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Blaue Berge

Max Halbe: Blaue Berge - Kapitel 6
Quellenangabe
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authorMax Halbe
titleBlaue Berge
publisherSämtliche Werke.Siebenter Band
year1945
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Vierter Akt

Mühlenbruchs Atelier, zu ebener Erde, im Garten gelegen. Links vorn großer, runder Tisch, mit Stühlen und einem steiflehnigen Kanapee an der Wand. Gegenüber rechts große Staffelei mit Bild. Rechts mitten Tür, die durch einen Vorraum in den Garten hinausführt. Gegenüber links eine zweite Tür, als Verbindung zu einem kleinen Wohnzimmer und den Familienräumen. Inmitten des Ateliers, nach dem Hintergrunde zu, ein Ruhelager, mit Decken, Fellen, Kissen. Links davon die Bronzefigur eines schreitenden Mannes. Die Rückwand bildet ein hohes, breites Atelierfenster, das über Manneshöhe durch einen Vorhang abgedeckt ist. Darüber hinaus und von oben her fällt das Licht frei herein. Einige Bilder, Porträts, Akte, Studien sind aufgehängt. Die Mehrzahl lehnt übereinander gestapelt an den Wänden. Mappen und Skizzen liegen in den Ecken verstreut. Auf dem Tisch links eine Eva in Bronze. Drum herum Bücher. – Früher Vormittag des folgenden Tages. Heiteres Morgenlicht über den Wipfeln der von draußen hereingrüßenden Gartenbäume. Mühlenbruch steht im Arbeitskittel rechts vorn vor der Staffelei und malt. Auf einem in die Nähe gerückten Schemel hockt rittlings der alte Werckhagen und schmaucht seine kurze Schifferpfeife.

Werckhagen Hast du mich jetzt bald auf der Leinwand?

Mühlenbruch Noch etwas Geduld, Onkel Werckhagen!

Werckhagen Seit Glockenschlag fünf sind wir dabei!

Mühlenbruch Der Dampfkessel ist frisch geheizt!

Werckhagen Wann kamst du denn von deinem Nachtmarsch zurück?

Mühlenbruch Die Uhren in der Stadt schlugen Mitternacht. Ich war den ganzen Strandbogen bis zum Leuchtturm abgelaufen.

Werckhagen Zwei Meilen hin und zurück. Aber die Nacht war schön. Ich saß oben auf dem Ausguck, über meiner Koje, und sah auf die See. Sie lag grau wie ein Walfischrücken unter dem hellen Nachthimmel. So hab' ich manches Mal von einer wirklichen Koje auf die See gesehen und über mir nach dem Südlichen Kreuz Ausguck gehalten. Es geht einem mancherlei durch den Kopf in solch einer Sternennacht.

Mühlenbruch nickt Ja! Ja!

Werckhagen Man fühlt, daß man noch nicht einmal so viel wie ein eingesalzener Heringsschwanz ist in dem schwarzen Schiffsbauch, in dem man spediert wird. Wenn nicht durch die vielen Ritzen, Spalten und Löcher, die man Sterne nennt, Lieht von draußen hereinschimmerte, könnte einem angst und bange werden in seiner ägyptischen Finsternis. Aber so hofft man doch immer nochmal ins Freie zu kommen.

Mühlenbruch Ins Freie! ... Ich lief auch neben der See hin, als müßt' ich irgendwo eine Tür ins Freie finden und müßte noch heute nacht hinaus, um nicht zu ersticken.

Werckhagen indem er seine Pfeife ausklopft Hast du die Tür ins Freie gefunden, mein Junge?

Mühlenbruch schlägt auf die Leinwand des Bildes Hier! ... Hier ist die Tür! Hier komm' ich hinaus und darüber hinweg!

Werckhagen Also hättest du gar nicht erst an die See und zum Leuchtturm zu laufen brauchen?

Mühlenbruch dreht sich um Sind Sie nicht noch viel, viel weiter, bis über die See und alle Leuchttürme hinaus gefahren, Onkel Werckhagen?

Werckhagen Und was ist das Ende vom Lied? Es ist allenthalben der gleiche Dreck! Jenseits des Wassers, wie diesseits! Und hinter den Bergen ist unsere Grube so sicher wie davor!

Mühlenbruch ganz in sich versunken Nein, ich mußte den Weg an die See und bis zum Leuchtturm machen! ... Ich mußte ihn machen, um mir klar zu werden, daß ich wieder zurück und hierher an die Arbeit mußte. Dazu waren der Weg und der Marsch ganz unerläßlich.

Werckhagen Hernach hast du dich wohl aufs Ohr gelegt?

Mühlenbruch Ich warf mich auf die Pritsche nebenan und war sofort weg!

