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Hermann Heyermans: Bluff - Kapitel 10
Quellenangabe
authorHermann Heyermans
titleBluff
publisherRudolf Mosse / Buchverlag
year1926
printrunErste bis dritte Auflage
translatorElse Otten
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Neuntes Kapitel

Ein bedeutsames Kapitel, in dem Herr N. M. Duporc vom Geheimdienst den Zug verpasst, die Aktien der »Internationalen Bank« für einen Pappenstiel an der Amsterdamer Börse zu haben sind und Jaapje Eekhorn Damenbesuch im Wohnschiff empfängt.

 

Was mag das gewesen sein?« überlegte der Kommissar. Wenn der Kellner des ersten Dordrechter Hotels sich nicht irrte und nicht einfach Klatsch machte, weil er mit dem Trinkgeld unzufrieden war – wenn in der Tat hier Gäste gewohnt hatten, die nicht frühstückten, weil er sich in dem Speisesaal aufhielt, so musste man doch wohl annehmen, dass diese Gäste irgend einen Grund hatten, sich nicht sehen zu lassen.

Man konnte ja glauben, dass es vielleicht Paare waren, die sich auf legitimer oder illegitimer Hochzeitsreise befanden – solche Menschen aber pflegten doch nicht gerade vor sechs Uhr früh aufzustehen, und weder einem Engländer noch einem Franzosen wäre es überdies eingefallen, den Speisesaal zu meiden, weil ein unbekannter holländischer Polizeibeamter darin sass.

Duporc stellte sich an wie ein geschwätziger Spiessbürger und versuchte, den Kellner etwas auszuhorchen. Es wäre bestimmt der alte Herr Macdonald gewesen, sagte der, ein Mann mit silberweissem Haar, und ebenso bestimmt wäre der kleine Franzose dabei gewesen, der gestern abend noch eine Flasche Rotwein getrunken hatte, während seine Frau sich schon sehr früh mit einer Wärmflasche ins Bett gelegt hätte.

Der Engländer hätte gesagt: »Da sitzt der verfluchte Kerl, der heute nacht gegen unsere Türe gedonnert hat!« Der Franzose hätte nur vor sich hingepfiffen und wäre, nachdem er bezahlt hatte, nochmal in sein Zimmer zurück und dann zum Bahnhof gegangen.

»Und die Damen?« fragte Duporc und sah auf seine Uhr – viel Zeit hatte er nicht mehr.

»Die habe ich gar nicht mehr zu sehen bekommen,« antwortete der Kellner. »Viel war ja auch wohl nicht an ihnen dran; aber man kann ja nicht jeden Menschen nach seinem Trauschein fragen ... Ist so eine Geschichte nicht ganz richtig, dann machen die Damen meistens, dass sie wegkommen, während man alle Hände voll zu tun hat. Und das haben die ja nun auch glänzend besorgt. Man könnte ja glauben, dass sie lieber in aller Ruhe im Speisewagen frühstücken wollten; aber das ist auch wieder nicht gut möglich, weil erst der Zug um ½10 Uhr einen Speisewagen hat ...«

»Ja, ja ...«, nickte Herr Duporc, verzehrte in aller Ruhe sein Ei, schien aber dabei doch sehr interessiert zuzuhören.

Von Rotterdam aus hatte sein Dordrechter Kollege sowohl das Signalement des Jan Kikker in der Mordsache Artur Rondeel; wie auch das des Jan Tulp wegen der Diebstahlsaffäre der Witwe Menzel Polack weitergegeben. Die Flucht zu Schiffe nach England oder Amerika war also ausgeschlossen.

Wenn er den Zug 6 Uhr 24 Minuten nahm, so musste er um ½9 Uhr in Roosendaal eintreffen – noch früh genug, um den angehaltenen Schlafwagen näher zu untersuchen und dann selber in Essen das Passbureau zu revidieren. Ein guter Kriminalist lässt sich nicht durch Nebenumstände ablenken und muss sich vor allem davor hüten, überall Gespenster zu sehen.

Er war jetzt nicht mehr im Zweifel darüber, welcher Spur er zu folgen hatte. Er bezahlte seine Rechnung, liess für Frau Menzel Polack einen Brief zurück, in dem er ihr den Rat gab, sogleich nach ihrer Ankunft in Amsterdam auf dem Polizeipräsidium eine detaillierte Beschreibung aller gestohlenen Gegenstände zu hinterlegen, zog sich seinen Ueberzieher an und war schon an der Tür, als ihm einfiel, dass er eine grenzenlose Dummheit gemacht hatte.

