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Blaue Berge

Max Halbe: Blaue Berge - Kapitel 5
Quellenangabe
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authorMax Halbe
titleBlaue Berge
publisherSämtliche Werke.Siebenter Band
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Dritter Akt

Park des Hillenbrandtschen Grundstückes mit hohen Waldbäumen. – Rechts hinten die vorspringende Veranda eines Gartenhauses mit Steintreppe. Rechts vorn Wohnhaus. Gegenüber links vorn eine ovale Steinbank. Davor ein kleiner, schwach plätschernder Springbrunnen. In der Mitte des Parkes ein niedriges, von drei Säulen getragenes Tempelrund. Die Verbindung mit dem Werckhagenschen Garten ist durch die Pforte links mitten. Weitere Ausgänge sind hinten durch das Gartentor, rechts hinten über die Veranda und rechts vorne ins Wohnhaus. Auch hier erblickt man hinten über der Gartenmauer weg das Meer.

Etwa eine Woche später. Schöner heiterer Juniabend. Gegen Schluß des Aktes beginnt es zu dämmern. Die helle Dämmerung des sommerlichen Nordens.

Werckhagen und Butgereit stehen im Gespräch links an der Gartentür. Aus den offenen Fenstern der Gartenvilla rechts hinten ansteigend und abschwellend Stimmengewirr, Gläserklirren, Tafelreden, in Absätzen hie und da Tafelmusik.

Werckhagen weist nach der Veranda Also da hinten, Herr Kriminalkommissar! Immer der Nase nach! Sie sitzen alle hinten in der Villa beim Rehbraten und Champagner.

Butgereit will hinüber, besinnt sich wieder Sind Sie denn auch sicher, daß der Herr Kurdirektor drüben zu finden ist?

Werckhagen Ganz sicher, Herr Geheimkommissar! Wo's etwas Gutes zu essen und zu trinken gibt, da ist unser Herr Kurdirektor immer zu finden.

Butgereit Hm! So! So! ... Ich platze nämlich nicht gern so hinein. Man erschreckt unnütz. Man beunruhigt. Gerade mein Amt verlangt ja so viel Takt und Umsicht.

Werckhagen Sehr hübsch von dem Herrn Kriminalkommissar, daß er so schön taktvoll und umsichtig ist! Es muß ein Vergnügen sein, sich von dem Herrn Kriminalkommissar einsperren zu lassen.

Butgereit Ich fasse meinen Beruf weniger vom grobkriminalistischen als vom ästhetischen Standpunkt auf.

Werckhagen Also ein Kriminalästhet, sozusagen?

Butgereit nickt Kriminalästhet ... Das ließe sich hören. Ich lege den Hauptnachdruck auf glatte, saubere, künstlerisch unanfechtbare Arbeit. Was nachher kommt ...

Werckhagen Das geht Sie nichts an!

Butgereit Nein! ... Das ist Sache unserer Stiefschwester, der Justiz.

Werckhagen jovial Sie sind mein Mann, Herr Geheimbeamter! Sie und kein anderer! Wir beide haben uns gesucht und gefunden!

Butgereit Ich pflege über dem Beamten nie den Menschen zu vergessen. Aber Spuren, die ich einmal aufgenommen habe, verfolge ich mit eherner Konsequenz bis ans bittere Ende.

Werckhagen klopft ihm auf die Schulter Bei so einer Spur kann man manchmal in ganz was Merkwürdiges mitten im Busch hineintreten ...

Butgereit Wie meinen Sie das, lieber Herr?

Werckhagen Das überlasse ich dem Scharfsinn des Herrn Kriminalkommissars.

Butgereit Lassen Sie meinen Titel nur vorerst aus dem Spiel, lieber Herr. Einfach mein Name genügt.

Werckhagen Wenn ich Ihren einfachen Namen nur behalten hätte, Herr Kommissar!

Butgereit Butgereit! Einfach Herr Butgereit!

Werckhagen Butgereit! Einfach Herr Butgereit! ... Schön, Herr Kriminalkommissar!

Butgereit Pst! Aber Vorsicht doch! Er sieht sich um, schnuppert Ich weiß nicht, irgend etwas scheint mir hier nicht ganz richtig zu sein.

Werckhagen Hier ist es mit manchem nicht ganz richtig, da kann der Herr Butgereit Gift drauf nehmen.

Butgereit hat sein Notizbuch gezogen, geblättert, Notizen gemacht, sieht wieder auf Sagen Sie mal, lieber Herr, was ist das so eigentlich für ein Fest, das da drüben gefeiert wird?

Werckhagen Unser Badeort soll eine neue Kirche bekommen, Herr Inspektor.

Butgereit notierend Kirche. So! So!

Werckhagen Und einen neuen Palast.

Butgereit Neuen Palast. Hm!

Werckhagen Und ein neues Theater auch.

Butgereit Was Sie nicht sagen! Kirche! Palast! Theater! Gleich Dreierlei auf einmal?

Werckhagen Da wundern Sie sich wohl, Herr Geheimkommissar?

Butgereit Allerdings! Eine sonderbare Zusammenstellung! Kirche! Theater! Palast! ... Was für ein Palast denn eigentlich?

Werckhagen Ein Marmorpalast, Herr Kriminalinspektor.

Butgereit Marmorpalast? Nicht möglich!

Werckhagen Ganz gewiß, Herr Oberkommissar! Auf den Blaubeerberg kommt er zu stehen.

Butgereit Was macht denn die Stadt mit einem Marmorpalast? Es wird wohl Kunststein sein, lieber Herr?

Werckhagen Der Herr Butgereit ist noch nicht lang hier am Platz?

Butgereit Seit einer Stunde! Ich komme direkt aus der Hauptstadt! Aber, was man bis jetzt übersieht ... Ich stoße auf lauter Rätsel! Man baut hier Kirchen, Paläste, Theater ...

Werckhagen Ja, ja, eine richtige Gründerzeit hier am Ort jetzt! Geld wie Heu, Herr Kriminalbeamter!

Butgereit Aber um Gottes willen, wer baut denn das alles? Doch nicht die Stadt? Ist denn die Stadt so reich?

Werckhagen Nein, aber die Stadt hat mit Gottes Hilfe einen Dummen gefunden ...

Butgereit lacht So einen mit den ganz großen Kartoffeln, nicht wahr?

Werckhagen Ja, er ist dumm genug, Milliardär zu sein.

Butgereit Milliardär? Ei, der Teufel!

Werckhagen Eine Eins mit neun Nullen hinterher! Eine hübsche runde Zahl, Herr Kriminalinspektor!

Butgereit nachdenklich Ich wußte gar nicht, daß hier so klotzig reiche Leute sitzen.

Werckhagen Nicht von hier, Herr Oberkommissar! Wir sind hier alle nur arme Schächer, die froh sind, wenn uns die Fremden ihr blankes Geld ins Haus tragen. Nein, das ist ein Eingewanderter.

Butgereit Eingewandert? Seit wann denn?

Werckhagen Seit so ziemlich acht Tagen!

