Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Paul Langenscheidt >

Blondes Gift

Paul Langenscheidt: Blondes Gift - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Langenscheidt
titleBlondes Gift
publisherKarl Voegels Verlag G.m.b.H.
printrun63.-72. Tausend
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectidb179081c
Schließen

Navigation:

Am nächsten Morgen war sie ganz gegen ihre Gewohnheit in aller Frühe auf. Sie wollte nach Berlin, sich ein neues, schlichtes Heim suchen. Nebenbei hatte sie Lichterfelde schon reichlich über; die stillen Straßen kamen ihr jetzt langweilig vor, die Neugierde der Nachbarn war ihr lästig, die langen Fahrten nach Berlin und zurück verhaßt. Und während sie, halb angekleidet, in ihrem Schlafzimmer hin und her lief, bald hier, bald da ein Stück ihrer Toilette suchte, jetzt nach dem Frühstück rief, dann wieder Rolf unter das Bett kriechen ließ, um nach einem fehlenden Schildpattkämmchen zu suchen, entwickelte sie ihm in apodiktischem Ton ihre Absichten: Das Auto sollte verkauft werden, ebenso war der Salon entbehrlich; drei Zimmer und Küche genügten in Berlin. Rolf sollte fleißig studieren, als Referendar und Doktor würde er schon eine Existenz finden. Und plötzlich begann sie von dem Direktor einer Versicherungsanstalt zu reden – »einer meiner besten Freunde, ein nettes altes Huhn« –, besten Namen Rolf noch nie von ihr gehört hatte; der würde ihn sicher, schon ihr zuliebe, im Handumdrehn unterbringen.

Einige Tage darauf kam sie begeistert heim; sie hatte eine entzückende Wohnung gefunden: Spichernstraße, an der Untergrundbahn, mit allem Luxus des Berliner Westens, dabei spottbillig. Freilich ganz oben, unter dem Dach, wie in der Genthiner Straße, aber dafür gab es hier einen Fahrstuhl.

Rolf mußte sofort mit ihr zurück und den Mietsvertrag auf drei Jahre abschließen. Er tat es mit schwerem Herzen, er kam sich wie ein Betrüger vor; was würde in drei Jahren alles geschehen sein! Auch drückte es ihn, daß er die Villa erst Ende März auf den 30. Juni kündigen konnte, so daß er ein halbes Jahr doppelte Miete zahlen mußte. Loni mochte ihm noch so enthusiasmiert an den Fingern vorrechnen, daß sie diese Kosten durch den verkleinerten Haushalt spielend einholen würden, – er konnte sich nicht von dem lastenden Gefühl freimachen, daß er wiederum eine Torheit begangen, Geld fortgeworfen hatte.

Sie suchten durch Inserate Käufer für das Auto und den Salon. Dutzende von zweifelhaften Reflektanten fanden sich ein, musterten, kritisierten abfällig, erklärten, daß sie gerade diesen Autotyp, diesen Möbelstil nicht brauchen könnten, und boten schließlich eine Summe, über die Loni vor Entrüstung aufschrie und die Leute hinauswarf.

Einige Tage später kam ein bescheidener junger Mann, der Loni »gnädige Frau« vorn und »gnädige Frau« hinten titulierte, merkwürdig orientiert war, etwas abgeschwächt genau dasselbe sagte wie seine Vorgänger, und schließlich für Auto und Salon einen noch niedrigeren Preis als diese bot. Und diesmal schlug Loni, mürbe geworden, ein, obwohl ein beträchtlicher Teil des Erlöses für die Kosten des Umzugs, den Dekorateur und die Neuanschaffungen wieder geopfert werden mußten. Denn natürlich, – elegant sollte die Wohnung sein, und Loni übernahm ohne weiteres dem Wirte gegenüber die Mehrkosten über die übliche Instandsetzung hinaus. Für den geräumigen Erker ihres neuen Heims, das Prunkstück der kleinen Wohnung, bestand sie auf einem Podium und der unentbehrlichen Palmengruppe, für die kleine Diele wurden zierliche Korbmöbel gekauft, ferner ein Schlafsofa für Frau Roller beschafft, da Loni das winzige Mädchenzimmer als Speisekammer benutzen wollte. Auch sonst merkte Rolf wenig davon, daß jeder Pfennig, wie Loni versichert hatte, vor dem Ausgeben umgedreht wurde; Loni freilich war von der Notwendigkeit dieser Ausgaben fest überzeugt und konnte sich nicht genug als ein Muster von Sparsamkeit loben.

Anfang Oktober kam der Auszug der Bank, und wieder erlebte Rolf eine Enttäuschung. Er war alles andere eher, als ein Geschäftsmann, und hatte sich damit begnügt, beim Heraustrennen der Schecks auf den im Hefte verbleibenden Talons die ausgegebene Summe von dem Rest des Kapitals flüchtig abzuschreiben. Er hatte aber dabei übersehen, daß er kurz vor Antritt seiner Hochzeitsreise schriftlich, ohne Scheck, seine Bank zur Zahlung einer Schneiderrechnung für Loni in Höhe von zweitausend Mark angewiesen hatte. Statt der sieben-, mit denen er gerechnet hatte, blieben ihm nicht mehr fünftausend.

Ende November zogen sie nach Wilmersdorf.

Rolf saß jetzt wirklich hinter den Büchern, während bei Loni das Strohfeuer der wirtschaftlichen Tatkraft längst wieder erloschen war. In ihrer fortschreitenden Mutterschaft wurde sie immer bequemer: oft, wenn draußen der Herbststurm pfiff, erhob sie sich tagsüber kaum von ihrem Diwan, wo sie einen Kolportageroman nach dem anderen verschlang. Nur wenn sie Geld von Rolf haben wollte, raffte sie sich auf. Seufzte er dann, daß trotz ihrer Versprechungen ein Hundertmarkschein nach dem anderen nur so dahinflog, so rief sie sofort Frau Roller zu Hilfe: und die beiden Frauen rechneten ihm solange mit geläufiger Zunge vor, wie sie sich überall Entbehrungen auferlegten, bis er überwunden in die Tasche griff oder einen neuen Scheck ausfüllte.

Und langsam, aber stetig, unerbittlich, wie die Sanduhr rinnt, die dem Verurteilten die Todesstunde kündet, ging auch das Letzte, was er besaß, zur Neige.

