick aus den Händen des Menschen gerettet, der zweifellos nur seine Pflicht tat, andererseits aber war er ihm nun vollends ausgeliefert.

Wenn der Riese, der durchaus nicht stillstehen wollte, den Schalter an der Tür fand und das Licht wieder anknipste, würde er – hierüber kein Zweifel! – ohne einen Augenblick Bedenkens schiessen.

Vielleicht wäre es am vernünftigsten gewesen, wenn er sich einfach hätte fesseln und zur Polizei bringen lassen. Aber einmal musste er – koste es, was es wolle – seine Bewegungsfreiheit behalten, um den verfolgten Mördern keinen allzu grossen Vorsprung zu lassen und vorher sein belastendes Material zu vervollständigen, andererseits gönnte er um keinen Preis seinem boshaften Kollegen Sier die Genugtuung und die Schadenfreude über seinen Reinfall.

Lieber wollte er alles versuchen, als dass er – der tüchtigste Beamte der Amsterdamer Kriminalpolizei – sich durch einen Nachtwächter aus Aerdenhout unter solchen Umständen verhaften Hess!

Die Hand des Riesen suchte an der Holztäfelung entlang, weil die aber überall gleichmässig glatt war und überall die gleichen Fugen hatte, glückte es ihm nicht, die Tür zu finden.

Nun hob Duporc vorsichtig an zu sprechen, und zwar redete er mit einer Stimme, die ihm selbst fremd klang, weil er fürchtete, der andere würde nach der Richtung schiessen, woher die Worte kamen, und deshalb für alle Fälle hinter dem Schreibtisch kauern blieb.

»Wenn du die Türklinke anrührst,« sagte er, »und wenn ich deine Gestalt im Mondlicht, das auf dem Gang liegt, auch nur eine einzige Sekunde gewahr werde, rede ich nur noch mit meinem Browning. Wir wollen doch die Dummheiten lassen! Ich bin von der Amsterdamer Kriminalpolizei, und es ist meine Pflicht, zur Aufdeckung des Mordes hier dies und jenes zu so ungewöhnlicher Stunde zu untersuchen ...«

Nun nutzte die Gegenpartei heimtückisch die Gelegenheit aus: der Riesenkerl gab wirklich einen Schuss in der Richtung des Sprechenden ab.

Der »Bauchredner« hatte ihn mit seiner Drohung derartig gereizt, dass er wie jeder, dem sein Leben lieb war, in erster Linie daran dachte, sich selber zu sichern, ehe der andere etwa seine Worte wahr machen könnte.

In der Stille der Nacht gab es einen so starken Knall, als hätte der Blitz eingeschlagen. Die Kugel fuhr durch die Fensterscheibe und einen Laden, und sogleich schien das Mondlicht durch ein feines, rundes Löchelchen herein, wie wenn ein Scheinwerfer seinen Strahl spielen liess.

Die Geschichte konnte nun mehr als übel ausgehen, zumal der stämmige Nachtwächter nicht daran dachte, auch nur ein Wort zu sprechen und sich damit etwa dem Schuss des Gegners preiszugeben.

Oben im Hause wurde es jetzt laut.

Der gellende Laut einer Klingel tat ein übriges, das schlafende Personal zu wecken.

Ein Fenster wurde oben aufgestossen, eine weibliche Stimme rief um Hilfe.

Jetzt tat Nathan Marius Duporc etwas, woran er in späteren Jahren noch mit einem vergnügten Lächeln zurückdachte, und was ihm das Leben rettete. Wenn er in der Dunkelheit auch noch hundertmal versichert und beschworen hätte, dass er zur Amsterdamer Kriminalpolizei gehörte, so würde der unzugängliche Kollege, dessen Bekanntschaft er auf diese ungewöhnliche Weise gemacht hatte, ihn doch ohne alle Gewissensbisse niedergeknallt haben. Darum warf der immer noch hinter dem Schreibtisch hockende Kommissar, als es inzwischen wieder still geworden war, den vorher heruntergefallenen Kasten mit den Briefen gegen das gespenstische Loch, durch das der blaue Mondenstrahl eine der Glastüren der eingebauten Bücherschränke traf.

Die Briefe raschelten herab, und die Pappschachtel stiess gegen das Glas, als ob jemand mit dem Ellenbogen dagegen käme.

Der schweigsame, lauernde Riese liess sich durch das Fallen der Papiere und den Lärm irre machen, schoss zum zweiten Male – und jetzt geschah etwas Ueberraschendes.

Duporc, unter den Diplomatenschreibtisch gebückt, beleuchtete einen einzigen fieberhaften Augenblick den Rücken des Mannes mit dem Selbstlader, steckte dann seine elektrische Taschenlampe in den Fusssack, der vor dem Schreibtisch lag, stiess diesen mit einem Ruck von sich weg, und während die Lichtbahn sich durch die Dunkelheit bewegte, als ob ein Mensch so rasch wie nur irgend möglich auf Händen und Füssen hinter den Diwan kröche, und das Licht bei dem Ruck von neuem erlosch, schlich er selbst zur Tür.

Der tapfere Aerdenhouter Nachtwächter fiel auf die optische Täuschung rein, er dachte, dass der Spitzbube erst mit dem Ellenbogen gegen die Scheibe gestossen hätte und dann mit Hilfe seiner elektrischen Laterne unter den Divan geflüchtet wäre, und blickte sich, als nun die Tür aufgestossen wurde, nicht einmal um, weil er glaubte, dass nun das Personal, das man ja hatte herumlaufen hören, ihm zu Hilfe käme. Er blieb vor dem Diwan stehen und tat jetzt zum ersten Male wieder den Mund auf:

»Hör' auf mit deinen Kniffen und Lügen, he? ... Die Geschichte mit dem Browning kannst du deiner Grossmutter weismachen, du verdammter Kaffer! Komm nur unter dem Diwan wieder vor, und ein bisschen rasch, bitte! ... Und einer von euch ist wohl so freundlich und macht ein bisschen Licht, ja?«

Allem Anschein nach sprach er aber ins Leere hinein, denn es blieb vorläufig dunkel.