Werckhagen mit zwinkerndem Blick auf das Ruhelager In all den Kissen und Decken und Pelzen da mag es sich mollig genug ausstrecken lassen.

Mühlenbruch mit schwachem Lächeln Nein, nicht dort! Ich hab' mir nebenan mein altes Feldbett genommen.

Werckhagen schnuppernd In dem weichen Nestchen hat wohl jemand anders sich's bequem gemacht all die Tage durch? Man spürt noch so was wie Lebensatem.

Mühlenbruch wendet sich zu seinem Bild zurück, arbeitet schweigend weiter.

Werckhagen Und wie du dann aufgewacht bist?

Mühlenbruch Da schmetterten die Drosseln im Garten wie irrsinnig und mir war zumut, als wär' ich vom Sirius heruntergefallen. Erst nach und nach dämmerte es wieder. Da kamen Sie mir gerade recht in den Schuß.

Werckhagen nickt behaglich Ein guter Schlag, die Werckhagens! Denn du gehörst ja doch auch dazu als deiner schönen Mutter Sohn.

Mühlenbruch nickt, malt schweigend weiter.

Werckhagen Wie lange die schon unter dem Rasen liegt, die Schwester Karoline! Ich bin der letzte, der von der ganzen Sippschaft übriggeblieben ist. Dafür bin ich ja auch der Jüngste und der Nichtsnutzigste von uns allen gewesen. Der Schandfleck in dem Patrizierhaus! Der Taugenichts, den die stolze Familie nach dem australischen Busch abgeschoben hat!

Mühlenbruch Warum finden Sie eigentlich, daß die Werckhagens so ein guter Schlag sind?

Werckhagen Weil sie immer auf die Beine fallen und sofort von neuem anfangen.

Mühlenbruch Mag sein!

Werckhagen Dabei ist es doch wirklich kein Spaß, so aus seinen wonnigsten Träumen zu purzeln und wunderschöne Menschenbilder urplötzlich eingelocht zu sehen.

Mühlenbruch dreht sich um, lacht Nehmen Sie die Geschichte ernst, Onkel Werckhagen?

Werckhagen Ich bin doch kein Kriminalkommissar!

Mühlenbruch tritt vor ihn hin Aber wer es angezettelt hat, das sind Sie! Nur Sie!

Werckhagen behaglich schmunzelnd Und meinen Gönner, den Kriminalästheten, nicht zu vergessen!

Mühlenbruch Ach, den haben Sie ja erst auf die Spur gebracht? Den haben Sie ja hineingehetzt!

Werckhagen Ja, er ist mir glücklich auf den Leim gekrochen, der superkluge Herr Kommissar! Sämtlich sind sie mir auf den Leim gekrochen, meine hochmögenden Herren Gönner! Sämtlich! Sämtlich! Er schmunzelt in sich hinein, pafft große Wolken.

Mühlenbruch lacht kurz auf, geht zu seinem Bild Machen Sie sich gar keine Gewissensbisse?

Werckhagen Der beiden Windbeutel wegen? ... Na, und die schöne Dame ... Die hat's ja aushalten können in ihrem bequemen Boudoir! Bewacht vom Auge des Gesetzes!

Mühlenbruch lacht unwillkürlich auf 's ist doch ...! 's ist doch ...! Er fixiert Werckhagen, bringt schnell einen Zug auf das Bild.

Werckhagen reckt sich Da wollen wir denn so langsam ...

Mühlenbruch Nur noch einen Augenblick, bitte!

Werckhagen Ich weiß noch immer nicht, was ich eigentlich auf deinem Bild da zu suchen habe?

Mühlenbruch Sie gehören dazu?

Werckhagen zynisch Zu der schönen Dame zwischen den Pelzen und Decken?

Mühlenbruch Und zu den blauen Bergen überhaupt!

Werckhagen Die ich nie mehr zu Gesicht bekommen werde.

Mühlenbruch Eben darum!

Werckhagen Aha! Also ein Gegenstück!

Mühlenbruch Zu wem?

Werckhagen Zu dem Herrn Reitersmann, der so gerne in die Ferne möchte, aber von seiner Dame nicht loskommen kann.

Mühlenbruch Doch, Onkel Werckhagen! Er wird loskommen! Er ist es sogar schon!

Werckhagen steht auf, tritt vor das Bild Wahrhaftig! Er hat sich von seinem Götterbild losgemacht! Er steht frei da!

Mühlenbruch Frei und losgelöst steht er da!

Werckhagen Jetzt nur rasch in den Steigbügel und dem Gaul die Sporen gegeben! Sonst hält sie ihn doch noch zurück. Die Arme streckt sie schon nach ihm aus.

Mühlenbruch Der kommt nie mehr zu ihr zurück!

