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Blondes Gift

Paul Langenscheidt: Blondes Gift - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorPaul Langenscheidt
titleBlondes Gift
publisherKarl Voegels Verlag G.m.b.H.
printrun63.-72. Tausend
firstpub1922
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160331
projectidb179081c
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Aber ein Unglück kommt nie allein.

Am gleichen Tage erhielt er einen eingeschriebenen Brief. Er erkannte sofort die zittrige Handschrift seines Großvaters.

Vor fast drei Monaten, damals, als Loni angeblich die Freundin erwartete, hatte er ihn zum letztenmal besucht und mit der Lüge sich von ihm verabschiedet, er gehe für das Sommersemester nach München. Dann hatte er an einen Konabiturienten geschrieben, dem er schon vor dem Examen versprochen hatte, mit ihm an der Isar zu studieren: Für diesen Sommer habe er sich entschlossen, in Berlin zu bleiben, doch keine Lust, bei seinen vielen Verwandten Familie zu simpeln; die glaubten ihn in München. Und es wurde verabredet, daß jener die für Rolf eintreffenden Briefe ihm sende und die nach München übersandten Antworten dort zur Post gebe.

Infolgedessen hatte er bereits zwei Briefe seines Großvaters über München erhalten und auf demselben Wege beantwortet.

Das Schreiben aber, das jetzt vor ihm lag, kam direkt aus Berlin und trug seine Lichterfelder Adresse.

Rolf schleppte es vierundzwanzig Stunden geschlossen mit sich herum. Erst am nächsten Tage, als Loni nach Berlin gefahren war, öffnete er es mit dem Mute der Verzweiflung.

Der Brief, der keine Überschrift trug, lautete:

»Berlin, 6. Juli 1910.

Binnen acht Tagen erwarte ich Dich mit der Meldung bei mir, daß Du das Weibsstück zum Tempel hinausgejagt hast, mit dem Du in Lichterfelde lebst und Dein mütterliches Erbe vergeudest.

Hast Du bis Donnerstag, den vierzehnten Juli d. J., mir nicht, und zwar persönlich, mit deinem Ehrenwort verbürgt, daß Du mit diesem Frauenzimmer keine Gemeinschaft mehr hast und nie mehr haben wirst, so werde ich mein eigenes Vermögen davor zu schützen wissen, daß es in Dirnenhänden zerrinnt.

Dein Großvater.«

Der Brief traf Rolf wie ein Keulenschlag. Sein erstes Gefühl war: Du mußt hin! Die gerade in ihrer Hilflosigkeit imponierende Gestalt seines Großvaters, der ihm zum Vater geworden war, duldete keinen Widerspruch. Und Rolf begann zu grübeln, sich den Hergang der Unterredung auszumalen, seine Verteidigung zurechtzulegen.

Der Großvater würde ihm dasselbe sagen, was er ihm geschrieben, nur noch womöglich schroffer. Gewiß, er lebte mit Loni zusammen. Aber taten das nicht Tausende gleich ihm? War das nicht weit, weit besser, als ruhelos, wahllos von einem zum andern Mädchen zu ziehen? Und schließlich, – war er nicht mündig, Herr seiner Entschlüsse? Sollte sich in den Köpfen der Jugend die Welt denn ebenso malen, wie in dem Hirne greiser Stabsoffiziere a. D.? Polternder Großväter, die die Poesie der alten Postkutsche rühmten, während dort draußen ein neues Geschlecht die Luft eroberte? Gelähmter Kranken, die es nicht wahrhaben wollten, daß auch ihnen einst manch lieblich Kind den Sinn verwirrt, das Blut erhitzt?

Und darum wollte der Großvater ihn schlankweg enterben? Unsinn! Er mußte falsch berichtet, gegen den Enkel aufgehetzt sein. Dahinter steckte niemand anders als dieses Weib, die Scholtz, die ihm schon seine Jugend zermartert halte.

Aber er wollte den Kampf aufnehmen. Alles, was er auf dem Herzen hatte, wollte er tapfer dem Großvater in das verwitterte Gesicht sagen!

Und am Donnerstag, dem vierzehnten Juli, nachmittags – Loni war in Berlin –, nahm er den Vorortzug und fuhr in die Stadt. Langsam ging er die wenigen Schritte vom Bahnhof bis zur Eichhornstraße, in der der Major seit seinem Wegzuge von Schöneberg, nun schon seit mehr als zehn Jahren, wohnte. Vor dem Hause des Großvaters machte er halt. Es herrschte eine glühende Hitze, alle Jalousien waren herabgelassen.

Er ging durch den hohen, kühlen Hausflur, die breite Treppe hinauf, bis vor die Tür mit dem blanken Messingschild im zweiten Stock, auf dem der Name stand, den auch er trug.

Er zögerte.

Sein Herz ging wie ein Hammer.

Dieselbe Pietät, die ihn getrieben hatte, dem Befehl des Großvaters zu gehorchen und ihn aufzusuchen, weckte jetzt eine unüberwindliche Angst vor ihm, in Rede und Widerrede vor diesem Manne sein Recht sich wahren, für seine Liebe eintreten zu müssen. Und schon kämpfte er mit der Versuchung, kehrtzumachen und lautlos wie ein Dieb die Treppen hinabzuschleichen, als plötzlich, ohne daß er ein Geräusch gehört hätte, die Tür sich öffnete.

Fräulein Scholtz stand vor ihm.

»Der Herr Major erwartet Sie«, sagte sie kurz, ohne Gruß.

Er trat in den schmalen, durch altertümliche, große Schränke noch mehr verengerten Korridor. Die dumpfe Luft, die er so genau kannte, da der Großvater vor jedem Zug zurückschreckte, diese Luft, die ihm seine Kindheit ins Gedächtnis rief, nahm ihm den letzten Mut; wie ein Verbrecher kam er sich vor, der den düsteren Gang zum Kerker hinabschreitet. In dieser Atmosphäre, diesen Räumen, in denen die Leidenschaft keine Stätte hatte, des Weibes Zauber nichts galt, verblaßte das Bild der Geliebten in ihm.

Fräulein Scholtz öffnete eine Tür.

»Herr Rolf«, meldete sie in das Zimmer hinein. Dann trat sie zurück, ließ ihn hindurchtreten und schloß wieder hinter ihm.

In seinem Krankenstuhl, mit dem er sich selbst durch die Zimmer rollte, saß Major von Roem, im Schlafrock, die lange Pfeife in der Hand, von einer mächtigen Wolke halb verhüllt.