Er begann den Kopf zu verlieren. Er konnte nicht mehr arbeiten, nicht mehr schlafen. Und allmählich nahm die Sorge ganz von ihm Besitz, wie ein Trinker nach und nach gegen seine Umgebung abstumpft.

Loni gab sich keine Mühe, ihn aus seiner Lethargie zu wecken, nach Gründen für seine Niedergeschlagenheit zu fragen: sie war zu wenig danach geartet, den Dingen auf den Grund zu gehn, und allzusehr auf sich selbst bedacht. Sie schloß sich von neuem, wie einst, auf das engste an ihre Pflegemutter an, die sich nun dauernd aus der Küche wieder in die Wohnräume zurückfand und als gleichberechtigtes Glied des jungen Haushaltes auftrat, während Rolf von Tag zu Tag mehr in die Rolle eines nur Geduldeten, Überflüssigen, Lästigen zurückgedrängt wurde. Er merkte, wie häufig die Frauen über ihn sprachen, und ihr jähes Verstummen bei seinem Auftauchen verriet ihm immer wieder, daß es nichts Gutes war.

Eines Tages, Anfang Dezember, als Loni ganz gegen ihre sonstige Art in einer plötzlichen Laune den Wunsch geäußert hatte, sich bei dem klaren Wetter ein wenig Bewegung zu machen, raffte er sich zu ihrer Begleitung auf, um sie in ihrem Zustand nicht allein gehn zu lassen. Mit einmal sah er auf der Straße Fräulein Scholtz, die Wirtschafterin seines Großvaters, ihm entgegenkommen.

Er grüßte. Sie musterte ihn fremd, glitt mit abweisendem Blick an Lonis entstellter Gestalt entlang und ging ohne Dank vorüber.

Loni hatte den Vorgang überhaupt nicht bemerkt. Aber in Rolf hatte dieses Zusammentreffen trotz seiner Peinlichkeit eine Hoffnung erweckt.

Noch am selben Tage schrieb er an seinen Großvater. Er schilderte ihm seine Lage, log jedoch im Vertrauen auf die Weltfremdheit des Majors, daß seine Papiere infolge der schlechten Konjunktur jetzt unverkäuflich und nicht beleihbar wären, deutete ihm dann vorsichtig an, daß er ja doch sein einziger Nachkomme sei, und bat schließlich um ein Darlehen von einigen tausend Mark. Von Loni sagte er kein Wort, ebensowenig von seiner Flucht aus des Großvaters Haus.

Er überlas den Brief noch einmal. Er fühlte selbst, daß er unsicher, ungeschickt, gewunden verfaßt war, wie alle Schreiben, die die bange Sorge diktiert; und dennoch schickte er ihn ab, mit dem blinden Vertrauen des Spielers, der sein Letztes auf eine Karte setzt.

Loni sagte er nichts von diesem Briefe.

Und er wartete, bange Stunden, die zu dunklen Tagen und noch dunkleren Nächten wurden. Mit schlaffen Händen harrte er der Entscheidung, bald in aufflackernder Hoffnung auf den Erfolg vertrauend, bald mit zusammengeschnürtem Herzen den Mißerfolg vorausahnend.

Tag um Tag verging. Und keiner brachte die Antwort.

Was nun?

Er dachte an Arbeit, an einen Posten bei einem Rechtsanwalt, an Nachhilfestunden, eine Sekretärstellung, irgend etwas. Aber er wagte es nicht, sich umzutun, aus Furcht, daß Loni daraus seine verzweifelte Lage erkennen und ihn mit Recht jetzt als gemeinen Lügner behandeln könnte.

Und in der wachsenden Sorge, die dem Menschen Mut und Kraft stiehlt, Hoffnung und Frohsinn bricht, erwachte in schlaflosen Nächten ein glühender Menschenhaß in Rolf gegen alle, die im satten Gefühl des Besitzes sorglos dem neuen Morgen entgegenträumen durften. Er liebte doch sein Weib, – Herrgott im Himmel, er liebte sein junges, leidendes Weib! Waren die Menschen denn reißende Tiere? Warum half ihm keiner in seiner bitteren Not?

*

Der Weihnachtsbaum brannte im Wohnzimmer; Mutter Roller und Rolf hatten ihn geputzt, Loni sah ihnen von ihrem Diwan aus zu. Und während Rolf die Nüsse in Schaumgold und Silber wälzte und die Leuchter einschraubte, mußte er daran denken, daß er doch eigentlich noch nie ein Fest gefeiert habe, wo Weihnacht wirklich Weihenacht gewesen war, daß er niemals, wie andere Kinder, mit klopfendem Herzen an den Türen gelauscht, nie den Zauber heimlicher Erwartung gespürt, nie von weichen Mutterhänden unter den flimmernden Baum geleitet war. Wohl brannten auch bei dem Großvater die Lichter, wohl las dieser mit seiner knarrigen Stimme alljährlich das Evangelium vor: aber es war doch stets eine Stunde der Angst gewesen, wenn der Knabe, aufrecht vor dem Major stehend, in den Glanz der Kerzen starrte und mühsam sich noch einmal das patriotische Gedicht überhörte, das er nach alter Tradition in den nächsten Minuten aufzusagen hatte. So mischte sich denn regelmäßig beides wundersam in seinem Kopfe: »Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth in das jüdische Land« ... »Wo liegt Paris? Paris, – dahier!« ... »Und ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt« ... »Den Finger drauf, das nehmen wir!« ... Kein Wunder, daß dem kleinen Rolf schließlich der Angstschweiß aus allen Poren brach, und sein Vortrag, von des Majors beständigem, herrischen: »Mehr Murr!« begleitet, ein meist in Tränen ersticktes Ende fand.

Dann ging es an die Bescherung. Der Großvater liebte keinen Firlefanz: schon lange vorher war alles genau durchgesprochen, was der Junge nötig hatte und was er bekam. Da lagen Jahr für Jahr auf seinem Platz die Strümpfe, die der heranwachsende Knabe immer neu brauchte, das halbe Dutzend Taschentücher und allerhand sonstige Wäsche, der vorher anprobierte, in seinem Beisein gekaufte Anzug, Schulhefte, Federhalter und Bleistifte: nie löste ein unerwartetes, unerhofftes Geschenk, ein Spielzeug, ein noch so winziger Tand den Ruf der Freude von seinen Lippen.