Butgereit Was? Seit acht Tagen? Und baut der Stadt auf Anhieb eine Kirche, einen Palast und ein Theater? Das muß ein verdammt komischer Kauz sein, lieber Herr!

Werckhagen Warum soll sich ein Milliardär nicht Kirchen bauen und Paläste und Theater?

Butgereit Und der Name des sonderbaren Schwärmers?

Werckhagen Muschinsky, Herr Kriminalkommissar. Jacques Muschinsky heißt der edle Wohltäter. Das heißt: Eigentlich sind es ja zwei.

Butgereit Zwei Milliardäre?

Werckhagen Auch eine Dame ist noch dabei!

Butgereit Eine Dame? Zwei Milliardäre und eine Dame? Ei! Ei! Ei! Ei! Er blättert hastig in seinem Taschenbuch.

Werckhagen Ein schönes Mädchen! Bildschön! Das muß ihr der Neid lassen. Augen im Kopf wie zwei feurige Kohlen! Wenn die der Herr Geheimkommissar zu sehen bekommt ...

Butgereit Aber wo befinden sich denn die Herrschaften ...?

Werckhagen Immer der Nase entlang, Herr Kommissar! Auf den Rehbraten zu!

Butgereit Das Grundstück gehört, wie Sie sagen, dem Professor Hillenbrandt?

Werckhagen Von dem die Fremden die Gartenvilla da hinten abgemietet haben, bis der Marmorpalast fertig ist.

Butgereit Und wer gibt das Festessen?

Werckhagen Der Milliardär doch natürlich. Und der Herr Bürgermeister und die Stadtverordneten mitsamt dem Herrn Oberlehrer Stenzel an der Spitze, die lassen sich's bei ihm schmecken.

Butgereit Jetzt möchte ich mich aber ernstlich nach dem Herrn Kurdirektor umsehen! ... Ich fürchte ... Ich fürchte ...

Auf der Veranda rechts hinten erscheinen Muschinsky und Kurdirektor Bussow in eifrigem Gespräch.

Werckhagen Da kommt er ja gerade aus dem Haus!

Butgereit Ah! Wirklich! Der kleine Schlanke?

Werckhagen Nein, der große Dicke!

Butgereit Sonderbar! Ich hätte auf den andern geraten! Wer ist denn das?

Werckhagen Das ist ja der Milliardär, Herr Inspektor!

Butgereit Der Milliard...? Er legt den Finger auf den Mund, zieht Werckhagen nach vorne hinter den Springbrunnen Halt! Pst! Pst! Kommen Sie hierher!

Werckhagen Will sich der Herr Geheimkommissar auf die Lauer legen?

Butgereit Pst! Pst! Still! Kein Mucks!

Beide setzen sich auf die Steinbank, so daß sie von dem Springbrunnen halb verdeckt sind.

Muschinsky aufgeräumt, indem er Bussow einen Schlag auf die Schulter versetzt Großartige Nummer sind Sie, Direktor!

Bussow Sehr verbunden! Man tut, was man kann. Mein Ziel ist, hier im Osten ein Weltbad zu schaffen. Nachtmützen sind da allerdings nicht zu brauchen.

Muschinsky Bravo! Schade, daß Pfefferkorn nicht dabei ist!

Bussow während er seine Zigarre raucht Was war das noch vor fünf Jahren für ein Krähwinkel, als ich herkam! Die alte Generation wollte partout nicht mit. Ich habe mit Hilfe des Oberlehrers und der Hausbesitzerpartei ausgemistet. Reklame! heißt meine Parole. Reklame, daß die Schwarten knacken!

Muschinsky Bravo, Direktor! Sie sind mein Mann!

Bussow Früher gab's hier in den Lokalen Platz genug. Jetzt stauen sich die Menschen wie bei einem Erdbeben. Alle Tische knüppeldick voll! Die Luft zum Durchschneiden! Ringsum Musik! Musik! Zigeunerbanden! Damenkapellen! Wunderkinder! ... Und die Rennen! Die Blumenkorsos! Die Regatten! Die Badefeste! Die Automobilkonkurrenzen! Ich bin wirklich nicht eingebildet. Aber wenn ich mir sage: Das alles hast du in ein paar Jahren zustande gebracht, da geht mir das Herz auf!

Muschinsky kordial Und jetzt kommt die Krone des Ganzen: Mein Schloß auf dem Blaubeerberg!

Bussow Ja, Ihr Sekretär war so freundlich, mich in gewisse weitgehende Pläne einzuweihen. Es war da die Rede von einer ganz ... hm ... ganz eigenartigen Bühne ...

Muschinsky Aha! Das erotische Theater! Die Korruptionierung der Menschheit!

Bussow Ich, als Direktor eines angehenden Weltbades, fühle mich natürlich von aller Prüderie durchaus frei. Man drückt beide Augen zu, wo man kann. Unter uns gesagt, verspreche ich mir von einer derartigen ... hm ... freien Bühne sogar eine ganz besondere, geradezu konkurrenzlose Attraktion, zumal für das feinere Publikum. Aber erst müssen wir doch das Korn auf der Mühle haben, ehe wir mahlen können.

Muschinsky Deswegen keine grauen Haare, Direktor! Morgen wird unterschrieben!

Bussow Aber bis dahin Obacht, verehrter Herr! Ich kenne den Oberlehrer und seine Leute. Man muß Nachsicht mit ihnen haben.

Muschinsky Ich bin kein Freund von Hintertreppenpolitik, Direktor. Ich habe die Trümpfe in der Hand und spiele mit offenen Karten.

Bussow begütigend Nur bis morgen, verehrter Herr! Die Herren wollen ja im Grunde nur ihr Gewissen salvieren. Vor der Öffentlichkeit wäscht man seine Hände in Unschuld und zu Hause freut man sich, wenn die Mieten wieder steigen. Also machen Sie's ihnen nicht allzu schwer! Er grüßt, geht in den Garten hinunter.

Muschinsky will noch etwas sagen, dreht sich ganz kurz um und geht wieder hinein.

Butgereit und Werckhagen sind währenddessen auf der Steinbank links vorn schweigend gesessen, Werckhagen schmunzelnd zuhörend, Butgereit eifrig Notizen machend.

Butgereit erhebt sich jetzt, macht ein paar Schritte gegen die Mitte, mit gedämpfter Stimme Auf ein Wort, Herr Kurdirektor!

Bussow Wer spricht denn da? Unangenehm berührt Sie sind's, Herr Rentier? Haben Sie denn die ganze Zeit da gesessen?

Werckhagen Zu dienen, Herr Badedirektor! Wir haben hier ein bißchen auf der Bank gesessen und zugehört. Ich und der Kriminalkommissar.

Bussow befremdet Kriminalk...

Werckhagen Das ist hier nämlich mein Freund Butgereit, der Herr Kriminalkommissar.

Bussow mit Verbeugung Kurdirektor Bussow!

Butgereit Der alte Herr hat mich hergeführt. Ich bin seit einer Stunde hier am Ort.