Aber durch den Rauch blitzten die scharfen, blauen Augen des Vierundsiebzigjährigen unter wirren Brauen zu Rolf hinüber. Das Gesicht des Majors, das typische, von tiefen Furchen durchzogene Antlitz des preußischen Veteranen mit seiner hohen Stirn, der scharfen Adlernase, dem weißen Schnauzbart, rötete sich beim Anblick des Enkels vor Zorn.

Rolf blieb unwillkürlich an der Tür stehen.

»Setz dich!« herrschte die Stimme des Großvaters.

Acht Tage, Stunde für Stunde, Minute um Minute hatte er auf den Enkel gewartet, in ohnmächtigem Grimm, in wachsender Wut. Aber jetzt wollte er Abrechnung halten, wie das Kriegsgericht mit dem Fahnenflüchtigen, wie der Ehrenmann mit dem Schurken. Himmel, Kreuz und Wolkenbruch! Er, der damalige Hauptmann von Roem, hatte bei Beaune la Rolande allein mit seiner Kompanie den Kirchhof gehalten, bis zur letzten Patrone, trotz der Kugel im linken Schulterblatt, trotz der brennenden Trümmer, die ihm die Sohlen versengten. Sein König hatte ihm selbst die Hand gereicht, das Eiserne Kreuz aufs Bett gelegt, sein greiser, unvergeßlicher Herr, – und dieser Rolf, dieser Lümmel da vor ihm, der letzte Roem, wollte sein Geschlecht an den Pranger stellen, den alten Namen durch den Kot schleifen! Hier galt es noch einmal die Pflicht, der sich ein braver Soldat bis zum letzten Atemzug nicht entzog!

Die Hitze in dem vom Sonnenlicht überströmten Raum war erstickend; denn der Major ließ, wie Preußens großer Gegner, Napoleon, auch im Hochsommer heizen.

Rolf nahm gehorsam einen Stuhl. Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, sein Magen schien ihm wie von einer Zange gefaßt und herausgedreht zu werden. Alle die tönenden Worte, mit denen er für sein Tun eintreten wollte, waren wie fortgeweht von dem beklemmenden Hauch der Nüchternheit, der Disziplin, der mit dem Rauch des Pfeifentabaks vom Großvater zu ihm herüberwehte.

»Also doch!« fuhr der Major fort. »Der Herr stud. jur. aus München mit dem erlogenen Alibi, – he?«

Rolf schwieg.

Des Alten Augen flammten. »Erst die Weiber, dann Feigheit und Schwindel, und fertig ist der Lump«, wetterte er, daß jedes Wort in der ganzen Wohnung widerhallen mußte.

Rolf raffte sich zusammen. »Ich hab' sie lieb, Großvater«, sagte er heiser.

»Mag sein,« antwortete der Alte, »dämlich genug bist du dazu. Was hat das Mensch dich denn bis jetzt gekostet?«

»Ich weiß es nicht genau, Großvater.«

»So, – das weißt du nicht? Auf deutsch, soviel Scham hast du denn doch noch, um's nicht zu sagen. Und wie hast du dir das weiter gedacht?«

Rolf schwieg.

»Du bildest dir doch nicht etwa ein, ich werde dulden, daß künftig nur ein Groschen meines Geldes auf diese Art verludert wird? Kein roter Heller, schwör' ich dir zu.«

Rolf stieß in seiner Bedrängnis eine Phrase heraus, die er sich sorgsam zurechtgelegt und von der er sich große Wirkung versprochen hatte.

»Du warst doch auch einmal jung, Großvater«, sagte er mit verzweifeltem Mut.

»Das war ich, hol' mich der Teufel,« knurrte der wütend, »und ein forscherer Kerl als du, das geb' ich dir schriftlich. Aber so ein gottverdammter Esel bin ich denn doch nicht gewesen, daß ich von einer Dirne mich ausmisten ließ und jede Drecknacht mit einem blauen Lappen bezahlte.«

»Großvater!« schrie Rolf auf.

»Nun, – und?« brüllte der Major in vollem Grimm. Er schien förmlich auf das erste Zeichen der Auflehnung gewartet zu haben. »Wo brennt's denn, Herr? Sag' ich ein Wort zuviel, – du elender Weiberknecht? Wir Roems sind schon mit Barbarossa geritten, Schnapphähne sind wir gewesen, Buschklepper, einer von uns, Hans Joachim, ist unter Friedrich Wilhelm dem Ersten als Duellant auf das Schafott gestiegen, – aber Hundsfotte waren wir nie! Da hast du Himmelhund die Primeurs, die du bei deiner Liebsten wohl vergebens gesucht. Ein Jammer, daß ich gelähmt bin, und daß die Scholtz dich nicht mehr überlegen kann.«

»Die hat mich genug geschlagen, Großvater«, antwortete Rolf mit zitternden Lippen. »Jahrelang, wie ein Vieh!«

»Noch immer nicht genug«, unterbrach ihn der Major. »Sonst säßest du heute nicht so vor mir. Aber Schluß! Daß du nach Lichterfelde nicht zurückkehrst, ist selbstverständlich.«

Rolf fuhr hoch. Der Alte schnitt ihm das Wort im Munde ab.

»Rechne dir aus, was dich die vier Monate Lotterwirtschaft gekostet haben, mein Söhnchen, und dann kalkuliere, wie weit es reicht. Noch drei, vier Jährchen, im günstigsten Falle, vermut' ich; und dann gibt dir das Weibsstück den wohlverdienten Tritt. Sind dir die paar Jahre dein Großvatererbe wert, – bitte! Dann aber, das laß dir gesagt sein, dann fahr' ich mit dir ins Unterland!«

Und ehe Rolf sich gegen den diktatorischen Willen seines Großvaters auflehnen konnte, hörte er ihn mit seiner mächtigen Stimme nach Fräulein Scholtz rufen.

Sie kam herein, korrekt wie immer, mit völlig unbewegtem Gesicht, als habe sie keine Ahnung, was vor sich ging.

»Fräulein Scholtz, der Junge bleibt also hier«, kommandierte der Major. »Das Zimmer in Ordnung?«

»Jawohl, Herr Major«, antwortete sie ruhig. Offenbar war das alles schon vorher bestimmt gewesen. Kein Muskel zuckte in ihrem Gesicht, während sie ihre schwarzen, kalten Augen über den blassen Menschen dort auf dem Stuhle gleiten ließ.