Und wenn der Knabe in seinem Widerstreit zwischen pflichtgemäßer Rührung und heimlicher Teilnahmlosigkeit wohl an die zehn Minuten seine Geschenke betrachtet hatte, dann kam das Schlimmste, die Danksagung mit ihrer Heuchelei, der Zwang, am Lehnstuhl des Großvaters Empfindungen Ausdruck zu geben, die dem jungen Herzen fremd waren: denn der Major hätte es seinem Enkel höllisch verargt, wenn dieser nicht von der ihm erwiesenen Güte jedesmal wieder überwältigt gewesen wäre.

Mit wehem Gefühl dachte Rolf an diese Weihnachtsfeiern zurück. Und doch war ihm noch niemals ein Fest so trüb erschienen, wie in diesem Jahr.

Selbst um den Baum hatte es Kämpfe gegeben, und zwar ganz ausnahmsweise zwischen Loni, die in ihrer Indolenz nichts von ihm wissen wollte, und Mutter Roller, die hartnäckig auf der alten guten Sitte bestand.

»Wir sind doch Christen und keine Heidenmenschen«, eiferte sie.

Loni zuckte die Achseln. »Christen! Als ob die Juden nicht die größten Bäume hätten.«

»Um so schlimmer für uns«, entgegnete die Roller unbeirrt. »Jedes Jahr haben wir unser Bäumchen gehabt, und wenn's uns noch so dreckig ging.«

»So dreckig wie jetzt,« erwiderte Loni gehässig, »ist's mir noch nie ergangen.«

Frau Roller bekam einen roten Kopf. »So?« zankte sie los. »Du möchtest wohl wieder in der Genthiner Straße sitzen und im Mascotte 'rumhopsen?«

Loni richtete sich auf ihrem Diwan auf. »Ja«, antwortete sie aus tiefster Überzeugung, ohne jede Rücksicht auf den anwesenden Rolf, der sich seinerseits wohl hütete, sich in den Streit zu mischen. »Tausendmal ja, – und wenn ich wer weiß was tun müßte!«

Mutter Roller zwang sich gewaltsam zum Schweigen. Aber hinter Lonis Rücken blickte sie zu Rolf hinüber, fuhr sich einige Male mit dem Zeigefinger vor der Stirn hin und her und machte mit der vollen Hand eine ausladende Bewegung, die das Unglaubliche mit Lonis Zustand erklären und entschuldigen sollte.

Dann ging sie, kaufte eine stattliche Doppeltanne, – »damit du's weißt, mein Kind, für mich allein!« – und stellte sie ostentativ auf den kleinen Balkon vor Lonis Schlafstube. Und Loni kümmerte sich nicht darum, als am Tage vor Heiligabend der Baum in der Wohnstube auftauchte und geputzt wurde.

So ging Weihnachten vorüber, ein trübes Fest für das junge Paar; für ihn, weil er sich sagen mußte, daß selbst die bescheidenen Gaben, wie er sie Loni bot, darunter die endlich beschaffte, wenn auch einfache Kindesausstattung, in seiner Lage unerhört waren, für sie, weil diese selben Gaben ihr eine große Enttäuschung brachten.

Und auch Frau Roller feierte das Fest mit wenig gehobenem Herzen. Hatte sie sich dazu mit dieser Göre von Loni an die zwanzig Jahre herumgequält, damit jetzt alles wieder langsam in die Brüche ging?

Denn natürlich hatte sie sich damals des kleinen Wurms nicht ohne Grund erbarmt. Die paar Groschen Erziehungsgelder von der Stadt waren immerhin mitzunehmen; und außerdem fühlte sie sich so gottverlassen, als diese schreckliche Diphtheritis ihr nach fünfzehnjähriger Ehe in vierzehn Tagen erst das letzte Kind und dann den Mann entrissen, – den guten Mann, der sie zu seiner Frau gemacht, nachdem ihr Bräutigam, sein bester Freund, sie mit ihren Zwillingen hatte sitzenlassen. So sorgte sie denn nach Kräften für die kleine, verlassene Loni, und im Laufe der Jahre begann sie allerhand verwegene Pläne zu spinnen. Sie hatte doch auch Augen im Kopf und sah, wie das Mädel immer mehr auslegte. Bei Gott, die Loni war zu Höherem geboren, die durfte nicht als Schustersfrau in irgendeinem Keller zwischen Ahle und Windeln verdorren! Und mit üppig wuchernder Phantasie malte sie dem heranwachsenden Kinde in immer neuen, farbenprächtigen Bildern aus, was alles die Zukunft für sie in ihrem Schoße bergen konnte. In der dürftigen Dachwohnung ließ sie zahllose Bewerber sich um das Aschenbrödel drängen, Aristokraten in Pelz und Zylinder, die Taschen voll Edelsteine, klirrende Offiziere, die Brust mit Orden besät. Und draußen, da knirschten vor wappengeschmückten Equipagen mutige Rosse auf ihren silbernen Gebissen, knatterten mächtige Autos mit blinkenden Beschlägen und blutroten Lederpolstern in ungeduldiger Sehnsucht, die Königin der Schönheit in weite Ferne zu tragen. Gewaltige Burgen taten sich auf, von Jahrhunderten geschwärzt, deren Hallen von Marmor und Gold strotzten, in deren weichen Teppichen lautlos der Fuß versank; Schlösser, in denen ehrfürchtig die Diener zum Prunkmahl luden, Pauken und Trompeten vom hohen Söller des Saales die edle Hausfrau grüßten. Alle die wundervollen Geschichten, die Frau Roller Heft für Heft in langen Jahren in immer gleicher Spannung verschlungen hatte, feierten jetzt ihre Auferstehung; und mit großen Augen sah Loni zu, wie die Pflegemutter ihre verwegenen Prophezeiungen mit mimischer Kunst begleitete, bald sich als keusche Braut holdselig grinsend vor dem König neigte, bald in verwirrter Scham das Hemd über den bewegten Busen zusammenraffte, ehe sie den liebegirrenden Prinzen an das Herz zog, oder mit fürstlicher Majestät durch die endlosen Reihen der sich tief neigenden Hofbeamten in ihre muffige Küche hinausschwänzelte.

