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Blaue Berge

Max Halbe: Blaue Berge - Kapitel 4
Quellenangabe
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authorMax Halbe
titleBlaue Berge
publisherSämtliche Werke.Siebenter Band
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Zweiter Akt

Garten der Werckhagenschen Villa wie im ersten Akte. Ein Juninachmittag, einige Tage später. Links, in der Nähe der Veranda, steht eine Staffelei auf dem Rasen. Das Bild auf der Staffelei ist verdeckt. Muschinsky liegt lang ausgestreckt in einer Art von Liegestuhl unter der großen Linde zunächst dem Gartentisch, raucht eine Zigarre. In Manneshöhe über ihm wiegt sich Pfefferkorn in einer Hängematte, die vor der Linde zu einem Baum mehr rückwärts gespannt ist. Zu Beginn des Aktes herrscht eine Weile Schweigen. Die Wiegebewegung Pfefferkorns läßt nach, hört schließlich ganz auf.

Muschinsky ohne sich zu rühren Schlafen Sie, Pfefferkorn?

Pfefferkorn ebenso Ich träume vom achtzehnten Jahrhundert. Was soll man bei dieser blödsinnigen Hitze sonst tun?

Muschinsky Sie scheinen unsern Kontrakt zu vergessen!

Pfefferkorn Wieso?

Muschinsky Sie haben nicht zu schlafen! Wenigstens nicht bei Tage! Und bei Nacht auch nur mit meiner ausdrücklichen Zustimmung!

Pfefferkorn immer weich und ruhig Ich werde mir einen Erlaubnisschein von Ihnen ausstellen lassen.

Muschinsky Sie mißbrauchen unser freundschaftliches Verhältnis, Pfefferkorn. In Kontraktfragen kenne ich keine Freundschaft. Sie haben nicht zu schlafen! Sie haben Ideen zu haben!

Pfefferkorn Die Ideen haben ja neuerdings Sie schon! Wenn das so fortgeht, komm' ich um meinen Abschied ein. Sie wissen, ich bin pensionsberechtigt. Ich kann sehr bequem von der Rente leben, die Sie mir kontraktlich zu zahlen haben.

Muschinsky lacht Mit dem Kontrakt haben Sie mich schön hineingelegt, Pfefferkorn!

Pfefferkorn Sie haben mich hineingelegt, lieber Muschinsky!

Muschinsky Sie, das ist stark! Möchten Sie mir das vielleicht erklären?

Pfefferkorn Wer von uns beiden hat die Millionen? Sie oder ich?

Muschinsky Sie hätten doch keinen roten Dreier, wenn Sie mich nicht hätten!

Pfefferkorn Sie irren sich! Ich würde immer meine Leute finden ...

Muschinsky Pfefferkorn, Sie werden anzüglich!

Pfefferkorn Also schön! Wenn Sie die Millionen haben, dann habe ich doch die Ideen zu besorgen und nicht Sie. Das ist eine einfache Logik. Ich der Geistesmensch! Sie der Tatmensch! Wir beide zusammen unüberwindlich und unsterblich als gemeinsame Begründer einer neuen Kultur auf durchaus amoralischer Grundlage. Sie der Napoleon dieses kommenden korruptionistischen Zeitalters. Ich Ihr Robespierre, ohne dessen vorbereitende Ideen Ihre Taten unmöglich wären.

Muschinsky richtet den Kopf zu Pfefferkorn auf Pfefferkorn, Sie wissen doch, daß dem Robespierre schließlich der Kopf abgeschlagen wurde?

Pfefferkorn Und Napoleon endete auf Sankt Helena, ja, das ist mir bekannt.

Muschinsky Na, die Weltgeschichte braucht sich ja nicht zu wiederholen.

Pfefferkorn Ich persönlich lege auch keinen Wert darauf, bin aber gern bereit, für meine Ideen aufs Schafott zu gehen. Nur lasse ich mir nicht ins Handwerk pfuschen. Ich lasse mir meine Rolle nicht wegspielen. Und das tun Sie neuerdings, lieber Muschinsky!

Muschinsky Mit einem Wort, Sie wollen kommandieren und ich soll berappen! ... Pfefferkorn! Sie sind der unverschämteste Mensch auf Gottes Erdboden!

Pfefferkorn träumerisch Bitte nach Ihnen, lieber Muschinsky! Immer nach Ihnen!

Muschinsky Sagen Sie mal, Pfefferkorn! Gedenken Sie eigentlich noch lange mir da so über der Nase zu baumeln?

Pfefferkorn Ich liebe diese Schaukelbewegung. Sie gibt etwas von der Pendelschwingung des Weltgeistes. Sie suggeriert Wellenberg und Wellental alles Werdens.

Muschinsky Sie philosophieren mir zuviel, Pfefferkorn! Wir sind vier Tage hier. Was hätte in der Zeit nicht alles geschehen können! Ein ganzes Stadtviertel baue ich Ihnen auf, mit fünfstöckigen Mietskasernen!

Pfefferkorn Auf dem Papier!

Muschinsky Aber das Papier entscheidet. Wir leben im Zeitalter des Papiers. Also bekomme ich meinen Bauplatz oder bekomme ich ihn nicht?

Pfefferkorn Warum haben Sie sich auch gerade auf den Blaubeerberg kapriziert?

Muschinsky Sie Kind, Sie! Weil es der höchste Berg hier an der Küste ist. Alle anderen Höhen verschwinden dagegen. Ich bin extra deshalb hinausgesegelt. Ich sage Ihnen, Pfefferkorn, mein Schloß und Ihre Bühne kommen auf den Blaubeerberg oder sie kommen überhaupt nicht! Auf jedem Dampfer, der draußen vorbeifährt, soll es heißen: Der grüne Turm da hinten, hoch über der Stadt, das ist Schloß Größenwahn, wo der berühmte Millionär Muschinsky die tausend Weiber à la Pfefferkorn tanzen läßt! ... Eine Weltreklame gibt das, Pfefferkorn! Die Beine müßten Sie sich dafür ablaufen! Statt dessen dösen Sie in der Hängematte!

Pfefferkorn gleichmütig Sie reden wieder mit Bewußtsein dummes Zeug, lieber Muschinsky. Kann ich dafür, daß der Blaubeerberg der Stadt gehört und daß die Stadt ihn nicht hergeben will, um sich nicht die Aussicht verbauen zu lassen?

Muschinsky Lächerlich! Bieten Sie das Doppelte, was er wert ist!

Pfefferkorn Gestern war ich den ganzen Tag unterwegs. Bei allen möglichen Notabilitäten und Honoratioren. Wahre Musterexemplare von Blödheit, diese Stadtgrößen! Aber was bringt man seinen Ideen nicht alles für Opfer!