So etwas konnte einem auch nur passieren, wenn man zu wenig geschlafen hatte und sich in aller Hast anzog!

Er hatte seinen Browning unter dem Kopfkissen vergessen! Vor ein paar Jahren war ihm das gleiche schon einmal widerfahren. Damals hatte er es zu spät bemerkt; heute konnte er's noch rechtzeitig wieder gutmachen!

Droben angelangt, warf er einen Blick in das Zimmer, in dem die Aimards geschlafen hatten. Die Türe stand halb offen. Er würde ruhig vorbeigegangen sein, wenn seine Aufmerksamkeit nicht durch eine Kleinigkeit gefesselt worden wäre: sie hatten das elektrische Licht brennen lassen. Auf der Marmorplatte des Waschtisches lag eine Anzahl goldener Zigarettenmundstücke in Reih und Glied, gleich als hätte der Raucher sie mit aller Genauigkeit nochmals nachzählen wollen.

»Wo habe ich das doch schon einmal gesehen?« überlegte Nathan Marius Duporc, während er in sein eigenes Zimmer eilte, und es liess ihm keine Ruhe, dass er sich nicht gleich erinnern konnte, wo er noch solche Serie von Zigarettenmundstücken gefunden hatte.

Rasch steckte er den Dienstrevolver in die hintere Rocktasche.

Als er nun wiederum an dem anderen Zimmer vorüberging, blieb er noch einmal stehen. Im Spiegel sah er die beiden Betten des französischen Ehepaares und bemerkte, dass sie nicht – oder kaum – berührt waren. Die beiden mussten also auf den Bettdecken gelegen haben, vermutlich ganz angezogen. Nur die Kopfkissen waren ein wenig eingedrückt. Und auf der Marmorplatte des einen Nachttischchens lag wiederum eine Reihe goldener Mundstücke mit denselben regelmässigen Zwischenräumen! Das Zimmer war noch voll süsslichen Tabakgeruches. Und unter dem Bett – es grenzte beinahe ans Unglaubliche! – gewahrte er ein Wunder: einen vergessenen Damenschuh!

»Was für verdächtige Individuen habe ich da heute nacht als Nachbarn gehabt?« dachte der Kriminalkommissar. »Aber ich habe wichtigere Dinge im Kopf – meinetwegen mögen sie ...«

Aber da war es ihm plötzlich, als gäbe es in seinen Gedanken Kurzschluss. Er hielt den Atem an, sein Herz klopfte fast hörbar, was bei einem Manne, der an Ueberraschungen gewöhnt ist, keine Kleinigkeit bedeutet. Darauf schnaufte er gewaltig, schob in das von den Nachbarn verlassene Zimmer, schloss die Tür, legte den Messingriegel vor und liess die sämtlichen Zigarettenenden in seiner Zigarrentasche verschwinden.

Ohne Zweifel, jetzt war er auf der richtigen Spur!

Als er gestern gegen Abend seinen Kopf in das Zimmer auf dem Wohnschiff von Jaapje Eekhorn gesteckt hatte, war ihm auf dem eisernen Rand des Bettes dieselbe Ansammlung sorgfältig geordneter goldener Zigarettenmundstücke aufgefallen! Zweifellos musste das eine besondere Angewohnheit des gerissenen kleinen Kerls sein, der auf der Rustenburch hauste. Ein Gedanke reihte sich an den anderen, bis es ihm ganz klar geworden war, dass Jan Tulp mit seinem Kumpan auf Reisen gegangen, dass Jaapje seinerseits dem Freunde mit den hellen Gamaschen gefolgt war, dass sie sich im Zuge getroffen hatten, und dass er, Nathan Marius Duporc, von dem Scheusal mit der Hornbrille anhaltend beobachtet worden war. Grosse Coups unternahmen die beiden stets gemeinsam.