»Ja, Herzchen, das ist noch Glück, das lohnt das Leben!« Aber natürlich, auch Loni mußte das ihrige dazutun! Immer wie aus dem Ei gepellt, immer dem Zufall die Hand geboten, aber auch immer auf dem qui vive! Denn Gelegenheit macht Diebe, und unverhofft kommt nur zu oft. Und mit heimlicher Reue gedachte Mutter Roller ihrer Zwillinge, dieser Überraschung aus schwüler Sommernacht, die auch in ihrem Teich geblieben wären, wenn's zehn Minuten früher angefangen hätte zu gießen.

Aber Frau Roller wurde die Geister, die sie in ihrem Enthusiasmus gerufen, bald nicht mehr los: denn statt auf den Mann, hatte sie Loni auf die Männer gehetzt. Immer entschiedener begann diese ihre eigenen Wege zu gehen. Vergebens lehnte sich ihre Pflegemutter dagegen auf, daß sie mit siebzehn Jahren aus dem Putzgeschäft austrat, weil man »da nur Weiber zu sehen bekam«. Und ehrlich empört war sie, als Loni sich ein ganzes Jahr hindurch diesem hochnäsigen Burschen, dem Mandi, nach dem sie wie toll war, an den Hals warf: von Anfang an hatte Frau Roller den gehaßt, schon ehe sie wußte, welches Gewerbe er betrieb, bis er dann auf drei Tage nach England fuhr und Gott sei Dank drei Jahre dort eingesperrt wurde. Dann, als es von neuem galt, sich sein Brot zu verdienen, – was brauchte die Loni da ausgerechnet als Kellnerin in die »Hopfenblüte« zu gehen, bloß um sich wieder mit diesem jungen Studenten, dem H2O festzulegen? Und als der endlich in die Heimat zurückkehrte, sah es Frau Roller auch nur mit gemischten Gefühlen an, daß Loni sich auf das Inserat meldete, mit dem das kurz vor der Eröffnung stehende Mascotte »hübsch gewachsene junge Statistinnen« suchte; möglich war es ja immerhin, daß sie auf diese Art ihr Glück machte, ausgeschlossen aber auch nicht, daß sie da ganz verlotterte. Wahrhaftig, die Loni hatte ihren Kopf für sich, und leichter war es, einen Sack Flöhe zu hüten als ein hübsches Mädel!

Doch ihre Autorität erlitt den letzten Stoß, als eines Tages das Rheuma, das Schreckgespenst der Wäscherinnen, sie für Wochen auf das Bett warf, als der letzte Groschen dahinging und Loni den total verfahrenen Karren des kleinen Haushalts so oder so wieder herausziehen mußte. Seufzend fügte sich Mutter Roller damals in die bittere Notwendigkeit, ein für allemal die zweite Geige zu spielen. Was blieb ihr denn auch weiter übrig, jetzt, wo das Mädel aus dem Groben heraus war und jeden Tag adieu sagen konnte? Dann blieb Mutter Roller nur eins, sich einen Strick nehmen und aufhängen. Dankbarkeit? Du lieber Gott! Als ihr eigen hatte sie die Loni aufgezogen, und Kinderdank, der ist wie 's Große Los, das auch noch keiner gesehen hat, wo jeder froh ist, wenn er mit dem lumpigen Einsatz herauskommt!

Seitdem hatte sie sich damit begnügt, geduldig weiter auf das Ereignis, das »Wunderbare« in Lonis Leben zu warten, das ihr das Zauberbuch so oft verheißen hatte, und sich inzwischen mit all den Bewunderern und Freunden Lonis, die in langer Kette den Weg in die Genthiner Straße fanden, so gut als möglich zu stellen. Und die Zeit verging, und endlich, endlich kam das Wunderbare, – Rolf mit seinen hundertzwanzigtausend Mark. Als Frau Roller sich erst einmal einhundertzwanzig Häuser in der Friedrichstraße vorgestellt hatte, vom Belleallianceplatz bis über die Elsässer Straße hinaus, und an jeder Haustür einen Tausendmarkschein kleben, da legte sie tiefbewegt die Hände in den Schoß. Fürwahr, es war wohlgetan, – der alte Gott lebte noch!

Und dann kam das Leben in Saus und Braus, immer wie die Besessenen, als ob sie hätten Geld hecken können, – und nun waren's nur noch fünfundzwanzigtausend, nun reichte es noch nicht einmal bis zur Besselstraße ...

Kummervoll schüttelte Mutter Roller ihr würdiges Haupt. Ach, du mein lieber Himmel, der Mensch hatte es tatsächlich nicht so leicht auf Erden! Jetzt saß sie richtig zwischen Baum und Borke! Gewiß, der Herr von Roem tat ihr leid. Eine gute Seele, ein bißchen übergeschnappt, aber zur Loni einfach rührend; das sah man doch schon daran, wie er das schöne Geld für sie verpulvert hatte. Und darum brauchte die Loni auch nicht so auf ihm herumzuhacken, nun, wo durch ihre eigene Schuld wieder einmal Schmalhans Küchenmeister zu werden drohte. Aber was konnte sie alte Frau dagegen machen? Sie hatte keine Lust, sich hineinzumischen und die Finger zu verbrennen. Der Herr von Roem mußte selbst wissen, was er tat und warum er sich so hundsgemein behandeln ließ: wie man sich bettet, so schläft man! Und der Loni den Kopf waschen, da hätte sie ganz von Gott verlassen sein müssen: wess' Brot ich esse, dess' Lied ich singe! O nein, Auguste Roller setzte sich nicht in die Brennesseln: aber alles in allem, – 's war doch wirklich 'ne Tränenwelt!

Und betrübt biß die alte Frau in den großen, blanken, mit Mandeln gespickten Pfefferkuchen, den sie sich selbst beim Weihnachtsmann bestellt hatte.

*

Das neue Jahr kam mit seiner doppelten Miete.

Und trotz all der Scheu des Bedrängten, den unerbittlichen Tatsachen ins Auge zu sehen, sagte sich Rolf, daß nunmehr etwas geschehen mußte.

Immer wieder hörte er bangen Herzens, wie Loni mit den fünfundzwanzigtausend Mark rechnete, die er ihr fälschlicherweise als Bestand angegeben hatte: und mit Entsetzen sah er dem Tage entgegen, wo sie die letzten zwanzigtausend Mark anzugreifen glauben würde, während tatsächlich das Konto auf der Bank erschöpft war.

Er suchte unter »Geldverkehr« in der Zeitung und fand die Adresse eines gewissen Robert Thal, nicht weit von seiner Wohnung. Er meldete sich schriftlich an, erhielt Antwort und ging den nächsten Tag zur angegebenen Stunde hin.