Werckhagen klopft ihm schmunzelnd auf die Schulter Aber ein Deiwelskerl scheint er doch!

Mühlenbruch Warum?

Werckhagen Daß er so was mal im Arm gehabt hat!

Mühlenbruch Wer weiß, ob er's hatte?

Werckhagen Dann verdient er, Wasser zu saufen, bis er die Würmer bekommt ... Er deutet auf die rechte Seite des Bildes Der da auf dem Faß, mit der Pfeife im Maul, der hätte es anders gemacht zu seiner Zeit.

Mühlenbruch Der hätte das Leben bei den Hörnern gepackt, nicht wahr?

Werckhagen Jetzt freilich ist er alt und grau und kehrt den weißen Frauen und den blauen Bergen den Rücken zu. Jetzt läßt er betrunkene Bauern er zeigt auf das Bild nach seiner Melodie tanzen und die Beine schmeißen und raucht sein Pfeifchen dazu.

Mühlenbruch Ja! Ja! So ungefähr!

Werckhagen Aber vergiß mir meine hochmögenden Gönner nicht! Den Oberlehrer und den Badedirektor! Und den Kriminalprofessor! Die gehören alle mit in den Bauerntanz.

Mühlenbruch nach einem Weilchen Vielleicht ist es doch nicht so närrisch, wie es scheint.

Werckhagen Was denn?

Mühlenbruch Fleisch und Bein aus der Hand zu geben und nach dem Schleier zu jagen!

Werckhagen sieht ihm ins Gesicht Bedanke dich bei mir!

Mühlenbruch Ja, Sie haben mich gehalten, als Eltern und Familie mich aufgaben.

Werckhagen Nein, nicht das! Bedanke dich für gestern abend! Es war höchste Zeit, daß ich meinen Gönner, den Kriminalkommissar, auf euch los ließ.

Mühlenbruch reicht ihm die Hand Sie haben recht! Ich brauchte einen Kübel Wasser über den Kopf.

Werckhagen Ihr habt ihn alle durch die Bank gebraucht.

Mühlenbruch drückt seine Hand Sie genialer Spritzenmeister, Sie!

Werckhagen Was kann einem alten Nachtwächter denn noch Besseres blühen, als Feuersbrünste zu löschen!

Rechts wird stark geklopft.

Mühlenbruch Was gibt's? Er rückt die Staffelei ein wenig zur Wand.

Wiederholtes Klopfen.

Werckhagen schmunzelnd Großfeuer bei der Kriminalpolizei! Aber die lassen wir schmoren!

Erneutes Klopfen. – Stimmen von draußen.

Mühlenbruch geht zur Tür rechts, schließt auf.

Bussow stürzt herein. Hinter ihm, ruhig und gemessen, Butgereit, mit einer Depesche in der Hand.

Bussow außer Atem Solch ein Skandal! Solch ein Skandal?

Butgereit Beruhigen Sie sich, lieber Direktor! Beruhigen Sie sich!

Bussow Beruhigen! Beruhigen! Unser Weltbad ist bis auf die Knochen blamiert und wir mit!

Butgereit Bis zur nächsten Saison ist Gras darüber gewachsen. Die Hauptsache, daß die Verbrecher glücklich zur Strecke gebracht sind!

Bussow Zur Strecke gebracht! Aber wo? Wo?

Butgereit In Alexandrien, am Tatort selbst! Er versenkt sich in die Depesche Zwei bekannte armenische Hochstapler! Kombination B hat das Rennen gemacht! Ich hätte es nie für möglich gehalten! Alle meine Tips sprachen für C!

Bussow Sie haben uns glänzend hineingeritten!

Butgereit Regen Sie sich nicht unnütz auf, lieber Direktor! Wir Leute vom Fach sind das gewöhnt.

Bussow Ja, Sie reisen ab! Aber wir bleiben hier! Den Schaden und den Spott haben wir, mein Herr Kommissar! Den Schaden hat unser aufblühender Badeort!

Werckhagen der bis jetzt ruhig dabei gestanden hat, nickt zustimmend Eine böse Geschichte!

Bussow in steigender Aufregung zu Butgereit Da hören Sie's selbst! Da hören Sie's von dem alten Herrn! Von einem Eingeborenen, mein Herr Kommissar! Der es wissen muß! Das ist ein besserer Sachverständiger als Sie!

Werckhagen Eine verdammt böse Geschichte!

Butgereit zu Werckhagen Na, erlauben Sie mal! ... Sie sind mir ein netter alter Herr! Sie sind mir ein angenehmer Eingeborener!

Werckhagen treuherzig Ich bin ja gar kein Eingeborener, Herr Polizeibeamter. Zu meiner Zeit hat hier überhaupt noch keiner geboren werden können. Ich bin nichts, als der unschuldige Gründer dieses aufblühenden Badeorts.