»Du hast dich um nichts zu kümmern«, fuhr der Major etwas milder fort. »Deine Sachen werden hergeschafft, alles andere ist meine Sache. Fräulein Scholtz, Sie müssen heute noch dem Justizrat Müller einen Brief bringen. Du aber, mein Söhnchen, du hast bis auf weiteres Stubenarrest!«

Rolf wollte auftrotzen, seinen Widerstand dem Großvater entgegenschleudern. Noch nie in seinem Leben war er sich so kläglich vorgekommen. Aber plötzlich sah er Loni vor sich, wie sie spöttisch zu ihm hinüberblickte, als wollte sie sagen: Immer kalt Blut! Mit dem alten Griesgram werden wir beide noch fertig! Und wie unter Hypnose biß er die Zähne zusammen, ließ er sich schweigend in das für ihn bestimmte kleine Zimmer führen.

Und hier erlebte er eine neue Überraschung.

Fräulein Scholtz wandte sich kurz zu ihm herum. Ihre Schlangenaugen suchten ihn möglichst freundlich anzublicken.

»Wie töricht, Herr Rolf«, sagte sie, trotz ihres Tadels mit sichtlichem Wohlwollen. »Ausgerechnet Lichterfelde, wo jeder dem Nachbar in den Topf guckt! Hätten Sie Ihre Wohnung am Bahnhof Tiergarten behalten und das Mädchen in Ihrer Nähe eingemietet, so krähte kein Hahn danach.«

Er starrte sie völlig perplex an. Zum erstenmal fiel es ihm auf, wie distinguiert sie in ihrem grauen Haar mit dem frischen Gesicht aussah, wie eigen und vornehm sie in Kleidung und Haltung wirkte. Und in seiner scheußlichen Lage tat ihm ihre unerwartete Teilnahme so wohl, daß er in diesem Augenblick ihr alles Vergangene verzieh. Aber ein leises Mißtrauen regte sich doch sofort wieder in ihm. Wollte sie ihn aushorchen? Ihm eine Schlinge legen? Den Großvater noch mehr gegen ihn aufbringen? Freilich, das war ja das einzige, was sie nie getan hatte. Aber welchen Zweck verfolgte sie dann?

»Sie müssen nicht glauben, daß mir die Geschichte Freude macht«, fuhr Fräulein Scholtz fort, als ob sie seine Gedanken erriet. »Am letzten Ende bin ich es doch, die alles ausbaden muß, wenn dem Herrn Major etwas gegen den Strich geht. Seine Gesundheit ist neuerdings auch nicht zum besten, und wenn ihm eines Tages etwas passiert, dann trifft das mich erst recht, dann kann ich mir wieder mein Brot suchen. Es ist mein eigenes Interesse mit, wenn ich da jeden Ärger von dem alten Herrn fernzuhalten suche.«

»Und was raten Sie mir, Fräulein Scholtz?« fragte Rolf unsicher.

Sie zuckte die Achseln. »Das mit dem Stubenarrest ist natürlich Unsinn. Sie sind doch kein Rekrut, und ein Schuljunge auch nicht mehr. Den Hut soll ich Ihnen wegnehmen und die Entreetür abschließen, hat der Herr Major bestimmt. Das kann ich schon wegen der Aufwartefrau nicht. Der Hut liegt hier im Schrank, und der Schlüssel bleibt an der Küchentür, am selben Nagel, wo immer der Hausschlüssel hängt. Sie sind alt genug, um selbst zu wissen, was Sie zu tun haben.«

Draußen scholl eine zornige Stimme: »Fräulein Scholtz! Fräulein Scholtz, zum Donnerwetter ja!« Und wie ein Blitz war sie verschwunden.

Am selben Abend ging folgender Brief ab:

»Eingeschrieben!

Fräulein Helene Reiß, Berlin-Lichterfelde.

Namens und mit Vollmacht des Herrn Major a. D. von Roem ersuche ich Sie ergebenst, sämtliche seinem Enkel, Herrn stud. jur. Rolf von Roem gehörigen Sachen, Kleidung, Wäsche usw., besonders auch sämtliche Bücher unverzüglich durch Spediteur an die Adresse des Herrn Majors, Berlin, Eichhornstraße 15, zu senden. Über die Einrichtung der zur Zeit von Herrn stud. jur. von Roem bewohnten Villa und sein sonstiges Eigentum wird umgehend verfügt werden und Ihnen entsprechende Mitteilung zugehen. Zwecks Vermeidung von Weiterungen ersuche ich Sie ergebenst um sofortige Aufstellung eines Inventars und Übersendung desselben an mich.

Hochachtungsvoll
Müller,
Justiziar und Notar im Bezirke des Kammergerichts.

Berlin, den 14. Juli 1910.«

Wenn aber Fräulein Scholtz der Ansicht war, daß Rolf sich nicht brauchte wie ein Rekrut, wie ein Schuljunge behandeln zu lassen, so schien der Major etwas anderer Meinung zu sein. Zwar kümmerte er sich an diesem Abend nicht mehr um seinen Enkel und bestimmte auch, daß diesem sein Essen bis auf weiteres aufs Zimmer gebracht werde; am nächsten Morgen aber befahl er ihn zu sich und hielt ihm eine offenbar wohlüberdachte Rede:

»Also, mein Söhnchen, jetzt heißt es nicht mehr das Maul spitzen, um Frauenzimmer abzulabbern, – jetzt wird gepfiffen, und das gehörig! Um sieben Uhr früh Meldung bei mir, dann geht's an die Arbeit – aber feste, das bitt' ich mir aus! – bis du zur Universität marschierst. Deine Bücher aus Lichterfelde sind morgen hier.«

Universität ... Bücher ... Rolf fühlte selbst, daß er ein unsäglich dummes Gesicht machte. Er hatte nicht eine einzige Vorlesung belegt, hatte sich nicht einmal immatrikulieren lassen, – und an den Büchern, die von Lichterfelde kommen sollten, würde der Großvater schwerlich viel Freude erleben ... »Kunigunde, die jungfräuliche Heilige« ...