Herr Robert Thal, ein behäbiger, wohlbeleibter Vierziger mit kahlem Kopf, schwarzem Bürstenschnurrbart und einer in seinem jovialen Gesicht unmöglichen goldenen Brille auf der Nase, öffnete Rolf und führte ihn in sein behaglich eingerichtetes Arbeitszimmer. Er bat ihn, Platz zu nehmen, bot Zigarren an und fragte nach den Wünschen seines Besuchers. Er war sehr höflich, aber mit dem leise durchklingenden Unterton des Selbstbewußtseins, wie ihn der gesicherte Mann dem Hilfesuchenden gegenüber leicht annimmt.

Rolf gab sich alle Mühe, seine Lage, ohne gerade zu lügen, mit glänzenden Farben zu schildern; und endlich nannte er zwanzigtausend Mark als die Summe, die er aufzunehmen wünschte, – »mit Rücksicht auf das Erbe, das mir einmal zufallen muß, gewiß keine unbescheidene Forderung«.

Aber Herr Thal zeigte sich vorzüglich informiert; er kannte den alten Major und seine Verhältnisse anscheinend besser als Rolf, wußte, daß zwischen den beiden seit Rolfs Heirat ein tiefes Zerwürfnis herrschte, und daß dieser in knapp einem Jahr ein schönes Vermögen durchgebracht hatte.

Und indem er achselzuckend, mit einer Handbewegung Rolfs ganze Luftschlösser wegfegte, sagte er knappen Tones:

»Herr von Roem, mit solcher Zukunftsmusik macht man keine Geschäfte. Sie brauchen Geld. Schön! Ich kann es Ihnen zu sechs, zehn, fünfzehn Prozent, auf fünf oder mehr Jahre beschaffen, je nach der Sicherheit. Wie steht's nun damit?«

Als er Rolfs bestürzte Miene sah, taute er etwas auf. »Sehen Sie, mein lieber Herr von Roem,« fuhr er fort, »früher genügte eine Lebensversicherung und zwei Bürgen für Zins und Prämien, und die Gesellschaften gaben selbst das Geld; jetzt ist das gesetzlich verboten. Es muß also ein Privatmann heran. Ich habe sogar schon einen für Sie im Auge, der gestern bei mir war und eine Million durch mich anlegen will.«

Und plötzlich begann der behäbige, gepflegte Mann von sich selbst zu reden; er eilte bald zu diesem Schrank, bald zu jenem Kasten und holte eine Unmenge anscheinend vielbenutzter, schon bereitliegender Schriftstücke und Mappen herbei. Er erzählte, daß er gelernter Kaufmann sei, jahrelang für eine Blusenfabrik gearbeitet habe, wie er durch Zufall dann in seine neue Branche gekommen und hier durch seine Reellität zu führender Position emporgestiegen sei. Er zeigte glänzende Referenzen über sich von allen möglichen Auskunfteien, ganze Stöße Briefe von ersten Firmen, die sich bei Geld- und Hypothekbedarf an ihn gewandt hatten, dann wieder legte er ihm eine Fülle vollzogener Scheine vor. In diesen ziemlich gleichlautenden Reversen sicherten die Suchenden Herrn Robert Thal nach Abschluß fünf Prozent des Kapitals als Provision zu, ferner hatten sie sofort à fonds perdu bald sechshundert, bald tausend und mehr Mark gezahlt und gaben die feierliche Erklärung ab, daß sie, auch wenn das Geschäft nicht zustande käme, aus dieser Zahlung unter keinen Umständen irgendeinen Vorwurf gegen Herrn Thal erheben würden.

Und während Robert Thal in hohen Tönen sein Loblied sang, kam er ganz nebenbei damit heraus, daß er von Rolf nicht mehr als sechshundert Mark vorweg fordern würde, die aber unbedingt gezahlt werden müßten, ehe er, Robert Thal, sich in der Angelegenheit umtue. »Allerdings ist Eile nötig, mein Geldmann – übrigens Geheimer Kommerzienrat – will sich schon morgen entscheiden ... Keine Zusage, Herr von Roem, bitte, unter keinen Umständen! Überlegen Sie sich die Sache bis heute abend. Ich möchte um alles in der Welt nicht, daß Sie mir etwas nachtragen. Denn selbst wenn Sie die sechshundert Mark zahlen, – ich verspreche nichts, garantiere für nichts, nur für das eine, daß ich mir alle denkbare Mühe geben werde ... Bitte sehr, hier heraus! Mahlzeit, Herr von Roem!«

Und Rolf stieg die Treppen in dem Bewußtsein hinab, sich völlig unnütz bloßgestellt zu haben. Er hatte trotz Thals eifrigem Reden das Gefühl, daß er auf diesem Wege keinen Pfennig erhalten würde; und selbst wenn er das Vertrauen gehabt hätte, – er konnte die sechshundert Mark nicht mehr entbehren.

Und schon auf dem Heimweg zerbrach er sich wieder den Kopf nach Rettung.

*

Acht Tage später saß er eines Abends allein im Wohnzimmer, sog an seiner Zigarette und horchte nur ab und zu mit halbem Ohr nach der Küche hin, wo Loni der Pflegemutter wieder einmal laut ihr Herz ausschüttete und in unbegreiflichem Optimismus überlegte, ob sie sich nach der Entbindung besser im linden Süden oder im stählenden Wintersport des Engadins erholen sollte. Sie liebte es neuerdings, die zärtliche Mutter zu markieren, um möglichst viel für sich dabei herauszuschlagen, und so erging sie sich, plötzlich das Thema wechselnd, in beweglichen Klagen, weil sie an Stelle der entzückenden Ausstattung, die sie mit solcher Liebe für das Kind ausgesucht, ein dürftiges Surrogat erhalten hatte. Und in weiblicher Übertreibung fragte sie jammernd, ob denn ihr kleiner Engel in Lumpen liegen sollte.

Wie ein Blitz schlug das Wort in Rolf ein.

Engel ... Georg Engel in Sandersberg, der Jugendfreund seines Vaters, der bis auf den heutigen Tag, so oft er nach Berlin kam, den Großvater aufsuchte, der schon den kleinen Rolf auf seinen Knien geschaukelt ... Wie hatte er nur Georg Engel vergessen können!