Muschinsky Na, und ausgerichtet? Natürlich nichts!

Pfefferkorn mysteriös Ich spinne meine Fäden. Es gehören zarte Finger dazu.

Muschinsky Zarte Finger! Stuß! ... Ich möchte wissen, wo ich die Millionen hernehmen sollte, wenn mein Vater zarte Finger gehabt hätte! Schmieren Sie den Bürgermeister! Kaufen Sie die Stadtverordneten! Bestechen Sie den Magistrat! Wie wär's denn mit einer Stiftung? Kurhaus vielleicht! Oder Kirche! Oder Wasserleitung!

Pfefferkorn richtet sich überrascht auf, läßt die Beine aus der Hängematte baumeln Kirche, sagten Sie?

Muschinsky Was denn sonst! Dem Volke muß die Religion erhalten bleiben. Versprechen Sie den Leuten, ich stifte eine Kirche! Man braucht es ja nachher nicht so wörtlich zu nehmen. Ein neues Kirchendach wird es auch tun. Na, was grienen Sie?

Pfefferkorn sieht ihn lange an, lächelt ironisch Alles Verstellen hilft Ihnen nichts, lieber Muschinsky. Ich weiß ja doch, was dahinter steckt.

Muschinsky Wohinter?

Pfefferkorn Hinter Ihrer plötzlichen Leidenschaft, meine Bühne grade hierher und grade jetzt zu bauen.

Muschinsky Ihre Bühne und mein Schloß drum herum.

Pfefferkorn Ja, das ist die Hauptsache für Sie, das Schloß. Mit dem Schloß wollen Sie imponieren.

Muschinsky schneidet eine Grimasse, schlägt sich auf das Bein Pfefferkorn! Dieses Weib könnte mich verrückt machen!

Pfefferkorn Sie werden nicht der Letzte sein, den sie verrückt macht. Sie hat Bewegungen wie das Urprinzip des Weibes. Sie atmet Verführung. Sie küßt Vernichtung. Man geht an ihr zugrunde wie an vergifteten Kerzen. Die bloße Tatsache ihrer Existenz rechtfertigt meine kühnsten Konsequenzen.

Muschinsky Sind Sie von Sinnen, Pfefferkorn? Von wem reden Sie?

Pfefferkorn Von Marianne Jordan natürlich!

Muschinsky Pfefferkorn, Sie wollen sich über mich lustig machen! Sie wollen Ihre perverse Seele an der Qual Ihres Brotherrn weiden!

Pfefferkorn Also Marianne Jordan abgesetzt?

Muschinsky mit schnellem Blick ringsum Und Christiane Mühlenbruch auf den Thron erhoben!

Pfefferkorn Vorläufig in partibus!

Muschinsky Ich muß das Weib haben! Und wenn ich zehn Schlösser bauen muß, um ihr zu imponieren!

Pfefferkorn Ich verfolge den Prozeß seit dem ersten Morgen, wo wir sie im Wasser trafen.

Muschinsky Ja, es war ein Blick! Da hatte ich's im Blut. Bei mir sitzt alles im Blut. Bei meinem Vater war's ebenso. Wenn der ein Weib aufs Korn genommen hatte, ganz gleich, ob Kindermädchen oder Prinzessin, dann gab's kein Zurück. Und wenn er kaputt gegangen wäre! So bin ich auch! Er macht ein paar Schritte, kommt wieder zurück Sie hat etwas Widerspenstiges, Ungezähmtes an sich! So eine Feld- und Waldschönheit! So nach wildem Klee! Nach blühendem Weißdorn! Solchen Weibern muß man durch Tollheit imponieren! Irgend etwas ganz Närrisches, ganz Verrücktes muß geschehen!

Pfefferkorn Da wollen Sie sie auf den Blaubeerberg entführen. Und Herr Hans Kaspar Mühlenbruch?

Muschinsky Dem hab' ich nicht umsonst den Köder mit der Jordan hingeworfen.

Pfefferkorn reibt sich vergnügt die Hände.

Muschinsky Worüber freuen Sie sich, Pfefferkorn?

Pfefferkorn Daß die Sonne meines Jahrhunderts langsam heraufsteigt. Das Moralgespenst entweicht, und die Menschheit reift meinen Ideen entgegen. Er will sich wieder in die Hängematte zurücklegen.

Muschinsky packt ihn am Arm Was? Sie haben die Frechheit, sich wieder schlafen zu legen?

Pfefferkorn Kann man denn seine Seherwonnen niemals in Ruhe auskosten?

Muschinsky zieht seine Uhr Es ist drei Uhr fünfundvierzig Minuten nachmittags, und heute ist Montag! Ich gebe Ihnen bis Freitag um die gleiche Zeit, also zweimal achtundvierzig Stunden Frist! Ist der Kauf des Blaubeerbergs bis dahin nicht perfekt, so sind wir geschiedene Leute!

Pfefferkorn wiegt den Kopf Warum sollte es mich nicht reizen, Ihr Pensionär zu werden und mich auf Ihre Kosten endlich mal auszuschlafen?

Muschinsky Dann nehmen Sie nur Ihre Schönheitsbühne nebst Ihrem übrigen Ideenkram gleich mit in Pension! Und bestellen Sie die Sonne Ihres Jahrhunderts wieder ab! Ich mache das Geschäft mit Ihnen nicht!

Pfefferkorn Sie sind von einer unausstehlichen Rechthaberei! Er erhebt sich seufzend Also gut! Sie werden Ihr Schloß und Ihren Blaubeerberg bekommen, aber ich verlange freie Hand.

Muschinsky Pfefferkorn! Sie werden doch nicht im Ernst eine Kirche stiften wollen?

Pfefferkorn Ich werde sie stiften, und Sie werden sie zahlen.

Muschinsky Pfefferkorn! Ihr Jahrhundert des Korruptionismus wollen Sie mit einem Kirchenbau einleiten?

Pfefferkorn Wenn ich mein Schönheitstheater dafür bekomme, warum nicht? Für meine Ideen ist mir nichts zu absurd.

Muschinsky Das kann ja eine hübsche Rechnung werden.

Pfefferkorn Man hält sich seinen Robespierre nicht umsonst.

Links erscheinen Christiane und Stefanie auf der Veranda.

Muschinsky Da kommt die Weiblichkeit zum Strandbummel! Schick! Sehr schick!

Christiane kommt näher, verschränkt die Arme Was haben Sie also an uns auszusetzen?

Muschinsky Im Gegenteil! Volle Bewunderung! Ungetrübte Anerkennung!