Duporc, der mit der Geschicklichkeit eines Akrobaten die Tür erreicht, geöffnet, rasch wieder hinter sich geschlossen und den Schlüssel doppelt und dreifach umgedreht hatte, stiess, als wollte ein glücklicher Zufall ihm zu Hilfe kommen, gleich auf zwei seiner besten Bekannten im Hause – den Chauffeur, der mit einer Eisenstange die Treppe heruntergerannt kam, und den Diener, der mit Klothilde Rondeel aus Amsterdam gekommen war und sich, als er die Revolverschüsse gehört hatte, rasch mit einem alten Gewehr bewaffnet hatte. Beide erkannten ihn gleich.

»Legt euch man ruhig wieder hin,« sagte Duporc; »es ist alles in schönster Ordnung. Ich war so frei, einen etwas gefährlich aussehenden Kerl, der sich hier ins Haus eingeschlichen hatte, im Arbeitszimmer einzuschliessen und in die Luft zu schiessen, als er sich zur Wehr setzen wollte. Ich werde den Schlüssel so lange bei mir behalten, bis ich mich vollständig angekleidet habe, und dann will ich mit dem Bürschchen schon weiter abrechnen.«

Ehe noch der Nachtwächter Zeit fand, weiter das Haus zu alarmieren, war der Polizeikommissar oben in seinen Gehrock geschlüpft, hatte den Browning in die Tasche gesteckt und kehrte nun ruhig in das Zimmer des weiland Artur Rondeel zurück.

Kaum hatte er die Tür geöffnet, um dem Aerdenhouter mit dem dicken Friesenkopf die Freiheit zurückzugeben und die Sache in irgendeiner Form beizulegen, die weitere Verwickelungen ausschloss – derartig gewalttätige Menschen konnten einem oft viel zu schaffen machen! –, da hob der Mann von neuem seinen Schiessprügel und zielte ..., und es dauerte bedenklich lange, bis er sich dazu herabliess, die Legitimationspapiere des Amsterdamer Kollegen einzusehen.

»Sind Sie nun vielleicht endlich davon überzeugt, dass ein Unglück geschehen wäre, wenn ich nicht so vernünftig gewesen wäre, das Licht zu löschen ...?«

»Allmählich glaube ich zwar auch,« sagte der andere, der völlig unzugänglich blieb, »dass Sie mit der Polizei irgend etwas zu tun haben oder zu tun gehabt haben. Aber wenn Sie auch der Bürgermeister von Amsterdam in eigener Person wären: ich habe Sie hier um drei Uhr nachts angetroffen, folglich muss ich Sie ersuchen, mitzukommen.«

»Sehr schön!« sagte Duporc. »Das ist doch wenigstens eine vernünftige Art, einem Rede zu stehen ... Dann will ich erst mal diesen Schreibtisch wieder schliessen.«

»Nein, der bleibt offen ... Nachher könnten Sie ja behaupten, dass ich mir alles aus den Fingern gesogen hätte ...«

»Allmächtiger! Wollen Sie denn nicht endlich Vernunft annehmen, Sie Dickkopf? Ich erkläre Ihnen ja, wer ich bin, und warum ich hier eine Untersuchung einleite ... Wenn Sie nun noch länger einem Vorgesetzten in die Quere kommen wollen, so sollen Sie morgen Ihre Freude daran erleben ...«

Er bückte sich, um Tür und Schubfächer des Schreibtisches wieder zu verschliessen – der Riese stiess ihn zurück.

»Hände hoch!« sagte er, »keinen Finger rühren Sie mehr! In Amsterdam mögen Sie Herr sein! Hier bin ich's! ... Und die falschen Schlüssel lassen Sie gefälligst stecken ...!«

»Aber bester Freund ...!«

»Ich bin nicht Ihr bester Freund. Ich traue Ihnen nicht über den Weg ... Sie gefallen mir durchaus nicht ... Und wenn Sie wirklich so 'n reines Gewissen haben, werden Sie ja wohl nichts dagegen haben, dass ich Ihnen Handschellen anlege, bis wir auf dem Revier sind ... Und jetzt vorwärts, marsch!«

Nathan Marius Duporc hatte schon manchen komplizierten Fall erlebt; dies aber war doch die Höhe.

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort,« sagte Duporc und gab sich alle Mühe, sich zu beherrschen, »dass ich Ihnen ruhig folgen werde, aber lassen Sie die Handschellen gefälligst weg.«

»Auf Ihr Ehrenwort pfeife ich! Na, soll ich erst Gewalt anwenden? ... Die Sache hat doch nun lange genug gedauert ...«

Hier half keine Gegenrede, keine Legitimation, kein Argumentieren – vor ihm stand eine Dogge mit einem Knochen im Maul, und der Mensch, der ihr den entreissen wollte, musste erst noch gefunden werden ...

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, sagte Nathan Marius, und sein unausgeschlafenes, grünlichgelbes, unrasiertes Gesicht mit den roten Haarstoppeln, das ihn gespenstisch aus der Glasscheibe der Bibliothekstür anlächelte, wetteiferte an Liebenswürdigkeit mit dem äusserst verbindlichen Ton seiner Stimme. »Tun Sie, was Sie nicht lassen können, Sie unerbittlicher Kollege. Wenn Sie gegen die kleine Umstellung keine prinzipiellen Bedenken haben, will ich nur sagen: ›Die Garde ergibt sich, aber sie stirbt nicht!‹ Das Umgekehrte ist zwar historisch richtiger und ehrenvoller; aber der Tod ist mir unsympathischer als das Leben ... Wollen Sie mir die Hände vor dem Bauch oder auf dem Rücken zusammenschnallen?«

»Auf dem Rücken!« kommandierte der Riese, der sich mit dem liebenswürdigen Causeur nicht weiter einlassen wollte.