Er galt als vielfacher Millionär; er war Chef einer der größten Firmen der Maschinenbranche, Kommerzienrat, Rittmeister der Reserve der Leibdragoner und Ehrenbürger seiner Heimatstadt, die ihm eine Fülle mildtätiger Stiftungen verdankte.

Ohne auch nur einen Moment zu überlegen, war Rolf entschlossen, sich an diesen Mann zu wenden. Und da er mit dem letzten Schreiben an seinen Großvater und mit dem Anmelden bei Robert Thal so schlechte Erfahrungen gemacht hatte, entschied er sich, den Kommerzienrat zu überrumpeln.

Er log Loni vor, daß er nach Leipzig fahren müsse, um sich beizeiten bei einem dortigen Professor über seine Doktorarbeit zu orientieren. Für einen Studenten, dessen zwei Semester mangels Immatrikulation gar nicht rechneten, war dieser Vorwand freilich etwas fadenscheinig; aber er wußte, daß Loni sich nicht die Mühe geben würde, ihn viel zu fragen.

Und in Überrock und Zylinder fuhr er Ende Januar eines Morgens über Halle nach Sandersberg.

Es war bitterkalt, wie heißer Dampf rauchte der Atem; der wolkenlose Himmel glich einer Glocke von poliertem Stahl.

Um zwölf Uhr langte er an; nachmittags vier Uhr ging der Zug von Sandersberg ab, mit dem er gegen acht wieder in Berlin eintreffen wollte.

An einem großen, von breiten Wegen durchkreuzten Schmuckplatz, der jetzt allerdings im Schnee ein eintöniges Bild bot, lag hinter hohem, geschmiedetem Gitter die in reinem Renaissancestil erbaute Engelsche Villa.

Er läutete. Eine ältere Frau, anscheinend eine Wirtschafterin, öffnete und gab Bescheid: »Der Herr Kommerzienrat ist in der Fabrik.«

Rolf fragte nach dem Wege dorthin. »Sie können gleich hier durch den Garten gehn«, antwortete die Frau.

Rolf ging den ihm gewiesenen Weg, über knirschenden Schnee, an Springbrunnen und Statuen und sorgsam eingedeckten Pflanzen vorbei, mitten durch weite, wellige, weiße Rasenflächen, ließ den Tennisplatz, das große Gewächshaus hinter sich und fand in der Gartenmauer die unverschlossene Tür, die ihn auf den Werkhof führte.

Zur Rechten lag die imposante Fabrik und das Maschinenhaus: vor ihm, mit seinem breiten Torweg nach der Straße mündend, das Bürogebäude, links reckte sich ein mächtiger Rohbau der Firma schon mehrere Stockwerke hoch.

Rolf ging durch den Torweg über das holprige Pflaster der Straße bis zum Haupteingang, über dem in Sandstein gehauen die Firma: Franz Georg Engel, Gegründet 1808, stand.

Ein Pförtner in dunkelgrüner Livree tauchte auf; er fragte, ob der Besuch angemeldet sei, und erklärte auf Rolfs Verneinung hin, der Herr Kommerzienrat sei zu einer wichtigen Sitzung in das Rathaus gegangen.

Wann die Sitzung zu Ende sei? fragte Rolf enttäuscht. Und ob der Herr Kommerzienrat dann in die Fabrik oder in die Villa zurückkäme?

Der sichtlich ein für allemal instruierte Pförtner bedauerte, das alles nicht zu wissen.

Rolf kehrte durch den Garten in die Villa zurück. Kurz entschlossen stieg er die kleine Nebentreppe hinauf, die zu den hinteren Wirtschaftsräumen führte.

Er hielt einen vorbeieilenden Diener an und fragte möglichst hochfahrend, wann der Herr Kommerzienrat in persönlicher Angelegenheit zu sprechen sei.

Jener zuckte genau wie der Pförtner in der Fabrik die Achseln; es mochten wohl viele zu dem reichen, einflußreichen Manne »in persönlicher Angelegenheit« kommen, die nicht willkommen waren.

Rolf drückte dem Diener ein Geldstück in die Hand. »Hören Sie,« sagte er, »Sie müssen mir einen Gefallen tun. Ich gehe jetzt in das Hotel dort drüben am Bahnhof, um etwas zu essen. Hier meine Karte. Sie riskieren nichts: der Herr Kommerzienrat ist ein Freund meines Elternhauses. Sobald er mich sprechen will, kommen Sie hinüber und holen mich. Abgemacht?«

Der Diener nickte.

Und Rolf saß in dem gähnend langweiligen, von allerhand Speisegerüchen durchzogenen, entsetzlich überhitzten Eßsaal des bescheidenen Hotels unter den Referendaren und Postbeamten und sonstigen Stammgästen und las verzweifelt eine Zeitung nach der anderen, immer wieder dasselbe. Das »Diner« hatte er vor Unruhe kaum angerührt.

Eine halbe Stunde verging, eine ganze, noch eine halbe. Es war zwei Uhr durch. In knapp zwei Stunden ging sein Zug.

Er war jetzt der einzige Gast. Immer verwunderter blickte der Kellner zu ihm hinüber. In seiner Verlegenheit und Unruhe bestellte Rolf eine Tasse Kaffee nach der anderen; er wagte nicht, sich ein Zimmer geben zu lassen, aus Angst, den Engelschen Diener zu verfehlen.

Langsam begann es draußen zu schneien, im schwindenden Tageslicht. Das trübe Wetter, der ungemütliche Raum mit seiner stickigen Luft fiel Rolf immer mehr auf die Nerven.

Er konnte es nicht mehr ertragen. Er zahlte, verließ das Hotel, ging durch das Schneetreiben zu der Villa zurück und läutete.

Er fühlte eine förmliche Erbitterung gegen den Krösus dort drinnen, vor dessen Tür er im Winterfrost als Bittender stand.

Ein ihm fremder Diener öffnete.

»Herr Kommerzienrat zu sprechen?«

»Herr Kommerzienrat haben sich eben zur Ruhe gelegt.«

»Schicken Sie mir bitte Ihren Kollegen her.«

Der andere, Rolf bekannte Diener kam.

