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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 12
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Elftes Kapitel

Worin Klothilde eine etwas hochtrabende Rolle spielt, Nathan Duporc einige nächtliche Besuche abstattet, bei Mondenschein auf dem Damm ein paar gewaltige Luftsprünge macht und die Connie vom Notar die Feuerwehr alarmiert.

 

Als Klothilde Rondeel, nachdem sie die letzten Erinnerungen an ihren Vater vor sich auf den Schreibtisch gelegt hatte, sich dem Kriminalkommissar endlich wieder zuwandte, war sie noch bleicher als in dem Augenblick, da sie ihm unter der Tür entgegengetreten war.

»Ich danke Ihnen, Herr ...«, sprach sie langsam und streckte die Hand nach der Visitenkarte aus, um sich nicht in dem Namen zu irren; sie vermochte noch kaum ihre Gedanken zu sammeln.

»Duporc«, kam er ihr zu Hilfe.

»Herr Duporc«, fuhr sie fort. »Es ist ausserordentlich liebenswürdig von Ihnen, dass Sie sich noch so spät am Abend zu mir bemühen, um mir diese Andenken auszuhändigen. Ich weiss wirklich nicht, auf welche Weise ich mich Ihnen dafür erkenntlich zeigen kann ...«

»Indem Sie mir ein paar Informationen erteilen, mit denen ich bestimmt keinen Missbrauch treiben werde«, antwortete er rasch. Und ohne dabei eine bestimmte Absicht zu verfolgen, fixierte er sie auf die nicht ganz taktvolle Art eines Beamten, der eine Untersuchung leitet und in seinem Eifer die tragischsten Umstände wie etwas ganz Alltägliches anzusehen pflegt.

»Wenn Sie nicht allzu lange ...«, sagte sie, während sie sich ermattet zurücklehnte.

»Nicht länger, als Sie selbst es mir gestatten, Fräulein Rondeel«, antwortete er verbindlich. »Und wenn ich mich vielleicht genötigt sehen sollte, Dinge delikater Natur zu berühren, so werden Sie doch ohne weiteres verstehen, dass ich ex officio ...« Latein war nicht seine starke Seite.

»Bitte fragen Sie ...«, sagte sie leise.

Die kostbare Westminster-Standuhr, die kleinste, die der Kommissar je in seinem Leben gesehen hatte, schlug mit ihrem silbernen Schlag ½10, und von der Wand schaute das lebensgrosse Bildnis des ermordeten Artur Rondeel, sein kluges, junges Gesicht mit den dunklen Locken (die nichts davon verrieten, dass der Bankier sich in den letzten Jahren eines Haarfärbemittels bedient hatte!), mit dem gepflegten Schnurrbart und dem Knebelbart à la Napoleon III., in sein luxuriöses Zimmer herab. Die Tochter mit ihrem feinen Profil sah ihm zweifellos ähnlich.

»Hat Ihr Herr Vater«, begann Duporc, nachdem die letzte Schwingung der winzigen Standuhr verklungen war, »niemals geahnt, was für eine minderwertige Persönlichkeit er zu seinem Vertrauten auserwählte?«

Sie schüttelte den Kopf, ohne die Augen zu öffnen.

»Es ist wirklich ärgerlich«, sagte er mit besonderem Nachdruck, »dass ein solcher Verbrecher zu einem so generösen Mann, wie es Ihr Herr Vater war, Zutritt finden konnte. Ich habe in meiner langjährigen Praxis mit viel elenden Kreaturen Bekanntschaft gemacht. Eine ausgesuchte Kollektion von Mördern und Spitzbuben ist mir unter die Finger gekommen. Aber ich kann mich doch nicht erinnern, jemals so einen Fall wie diesen erlebt zu haben. Solch ein von langer Hand vorbereitetes Verbrechen, wobei einem geradezu der Verstand still steht. Der gewissenloseste Schurke ist manchmal zu entschuldigen; er kann sich auf Dinge berufen, die seine abscheuliche Handlung irgendwie rechtfertigen. Dieser junge Mann aber aus guter Familie, mit einem Einkommen, um das manch einer ihn beneiden könnte, ist das reine Raubtier, ein dreiviertel Wahnsinniger ...«

Sie regte sich kaum. Was für einen Zweck hatte es, dass er ihr dies sagte?

»In jedem Fall«, fuhr Duporc fort, der wohl fühlte, dass er noch nicht den richtigen Punkt getroffen hatte, »soll der Verbrecher seiner Strafe nicht entgehen. Sein Signalement ist, während ich Ihnen hier gegenübersitze, schon in alle Welt hinausgeschickt. Ich erwarte jeden Augenblick ein Telegramm, dass er verhaftet ist. Darf ich jetzt meine erste unbescheidene und nicht gerade angenehme Frage an Sie richten: Hat dieser Herr Jan Kikker Ihnen früher einmal den Hof gemacht?«

Sie wurde plötzlich aufmerksamer und blickte ihn mit gequälten Augen an.

»Warum fragen Sie das? Das hängt doch in keiner Weise mit dieser schrecklichen Begebenheit zusammen ...«

»Sind Sie dessen so sicher?«

»Vollkommen sicher ...«

»Mit anderen Worten: Sie geben zu ...«

»Ich gebe gar nichts zu!« unterbrach sie ihn rasch. »Und wie dem auch sei, so muss ich Sie dringend ersuchen, gewisse Themen nicht zu berühren. Ich bin krank und nervös und empfinde durchaus keine Lust, Ihnen auf alles zu antworten.«

»Ich frage ja nur, ob er Ihnen früher einmal den Hof machte«, fuhr Duporc beharrlich fort. »Es ist ja selbstredend, dass solch eine Frage Sie peinlich berühren muss; aber ich hatte doch nun einmal sofort den Eindruck, dass hier ein Racheakt vorliegt ...«

»Ach nicht doch, Herr Duporc! Wer sollte sich wohl auf solche Art rächen?«

»Die Praxis lehrt uns, dass Racheakte häufig auf die scheinbar unerklärlichste, auf geradezu krankhafte Art verübt werden. – Liebte er Sie, Fräulein Rondeel? ... ich meine: vor Jahren? ...«

»Das weiss ich nicht ... und das interessiert mich auch gar nicht ...«

Der Besucher schwieg einen Augenblick, dann fragte er ganz leichthin, als spräche er vom Wetter:

»Liebten Sie ihn?«

Sie erhob sich zornig. Es sah fast so aus, als wollte sie ihm ohne weiteres die Tür weisen.

»Das ist impertinent!«, sagte sie mit beinahe heiserer Stimme: »Sie vergessen, dass ich verlobt bin, dass ich im Begriff stehe, mich zu verheiraten ...«

»Verzeihung, ich vergesse gar nichts«, antwortete er und erhob sich gleichfalls. »Aber Ihr Gedächtnis scheint Sie im Stich zu lassen. Sie haben, wenn ich mich nicht irre, Ihre Verlobung mit dem jungen Herrn Jones heute morgen gelöst ...«

»Wer behauptet denn solchen Unsinn?« fragte sie leichenblass.

»Das habe ich mir selbst gesagt«, antwortete er, denn keinen Augenblick dachte er daran, etwa den braven Diener zu verraten.

»Sie phantasieren«, antwortete sie halblaut.

»Durchaus nicht«, entgegnete er. »Ich frage Sie nur in aller Ruhe, was für ein Interesse Sie daran haben könnten, eine so leicht begreifliche Tatsache wie die Lösung Ihrer Verlobung zu leugnen. Glauben Sie denn vielleicht, so etwas könnte auch nur eine Viertelstunde lang geheim bleiben?«

»Ich muss Sie jetzt aber wirklich bitten«, sagte Klothilde kurz und bündig und nahm eine hochmütig-ablehnende Haltung an, »diese Unterhaltung zu beenden! Ich habe Sie trotz meiner Abgespanntheit und meines Kummers empfangen wollen, aber ich weigere mich, auf eine solche Art von Fragen Antwort zu geben, wie Sie das ganz berufsmässig als selbstverständlich anzunehmen belieben.«

»Das tue ich allerdings berufsmässig«, antwortete er ruhig. »Aber diese Annahme scheint mir in jedem Fall verständlicher als die seltsame Tatsache, dass die Tochter den Mörder des Vaters in Schutz zu nehmen sucht ...«

Diese mit ganz raffinierter Berechnung vorgebrachte Bemerkung sass. Mit einer durchaus ungekünstelten Entrüstung, hochrot im Gesicht, sprang Klothilde auf, um dem Diener zu klingeln, damit er dem unangenehmen Besuch die Türe wiese.

»Wie es Ihnen beliebt«, sagte Duporc, während er sich steif verneigte.

Aber sie hatte die Hand noch nicht auf den Klingelknopf gelegt, als auch schon an die Türe geklopft wurde und der Diener von selber eintrat.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er, »aber hier ist ein dringendes Diensttelegramm für diesen Herrn. Der Bote, der anscheinend wusste, dass sich der Herr hier befindet, wartet unten auf den unterschriebenen Empfangsschein.«

»Sie gestatten ...«, sagte Duporc. »Es war der zuständigen Stelle bekannt, dass ich mich zwischen neun und zehn Uhr hier aufhalten würde, und ich sagte Ihnen ja schon, dass ich eine Depesche erwartete ...«

In der lautlosen Stille unterschrieb er, während Klothilde ihm gespannt horchend den Rücken zukehrte, und gab darauf dem Diener einen Wink, sich zu entfernen.

»Ich hatte Sie doch deutlich genug ersucht, mich nicht länger zu stören!« sagte Artur Rondeels Tochter nervös und zornig.

Langsam, fast phlegmatisch, erbrach er das Telegramm, las es dann rasch und reichte es ihr ohne ein Wort.

Mit starren Augen las sie den dürren Inhalt:

»Siebenstern, Polizeipräsidium, Amsterdam.