»Ich habe gar nichts dagegen«, fuhr Duporc fort und beobachtete jede der Bewegungen des Aerdenhouter Beamten in den alles widerspiegelnden Glastüren des Bücherschrankes. »Ich ziehe es allerdings vor, etwas korpulente Arrestanten von vorn zu behandeln ... So, jetzt putze ich mir erst noch mal die Nase und setze meinen Hut auf – zwei Dinge, die ich schwerlich tun kann, wenn meine Hände sich erst in Ihren Schellen befinden ... Bitte, blamieren Sie sich nun vor der Polizei der ganzen Welt und legen Sie Ihrem Kollegen Nathan Marius Duporc die Handschellen an ... Die Sache entbehrt nicht der Komik ...«

Er drehte der Bulldogge in der ihm befohlenen Haltung den Rücken zu und streckte die Hände nach hinten. Als er aber, wiederum in der Spiegelung der Tür, sah, dass der Riese den Selbstlader in das Futteral gleiten liess, um ein paar verrostete, altmodische Handschellen aus der Tasche zu holen, drehte er sich pfeilschnell herum, packte den Revolver mit der einen Hand und hielt dem Hartnäckigen seinen eigenen Browning unter die Nase.

»So, mein Bester,« sprach er mit ingrimmiger Freundlichkeit; »vielleicht sind Sie jetzt etwas zugänglicher für meine Argumente ... Man legt einem Kollegen, der sich zur Genüge legitimiert hat und der obendrein im Range sogar weit über einem steht, keine Handschellen an ... Das ist entweder übertriebener Diensteifer, mit dem Sie keinem Menschen einen Gefallen erweisen, oder es ist das Benehmen eines Menschen, der sich nicht zum Polizeibeamten eignet ... Wählen Sie, was Ihnen lieber ist ...«

»Verdammt!« rief der Riese, heiser vor Wut. Und mit wahrhafter Tapferkeit ergriff er einen zunächst stehenden Stuhl, schwang ihn wie eine Hantel über seinem Kopf und würde den Kommissar zweifellos niedergeschlagen haben, wenn dieser nicht zur Seite gesprungen wäre.

»Jetzt befehle ich Ihnen zum letzten Male, mit diesem Unsinn aufzuhören!« sagte Duporc drohend; »sonst werde ich Sie unschädlich machen, verstanden?«

Entweder hatte der Mann keine Lust, zu verstehen, oder es war etwas vollkommen Unerklärbares in ihm mächtig. Jeder andere, der sich, selber unbewaffnet, von einem Browning bedroht sah, würde doch wohl nachgegeben haben. Dieser plumpe Mensch aber, der mindestens um zwei Köpfe grösser war als jeder Normalmensch und so seltsam schwerfällige Hände, dazu einen Giraffenhals und einen heraustretenden Adamsapfel hatte, glaubte seinen Willen mit roher Gewalt durchsetzen zu müssen.

Ohne sich vor der auf ihn gerichteten Waffe auch nur irgendwie in acht zu nehmen, machte er eine Scheinbewegung, als wiche er zurück, und drückte plötzlich auf einen Knopf, der sich neben dem Schreibtisch befand. In irgendeinem Zimmer im oberen Stockwerk ertönte eine Alarmglocke.

»Wir wollen doch mal sehen, wer zuletzt lacht, du Schubbiack!« sagte der Riese. Und mit wirklich bewundernswerter Ruhe schob er den Stuhl, mit dem er Duporc beinahe den Schädel eingeschlagen hätte, vor die Tür und setzte sich darauf.

»Zuletzt lachen werden Sie sicherlich«, sagte der Kommissar mit äusserster Höflichkeit. »Ich kann mir Sie gar nicht ohne Lachen vorstellen ... Sie gestatten wohl, dass ich inzwischen den Schreibtisch verschliesse ...«

Noch bevor er sich bückte, wurde die Tür geöffnet, und Klothilde Rondeel betrat in einem hastig umgeworfenen Schlafrock das Zimmer.

Sie hielt wahrhaftig auch einen Browning kleinsten Kalibers in der Hand!

»Bleiben Sie draussen, Fräulein,« sagte der Riese, der sich unverzüglich erhoben und mit einer schützenden Gebärde vor sie gestellt hatte; »ich habe diesen Schuft ertappt ...«

»Was tun Sie hier?« fragte die Tochter des Bankiers die den Mann, der sie in Amsterdam besucht hatte, wiedererkannte.

Sie war schon blass gewesen, als sie hereinkam; nun aber, da sie den Kommissar der Geheimpolizei erblickte, wurde sie kreideweiss.

»Wenn Sie auf diesen Raufbold, der Ihr ganzes Haus in Unruhe bringt, irgendwelchen Einfluss ausüben können, gnädiges Fräulein,« antwortete Duporc und zog sehr korrekt den Hut, »so ersuchen Sie ihn, ein wenig frische Luft zu schöpfen ... ich vermute, dass wir beide uns zu dieser ungewöhnlichen Stunde rascher verständigen werden, als es mit diesem Herrn möglich war, der mehr rohe Kraft als Intelligenz zu besitzen scheint ... Genügt Ihnen die Parole Rana, Fräulein Rondeel, oder wünschen Sie noch eine andere Einführung – vielleicht ein Empfehlungsschreiben?«

Sie blickte den Mann, der sie erst vor kurzem in ihrer Amsterdamer Wohnung bis zum Aeussersten gequält hatte, zitternd und angsterfüllt an. Darauf sprach sie zu dem Riesen, der kein Jota davon verstand:

»Lassen Sie mich mit dem Herrn allein, Hendrik.«

»Nein, Fräulein«, sagte der Nachtwächter, der so bei seinem Vornamen genannt wurde; »ich gehe keinen Schritt, solange dieser Schurke, der den Schreibtisch des seligen Herrn erbrochen hat – bitte sehr, die Schlüssel stecken noch darin – auf freiem Fusse ist ...!«

»Tun Sie, um was ich Sie bitte«, sagte sie mit grosser Bestimmtheit, »sonst kommt noch das ganze Haus in Aufruhr ... ich kenne diesen Herrn ...«

»Er hat die Schubfächer des Schreibtisches erbrochen ...«

»Das tut nichts ... Sie können ruhig gehen.«

»Nein«, weigerte sich der Riese zum zweiten Male. »Der selige Herr hat mich hier als Leibgendarm angestellt – die letzten Worte, die er zu mir sprach, waren: ›Passen Sie doppelt auf – trauen Sie keinem Menschen – im Notfall auch meiner eigenen Tochter nicht ... Sie sind verantwortlich für alles, was hier kreucht und fleucht ... Lassen Sie sich von keinem hereinlegen!‹ ... Und das tue ich nun auch nicht ... Das tue ich um keinen Preis. Ich habe zweimal auf den Kerl geschossen und zweimal daneben getroffen; aber ihn loslassen – nein, das tue ich nicht! Darf ich meinen Revolver zurückhaben?«

»Bitte sehr«, sagte Duporc.

