Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 7
Quellenangabe
pfad/gerstaec/blauwass/blauwass.xml
typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
created20121231
projectidd5f901b5
Schließen

Navigation:

Die Goldbarren

Es sind jetzt etwa sechs oder sieben Jahre verflossen, daß das –er Schiff Isegrimm, von Kanton kommend, nach Batavia segelte.

Das Wetter war herrlich, der Monsun günstig, und das wackere Fahrzeug lief, fast vor dem Wind, schäumend und wie tanzend seine Bahn dahin.

In der Nähe der Küste schwärmte die See ordentlich von einer wahren Unmasse kleiner und größerer Dschunken, die mit ihren wunderlich geformten Segeln bald vor, bald dicht am Wind ihre verschiedenen Bahnen verfolgten. Weiter im Chinesischen Meere drin wurden aber diese seltener und seltener, und zuletzt tauchte nur noch dann und wann einmal ein einzelnes Segel am Horizont auf.

Der Morgen brach wieder an und die Sonne stieg glühend am wolkenreinen Himmel empor. Die Leute, die das Deck wuschen, hatten gerade voraus wieder ein Fahrzeug entdeckt, aber nicht ausmachen können, was es eigentlich sei – auch wirklich nicht besonders darauf geachtet. Desto aufmerksamer betrachtete es sich der Obersteuermann, der mit dem Fernrohr auf dem Quarterdeck stand, und nur manchmal das Glas vom Auge nahm und mit dem Kopfe schüttelte. Endlich schien er aber doch mit sich im Reinen, denn er schob das Glas zusammen und stieg die Treppe hinunter, wo er an des Capitains Kajüte klopfte.

»Hallo, Captein. – – Captein!«

»Ja, Stürmann – was giebt's?«

»Grad' vor uns, etwa einen halben Strich vom Landbordbug, liegt ein Wrack – sieht aus wie eine Dschunke. Sollen wir drauf zu halten?«

»Ein Wrack!« sagte der Capitain, mit beiden Beinen aus seiner Koje springend; »hm, Stürmann, da müssen wir doch wohl sehen, was drauf ist. Nur einen halben Strich? –«

»Nicht weiter.«

»Gut – dann laßt uns gerade drauf zu halten – was liegt an?«

»Cours.«

»Der Wind?«

»Schwach.«

»Desto besser. Ich bin gleich oben.«

Es dauerte wirklich nur wenige Minuten, und der Capitain war in seine vor der Koje liegenden Kleider gefahren und an Deck, wo er freilich, nach ächter Seemannsart, den ersten Blick nach Wind, Segeln und Compaß warf. Dann aber trat er an die Seite seines Steuermanns, der ihm das Fernrohr schon wieder gerichtet hatte und die Stelle mit dem ausgestreckten Arm bezeichnete, an der das Wrack auf den Wellen schaukelte. Es bedurfte keiner weiteren Erklärung, denn das jedenfalls verlassene chinesische Fahrzeug ließ sich schon recht gut von Deck aus mit bloßen Augen erkennen. Dem steuernden Matrosen war auch schon der Befehl gegeben, gerade darauf zuzuhalten, und der Isegrimm glitt mit der günstigen, aber schwachen Brise langsam dem entmasteten kleinen Fahrzeug entgegen.

Für ein Wrack interessirt sich übrigens die ganze Mannschaft, da die ganze Mannschaft gewöhnlich einen Antheil erhält, wenn die gefundene Ladung eben werthvoll ist. Die Leute beendeten deshalb auch so rasch als möglich ihr Deckwaschen und nahmen in aller Hast ihr Frühstück ein, denn nachher, das wußten sie schon, blieb ihnen nicht mehr viel Zeit dazu übrig. Der Isegrimm rückte indessen dem Wrack allmählich näher. Der Steuermann war mit dem Fernrohr in die Fock-Marsen gestiegen, um von dort aus schon von Weitem zu erkennen, ob noch Leute an Bord wären, und die Matrosen standen mit Tauen bereit, um, sobald ihr Fahrzeug langseit laufen würde, hinüber zu springen und das Wrack fest zu machen.