Bussow Doch nicht ein Kriminalfall?

Butgereit Von dessen vielen, aber undeutlichen Spuren eine hierher zu führen scheint ...

Bussow packt seinen Arm Raubmord?

Butgereit Bankschwindel! Millionenbetrug! Täter vorläufig noch unbekannt! Wahrscheinlich reisendes Hochstaplertrio! Fest steht nur, daß Schecks gefälscht und Millionen zum Kuckuck gegangen sind.

Bussow Donnerwetter!

Werckhagen Was es doch für gescheite Leute auf dieser Welt gibt!

Butgereit Seit acht Tagen liege ich auf der Eisenbahn, heute hier, morgen dort! Keine Nacht aus den Kleidern! Spuren tauchen auf und verschwinden ...

Bussow Und Sie glauben, daß hier bei uns ...?

Butgereit Ich glaube nicht eher, als bis ich sicher bin! Also zunächst einmal Prüfung der amtlichen Kurliste!

Bussow Da müßte ich Sie auf mein Bureau ...

Butgereit Dann bitte mich hinzuführen!

Auf der Veranda zeigen sich Mühlenbruch und Marianne Jordan.

Butgereit hat sie sofort bemerkt Wer ist die brünette Dame dort mit dem Herrn?

Bussow Ein Fräulein Jordan, Sängerin!

Butgereit aus der Pistole Die Geliebte Ihres großen Milliardärs?

Bussow Donnerwetter! Sie scheinen ja durch ein eichenes Brett zu sehen!

Butgereit Wer das als Kriminalbeamter nicht kann, soll sich sein Lehrgeld zurückzahlen lassen! Er wendet sich nach links zur Pforte.

Bussow ihm folgend Die Millionendiebe hier bei uns entdeckt ... und abgefaßt ... Solch eine Sensation käme nicht wieder! Dann wäre das Weltbad fertig!

Beide schnell links ab.

Werckhagen sieht ihnen schmunzelnd nach Das Antipodische ist auf dem Marsch! Ich hab's aus dem Boden gestampft! Der Mensch kann, was er will! Ebenfalls ab.

Mühlenbruch und Marianne kommen von der Veranda die Treppe herab und langsam nach vorne.

Marianne Sie sind verwöhnt, teurer Meister! Ich habe Sie verwöhnt und muß mich zur Strafe jetzt verachten lassen.

Mühlenbruch faßt ihre Hand, drückt sie Marianne! Wofür halten Sie mich?

Marianne Für einen echten Mann, teurer Meister! Und die Männer achten nur, was sich ihnen versagt. Was ihnen unerreichbar bleibt.

Mühlenbruch Und Sie? Sie? ... Sie hab' ich wohl? Sie besitz' ich wohl?

Marianne hält ihm die Hand vor den Mund Still! Still, mein Meister! Sie haben mich vor sich gesehen, wie man ein junges Weib nur vor sich sehen kann! Sie haben mich in Ihrer Hand, in Ihrem Auge gehabt, Stunden und Tage, als willenlose Sache!

Mühlenbruch packt ihre Hand Marianne, Sie schüren das Feuer! ... Sie schüren das Feuer!

Marianne Ich habe Ihnen gezeigt, was ein Weib einem Manne nur zeigen kann! Und immer noch unzufrieden, mein Meister? Hat Ihnen Ihr Modell nicht von ihrem Geheimsten gegeben? Was verlangen Sie noch mehr?

Mühlenbruch Sie selbst will ich! Sie! Sie! Sie! Das Weib will ich! Nicht das Modell! Nach Leben verdurst' ich! Nach Fleisch und Blut!

Marianne Und andere Menschenkinder, mein Meister? Haben andere Menschenkinder denn keinen Durst? Sind Sie der einzige, der nicht trinken darf?

Mühlenbruch Das ist geschraubt, Marianne! Sie haben sich eine Pose zurecht gemacht! Sie wollen die Göttin spielen! Die Muse des Malers! Nicht wahr? Das müßte ein Esel von Maler sein! Warum probieren Sie Ihre Kunst nicht an Herrn Muschinsky aus?

Marianne steht schweigend vor ihm, senkt den Kopf.

Mühlenbruch faßt sie am Arm Sie antworten ja nicht!

Marianne verschleiert Wollen Sie jetzt auch von meiner Seele den Schleier wegreißen, grausamer Meister?

Mühlenbruch Keine Phrasen, Marianne! Die Wahrheit! Nichts als die Wahrheit!

Marianne tritt dicht an ihn heran So hören Sie zu, Unerbittlicher! Leise und eindringlich Ja, ich habe mich Jacques Muschinsky hingegeben! Und werde mich vielleicht noch manchem Manne nach Jacques Muschinsky ergeben ...

Mühlenbruch faßt ihr Handgelenk, schüttelt es Sie ...! Sie ...! Und warum nicht mir?

Marianne sieht zu ihm auf Weil Sie der einzige sind, den ich bis zu diesem Tage ... geliebt habe! ...

Mühlenbruch Marianne ...!

Marianne in starrer Haltung Der Einzige, den ich in Ewigkeit lieben werde!

Mühlenbruch Und deshalb? Deshalb? Ach! Wahnsinn das! Narretei!

Marianne Wo ich kalt und gleichgültig bin, wo nichts hier innen aufsteigt, nichts sich regt, da kann ich mich verschenken oder verkaufen. Nennen Sie's so oder so! Ein Dutzend Männer, das mich besessen hätte ... Es glitte spurlos an mir ab! Nur der einzige nicht! Der eine einzige nicht!

Mühlenbruch Und der soll ich sein? Der eine einzige, dem du aus Liebe versagst, was du einem Dutzend Muschinskys hinwirfst? Er packt von neuem ihre Hand Weib, das ist ein tolles Spiel, was du treibst!

Marianne mit gefalteten Händen Haben Sie Nachsicht mit mir, mein Meister! Es geht ja um mein Heiligstes! Um mein bißchen Kunst! Ich brauche die Sehnsucht! Ich brauche die Sehnsucht! Die Erfüllung wäre der Tod!

Mühlenbruch Die Erfüllung ist das Leben! Und Leben geht über Kunst! Tausendmal über Kunst!

Marianne schwach Das sagt der Meister der blauen Berge?

Mühlenbruch Ich werfe sie fort! Die blauen Berge sind tot! Er zieht sie dicht an sich Bin ich dir mehr, als einer ... von den ... andern, die du gehabt hast?

Marianne Dich ... dich ... dich lieb' ich! Keinen andern vorher! Dich ... dich ... allein in Ewigkeit!

Mühlenbruch läßt sie mit einer harten Bewegung los Dann beweise es mir!

Marianne Nach dir schreie ich, mein Meister! Nach dir verschmachte ich! Hörst du das nicht? Fühlst es nicht? Sie nimmt seine Hand, legt sie auf ihr Herz.

Mühlenbruch Es gibt nur einen Beweis, Marianne!

Marianne faßt seine Hand Mein Meister, der so himmelhoch über den andern stand, will so tief heruntersteigen?