Nun flüsterte Klothilde dem Riesen etwas zu, worauf dieser mit sichtbarem Unwillen das Arbeitszimmer verliess und vor der Tür auf Posten zog.

»Mein Kompliment!« begann der Kommissar der Geheimpolizei von neuem. »Ich kann nicht umhin, einem so vortrefflichen Exemplar von Privatwächter mein Kompliment zu machen und zugleich um Entschuldigung zu bitten, dass ich Sie in ihrer Nachtruhe störte. Ich konnte gestern abend nicht ahnen, dass ich Sie sobald wiedersehen würde, und ich versichere Ihnen auf Ehrenwort, dass ich nicht daran gedacht hätte, hier auf so unerlaubte Weise einzudringen, wenn ich auch nur hätte ahnen können, dass Sie mich überrumpeln würden ...«

»Sie sind so impertinent!« sagte sie, und wusste nicht recht, was sie mit ihrem Miniaturbrowning anfangen sollte, weil sie ihren Morgenrock am Halse etwas mehr schliessen wollte, »dass ich keine Worte dafür finden kann ... Wer hat Sie ermächtigt, hier Haussuchungen abzuhalten?«

»Niemand. Ich gebe ohne weiteres zu, dass ich mich auf eine nicht ganz erlaubte Weise des Hausfriedensbruchs schuldig gemacht habe. Wir sind aber leider oft dazu genötigt, bescheidenen Gebrauch von Mitteln zu machen, die das Tageslicht nicht zu vertragen scheinen ...«

»Das merke ich«, sagte sie, und aus ihrem Blick sprach eine Empörung, in der sie ihn am liebsten auf der Stelle mit einer Reitpeitsche verprügelt hätte. »Sie sind ein ganz erbärmlicher Spion ...«

»Haben Sie nicht vorhin zu jener bösartigen Bulldogge gesagt: ich sei hier auf Ihren eigenen Wunsch? ... Glauben Sie, inzwischen Veranlassung dazu gefunden zu haben, bei einem meiner Vorgesetzten Beschwerde gegen mich zu erheben, so will ich Sie davon durchaus nicht zurückhalten. Ich möchte Ihnen nur das eine sagen, dass die Justiz sich, sobald ich meinen Rapport erstattet habe, möglicherweise veranlasst sehen könnte, einige sehr energische Massregeln zu ergreifen ... Ihre Schuhnummer ist 38, nicht wahr? Ich hatte Gelegenheit, mich in Amsterdam davon zu überzeugen, als Sie in Ohnmacht fielen, nachdem Sie das Telegramm gelesen hatten ...«

»Das erfundene, gefälschte Telegramm!«

»Ganz recht – wie Sie sehen, gebe ich alles zu – seien Sie doch bitte so liebenswürdig, in bezug auf Ihre Schuhnummer das gleiche zu tun ... Oder wissen Sie das etwa nicht? Darf ich Sie dann vielleicht davon überzeugen? ... Bitte, hier!«

Aus einer der hinteren Taschen seines Gehrockes brachte er mit der geschmeidigen Bewegung eines Zauberkünstlers einen kleinen Damenschuh zum Vorschein und drehte ihn im Schein des bronzenen, grinsenden Satyrs um, damit sie die bewusste Nummer sehen könnte.

»Da hört doch alles auf!« sagte sie mit der ganzen Verachtung einer gebildeten, in ihrer Nachtruhe gestörten jungen Dame, die sich in ihrem eigenen Hause durch ein unverschämtes Individuum ungehörig behandelt sieht; »ich habe Sie, als ich Sie gestern kennenlernte, nachdem Sie sich unter einem falschen Vorwand bei mir eingeschlichen hatten, nicht zu hoch eingeschätzt – und sicher nicht für das gehalten, was wir in unseren Kreisen Gentleman zu nennen pflegen. Aber das, was Sie nun wieder fertig bringen, überschreitet doch wirklich alle Grenzen! Sie haben die unerhörte Frechheit besessen, im Schreibtisch meines Vaters herumzuschnüffeln – ich werde unseren juristischen Berater hiervon morgen in Kenntnis setzen –, aber dass Sie einen meiner Schuhe in Ihre Tasche gesteckt haben, das ist doch die Höhe ... Ihr Verhalten ist wirklich mehr als krankhaft ... Es ist geradezu eine Schande, dass gemeingefährliche Stümper wie Sie auf anständige Bürgersleute losgelassen werden ...!«

Ihr Wutausbruch liess ihn kühl. »Also dieser Schuh gehört ganz bestimmt Ihnen?«

»Herr«, sagte sie vernichtend, »Sie sind wohl verrückt ...! Nur ein kompletter Idiot kann doch einen der Schuhe, die vor meiner Tür standen, in seine Tasche stecken ...«

»Grosse Worte sind keine Argumente«, antwortete er ruhig, »und es freut mich, dass Sie sich so positiv äussern; denn diesen nämlichen Schuh habe ich nach der Mordtat im D-Zug nachts unter einem Bett in einem Hotel zu Dordrecht gefunden. In diesem Bett hatte einer der berüchtigsten internationalen Hoteldiebe geschlafen ... zwei Zimmer weiter wohnte ein gewisser René Rana, der Ihnen nicht unbekannt ist ... Wären Sie heute nacht nicht so unerwartet aus Amsterdam weggefahren, und zwar in einem Mietsauto, so würde ich mir die Freiheit genommen haben, morgen in aller Frühe auch einen Blick in Ihr Schlafzimmer zu werfen. Aber jetzt bin ich orientiert ...«

»Wenn Sie das Ding in Dordrecht gefunden haben, kann es ja gar nicht mir gehören«, sagte sie zurückweichend.