Butgereit Und schämen sich nicht, pflichteifrige Beamte in den Sumpf zu locken?

Werckhagen Was? Ich, Herr Inspektor?

Butgereit erbost Ich bin kein Inspektor! Ich bin Kriminalkommissar!

Werckhagen klopft ihm begütigend auf die Schulter Regen Sie sich nicht unnütz auf, Herr Beamter!

Butgereit Ich rege mich prinzipiell nicht auf! Aber das geht' mir denn doch über die Hutschnur! Ich liege zwölf Stunden auf der Bahn! Ich steige aus! Der erste Mensch, an den ich gerate, sind Sie! Ich halte Sie für eine Vertrauensperson ...

Werckhagen Sehr richtig, Herr Inspektor!

Butgereit Ich frage Sie aus ...

Werckhagen Ich gebe Ihnen Bescheid ...

Butgereit Aber wie? Jedes Wort eine Schlinge! Jeder Satz eine Fußangel! Eins, zwei, drei, stehen wir hier im Garten ...

Werckhagen Und Kombination C nimmt ihren Lauf!

Bussow zu Butgereit Das erklärt mir natürlich alles. Aber wie konnten Sie auch gerade den Herrn Rentier ins Vertrauen ziehen?

Butgereit höhnisch Das ist doch ein Eingeborener, wie Sie sagen? Das ist doch sein besonderer Sachverständiger?

Bussow Ich hätte Sie sofort gewarnt. Wir kennen hier leider den Herrn Rentier.

Stenzel durch die offen gebliebene Tür, mit erhobenen Armen Wissen Sie's schon? Wissen Sie's schon?

Butgereit abwinkend Ja! Ja! Alles bekannt!

Stenzel Diese Wendung! Diese segensreiche Wendung!

Bussow Wollen Sie uns zum besten haben, Herr Oberlehrer?

Butgereit Nette Brüder scheinen das hier zu sein!

Stenzel Aber nein! Nein doch! Begreifen Sie mich denn nicht?

Bussow Nein! Wieso?

Stenzel Weil jetzt vermutlich auch alles andere nicht wahr ist, was man von gewissenloser Seite den beiden armen Menschen in die Schuhe geschoben hat! Weil man ihnen in dieser Hinsicht Unrecht getan hat, wie in allem anderen!

Bussow Das wäre allerdings ein Gesichtspunkt.

Stenzel Und weil man ihnen daher eine Genugtuung schuldig ist! Darum auf, lieben Freunde! Den beiden Opfern entgegen! Wir wollen sie im Triumph in die Freiheit zurückgeleiten!

Bussow Ja, vielleicht läßt sich die Situation auf diese Weise wirklich noch retten.

Stenzel Das walte Gott! Jede Minute ist kostbar! Er stürzt rechts hinaus, die andern beiden folgen ihm.

Mühlenbruch Sind Sie befriedigt, Onkel Werckhagen?

Werckhagen Für eine Weile reicht's hin.

Mühlenbruch Das ist also, was Ihnen vom Leben übriggeblieben ist?

Werckhagen Wenn die Flaschen leer sind, beriecht man sich an den Stöpseln. Er klopft sein zu Ende gebranntes Pfeifchen aus, geht links ab.

Mühlenbruch sieht ihm nach, wendet sich dann zur Staffelei, bleibt mit Pinsel und Palette stehen.

Marianne tritt durch die offengebliebene Tür rechts ein, bleibt auf der Schwelle stehen, lächelt leise und ein wenig melancholisch. Sie ist im Reisekostüm.

Mühlenbruch fährt zusammen, stützt sich unwillkürlich auf die Staffelei.

Marianne einen Schritt näher Erschrecken Sie nicht! Ich bin noch kein seliger Geist.

Mühlenbruch schweigt, beherrscht sich.

Marianne wieder einen Schritt näher Oder bin ich Ihnen mehr komisch geworden, mein Freund?

Mühlenbruch Nicht komischer, als ich mir selbst, Marianne!

Marianne Wo ist unsere geträumte Mitternachtsstunde hin, mein Freund?

Mühlenbruch Ich habe sie am Strand verbracht, Marianne. Im Dauerlauf zum Leuchtturm! Und wieder zurück!

Marianne Und ich in einem harten Korbsessel, bei einer trübseligen Petroleumlampe!

Mühlenbruch Warum haben Sie sich nicht schlafen gelegt?

Marianne Ich konnte nicht! Ich hätte kein Auge zugemacht!

Mühlenbruch Wirklich nicht, Marianne?

Marianne Ununterbrochen spazierte der Schutzmann Lehmann mit seinen schweren Stiefeln vor meiner Zimmertür auf und ab.

Mühlenbruch Jaso!