»Nach Tisch wird wieder geochst,« fuhr der Major fort, »und wenn ich mit dir zufrieden bin, dann darfst du auch eine Stunde spazierengehen. Ein Unmensch bin ich nicht! Du zeigst mir jeden Tag deine Hefte, was du da mitgeschmiert hast, und stellst mir einen genauen Arbeitsplan auf, – was du zum Examen brauchst, Militärstrafrecht nicht zu vergessen. Was du an Kleidung und sonstigem Krimskrams nötig hast, darüber sprechen wir jedesmal. Für deine noblen Passionen hast du mit sechzig Mark den Monat auszukommen; davon kannst du dir soviel Weiber aushalten, als es dir Spaß macht. Die übrigen Zinsen werden auf die Kante gelegt.«

Die übrigen Zinsen! Rolf hatte von seinem in dreiprozentigen Konsols angelegten Vermögen keine zwölfhundert Mark Zinsen mehr. Niemals durfte der Großvater das erfahren!

Am Sonnabendmorgen kam die Antwort auf den Brief des Justizrats Müller, die dieser sofort dem Major übersandte. Sie lautete:

»Herrn Justizrat Müller, Berlin.

Sehr geehrter Herr Justizrat!

Antwortlich Ihres Geehrten vom 14. dess. erwidere ich Ihnen mit Vollmacht des Fräulein Helene Reiß ergebenst, daß wir zu Ihrer gefl. Zuschrift Stellung nehmen werden, sobald uns die Vollmacht des volljährigen Herrn stud. jur. Rolf von Roem zugegangen ist, die dieser nach dem Inhalt Ihres Schreibens zweifellos seinem Herrn Großvater erteilt hat.

Im übrigen stehen die gewünschten Effekten Herrn Rolf von Roem als sein Eigentum selbstverständlich zur Verfügung. Eine Verpflichtung zur Übersendung derselben und Aufstellung eines Inventars bedaure ich ergebenst nach Lage der Sache nicht anerkennen zu können.

Hochachtungsvoll
Der Rechtsanwalt
Dr. Paul Rosenau.

Berlin, den 15. Juli 1910.«

Nach Eingang dieses Schreibens fand eine erregte Szene im Hause des Majors statt. Rolf, von Fräulein Scholtz vorher genau instruiert und ermutigt, weigerte sich mit aller Entschiedenheit, dem Großvater die gewünschte Vollmacht zu geben.

Der Major wetterte von neuem los. »Also auf deutsch, du schlapper Kerl willst wieder bei erster Gelegenheit ins Hurenbett kriechen?«

Rolf zuckte wie unter einem Schlage zusammen. »Das will ich nicht«, schrie er dem Major entgegen.

Der Alte nahm seinen Vorteil wahr. »Auf Ehre?« fragte er, den Enkel mit seinen Blicken durchbohrend.

»Auf Ehre«, antwortete Rolf, bis zur Besinnungslosigkeit gereizt.

»Und die Vollmacht gibst du nicht?«

»Nein.«

»Du weißt, was du tust?«

»Ja.«

»Dein letztes Wort?«

»Mein letztes, Großvater.« Rolf war, als lachten ihm Lonis leuchtende Augen in Stolz und Freude zu.

Als er trotzig die Tür hinter sich schloß, klang ihm ein schmetterndes: »Lausbub!« nach.

Lausbub! So schmerzhaft auch Rolf unter dem neuen Schimpf zusammenzuckte, – er ahnte nicht, daß es das letzte Wort war, das er vom Großvater hören sollte.

So ziemlich zum erstenmal in seinem Leben mußte der Major nachgeben. Aber er schwor sich, dem Enkel die Niederlage heimzuzahlen.

Vergebens versuchte Rolf an diesem Abend allein in seinem Zimmer einen Happen hinunterzuwürgen. Er sah endlose Kämpfe mit dem Großvater voraus. Blieb er ihm gegenüber fest, so hatte er keine gute Stunde mehr; gab er aber nach, erfuhr der Alte, wie er gewirtschaftet hatte, so war die Katastrophe fertig, ihm die Entmündigung sicher.

Und dann war Loni auf immer für ihn verloren.

Schlaflos wälzte er sich auf seiner schmalen, eisernen Bettstelle, von wirren Gedanken erfüllt. Und je mehr die Nacht vorschritt, desto beherrschender reckte sich aus all den Hoffnungen und Befürchtungen, die seine schwankende Seele hin und her hetzten, die alte, alles überwindende Liebe empor. Sein Ehrenwort? Es war ihm abgerungen, – er warf es zerbrochen dem Großvater vor die Füße. Mochte kommen, was wollte, er blieb dem Worte treu, das er aus freiem Willen, aus eigenem Denken und Fühlen heraus seiner Loni gegeben. Narr, der er war, sich hier im dumpfen Gefängnis in Trübsal zu verzehren, während draußen, kaum eine Stunde von ihm entfernt, das lachende Glück ihm winkte, ein junges, blühendes Weib seiner wartete!

Mit einem Ruck richtete er sich auf.

Leise zog er sich an. Die Stiefel in der Hand, schlich er im Dunkeln über den Korridor. Den Hut fand er an seiner Stelle, die Schlüssel hingen am Haken. Wenige Minuten später stand er auf der Straße. In drei Viertelstunden ging der nächste Zug, der letzte. Er besaß nicht die Geduld, ihn abzuwarten. Er hatte reichlich Geld in der Tasche; an der Linkstraße nahm er ein Auto und fuhr durch die Sommernacht heim.

Friedlich träumend lag das Häuschen, das seine Liebe umschloß, in dem tiefen Schatten, den Baum und Strauch im Mondschein warfen.

Er hatte, als er zum Großvater hineinfuhr, seine Schlüssel nicht mitgenommen und wagte nun nicht zu läuten. Vorsichtig spähte er nach allen Seiten, dann kletterte er über das Gitter des Vorgartens.

Er mußte endlos am Fenster klopfen, bis ihm Frau Roller, die im Souterrain neben der Küche schlief, die Haustür öffnete.

»Ist Loni hier?« flüsterte er.

»Wo soll sie denn sonst sein?« gab sie, noch halb im Schlafe, zurück. »Die wartet schon lange auf Sie.«

Er hörte kaum, was sie sagte, er hatte nur das Ja vernommen. Mit pochendem Herzen, als sei er jahrelang von Loni getrennt gewesen, schlich er die Treppe hinauf.

Aber in seiner Hast stolperte er und fiel mit lautem Krach auf die Hände.

»Ist jemand da?« hörte er Lonis verträumte Stimme.

Er raffte sich eilig auf und öffnete die Tür zu ihrem Schlafzimmer.

»Ich bin's, – Rolf«, sagte er mit bebender Stimme, nach dem Hebel der elektrischen Leitung tastend.

Das Licht flammte auf. Loni saß aufrecht im Bette.