Mühlenbruch Ich bin ein Mensch und kein Gott! Es gibt eine Grenze für jedes Spiel! Dahinter reckt sich das Leben auf!

Marianne auf die Steinbank sinkend Machen Sie mit mir, was Sie wollen!

Mühlenbruch Nein! Nicht so! Nicht als Opfertier! Aus freiem Entschluß! Aus eigener Wahl! Sonst ...!

Marianne Was sonst, mein Meister?

Mühlenbruch Sonst scheiden wir auf der Stelle!

Marianne Und die Sehnsucht bliebe ewig! Und die blauen Berge unerreichbar weit!

Mühlenbruch Ja! Kunst oder Leben! Es gilt zu wählen!

Marianne erhebt sich langsam Sie haben mich an Leib und Seele ausgepreßt, mein Meister. Also nehmen Sie, was Sie schon haben! Sie steht mit gesenktem Kopf vor ihm.

Mühlenbruch faßt sie an der Schulter Ist das jetzt Spiel oder Ernst, Marianne?

Marianne sieht zu ihm auf Nur eine Bedingung, mein Meister! Als Beweis, daß ich Ihnen über alles gehe! Über alles in dieser Welt! So wie Sie mir!

Mühlenbruch runzelt die Stirn Und worin läge der Beweis?

Marianne Wenn Sie imstande wären, Ihr Bild zu vernichten! Ihre blauen Berge!

Mühlenbruch Marianne! Mein Bild vernichten? Ihren teuer erkämpften Akt?

Marianne Bekommen Sie nicht mich selbst als Lohn und Preis für das Opfer?

Mühlenbruch steht in innerem Ringen da, beißt die Lippen aufeinander.

Marianne mit schwachem Lächeln So schwer nun wieder die Wahl zwischen Leben und Kunst, mein Meister? Und hatten Sie nicht schon gewählt? Dicht zu ihm heran, mit Flüsterstimme Heute nacht, wenn alles schläft, werd' ich Sie in Ihrem Atelier besuchen ...

Mühlenbruch während er ihre Hände gefaßt hält Mich in meinem Atelier besuchen ...?

Marianne Und, dann werden Sie vor meinen Augen mein Bild vernichten!

Mühlenbruch Werd' ich Ihr Bild vernichten.

Marianne Vor meinen eigenen Augen! Mein eigenes Bild! Ich will mich sterben sehen!

Mühlenbruch Ihr Bild und meines, Marianne! Unser beider Bild!

Marianne Gut, so will ich uns beide sterben sehen!

Mühlenbruch faßt sie von oben bis unten in einen Blick Sie sind eine perverse Seele, Marianne! Hätt' ich Sie von allem Anfang an so gekannt, wie hätt' ich Sie malen können! Er wendet sich ab.

Marianne betrachtet ihn ein Weilchen, geht dann langsam gegen den Hintergrund, auf die Veranda zu, bleibt dort während des Folgenden stehen. Aus dem Gartenhaus ist schon seit einigen Augenblicken der Rhythmus einer Tafelrede hörbar geworden, ohne daß man den Wortlaut verstanden hat. Jetzt schwillt der Ton an.

Stenze1s Stimme Geehrter Herr Bürgermeister! Mitbürger und Freunde ihr alle! Unser erhabenes Werk, zu dem diese erlauchte Festtafel den idealen Grundstein gelegt hat, unser gesegneter Kirchenbau und seine hochzuverehrenden Gönner und Mäzene, die Herren Jacques Muschinsky und Doktor Pius Pfefferkorn, sie sollen leben, hoch, hoch, dreimal hoch!

Gläserklirren, donnernde Hochs, Musiktusch. Aus dem Hintergrunde des Parks kommen eilends Hillenbrandt und Lili.

Hillenbrandt während er an Marianne vorbei die Verandatreppe hinaufläuft, sich halb zu Marianne, halb zu Lili zurückwendend Da haben wir uns glücklich über der Manessischen Handschrift verplaudert und den großen Augenblick versäumt! Das kommt davon, Lili!

Lili ihm langsamer folgend Ich kann nicht finden, daß Kommunalfragen wichtiger sind als die Manessische Handschrift.

Hillenbrandt schon auf der Veranda, eilfertig Gewiß, gewiß, liebe Lili! Aber in diesem Moment ... Er verschwindet im Saal, wo das Klingen und Lärmen fortdauert.

Lili bleibt bei Marianne stehen So sind die Männer! Erst tun sie, als ob sie mit uns in den Himmel fliegen wollten! Und wenn's dann darauf ankommt: plumps, lassen sie uns auf die Erde fallen!

Christiane und Stefanie sind inzwischen aus dem Saal auf die Veranda getreten, haben die letzten Sätze gehört.

Christiane Und wir, was tun wir? Wir stehen da, wie die Lilienstengel, blöd, dumm, ahnungslos! Und schmachten uns fast die Seele aus dem Leibe, nach ihm!

Lili pikiert Bitte! Nach wem?

Christiane Ach, alle doch nach dem Mann!

Stefanie anzüglich Hoffentlich nicht alle nach demselben Mann?

Christiane Vier Frauen nach demselben Mann? ... Der Unglückswurm! Sie unterbricht sich, tut, als bemerke sie erst jetzt Mühlenbruch, der noch vorn auf der Bank sitzt und unbeweglich vor sich hinstarrt Herrgott! Da sitzt er ja, um den sich die Weltgeschichte dreht! Der Herzenbrecher! Der Seelenbezwinger! Sie geht mit ausgebreiteten Armen auf Mühlenbruch zu Wie hab' ich dich nur auch übersehen können! Dich, so groß und breit auf der Bank, wie du dasitzt! Und so furchtbar dickköpfig dazu! Dich, mein angebeteter, heißumstrittener, vielfach geliebter Meister, Gatte und Freund!

Mühlenbruch hat sich erhoben, lacht kurz auf Dich hat's Christiane! Dich hat's heute gründlich!

Christiane Wozu krieg' ich denn auch ein Schloß geschenkt? Vernünftige Leute kriegen kein Schloß! Und außerdem haben wir Johannisnacht, wo der Glühwurm schwärmt und alle Katzen auf den Dächern miauen! Komm her, du Löwe! Sie faßt ihn an der Hand, reißt Blumen aus dem Haar Wir wollen dich mit Blumen bestreuen! Mit Rosen und Nelken! Aus unseren braunen, schwarzen, blonden und roten Haaren! Sie streut die Blumen über ihn aus.

Gleichzeitig ertönt von hinten aus dem Saal Musik. Eine Kapelle erscheint musizierend auf der Veranda. Dahinter leicht angeheitert Muschinsky, Pfefferkorn, Hillenbrandt, Heinz, mit einer Anzahl von Festgästen.

Muschinsky kommandierend, zur Kapelle In den Park! Weiter zurück! Hinter die Bäume! Musik ist ein Geräusch, das aus dem Hintergrund kommen muß!