Marianne Die müssen schrecklich mit Nägeln beschlagen sein?

Mühlenbruch Schutzmannsstiefel sind immer so! Wie die Militärstiefel auch!

Marianne Es klang wie die verkörperte Staatsgewalt.

Mühlenbruch Die war es doch auch!

Marianne In meinem armen Kopf hämmert's noch! Ich möchte nicht immer so eingesperrt sitzen! Um alles in der Welt nicht!

Mühlenbruch Und kein Gedanke an Flucht?

Marianne An dem Schutzmann Lehmann vorbei? ... Ach, bester Freund, man hätte schon einen Tarnhelm aufsetzen müssen!

Mühlenbruch Und den hatten Sie natürlich nicht zur Hand.

Marianne Bringen Sie mal so eine Nacht unter Polizeiaufsicht zu! Sie kennen das nicht! Das macht so mürbe! So mutlos! Da vergehen einem die Liebesgedanken! Das Leben bedient sich seltsamer Tricks, um zwei Menschen nicht zueinanderkommen zu lassen. Seltsamer Tricks! Beinahe wie bei uns auf der Bühne!

Mühlenbruch halb vor sich hin Ja, lächerlich brutal ist das Leben! Und dabei grausam klar! Es weiß besser, was uns nottut, als wir selbst.

Marianne Ich habe in dieser Schreckensnacht viel, viel über uns beide nachgedacht. Wir sind Halbnaturen, mein Freund.

Mühlenbruch Ich auch, Marianne?

Marianne Sie auch, mein teurer Meister! Alle Künstler sind Halbnaturen. Wir müssen suchen und dürfen nicht finden. Wir müssen uns sehnen, immerfort sehnen und dürfen niemals besitzen.

Mühlenbruch Wie die Kanarienvögel! Die hungern müssen, wenn sie singen sollen!

Marianne an die Tür gelehnt Wenn ich so denke, noch gestern nacht ...! Nur wenige Stunden zurück! Es wäre ein Rausch gewesen, wie keiner vordem! Wie nie wieder einer nachher! Und dann ...!

Mühlenbruch Dann das Erwachen, Marianne!

Marianne visionär Das wäre schaurig geworden! Wir zwei schwachen, haltlosen Menschen! Wir zwei allzugleichen, aneinander gebunden, in unserer entgötterten Welt! ... Nein! Nein! Nein! Der Traum war schön! Aber wir hätten ihn mit unserem Besten, mit unserer Kunst und darum mit unserem Leben bezahlt!

Mühlenbruch Wie klug Sie das alles entwickeln, Marianne! Gestern abend klang es etwas weniger durchdacht.

Marianne senkt den Kopf Vielleicht hab' ich auch einmal im Leben glücklich sein wollen, mein Meister!

Mühlenbruch Können das Halbnaturen denn überhaupt?

Marianne Was fragt denn die Leidenschaft darnach!

Mühlenbruch Aber jetzt haben Sie sich bezwungen?

Marianne nickt leise Es mußte sein!

Mühlenbruch Der Schutzmann Lehmann hat seine Schuldigkeit getan.

Marianne Werden Sie nicht bitter, teurer Freund! Beklagen Sie uns lieber, daß wir nicht anders sein können! Daß wir nicht als ganze Menschen auf die Welt gekommen sind!

Mühlenbruch reckt sich Ich für mein Teil möchte den Versuch doch wagen!

Marianne Ganz zu sein? In unserer Weise sind wir's ja auch. Aber das wird niemals die Weise der anderen sein ... Und jetzt lassen Sie mich zum Abschied noch einmal das Bild sehen! Unser Bild!

Mühlenbruch Ihr Bild, das Sie vernichtet haben wollten!

Marianne Waren Sie mir denn keinen Einsatz schuldig, mein Meister?

Mühlenbruch Solche Glücksspiele sind verboten, Marianne. Da mußte die Polizei ja kommen!

Marianne tritt vor das Bild, das ihr bis jetzt abgewendet stand, prallt zurück Was ist ... das?

Mühlenbruch Was denn?

Marianne Mein Ritter hat sich von mir getrennt? Mein Ritter hat mich verlassen?

Mühlenbruch Ja, er hat sich von seinem Lager bei der Göttin erhoben. Er steht zwischen ihr und seinem gesattelten Gaul.

Marianne Wann haben Sie das getan?

Mühlenbruch Vielleicht um die gleiche Zeit, als Sie sich so tapfer bezwingen lernten, Marianne!

Marianne ausbrechend Der Mann da hat seine Göttin nie geliebt! Sonst könnte er sich nicht so kalten Herzens von ihr trennen.

Mühlenbruch Oder sie von ihm!

Marianne Sie streckt ja die Arme nach ihm aus. Ein Wort von ihm und sie läge wieder an seinem Halse!