»Nun sag' mal, bist du denn ganz verrückt geworden?« fragte sie gleichmütig.

Er wagte kaum, näher zu treten. »Ich hab' es nicht ausgehalten, Liebling,« stammelte er, »ich komme direkt von Berlin.«

»Du bist doch ein schreckliches Schaf, Kleiner«, antwortete sie gähnend. »Daß du bald wiederkamst, das war doch klar; aber darum brauchst du doch nicht bei nachtschlafender Zeit das ganze Örtchen zu alarmieren.«

»Ich bin geflohen«, entschuldigte er sich.

»Na ja,« entgegnete sie spöttisch, »das liegt dir auch am besten. Und nun tu mir eine Liebe und rede kein Wort, sonst komm' ich überhaupt nicht mehr zum Schlafen.«

Und ihm den Rücken zuwendend, verkroch sie sich in ihre Kissen.

Wenn der alte Major nach dieser Flucht in seines Enkels Herz hätte blicken können, er würde noch mehr geflucht haben, als er es wohl schon tat, in der aufdämmernden Erkenntnis, daß man ein tapferer Soldat gewesen, und doch ein schlechter Psychologe sein kann. Er, der nur den »Schlappjochen« in Rolf gesehen, hatte eben nicht gewußt, daß diese willensschwachen Menschen gerade in dem einen Punkte, der ihre Schwäche birgt, zugleich auch ihre ganze Stärke sammeln, eine hartnäckige, rücksichtslose Zähigkeit, an der jede fremde Kraft zersplittert. Hätte der Major es darauf angelegt, mit allen Mitteln Rolf zu Loni zurückzutreiben, so hätte er nicht das geringste an seinem Verhalten diesem gegenüber zu ändern brauchen; denn statt das Band zu lockern, das Rolf an Loni band, hatte er es nur noch fester, noch unzerreißbarer geknüpft. War Rolf bisher doch nicht ganz blind gewesen, hatte er hin und wieder Momente gehabt, in denen er sich über Lonis Wesen und Vorleben Rechenschaft gab, so empfand er jetzt nur das eine, daß eine Trennung ihn noch viel, viel unglücklicher machen würde, als jede Demütigung, die ihm das Zusammenleben mit ihr auferlegen konnte. Ihm fror das Herz, so oft er sich sein Leben ohne sie vorstellte; es war ihm ein unentbehrliches Bedürfnis, sich um sie zu mühen, sie immer wieder sich schrittweise zu erobern, an ihrem herben Widerstand seine Leidenschaft zu entzünden. Mochte geschehen, was wollte, er ließ nicht von ihr, konnte nicht von ihr lassen. Ihr blondes Haar deckte jeden Fehler, jede Schuld an ihr zu.

Als Loni am Morgen nach seiner Rückkehr die Augen aufschlug, mußte Rolf berichten. Er tat es triumphierend, im überquellenden Stolz eines Alexander, der den Gordischen Knoten mit wuchtigem Schwerthieb gelöst. Und er rechnete auf ein begeistertes Lob, eine freudige Anerkennung seiner Entschlossenheit.

Aber Loni enttäuschte ihn bitter. Sie wollte sich über seine Schilderung totlachen. Und dann erzählte sie ihm, wie es ihr inzwischen ergangen war.

Kaum langte der Brief des Justiziars Müller an, als sie auch schon entschlossen war, sich nach Kräften zu wehren. Wie sie ging und stand, fuhr sie nach Berlin und hob auf der Bank mit Hilfe eines der von Rolf schon unterzeichneten Schecks sein ganzes Bar-Guthaben ab. »Dreitausendeinhundertundfünfzehn Mark«, erklärte sie, strahlend über ihre Schlauheit. »Fünf Mark und die Zinsen habe ich dagelassen, damit du die Liebe siehst.« Und dann war sie zum ersten besten Rechtsanwalt gegangen, um sich Rat zu holen. »Ein netter Mensch, der Dr. Rosenau. Gott, hat der sich gleich in mich verguckt!« Seitdem hatte sie in voller Gemütsruhe abgewartet, wie sich die Komödie weiter entwickeln würde. »Denn daß du über kurz oder lang hier wieder anschwirrst, Kleiner, das stand doch bombenfest für mich. Ich versteh' auch gar nicht, warum du die ganze Geschichte nicht einfach als Ulk genommen hast: und daß du das nicht in der ersten Stunde merktest, wie dir die Scholtz goldene Brücken baute, bloß um dich loszuwerden, das ist mir noch am schleierhaftesten. Den lieben, langen Tag Stunk im Hause, das hält selbst diese alte Canaille nicht aus. Herrgott, Kleiner, wie hast du dich bei der Geschichte wieder blamiert!«

*

Und das Leben ging seinen Gang. Keine Nachricht kam aus dem Hause des Majors. Erst hatte Rolf stündlich vor irgendwelchen Schritten, einem furchtbaren Zornesausbruch, selbst vor einer Denunziation bei der Polizei gebangt. Aber nichts geschah. Und allmählich vergaß er das Intermezzo; immer mehr beschäftigte ihn die drohende Sorge, die leidige Geldfrage. Wenn er so weiterlebte, wie bisher, mußte in absehbarer Zeit die Katastrophe eintreten.

Und während er sich vergebens den Kopf nach einem Ausweg zerbrach, beherrschte er sich Loni gegenüber mit aller Kraft.

Denn diese hatte sich in den letzten Tagen auffällig verändert. Die tiefe Falte des Mißvergnügens stand jetzt beständig auf ihrer Stirn. Sie spielte nicht mehr des Morgens mit ihrer Schönheit; mit starren Augen grübelnd, die Lippen unmutig zusammengepreßt lag sie in ihrem Bett. Wagte er zu fragen, was ihr fehle, so schwieg sie. Sie fuhr nicht mehr im Auto nach Berlin; der Chauffeur schien plötzlich in Ungnade gefallen zu sein. Auch abends blieb sie häufiger daheim; dann ließ sie ihn stundenlang allein, saß bei festverschlossener Tür mit ihrer Pflegemutter in der Küche zusammen und tuschelte der Schwerhörigen in das Ohr. Beklagte sich Rolf darüber, so herrschte sie ihn zornig an. Nur manchmal, wenn sie ihn so gedrückt, so unglücklich dasitzen sah, wandelte sich ihre Laune: »Du, Baby,« sagte sie dann, spöttisch lächelnd, »komm her und mach' nicht solch ein Jammergesicht!« Und mit seligen Augen schmiegte er sich an sie.