Der verstümmelte Körper des Bankiers Artur Rondeel gefunden. Von dem flüchtigen Mörder Jan Kikker noch keine Spur. Verduin, Kriminalkommissar. Dordrechter Polizei.«

Einen Augenblick stand Klothilde ganz verzweifelt da. Dann stiess sie einen Schrei aus, der auch den unempfindlichsten Menschen hätte rühren müssen, und wankte. Und wenn Duporc sie nicht rechtzeitig in seinen Armen aufgefangen hätte, wäre sie mit dem Kopf auf die scharfe Ecke des Schreibtisches aufgeschlagen.

Er legte sie vorsichtig in den Sessel, auf dem sie gesessen hatte, und bevor er ihr mit Wasser oder etwas anderem in solchen Situationen Gebräuchlichen zu Hilfe kam, benahm er sich wie ein durchtriebener Schelm, tat, wie nur jemand, der keine Spur von Takt und selbstverständlichem Anstand besitzt, einer wehrlosen Frau gegenüber hätte handeln können: er durchmusterte mit den flinken Bewegungen eines berufsmässigen Taschendiebes die Telegramme auf dem Schreibtisch, las den angefangenen Brief und besah sich die Adresse eines zweiten, den sie geschrieben und schon versiegelt hatte.

Das Porträt an der Wand blickte vernichtend auf die Hände herab, die so schändlich verfuhren; aber auch wenn Artur Rondeel selber sich in allernächster Nähe in seinem noch nicht geschaufelten Grabe umgedreht hätte: Nathan Marius Duporc kannte kein Erbarmen, wenn er eine Spur verfolgte.

Keines der vielen Telegramme mit Namen aus den ersten Handels- und Finanzkreisen fesselte seine Aufmerksamkeit länger, als nötig war, um sie in der gleichen Reihenfolge wieder zur Seite zu legen.

Eines aber, das in Roosendaal 10 Uhr 15 Minuten aufgegeben war und nichts anderes enthielt als die Trostworte:

»Mein herzlichstes Beileid. Gott gebe Dir Kraft, den furchtbaren Schlag zu tragen. Dein Dir treu ergebener René Rana« –

dieses eine machte ihn nachdenklich; er drehte das Papier ein paarmal in seinen energischen Händen herum, weil die Aufgabezeit seine besondere Aufmerksamkeit erregte.

In den Morgenblättern hatte noch kein Wort über den sensationellen Fall gestanden; also musste er in Roosendaal durch die Erzählungen des Bahnpersonals und der Mitreisenden bekannt geworden sein ...

Als er dann aber auf dem Umschlag des fertigen und bereits versiegelten Briefes von Klothildes Handschrift die klaren Buchstaben »Monsieur René Rana, Marseille« mit noch nicht weiter ausgefüllter Adresse sah, machte er sich rasch eine Notiz auf seine Manschette. Der eben erst begonnene Brief, über den sie rasch ein Stück Löschpapier gelegt hatte, war an Henry Jones adressiert. Wie ein Brief an den Mann, mit dem sie in ein paar Tagen hätte getraut werden sollen, klang der zweifellos nicht. Da stand kühl und sachlich – und zwar in englischer Sprache:

Lieber Jones!

Sie haben sich heut früh in einer so sonderbaren Weise gegen mich benommen, dass ich Ihnen nur wiederholen kann: unter den augenblicklichen verzweifelten Umständen ...«

Weiter war sie nicht gekommen, da sie durch den plötzlichen Besuch des Kommissars gestört worden war.

»Wer ist dieser Herr René Rana?« dachte Duporc. »Wer ist der Mann, an den sie, noch unter dem allerersten Eindruck des Geschehenen, sogleich ein Dankschreiben richtet?«

Als die aus ihrer Ohnmacht Erwachende eine Bewegung machte, nahm der Beamte rasch eine erkünstelte, ruhige Haltung an.

Sie sah sich im Zimmer um, als wisse sie nicht, wo sie wäre. Doch noch bevor er nun die auf dem Schreibtisch befindliche Klingel hätte rühren können, um ein Glas Wasser bringen zu lassen, sank sie auf die Knie und schluchzte so herzzerbrechend, dass er versuchte, sie mit ein paar nichtssagenden Trostworten zu beruhigen:

»Aber ich bitte Sie, Fräulein Rondeel, Sie mussten doch darauf vorbereitet sein. Sie kannten die näheren Umstände. Ich bedauere ausserordentlich, dass mein Telegramm erst die Gewissheit brachte. Aber wäre es tröstlicher gewesen, wenn Sie erst nach Wochen oder Monaten ... Kann ich Ihnen vielleicht irgendwie behilflich sein ...?«

Sie blieb vor dem Klubsessel auf den Knien liegen und sah sich das Telegramm noch einmal an.

»Kann es kein Irrtum sein?« fragte sie ganz geistesabwesend. »Ich kann es nicht glauben ...«

»Hatten Sie denn etwas anderes erwartet?« sagte Duporc, während er sie mit seinen starken Armen aufhob und wieder in ihren Sessel setzte.

Sie schüttelte verneinend den Kopf.

»Ich möchte mich Ihnen nicht aufdrängen, Fräulein Rondeel,« sagte er jetzt beinahe herzlich; »und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie elend Sie sich fühlen müssen. Aber dennoch – glauben Sie mir – hier darf nicht gezögert werden. Das würde ein zweites Verbrechen sein. Ein Mann wie dieser Jan Kikker, intelligent, gebildet, von tadellosem Ruf, kann die Tat nicht begangen haben, wenn es ihm nicht um einen Racheakt gegen den Verstorbenen zu tun war. Dass es ihm auf den Diebstahl angekommen wäre, vermag ich nicht ohne weiteres zu glauben. Und jetzt sagen Sie mir einmal in aller Aufrichtigkeit – jetzt, nachdem Sie Ihre Verlobung mit Henry Jones gelöst haben: gab es irgendeine Freundschaft oder Neigung oder, um kein anderes Wort zu gebrauchen, eine besondere Sympathie zwischen Ihnen und jenem ...«

»Gebrauchen Sie kein böses Wort«, unterbrach sie ihn. »Ich kann Ihnen nur sagen, dass mir ist, als müsste ich wahnsinnig werden. Dieses Telegramm ist das Schlimmste, was mir widerfahren konnte ...«

»So lassen Sie mich denn zum letzten Male die Frage an Sie richten, Fräulein Rondeel,« sagte er jetzt mit echtem Mitgefühl – »ob der verstorbene Herr Artur Rondeel sich nicht irgendwann einmal gegen Ihre Schwärmerei für den Sportsmann Jan Kikker ausgesprochen hat, der sein Privatsekretär war, und ob er Sie nicht einfach ausgelacht hat, als Sie von einer Möglichkeit sprachen – und ob er Ihnen dann nicht den Sohn seines Sozius Jones sozusagen aufgedrängt hat ...«

»Ich lasse mich nicht zwingen!« sagte sie wieder sehr kühl; sie war viel zu stolz, um dem rothaarigen Kriminalkommissar alles einzugestehen. »Ich habe Henry Jones freiwillig genommen, und heute morgen habe ich ihm sein Wort zurückgegeben, weil er mir schändliche Dinge sagte.«

»Was für schändliche Dinge?«

»Das geht nur mich und meinen bisherigen Verlobten an. Jetzt habe ich Ihnen alles gebeichtet, was ich zu beichten habe, und nun bitte ich Sie freundlichst ...«

»Ich werde Sie nicht länger aufhalten,« sagte Nathan Marius Duporc, »das übrige werde ich auch ohne Ihre Hilfe ... wollen Sie mir nur vielleicht noch gestatten, ein paar Fragen an Sie zu richten, die Ihnen vermutlich nicht peinlich sein werden?«

Sie nickte zustimmend, während sie den Eindringling heimlich verwünschte, andererseits nicht um die unangenehme Vorstellung herumkam, dass er sich all die Dinge, die auf dem Schreibtisch herumlagen, angesehen hätte, während sie bewusstlos gewesen war.

»Haben Sie,« begann er forschend, »dem Verdächtigen oder, besser gesagt, Schuldigen einen Brief in die Hand gedrückt, als der Zug sich bereits in Bewegung setzte? Ich glaube, das mit eigenen Augen gesehen zu haben ...«

»Keinen Brief ...,« sagte sie, »nur einen kleinen Zettel, auf dem ein paar Worte standen, wie sie jedes Kind einem Freunde des Vaters in solchem Augenblick mitgegeben haben würde: »Gib in Gottes Namen acht auf ihn, Jan!« Ich hatte so eine Ahnung, als ob meinem Vater etwas zustossen würde; denn er litt vielfach an Schwindelanfällen. Er traute sich nicht einmal, allein auf einen Balkon hinauszutreten.«

»War es vielleicht dieses?« fragte Duporc und hielt ein zerknülltes, buntes Papier, das er sorgfältig glatt gestrichen und gleich einer Reliquie in seinem Portefeuille verwahrt hatte, unter die Lampe.

Sie betrachtete das abgerissene bunte Stückchen einer Rechnung, auf das sie in der Bahnhofshalle rasch die paar Worte gekritzelt hatte und das jetzt einem grossen Spinngewebe aus Falten und Kniffen glich – sie erkannte die beinahe verwischten Buchstaben ihrer eigenen Handschrift und schaute Duporc verwundert an.

»Das ist es,« sagte sie, »wie kommen Sie dazu?«

»Als er es gelesen hatte,« log der Kommissar – es kostete ihn Mühe, so gleichgültig weiterzuplaudern, während sie ihm doch mit dem Wiedererkennen dieses so gewichtigen Beweisstückes riesengrosse Freude machte – »knüllte er den Zettel gedankenlos zusammen und liess ihn im Korridor des D-Zuges fallen. Das ist alles. Ich hatte mich also nicht geirrt?«

»Nein,« wiederholte sie; »ich gab ihm den Zettel. Er würde sich für meinen Vater bis zum letzten Blutstropfen aufgeopfert haben ...«

»Nun aber ermordete und beraubte er ihn«, bemerkte Duporc höhnisch.