Mühlenbruch mit langem Blick zu ihr Aber das Wort wird nicht kommen.

Marianne Weil er Fischblut hat! Weil er eine Halbnatur ist!

Mühlenbruch Der auch? ... Wer weiß, ob es ihm so ganz leicht ist, sich loszureißen?

Marianne Dann müßte man es ihm doch ansehen können.

Mühlenbruch lacht kurz auf Ja! Das liegt nicht an ihm. Das liegt an dem, der sein Schöpfer ist. Der das nicht auf die Leinwand zu bringen versteht, was ihm hier innen beinahe ... das Herz zerreißt!

Marianne War das das Wort, das der Ritter ... nie sprechen wollte?

Mühlenbruch mit einer Bewegung, als ersticke es ihn Nein! Nicht! Niemals! Der Stachel würde bleiben! ...

Marianne sieht ihn groß an Welcher Stachel denn?

Mühlenbruch schlägt heftig auf das Bild Daß Sie das da ... als Preis von mir verlangt haben! Deshalb müßte es aus sein ... auch wenn Sie selbst ... es anders wollten!

Marianne Aber ich hätte es ja niemals übers Herz gebracht, mein teurer Freund! Ich wäre Ihnen im letzten Augenblick in den Arm gefallen! Es sollte ja nur eine Probe sein.

Mühlenbruch Hätten Sie nur mit mir gespielt, das könnt' ich vergessen. Aber daß Sie mit dem da gespielt haben ... der Stachel bleibt.

Marianne legt die Arme um seinen Hals Sie großes, großes Kind! Kein Stachel! ... Die Erinnerung bleibt uns! Die Sehnsucht bleibt uns!

Mühlenbruch auf das Bild Und dies wohl auch!

Marianne Wer gab Ihnen das? Mein böser, böser Meister!

Mühlenbruch sieht sie lange an, senkt den Kopf Und ein Schelm, wer mehr gibt, als er hat! ... Ich war undankbar gegen Sie, Marianne. Verzeihen Sie mir! Er will ihr die Hand reichen.

Marianne wirft sich an seine Brust Ich Ihnen? ... Sie mir! Sie mir!

Mühlenbruch hält sie schweigend umschlossen.

Kurze Pause.

Mühlenbruch leise Einmal doch im Arm gehalten!

Marianne flüsternd Du! ... Du Liebster du!

Mühlenbruch Dank! Dank für alles, Marianne! Dank!

Marianne Ich werde dich niemals vergessen, du einzig Geliebter, du!

Mühlenbruch Und jetzt ... jetzt muß es sein! Er löst sich von ihr.

Marianne geht zur Tür, bleibt noch einmal stehen Ihre Göttin war ich doch! Die Sie unsterblich gemacht haben, nicht wahr, mein Meister? Sie lächelt ihm noch einmal zu, winkt mit dem Schleier, geht hinaus. Die Tür schließt sich hinter ihr.

Mühlenbruch sieht ihr nach Unsterblich! ... Ich armer, sterblicher Mensch! Er läßt sich auf dem Schemel nieder, starrt ins Leere.

Nach einer Weile öffnet sich die Tür links.

Christiane schaut vorsichtig herein, erschrickt, da sie ihn zusammengesunken dasitzen sieht Mann? Mann!

Mühlenbruch starrt schweigend vor sich hin.

Christiane dicht bei ihm Aber Mann! So rede doch! Mach' mir nicht Angst! Nur ein Wort!

Mühlenbruch Geh schonend mit mir um, Christiane, ich bin krank! Schwerkrank!

Christiane legt den Arm um seinen Hals Du wirst wieder gesund werden. Ich werde dich pflegen. Dazu werde ich gut sein. Das andere mag werden wie's will.

Mühlenbruch mit der Hand abwehrend Nein! Nein! Nicht! Vorbei!

Christiane War sie hier?

Mühlenbruch nickt.

Christiane Und ist ... gegangen?

Mühlenbruch mit schwacher Gebärde Ja! Dort hinaus! Fort! Für immer!

Christiane Fort!... Für immer!

Mühlenbruch mit tonloser Stimme Bist du ... froh?

Christiane lächelt schwach Du Kind, du! Als wenn es das erste ... oder das letzte Mal wäre!

Mühlenbruch Schone mich, Christiane! Schone mich!

Christiane mit wiedererwachendem Humor Jetzt gibt man ihm alles zu, was er sich nur wünschen kann, gibt ihm alle Freiheit! ... Und er ist noch nicht zufrieden, der Mann!

Mühlenbruch müde Du wolltest ja wohl auch fort!

Christiane Aber gewiß! Mit Muschinsky! Wir sind ja vollständig einig!

Mühlenbruch Willst du's noch?