Am schlimmsten aber war sie, wenn sie von ihrer verpfuschten Künstlerlaufbahn zu reden begann. Aus der bescheidenen Balletteuse und Statistin, die Abend für Abend wie eine mechanische Puppe in Massenszenen und Aufzügen die Glieder bewegte, regungslos wie eine Statue in den Apotheosen stand, war jetzt eine von Tag zu Tag bedeutendere, hoffnungsvollere Künstlerin geworden, der alle Koryphäen eine märchenhafte Zukunft prophezeit, auf die die Generalintendanten aller Hoftheater schon ihr Augenmerk gerichtet hatten. Wenn Rolf zaghaft zu widersprechen suchte, um sich gegen den immer wieder durchklingenden Vorwurf zu schützen, der Welt ein solches Phänomen geraubt zu haben, so gab es natürlich neuen Streit; und schwieg er, so warf sie ihm gereizt seine Gleichgültigkeit vor. Er wußte schließlich nicht mehr, wie er es recht machen sollte.

Andere Male, wenn sie so finster vor sich hin träumte, brach sie plötzlich in ein heißes, verzweifeltes Schluchzen aus. Dann glaubte er zu wissen, an wen sie dachte. Langsam, ganz langsam, wie ein Kind, das sich schuldig fühlt, schlich er sich zu ihr, und ohne den Mut, sie an sich zu reißen, sie auch nur zu berühren, bat er stammelnd, mit feuchten Augen: »Weine doch nicht, Liebling, – ich kann dich nicht weinen sehen!«

Aber sie wehrte ihn schroff ab, schlug wie eine Irre nach den Händen, die sich in Liebe ihr entgegenstreckten.

Eines Morgens beobachtete er sie heimlich, wie sie sich wieder einmal im hohen Spiegel maß, mit stieren Augen, als hasse sie jede Linie ihres Körpers; und je länger sie ihr Spiegelbild musterte, desto fahler, verbitterter wurde ihr Antlitz.

Plötzlich verzerrten sich ihre Züge, sie schwankte, griff um sich in die leere Luft; und schon lag sie im Schreikrampf am Boden, wälzte sie sich verzweifelt auf dem Teppich.

Er stürzte, zu Tode erschrocken, zu ihr hin; doch als er sich über sie beugte, schlug sie ihm erbittert in das Gesicht.

In seiner Bestürzung taumelte er zurück, flüchtete aus dem Zimmer und schrie nach Frau Roller. Und während diese sich drinnen um Loni bemühte, blieb er verzagt in der Diele stehen.

Als Mutter Roller endlich Loni wieder beruhigt und ins Bett gebracht hatte und in ihre Küche zurückging, entdeckte sie ihn, wie er in Sorge auf dem Flur stand und sie verstört, in ängstlicher Frage anblickte. Sie zuckte lächelnd die Achseln; und zugleich legte sie die beiden Arme über ihren stattlichen Busen, als ob sie ein Kind wiege.

Drinnen lag Loni jetzt ganz still, mit feuchten Wangen und wirrem Haar. Alles, was sie in diesen beiden Wochen durchlebt, seitdem sie ihren Zustand geahnt, schwirrte ihr im Kopf herum. Natürlich hatte sie der Pflegemutter ihre Befürchtungen nicht verschwiegen; und diese hatte sich auf den ersten Alarm hin als wahre Tyrannin gezeigt. Jedes Bad, das Loni nahm, kostete einen Kampf, da es das Kind mit Blindheit bedrohte; nicht schnüren durfte sie sich, damit das Kind nicht stumm blieb, nicht in den Mond sehen, um es nicht mondsüchtig werden zu lassen. Als sie nach einer Kanne griff, deren Tülle ein wenig abgestoßen war, schlug Mutter Roller die Hände vor Entsetzen zusammen: »Pass' auf, Loni, denk' an mich, das Wurm kriegt eine Hasenscharte!«

Aber am energischsten wurde die Alte, als Loni versteckt darauf anspielte, wie viele Mädchen und Frauen in gleicher Lage sich zu helfen wüßten. Was, – sie, Frau Roller, hatte elf Kinder ehrlich ausgetragen, die allerdings alle über kurz oder lang in ein besseres Leben eingegangen waren, und diese unselige Loni wollte sich feige drücken? Und sie schilderte ihr in so schrecklichen Farben alle nur denkbaren Gefahren, daß Loni sehr bald von dem Gedanken Abstand nahm, sich mit Gewalt der unwillkommenen Bürde zu entledigen. Sie, deren einziges Kapital ihr junger, gesunder, blühender Leib war, die mit allen Sinnen am jauchzenden Leben hing, wagte es nicht, dem Siechtum, vielleicht dem Tode ins Auge zu blicken; und mit noch größerem Grauen dachte sie an Schwurgericht und Zuchthaus, an die lebendig Begrabenen in verschlossener Zelle.

Draußen aber stand Rolf. Ein unsägliches Glücksgefühl erfüllte ihn. Loni, seine einzige, geliebte, wunderherrliche Loni trug keinen Zorn, keine Abneigung gegen ihn, ihr unerklärliches Wesen war nichts als die Laune der werdenden Mutter. Doppelt war sie jetzt an ihn gefesselt, da sie ein Kind von ihm unter dem Herzen trug. Er sah eine lange, friedliche Zeit vor sich, stille Monate, in denen sie ganz sein eigen war, abgeschnitten von jener Welt da draußen, in der sie täglich von fremden Augen begehrt und umworben, ihm jeden Augenblick entrissen werden konnte. Wie ein Eifersüchtiger das Weib verstümmelt, das er sich entgleiten steht, um keinem anderen das selbstgenossene Glück zu gönnen, so jubelte Rolf heimlich über Lonis kommende Entstellung, die er als ein Geschenk des Himmels begrüßte. Wie weggescheucht war jede Sorge vor der Zukunft. Dieser einundzwanzigjährige Student, vor dem noch wenige Monate vorher das Dasein sorgenlos, gesichert lag, bis Loni in sein Leben trat, fühlte in dieser Stunde, die ihm die Vaterfreude in das Herz pflanzte, sich wie ein Paria, den jäh die Gunst des Schicksals zum Herrscher erkoren.

Er mußte etwas tun, etwas Ungeheures, Unmögliches, um diesem Danke, von dem sein Herz überflutete, Luft zu machen. Und mit einer Kühnheit, die ihn selbst erschreckte, näherte er sich Loni, die mit geschlossenen Augen in ihren Kissen lag.