»Das hat Jan nicht getan, das kann er nicht getan haben!« fuhr sie leidenschaftlich auf; »dafür lege ich meine Hand ins Feuer ... Dabei muss ein anderer im Spiele sein!«

»Herr Josephus Bok«, bemerkte Duporc trocken.

»Ach, nicht doch, dieser harmlose Mensch, der keiner Fliege ein Leid antut!« sagte sie und nahm so den zweiten Verdächtigen auch in Schutz. »Ich will Ihnen nur eins sagen: wenn Ihr Telegramm die Wahrheit enthält, dann ist auch der arme Jan ermordet worden ...«

»Darüber wollen wir heute abend nicht länger mehr reden«, meinte Duporc. »Ich für meinen Teil komme zu dem Schluss, dass meine erste Frage, ob Herr Jan Kikker Ihnen früher einmal den Hof gemacht hatte, und ob Sie Neigung für ihn empfunden hätten, durchaus nicht so unmotiviert war. Aber ich will mich jetzt nicht weiter darüber verbreiten.«

»Haben Sie mich noch mehr zu fragen?« antwortete sie sehr von oben herab.

»Nur noch eine Kleinigkeit, die für die gerichtliche Untersuchung von Wichtigkeit ist: pflegte Ihr Herr Vater sich das Haar zu färben?«

»Ja.«

»Und jetzt kommt die letzte, wieder etwas delikate Frage, aber wir müssen alles wissen, und ich habe keine Möglichkeit, einen anderen darüber zu befragen. – Hatte Ihr Herr Vater eine junge Freundin?«

»Schämen Sie sich!«

»In einem kleineren Portefeuille, das er in der Innentasche seines Jacketts bei sich trug, fand ich die Photographie einer jungen Dame ...«

»Das ist das Bild meiner verstorbenen Schwester,« antwortete sie; »sie war zwei Jahre älter als ich und starb binnen drei Tagen. Sie sind wirklich ein Gentleman in optima forma ... Und jetzt wissen Sie auch, warum mein Vater sich später das Haar färben liess ...« Sie klingelte.

»Ich bitte Sie herzlich, mir meine Ungeschicklichkeit zu verzeihen, und ich danke Ihnen für Ihre Informationen. Dürfte ich mir wohl gestatten, das Schlafzimmer des Verstorbenen noch zwei Minuten in Augenschein zu nehmen?«

»Johann,« sagte Klothilde zu dem eintretenden Diener: »Begleiten Sie diesen diskreten Herrn in das Schlafzimmer meines Vaters und führen Sie ihn dann hinaus. Ich bin nun für keinen Menschen mehr zu sprechen.«

Nathan Marius Duporc war nach seinem letzten Irrtum etwas unbehaglich zumute; aber ein richtiger Polizeimensch hat ein dickes Fell; und als er sich oben flüchtig umsah, war er in kürzester Zeit wieder getröstet beim Anblick einer leeren Medizinflasche des verstorbenen Herrn Artur Rondeel. Die Flasche war unscheinbar und anscheinend oft benutzt worden.

»Wünschen Sie noch etwas?« fragte der Diener.

»Rasierte der Herr sich selbst?«

»Nein.«

»Liess er sich nie zu Hause rasieren?«

»Nie. Der Chauffeur fuhr den Herrn jeden Morgen zum Friseur.«

»Ich danke Ihnen,« sagte Duporc und liess wieder ein Trinkgeld in die Hand des Dieners gleiten, der ihm die Tür öffnen wollte; »ach ja, noch etwas; kennen Sie Herrn René Rana?«

»Herrn ...?«

»Verkehrte nicht ein gewisser Herr René Rana hier im Hause?«

»Nie den Namen gehört ... es gibt hier wohl ein Kolonialwarengeschäft Vana, wo meine Frau manchmal einholt, – aber Rana – ausgeschlossen. Ich kenne alle Freunde und Bekannte des Hauses seit Jahren.«

»Danke schön. – Guten Abend!«

Es schlug zehn Uhr.

Müde und unschlüssig blieb der Kriminalkommissar vor dem Hause des Bankiers einen Augenblick in Gedanken stehen. Er fühlte sich sehr abgespannt, atmete laut und hörbar und stiess dann einen tiefen Seufzer aus. Er seufzte so laut, dass ein Chauffeur, der gerade um die Ecke kam, sich wie ein barmherziger Samariter bei ihm erkundigte, ob ihm etwas fehlte.

»Meinem ärgsten Feinde würde ich nicht wünschen, dass ihm so zu Mute wäre,« sagte Duporc, »ich bin vollständig erledigt ...«

»Mein Wagen steht hier dicht bei, und obgleich es mir streng verboten ist – was tut's –, mein Tag ist doch schon so verkehrt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Also kommen Sie nur – ich fahre Sie nach Hause. Aber zahlen sollen Sie dafür nichts, keinen Cent, das sage ich Ihnen gleich ...«

»Sie kommen mir wie ein Engel vom Himmel,« sagte Duporc. »Mögen Sie im Jenseits dafür belohnt werden ...«

»Hören Sie auf mit dem Jenseits!« sagte der Mann verdriesslich. »Dahin ist mein Herr gerade verzogen. Zehn gegen eins, dass nun das ganze Personal entlassen wird. Wenn ich den Schuft, der das fertig gebracht hat, unter die Finger kriegte, bliebe nicht viel von ihm übrig! Das können Sie mir glauben ... Bitte, setzen Sie sich doch neben mich. In den Wagen hinein kann ich Sie nicht nehmen; man kann nie wissen, wer einem begegnet, obwohl der gnädige Herr selber es sicher nicht sein wird ...«

»Bei wem sind Sie denn in Stellung?« fragte Duporc, während das Luxusauto sich lautlos in Bewegung setzte.

»Ich war in Stellung,« verbesserte ihn der Chauffeur, »bei dem Mann, über den heute alle Zeitungen schreiben ... Gestern abend hab ich ihn noch mit den zwei Schuften zur Bahn gefahren ... Das hätte ich ahnen sollen! Einen besseren Herrn hab ich noch nie gehabt!«

»Freundchen,« sagte Duporc, »es geschehen noch immer Zeichen und Wunder. Sie kommen mir gerade recht! Und wenn Sie mir ein wenig behilflich sein wollen, so werde ich mich schon erkenntlich zeigen. Ich gehöre zur Kriminalpolizei, und ich habe diese Sache zu führen. Die letzte Nacht und heute den ganzen Tag bin ich mit dieser verfluchten Geschichte beschäftigt, mit diesem unerhörten Skandal ... Und da Sie ja auf die Schufte solche Wut haben, werden Sie mir gewiss helfen wollen, sie zu fassen.«

Mit einem Ruck hielt das Auto an einer stillen und dunklen Stelle mitten auf der Strasse.

»Und wenn ich die ganze Nacht dafür aufbleiben müsste!« sagte der Mann. »Wenn ich auf meinen Wagen aufpassen muss, höre ich nur halb! So können wir besser sprechen ...«

»Haben Sie auf dem Weg zum Bahnhof nichts Verdächtiges bemerkt?«

»Doch«, sagte der Chauffeur rasch. »Sie können mir's glauben, von Anfang an hatte ich schon das Gefühl, dass etwas nicht geheuer sei. So lange habe ich noch nie vor dem Bureau an der Kaisersgracht halten müssen, wenn wir den Pariser Express erreichen wollten. Es würde auch dem Herrn sonst nie eingefallen sein, die Besorgungen für die Nichtsnutze noch mitzumachen; diesmal aber musste ich erst vor dem Hause dieses verfluchten Kikker halten, der sich oben mehrere Minuten zu schaffen machte und dann mit so vollgepfropften Taschen zurückkam, dass er kaum in den Wagen hineinkonnte. Aus seiner einen Tasche guckte der Hals einer in Papier eingewickelten Flasche ...«

»Whisky?«

»Nein; denn Bok sagte: ›Jetzt haben wir alle beide etwas Zerbrechliches bei uns, ich den Whisky und du deinen süssen Kram.‹ Und der Herr sagte: ›Stecken Sie das Zeug nur in die Handtasche, bevor es ein Unglück gibt –‹ Dann musste ich zu Boks Haus fahren, und da wurde noch länger gewartet, und Sie können sich gar nicht vorstellen, was für Gepäck der aus dem dunklen Hausflur herausschleppte! Licht wurde nicht angezündet. Er machte alles alleine; ich durfte nicht helfen. Da war ein Sack dabei, der war so dick, als ob er mit lauter Decken vollgestopft wäre, und so schwer, dass Bok kaum damit hantieren konnte. Aber er liess mich nicht helfen. Das Ding durfte auch nicht oben auf den Wagen rauf. Kikker stellte es neben sich auf die Bank, und der Herr sagte noch: ›Na, Joopie, Sie wollen wohl Ihren ganzen Haushalt mit nach Paris schleppen ...‹ Was er antwortete, konnte ich nicht verstehen, denn ich musste rasch weiterfahren, zum Friseurgeschäft, wo Kikker wieder ein paar Pakete abholte ...«

»Was für Pakete?«

»Ja, wenn ich das wüsste ... Hineingeschaut habe ich nicht. Unter der Bahnhofsuhr musste ich weiss Gott was für Gepäckstücke bewachen, während sie sich die Fahrkarten lösten. Ein Gepäckträger nahm Boks Sack auf den Buckel. ›Man möchte fast denken, dass ein Hund drin steckte,‹ sagte er ... Und was ich selber getragen habe, mag der Himmel wissen! In dem einen Paket müssen lauter Schuhe gewesen sein, denn ich fühlte Leisten und hohe Absätze. Na, das wird ja in Paris eine nette Wirtschaft werden, dachte ich noch bei mir ...«

»Einen Augenblick,« unterbrach ihn Duporc, »was Sie mir da erzählen, ist entweder Unsinn oder von allergrösster Wichtigkeit für mich ...«

»Das von der netten Wirtschaft?« fragte der Chauffeur. Und weil ihm eine Zigarette, die er sich gerade anstecken wollte, neben das Steuer des Wagens fiel, leuchtete er mit seiner elektrischen Taschenlampe hinunter, um zu sehen, wo sie geblieben wäre. Als er sich wieder aufrichtete, traf der Strahl einen ganz kurzen Augenblick noch ein Frauenantlitz: es war Klothilde, die allein unterwegs war.