Christiane Deshalb stehe ich doch hier, um dir das zu sagen.

Mühlenbruch erwachend Christiane, wolltest du wirklich von mir fort?

Christiane Wenn du's geglaubt hast! O Gott, seid ihr Männer gescheit! Seid ihr gescheit!

Mühlenbruch Also nicht? Wirklich nicht?

Christiane Eigentlich müßte ich jetzt ja Ernst machen. Denn auf den Glauben kommt es doch an, den eines vom anderen hat. Man betrügt doch nicht, wo der andere nichts anderes erwartet.

Mühlenbruch halb lächelnd Du traust mir ja auch alles mögliche für die Zukunft zu.

Christiane Weil ich die Vergangenheit kenne! Und außerdem deine dumme, törichte, überschwengliche, gottgesegnete Phantasie!

Mühlenbruch Mein Erbteil, Christiane! Das hängt mit dem da zusammen. Er deutet auf das Bild.

Christiane Aber ich armes, gestraftes, monogames Geschöpf! ... Wen hab' ich denn vorher gehabt? Dich und immer nur dich! Also werd' ich wohl auch in Zukunft keinen anderen mehr finden. Schrecklich eigentlich! Aber ein Glück für dich!

Mühlenbruch drückt ihre Hand Das weiß ich, Christiane. Hab' ich immer gewußt.

Christiane Was würdest du wohl ohne mich anfangen? Schon deshalb kann ich ja gar nicht von dir fort. Du tust mir viel zu sehr leid. Ich glaube, ich bin extra für dich geboren. Wahrscheinlich zur Strafe für meine Sünden auf irgendeinem anderen Stern.

Mühlenbruch O du! ... Du reine Seele, du!

Christiane Darum muß ich mein Los schon ertragen und weiter mit dir leben und sterben. Vielleicht kommen wir auf einem künftigen Stern noch einmal zusammen. Dann zahlst du's mir zurück!

Mühlenbruch zieht sie an sich Sollst du so lange warten auf das Glück, arme Christiane?

Christiane Vielleicht liegt es im Warten, Hans Kaspar!

Mühlenbruch Es ist schwer ... schwer ... mit einem wie ich!

Christiane Ach, ich bin auch hart gewesen! ... Ich kann auch borstig sein! Das gleicht sich so ziemlich aus.

Mühlenbruch Und das ... was ein Weib entschädigt ... das hast du nicht haben sollen! Das ist uns versagt geblieben!

Christiane senkt den Kopf.

Mühlenbruch Keinen Ersatz! Keinen Ersatz!

Christiane legt seinen Kopf an ihre Brust Als dich allein, du großes, großes Kind!

Mühlenbruch Seltsam! Auch du nennst mich so?

Christiane lächelnd Die andere auch?

Mühlenbruch nickt.

Christiane Aber für die bist du nur das Paradekind, um Staat mit dir zu machen vor den Menschen!

Mühlenbruch Und für dich?

Christiane schweigt.

Mühlenbruch Das Schmerzenskind! Ich weiß!

Christiane Es heißt ja, die sollen den Müttern die liebsten sein.

Mühlenbruch richtet sich auf Es wird besser werden, Christiane. Man leidet ja nicht umsonst.

Christiane verhält ihm den Mund Versprich nichts! Du kannst es nicht halten. Das Leben geht darüber hinweg. Ich sehe noch manchen Sturm. So manche durchlittene Nacht. Aber auch für uns wird einmal der Friede kommen. Auch für dein ruheloses Herz! Du wirst älter werden, Hans Kaspar. Und ich mit dir! Und wenn dann der Abend da ist, dann versprich mir eins ...

Mühlenbruch hält sie umschlossen Alles, mein Herz! Alles ...

Christiane Dann malst du mich als alte Dame mit weißem Haar, so wie du mich vorzeiten als junges Mädchen mit braunen Löckchen gemalt hast. Dann spiele ich noch einmal dein Modell.

Mühlenbruch streicht über ihr Haar Du törichtes Herz!

Christiane Und die beiden Bilder, die blauen Berge und die alte Dame, die kauft dann irgendein steinreicher Milliardär und hängt sie in seine Galerie. Zu deinem Ruhm und zu meinem Gedächtnis! Beide stehen Hand in Hand.

Muschinsky ist durch die offene Tür rechts eingetreten Da schein' ich ja äußerst à propos zu kommen!

Christiane lacht laut auf Wahrhaftig! Ich glaube, ich kann hexen! Der Milliardär ist schon da!

Muschinsky tritt näher Allerdings! Aber das Wiedersehen hätte er sich anders vorgestellt!

Christiane Wie denn, mein Freund?