Jetzt begann der Beamte das ganze Zimmer abzusuchen. Er kroch auf Händen und Füssen unter die Betten. Jedes der Kopfkissen besah er sich einzeln unter dem Licht der Lampe; allein er fand nichts Verdächtiges. Wenn es wirklich Jaapje gewesen war, so konnte er keinesfalls auf verliebte Abenteuer aus gewesen sein; denn er hatte unten erst ganz allein eine Flasche Rotwein getrunken, und die Frau hatte eine Wärmflasche mit heraufgenommen und sich zu Bett gelegt. Auf einer fingierten Hochzeitsreise pflegt man sich anders zu benehmen. Wo war die Wärmflasche geblieben? Sie stand neben dem Nachttischchen – ohne einen Tropfen Wasser! Duporc fluchte leise. Dann öffnete er das Fenster. Das ging auf die Strassenseite hinaus, und das Glasdach einer Veranda zog sich sowohl an dem Zimmer entlang, das er selber gehabt hatte, wie an dem des englischen Ehepaares. Nathan Marius Duporc kletterte vorsichtig auf das Fensterbrett; er wettete tausend gegen eins, dass diese gerissenen Schurken das Leitungswasser so anhaltend hatten laufen lassen, um geräuschvollere Unternehmungen, die sonst die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben würden, zu verschleiern. Kein Zweifel! Die beiden waren über das Glasdach auf Abenteuer ausgegangen. Auf dem Fensterbrett waren noch feuchte Fusspuren und schlammige Sohlenabdrücke, und die gleichen feuchten Fusspuren gewahrte er beim Licht der Taschenlaterne auf dem Dache der Veranda mit solcher Schärfe und Deutlichkeit, dass er als erfahrener Fachmann, der solche Untersuchungen schon hundertmal gemacht hatte, keine Sekunde mehr zweifeln konnte.

Jeden Fussabdruck sorgfältig umgehend, verfolgte Duporc seinen Weg – den Gedanken an die sofortige Abfahrt hatte er aufgegeben. Da waren zwei verschiedene Eindrücke: ein kleinerer Fuss und ein grösserer; beide rührten aber zweifellos von Männern her. Der in der Eile vergessene Frauen-Halbschuh passte nirgends hinein, und ausserdem war er noch so funkelnagelneu, dass es schien, als ob die feine Sohle und der zierliche Absatz auf dem schmutzigen Wege vom Bahnhof bis ins Hotel zum erstenmal den Boden berührt hätten.

»Hm!« sagte Duporc lächelnd vor sich hin, dieweil er vorsichtig auf dem Glasdach herumstieg. »Mein Freund Jaapje Eekhorn hat zweifellos die Salonrolle des weintrinkenden Franzosen gespielt, während mein Freund Jan Tulp, der in allen modernen Sprachen so vortrefflich bewandert ist, die Partie der übermüdeten Französin übernommen hat. Herr ›Aimard‹ hat mich am Frühstückstisch sitzen sehen und ist dann hinaufgegangen, um die gnädige Frau, die – wie alle Frauen – im letzten Moment etwas vergessen hatte, zu warnen. Das kann natürlich nur einem Manne passieren, dass er einen Schuh, den er nicht zu tragen pflegt, unter dem Bett stehen lässt! Bleibt noch die Frage, wie sie zu einem Damenkostüm gekommen sind, und was sie heute nacht hier vorgenommen haben. Bleibt ferner die Frage, warum sie in Dordrecht ausgestiegen, und in welche der Affären im Zuge sie verwickelt sind.«

Wieder kroch er nun auf allen Vieren, um nicht von Vorübergehenden gesehen zu werden, der Spur weiter nach. Die Schritte hatten das Fenster seines Zimmers, in dem er noch rauchend gesessen und Licht gebrannt hatte, in weitem Bogen umgangen, und dieser Bogen führte dann zu dem auf der anderen Seite gelegenen Zimmer, in dem die Engländer gewohnt hatten. Auch dort brannte das Licht noch. Man konnte durch einen Spalt der Vorhänge hineinschauen. Die Betten waren in Unordnung. Anscheinend hatte man also darin geschlafen. Die Reste des Abendessens, das die beiden im Zimmer verzehrt hatten, standen unter der Lampe auf dem Tisch. Und wiederum machte Nathan Marius Duporc, während die Lokomotive zum letzten Male pfiff und der Zug nach Roosendaal sich in Bewegung setzte, eine verblüffende Entdeckung – der Verschlussriegel des einen offen stehenden Fensterflügels war zerbrochen. Als er seine kräftigen Finger um das Holz legte, gab der Flügel nach – und auch dort auf dem Fensterbrett, innen und aussen entdeckte er im Licht seiner Taschenlaterne die gleichen schlammigen Spuren der gleichen Männerfüsse. »Sie sind hier in das Zimmer der Macdonalds hineingeklettert!« Das war der erste Gedanke des Kriminalkommissars; bei Nacht waren sie hier zusammen: so schloss sich der zweite daran.