»Das trifft sich aber gut, dass sie so in Gedanken ist und ihren eigenen Ford-Wagen nicht erkennt«, flüsterte der Chauffeur.

»Tun Sie mir den Gefallen und lassen Sie den Wagen einen Augenblick laufen, damit wir sehen können, wo sie hingeht«, sagte der Kommissar im gleichen Flüstertone.

Der Wagen setzte sich geräuschlos in Bewegung und folgte der jungen Dame.

»Ist das schon alles?« fragte der Chauffeur, als Duporc ihm einen Wink gab, dass es genug sei. Klothilde hatte zwei Briefe in den Kasten gesteckt und ging zurück.

»Mehr wollte ich nicht wissen«, sagte der andere, und bei sich selber dachte er: »Ich weiss nun genug.« Das waren zweifellos die Briefe an jenen René Rana, dessen Namen er sich auf die Manschette notiert hatte, und an Henry Jones.

»Sie wollen also in jenem Paket Leisten und hohe Absätze gefühlt haben?« fragte er jetzt den Chauffeur.

»Ich kann mich kaum geirrt haben; ich weiss noch, dass ich dachte: ›Der Bok oder der Kikker haben sicherlich irgendeine Verabredung; aber es ist doch wirklich blöde, die Schuhe von hier aus mitzuschleppen; das alles bekommt man doch in Paris viel besser und billiger.‹ Aber einen Eid kann ich natürlich nicht darauf ablegen. Ich hatte alle Hände voll zu tun. Wir waren alle beide so bepackt und beladen ...«

»Das habe ich gesehen; ich stand auch vor dem Schalter, um mir eine Fahrkarte zu lösen.«

»Bitte erklären Sie mir doch jetzt auch mal was«, sagte der Chauffeur; »ich erzähle Ihnen alles; nun sagen Sie doch auch mal einen Ton ...«

»Sie sollen schon alles erfahren«, erwiderte Duporc; »aber ich habe es gelernt, mit Hypothesen vorsichtig umzugehen. Jedenfalls versichere ich Ihnen, dass Sie, wenn wir diesen verfluchten Schuft, den Jan Kikker, in die Finger bekommen, in allererster Linie für einen grossen Teil der in Aussicht gestellten Belohnung in Betracht kommen. Am liebsten würde ich dem Hause, wo der Knabe sein Zimmer hatte, noch einen kleinen Besuch abstatten. Machen Sie mit?«

»Sie können mich die ganze Nacht in Bewegung halten, wenn es diesem guten Zwecke dient«, sagte der Chauffeur und beschleunigte sein Tempo.

Kaum fünf Minuten später hielten die beiden vor der hübschen Familienpension, die der Sekretär des ermordeten Bankiers am Abend vorher verlassen hatte. Es war am Nachmittag bereits Haussuchung gehalten worden, und alles, was in dem eleganten Zimmer vorhanden gewesen war, hatte die Polizei mit Beschlag belegt. Das erzählte die Pensionsinhaberin sofort, als Duporc gegen ½11 Uhr abends seine Karte abgab und mit aller Entschiedenheit darauf bestand, die beiden Räume im ersten Stock noch einmal persönlich in Augenschein zu nehmen. Die Dame mit dem silberweissen Haar, die von der Geschichte ganz erfüllt war, weil ihre Familienpension in einem Sensationsblatt genannt worden und sie selber bereits zweimal interviewt worden war, legte zwar formell Protest ein, weil es schon so spät war; aber auf ihren Zügen stand die helle Neugierde deutlich genug geschrieben. Und während der Kommissar herumschnüffelte und jeden Gegenstand in die Hand nahm, sich bückte, um unter das Bett zu sehen, die Schubfächer des Waschtisches untersuchte und wahrhaftigen Gott eine Haarnadel darin fand – eine Blamage, die die ehrwürdige Dame bis über die Ohren erröten liess! – eine Haarnadel in dem Waschtisch eines Herrn, der fünf Jahre bei ihr gewohnt hatte!, – während Nathan Marius Duporc weiter das eben frisch gewachste Linoleum mit seiner elektrischen Laterne beleuchtete und ein geradezu auffälliges Interesse für einen Fleck neben dem Schreibtisch zeigte und mit seinem Taschenmesser so lange und so eifrig daran herumkratzte, bis er etwas von der Substanz auf eine Seite seines Notizbuches schmieren konnte, horchte die Inhaberin der Pension den Besucher, der sich nicht ablenken liess, ihrerseits mit einer liebenswürdigen Gründlichkeit aus, als müsse ihr Bericht am nächsten Tage in der Morgenausgabe erscheinen.

»Hat man die Leiche noch nicht gefunden?« fragte sie.

»Nein, gnädige Frau,« erwiderte Duporc, »noch nicht. Darf ich dies mitnehmen, oder haben Sie etwas dagegen?«

»Die leere Schachtel? Was wollen Sie denn damit?«

»Sie könnte mir vielleicht dienlich sein«, antwortete er ausweichend; »übrigens bin ich auch mit dem Deckel schon zufrieden.«

»Was für ein komischer Beruf!« fuhr sie fort, weil der Herr mit dem kurzgeschnittenen roten Haar ein so merkwürdiges Vergnügen daran zu finden schien, sich eine Sammlung von lauter Abfall anzulegen – erst hob er sich allerlei von einem Flecke auf dem Linoleum auf, jetzt wollte er wieder den Deckel einer leeren Schachtel, in der Zahnpulver gewesen war.

»Ich will Sie jetzt nicht länger aufhalten,« sagte der Beamte höflich; »sind Sie sicher, dass jener Herr Kikker diese Schachtel allein benutzte?«

»Aber mein Gott,« sagte die Dame, und ihre Stimme klang leicht gekränkt, »glauben Sie denn vielleicht, meine Gäste, die doch alle etwas auf sich halten, könnten so unmanierlich sein, dass einer das Zahnpulver eines anderen benutzte?«

»Noch eins, gnädige Frau,« sagte Duporc und betrachtete den Fingerabdruck Jan Kikkers mit so verzückten Augen wie ein Gelehrter, der eben ein ganz unbekanntes Element entdeckt hat, »hat Ihr Mieter in den letzten Tagen Besuch oder Besuche empfangen? Den Besuch einer Dame zum Beispiel ...?«

»Hören Sie, Herr Duporc!« antwortete sie und war ganz gekränkt, »das ist wirklich nicht hübsch von Ihnen. Das fragen Sie jetzt nur wegen der einen Haarnadel. Ich habe immer gedacht, dass dieser junge Mann in eine Frau unglücklich verliebt sein müsste. Ich habe ihn einmal mit dicken Tränen in den Augen ein Bild in seinem Portefeuille betrachten sehen, und als ich ihn fragte, ob er Kummer hätte, sagte er so ehrlich, wie Männer sonst nicht zu sein pflegen: »Jawohl, gnädige Frau; aber das wird sich geben, obwohl mir hässlich mitgespielt worden ist ...«

»Ich danke Ihnen verbindlichst,« sagte Duporc, der die Klinke schon in der Hand hielt; »aber Sie haben meine Frage nicht präzise beantwortet: hat der Herr an den letzten Abenden Besuch empfangen?«

»Am letzten Abend ...« wiederholte sie. »Ja – allerdings ... gewiss – den Herrn Bok, der zweifellos einen sehr schlechten Einfluss auf ihn ausübte – ein ganz ordinärer Mensch, der ordinär sprach, ordinär lachte, ordinär trank: das ist für uns Frauen immer ein Massstab – der war überhaupt immer da. Ueber diese plötzlich geschlossene Freundschaft habe ich mir überhaupt mein Teil gedacht, denn in den letzten Wochen ist der arme Mensch – o du lieber Gott, wie wird ihm alles leid tun, wenn er erst zur Besinnung kommt! – oft viel später nach Hause gekommen, als wir es sonst an ihm gewohnt waren ...«

»Blieb Herr Bok lange da, wenn er Herrn Kikker besuchte?«

»Er war nicht wegzukriegen, Herr Duporc. Wenn das Dienstmädchen vormittags das Zimmer hier reinmachte, hing der Tabaksqualm noch faustdick drin. Und sie tranken viel ... Vorvorgestern, nein, ich glaube sogar vor vier Tagen – war auch Herr Rondeel selber eine Stunde hier. – Es mag so kurz nach acht gewesen sein. – Und da haben sie zu dritt so wahnsinnig gelacht, dass es bis in die Küche zu hören war. Wenn man später über diese Dinge nachdenkt, kann es einen kalt überlaufen ...«

»Herr Artur Rondeel war selber hier ...? Ist das kein Irrtum, gnädige Frau?«

»Keineswegs. Denn ich öffnete selber die Tür, was ich sonst nie zu tun pflege, weil meine beiden Mädchen ausnahmsweise zusammen aus waren ...«

»Kam er in seinem Auto?«

»Nein, in einem Taxameter, der vor der Tür wartete. Aber das tut ja schliesslich nichts zur Sache, nicht wahr?«

»Nein,« sagte der Kommissar; »das tut gewiss nichts zur Sache. Und wenn wir hier noch stundenlang sprechen wollten, den Toten machen wir doch nicht wieder lebendig.«

»Das Leben ist beängstigend«, sagte sie, als sie ihn hinausführte.