Muschinsky Ihretwegen begeb' ich mich in die Hände eines übergeschnappten Kriminalkommissars! Ihretwegen lasse ich mich unter dem Geheul des Janhagels zur Wache schleppen! Ihretwegen verbringe ich eine schlaflose Nacht auf einem Holzgestell, in einer stinkigen Zelle, die von Wanzen wimmelt!

Christiane Sie Ärmster! Jetzt schnell ins Bad!

Muschinsky Und das alles imponiert Ihnen noch nicht? Womit imponiert man Ihnen denn überhaupt? Ich habe mein Äußerstes getan! Und zur Belohnung finde ich sie im tête-à-tête ...!

Christiane Mit meinem Mann!

Mühlenbruch Entschuldigen Sie, daß ich geboren bin!

Muschinsky Bitte, sich nicht zu genieren! Sie können ja nichts dafür! Zu Christiane Aber daß Sie ... Sie ... Und unser Blaubeerberg?

Christiane mit Anspielung Vielleicht auf einem anderen Stern, mein Freund!

Von rechts treten Pfefferkorn, Stenzel, Bussow und Butgereit ein.

Pfefferkorn zu Muschinsky, mit Gebärde auf Stenzel Dieser Herr hier wünscht Ihnen sein Bedauern auszusprechen, lieber Muschinsky.

Stenzel Wir sind getäuscht worden, verehrtester Freund! Bitter getäuscht! Hier meine Hand! Und wir halten fest!

Muschinsky Woran halten Sie fest? Keine Rebusse, Herr!

Stenzel An unserm Kirchenbau! An unserm Vertrag überhaupt! Wir halten fest!

Muschinsky Dann halten Sie nur weiter fest! Ich lasse los! Ich habe genug! ... Pfefferkorn! Hopp! Unsere Koffer gepackt! In einer Stunde wird abgereist!

Pfefferkorn Was? Nach der fürchterlichen Nacht jetzt noch Koffer packen und sich in einem Bahnwagen definitiv zu Ende rädern lassen? Wohin denn so plötzlich?

Muschinsky Nach Alexandrien! Ich will mir den Platz ansehen, wo ich die Millionen gestohlen habe!

Stenzel Und mein Kirchenbau?

Pfefferkorn Und mein Schönheitstheater?

Muschinsky Auf einem andern Stern, meine Herren! Das Kapital hier auf Erden streikt!

Stefanie von links mit einem offenen Brief Das Neueste, Kinder! Das Allerneueste! Heinz ist mit Camillos Reisekasse und mit einer Kellnerin aus dem »Blauen Pomuchel« durchgebrannt. Hier verkündet er's schwarz auf weiß.

Werckhagen der hinter ihr eingetreten ist Der Lausebengel hat es mir nachgemacht!

Butgereit Jemand mit einer Kasse durchgebrannt? Das geht mich an! Ich nehme die Spur sofort auf! Er nimmt Stefanie den Brief ab, begibt sich eilend hinaus.

Stefanie Aber mein Gott ...

Werckhagen Keine Angst! Wenn der hinter ihm her ist, dann ist der Bengel so sicher wie in Abrahams Schoß.

Stefanie zu Muschinsky Sie noch hier? Fräulein Jordan ist vor wenigen Minuten zur Bahn gefahren.

Muschinsky Das fehlte mir noch! Pfefferkorn! Setzen Sie ihr nach! Tummeln Sie sich! Ich folge sogleich!

Pfefferkorn Ich komme um meinen Abschied ein! Ich habe es satt! Ab.

Muschinsky ihm nachschreiend Abschiedsgesuche sind schriftlich einzureichen laut Kontrakt! Zu Stenzel und Bussow Und Sie ... damit Sie sehen, daß ein Millionendieb sich nicht lumpen läßt ... Er tritt vor das Bild, wirft einen schnellen Blick darauf Was kostet das Bild? Es liegt Wurf darin! Ich zahle jeden Preis!

Mühlenbruch Wenn es fertig ist ... warum nicht!

Muschinsky zu Stenzel und Bussow Ich stifte das Bild für Ihren großen Kurhaussaal als Grundstock zu einer Muschinsky-Galerie. Adieu! Schnell rechts ab.

Stenzel erblickt jetzt erst das Bild, taumelt Großer Gott! Die nackte Person! Er wankt rechts hinaus.

Bussow ihm folgend Aber immerhin eine Attraktion! Rechts ab.

Mühlenbruch vor seinem Bild Sie ist fort!

Christiane Und das bleibt!

Mühlenbruch Das Leben ist stärker als das.

Stefanie zeigt auf Christiane Aber hier steht ja das Leben!... Halt es nur fest!

Werckhagen Ob der junge Grünschnabel seine blauen Berge wohl finden wird? Ich glaube, so wenig, wie der Kriminalkommissar ihm!

Vorhang.

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