»Das meine ich auch«, sagte er lächelnd, »und darum wollen wir uns jetzt nicht weiter über meine › Manie‹ aussprechen. Ich stecke den Schuh wieder in die Tasche, schliesse den Schreibtisch, den ich allerdings gern etwas gründlicher durchsucht hätte, und bitte Sie höflich, dem vortrefflichen Nachtwächter Befehl zu geben, dass er mich hinausbegleitet ...«

»Ich fürchte mich vor Ihnen, Herr Duporc ... Mit welcher Absicht kamen Sie hierher?«

»Mit Absichten, die Sie besser als irgendein anderer Mensch verstehen werden ...«

»Ist – ist«, begann sie unsicher, »Jan Kikker verhaftet?«

»Ich glaubte, darüber würden Sie mir etwas sagen können ...«

Darauf erhob sie sich plötzlich, trat dicht vor ihn hin und flüsterte: »Herr Duporc, ich will es Ihnen nicht länger verschweigen, dass ich einen gewissen Jemand leidenschaftlich liebe. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort – ich beschwöre es bei allem, was mir heilig ist –, dass er sich für meinen Vater lieber hätte totschlagen lassen, als dass er Hand an ihn gelegt hätte ... Ich flehe Sie an: verfolgen Sie uns nicht auf diese Art ... Sie können verlangen, was und wieviel Sie wollen, – jede Summe, jeden Betrag –, aber verdächtigen Sie meinen besten, edelmütigsten Freund nicht länger ...«

»Das sieht ja beinahe nach Beamtenbestechung aus«, sagte er lächelnd; »aber ich will Ihnen auch ohne ›jeden Betrag‹ die beruhigende Versicherung geben, dass ich Herrn Jan Kikker keinen Augenblick in Verdacht habe ...«

»Gott sei Dank«, sagte sie mit wahrhaft rührendem Ton.

»Aber – aber ...«, er kam sofort wieder mit Dämpfer, »wir dürfen ihn doch nicht so ohne weiteres eine Reise um die Welt machen lassen ... Halten Sie ihn wirklich nicht irgendeiner Unehrlichkeit für fähig?«

»Durchaus nicht!«

»Sie glauben also auch nicht, dass er sich ein Paar französische Damenschuhe auf unrechtmässige Weise aneignen könnte?«

Sie schwieg, weil sie fühlte, dass sie zu weit gegangen war.

Einen Augenblick später führte sie ihn persönlich hinaus.

Von ihrer Einladung, noch in ihrem Hause zu bleiben, machte er lieber keinen Gebrauch – er dankte, weil er den Chauffeur, der ihm ja doch so freundliche Aufnahme verschafft hatte, nicht in Schwierigkeiten bringen wollte – noch niemals war einer bereitwilliger aufgestanden, als eben dieser Chauffeur, der nun einen ihm doch immerhin Unbekannten morgens früh um vier Uhr wieder nach Amsterdam zurückfuhr.

Auf der Terrasse stand bis zum letzten Augenblick der Riese, der gezwungen war, sich seinen Fang entgehen zu lassen.

Er sah Duporc mit ein Paar Augen an, die jeden anderen das Fürchten gelehrt hätten. Allein der Kommissar grüsste ihn äusserst höflich, als das Auto wegfuhr. Und wenn er der Bulldogge nicht alles mögliche und unmögliche zugetraut hätte, würde er ihm sicherlich noch kollegial die Hand geschüttelt haben.

*

Am nächsten Morgen wusste seine Base Anna nicht, wie ihr geschah, als sie Nathan Marius, der ungehört heimgekommen war, wie einen Bären schnarchend unter der Decke sah. Er hatte mit solcher Bestimmtheit gesagt, dass sie unter keinen Umständen auf ihn rechnen dürfte, dass sie nun nichts, aber auch gar nichts zum Frühstück im Hause hatte und einem Fräulein, das den Kommissar dringend zu sprechen wünschte und sich nicht abweisen liess, zweimal die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Dann aber hatte sie im Briefkasten neben der Morgenzeitung einen Zettel gefunden, auf dem zu lesen stand: »Anna, ich bin zurück; krieg keinen Schreck. Lass mich schlafen.« Und dann hatte sie ihn auch wirklich in seinem Zimmer entdeckt.

Nun klingelte die unausstehliche Person, die sich nicht abweisen lassen wollte, zum dritten Male. Und als die Cousine nicht aufmachen wollte, läutete sie beharrlich und hartnäckig weiter ... und zwar mit dem Erfolg, dass Duporc aufwachte, und dass sie nach einem heftigen Wortwechsel mit der biederen Anna, die ihr mit der Polizei drohte, in ein kleines Zimmer geführt wurde, wo sie warten sollte, bis der Kommissar mit seiner Toilette fertig wäre.

Duporc liess sein frugales Frühstück im Stich, um die Besucherin rasch zu empfangen. Und weil er sich mit ihr einschloss und die Cousine der Sache nicht recht traute – es war ein frisches, hübsches, keckes Ding, und Nathan Marius lachte ungewöhnlich laut, und die Unterhaltung dauerte reichlich lange –, so machte sich die gute Anna zum ersten Male in ihrem Leben eines Vertrauensbruches schuldig und horchte aus einem Wandschrank im angrenzenden Zimmer, wo man so ungefähr jedes Wort verstehen konnte.

Hätte der Vetter sie hier erwischt, dann wäre es ein für allemal aus gewesen. Seine Berufsgeheimnisse gingen ihm über alles. Und nun hörte sie Dinge, die sie nicht begriff ...

»Nein, Sie können alles von mir verlangen; aber das nicht, das nie mehr ... er ist ein Scheusal ...«

»Und weiter ...?«

»Ich glaube, ich habe sieben Schillerlocken gegessen ... nein, acht ... ich konnte nicht mehr ... Versuchen Sie's mal: noch eine Schillerlocke und noch eine Schillerlocke ...«

»Hahaha!« Der Vetter, der sonst frühmorgens nie so ausgelassen war, lachte aus vollem Halse: »Mussten es denn ausgerechnet Schillerlocken sein ...?«

»Er wollte mir Likör aufdrängen – ich hatte mal gesagt, Schillerlocken ässe ich für mein Leben gern, und nun futterte er mit mir um die Wette; aber das Scheusal hat einen Magen ohne Boden ... Und dann habe ich ihm was spendiert, weil er keinen Pfennig mehr bei sich hatte.«