Einzelne Segel waren indessen eingenommen; dicht an die Dschunke herangekommen, wurde das Vormarssegel backgebraßt, und als der Isegrimm, jetzt nur noch ganz langsam durch die Fluth steigend, an dem verlassenen Fahrzeug vorüberglitt, warfen die Matrosen die Taue hinüber und folgten dann selber mit katzenartiger Behendigkeit nach. Wenige Minuten später hing der Chinese im Schlepptau des stattlichen Schiffes und so dicht hinter dem Spiegel desselben, daß die Leute bei der kaum bewegten See recht gut an dem befestigten Bugspriet desselben aus- und einklettern konnten. Selbst der Capitain stieg mit hinüber und ließ den Steuermann vor allen Dingen erst einmal die Kajüte öffnen, ob nicht vielleicht Leichen im Innern derselben lägen und eine Seuche die Mannschaft getödtet oder gezwungen habe, das Schiff zu verlassen. Nichts Derartiges war aber darin zu finden. Kein lebendes oder todtes menschliches Wesen schien an Bord zu sein, und nur die zerknickten Masten gaben Zeugniß, daß wahrscheinlich der letzte Typhon die Dschunke getroffen habe, wonach die Mannschaft in blinder Furcht ihre Rettung in dem kleinen Boot suchte. In der Kajüte umhergestreute Lebensmittel machten das nur noch wahrscheinlicher, und nichts Anderes schienen die Schiffbrüchigen auch in ihrer panischen Furcht mitgenommen zu haben, da selbst des Capitains Schrank in der Kajüte unberührt, ungeöffnet stand.

Während der Capitain jetzt die Untersuchung der Kajüte übernahm, wurde der Steuermann in den Raum geschickt, um nach der Fracht zu sehen. Der Capitain machte indessen an chinesischen Kleidern und anderen Kleinigkeiten reiche Beute, und fand sogar einen ziemlich schweren Sack mit spanischen Dollars, von denen er an seinem Körper vor allen Dingen soviel als irgend möglich barg. Damit kehrte er dann, was einige Schwierigkeiten hatte, an Bord seines eigenen Fahrzeugs zurück, sich der angenehmen Last zu entledigen und den Besuch so rasch als möglich zu wiederholen. Wie er aber den Bord der Dschunke zum zweiten Mal bestieg, kam ihm dort sein Steuermann mit fahlbleichem Gesicht entgegen.

»Was giebt's, Stürmann?« rief dieser erschreckt – »Ihr seht ja wie ein Todter aus. Ist Euch etwas geschehen?«

»Captein« – rief aber der Steuermann und brachte die Worte kaum über die zitternden Lippen, »die Dschunke – die Dschunke hat – hat Gold geladen.«

»Gold? – den Teufel auch!« rief der Capitain und war mit einem Satz wieder drüben – »Ihr träumt wohl, Stürmann?«

»Da seht selber,« sagte der Seemann und zitterte vor Aufregung am ganzen Leibe, während er dem Capitain ein paar kleine Barren goldgelben, gewichtigen Metalls entgegenhielt – »was ist das?«

Der Capitain griff hastig danach, wog den einen Barren in der Hand, und winkte dann dem Steuermann mit den Augen, ihm in die Kajüte der Dschunke zu folgen.

»Steuermann,« sagte er hier mit leiser, flüsternder Stimme – »wie viel – wie viel solcher Barren liegen an Bord?«

»Und ist es nicht Gold?« frug dieser zurück.

»Wie viel solcher Barren liegen an Bord?« wiederholte aber der Capitain, ohne die Frage zu beantworten.

»Wenigstens fünfhundert,« sagte der Steuermann jetzt, von dem geheimnißvollen Wesen des Capitains selber angesteckt.

»Und wo liegen sie?«

»In einem kleinen Verschlag dicht unter der Kajüte, den ich erst aufbrechen mußte.«

Der Capitain schwieg, und erst nach längerer Pause sagte er zögernd:

»Wissen die – Leute etwas davon?«

»Nein,« flüsterte der Steuermann – »aber – wenn nun –«

»Steuermann,« sagte der Capitain mit feierlicher Stimme, »den Fund hat uns der liebe Gott geschickt. Wir haben Beide Frau und Kinder zu Haus und für unsere Rheder schon gethan, was sie nur verlangen können. In Californien, als die ganze Mannschaft davonlief, sind wir Beide allein an Bord zurückgeblieben und haben den Rhedern das Schiff erhalten, und kein Gold hat uns dort verlocken können, unserer Pflicht untreu zu werden. Aber welchen Dank haben wir dafür gehabt? – unser Lohn ist fortgegangen – ein Gehalt, für den nicht einmal ein Schiffsjunge in Californien gearbeitet hätte, und wie wir zurückkamen, sagten die Herren im Comptoir noch nicht einmal: danke, Capitain, danke, Steuermann.«

»Oh,« meinte der Steuermann, »es fehlte gar nicht viel, so hätten wir auch noch Nasen gekriegt, daß uns die Leute überhaupt nicht an Bord geblieben waren und wir schweres Geld für Andere zahlen mußten«