Die Kapelle zieht geigend und blasend die Treppe hinunter und tiefer in den Park, von wo während des Folgenden gedämpfte Musik in Absätzen ertönt.

Christiane indem sie von neuem Blumen über Mühlenbruch streut Ja, Musik! Musik! Ich kränze den Pascha! Wer kränzt ihn mit?

Mühlenbruch wendet sich ab Lebende Bilder sind aus der Mode, Christiane.

Muschinsky He! Pfefferkorn!

Pfefferkorn indigniert Was soll denn schon wieder sein?

Muschinsky Sie nehmen unser Feuerwerk in Regie! Leuchtkugeln, Frösche und Raketen finden Sie hinten im Park!

Pfefferkorn Ich werde nächstens noch Messer schlucken und dabei Karten schlagen!

Muschinsky Und jetzt zum Tanz! Musik spielt zur Damenwahl! Er klatscht in die Hände.

Gleich darauf ertönt aus dem Hintergrunde Walzermusik.

Christiane zu Muschinsky Darf ich um die Ehre bitten?

Muschinsky Mit Wonne, reizende Frau!

Marianne zu Mühlenbruch Und ich desgleichen?

Lili zu Hillenbrandt Und ich nicht minder?

Stefanie zu Pfefferkorn Und ich vielleicht auch?

Alle vier Paare nach hinten ab.

Heinz bleibt allein zurück, steckt die Hände in die Taschen Und ich bleibe natürlich sitzen bei der Damenwahl! Gänse alle zusammen! ... Es lebe der blaue Pomuchel! Wütend rechts vorne ins Haus ab.

Stenzel, der Bürgermeister und einige Festgäste sind gleichzeitig auf die Veranda getreten.

Stenzel Wirklich schon nach Hause, Herr Bürgermeister?

Bürgermeister Die Pflicht ruft. Sie wissen ja, meine Herren, Pflichten! Pflichten! Nichts als Pflichten! ... und Sie bleiben noch, mein lieber Herr Oberlehrer?

Stenzel Ich möchte nur noch in Frieden dies köstliche Kraut hier aufrauchen.

Bürgermeister Dann viel Vergnügen! Und auf Wiedersehen morgen bei der entscheidenden Sitzung! Im Abgehen zu den Gästen Scharmante Leute, unsere beiden Milliardäre! Wirklich scharmante Leute!

Alle, außer Stenzel, nach hinten ab. – Währenddessen ist links durch die Gartenpforte der alte Werckhagen eingetreten, bleibt wartend stehen.

Stenzel geht langsam nach links vorn auf die Steinbank zu, saugt an seiner Zigarre. Wie er vorne ist, bemerkt er Werckhagen, rückt an seiner Brille Ah Sie, mein verehrter Freund! Warum denn so spät? Wenn Sie wüßten, wie schmerzlich wir Sie gerade am heutigen Tage vermißt haben!

Werckhagen Au! ... Au!

Stenzel Fehlt Ihnen etwas, liebster Freund?

Werckhagen Mein altes Reißen im großen Zeh! Es gibt einen Wetterumschlag, Herr Kirchenvorstand.

Stenzel Vielleicht einen kleinen Regenschauer?

Werckhagen Als Abkühlung auf den vielen Champagner!

Stenzel Obwohl man eigentlich kein Wölkchen am Himmel entdeckt.

Werckhagen Verlassen Sie sich auf meinen großen Zeh, Herr Armenrat!

Stenzel mild und gütig Zu schade, Ihr Fernbleiben vom heutigen Feste, würdiger Freund! Doch nicht etwa wegen der kleinen Niederlage, die Sie erlitten haben? ... Ach, du lieber Himmel! Auch die feinsten Köpfe können sich irren, wenn der da droben, der Lenker über den Wolken, es anders beschlossen hat.

Werckhagen Au! ... Au! ... Der verdammte Wetterumschlag!

Stenzel kordial Ihren ganzen Heerbann hatten Sie gegen mich aufgeboten! Alle Minen hatten Sie springen lassen! Da treten, wie durch ein Wunder, die beiden erleuchteten Fremdlinge mit ihrem Mammon auf den Plan, und meine Waagschale sinkt und sinkt! Aber deshalb keine Feindseligkeit, verehrtester Freund! Schlagen Sie ein! Friede! Freundschaft! Versöhnung! Er reicht ihm seine Hand hin.

Werckhagen einschlagend Ja, wir beide halten von jetzt ab zusammen, Herr Oberlehrer. Wir gehen Hand in Hand. Ich mit Ihnen vormittags in die neue Kirche zur Predigt! Sie mit mir des Abends in das erotische Theater und sehen uns den Bauchtanz an!

Stenzel Wa... Was? ... Bauchtanz? ... Erotisches Theater? ... Sind Sie von Sinnen?

Werckhagen schmunzelnd So ändern sich die Zeiten. Früher bin ich mal der Sünder gewesen. Jetzt scheint der Herr Kirchenvorsteher auf den Geschmack zu kommen. Warum denn auch nicht! Junge Betbrüder, alte Böcke!

Stenzel läuft mit großen Schritten auf und ab Großer, gerechter Gott! Was ist das?

Werckhagen In einem pikfeinen Seebad, wie hier bei uns, da muß ja dem Publikum auch was geboten werden, denkt sich der Herr Stadtverordnetenvorsteher und läßt uns endlich das langentbehrte Etablissement auf den Blaubeerberg bauen.

Stenzel Und wenn die Welt voll Teufel wär' ... Ich muß der Sache auf den Grund!

Werckhagen Ich seh' schon die Zeit, wo dem Herrn Oberlehrer ein Denkmal gesetzt wird, auf dem in goldenen Lettern zu lesen steht: »Ihrem Wohltäter die Mädchen vom Blaubeerberg!«

Stenzel Die Mädchen vom Blaub...? Das ist ja haarsträubend! Das ist ja grauenvoll! Er tritt dicht vor Werckhagen hin Wollen Sie damit sagen, daß der geplante Bau auf dem Blaubeerberg, dieses vielberufene Schloß, daß das ... Oh, ich wag' es kaum zu denken, geschweige denn auszudrücken!

Im Hintergrunde ist Pfefferkorn erschienen, schlendert langsam nach vorne.

Stenzel bemerkt ihn, winkt ihm zu Ah, zur rechten Zeit! ... Auf ein Wort, Herr Doktor! Er knöpft seinen Rock zu Klug, wie die Schlangen, und ohne Falsch, wie die Tauben, das sei jetzt der Wahlspruch!

Pfefferkorn näherkommend, sehr indigniert Es wird mir bald zu viel! Wirklich eine starke Zumutung für eine spirituelle Persönlichkeit, wie ich es bin, sich mit so einem grob körperlichen Feuerwerk zu befassen! Ich kann keinen Revolverhahn knacken hören und soll ganze Pulverladungen dicht vor meiner Nase zum Explodieren bringen! Ich werfe ihm bald den ganzen Kram vor die Füße!

Stenzel nähert sich ihm Vortrefflich, daß Sie kommen, mein werter Herr Doktor! Ich hätte mich gern noch über einige Kleinigkeiten bei ihnen erkundigt.