Christiane Ich frage ja nicht Sie! Ich frage den Schönheitsapostel!

Muschinsky Pfefferkorn! Sie werden gefragt! Antworten Sie gefälligst!

Pfefferkorn weich und nachdenklich Sie werden mir vielleicht gestatten, daß ich erst den Gesamteindruck in mich aufnehme, ehe ich ein Urteil abgebe.

Stefanie ist inzwischen ebenfalls herangetreten Ja, Herr Doktor Pfefferkorn ist ein strenger Richter. Seit er hier ist, muß man doppelt auf sich achten.

Christiane Wenn wir uns jetzt was anziehen, fragen wir immer: Was wird Pfefferkorn dazu sagen? Und werden wir auch vor Pfefferkorn Gnade finden?

Muschinsky Pfefferkorn, Sie wachsen mir über den Kopf! Sie treiben unlautern Wettbewerb! Ich werde Ihnen den Brotkorb höher hängen! Geschmacks- und Toiletten-Fragen sind meine Domäne!

Christiane Ach, auf Sie kommt es überhaupt noch nicht an! Sie sind ein junger Mensch, der sich erst bilden muß. Wir Frauen von heute lassen uns nur von reifen Männern imponieren. Hab' ich nicht recht, Stefanie?

Stefanie Unbedingt, liebe Christiane! Die dummen Gänschen gelten ja umgekehrt auch nichts mehr.

Muschinsky Äußerst schmeichelhaft, der Vergleich! Er macht ein paar aufgeregte Schritte, bleibt vor Pfefferkorn stehen Pfefferkorn, raffen Sie sich gefälligst aus Ihrer Lethargie auf! Verlautbaren Sie sich gefälligst! Habe ich Geschmack oder nicht?

Pfefferkorn Sie haben Geschmack, lieber Freund. Das beweist ja schon mein Engagement bei Ihnen.

Muschinsky Machen Sie keine faulen Witze!

Pfefferkorn Was Sie aber nie haben werden, nie haben können, das ist Stil. Und den habe ich! Und zwar von Urbeginn an! Das fühlt natürlich jede Frau sofort mit dem feinen Instinkt des Geschlechts. Und deshalb fragt man mich und nicht Sie, wenn man tiefere Aufschlüsse über seine Erscheinung wünscht.

Marianne ist von rechts her in den Garten getreten, grüßt mit einer leichten Kopfneigung Ich bin wohl noch zu früh daran?

Muschinsky Ja, andere Frauen kommen zu spät, du verfrühst dich.

Marianne immer etwas müde und nachlässig Das hängt wohl mit meinem Theaterberuf zusammen, lieber Jacques.

Christiane Nehmen Sie nur Platz! Tun Sie, als ob Sie zu Hause wären! Eigentlich sind Sie's ja auch. Sie werden ja hier gemalt.

Marianne Herr Mühlenbruch hat mich um vier zur Sitzung bestellt.

Christiane Dann leisten wir Ihnen Gesellschaft, bis er kommt. Ich beneide Sie nicht. Jetzt, bei der Hitze, Modell sitzen! Aber was tut man nicht für die Kunst!

Muschinsky Oder für die Eitelkeit!

Pfefferkorn Kunst und Eitelkeit sind identisch. Ein Fundamentalsatz meines Systems!

Marianne Wessen Wunsch war es denn, mich malen zu lassen, lieber Jacques?

Muschinsky Meiner! Natürlich! Weil ich eben deine Schwäche kenne und dir jeden deiner Wünsche zu erfüllen suche, noch ehe er überhaupt da ist!

Christiane Sie sind ja nicht mit Gold zu bezahlen!

Muschinsky Bin ich auch nicht! Für Sie hole ich zum Beispiel das Blaue vom Himmel herunter!

Christiane Hast du Worte, Stefanie?

Stefanie Da behauptet man noch, es gäbe keine Männer mehr!

Muschinsky Stellen Sie mich auf die Probe! Bitte! Bitte! Seien Sie einmal nett und äußern Sie einen Wunsch! Wollen Sie einen indischen Elefanten mit einer goldenen Sänfte darauf, in der Sie am Strand spazieren reiten können? Wollen Sie ein Unterseeboot mit durchsichtigen Kristallwänden, wo Sie vierundzwanzig Stunden unter Wasser bleiben können?

Christiane Um Gottes willen! Für das Untertauchen bin ich gar nicht. Dann zieh' ich schon den Elefanten vor.

Stefanie Ich würde mir auch noch ein Dutzend Negersklaven dazu wünschen. Es kommt ja nicht so darauf an.

Muschinsky Heda, Pfefferkorn! Drahten Sie nach Kalkutta wegen eines weißen Elefanten! Der größte, der da ist!

Stefanie Ein bißchen auffällig wird's ja wohl werden im Kurgarten mit dem Elefanten.

Muschinsky Um so besser! Nur fest Sensation gemacht! Keine Zeitung der Welt ohne eine Notiz über den weißen Elefanten, den der Milliardär Muschinsky der schönen Frau Mühlenbruch als Vielliebchen verehrt hat! Extrazüge müssen eingelegt werden, um die Bestie zu sehen! ... Oder was denken Sie zu einem Schloß, meine Gnädige? Ein Schloß, hoch oben auf dem Blaubeerberg! Mit einem Blinkfeuer auf dem Turm, daß man zehn Meilen weit auf See geblendet wird!

Christiane Hören Sie auf! Mir schwindelt!

Muschinsky Brillant! Ich schwindle nicht! In drei Monaten haben Sie Ihr Schloß! Mit einem Blinkfeuer auf dem Turm und einem dreifach versenkbaren, erotischen Theater darin, wo Pfefferkorn Direktor ist! ... Notieren Sie den Einfall mit dem Blinkfeuer, Pfefferkorn! Das krönt die Geschichte!

Christiane Wie finden Sie das eigentlich von Herrn Muschinsky, Fräulein Jordan?

Marianne Oh, ich bin gar nicht kleinlich, gnädige Frau!

Christiane lacht Sie gönnen mir den Elefanten und lassen sich dafür von meinem Mann malen. So hebt sich's auf!

Marianne Warum soll es einer Frau denn nicht schmeicheln, sich von einem großen Künstler malen zu lassen? Darin sind wir doch alle gleich. Man kommt wenigstens auf die Nachwelt.

Christiane Pah! Die Nachwelt!

Marianne Ist Ihnen das so wenig? Da bin ich doch ehrgeiziger!

Christiane Ich bin so oft von meinem Mann gemalt worden ... davon wird man auch nicht glücklicher!

Marianne Ich habe immer gedacht, ich bin blasiert, aber Sie sind es ja noch viel mehr, gnädige Frau.