Ueber einen vor dem Fenster stehenden Stuhl kletterte er in das rechts von dem seinen liegende Zimmer hinein, zog das Fenster hinter sich zu – und nun überkam ihn einen kurzen Augenblick lang das Gefühl, als sei er nicht ganz klar im Kopfe – als leide er an Halluzinationen! In diesem Raum hing der gleiche süsslich-durchdringende Geruch von Zigarren und Zigaretten, und auf dem Rande eines der Teller wiederholte sich die typische Anordnung der vergoldeten Mundstücke, wie er sie soeben erst in dem linksgelegenen Zimmer beobachtet hatte!

Dann waren sie also auf längeren Besuch hier gewesen! Wäre ja noch ein Zweifel möglich gewesen, so mussten die herumgestreute Asche neben den vier Stühlen und der Whiskyduft, der aus vier Gläsern aufstieg, entscheidend sein. Vermutlich hatte der Kellner nur zwei Likörgläser heraufgebracht, denn sie hatten auch die Wassergläser vom Waschtisch mit in Gebrauch genommen. Es standen ein paar leere Sodaflaschen zwischen den Tellern, die noch Spuren von verzehrten Eiern aufwiesen. Aber sie schienen auch reinen Whisky getrunken und auch selber noch Vorrat bei sich gehabt zu haben; denn in einer Zimmerecke lag neben dem Stiefelzieher eine leere Whiskyflasche. »Da hört aber doch alles auf«, dachte der Kommissar ziemlich deprimiert. Wie hatten diese Menschen, die er am Ausgang des Bahnhofs flüchtig gesehen hatte, einander kennen gelernt? War hier irgendein Zusammenhang mit dem im Zuge verübten Mord? Lohnte es sich überhaupt, darüber nachzudenken?

Mit der Ausdauer eines Spürhundes durchsuchte er das Zimmer. Jetzt fiel es ihm auf, dass auch hier niemand geschlafen hatte. Die Unordnung der Betten, die er vom Fenster aus beobachtet zu haben glaubte, erwies sich als eine optische Täuschung. Zwar waren die Steppdecken und die Deckbetten zusammengeknüllt und auf einen Haufen geworfen, allein die Laken zeigten keine Spur einer Benutzung und waren zweifellos unberührt. Der Teppich, den er auch gründlich bei Licht besah, wies nur Flecke von festgetretener Asche auf und war in der Nähe des Waschtisches etwas feucht vom Wasser.

Auf dem Waschtisch selbst lagen Korkstückchen von der Whiskyflasche, deren Pfropfen vermutlich mit einer Schere herausgeholt worden war. Und eben solche Stückchen Kork verstopften das Abflussrohr und hielten eine Strähne weissen Haares zurück.

Mit seinem Federmesser machte der Beamte die kleine kupferne Abflussöffnung frei und steckte den neuen feuchten Fund in eine Streichholzschachtel.

Nur zwei Personen hatten am Tisch gegessen – nur neben zwei Tellern lagen Krümel; vier aber hatten getrunken.

Duporc warf jetzt noch einen Blick unter die Serviette, die der Kellner vom Servierbrett genommen und über die Tischdecke gebreitet hatte. Da lag ein gebrauchtes Gillette-Messerchen, das wohl übersehen worden war, und ein zerknülltes buntfarbenes Stückchen Papier, das der Detektiv angespannt unter der Lampe betrachtete. Sein Fund schien ihn dermassen zu interessieren, dass er ein Klopfen an der Zimmertür nicht hörte und von dem Kellner, der ihn unten bedient hatte, nun überrascht wurde.

»Der Zug ist schon fort«, sagte der Mann und guckte den Gast, der sich hierher verlaufen hatte, misstrauisch an. »Ich hatte Sie hinaufgehen sehen und begriff gar nicht ...«

»Ich hatte etwas vergessen«, antwortete Nathan Marius ruhig.