Pfefferkorn immer indigniert Was wollen Sie denn noch? Soll ich schon wieder den Packesel spielen? Wenn es nicht um meine Ideen ginge ...!

Stenzel faßt seinen Arm Ihre Ideen! ... Ja, die würden mich gerade lebhaft interessieren, bester Herr Doktor! Wirklich ungemein lebhaft!

Pfefferkorn mit Blick von oben herunter Was könnte Sie wohl an meinen Ideen interessieren? Sie würden sie ja kaum begreifen. Wir beide sprechen zwei grundverschiedene Sprachen, mein Herr!

Stenzel rückt unruhig an seinem Kragen und an seiner Brille Hm! ... Also doch!

Pfefferkorn Sie hatten wohl so etwas geahnt?

Stenzel wie vorher Nicht daß ich wüßte! ...

Pfefferkorn Was? Das hatten Sie nicht gemerkt? Sie haben doch nicht etwa geglaubt, daß ich dem Männerverein zur Bekämpfung der Unsittlichkeit angehöre?

Stenzel wischt sich den Schweiß von der Stirn Wenn auch das nicht gerade ... So doch um Gottes willen auch nicht dem ... Gegenteil?

Pfefferkorn mit Haltung Falls ich die Wahl habe, allerdings, mein Herr!

Stenzel faßt sich an den Kopf, stöhnt laut auf Aber das ist ja ein Abgrund! ... Ein fürchterlicher Abgrund!

Pfefferkorn Zwischen uns beiden? ... Ganz unbedingt! Sonderbar, daß Ihnen das erst jetzt aufgeht! Sind Oberlehrer immer so schwach von Begriffen?

Stenzel Weil Sie mich getäuscht haben! Weil Sie mir Sand in die Augen gestreut haben!

Pfefferkorn Ist mir nicht eingefallen! Ich habe mich auf nichts als geschäftliche Fragen mit Ihnen eingelassen! Ihnen meine Ideen auf die Nase zu binden, dazu lag gar kein Grund vor!

Stenzel händeringend Also betrogen, abscheulich betrogen!

Pfefferkorn Ja, in welcher Welt leben Sie denn eigentlich, mein Herr? Reiben Sie sich doch den Schlaf aus den Augen und schauen Sie um sich! überall grünt es und sprießt es von jungem Leben! Von neuer Schönheit! Die alten Fesseln und Bande fallen ab! Und vor uns in Glanz und Prächten erhebt sich der nackte Mensch!

Stenzel nach Luft schnappend Der nackte Mensch! Entsetzlich!

Pfefferkorn wachsend Ja, der neue, der befreite, der nackte Mensch! Der Typus eines kommenden Jahrhunderts! Meines Jahrhunderts, mein Herr! Das Megatherium aber, das im Urschlamm zurückbleibt, das sind Sie!

Stenzel weicht zurück Megatherium? ... Urschlamm? ... Großer Gott! Das ist ja ein Wahnsinniger! Zu Werckhagen, der sich diskret auf die Steinbank links zurückgezogen hat Wir haben es mit einem Wahnsinnigen zu tun, Herr Werckhagen!

Pfefferkorn Wozu rufen Sie den alten Herrn da als Zeugen an? Wissen Sie nicht, daß der Neffe dieses selben alten Herrn gerade jetzt ein Bild malt, das den Triumph nackter Schönheit verherrlicht?

Stenzel ratlos um sich blickend Wa...? Was ...?

Pfefferkorn tritt dicht auf ihn zu Ein Bild, das ich zwar noch nicht persönlich kenne, das aber als Gemälde mit Canovas marmorner Pauline Borghese zu konkurrieren verspricht! Denn das schönste Weib, das auf Erden lebt, hat ihm ihren Leib als Modell dazu geliehen!

Stenzel mit herausquellenden Augen Doch nicht ...? Doch nicht ...?

Pfefferkorn Allerdings, mein Herr! Fräulein Marianne Jordan ist es, die Geliebte meines Freundes, Herrn Jacques Muschinsky!

Stenzel Geliebte ...? Gelieb...?

Pfefferkorn Geliebte, mein Herr! Und nicht etwa Braut, wie Sie anzunehmen scheinen!

Stenzel läuft mit erhobenen Armen auf und ab Geliebte! ... Modell! ... Erotisches Theater! ... Wer weiß, was noch!

Werckhagen von der Bank her Bauchtanz, Herr Oberlehrer! ... Den Bauchtanz nicht zu vergessen!

Stenzel Das ist ja ein Höllenpfuhl, in den man hinunter blickt!

Muschinsky kommt eiligst aus dem Hintergrunde Pfefferkorn! Pfefferkorn! Wo stecken Sie denn? Immer, wenn man Sie am nötigsten braucht, gehen Sie Ihren Privatbelustigungen nach! Das Feuerwerk ruft nach Ihnen! Sie sollen Ihre Raketen steigen lassen!

Pfefferkorn indigniert Lassen Sie mich doch in Ruhe! Ich habe hier ein geistiges Feuerwerk abzubrennen! Ich habe wichtigere Raketen steigen zu lassen, als Ihre brenzligen Pulverpräparate, bei denen man sich unnütz die Finger verbrennt! Ich bin in einen Geisterkampf verwickelt und muß ihn zu Ende führen!

Stenzel tritt vor Muschinsky hin Nur zwei Fragen, mein Herr!

Muschinsky Nanu? In dem Ton?

Stenzel Ist die Dame, mit der Sie zusammen reisen, Ihr Fräulein Braut und gedenken Sie sie zu Ihrem Weibe zu machen?

Muschinsky Ist der Herr, der im Kirchenbuche als Ihr Herr Vater verzeichnet steht, auch wirklich Ihr Herr Vater, und was gedenken Sie zu tun, falls nicht?

Stenzel halb sprachlos Mein armer, ehrlicher Vater, der Schornsteinfegermeister! ...

Muschinsky Frage Nummer zwei!

Stenzel Ist es wahr, daß Sie auf dem Blaubeerberg ein ... hm ... sogenanntes Theater zu errichten gedenken?

Muschinsky Ist es wahr, daß ich mir mein Schloß und mein Theater baue, oder zahlen Sie mir das Geld dafür?

Stenzel schreiend Nein, aber die Gemeinde tritt Ihnen den Baugrund für Ihr Sündenunternehmen ab!

Muschinsky Wenn Ihnen das Geschäft nicht paßt, à la bonne heure! Ich kann mein Geld auch wo anders los werden! ... Zum Feuerwerk, Pfefferkorn! Unsere Damen warten! Er nimmt Pfefferkorn unter den Arm, zieht ihn fort.

Pfefferkorn Ich habe ja in meinem ganzen Leben noch keine Zündschnur in der Hand gehabt!

Muschinsky Dann lernen Sie's jetzt! Beide ab.