»Was denn?«

»Das finden Sie auf dem Auslagenzettel ... Der Kellner in der Bar wollte mir erst keine Quittung geben; das wäre dort nicht üblich. Aber ich wollte doch einen Beleg ...«

»Ausgezeichnet, Connie. Sie machen Fortschritte. Lassen Sie mal sehen ... Alle Wetter! Hat er das alles allein bewältigt? Das kann doch nicht möglich sein ...«

»Ich bekam Wasser in meine Gläser, und obendrein von dem Bar-Keeper Prozente ... Sie wissen doch, wie das so üblich ist. Auf diese Weise habe ich's natürlich mit meinen Wasserschnäpsen länger ausgehalten als er mit seinem Triple-Sec und was er sonst noch bestellte ... Dreimal ist er in der Telephonzelle verschwunden, und ich habe versucht zu horchen; aber das wollte nicht gehen ... Gegen halb sieben Uhr hatte ich ihn beinahe so weit. Da erzählte er mir das, was ich Ihnen vorhin gesagt habe. Ich stellte mich so, als begriffe ich nichts davon, und liess es mir nochmal sagen und liess mir auch eine Zeichnung dazu vormachen; aber die hat er wieder zerrissen. Aber die Papierschnitzel habe ich in meiner Tasche aufbewahrt ... Ich habe sie auf der Rückseite numeriert, um es Ihnen leicht zu machen ... Hier lag das angebliche Fräulein und da der Herr ... Sein Freund hat an die Zimmertür geklopft. Und als die beiden aufstanden und an der Tür horchten und das Licht löschten, ist er durch das Fenster hineingeschlüpft und hat den Walther Nr. 67 999 an sich genommen, noch bevor sie ahnten, was da im Dunkeln vor sich ging ... Darauf müssen sie dann ganz gute Freunde geworden sein ... Ihre Namen wollte er nicht nennen ... Der eine sei herumgehopst wie ein Frosch, sagte er, und der andere sei ein verrückter Hering ...«

»Sagen Sie mir das noch einmal, Connie.«

»Wie ein verrückter Hering ...«

»Und weiter ...?«

»Weiter dankte ich dem Himmel, dass ich ihn so etwa um ½8 Uhr los wurde ... Das ist nichts für ein junges Mädchen ... Ich begreife ja sehr gut, dass dieses Scheusal einem Manne das alles nicht erzählt haben würde, was er mir sozusagen anvertraute; aber ich hatte auch alle Hände voll zu tun und musste ihm jeden Augenblick einen Klaps geben, wenn er zudringlich werden wollte. Einmal und nicht wieder, sage ich Ihnen ... Ich habe es auch nur Ihnen zuliebe getan, bitte vergessen Sie das nicht.«

»Connie, Sie sind ein Juwel«, sagte Nathan Marius Duporc mit einem so zärtlichen Klang in seiner Stimme, wie Anna ihn noch nie gehört hatte – sie atmete schwer – »und dann ...?«

»Und dann, und dann!« sagte sie und war plötzlich wieder die resolute kleine Person, die sich zwar auf männliche Abenteuer einlässt, dabei aber doch Frau bleibt ... »dann wurde es mir plötzlich schwindlig vor lauter Hunger, und ich habe ihm gesagt, ich würde zu Hause die grössten Unannehmlichkeiten haben, weil es schon so spät wäre. Und dann bin ich auf die Elektrische gesprungen – und bei der nächsten Haltestelle wieder herunter ... Aber das war nicht einmal nötig, weil Douwes ihm schon vor der Bar aufgelauert hatte und ihm wie ein Hündchen folgte ... Er hat bei Poort soupiert, ich gegenüber ... Ich war eine Viertelstunde vor ihm fertig. Dann ist er zu Kras hineingelaufen, ohne etwas zu bestellen, hat versucht, am Automaten zu telephonieren und wie ein Wilder gebrüllt, weil er keinen Anschluss bekommen konnte. Ich habe mich dann rasch neben die Zelle gestellt, ohne dass er mich sehen konnte, und Douwes hat auf mein Zeichen gewartet. Und dreiviertel zehn hat er mit ihr gesprochen. Er sagte ganz dreist: »Um welche Zeit können Sie mich empfangen?« Sie schien nicht zu wollen ... Darauf rief er: »Dann komme ich also heute um Mitternacht ... denn es muss sein, oder vielleicht um halb eins

»Das klappt ja famos. Sie hat ihn nicht empfangen wollen. Sie hat sich ein Auto bestellt und ist nach Aerdenhout gefahren. Das Allervernünftigste, was sie vor solchem Erpressungsversuch tun konnte.«

»Um so besser ... Ich dachte schon, ich hätte ihn zu voreilig verhaften lassen. Als er die Telephonzelle verliess und mich gewahrte, sah er anfangs sehr misstrauisch aus. Ich sagte ihm, ich möchte gern noch in ein Kino gehen; für das ganze Programm wäre es freilich ein wenig spät ... ›Schön, sagte er, ich habe bis ein Uhr sowieso nichts Besseres zu tun‹ ... Auf dem Neuen Deich am Eingang zum Kino liess ich mein Taschentuch fallen, und darauf schoss Douwes auf ihn zu, gab sich gar nicht erst die Mühe, auch nur zwei Worte zu sagen, wies bloss seine Marke vor ... und so sehr ich auch sonst auf die Kinos versessen bin, diesmal war ich doch geradezu selig, dass ich mit dem Scheusal nicht hineinzugehen brauchte ...«

»Um Ihren Film sollen Sie nicht kommen, Connie ... Ich lade Sie zum nächsten Sonnabend ein, wenn Sie frei sind ...«

»Oh, mit Ihnen gern! ... Sind Sie mit mir zufrieden?«

»Aber wie ...«

»Ist sonst noch etwas nötig?«

»Gehen Sie heute nachmittag noch mal nach Aerdenhout und sehen Sie sich dort ein wenig um, ebenso ruhig, ebenso vernünftig ... Für meinen Freund Jaapje brauchen Sie nichts zu fürchten, den lassen wir vorläufig auf Nummer Sicher ...«

»Aber wenn er später freigelassen wird, wie rette ich mich dann vor ihm?«

»Wenn es soweit ist, reden wir noch einmal darüber ...«

Es wurde still.