Der Kommissar nahm wieder seinen Platz neben dem Chauffeur ein, verwahrte die beiden Funde sorgfältig in seinem Portefeuille, und dann ging es zum Hause des Josephus Bok und zu den bescheidenen Zimmern des armen Hungerleiders Hans Thyssen.

In der Wohnung des Josephus Bok hatte die schwerhörige Wirtschafterin, die sich mittags halb tot geschämt hatte, weil ein Polizeileutnant ihr einen Besuch abstattete, alle Vorhänge herabgelassen. Sie war ganz empört darüber, dass jetzt, kurz vor elf Uhr, noch ein Herr klingelte, der sich nicht abweisen liess, und sie versuchte sich erst sehr energisch zur Wehr zu setzen.

»Kommen Sie morgen wieder!« schrie sie.

»Ich komme von der Polizei«, schrie er noch lauter.

»Morgen!« rief sie, und die Kette kam nicht von der Tür weg.

»Wenn Sie nicht öffnen und mich ruhig anhören, muss ich Sie mit zur Polizei nehmen!« brüllte Duporc laut.

Auch damit würde er noch keinen Erfolg gehabt haben, wenn sich nicht der Chauffeur ins Mittel gelegt hätte, den sie ganz genau kannte, weil Artur Rondeel hier oftmals vorgefahren war.

»Fräulein Pil!« sagte er und brachte seinen Schnurrbart so nahe wie möglich an ihr für die Aussenwelt kaum noch empfängliches Ohr, »Fräulein Pilatus, dieser Herr kommt mit dem Auftrage, Herrn Boks Unschuld zu beweisen. Fühlen Sie, die Sie Ihrem Herrn so viel zu verdanken haben, sich berechtigt, ihn daran zu hindern?«

»Aber da kommen Sie bitte mit herein«, sagte sie nachgebend; »ich lasse nicht den ersten besten Menschen in mein Haus, und wenn er auch hundertmal behauptete, dass er ein Geheimpolizist ist ... Wie kommt man bloss auf den wahnwitzigen Gedanken, dass mein Herr seinen Freund ermordet haben könnte! Wenn ich das Scheusal, das ihm das eingebrockt hat, zu packen kriegte, würde ich ihm seine falsch gewachsenen Weisheitszähne einschlagen!«

Bevor sie das Licht andrehte und den Kommissar sowie den Chauffeur eintreten liess, machte sie sich noch rasch etwas in der Küche zu schaffen. Aber Nathan Marius war nicht der Mann, lange zu antichambrieren, und so ertappte er sie gerade dabei, wie sie in der Anrichte einige sehr auserlesene Delikatessen und eine schlankhalsige Flasche Weisswein verstaute, die zur grösseren Hälfte schon leer war.

»Bitte, bemühen Sie sich meinetwegen nicht«, sagte er mit seinem liebenswürdigsten Lächeln.

Da sie diese allzu feine Ironie nicht verstand, richtete sie nur einen wilden Blick auf ihn, weil er so frech war, seine lange Nase in ihre Küche zu stecken, schmiss darauf die widerspenstige und von neuem aufspringende Anrichtetür zum zweiten Male zu und liess in ihrer Verstörtheit einige Dinge auf dem Küchentisch stehen, die wie eine schweigende Anklage wirkten, obwohl es doch einer um ihren verhafteten Herrn trauernden Wirtschafterin wahrlich nicht zu verdenken war, wenn sie sich an einem Stückchen geräucherten Aal, einem Scheibchen Ananastorte und einem Glase Rheinwein gütlich tat.

»Das ist das Wohnzimmer des Herrn«, sagte sie mit so gleichgültig-langweiligem Ton wie der Führer in einem Raritätenmuseum, und sie folgte Duporc auf Schritt und Tritt, als fürchtete sie, dass er angesichts so vieler Kostbarkeiten seine Finger nicht im Zaume halten könnte. Das tat er denn auch nicht. Immer wieder betrachtete er, als aufrichtiger Bewunderer antiken und japanischen Elfenbeins, die Sammlung der kleinen Nippes in den Glasvitrinen, und wenn ihn das eine oder andere Stück besonders interessierte, nahm er es in die Hand und guckte es sich ganz genau von oben bis unten an.

»Jetzt möchte ich doch wissen,« sagte sie mit dem gesunden Menschenverstande, gegen den sich nichts einwenden lässt, »ob Sie nur hierher gekommen sind, um mitten in der Nacht alle Dinge einzeln anzufassen? Und dann rühren Sie doch bitte den Schreibtisch des Herrn jetzt nicht auch noch an: heute nachmittag sind schon so viel Hände darüber gegangen, und ich danke dafür, alles noch mal aufzuräumen ...« Wie ein Wachhund kläffte sie neben ihm her, und sobald er einen Gegenstand aus der Hand legte, war sie auch schon mit der ihren dahinter her, das Ding wieder genau an seinen gehörigen Ort, auf die gleiche Stelle zurückzulegen.

»Es ist hier alles tadellos in Ordnung«, sagte Duporc lobend, während der Chauffeur bescheiden auf der Matte auf und ab ging. »Mein Kompliment! Nicht ein Stäubchen zu sehen! Das ist eine ganze Menge Arbeit für eine einzelne Frau ...«

»Erzählen Sie mir das lieber ein andermal«, sagte Fräulein Pil, die den Besucher aus einem ihr selber nicht klaren Gefühl heraus nicht ausstehen konnte. »Wozu kommen Sie denn eigentlich hierher? – Und setzen Sie sich nicht in den Schreibtischstuhl, wenn ich bitten darf ...«

»Seien Sie nicht so ungemütlich, liebes Fräulein!« schrie der Beamte sie an, da er mit Langmut und Freundlichkeit anscheinend nichts erreichte, »und belauern Sie nicht jede Bewegung wie eine Katze ... Wenn die Geschichte mit Ihrem Herrn Ihnen so nahe ginge, würden Sie doch wohl nicht ganz allein bei einer halben Flasche Wein sitzen, nicht wahr? Und jetzt heraus mit der Sprache, wenn ich bitten darf! Sie wissen mehr, als Sie sagen wollen ...«

»Ich? ... Gott, was für Hirngespinste ...«, antwortete sie unsicher. Dennoch wurde sie einen Schein liebenswürdiger, und es klang beinahe, als wollte sie behutsam einen Dämpfer auf die verstimmten Saiten seines Gemüts setzen. Der scharfsinnige Zuhörer, der hinter dem Schreibtisch im Stuhle des Josephus Bok sass und auf derartige Nuancen ausserordentlich scharf achtete, setzte seine Attacke mit den gleichen Gewaltmitteln fort.

»Kurz und bündig!« sagte er barsch: »Wo waren Sie gestern den ganzen Tag, Fräulein Pil?«

»Wo sollte ich denn gewesen sein? Hier natürlich!« antwortete sie ein wenig unsicher.

»Also Sie waren zu Hause? Warum zündeten Sie denn kein Licht im Hausflur an, als Ihr Herr seine Sachen herausschleppte?«

»Als er was tat?« fragte sie, und dann murmelte sie: »Bitte, entschuldigen Sie einen Augenblick« und trippelte eiligst in die Küche, denn die kleine Anrichtetür quietschte hörbar, und sie kam gerade noch zurecht, um ihre schmutzige Katze zu packen und ihr ein paar hinter die Ohren zu geben. Beinahe wäre es der Diebin, der sie sonst von allem etwas abgab, gelungen, den in Butter gebratenen Aal zu fassen!

Mit einer geradezu musterhaften und vorbildlichen Geschwindigkeit hatte inzwischen Duporc das Löschpapier, auf dem die Abdrücke einiger Adressen sichtbar waren, aus der Unterlage auf dem Schreibtisch herausgezogen, es vor den Kaminspiegel gehalten und zu seinem grössten Erstaunen – die Geschichte schien mit jeder neuen Untersuchung komplizierter zu werden! – den Namen René Rana in deutlichen Rundschriftlettern lesen können.

Noch ehe die Wirtschafterin in das Zimmer zurückgekehrt war, hatte er das zusammengefaltete Blatt in seiner Tasche verschwinden lassen und sass nun so da, als wäre er von seinem Stuhl inzwischen gar nicht aufgestanden. Sogleich begann er die Ausfragerei fortzusetzen, die für sein Opfer schlimmer war, als wenn er ihr Daumenschrauben angelegt hätte.

»Wenn Sie also gestern den ganzen Tag zu Hause waren,« sagte er, sobald die Frau nur auf der Schwelle erschien, »so müssen Sie doch absichtlich das Licht nicht angezündet und sich versteckt gehalten haben, als das Auto mit den Mördern und dem Schlachtopfer vor der Tür hielt und das Gepäck aufgeladen wurde. Wie lange haben Sie gewartet, Chauffeur?«

»Na – doch mindestens so drei bis vier Minuten ...«

»Und was war das für ein schwerer Sack?«

»Ein Sack ... ein schwerer Sack ...« wiederholte die Wirtschafterin stotternd, aber jetzt lammfromm wie ein Schüler, der bei einer Prüfung nicht ausreichend Bescheid weiss.

»Seit wann,« fuhr der Kommissar fort, »lassen Sie Ihren Herrn seine vielen Gepäckstücke und den schweren Sack, der kaum hoch zu kriegen war, allein schleppen? Lauten die neuesten Vorschriften etwa dahin, dass Sie im Dunkeln Schmiere stehen sollen, während er die Sachen herausschleppt? Dann müsste doch auch alles schon vorher so bereit gestanden haben, dass er's nur zu greifen brauchte? Wo steckten Sie? Oder waren Sie gar nicht zu Hause?«

»Nein«, sagte sie so leise, dass sie es mit ihren tauben Ohren selber nicht hörte.