Er blieb an der Schwelle des Zimmers stehen. Und mit klopfender Brust flüsterte er: »Loni, liebe Loni ...«

Sie öffnete die Augen, wandte den Kopf und blickte teilnahmlos zu ihm hin.

»Loni, süße Loni«, fuhr er etwas mutiger fort. »Sei gut, Liebling, ich – ich – soll ich dich heiraten?«

Er war auf alles gefaßt, auf eine Rührszene, auf einen Wutanfall, einen neuen Schreikrampf, nur nicht auf das, was kam.

Sie richtete sich auf und blickte ihn groß an. Und dann lachte sie, lachte so laut, so herzlich und unaufhaltsam, daß er sich unsäglich töricht vorkam.

Aber zugleich fiel ihm eine Last vom Herzen. Gottlob, sie war wieder froh, sie zürnte ihm nicht!

Und während ihm noch immer ihr nicht zu bändigendes Lachen in die Ohren schrillte, umfing er mit unsicherem Blick, in ehrfürchtigem Staunen die Gestalt des jungen Weibes, das Heiligtum, das ihrer Liebe Pfand umschloß.

*

Von diesem Tage an war sie wieder guter Dinge. Sie ärgerte sich nicht, wenn sie nach den ersten Spuren der kommenden, unvermeidlichen Entstellung spähte, begann allmählich sogar auf ihren Zustand zu trumpfen. Sie hatte von Frau Roller von seltsamen Gelüsten gehört, die die Frauen in solchen Zeiten quälen, wie jene selbst einmal eine ganze Nacht nach einer Satte saurer Milch geweint habe, bis eine derbe Tracht Prügel ihres Mannes ihr den Appetit darauf austrieb. Und Loni begann immer unsinnigere Wünsche zu äußern: Zwei-, dreimal am Tage sauste das Auto nach Berlin, um ihr die kostspieligsten Leckerbissen, die der Vorort nicht bot, zu beschaffen. Jede Woche mußte die Schneiderin kommen, wurden zwecklos die Kleider geändert und neue anprobiert; stundenlang wurde schon jetzt mit der Pflegemutter die Kindesausstattung beraten, obwohl nach sorgfältiger Berechnung das Kind erst Mitte Februar zu erwarten war. Und wieder leerte sich ein Scheckbuch nach dem andern, während sich Rolf immer mehr beiseitegeschoben fühlte.

Als am nächsten Sonnabend der Chauffeur Karl seinen Wochenlohn erhielt, kündigte er und bat, sofort gehn zu dürfen, da er gerade Gelegenheit habe, sich selbständig zu machen und eine Autodroschke zu übernehmen. Rolf sprach mit Loni, und da diese über Karls Fortgehn froh zu sein schien, willigte er ein.

Loni hatte schon lange mit einer Sommerreise geliebäugelt, und so wurde zunächst kein Nachfolger für ihn gesucht; einsam und verlassen stand das Auto in der verschlossenen Garage.

Eines Morgens, Ende Juli, saß Loni früh auf dem Bettrand, und Rolf schnürte ihr gerade die Stiefelchen zu, damit sie sich ja nicht bücke und Schaden tue, als sie ihm plötzlich, seit längerer Zeit zum erstenmal, durch das Haar fuhr und leichthin sagte:

»Du, Rolf, wann lassen wir uns denn nun aufbieten?«

Er sah überrascht hoch. Er hatte es nicht wieder gewagt, an diesen Plan zu rühren, in dem Glauben, daß sie sein Anerbieten nicht ernst genommen und schon vergessen habe. Und doch hatte sich sein Entschluß nur immer mehr in ihm gefestigt. Mochte der Großvater Loni getrost Dirne schelten, dieses Mädchen aus dem Volke, das ohne Eltern, ohne den rechten Halt sich selbst den Weg durch das Leben hatte suchen müssen, – er, Rolf, hatte sich damit abgefunden, und andere ging ihre Vergangenheit nichts an! Und was die Drohung des Großvaters betraf, so suchte sich Rolf zu dem Glauben zu zwingen, daß die Zukunft schon eine Lösung bringen würde. Freilich, – wenn er auch nachts in schlaflosen Stunden sich immer wieder sagte, daß der Großvater keinen anderen Erben habe, daß der alte Herr sich über kurz oder lang mit Loni und ihm versöhnen und auch das Kind für sie sprechen würde, – die Sorge, die ihn im Überschwang seines Glücks auf kurze Tage verlassen, tauchte doch immer wieder auf. Aber zugleich ließ gerade die Gefahr, daß der Großvater Wort hielt, daß ihm, Rolf, nichts blieb, als die Trümmer seines mütterlichen Vermögens, ließ gerade die heimliche Angst, daß Loni ihn, wenn sie frei war, mit dem letzten Tausendmarkschein verlassen könnte, ihn nur noch hartnäckiger an seiner Ansicht festhalten, sie durch die Ehe unwiderruflich, für gute und böse Tage, an sich zu fesseln.

Zu gleicher Zeit war Loni auf ganz anderem Wege zu demselben Entschluß gekommen.

Jetzt, wo sie in Rolf die unterwürfige Liebe des Mannes kennengelernt, die sich das Weib freiwillig, schrankenlos zur Herrin setzt, zitterte sie heimlich vor dem Gedanken, in Jahr und Tag wieder in Mandis Hände zu fallen; von den zwei Seelen, die in ihrer Brust wohnten, der einen, die nach der Faust des Mannes lechzte, der anderen, die selbst die Faust über dem Mann ballte, hatte die letztere nun die Oberhand in ihr gewonnen. Aber sie wußte auch, Mandi würde sie, wenn sie noch nicht gebunden war, so leicht nicht aufgeben; allmonatlich – und öfter durfte er ja nicht schreiben – kam aus Wormwood Scrubbs ein Brief mit dem Stempel des englischen Zuchthauses, Blätter, in denen er die Tage zählte, die sie noch trennten, bis zum November übers Jahr. Und angesichts dieser Gefahr konnte sie keinen besseren Schutz als die Ehe finden: vor dem Weibe eines anderen würde, mußte Mandi zurückweichen.