»Sie haben doch aber nicht hier gewohnt? Was wollen Sie denn in diesem Zimmer?«

»Jemanden suchen«, antwortete der Beamte lächelnd mit der Ruhe eines Menschen, der ein gutes Gewissen hat.

»Das mag schon sein«, sagte der Kellner; »aber Gäste, die bereits bezahlt haben, pflegen doch nicht in Zimmern herumzuschnüffeln, die sie gar nicht bewohnt haben. In den Appartements, wo die Franzosen schliefen, scheint auch nicht alles in Ordnung zu sein. Dort brennt Licht, und die Türe ist von innen verriegelt, und dabei ist doch niemand mehr drin.«

»Daran bin ich schuld«, sagte Duporc, »ich werde das sofort wieder gutmachen.« Damit drückte er ihm mit liebenswürdigster Miene ein paar Geldscheine in die Hand.

»Und nun, junger Mann, beantworten Sie mir schnell ein paar Fragen, die ich an Sie richten werde. Ich gehöre zum Sicherheitsdienst. Hier ist meine Ausweismarke. Jetzt werden Sie wohl schon eher begreifen, warum einige Ihrer Gäste ohne Frühstück abgereist sind, als sie mein edles Haupt sahen ...«

»Wenn Sie nur unser Hotel nicht in Verruf bringen ...«, wagte der Kellner schüchtern einzuwerfen.

»Im Gegenteil, Freundchen! Das werden Sie schon noch sehen. Also wer übernachtete in diesem Zimmer?«

»Die Engländer oder Amerikaner. Ich sagte Ihnen doch schon ...«

»Lassen Sie nur alles unnötige Reden; ich muss doch schnell fort – antworten Sie bitte nur auf das, was ich Sie frage ... Wie sah er aus?«

»Tadellos, schneeweisses Haar, goldene Brille. Mehr weiss ich auch nicht; denn er sass an dem Bett, in dem sie lag, und las aus einer grossen englischen Zeitung vor ...«

»Haben Sie seine Hände gesehen? ... Trug er einen Ring?«

»Darauf habe ich nicht geachtet, denn er sagte: »Machen Sie nur schnell« – wohl weil sie sich die Decke übers Gesicht gezogen hatte – wahrscheinlich genierte sie sich ...«

»An welcher Seite lag sie?«

»An der Fensterseite ...«

»Wo lagen ihre Kleider?«

»Die habe ich nicht gesehen ... ich war mit einem Sprunge wieder zum Zimmer hinaus, um den Whisky zu holen.«

»Wieviel Whisky haben Sie mitgebracht?«

»Zwei Glas und vier kleine Flaschen Sodawasser.«

»Ist dies eine Flasche aus dem Hotel?«

»Kein Gedanke ...«

»Was haben sie gegessen?«

»Er: Schinken und Eier; sie: zwei Scheiben Zunge. Mehr wollte sie nicht, da sie eben im Speisewagen gegessen hätte.«

»Schön«, meinte Duporc, »und nun sagen Sie noch mal, wo sass er während des Lesens?«

»Dort an der Fensterseite.«

»Da wird er doch wohl nicht auf den Kleidern gesessen haben?«

»Gewiss nicht.«

»Und auf diesem Stuhl, vor dem rechten Bette, hätten Sie sie doch sehen müssen ...?«

»Da hingen die beiden Steppdecken über der Stuhllehne ... jetzt fällt mir's ein ...«

»Wissen Sie das bestimmt?«

»So bestimmt, wie ich hier vor Ihnen stehe.«

»Dann lag also die junge Dame vollständig angekleidet im Bett, – genau so habe ich es mir gedacht,« sagte der Beamte lächelnd, und da er nichts ungetan lassen wollte, was ihm auf die Spur helfen konnte, so schlug er nun noch die Steppdecke des Bettes, das dem Fenster zunächst stand, bis zum Fussende zurück: das Laken zeigte leichte Schmutzspuren.