»Wo waren Sie denn?«

»Fort ...«

»Ich habe Sie gefragt, wo Sie waren«, wiederholte er.

»Bei ... bei ...«, antwortete sie und suchte dabei erst so nach den Worten, dass man deutlich merkte, wie sie selbst noch nicht genau wusste, was sie sagen sollte. Dann aber nahm sie einen Anlauf und erklärte: »Bei meiner Schwester ...«

»Dahin sind Sie erst später gekommen«, behauptete Duporc auf gut Glück. Er wusste aus Erfahrung, dass es gar nichts schadete, wenn auch mal etwas nicht stimmte: einmal, weil jedes »schwarze Schaf« in der Regel etwas zu verschweigen hatte, und dann, weil man leichter etwas herauskriegte, wenn man die Verdächtigen, denen man die Seele aus dem Leibe fragte, erst durch tausend an sich nutzlose Fragen mürbe gemacht hatte. Und auch in diesem Falle hatte er sich nicht getäuscht; denn die zahm gewordene Xantippe ging auf den Leim und fragte: »Wie können Sie denn das wissen?«

»Ich weiss alles«, antwortete der Kommissar, und drohend fügte er hinzu: »Wo waren Sie, ehe Sie zu Ihrer Schwester kamen?«

»Ich habe Einkäufe gemacht ...«

»Für sich selber?«

»Nein, für den Herrn ...«

»Aha«, sagte Duporc lächelnd; »er schickte Sie also weg, weil er allein bleiben wollte. Waren denn die Besorgungen eilig?«

»Darüber habe ich nicht weiter nachgedacht ...«

»Ach nein! ... Hat er Ihnen nicht gesagt, Sie könnten sich bei der Gelegenheit gleich einen vergnügten Abend machen?«

»Ja, das hat er ...«

»Standen das Gepäck und der Sack schon bereit, als Sie gingen?«

»Nein ... nur ein Koffer hier in diesem Zimmer mit reiner Wäsche und seinem Frack ...«

»Wie spät war es, als er Sie auf Ihre Besorgungen in die Stadt schickte?«

»Gegen fünf ...«

»Sagte er nichts Besonderes, als er die Tür hinter Ihnen zumachte?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Und fragten Sie denn gar nicht, warum er Sie zu so ungewohnter Stunde, gerade kurz vor dem Essen, wegschickte ...?«

Sie antwortete wiederum nur mit langsamem Kopfschütteln.

»Sie gehen so um die Wahrheit herum, Fräulein, dass ich genötigt bin, der Unterredung hier ein Ende zu machen und Sie mit auf die Polizei zu nehmen. Sie haben zwei Minuten Zeit, sich hier in meinem Beisein fertigzumachen. Mir scheint, Sie wollen lieber als Mitschuldige verhaftet werden, als ehrlich alles eingestehen, was uns bei unseren Nachforschungen nach dem Schuldigen nützlich sein könnte. Holen Sie Ihren Hut und Ihren Mantel und was Sie sonst noch für einen vorläufigen Aufenthalt im Untersuchungsgefängnis brauchen!«

Er drohte ihr Schwereres an, als er verantworten konnte; aber er erreichte seinen Zweck. Der Gedanke an Untersuchungshaft drang wie ein spitzer Keil in das ewig gleichförmige Dasein dieser Frau, die auch in ihren allerentsetzlichsten Träumen noch niemals in nähere Berührung mit den Gerichten gekommen war.

»Haben Sie doch ein bisschen Einsicht«, begann sie in tausend Aengsten mit zitternder Stimme. »Wenn ein Mann, bei dem man seit mehr als zwanzig Jahren in Stellung ist und der einem so viel Vertrauen entgegenbringt, dass er einem sein ganzes Haus mitsamt dem kostbaren Inventar überlässt, wenn er verreist – wenn solch ein Mann, für den man durchs Feuer gehen würde, weil er immer so gut zu einem war, einem sagt: ›Dass Sie mir Ihren Mund halten, Pilatus, verstanden?‹ – ist man da überhaupt berechtigt, etwas auszuplaudern?«

Aber Duporc liess sich nicht ablenken. »Also nun zum letzten Male«, donnerte er. » Was sollten Sie verschweigen

»Dass er mich um fünf Uhr wegschickte ...«

»Und weiter ...?«

»Und wenn sich etwas – etwas Merkwürdiges ereignen sollte ... Herrgott, Herrgott, es wird mich noch meine Stellung kosten ...«

»Was denn für Merkwürdiges?« fragte Duporc unerbittlich, während der Chauffeur mit offenem Munde der Unterhaltung zuhörte.

»Er sagte: ›Wenn sich etwas Merkwürdiges ereignet, was ja nicht ausgeschlossen ist, denn wir leben ja in einer höchst merkwürdigen Zeit – und ausserdem habe ich einen so merkwürdigen Traum gehabt – und überhaupt fühle ich mich heute so merkwürdig‹ – das alles sagte er mit einem so komischen Gesicht, als stünde er auf der Bühne –, ›dann passen Sie auf alles gut auf, Pilatus, bis ich selbst wieder wie eine Katze auf meine Pfoten komme! Hier haben Sie zehn Gulden extra, und jetzt verschwinden Sie gütigst von der Bildfläche, denn ich bekomme Damenbesuch. Und denken Sie daran, dass Sie sich eher würgen und vierteilen lassen sollen, als dass Sie über irgend etwas, das hier im Hause geschieht, zu anderen schwatzen ...‹«

»Kam denn häufig Damenbesuch?«

Sie nickte. Josephus Bok nannte zwar Frau Pil immer »Pilatus«, aber nun war sie schon beinahe zum Judas geworden!

»Haben Sie auch schon mal eine Dame hier getroffen?«

»Nein. Ich musste jedesmal Besorgungen machen ...«

»Sie dachten also, als Sie gestern um fünf Uhr in die Stadt geschickt wurden ...«

»Dass der Herr noch rasch Abschied – von der – von ihr nehmen wollte, bevor er nach Paris fuhr ... Man denkt ja so mancherlei, was man nicht denken sollte; aber dafür sind wir ja doch auch nur Menschen ...«

»Ganz recht«, sagte Duporc und lächelte ihr sehr freundlich zu. »Und Sie glauben, dass sie bestimmt hier war?«

»Ganz bestimmt, denn auf dem Teetisch standen zwei leere Tassen, und ein Paar, nein, zwei Paar entzückende, sehr teure Pariser Schuhe, die er für sie zur Ansicht hatte kommen lassen, waren aus dem Schrank oben mitgenommen ...«

»Haben Sie irgendeine Ahnung, wer diese Dame gewesen sein könnte?«

»Nein, ich bin nicht neugierig, und ich verstehe ganz gut, dass ein gesunder Mann mit viel Geld, der noch dazu so gut aussieht, auch mal in ein Paar andere Augen gucken möchte ...«

»Kamen auch manchmal Damen, ohne dass Sie – ›auf Besorgungen geschickt‹ wurden?«

»Jawohl – die Tochter von Herrn Rondeel, aber die erst in den letzten Wochen ...«

»Allein?«

»Nein, da war ich dabei ...«

»Das kann ich mir denken ... Und fuhr sie mit dem Auto vor?«

»Dann muss sie einen anderen Wagen benutzt haben,« mischte sich der Chauffeur in das Verhör, »ich habe sie nie hierher gefahren.«

»Dürfte ich mir den Schrank mal ansehen, aus dem die Pariser Schuhe mitgenommen wurden?« fragte Duporc, der von diesem Verhör genug zu haben schien.

» Muss das sein?« entgegnete die Wirtschafterin, während ihr Unwille sichtlich wieder auflebte.

»Es muss sein«, sagte Duporc mit aller Bestimmtheit.

Wütend ging sie voraus in das üppig eingerichtete Schlafzimmer im ersten Stock. Der Kommissar warf einen flüchtigen Blick in das ganz moderne Badezimmer, das mustergültig sauber war, und zeigte auffallend starkes Interesse für ein daran grenzendes, sehr unordentliches Zimmer mit dem bewussten Schrank, die »alte Schatzkammer«, wie Joopie Bok zu sagen pflegte, wenn er feuchten Auges an die Tage dachte, da er noch im Theater aufgetreten war, bis eine scheinbar chronische Erkrankung seiner Stimmbänder ihn zwang, sich von der Bühne zurückzuziehen und ein Unterkommen in dem Versicherungsbureau seines Vaters zu suchen, der froh war, den »verlorenen Sohn« wiederzukriegen. Für den lustigen jungen Kerl, der schon bei seinem ersten Auftreten als Komiker einen ungeheueren Erfolg errungen hatte, war es wahrhaft tragisch gewesen, dass er nach einer erfolglosen Kur in Deutschland nun tagtäglich den Gang zur Börse antreten musste. In der »alten Schatzkammer«, in der nie aufgeräumt werden durfte – das tat er selber – verwahrte er seine liebsten Erinnerungen: seine Kostüme, seine Waffen, seine Perücken; an den Wänden des geheiligten Raumes hingen die einfachen ledernen Tuniken des bewaffneten Griechen, ferner Schuppenpanzer, Brustharnische, Schwerter, Pfeile, Bogen, Speere, ein ägyptischer Turban, der mit zwölf Edelsteinen gezierte Brustlatz eines Hohenpriesters aus dem Tempel zu Jerusalem, daneben wieder eiserne Fausthandschuhe, Streitäxte, Sturmhauben, Schilde, Hellebarden, Rapiere und Reiterpistolen. Beinahe das halbe Inventar einer pleitegegangenen Kostümfirma hatte er aus Liebe zum Fach aufgekauft, und in besonders rührseligen Anwandlungen zog er hin und wieder, wenn er aus dem Bade stieg, einen Panzer über. In den unteren Räumen war von alledem nichts zu merken; da lebte der biedere Josephus Bok von der All-Risk-Versicherungsgesellschaft, der es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatte – oben entpuppte er sich zuweilen als der alte Komödiant, der Racine rezitierte, während er unter der Dusche stand.