Christiane Ich bin gar nicht blasiert! Ich habe nur den Glauben verloren!

Marianne Woran denn?

Christiane An das Glück!

Muschinsky Oder an die Männer!

Pfefferkorn Für eine Frau sind Mann und Glück identisch. Auch ein Fundamentalsatz meines Systems!

Christiane Mit Ihrem System können Sie sich ausstopfen lassen!

Stefanie zu Marianne Sie müssen meine Freundin nie so ganz wörtlich nehmen, liebes Fräulein. Sie stellt sich nur so resigniert. In Wirklichkeit denkt sie gar nicht daran, zu verzichten.

Marianne Wer von uns verzichtet denn auch freiwillig, gnädige Frau?

Mühlenbruch kommt rasch von hinten her durch den Garten, erblickt Marianne Ah, da sind Sie ja schon! Er ist herangekommen, lüftet den Hut.

Christiane Guten Tag, mein Gemahl! Ich habe dich ja heute noch kaum zu Gesicht bekommen.

Mühlenbruch reicht ihr die Hand Ich brauchte mal was anderes, als immer nur Wasser und Strand.

Christiane Du warst geradelt?

Mühlenbruch Durch die Wälder durch und ein gut' Stück ins Flachland hinein! Schließlich gegen Mittag schmiß ich mich irgendwo am Grabenrand in den Klee und sah zurück.

Stefanie Da lagen die Wälder gewiß schon ganz in der Ferne?

Mühlenbruch sieht sie an Nur noch als ein blasser Duft am Horizont!

Marianne Sie sind hoffentlich nicht meinetwegen zurückgekommen?

Mühlenbruch Natürlich Ihretwegen! Für wen denn sonst?... Die Farben würden ja eintrocknen.

Christiane Dann wollen wir dich nicht länger aufhalten, mein Lieber. Sonst trocknen deine Farben noch wirklich ein.

Mühlenbruch Wo wollt Ihr hin?

Christiane An den Strand! In den Kurgarten! Irgendwohin, wo es hübsch und lustig ist! Kommen Sie, Herr Muschinsky!

Muschinsky Aber mit Vergnügen, meine Gnädige! Ich lechze ja schon darnach, Sie im Triumph aufzuführen! Lange genug haben Sie mich zappeln lassen!

Christiane zu Mühlenbruch Du weißt ja noch gar nicht, was dich für Überraschungen erwarten. Ich bekomme von Herrn Muschinsky ein Schloß ...

Muschinsky Mit einem Blinkfeuer auf dem Turm!

Christiane Und mit einem erotischen Theater drinnen ...

Stefanie Dessen Direktor Herr Pfefferkorn ist!

Marianne Vergessen Sie auch nicht den weißen Elefanten!

Christiane Ja, richtig den Elefanten! Zu Mühlenbruch Aber wenn du hübsch brav bist, mein Lieber, dann darfst du dich hinten mit aufsetzen.

Mühlenbruch Sehr gütig, liebes Kind! Aber wenn ich Elefanten haben will, dann schaff' ich sie mir selber an.

Muschinsky Pfefferkorn! Denken Sie an unsern Pakt! Eine halbe Stunde von den sechsundneunzig ist abgelaufen. Die Ohren steif, Pfefferkorn!

Christiane Viel Vergnügen, mein Gemahl! Und gute Verrichtung!

Mühlenbruch ist schon zur Staffelei links gegangen und bereitet sich zur Arbeit vor Danke, mein Kind!

Christiane nickt Mühlenbruch und Marianne zu, geht durch den Garten nach hinten ab.

Muschinsky folgt ihr.

Pfefferkorn steht noch rechts mit Stefanie, murmelt achselzuckend Die Ohren steif, Pfefferkorn! ... Wirklich, kein leichtes Brot heutzutage für einen Geistesmenschen! Er soll nicht nur Ideen haben! Er soll auch die Ohren steif halten! Beide hinten ab.

Währenddessen hat sich Marianne in einen bequemen Gartensessel links auf den Rasen gesetzt, den Sonnenschirm als Hintergrund für ihren Kopf benutzend. Mühlenbruch hat das Bild auf der Staffelei umgedreht, Pinsel und Palette in Ordnung gebracht und die ersten Striche am Bild gemacht.

Kurze Pause.

Mühlenbruch wird unruhig, wirft einen vergleichenden Blick zu Marianne hinüber Irgend was stimmt nicht!

Marianne Vielleicht sitze ich nicht richtig? Vielleicht so?

Mühlenbruch Noch mehr nach links! ... Nach dem Rosenstrauch zu! Er macht eine ungeduldige Gebärde.

Marianne Warum kommen Sie nicht selbst und richten mich?

Mühlenbruch Ich soll Sie ja nicht anrühren!

Marianne Wer hat das gesagt?

Mühlenbruch Sie! Gestern! Auf dem gleichen Platz!

Marianne Sind Sie beleidigt?

Mühlenbruch Nicht im geringsten! Ich möchte nur anfangen zu arbeiten und kann nicht. Sie sind ganz aus der Stellung herausgekommen.

Marianne So helfen Sie mir doch!

Mühlenbruch geht zu ihr hin, rückt ihren Stuhl, richtet ihre Stellung.

Marianne sieht ihn aus ihrer halbliegenden Stellung an Ich möchte Sie nicht zum Herrn haben!

Mühlenbruch noch mit ihr beschäftigt Sie haben ja schon Ihren Herrn!

Marianne zuckt zusammen Muschinsky vielleicht?

Mühlenbruch Alle Wetter! Ein Blick! Man merkte Bühnenblut! Er steht bei ihr, betrachtet sie.

Marianne mit halb geschlossenen Augen Mein Herr, mein wirklicher Herr könnte nur einer sein, der mich übersieht. Und nicht ich ihn.

Mühlenbruch indem er ihre Linie vom Kopf bis zum Fuß verfolgt Und den haben Sie noch nicht gefunden?

Marianne Vielleicht findet er mich nicht! ...

Mühlenbruch Ist das so schwer? ... Beim Theater?

Marianne wieder aufschnellend Ja, so seid Ihr! Uns Theatermädchen nimmt man einfach und hat sie! Nicht wahr?

Mühlenbruch lacht kurz auf, will etwas sagen, schweigt.

Marianne Ich lasse mich nicht nehmen! Ich bestimme frei über mich!

Mühlenbruch Und Jacques Muschinsky?

Marianne senkt den Blick vor ihm Wer sich verkauft, soll sich wenigstens zum höchsten Preise verkaufen.

Mühlenbruch betrachtet sie lange, schweigt.