Es beginnt stärker zu dämmern. Lampions flammen im Hintergrunde des Parkes auf. Die Tanzmusik fängt an und verklingt abwechselnd. Stenzel geht mit großen Schritten auf und ab, rückt wiederholt an seiner Brille. Währenddessen sind Bussow und Butgereit mit drei Schutzleuten von links her in den Garten eingetreten.

Stenzel Allmächtiger! Was ist das?

Werckhagen Das ist die Staatsgewalt! Merken Sie was, Herr Stadtverordnetenvorsteher?

Stenzel Hier im Garten ...? Eine Verhaftung ...? Die Fremden womöglich ...? Herrgott, wenn das Hochstapler ...! Wenn das Schwindler ...? Ein Ausweg wäre ja das! ... Eine Rettung wäre ja das!

Butgereit hat währenddes den drei Schutzleuten im stillen Befehle erteilt. Die drei Schutzleute schleichen nach rechts und links hinten, verschwinden dort. Butgereit hat die letzten Sätze von Stenzel gehört, tritt zu ihm heran, legt ihm die Hand auf die Schulter Jawohl, Hochstapler und Schwindler, mein Herr! ... Und wer sind Sie?

Stenzel aufs äußerste erschrocken Was? Mich? Was hab' ich denn ...? Vater im Himmel! Stürzt alles auf mich ...?

Butgereit Sie sind der angebliche Doktor Pfefferkorn, nicht wahr?

Bussow ist eilends dazu getreten Aber, Herr Kriminalkommissar, Sie werden uns doch nicht unseren angesehensten Bürger, unseren Stadtverordnetenvorsteher, vom Platz weg verhaften!

Butgereit läßt von Stenzel ab Ah, pardon! Es dunkelt schon recht! Man sieht nichts mehr! Er geht zur Bank links Wer sitzt denn hier?

Werckhagen Gut Freund, Herr Oberinspektor! Und Hals- und Beinbruch mit auf die Jagd!

Butgereit nickt befriedigt Der alte Herr, der mich zuerst auf die Spur geführt hat! ... Wenn es uns gelingt, das Nest hier auszuheben, so haben wir's Ihnen zu danken! Zu Stenzel Ein peinlicher Auftrag, der mich herführt, Herr Oberlehrer! Und mitten in Ihr reizendes Fest hinein! Stenzel Die beiden Milliardäre also nichts als Hochstapler? Nichts als Betrüger?

Butgereit So hat es den Anschein. Die volle Wahrheit kommt ja immer erst später an den Tag. Manchmal auch nie! So haben wir in diesem Kapitalfall vier verschiedene Kombinationen: A, B, C, D! Ich verfolge C. Es wäre ein Hauptspaß, wenn meine Kollegen mit A, B und D hereinfallen würden! Und jetzt zur Sache!

Stenzel erschüttert Die Nemesis naht!

Butgereit Park und Haus sind umstellt! Der Kurdirektor und ich durchsuchen das Gartenhaus und warten dort ab! Sowie die Gelegenheit sich bietet, erfolgt das Zeichen mit der Trillerpfeife, und dann ... Er zieht seinen Browning, hält ihn Stenzel vor die Nase.

Stenzel Allmächtiger!

Butgereit Machen Sie mit?

Stenzel Bewahre mich der Himmel! Ich kann nicht mehr! Er eilt nach links ab.

Butgereit ihm nachblickend Auch kein besonderer Held der Tat, Ihr Herr Oberlehrer!

Bussow Nein, aber unser glänzendster Sprecher!

Aus dem Hintergrund nähern sich Stimmen.

Butgereit horcht auf Man kommt! Jetzt schnell die Haussuchung! Er wendet sich zu Werckhagen zurück Aber was machen wir, wenn einer der beiden Hochstapler Ihnen währenddessen zu Gesicht kommt, lieber Herr?

Werckhagen Vielleicht kann ich dann ein bißchen laut husten, Herr Oberinspektor? Er tut es.

Butgereit Ganz gut! Das zweimal hintereinander!

Werckhagen tut es.

Butgereit Sehr schön! Tadellos!

Werckhagen Auch, wenn die bewußte Dame kommt?

Butgereit Die nicht! Die lassen wir vorläufig ungeschoren! Rechts hinten über die Veranda ab.

Bussow ihm folgend Morgen um diese Zeit sind schon alle Blätter der Welt davon voll! Ebenfalls ab.

Werckhagen bleibt allein auf der Bank sitzen, zieht sich ganz nach vorn links zurück, wo er während des Folgenden unbemerkt bleibt.

Aus dem Hintergrunde tauchen Mühlenbruch und Marianne auf, kommen langsam nach vorne.

Marianne Wundersüß, dieser Tanz in der Sommernacht!

Mühlenbruch Ich habe lange nicht mehr getanzt. Ich glaubte, ich hätte es verlernt.

Marianne Was einmal wirklich gekonnt war, vergißt sich nie. Und Sie waren doch Offizier. Also Tänzer von Beruf.

Mühlenbruch lächelnd Sind Offiziere Tänzer von Beruf?

Marianne Sie sollten es wenigstens sein. Wie alles, was Künstlerblut in sich hat. Wir Theatermädchen sind ja auch alle geborene Tänzerinnen.

Mühlenbruch Sie ja, Marianne! Sie haben es nicht in den Beinen, nicht einmal in den Fußspitzen. Sie haben es in den Nerven.

Marianne Darum passen wir ja auch so gut zueinander!

Mühlenbruch Wir beide?

Marianne Ja! Und überhaupt die Offiziere mit den Theatermädchen!

Mühlenbruch Sie sind wunderlich, Marianne! Warum behandeln Sie mich plötzlich als Offizier? Ich bin es doch längst nicht mehr.

Marianne Sie sind es, mein Freund! Sie sind es noch immer! Es ist das Stärkste in Ihnen! Das eigentliche Künstlerblut, das Sie haben!

Mühlenbruch Aber seit wann haben denn Offiziere so besonders viel Künstlerblut in sich?

Marianne Weil sie das Leben bezwingen müssen.

Mühlenbruch Mehr, als wir andern?

Marianne Ganz gewiß!

Mühlenbruch Und wer das Leben bezwingt, den nennen Sie ...?

Marianne Den nenn' ich Künstler.

Mühlenbruch Lebenskünstler, Marianne, wollen Sie sagen?

Marianne Gibt es denn eine andere Art von Künstler, mein Freund?

Mühlenbruch Als Lebenskünstler? ... Er macht ein paar Schritte Ja, dann hab' ich allerdings mein Künstlermetier in demselben Augenblicke aufgegeben, als ich es anzufangen glaubte! Er lacht laut auf Und was sind wir denn? Sie, ich, wir alle, die sich Künstler nennen?

Marianne Lebensstümper!

Mühlenbruch Lebensstümper! ... Ja, so was wird es wohl sein.

Marianne Deshalb müssen wir auch zurück. Fort von der Kunst!

Mühlenbruch indem er sie an sich zieht Du gibst sie auf?

Marianne leise Ich suche nur noch dich und das Leben!

Mühlenbruch Und wenn wir's nicht wiederfinden?