Die Base Anna hörte, wie Geld gezählt wurde, und verschwand in den Korridor, um sich die Person, mit der Nathan Marius am nächsten Sonnabend ins Kino gehen wollte, noch einmal genauer anzusehen.

Und als dann Nathan sich wieder an den Frühstückstisch setzte, dachte sie gar nicht daran, ihn zu bedienen. Das sollte er heute nur ruhig allein tun!

Die Eier waren hart und grünlich; während der ganzen Zeit, die sie gehorcht hatte, waren sie im kochenden Wasser geblieben!

Er aber war so in die Durcharbeitung der Notizen vertieft, dass er die steinharten Eier ass, ohne auch nur das geringste zu merken.

Kurz vor mittag sauste Duporc dann in das chemische Laboratorium, wo er verschiedene seiner Schätze hatte untersuchen lassen.

Von der vortrefflichen Kartothek des Polizeipräsidiums, wo jeder Arrestant unverzüglich »Klavier spielen« musste, um seine Fingerabdrücke, falls sie noch nicht bekannt waren, für die Sammlung zur Verfügung zu stellen, hatte er sogleich Gebrauch gemacht, weil er bestimmte Vermutungen hinsichtlich seiner alten Bekannten Jean Tullipe und Jaapje Eekhorn hatte, deren daktyloskopisches Signalement mit mancherlei Randbemerkungen schon seit Jahren immer wieder von Zeit zu Zeit nachgesehen wurde. – Für die übrige Untersuchung aber war er auf den vorzüglichen Chemiker angewiesen, der ihn mit vergnügtem Lächeln und mit hochroten Ohren empfing, die wie kleine Glühlämpchen schimmerten.

Die Sonne schien ins Laboratorium. Und weil der Chemiker die löbliche Angewohnheit hatte, seine Besucher immer in die Sonne zu setzen, um sie besser beobachten zu können, während er selbst auf seinem Schreibtischstuhl im Schatten blieb, glühten seine Ohren merkwürdig transparent an seinem dunkelhaarigen Kopf.

»Sie sind ein Mordskerl, Duporc«, sagte er mit der fröhlichen Ausgelassenheit eines Fachmannes, der das Talent eines anderen bewundert, von dem er keine Konkurrenz zu fürchten hat.

Duporc antwortete nicht gleich. Ihn interessierte das Wunder dieses kaum wahrnehmbaren Antlitzes mit einem Paar Ohren, die aussahen, als ob die Abendsonne blutrot in ihnen unterginge ...

Man lernte doch in jeder Stunde etwas Neues kennen! Wollte man einen Menschen bei einem Verhör so recht unter die Lupe nehmen, so musste man sich also einen möglichst hellen, sonnigen Tag dazu aussuchen oder vielleicht gar selber vor einem Scheinwerfer Platz nehmen; das gewann Duporc aus diesem Augenblick als eine Bereicherung seiner praktischen Methoden für künftige Fälle! –

»Teuerster«, sagte er endlich und gab den Kampf gegen diese Lichtflut auf, »ich bete die Sonne an, mehr vielleicht, als irgendein anderes Geschöpf auf Erden es tut; aber dennoch bitte ich Sie, lassen Sie die Vorhänge herunter oder setzen Sie sich auf meinen Platz. Ich möchte doch auch gern von Ihnen etwas sehen ...«

»Das ist durchaus überflüssig«, meinte der vereidigte Gerichtschemiker und blieb auffällig heiter. »Diese leere Whiskyflasche, die Sie mir so patent an einem kleinen Bindfaden baumelnd mitgebracht haben, wird voraussichtlich ein Kuriosum auf unserem Gebiet bleiben ... Sie behaupten, dass an dem Ueberfall im D-Zuge vier Mörder und Spitzbuben beteiligt waren ...?«

»Lassen Sie doch Ihren Fenstervorhang herunter ...«

»Später, später; die Sache ist viel zu interessant ... ist vom daktyloskopischen Standpunkte aus grandios, blendend, geradezu ein Unikum ...! Alle vier Daumen sind darauf ...«

»Wahrhaftig? Glauben Sie ... dass alle vier?«

»Alle vier!«

»Grundgütiger, was für ein fabelhaftes Glück ... Das ist doch noch nie vorgekommen! Einfach unglaublich!«

»Sagte ich's nicht gleich? Mit den beiden, die auf den Kartothekblättern im Präsidium liegen, hätte sich's natürlich ganz rasch kontrollieren lassen. Aber ich wollte die Flasche intakt lassen und nichts verschmieren ... sie war ohnedies schon fettiger, als mir lieb war. Mit den stärksten Bogenlampen haben wir uns ans Photographieren gemacht. Anfangs schien es nichts Rechtes werden zu wollen, bis wir endlich eine glänzende Stelle gewahr wurden. Bitte ... Ich gebe Ihnen mein Wort darauf, dass dies hier der Daumenabdruck des vortrefflichen Jan Tulp ist; dieser, dicht daneben, stammt von dem berühmten Jaapje Eekhorn – dieser, Nummer drei, stimmt ganz unzweifelhaft mit dem Befund auf der Zahnpulverdose aus Zelluloid überein, deren Ersatzdeckel aus Pappe Sie mir eingesandt haben; aber das Ding habe ich weggeworfen, weil wohl das Zelluloid, wenn man es mit Russ bestäubt, ein Resultat zeitigt, nicht aber die Pappe ... Was sagen Sie zu der seltsamen Aufnahme? Etwas so Vollendetes werden wir nie wieder zu sehen bekommen ... Es ist kein Augenblick daran zu zweifeln, dass die beiden bekannten Hoteldiebe zusammen mit dem Besitzer der Zahnpulverdose aus Zelluloid Whisky getrunken haben ... Ist der auch schon rückfällig oder noch ein Neuling?«

»Gott verdamm' mich!« platzte Duporc los, »machen Sie sich nicht länger über mich lustig; Sie wissen doch sehr wohl, dass es mir um Nummer vier zu tun ist. Für Nummer eins, zwei und drei brauche ich keinerlei Hilfe, da stimmt alles bis ins kleinste ... aber Nummer vier, vier ...?«

Der Chemiker steckte sich eine Zigarre an und wurde noch unerkennbarer. Die rotflammenden Ohren leuchteten gespenstisch in dem kräuselnd emporsteigenden Rauch – die Stimme schien in einem geheimnisvollen Flüstern zu ersterben.