»Na«, sagte der Kellner, »nun brat mir einer einen Storch! Eine Frau, die mit schmutzigen Stiefeln unter die Bettdecke kriecht, ist mir noch nicht vorgekommen ...«

»Ich danke Ihnen«, sagte der Kommissar. »Und jetzt will ich Ihnen das andere Zimmer aufschliessen.«

Vor den Augen des verblüfften Kellners kletterte er durch das Fenster hinaus und erschien ein paar Sekunden später durch den Gang vor der Tür. Unten beging er dann, während der Kellner die Witwe Menzel Polack bediente, eine strafbare Handlung: er riss eine Seite aus dem Fremdenbuch heraus und steckte sie zu sich. Darauf begab er sich, pfeifend wie ein Schuljunge, zum Bahnhof, wo er sich eine Weile mit dem Stationschef, den Gepäckträgern und dem Büfettfräulein unterhielt.

*

In der Mittagsausgabe der Tageszeitungen stand die sensationelle Nachricht, durch welche die ganze Effektenbörse in Aufregung versetzt wurde.

Der alte Jones wurde leichenblass, als er den vorläufigen Bericht über das ungeheuerliche Verbrechen las. Cochefort bekam einen so heftigen Nervenchok, dass er in einer Autodroschke weggebracht werden musste. Und die Aktien der Internationalen Bank machten einen Sturz, wie ihn die ältesten Börsianer noch niemals bei einem Papier erlebt hatten. Alles kam zusammen: der an dem Direktor verübte Mord – das spurlose Verschwinden des Sekretärs Jan Kikker, dessen Signalement noch am selben Nachmittag in allen Zigarrengeschäften, an allen Polizeirevieren die allgemeine Aufmerksamkeit erregte, – die Verhaftung des Herrn Josephus Bok, die im Zusammenhang mit dem Millionenraub erfolgt war.

Insbesondere die Tatsache, dass der Direktor der Versicherungsgesellschaft, der den grössten Teil der versicherten Summen – wie das bei solchen aussergewöhnlich hohen Beträgen üblich ist – bei anderen Gesellschaften untergebracht hatte, an dem Ueberfall, dem Mord und dem Verschwinden der Wertpapiere persönlich beteiligt war und die Subversicherer unter diesen Umständen vollkommen berechtigt schienen, die Sache dem Gericht zu übergeben und die Zahlung der Prämien zu verweigern, trug zu der enormen Baissebewegung der Aktien der Internationalen Bank ausserordentlich stark bei.

Man beklagte Artur Rondeel. Noch bevor die Abendblätter erschienen waren, gingen die wahnsinnigsten Gerüchte über die Art und Weise um, wie man den Bankier im Schlafwagen überfallen, buchstäblich abgeschlachtet und aus dem Zuge geworfen hätte. Das tiefste Mitleid galt seiner einzigen Tochter Klothilde, die in ein paar Tagen ihre Hochzeit mit dem jungen Henry Jones feiern sollte.

Aber: Geschäft ist Geschäft, und das Leben ist nun einmal roher, als der roheste Mensch es sich auszudenken vermag, – und so hatte man kein geringeres Mitleid mit den unzähligen Aktieninhabern, die an diesem einen Tage einen Schaden von 80 Prozent zu erleiden hatten.

Wie Klothilde Rondeel den furchtbaren Schlag ertrug, wird der Leser später erfahren.

Der einzige, dem es an diesem Tage schwer fiel, nicht vor Freude laut aufzuschreien, war Herr Jaapje Eekhorn, der sich in seinem Wohnschiff, der »Rustenburch«, erst bei zwei Flaschen Bier an seinen Lieblingsspeisen – Hummer in Büchsen mit Bratkartoffeln und kalifornischen Pfirsichen – gütlich getan, dann über seine Einsamkeit mit zahllosen Zigaretten hinweggetröstet hatte und endlich, bald nach acht Uhr, im Abenddämmerschein den Besuch einer verschleierten Dame empfing, die sich immerfort ängstlich umschaute, ob auch niemand sie sähe, und die sich so sehr fürchtete, die schwankende Schiffsbrücke zu betreten, dass Jaapje ihr als äusserst galanter Weltmann die Hand reichen musste.

»Nanu«, dachte die Connie vom Notar, die dem Abenteuer zuguckte, und drückte ihr Näschen gegen die Scheiben, um besser sehen zu können: »wie ist das bloss möglich, dass so ein Scheusal Damenbesuch bekommt ...?« Ihre Neugierde war aufs höchste gespannt.

Und nicht nur ihr ging es so!

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