»Ich habe alles genau bestellt«, sagte er bedauernd. »Der Herr Kommerzienrat haben mir aber nichts befohlen.«

Rolf nahm ein Goldstück aus dem Portemonnaie. »Lieber Freund,« sagte er heiser, denn die Wut schnürte ihm die Kehle zu, »zeigen Sie einmal, ob Sie Schneid haben. Gehen Sie hinein, geben Sie noch einmal meine Karte ab und sagen Sie: Ich bitte den Herrn Kommerzienrat um wenige Minuten Gehör. Ich bin direkt von Berlin gekommen. Kann mich der Herr Kommerzienrat heute nicht sprechen, so bleibe ich gern solange hier – und wenn es acht Tage sind –, bis er die Zeit für mich erübrigt; will mich der Herr Kommerzienrat aber nicht sprechen, so bin ich ihm für eine solche Auskunft dankbar, dann fahre ich mit dem nächsten Zuge zurück.«

Der Diener ließ das Geld in die Tasche gleiten und verschwand.

In dem von wohliger Wärme erfüllten Treppenhaus mit seinen Wänden von weißem, schwarzgeädertem Marmor, von dem sich die bronzebeschlagenen Mahagonitüren wundervoll abhoben, ging Rolf rastlos auf dem dicken roten Läufer hin und her, der über den graugetäfelten Fußboden lief. Hin und her, lange, lange Minuten ...

Plötzlich öffnete sich die Tür. Der Diener kam zurück.

»Ich hab's geschafft«, sagte er leise, mit unverkennbarem Stolz. »Der Herr Kommerzienrat lassen bitten.« Er öffnete eine Tür, trat vor und drehte das Licht an.

Rolf atmete tief auf. Jubelnde Hoffnung erfüllte ihn.

Ein weiter Raum, von dem zu beiden Seiten im rechten Winkel sich Zimmer an Zimmer erstreckte. Alle Türen waren geöffnet. Überall echter, unaufdringlicher Luxus, seidene Tapeten, Bronzen und Elfenbein, herrliches echtes Porzellan.

Durch die lange Flucht der Räume näherte sich ihm ein älterer, mittelgroßer, distinguierter Herr, mit scharfen, tiefblauen Augen über der leichtgebogenen Nase und weißgrauem, kurzgeschnittenem Schnurrbart.

Rolf verbeugte sich tief.

»Tausendmal Verzeihung, Herr Kommerzienrat!« Er war erstaunt, daß sein Herz nicht einen Schlag mehr tat als sonst. »Es ist mir schrecklich, zudringlich zu erscheinen ...«

»Herr von Roem«, antwortete ihm Kommerzienrat Engel. »Sie müssen mich gleichfalls entschuldigen. Ich wollte gleich nachher zu Ihnen hinübersenden und Sie für drei Uhr zum Kaffee bitten. Ich bin jetzt geschäftlich gerade sehr stark in Anspruch genommen, Hochkonjunktur, ein neues Patent, Millionenobjekt, dabei der Streik in Aussicht, endlose Sitzungen und Verhandlungen, – seit sieben Uhr bin ich auf den Beinen und erst vor einer halben Stunde zum Essen gekommen. Bitte nehmen Sie Platz. Was führt Sie zu mir?«

Forschend blickte er den Gast an.

Und plötzlich verließ Rolf vor diesen durchdringenden blauen Augen die Sicherheit. Er hatte auf der Fahrt alle Erwägungen, wie er seine Sache am besten führen könne, von sich gescheucht, er hatte gehofft, den stärksten, natürlichsten Eindruck zu machen, wenn er unter dem Zwange des Augenblicks sein Herz ausschüttete. Und er hatte es ja bei Robert Thal erlebt, wie eine einzige Zwischenfrage ein ganzes Gebäude über den Haufen werfen konnte.

Aber dieses Gefühl der Schwäche, das diesem beherrschten, in sich gefestigten Manne gegenüber so jäh in ihm aufstieg, begann ihn zugleich zu reizen, ihn noch mehr zu erregen.

»Herr Kommerzienrat,« begann er, mühsam nach Worten suchend, »Sie haben mich zwar zehn Jahre nicht gesehn, seit der Zeit, als ich in die Pension kam; aber Sie waren der Freund meines Vaters, und ich weiß, wie hoch mein Großvater Sie schätzt. Das gibt mir den Mut, mit einer Bitte zu Ihnen zu kommen.«

Georg Engel hob leicht die Hand. »Eine Frage, Herr von Roem, weiß Ihr Herr Großvater von diesem Besuch?«

»Nein«, antwortete Rolf zögernd.

»Und« – der Kommerzienrat trommelte leicht mit den Fingern auf den Tisch – »wenn er von dieser Reise erführe, würde er sie wohl billigen?«

Auch jetzt zögerte Rolf; er fürchtete, mit einer heftigen Entgegnung alles zu verderben. Er kam sich wie ein Schuljunge vor, der über seine Missetaten verhört wird; am liebsten wäre er aufgestanden und ohne Abschied gegangen.

Aber der Mann da vor ihm war seine ganze, letzte Hoffnung.

Gewaltsam raffte er sich zusammen. »Ich habe darüber kein Urteil, Herr Kommerzienrat«, erwiderte er vorsichtig. »Ich ... ich –«

Wieder hob der Kommerzienrat die Hand ein wenig, wie abwehrend. »Eine letzte Frage gestatten Sie mir noch, Herr von Roem«, sagte er gemessen. »Ich weiß nicht, was Sie von mir erwarten, möchte es auch nicht wissen, bevor ich nicht in einem bestimmten Punkte klar sehe. Wenn ich Ihren Wunsch erfülle, glauben Sie, daß ich damit im Sinne des Herrn Majors handle?«

»Ich kann diese Frage nicht ohne weiteres beantworten«, erwiderte Rolf, wieder ausweichend. Sein Mut sank von Sekunde zu Sekunde. Er ahnte, daß das, was seiner Bitte jedem anderen gegenüber Rückhalt gab, die Person seines Großvaters, ihm hier zum Verhängnis wurde. »Ich darf wohl annehmen, Herr Kommerzienrat, daß Sie über mich Bescheid wissen –«

»Pardon,« unterbrach ihn jener, »um jedem Mißverständnis vorzubeugen: Ich war im letzten August und im Dezember bei dem Herrn Major, und beide Male hat er Ihren Namen nicht in den Mund genommen. Ich hielt es unter diesen Umständen für angemessen, auch meinerseits nicht zu fragen. Ich bin in keiner Weise informiert.«

Rolf schwieg. Was konnte es ihm helfen, diesem um dreißig Jahre älteren, in Arbeit und Ehren ergrauten Großindustriellen sein Leben und Lieben zu bekennen? Und plötzlich fühlte Rolf mit vernichtender Klarheit, daß es ganz gleich war, ob dieser oder ein anderer ihm gegenübersaß, daß sie alle, die aufrecht durch das Leben gegangen waren, sich von ihm scheiden, dasselbe Urteil über ihn fällen würden, – dasselbe einseitige, engherzige, ungerechte Urteil ...