Aber noch eins wirkte auf sie ein: Die Sehnsucht auch des verlorensten Mädchens nach der Würde der Frau. Und nun sollte sie gar eine Edelfrau werden! Wie helles Glockengeläut klang ihr der neue, vornehme Name in den Ohren. Sie hatte das Leben genugsam kennengelernt, um sich zu sagen: Was ihr die Zukunft auch brachte, – der Frauenname würde in jedem Falle ihr helfen, ihr Lebensschiff auch ohne Rolf über Wasser zu halten, dieser Frauenname, der das Weib den Männern gegenüber deckt und sie zugleich lockt, den Ängstlichen abschreckt und den Kühnen ermutigt.

Und noch ein letztes trug dazu bei, sie zu bestimmen. In den unruhigen Wochen, in denen langsam die Gewißheit ihres Zustandes in ihr wuchs und wuchs, hatte sie in endlosen Erörterungen mit ihrer Pflegemutter die Zukunft hin und her erwogen. Und immer wieder hatten sie sich gesagt: Sie war, solange sie das Kind erwartete, völlig auf Rolf angewiesen. Und stets hatte die alte Frau, die ja Rolf für einen Nabob hielt, von neuem den Kopf geschüttelt und bekümmert prophezeit: »Pass' auf, jetzt schnappt der ab! Ich hab' in letzter Zeit im Traume Flammen ohne Rauch gesehn, – das bedeutet ein Unglück; dabei hatten wir kürzlich Vollmond, wo solche Träume immer in Erfüllung gehn. Und rede was du willst, Loni, du bist und bleibst ein Schaf. Wenn er den Karl, den langen Laban, sich vorbindet und einen Blauen schmeißt, dann schwört der dir glatt, wie's war, und dein Herr Rolf drückt sich noch um die Alimente. Mich machst du doch nicht dumm, von wem das Balg ist!«

Und darum hatte Loni beschlossen, Rolf nachzugeben, darum war sie heute morgen so zärtlich zu ihm gewesen, obwohl seine stumme Anbetung ihr immer mehr auf die Nerven fiel. Und darum hatte sie jetzt auch plötzlich, während er sich um sie mühte, gefragt:

»Du, Rolf, wann lassen wir uns denn aufbieten?«

»Du willst wirklich, Liebling?« fragte er in ungläubigem Erstaunen zurück.

»Herrgott, Kleiner, mach' doch nicht ein so geistvolles Gesicht«, antwortete sie trocken. »Wenn ich nicht wollte, würd' ich nicht fragen. Was bleibt uns denn jetzt weiter übrig, wo du mich glücklich 'reingelegt hast?«

Einen Augenblick blitzte der Gedanke in Rolf auf, diese Stunde der Entscheidung, diesen Wendepunkt seines Lebens zu benutzen, um volle Klarheit zu schaffen und offen und ehrlich Loni seine schwierige Lage, sein zusammengeschmolzenes Vermögen einzugestehn. Er brachte es nicht über das Herz. Er war so völlig betäubt von der Aussicht, das geliebte Weib ganz, für ein langes Leben besitzen zu dürfen, Rechte zu erwerben, wo er bisher nur als Bittender an den Pforten des Paradieses gestanden, daß jede andere Regung in ihm erstickt wurde. Wie eine Vision sah er ein schlichtes Heim vor sich, friedlich und wohlig, sah er sich selbst in eiserner Arbeit bei der Lampe sitzen und seine Studien vollenden, ein trautes Weib an seiner Seite, nebenan das schlafende Kind. Er sah das Glück vor sich, das höchste Glück des Manneslebens; und ohne auf Lonis spöttischen Ton einzugehn, beugte er sich tief hinab und küßte ihr dankbar, in überquellender Bewegung, die Hände.

Als er sich aufrichtete, standen ihm die Augen voll heller Tränen.

Loni sah ihn verständnislos an. Dann sagte sie fröhlich:

»Nein, Kleiner, was bist du für ein Narr!«

Und während sie vor dem Spiegel stand und sich das Haar aufsteckte, fragte sie:

»Sag' mal, wie wird das bloß mit dem alten Major?«

Er bekam einen Todesschreck. »Wie meinst du das?« fragte er unsicher zurück.

Sie antwortete nicht gleich, mit ihren Schildpattkämmen beschäftigt. Zugleich überlegte sie aber gespannt. Sie hatte die Frage leichthin aufgeworfen und fürchtete jetzt die Konsequenzen. Wenn Rolf den Großvater von seinem Heiratsplane in Kenntnis setzte, war zweierlei möglich: Entweder stimmte der notgedrungen, mit Rücksicht auf das Kind, zu, oder er widersprach. Gab er sein Einverständnis, so lag eigentlich keine Veranlassung vor, ihn jetzt schon einzuweihen, dann würde er nach einigem Brummen über mangelnde Rücksichten sich nach der Hochzeit auch beruhigen. Würde er aber, was das Wahrscheinliche, das Sichere war, Schwierigkeiten machen, an denen der Heiratsplan scheitern konnte, so hatte sie allen Grund, Rolf von jeder Benachrichtigung des Majors abzuhalten; und auch in diesem Falle blieb immerhin noch die entfernte Möglichkeit, daß sich der alte Isegrimm später mit den Tatsachen abfand. Das aber erschien Loni durchaus geboten; denn wenn es ihr persönlich auch recht gleichgültig war, was der Major von ihr hielt, wenn sie im Gegenteil am liebsten ihm ganz aus dem Wege ging, so wußte sie doch genug von dem Reichtum des Vierundsiebzigjährigen, um nicht die Vorteile guter Beziehungen zu ihm zu erkennen.

Doch das alles konnte sie Rolf nicht verraten. Und mit weiblicher Klugheit wich sie der Antwort aus.

»Du,« sagte sie rasch, »wie lange wird wohl dein Großvater noch leben?«

Er starrte sie überrascht an.

»In Afrika, hab' ich gestern in dem Roman da, ›Die Greuel des Kongo‹, gelesen,« fuhr sie mit sichtlichem Behagen fort, »da gibt es Stämme, wenn dort einer alt und klapprig geworden ist, dann wird er auf den Dorfplatz gebracht, und sein Ältester haut ihm von hinten mit der Keule auf den Kopf. Fein, was?«

Jetzt aber regte sich doch das Pietätsgefühl in ihm. »Du solltest dich schämen, Loni«, sagte er ernst.

Sie drehte sich ganz verwundert zu ihm herum. »Hab' dich doch nicht«, antwortete sie pikiert. »Soviel Kraft hast du ja gar nicht, – du könntest deinen Großvater höchstens mit Streichhölzchen totschmeißen. Komm lieber her und schließ mir die Bluse!«

* * *

 

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