Marianne lächelt Ich sage Ihnen ja: Er findet mich nicht! ... Er findet mich nie!

Mühlenbruch Marianne!

Marianne leichthin Herr Mühlenbruch!

Mühlenbruch mit vollem Blick über sie hinweg Soll das alles ... alles nur für einen ... Jacques Muschinsky gewesen sein?

Marianne Ich bin ja beim Theater, Herr Mühlenbruch. Es muß doch noch etwas fürs Publikum übrigbleiben.

Mühlenbruch Jaso!

Marianne Und für meine sogenannte Kunst doch auch!

Mühlenbruch Gewiß! Er wendet sich kurz ab, fängt an zu malen.

Marianne sieht ihm ein Weilchen zu, lächelt Jetzt sind Sie wieder stark und überlegen. So mag ich Sie gern.

Mühlenbruch Sehr verbunden!

Marianne Hab' ich Sie enttäuscht?

Mühlenbruch Wüßte nicht, wieso!

Marianne Doch! Doch! Als Mensch sind Sie enttäuscht, aber als Künstler müßten Sie zufrieden sein.

Mühlenbruch schweigt, arbeitet weiter.

Marianne Sie haben wieder einen Zug mehr für Ihr Bild.

Mühlenbruch Das stimmt! Von Tag zu Tag mal' ich's um! Anfangs hab' ich Sie rein als Farbenfleck gesehen: Lila und Orange, das Gelb und das Braun! Der hellgrüne Schirm! Die dunkelroten Rosen ... Hätt' ich's nur so heruntergemalt!

Marianne Als schönes Bild ohne Seele ...

Mühlenbruch lacht kurz auf Seele! ... Ich will Ihr Fleisch, Ihre Farben, die Töne Ihres Gesichts! Ihrer Haut! ... Ihre ganze farbige Erscheinung in der freien Natur!

Marianne Bringen Sie's nur so zu Ende, wie Sie angefangen haben! Meine Seele kann ja währenddessen spazieren fliegen.

Mühlenbruch stutzt, verschränkt die Arme Hinüber nach den blauen Bergen ...!

Marianne Wenn man nur wüßte, wo sie sind!

Pause des Malens.

Mühlenbruch bricht plötzlich aus Sie sind ja stumm wie ein Fisch! Wie soll man da hinter Ihre Seele kommen!

Marianne Die lassen wir nur aus dem Spiel! Ich bin ein Farbenfleck für Sie und nichts weiter. Oder höchstens ein schönes Stück Fleisch.

Mühlenbruch Das weiß der Teufel! Die Maja des Goya könnte Sie um Ihren Akt beneiden!

Marianne schlägt die Augen auf, sieht ihn voll an Aber kein Goya lebt, der ihn malt!

Mühlenbruch beherrscht sich Sprechen Sie von Ihrem Leben! Von Ihrer Kunst! Ich arbeite dabei!

Marianne Ein Alltagsschicksal, das keinen interessiert! Eine Operettendiva, die von heute auf morgen lebt! Und übermorgen ist alles vorbei! Ein Dutzendtalent, das seinen Tag hat, seine flüchtige Stunde, und mit dem Tag, mit der Stunde verklingt! Sie summt leise eine Melodie vor sich hin.

Mühlenbruch Sie sprechen, als hätten Sie eine Leichenrede zu halten. Ist das nicht Pose?

Marianne Vielleicht! Ein bißchen! Wer posiert nicht!

Mühlenbruch Sie waren Schauspielerin?

Marianne Mehrere Jahre! Aber es hat nicht gereicht. Alles oder nichts, war mein Gedanke von Kind an.

Mühlenbruch So ehrgeizig?

Marianne Oh, sehr! Sehr! Aber Sie sehen, ich lebe trotzdem und nicht schlecht. Ich habe meine Stimme entdeckt und meine persönliche Note gefunden. Es ist wenig, aber ich hab's doch für mich allein.

Mühlenbruch Und haben Sie nie Sehnsucht zurück?

Marianne Wonach denn, Herr Mühlenbruch?

Mühlenbruch Nach der sogenannten großen Kunst!

Marianne fast inbrünstig, aber leise und gedämpft Ich lebe von der Sehnsucht! Ich lebe von der Sehnsucht!

Mühlenbruch verfolgt sie mit großen Augen Von der Sehnsucht ... leben Sie?

Marianne Ja! Vielleicht könnte ich nichts von dem, was ich kann, hätt' ich nicht die Sehnsucht nach dem, was ich nicht kann. Sie richtet sich ein wenig auf, spricht fast mit Flüsterstimme Deshalb darf ich meine Sehnsucht auch nie verlieren, Herr Mühlenbruch! Ich muß Durst haben und darf nicht trinken! Darf mich nie satt trinken! Denn sonst wär's aus mit meinem bißchen Kunst! ... Und Kunst und Leben sind für mich Eins! Sie läßt sich zurücksinken, atmet tief auf.

Mühlenbruch Also nie satt getrunken haben Sie sich im Leben, Sie arme Kreatur?

Marianne Und werd' es auch in Zukunft nicht! ... Niemals! Niemals! ... So! Jetzt kennen Sie mich und dürfen mich bemitleiden oder ... mich fürchten! Ganz wie Sie wollen!

Mühlenbruch will etwas sagen, hält sich zurück, versucht weiter zu malen.

Marianne lächelnd Jetzt sind Sie still geworden, Herr Mühlenbruch?

Mühlenbruch einen Schritt auf sie zu Wollen Sie das Bild einmal sehen?

Marianne Ihre blauen Berge?

Mühlenbruch Ja, die Skizze! Den Entwurf! ... Denn jetzt muß es heraus, Marianne!

Marianne sieht ihn erwartend an.

Mühlenbruch Sie sind die Frau, die unter dem Säulenbogen lehnt und mit der Hand über den Augen in die Ferne blickt! Sie sind die Frau, Marianne! Sie werden mein Modell dafür sein! ... Wollen Sie das? Er streckt ihr die Hand hin.

Marianne zurückgelehnt Ich so ganz allein auf dem großen Bild? ... Und niemand, der mir Gesellschaft leistet?

Mühlenbruch zieht seine Hand zurück Ach! ...

Marianne lächelnd Ich habe ja solche Angst vor dem Alleinsein! Ich könnte es auch auf dem Bild nicht ertragen!

Mühlenbruch Dann lassen Sie's bleiben! Er geht zur Staffelei zurück.

Marianne Wollen Sie das Bild nicht holen?

Mühlenbruch Nein!

Marianne Auch nicht, wenn Sie mir eine Freude damit machen?

Mühlenbruch In Teufels Namen! Er geht nach links zur Verandatreppe.