»Herr von Roem,« fuhr Kommerzienrat Engel fort, »Sie sind, wie Sie mit Recht hervorheben, der Sohn eines lieben, verstorbenen Freundes; aber Sie sind zugleich der Enkel eines von mir hochverehrten, Gott sei Dank noch lebenden Mannes. Was würden Sie selbst tun, wenn Sie an meiner Stelle wären? Über Ihren Herrn Großvater hinweg handeln, vielleicht die Hoffnungen und Pläne, die er mit Ihnen hat, durchkreuzen? Sich seinen berechtigten Unwillen zuziehen, eine durch Jahrzehnte bewährte Freundschaft zerstören? Der Herr Major hatte mich einst zu Ihrem Vormund bestimmt, für den Fall, daß er vor Ihrer Volljährigkeit starb: soll ich ihm jetzt beweisen, wie wenig ich sein Vertrauen verdient habe? Ich bin auch Vater heranwachsender Söhne und würde mit jedem fertig sein, der hinter meinem Rücken mit ihnen konspiriert. Warum wenden Sie sich nicht offen an Ihren Herrn Großvater, der Ihnen doch der Nächste ist, und der trotz allem, was zwischen Sie getreten sein mag, es sicher am besten mit Ihnen meint?«

»Ich habe ihm geschrieben.«

»Geschrieben ...!« Der Kommerzienrat trommelte wieder ganz leise auf den Tisch; in dem Ton, mit dem er das Wort wiederholt hatte, lag deutliches Erstaunen, offene Mißbilligung. »Und darf ich fragen, was er geantwortet hat?«

»Nichts«, stieß Rolf außer Fassung hervor. Er stand so heftig auf, daß sein Sessel ein ganzes Stück zurückrollte. Er wußte, es war alles verlorene Liebesmüh', er fühlte, er war dicht daran, sich zu vergessen.

Und plötzlich, in jähem Umschwunge, sah er sein Haus, seine Loni, seine ganze Not vor sich. Alles, was er in diesen Stunden des Wartens durchlitten hatte, brach sich mit einem Schlage Bahn. Vergebens würgte und würgte er, die Tränen stiegen in ihm auf, rollten ihm die blassen Wangen herab. Und wehrlos, vom Leid überwunden, gab er es auf, die Haltung zu bewahren, brach er förmlich zusammen. Demütig, mit zitternden Lippen, sagte er:

»Herr Kommerzienrat, ich habe ein Weib daheim, das ich über alles liebe, das im Begriff steht, mir ein Kind zu schenken. Ich bin in schwerer Sorge, Herr Kommerzienrat, – haben Sie Erbarmen!«

Der Kommerzienrat erhob sich; seine Augen blickten mit ehrlicher Teilnahme auf den jungen Mann vor ihm. »Es tut mir wirklich leid,« sagte er, »vorläufig nichts für Sie tun zu können. Ich hoffe, Sie werden sich meinen Gründen nicht verschließen. Aber ich bin bereit, sofort an den Herrn Major zu schreiben oder auch hinüberzufahren. Ich will gern meinen ganzen Einfluß für Sie geltend machen oder mir die Erlaubnis holen, Ihnen selbst zu helfen. Sie brauchen nur ja zu sagen, mir nicht einmal zu danken; ich tue es in erster Linie ja Ihrem verewigten Vater zuliebe. Einverstanden, Herr von Roem?« Und er hielt Rolf die schmale, gepflegte Hand hin.

Aber in Rolf war die Enttäuschung zu gewaltig, zu unüberwindbar. Er fühlte, noch ein einziges Wort von jenem, und er hätte sich an ihm vergriffen, blind auf ihn eingeschlagen, nur um dem Schmerze, der Wut, der Verzweiflung Luft zu machen. Er übersah die Hand, er trat einen Schritt zurück.

»Ich danke, Herr Kommerzienrat«, erwiderte er schroff, mit rauher, sich überstürzender Stimme. »Ob Sie das Einverständnis meines Großvaters fordern, oder ob mir ein Halsabschneider sichere Bürgen abverlangt, das kommt genau aufs gleiche heraus. Sie haben selbst Söhne. Die sind ja freilich mit goldenem Löffel im Munde geboren. Aber wenn doch einmal einer von ihnen den eigenen Weg sich sucht, gegen Ihren Willen, unter Ihrem Zorn, und wenn er dann vor die Hunde geht, weil niemand sich seiner erbarmte, aus Angst vor dem Vater, wenn er zum Lump geworden ist, weil Lumpe ihm nicht halfen, – dann, Herr Kommerzienrat, dann denken Sie an diese Stunde. Ich habe die Ehre.«

Kommerzienrat Engel fuhr wie vom Blitz getroffen zurück; sprühend blickten die blauen, jetzt stahlharten Augen in das erregte Gesicht des jungen Mannes, der ihn, den Älteren, den Freund seines Vaters, den Offizier in seinem eigenen Heim beschimpfte. Aber plötzlich hatte er sich wieder in der Hand; schweigend streckte er den Arm aus, drückte er auf eine Klingel und wies auf die Tür.

Draußen im Treppenhause erschien der Diener und half Rolf in den Mantel.

Über den weiten, jetzt hoch mit Neuschnee bedeckten Platz ging Rolf im sinkenden Abend den Weg zurück, den er voll Hoffnung gekommen war.

Und auf der stundenlangen Rückfahrt, während er einsam in dem schlechtbeleuchteten, heißen Halbabteil des stampfenden Zuges mit diesem neuen Fehlschlag rang, vor der Unmöglichkeit stehend, auf ehrlichem Wege die Rettung zu finden, begann das Gute in ihm sich schwächer und schwächer gegen das Böse zu wehren; und als vor Berlin die Räder unter der Bremse knirschten, waren die Würfel gefallen, hatte sein Schwanken sich zum Entschluß verdichtet.

* * *

 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.