Marianne Doch, doch, mein Freund! Heute nacht, wenn wir unsere blauen Berge vernichten, werden wir das Geheimnis des Lebens wiederfinden.

Mühlenbruch Blaue Berge hinter den blauen Bergen, Marianne!

Marianne verhält ihm den Mund Kein Rückfall, mein Freund! Jetzt nur ein Gedanke! Ein Gefühl!

Mühlenbruch Wann kommst du?

Marianne Zur stillsten Stunde! ... Und jetzt laß uns tanzen!

Mühlenbruch Tanzen in der Johannisnacht!

Marianne Der Sonnenwende entgegen! Sie umfaßt ihn, tanzt mit ihm bei der stärker klingenden Musik nach hinten. Gleichzeitig kommen von dorther Christiane, hinter ihr Muschinsky.

Christiane widerspenstig Nein, ich mag nicht mehr! Sie können sich eine andere Tänzerin suchen!

Muschinsky Nur noch den einen Tanz, ehe Pfefferkorn mit seinem Feuerwerk debütiert!

Christiane Nein, keinen mehr! Ihre Zeit ist um! Sie bleibt stehen, sieht Mühlenbruch und Marianne nach, die an ihr vorbei im Hintergrund verschwinden Sieh da! Mein Gatte und Freund! Da zieht er ab!

Muschinsky Paare, die sich des Nachts begegnen!

Christiane Vorbei! Dahin!

Muschinsky faßt ihre Hand Ja! Vorbei! Dahin! ... Sehen Sie nicht rückwärts! Sehen Sie vorwärts, schönste Frau! Da sie weiter nach rückwärts blickt Nein, nicht dorthin! Zu mir her! Zu mir! Er legt den Arm um ihren Hals und sucht ihren Kopf nach links vorn zu wenden Nun? Was sehen Sie da?

Christiane lacht Allgemeine Dunkelheit!

Muschinsky Ihr Schloß auf dem Blaubeerberg, reizende Frau! Da sollen Sie hoch über dem Leben hausen! Und wie eine Königin sein!

Christiane Und mein König? Vielleicht Sie?

Muschinsky Wer denn sonst? Lasse ich mich zum Spaß von der Spießergesellschaft hier rupfen? So ein Bewerber wie ich kommt nur einmal im Leben! Greifen Sie zu!

Christiane Danke vielmals! Ich bin schon bis über die Ohren versehen!

Muschinsky Ich bin kapabel, ihn über den Haufen zu knallen!

Christiane Sie werden mir doch nicht meinen Mann umbringen?

Muschinsky Ihr Mann? Lächerlich! Der drauf und dran ist, Ihnen mit der Jordan durchzugehen!

Christiane Ich gehe mit! Ich schließe mich an! Wir bilden ein Dreieck zusammen!

Muschinsky Wollen Sie sich über mich lustig machen?

Christiane Das merken Sie jetzt erst, armer Freund?

Muschinsky Sie bringen mich um den Verstand, Christiane! Ich begehe irgendeine Dummheit! Irgendeinen verrückten Streich!

Christiane lachend Um so besser! So gibt es doch was zu lachen in dieser Tränenwelt!

Muschinsky Also kurz und gut: Ich entführe Sie! Er faßt sie um die Taille Sie müssen mit! Ich entführe Sie!

Christiane Lassen Sie mich nur noch die nötige Reisetoilette machen!

Muschinsky in vollen Flammen Ich nehme dich, wie du bist! Und wenn ich dich fortschleppen muß! Ich zähme dich, du widerspenstiges ... du süßes ... du entzückendes Weib! ... Du rosiger Augustapfel, du! Er zieht sie stürmisch an sich.

Werckhagen hat bisher schweigend der Szene beigewohnt, hustet jetzt zweimal kräftig auf.

Muschinsky prallt zurück Zum Teufel, wer stört uns hier?

Im nächsten Augenblick tönt von rechts hinten zweimal die Signalpfeife. Butgereit und Bussow stürzen mit Laternen über die Verandatreppe in den Garten. Gleichzeitig sausen die drei Schutzleute von verschiedenen Seiten her ebenfalls herbei.

Butgereit im Kommandoton Alle Mann an Bord?

Die Schutzleute unisono Zu Befehl, Herr Kommissar!

Sie umzingeln Muschinsky.

Christiane hat sprachlos dagestanden Ja, um Gottes willen ...!

Butgereit zu Muschinsky Sie sind verhaftet, mein Herr!

Muschinsky Das merk' ich! Möchten Sie sich vielleicht äußern, warum?

Butgereit indem er sein Notizbuch zieht Sie sind der Millionendieb Iwan Wladimir Casimirowitsch!

Muschinsky Wer bin ich?

Butgereit langsam und nachdrücklich Der Schneidergeselle Iwan Wladimir Casimirowitsch aus Galatz in Rumänien ...!

Muschinsky zu Christiane Hören Sie zu, schöne Frau!

Butgereit niederschmetternd Sie haben die englischägyptische Metropolitanbank in Alexandrien vermittelst raffinierter Scheckfälschungen um Millionen geprellt!

Muschinsky Donnerwetter, bin ich ein Kerl! Hut ab vor mir!

Aus dem Hintergrunde bringen Schutzleute den ganz aufgelösten Pfefferkorn angeschleppt. Dahinter Mühlenbruch und Marianne, ebenfalls in Begleitung eines Schutzmanns, Hillenbrandt, Stefanie, Lili und Festgäste.

Schutzleute zu Butgereit Hier bringen wir auch den Feuerwerker, Herr Kommissar. Frisch von der Pumpe! Er war schon gehörig angesengt.

Pfefferkorn zu den Schutzleuten Sie werden mir Schadenersatz leisten! Ich wäre Ihretwegen beinahe in Flammen aufgegangen! Im übrigen ist mir alles gleich! Verhaften Sie mich! Sperren Sie mich ein! Wenigstens brauch' ich keine Raketen mehr steigen zu lassen!

Ein großer Schutzmann auf Marianne deutend Und was machen wir mit der Dame hier?

Mühlenbruch Sind Sie irrsinnig, Mensch?

Butgereit Die Dame bleibt zur Verhütung von Fluchtgefahr in ihrer Wohnung dort interniert! Sie sehen, ich bin Kavalier! Zu den Schutzleuten Die beiden Arrestanten werden abgeführt! Es geschieht.

Mühlenbruch Marianne!

Marianne lächelnd Was wollen Sie! ... Man gehört ja doch zum fahrenden Volk! Sie reicht ihm die Hand So träumen wir denn voneinander!

Butgereit zu dem großen Schutzmann Sie übernehmen die Wache vor dem Schlafzimmer der Dame, Lehmann! Daß mir niemand hinein und niemand herauskommt!

Der große Schutzmann Keine Bange, Herr Kriminalkommissar! An mir kommt keine Katze lebendig vorbei!

Christiane zu Mühlenbruch Armer Kerl!

Werckhagen Das Antipodische hat gesiegt!

Vorhang.

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