Marianne ruft ihm nach Und überlegen Sie sich, ob Sie mir nicht doch jemand zur Gesellschaft beigeben wollen?

Mühlenbruch schon auf der Veranda Das würde ja das Bild total auf den Kopf stellen.

Marianne Es könnte ja ein ganz neues Bild daraus werden.

Mühlenbruch Sie sind eine gefährliche Versucherin, Marianne!

Marianne Malen Sie mich doch so!

Mühlenbruch verschwindet links im Hause.

Heinz, der schon seit ein paar Minuten rechts hinter den Büschen erschienen ist und sich versteckt gehalten hat, bricht ungestüm hervor.

Heinz Lassen Sie sich doch von dem keinen Sand in die Augen streuen!

Marianne Mein Gott, wer ist denn da?

Heinz Ich bin's, schönste Künstlerin!

Marianne Wo kommen Sie denn so plötzlich her?

Heinz wild Aus dem Gebüsch da! Ich habe mich auf die Lauer gelegt und alles gehört!

Marianne Es waren ja auch keine Geheimnisse, lieber Herr Heinz.

Heinz Den Hof hat er Ihnen gemacht, der Schwätzer, der aufgeblasene! Ich hab' doch aufgepaßt wie ein Luchs! Malen soll er erst lernen, ehe er sich an so etwas heranwagt, wie Sie! An so was Göttliches! An so was unaussprechlich Ewiges!

Marianne wieder zurückgelehnt und lächelnd Sie sind wohl noch sehr jung, bester Herr Heinz?

Heinz Ganz im Gegenteil: Siebzehn Jahre!

Marianne Und sind gewiß schon Student?

Heinz Wer wird heutzutage noch Student! Ich bin von der Schule weg! Ich hab' kurzen Prozeß gemacht!

Marianne Wollen Sie denn Maler werden?

Heinz Ich? Maler? Wieso?

Marianne Weil Sie Herrn Mühlenbruch so streng kritisieren?

Heinz ohne das Bild zu sehen Das muß doch ein Nilpferd merken, daß das Kitsch ist, was der da kleckst! Sie können's hier lesen! Ich hab's Schwarz auf Weiß! Er zieht ein zerfetztes Zeitungsblatt aus der Tasche, reicht es ihr.

Marianne Ist das von Ihnen?

Heinz Aber im strengsten Geheimnis! Es darf's niemand erfahren!

Marianne liest Diogenes Redivivus! Das sind Sie?

Heinz Mein Pseudonym! Die Spießer hier würden auf den Rücken fallen, wenn sie wüßten, wer es ist. Aber das Tageblatt hält dicht!

Marianne Was sagen denn Ihre Eltern dazu?

Heinz Die haben doch keinen Dunst davon! übrigens kenn' ich keine Eltern! Ich kenne nur einen Mann, der mich aus unbekannten Gründen in die Welt gesetzt hat, und die zweite Frau dieses Mannes! Die erste ist tot! Das war meine Mutter!

Marianne Dann wollen Sie also Schriftsteller werden?

Heinz düster Ich habe ein Drama geschrieben! Sie müssen mir helfen! Sie müssen mich retten! Er sinkt vor ihr nieder Sie Holde! Sie Unvergleichliche! Ach, wenn Sie wüßten ...! Er will sie in seine Arme schließen.

Marianne entzieht sich ihm Nicht so stürmisch, lieber junger Freund!

Heinz Nur einen Kuß! Einen einzigen Kuß! ... Einen Kuß auf die Hand!

Marianne Aber erst müssen Sie mir versprechen ...

Heinz stürmisch Was denn? Was denn?

Marianne droht ihm mit dem Finger Daß Sie sich nicht mehr in Gebüschen auf die Lauer legen wollen.

Heinz immer knieend und aufgeregt Weshalb denn nicht?

Marianne Das paßt sich nicht für einen angehenden Kavalier und Dramatiker.

Heinz Aber erst recht! Erst recht! Man muß doch alles beobachten! Alles studieren!

Marianne Und dann dürfen Sie mir auch den Herrn Mühlenbruch nicht mehr so furchtbar im Tageblatt verreißen.

Heinz Wieder der! Aber meinethalben! Weil Sie es sind!

Marianne Dafür bekommen Sie auch den kleinen Finger ...

Heinz Den kleinen Finger ...?

Marianne Meiner linken Hand, der von Herzen kommt. Den dürfen Sie küssen. Sie reicht ihm den kleinen Finger.

Heinz will die ganze Hand nehmen Ach, Süße ...! Süße ...!

Marianne entzieht ihm die Hand Nein, nicht mehr, als den kleinen Finger!

Heinz küßt den kleinen Finger Süße ...! Süße ...!

Marianne So! Hübsch gehorsam! Sie entzieht ihm den Finger Und jetzt beichten Sie mir schnell, eh' Herr Mühlenbruch kommt.

Heinz noch halb auf den Knien Mein sogenannter Papa hat mir ein Ultimatum gestellt! Ich soll auf die Schule zurück ...

Marianne Oder?

Heinz Oder er steckt mich in ein Parfümeriegeschäft!

Marianne In ein Parfümeriegeschäft?

Heinz Ja! Das ist der Plan dieses Herrn! ... Ich bin verloren, wenn mein Drama nicht aufgeführt wird!

Marianne Da kommt Herr Mühlenbruch!

Heinz steht schnell auf, wischt sich die Hosen ab Der Ekel, der! Gerade im schönsten Augenblick! Sprechen Sie für mich bei Herrn Muschinsky und Doktor Pfefferkorn! Wozu machen denn die ihr Zukunftstheater? Er drückt ihre Hand, stürzt nach rechts ins Gebüsch ab.

Mühlenbruch ist langsam die Verandatreppe links heruntergestiegen Was wollte denn der junge Hillenbrandt?

Marianne lächelt Mir den kleinen Finger küssen!

Mühlenbruch vor der Staffelei Der auch schon so weit?

Marianne Er hat ein Drama geschrieben. Aber Sie dürfen es nicht weitersagen.

Mühlenbruch Sie sollen wohl die Hauptrolle darin spielen?

Marianne Es kann schon sein.

Mühlenbruch Sie sind sich doch alle gleich!

Marianne sieht ihn an.

Mühlenbruch Die dummen Jungen!

Marianne Wo haben Sie denn Ihr Bild?

Mühlenbruch Hat Ihnen Heinz Hillenbrandt sein Drama vorgelesen?

Marianne Nein, das kommt gewiß noch.