Das alles hatte jedoch für Nathan Marius Duporc wenig Interesse. Er warf einen Blick in den Schrank, in dem die Pariser Schuhe gestanden hatten, und besah sich dann die verschiedenen Perücken, die numeriert in Schachteln verwahrt waren. Endlich warf er einen Blick auf seine Uhr – es war längst nach elf –, dankte der Wirtschafterin mit einem liebenswürdigen Lächeln und fragte nur noch rasch an der Haustür, die sie ihm bereitwillig genug öffnete, ob sie vielleicht einen Herrn René Rana kenne.

»Nein!« antwortete sie mürrisch; »nie davon gehört!«

Sie schmiss die Tür zu und legte die Kette vor, und als sie sich im abgeschlossenen Hausflur wieder sicher fühlte, machte sie sich Luft und belegte den verhassten Besuch mit einer Fülle ausserordentlich charakteristischer Epitheta, und im Volksmund mehr oder weniger üblicher Schmeichelwörter wie »Roter Schinderhannes!« ... »Verdammte Kanaille ...« u. a. m.

Dies machte aber Duporc wenig aus, dem derartige Schimpfereien hinter verschlossenen Türen nichts anhaben konnten. Er setzte sich schweigsam neben den Chauffeur und fuhr aus seinen Grübeleien erst wieder auf, als aus einem Fenster in der Wohnung Hans Thyssens ein Kopf mit wirrem Haar zum Vorschein kam und eine grelle Stimme fragte, was denn los wäre.

»Ich komme mit einer Bestellung von Herrn Thyssen«, sagte Nathan Duporc.

»Von dem armseligen Schlucker, dem Habenichts!« klang es höchst indigniert aus dem Fenster. »Was mag der Kerl von mir wollen? Am Ende steht sein Name schon in den Zeitungen?«

»Wollen Sie die Freundlichkeit haben, mich eben mal heraufzulassen?« bat der Polizeibeamte höflich. »Es ist zwar ein wenig spät, aber es handelt sich um höchstens fünf Minuten ...«

»Sie können es mir ja so sagen«, meinte die Flickschneiderin und stemmte die Ellenbogen auf das Fensterbrett. »Und ein bisschen rasch, bitte, ich möchte mir nicht gern Ihretwegen eine Lungenentzündung holen ...«

Dies war, wenn er Klothilde und die Witwe Menzel Polack nicht mitzählte, im Verlauf einer Stunde nun schon die dritte Frau, die eine Angelegenheit gern von einem im zweiten Stockwerk belegenen Fenster aus behandelt und zu der man zweifellos keinen Zutritt erlangt hätte, wenn man nicht zur Polizei gehörte. Sogar das glänzende Luxusauto schien ihr nicht weiter zu imponieren.

» So kann ich nicht gut mit Ihnen reden«, sagte Duporc. »Es ist nämlich eine diskrete Angelegenheit ...«

»Wenn Sie so nicht sprechen können,« rief die schrille Stimme, »dann sprechen Sie eben nicht!« Und schon flog das Fenster zu.

»Mit der Frau möchte man im Mondschein Spazierengehen«, bemerkte Duporc trocken, und dabei war er auch schon auf der Treppe, da einer der Hausbewohner, der seinen Hund hinauslassen wollte, gerade die Haustür geöffnet hatte.

Im zweiten Stock klopfte er an die Wohnungstür.

»Wer ist da?« fragte eine Stimme. Und weil die Fragerin wohl schon vermutete, dass es »der Kerl von der Strasse« wäre, legte sie schon soviel Groll in diese drei Worte, dass es einen anderen gar nicht nach mehr gelüstet hätte.

»Ich«, flüsterte Duporc, und zugleich öffnete er die Tür mit einem der rostigen Schlüssel des Hans Thyssen, die er auf dem Dordrechter Polizeirevier an sich genommen hatte.

»Allmächtiger!« schrie die Frau jetzt, aufs äusserste empört über solche Unverschämtheit. »Wenn Sie sich nicht sofort zum Teufel scheren ...«

»Polizei«, sagte Duporc und hielt ihr seine Marke vor die Nase. »Je weniger Radau Sie machen, desto besser wird es für Sie sein, mein Fräulein ...«

Von dem auf die Strasse hinausgehenden Fenster aus würde sie die ganze Gegend zusammengeschrien haben – hier aber, im traulichen Halbdunkel der kleinen Diele, verlor sie ihre Sicherheit.

»Was wünschen Sie denn eigentlich?« sagte sie jetzt etwas zugänglicher.

»Ich wünsche Ihnen einen guten Abend,« sagte Duporc, »und ich möchte mich hier nur rasch mal ein wenig umschauen. Hier haben Sie was für Ihre Bemühungen, denn ein Mensch, der schwer um sein tägliches Brot arbeitet, soll seine Zeit nicht umsonst vergeuden.«

Er legte einen fast noch ganz neuen Taler neben die Lampe; sie lächelte dankbar, denn solche Freuden waren der armen Seele offensichtlich nicht häufig beschieden.

»Wenn Sie das nur gleich gesagt hätten, dass Sie von der Polizei sind,« sagte sie und guckte sich das Geldstück ganz genau an, »dann hätten Sie sich doch nicht erst all die Treppen heraufzubemühen brauchen. Was ist denn mit dem Hungerleider los?«

»Ist Herr Thyssen Ihnen was schuldig?«

»Na, ob!« antwortete sie rasch. »Ich wundere mich gar nicht, dass der mal an den Unrechten gekommen ist! Als ich gestern abend einen Zettel hier vorfand – bitte schön, da liegt er: ›Erwarten Sie mich heute abend nicht. Ich muss fort. H. Th.‹ da dachte ich mir gleich: Wenn das nur gut abläuft! Er hatte höchstens zwei Taschentücher und ein Paar Stiefel, die so zerrissen waren, dass ich sie ihm schon nicht einmal mehr putzte. Heute morgen will ich mich in der Küche waschen, und da hatte er mir doch wahrhaftig meine Seife geklaut! Aus Dordrecht wollte er Geld mit nach Hause bringen! Aber daran glaube ich nicht. Heute morgen war gerade so'n Geheimer wie Sie im ersten Stock, dann auch im dritten, um Erkundigungen einzuziehen; ich selber war schon um acht Uhr weggegangen. Hätte er mich angetroffen, so würde ich ihm gleich gesagt haben, dass hier was nicht ganz koscher ist; der Zettel kam mir zu verdächtig vor, und in seinem Zimmer war gestern abend so'n verdächtiger Gestank, da wird er sich wohl das Gift zurechtgebraut haben, das er dem ermordeten Bankier eingegeben hat.«

Duporc, der ohnmächtig gegen diesen Wortschwall war, versuchte nun auch einmal seinerseits zu Worte zu kommen.

»Darf ich mir sein Zimmer mal ansehen, Fräulein? Es dauert keine zwei Minuten ...«

»Meinetwegen brauchen Sie sich nicht zu beeilen,« sagte sie, »ich habe Zeit, und wenn Sie auch die ganze Nacht ...«

Im Zimmer des Hans Willem Adriaan Thyssen schaute sich Nathan Marius Duporc so rasch um wie einer, der mit seiner Meinung ja schon fertig ist und nur der Sicherheit halber alles noch einmal nachprüft.

Der Arbeitstisch war mit Büchern, Zeitschriften, Broschüren und Zeitungen derart überladen, dass für die gottbegnadete Arbeit, Träume für lesebegierige Zeitgenossen niederzuschreiben, kaum ein kleines Fleckchen übrigblieb.

Das Sofa diente auch als Stapelplatz für allerlei Literatur, und endlich stand noch ein geschlossener Bücherschrank da, der so vollgepfropft war, dass sich die Bretter bogen.

Auf dem kleineren Tischchen lag in einer Luxusausgabe » Die Beichte von Stanislaus Erkerman«, jenes psychologische Buch, von dem der unglückliche Autor auf dem Dordrechter Polizeibureau gesprochen hatte.

»Ich möchte mir diesen verschlossenen Schrank mal ansehen«, sagte Duporc und rasselte mit dem verrosteten Schlüsselbund des Schriftstellers.

»Bemühen Sie sich nicht«, sagte das nun schon ganz für ihn eingenommene Fräulein und trat rasch und beflissen heran. »Ich habe selbst einen Schlüssel, der dazu passt. Von aussen sieht man nur Bücher, unten hinein stopft er alles, was ich nicht sehen soll und was er gern allein aufessen möchte. Na, was habe ich Ihnen gesagt?« Und mit einer triumphierenden Handbewegung zeigte sie auf den Raum unter dem untersten Brett.

Da lag in der Tat allerhand: ein leergekratztes Butterbüchschen, eine leere Kognakflasche mit einem pompösen Etikett, eine leere Zwiebackdose und eine leere Sardinenbüchse. Die Leere gähnte einen geradezu an.

»Ich danke schön«, sagte Duporc, der sich ausschliesslich für ein paar alte Gillete-Messerchen interessierte und darauf mit einem der Schlüssel Thyssens den Schrank wieder zuschloss.

Im Papierkorb fand er einen Papierballen, Ueberreste des »Kirchlichen Familienblattes«, aus dem Hans Thyssen sich die verhängnisvollen Sohlen zurechtgeschnitten hatte.

Duporc untersuchte das alles ganz nachlässig, beinahe gleichgültig. Die Sache wurde doch wieder kompliziert. Die Spur liess sich nicht so einfach verfolgen. Der arrogante Schriftsteller mit seiner Drohung, die Sache in den Tageszeitungen zu veröffentlichen, war allem Anschein nach nur dem gerissenen Josephus Bok zum Opfer gefallen, der im D-Zuge einen Entlastungszeugen brauchte. Aber solange man keine absolute Gewissheit hatte und nicht genau feststand, welche Rolle Hans Thyssen in dieser Sache gespielt hatte, und weiter: solange die sonderbare Witwe Menzel Polack, die Jaapje Eekhorn besucht hatte, ihre Anzeige des Juwelendiebstahls, den sie diesem literarischen Hungerleider zur Last legte, aufrechterhielt, durfte man sich durch Gefühlsmomente nicht erweichen lassen.