Und um sie wieder kräftiger zu machen, pfiff er erst mal – so falsch, dass es klang, als wenn ein Kind mit einem feuchten Korken über ein Glas reibt.

»Wenn Sie mir sagen, wer Nummer vier ist, werde ich Ihnen die Details des vierten Daumenabdrucks mit allen Finessen aufzeigen ... Aber Zug um Zug, alter Duporc ... welcher Schubbiack besserer Herkunft könnte das sein?«

»Ich gebe Ihnen mein Wort, dass ich Sie vertraulich informieren werde, sobald Sie Ihre Neuigkeit von sich gegeben haben ... Warum soll es denn gerade einer von besserer Herkunft sein?«

»Das will ich Ihnen erklären, obwohl Sie's natürlich schon wissen: weil die ganze Geschichte sonst nicht so fabelhaft geklappt hätte. Der Daumenabdruck auf der Scherbe einer Flasche aus einem Reisenecessaire wiederholt sich auf der Whiskyflasche – darf ich bitten? – Der auf der Scherbe ist ein wenig schärfer, weil er durch sogenanntes Blut gefärbt ist – und dieser nämliche Daumenabdruck ist ganz prächtig auch auf der Arzneiflasche zu sehen, die mir schon so viel Mühe gemacht hat, weil sie ziemlich schmutzig war und ein Abdruck auf dem Etikett für mich vollständig wertlos ist ... Bitte schön: da haben Sie die drei Photos von der Whiskyflasche, der Scherbe aus dem Necessaire, der Medizinflasche – überall der gleiche Daumenabdruck. Und hier ...«

Aber Duporc liess ihn nicht ausreden – es war zu herrlich! Auf dem vierten Blatt des satinierten Papiers hatte er bereits die vergrösserte Rasierklinge gesehen, die er unter der Tischdecke des Hotelzimmers entdeckt hatte, das blutbefleckte dünne Stahlplättchen, das jetzt auf der photographischen Aufnahme wie ein riesengrosses Folioblatt mit kleinen Linien und Erhöhungen erschien; dazwischen waren farbige Strichelchen, mit denen der Chemiker bezeichnet hatte, wo er den gesuchten Daumenabdruck zum vierten Male gefunden hatte.

»Also der vierte Daumenabdruck wiederholt sich auf dem Gillettemesser?«

»Zweifellos ... Ich will als vereidigter Chemiker schwören: wenn die vier Schurken den Bankier ermordet haben, so verrät dieser vierte Abdruck uns den vierten Mörder, vorausgesetzt, dass die Scherbe, die Medizinflasche und das Gillettemesser ein und derselben Person gehörten ... Ueberdies kommt dieser Abdruck auch auf der Zelluloidhülle des Eisenbahnabonnements vor, die ich eigens für Sie untersuchen musste ... Sind Sie zufrieden?«

»Wenn Sie ein junges Mädchen wären, würde ich Sie umarmen«, sagte Duporc ungestüm, und aus seiner Stimme klang es wie der junge Lenz. Der Klang hätte seine Cousine Anna sicherlich noch mehr verwundert und gereizt, wenn sie auch diesmal hätte horchen können!

»Wer ist der Mann von besserer Herkunft?«

»Warum vermuten Sie gerade das letztere?«

»Na nu, Sie alter Spürhund wollen mir doch nicht etwa weismachen, dass ein ganz banaler Strassenräuber, ein Landstreicher, mit derartigen Utensilien wie einem Kristallflakon, einem Fahrkartenetui mit goldener Einfassung usw. herumläuft?«

»Erst geben Sie mir noch Antwort auf ein paar Fragen: War auf dem Gillettemesser wirklich Blut?«

» Es war ohne Zweifel Blut, und zwar Blut von einem Menschen ...«

»Und das auf dem Taschentuch?«

»Anorganischer Farbstoff ...«

»Und das, was ich auf eine Seite meines Notizbuches gebracht hatte, Registernummer 27 – das aus jener Familienpension?«

»Blut von der gleichen Eigenschaft wie das auf dem Bettlaken im Abteil des Schlafwagens ...«

»Dacht' ich mir's doch ... Und jetzt noch rasch das Haar, das weisse Haar, das ganz dürr und trocken ist (Registernummer 32) und das ich im Abteil des Schlafwagens auflas?«

»Frauenhaar ...«

»Von einer richtigen Frau?«

»Nein, von einer falschen; Vater und Mutter unbekannt ...«

»Perückenhaar?«

»Möglich ... aber Knüpfknoten habe ich nicht drin gefunden ...«

»Und das eine Schnurrbarthaar aus dem Abteil, Registernummer 43 ...?«

»Stammt aus einem wohlgepflegten Schnurrbart, einem Schnurrbart, der gut und regelmässig geschnitten wurde ... und war mit kosmetischen Mitteln bearbeitet ...«

»War dieses Schnurrbarthaar gefärbt?«

»Nein ... das Pigment lief bis in die Haarwurzel hinauf ...«

»Und das weisse Haarbüschel aus dem Ausguss des Waschtisches im Hotel – Registernummer 39 –, an dem noch ein paar Stückchen Kork klebten?«

»Das haben wir mit äusserster Sorgfalt mikroskopisch untersucht und die Stärke gemessen ... Barthaar eines Mannes aus guten Kreisen ... vermutlich – oder besser gesagt: bestimmt – eines Mannes, der sich das Haar färbte ... es war an sich weiss und farblos. In einigen Exemplaren habe ich an den äussersten Spitzen noch etwas von der Farbe gefunden.«

»Kann gefärbtes Haar entfärbt werden?«

»Gewiss, wenn man gute chemische Mittel zur Hand hat ...«

»Es ist ganz enorm, Teuerster, wie Sie arbeiten; aber am frappantesten sind doch die vier Fliegen mit einer Klappe, die vier verschiedenen Daumenabdrücke auf der einen Whiskyflasche ...«

»Stört die Sonne Sie nicht mehr, Duporc?«

»Nicht im geringsten ... heute kann ich schon ein wenig Sonne vertragen ...«

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