Mühlenbruch Und ich bin an die zwanzig Jahre älter und hätte Sie beinahe mit einer unfertigen Jugendskizze gelangweilt! Wer ist nun der Dümmere von uns beiden? Heinz Hillenbrandt oder ich?

Marianne schmollend Und es hätte mich so interessiert, das Bild zu sehen!

Mühlenbruch Die Skizze bleibt im Kasten! Es wird nichts daran gerührt! Nichts daran geändert!

Marianne Also aufgegeben die blauen Berge?

Mühlenbruch Vielleicht werd' ich ein anderes Bild dafür malen! ...

Marianne Wozu Sie mich nicht mehr als Modell brauchen, nicht wahr?

Mühlenbruch Sie wollen ja Gesellschaft haben auf dem Bild! Sie können ja nicht allein sein!

Marianne Also keine einsame Frau mehr, die unter dem Säulenbogen sich nach der Ferne sehnt?

Mühlenbruch Nein! ... Sondern ein Mann!

Marianne Ein Mann?

Mühlenbruch Ein Reitersmann, abgerissen, ermüdet, bestaubt! ...

Marianne Aber hoch zu Roß!

Mühlenbruch Er ist auf dem Roß geritten. Wer weiß, wie weit her! Aber jetzt ist er abgestiegen und läßt den Gaul auf der Gartenwiese vor dem Landhaus weiden.

Marianne Und er selbst? Der Ritter?

Mühlenbruch Der hat sich auf einem Lager in der offenen Säulenhalle ausgestreckt, die Glieder ermattet und schlaff, aber die Augen sind wach und schweifen in die Ferne ...

Marianne Ist denn der arme Ritter so ganz allein auf seinem üppigen Lager in dem südlichen Landhaus?

Mühlenbruch sieht sie an Ein Weib ist bei ihm! Ein nacktes Weib!

Marianne Ein nacktes Weib? Von schönen Formen?

Mühlenbruch Von den schönsten, die auf Erden zu wachsen pflegen! Das gehört dazu. Denn das nackte Weib lehnt sich ja an den Wandersmann an, umschlingt ihn mit ihren weißen Armen und scheint ihn zurückzuhalten.

Marianne Und der stolze Ritter gibt nach, bleibt bei seiner Liebsten und wird seinen hohen Zielen und seinen blauen Bergen untreu, nicht?

Mühlenbruch Das ist die Frage. Das Bild sagt darüber nichts. Man kann sich's zu Ende denken, wie man will.

Marianne Haben Sie schon ein Modell, das Ihnen würdig genug scheint für Ihre schleierlose Göttin?

Mühlenbruch Ich warte darauf, Marianne.

Marianne Und wenn Sie's nicht finden sollten?

Mühlenbruch Dann bleibt das Bild ungemalt!

Im Hintergrund des Gartens erscheinen Christiane und Muschinsky, kommen langsam näher. Mühlenbruch packt sein Malgerät zusammen.

Christiane aus der Mitte des Gartens Ist die Sitzung zu Ende? So schnell?

Marianne steht langsam auf Sie haben gar nicht so unrecht gehabt, gnädige Frau. Es war doch schwüler, als ich dachte.

Muschinsky Hab' ich dir nicht gleich gesagt: Laß dich im Schwimmkostüm malen oder als Wassernixe mit Schilf im Haar!

Christiane Mein Mann hätte auch sicher nichts dagegen gehabt.

Marianne Für diesmal ist es ja nun zu spät, gnädige Frau.

Christiane Es ist nur der Nachwelt zuliebe!

Marianne Wie meinen Sie das, gnädige Frau?

Christiane Sie sind ja so ehrgeizig, liebes Fräulein ...

Marianne Ein bißchen wohl!

Christiane Dann müßten Sie doch wünschen, daß gerade das Schönste, was Sie sind und haben, auf die Nachwelt kommt.

Marianne sieht sie mit großen Augen an Sie sind mir ein Rätsel, gnädige Frau!

Muschinsky Das wissen die Götter! Ich habe mich schon auf den Kopf gestellt und kann den Schlüssel nicht finden!

Christiane Ich bin eine einfache, grad' gewachsene Malersfrau, liebes Fräulein, die einen wunderlichen Heiligen zum Manne hat! ... Da haben Sie Ihren Schlüssel, Herr Jacques Muschinsky! Und jetzt stellen Sie sich hübsch auf Ihre zwei natürlichen Beine zurück! Das lange Kopfstehen bekommt Ihnen nicht!

Muschinsky Wer weiß, ob Ihnen meine Kopfakrobatik nicht doch noch mal imponiert!

Christiane lacht auf Ein Mann, der mir imponiert? Wenn Sie das zustande bringen ...?

Muschinsky Lachen Sie nicht, reizende Frau! Das Geschoß ist aus dem Rohr! In knapp zweimal achtundvierzig Stunden hab' ich Ihnen imponiert oder Pfefferkorn kann bei den Botokuden Schweine hüten gehen! Er zieht seinen Hut, geht schnell nach rechts ab.

Marianne mit Kopfneigen Ich folge meinem Herrn und Gebieter. Ebenfalls rechts ab.

Christiane betrachtet Mühlenbruch, geht dicht auf ihn zu, sieht ihm lächelnd in die Augen Hans Kaspar!

Mühlenbruch hat der vorhergehenden Szene schweigend zugehört Und?

Christiane Wann malst du Marianne Jordan als Nixe mit Schilf im Haar?

Mühlenbruch Frage mich doch lieber: Wann malst du deine blauen Berge?

Christiane Kommt das nicht bald auf eins für dich heraus, Hans Kaspar?

Mühlenbruch Du hast es gewollt, Christiane! Du selbst hast es gewollt!

Christiane Du solltest die Leidenschaft haben, Hans Kaspar! Es wäre schade um das schöne Bild gewesen. Jetzt hast du die Leidenschaft! Wann fängst du nun an zu malen?

Mühlenbruch faßt ihre Hand Sollen wir zwei uns wirklich verlieren, Christiane?

Christiane senkt den Kopf Ich will mir nicht nachsagen lassen, daß ich kleinlich war. Und wenn ich dich niemals verstanden habe ... Diesmal sollst du mich auf der Höhe finden! Sie wendet sich ab.

Mühlenbruch Gut! Er dreht sich um, geht mit starken Schritten links die Verandatreppe hinauf.

Christiane Mann!

Mühlenbruch dreht sich um, sieht sie an.

Christiane Nein! Nichts! Geh nur!

Mühlenbruch links ab.

Christiane setzt sich, sobald sie allein ist, in Mariannes Sessel, starrt vor sich hin, schluckt einmal auf, sucht sich aber sofort zu beherrschen.