Duporc war schon im Begriff, das Arbeitszimmer des Schriftstellers, dem hier dichterische Eingebungen kommen sollten, zu verlassen, als ihm plötzlich ein offenes Heft mit Aufzeichnungen und Entwürfen von Hans Willem Adriaan auffiel.

Das Fräulein, das ihm bei seinen Nachforschungen behilflich gewesen war, hatte sich auch schon mit rasch zugreifenden Fingern daran zu schaffen gemacht. Oben auf der ersten Seite stand in einer nervösen Doktorhandschrift zu lesen:

Reinier Rana, genannt René, dessen Leben und Werke, Erinnerungen und Leidensgeschichte das wahrhaftige Abbild eines Zeitgenossen geben, der die Einsamkeit dem Verkehr mit Menschen vorzieht.

»Das ist stark!« sagte Duporc, der nur selten seine Gedanken laut zu äussern pflegte.

Er begegnete hier nicht nur zum dritten Male diesem Namen, den er nicht unterbringen konnte, nein, er entdeckte nun sogar noch höchst verblüffende Einzelheiten. Hans Thyssen hatte unter anderem mit Bleistift noch dazu gekritzelt:

Teils um sich zu rächen, teils aber auch getrieben von der Sucht, sich unabhängig zu machen, tötet er ihren selbstsüchtigen Vater.

»Wenn sich mir jemals irgendeine Chance bietet, dann wird mich kein Mensch davon zurückhalten, sie auszunutzen – und müsste ich über Leichen gehen! Zum Sklaven bin ich nicht geboren«, denkt er heute.

Motiv: Schuld und Busse.

Der Familienname Rana ist dem wirklichen vorzuziehen, obwohl dieser grössere Geschmeidigkeit verrät. Vergleiche A. E. Brehm.

Breckeckecks! Koax! (nicht übel als Spottruf, wenn er die Flucht ergreift).

Vergleiche Bölsche »Liebesleben in der Natur«.

Der Fisch im Menschen, Seite 23.

Das Tier im Menschen, Seite 478.

Rana ist gänzlich empfindungslos, sobald er sich im Zustande der Verliebtheit befindet.

Das Adjektiv »amoureux« ist platteren Andeutungen stärksten Interesses auf sexueller Grundlage vorzuziehen.

Degenerationserscheinungen.

Wenn er bei dem Unfall verwundet ist, schleppt er sich weiter und wird wieder gesund.

Sie weiss um den Mord, bleibt aber unter seinem Bann.

*

»Verdammt nochmal!« sagte Nathan Marius Duporc wieder halblaut: »Entweder ist der komplett verrückt, oder ich werde es. Bei dieser Affäre treibt der Teufel selber sein Spiel und stellt alles auf den Kopf! Hat hier wohl ein gewisser Herr Rana verkehrt, Fräulein?«

»Es gehen hier so viel Hungerleider aus und ein«, sagte das Fräulein, »man sieht hier so viele mit langen Haaren und grünen Gesichtern herumlaufen, dass es ganz gut möglich wäre. Einen Ranja kenne ich – Rana? nein!«

»Kann ich wohl ein Glas Wasser haben?« fragte Duporc, der sich wirklich nicht ganz wohl fühlte.

Sie wollte ihm eine Tasse Kaffee aufdrängen, aber als er darauf bestand, dass er nur Wasser trinken wollte, trippelte sie in die kleine Küche, um erst noch rasch ein Glas sauber zu machen.

Währenddessen riss der Polizeikommissar die Seite aus dem Heft und legte die Gedankensplitter des Hans Thyssen in die immer grösser werdende Sammlung: Menü mit Bilderrätsel aus dem Speisewagen, von Artur Rondeel bezahlte Rechnung, ebendaher, aus dem Fremdenbuch des Hotel Ponsen ausgerissene Seite, zurückbehaltene Briefe des Bankiers, Löschpapier von Josephus Bok, rosafarbenes Zettelchen mit Klothildes Handschrift, das sie dem entflohenen Sekretär in die Hand gedrückt hatte.

Ein paar Minuten später sass er, nachdem das Fräulein – van Speik hiess sie – ihren letzten Wortschwall über ihn ergossen hatte, erschöpft neben dem Chauffeur, der ihn mit Fragen überschüttete. Er antwortete mit geschlossenen Augen, bis sie vor dem Friseurgeschäft anhielten.

Nun musste auch alles gleich mit einemmal abgemacht werden. Man konnte nie wissen, was der kommende Tag bringen würde.

Es war gegen Mitternacht, als der Inhaber des Frisiersalons die Ladentür aufschloss. Duporc brauchte sich nicht vorzustellen; er war hier bekannt. Und diesmal lohnte sich die Mühe.

Wenn man konsequent seinen Weg verfolgt, so gelangt man auch ans Ziel!

Der liebenswürdige Friseur erinnerte sich, dass er eben eine Dame onduliert hätte, als er das Auto hatte halten sehen. Ein junger Mann, der ihm bekannt vorkam, aber nicht zu seiner ständigen Kundschaft gehörte, hatte ein paar Einkäufe gemacht – durch die Verkaufszettel liessen sie sich leicht kontrollieren: eine Schachtel Schminke, einen Gilletteapparat, eine Tube Zahnpasta – das kleine Päckchen mit den Gillettemessern hatte er in der Eile vergessen – und zugleich hatte er für Herrn Bok von der Versicherungsgesellschaft eine Schachtel schon fertig frisierter Perücken für eine Aufführung zu einem Hochzeitsfest mitgenommen, das in einigen Tagen stattfinden sollte; Herr Bok hätte die Regie übernommen.

Nathan Marius Duporc war plötzlich wieder ganz munter; wie neugeboren fühlte er sich. Er erkundigte sich noch nach ein paar Einzelheiten, erhielt bereitwilligst die Erlaubnis, die Verkaufszettel für ein paar Tage mitzunehmen, und kletterte dann wieder neben den Chauffeur. Er schien auffallend vergnügt. Nur der grosse Unbekannte, der Herr René Rana, war ihm noch ein Rätsel.

Auf dem Rembrandtplatz liess er halten und lud den Chauffeur zu einem heissen Grog ein. Er war in der heitersten Laune und genehmigte selber auch zwei Grogs. Seine Nerven waren so angespannt, dass er am liebsten die halbe Nacht sitzen geblieben wäre; aber die Polizeistunde schlug, das Lokal wurde geschlossen.

Da nahm er Abschied von seinem neuen Freunde, der ihn erst noch nach seiner Wohnung in der Schlossstrasse fahren wollte und ihn dann bat, nur zu telephonieren, wenn er ihn wieder brauchte.

Er zog es vor, noch ein wenig frische Luft zu schnappen und ging zu Fuss durch die Karlstrasse zurück. Und da nun harrte seiner das grosse Glück ...

In einer Buchhandlung, neben der eine Laterne stand, lagen Bücher aufgeschlagen. Eines zog seine Aufmerksamkeit ganz besonders durch die farbigen Bilder an.

Auf der einen Seite schauten sich drei Laubfrösche ganz vergnüglich an – auf der anderen sah man einen wunderschönen lebensgrossen javanischen fliegenden Frosch.

»Ausserordentlich hübsch«, sagte Nathan Marius Duporc, setzte sich seinen Kneifer auf und – fühlte einen Stich im Herzen.

Unter der Abbildung der Laubfrösche stand » Rana arvalis«.

» RanaRana«, sagte er ganz verstört vor sich hin.

Dann war Rana also der lateinische Name für Frosch – gut holländisch: Kikker! Hätte er nur ein bisschen mehr Latein gekonnt, so wäre er wohl schon früher darauf gekommen ...

»Gott verzeih' mir die Sünde!« rief er.

Klothilde Rondeel hatte an einen Kikker in Marseille geschrieben – einen Kikker – einen » Rana«, haha! Haha!

Ganz trunken vor Freude eilte er weiter, indes er die Dinge mit kombinatorischem Scharfsinn noch weiter durchdachte. Jetzt musste er gleich auf die Polizei!

In Boks Wohnung war die Verwendung dieses famosen Namens verabredet worden, und Kikker hatte um 10 Uhr 15 Minuten in Roosendaal das französische Telegramm aufgegeben!

Duporc hätte vor Freude tanzen und springen mögen – und weiss Gott vergass er seine schmerzenden Füsse so weit, dass er auf dem Damm einen gewaltigen Luftsprung machte!

Im Zimmer 51 des Polizeipräsidiums beruhigte er sich allmählich wieder. Dort waren seltsame Neuigkeiten eingelaufen. Die Connie vom Notar hatte, ganz aufgelöst vor lauter Aufregung, telephonisch mitgeteilt, dass sie die Feuerwehr alarmiert habe, weil Jaapje Eekhorns Wohnschiff um ½11 Uhr zu sinken angefangen habe und jetzt kaum noch sichtbar unter dem Wasserspiegel läge.

»Was soll denn nun das?« dachte Nathan Marius Duporc ein wenig ernüchtert.

»Ich verstehe Sie gar nicht, Duporc«, sagte Sier, der diensttuende Kommissar, »wenn mir solche Sensationsaffäre anvertraut worden wäre, so wäre ich in diesem Augenblick sicher schon längst nicht mehr hier ...!«

»Sier«, antwortete Duporc in einer dunklen Erinnerung an ein paar Worte, die einer mal im 17. Jahrhundert gesprochen hatte, »die Schlüssel zum Sund liegen in Amsterdam. Ich gehe schlafen. Gute Nacht!«

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