Werckhagen taucht von links hinten her auf, bleibt vor Christiane stehen Schon so weit? Fließt schon Salzwasser?

Christiane Ach ... Sie wissen ja nicht, Onkel Werckhagen ...!

Werckhagen Alles weiß ich! ... Ich hab' gute Augen im Kopf. Man hat nicht umsonst den Kasuar auf fünfhundert Schritt weit geschossen.

Christiane wischt sich über das Gesicht, steht auf Es muß durchgemacht werden ... Es ist notwendig für Hans Kaspar ... Und es kann ja auch noch alles gut werden ...

Werckhagen klopft ihr auf die Schulter Das wird es! Verlaß dich auf mich!

Christiane mit schwachem Lächeln Auf Sie, Onkel Werckhagen?

Werckhagen Ich hab' immer gefunden, der Mensch kann was er will. Er muß es nur richtig wollen. Und ich will, daß mein Herr Neffe bei seiner starken, tapfren und kerngesunden Frau bleibt und sie bei ihm. Die fremde Herzdame soll der Kuckuck holen!

Christiane Die braucht er doch für sein Bild.

Werckhagen Dafür gönn' ich sie ihm. Und auch sonst noch für dies und das ... Aber wenn er den Kopf verliert, dann tritt der Alte hier auf den Plan. So wahr ich bei den Antipoden zu Hause bin! Dann lassen wir etwas los, worauf niemand gefaßt ist! ... Nicht mal ich selbst!

Christiane seufzend Was sollte das wohl sein?

Werckhagen Das Antipodische! Das lassen wir los, meine holde Frau Nichte! ... Und wenn wir es aus dem Boden stampfen müssen!

Christiane Wenn Sie das könnten, Onkel Werckhagen ...!

Werckhagen stellt sich breitspurig hin Ich hab' noch ganz andere Sachen im Leben gekonnt!

Christiane drückt schweigend seine Hand.

Werckhagen Wir beide gehören doch von Rechts wegen zusammen. Und wir halten auch zusammen.

Christiane muß lachen Alle Männer sind also doch noch nicht übergeschnappt?

Werckhagen Aber die meisten! Die meisten! Ich glaube, ich auch! ... Und jetzt reich' mir mal die Gießkanne her. Meine Rosen haben Durst.

Christiane gibt ihm eine Gießkanne von der Veranda, geht langsam die Treppe hinauf, ab.

Werckhagen geht bedächtig nach hinten links, fängt an, die Rosen zu begießen.

Im Hintergrunde werden Stimmen laut. Gleich darauf kommen Pfefferkorn und Stenzel im Gespräch nach vorn.

Stenzel bleibt in starker Bewegung stehen, erhebt die gefalteten Hände So ist es also wirklich und wahrhaftig wahr! Meine Kirche wird gebaut! Er geht erregt auf und ab Allen Widersachern, allen Spöttern und Neidern zum Trotz! Meine Kirche wird gebaut! Mit erhobenen Armen Sie bewegt sich! Schwebt! Das heißt: Sie steht eigentlich mehr, als sie schwebt. Sie steht! Fest in die Erde fundamentiert, auf erhöhtem Platz, inmitten der Stadt ...

Pfefferkorn Natürlich müßte es byzantinischer Stil sein. Wir machen das zur Voraussetzung unserer Stiftung.

Stenzel Byzantinischer ... Stil ...?

Pfefferkorn Es handelt sich um das höchst zeitgemäße Experiment, die geheimnisvolle, frühchristliche Mystik wieder zu Ehren zu bringen.

Stenzel bedenklich Aber glauben Sie nicht, daß der byzantinische Stil im allgemeinen mehr für jüdische Tempelbauten bevorzugt wird?

Pfefferkorn Das dürfte weder Herrn Jacques Muschinsky noch mich genieren.

Stenzel kratzt sich den Kopf Wenn mir meine Kirche nur nicht mit der Synagoge verwechselt wird!

Pfefferkorn Die Zahl Ihrer Badegäste könnte sich höchstens dadurch verdreifachen, mein Herr.

Stenzel seufzend Nun also! ... Abgemacht! Amen!

Pfefferkorn Und damit Klarheit zwischen uns herrscht: Die Stadt verpflichtet sich ihrerseits, den Blaubeerberg an Herrn Muschinsky käuflich zu überlassen.

Stenzel seine Hand schüttelnd So sei es! Abgemacht! Amen! ... Und jetzt wollen wir's mit Gottes Hilfe so einrichten, daß der alte Schweinepriester uns keinesfalls in die Suppe spucken kann.

Werckhagen ist langsam wieder nach vorn gekommen, ohne von Pfefferkorn und Stenzel bemerkt zu werden.

Stenzel lächelt verbindlich Ah! Unser würdiger, alter Freund!

Werckhagen Einen schönen guten Tag, die Herren! Der Herr Armenpfleger auch mal wieder da? Noch dazu in so angeregter Unterhaltung! Über was für einen Bibelspruch ging's denn her? »Der Splitter im Auge des Nächsten, der Balken im eigenen« ... oder umgekehrt?

Pfefferkorn zu Stenzel, offiziell Wenn Sie, mein Herr, Herrn Jacques Muschinsky in der bewußten geschäftlichen Sache zu sprechen wünschen, dann bitte gleich! Ich garantiere sonst für nichts! Er geht nach rechts ab.

Stenzel zu Werckhagen Gott mit Ihnen, liebster Freund! Er will gehen.

Werckhagen So eilig, Herr Oberlehrer? ... Und wie steht's denn mit unserem Kirchenbau?

Stenzel Ach, Luftschlösser, verehrtester Freund! Luftschlösser! Und weiter nichts! Ebenfalls schnell rechts ab.

Werckhagen sieht den beiden kopfschüttelnd nach Der Kirchengründer zu dem Geldmenschen? Und der Theatermacher bringt sie zusammen? Ei, ei, meine Herren! Da hat der alte Schweinepriester auch noch mal ein Wörtchen mitzureden! Er zieht sich wieder nach hinten in den Garten zurück.

Gleichzeitig ist Mühlenbruch links auf der Veranda aufgetaucht, sieht sich um, späht nach rechts hinüber, kommt langsam die Treppe hinunter, schlendert ein paar Schritte in den Garten hinein, bleibt, wie in unruhigem Warten, stehen.

Marianne tritt von rechts her in den Garten, geht langsam auf Mühlenbruch zu, bis sie dicht vor ihm steht Ihr Modell ist da!

Mühlenbruch preßt wortlos ihre Hand.

Marianne sieht zu ihm auf, lächelt Ich will Ihre Maja sein. Werden Sie mich ebenso unsterblich machen?

Vorhang.

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