»Na ja, Steuermann,« fuhr der Capitain fort – »damals sind wir vielleicht Esel gewesen und haben unser Glück mit Füßen von uns gestoßen, aber – es war eben unsere Pflicht, und ich werde nie im Leben bereuen, die erfüllt zu haben. Es ist mein Stolz. Wenn wir aber jetzt wieder nur an unsere Rheder denken wollten, dann hätten unsere Frauen und Kinder Recht, wenn sie uns noch im Grabe fluchten, und ich meines Theils sehe nicht ein, weshalb den Kaufleuten daheim das allein gehören soll, was wir hier auf offener See, gewissermaßen auf offener Straße finden. Ich denke, die Rheder dürfen vollkommen zufrieden sein, wenn wir ihnen ihren Theil der Ladung lassen und das bischen Gold für uns behalten.«

»Ja, Capitain,« sagte der Steuermann, dem das auch einzuleuchten schien, »aber wenn die Mannschaft nun von der Sache Wind bekommt? Das Volk kann im Leben das Maul nicht halten, und nachher –«

»Kaufen wir uns Jeder ein Schiff,« sagte sein Vorgesetzter, »und lassen die Leute eben schwatzen was sie wollen. Wenn wir im ostindischen Archipel herumschwimmen, kann es uns ganz entsetzlich gleichgültig sein, ob die Dintenklexer daheim die Nasen rümpfen oder nicht. Die vernünftigen Leute aber werden nicht wieder sagen wie damals: ›der Capitain war ein Esel‹ – sondern sie werden meinen: ›diesmal hat er es nicht so dumm angefangen, wie das erste Mal.‹ Uebrigens brauchen die Leute gerade nicht mehr von den gelben Stangen da zu wissen, als wir ihnen eben sagen wollen. Was hat die Dschunke sonst noch für Ladung ein?«

»So viel ich bis jetzt gesehen habe, Thee,« sagte der Steuermann, »vielleicht auch noch irgendwo ein paar Kisten Opium weggestaut –«

»Na ja, dann ist Alles in Ordnung,« schmunzelte der Capitain; »die Brise wird immer schwächer, je höher die Sonne steigt, und wir können das Wrack bequem langseit nehmen. Während dann die Ladung übergehoben wird, bringen wir auch die Barren für uns in Sicherheit, und wenn jemand Anderes etwas davon erfährt, sind wir eben nur selber schuld daran.«

»Und die ganzen Barren sollen wir für uns behalten, Captein?« frug der Steuermann, der solchen Reichthum noch gar nicht fassen und begreifen konnte.

»Die Rheder machen genug Verdienst an der übrigen Ladung,« meinte sein Vorgesetzter trocken.

»Und sind keine Schiffspapiere da?«

»Ein paar Bücher liegen da unten,« brummte der Capitain, »aber nur mit solchen Figuren vollgemalt, wie sie auf den Theekisten stehen. Da soll der Teufel daraus klug werden.«

»Und was mag solcher Barren wohl werth sein?«

»Hm,« sagte der Capitain und wog das Gold in der Hand – »drei Pfund hat so ein Stück gewiß, und wenn wir das Pfund nur zu zweihundert Dollar rechnen, kommt für uns auf den Mann etwa fünfzigtausend Dollar. Da können wir lange fahren, ehe wir so viel verdienen.«

»Fünfzigtausend Dollar!« rief der Steuermann fast erschreckt aus. »Das sind weit über sechzigtausend Thaler, dafür kauft man sich ein Schiff und kann sich's aussuchen.«

»Das sollt' ich meinen,« rief der Capitain, »und die Rheder würden nicht schlecht lachen, wenn wir es ihnen in die Taschen steckten. Aber jetzt laßt uns sehen, daß wir das Wrack langseit bekommen. Wenn wir die Schamfielblöcke dazwischen legen, kann es keinen Schaden thun, und die Leute mögen dann rasch daran gehen, die Ladung überzunehmen. Die bringt überdies mehr ein als das bischen Fracht, das wir in Kanton bekommen haben.«

Dem Steuermann schwindelte der Kopf ordentlich. – Sechzigtausend Thaler – so viel hatte er sich bis dahin noch nicht einmal auf einem Fleck zusammen gedacht, und das sollte Alles sein eigen sein – sollte ihm gehören, daß er damit gehen konnte, wohin er wollte. – Wie in einem Traum gab er die verschiedenen nöthigen Befehle, und während der Isegrimm jetzt vollständig beilegte, und die Dschunke in Lee und langseit nahm, sprangen die Matrosen an die willkommene Arbeit, die ja auch ihnen außergewöhnlichen und ersehnten Lohn versprach. Die Kisten wurden rasch nach einander mit einem Flaschenzug übergehoben, oder auch mit den Händen zugereicht, und der zweite Steuermann überwachte das Ganze, notirte die Zahl der Kisten und wies ihnen ihren Raum im untern Verdeck an. Der Steuermann selber ging indeß daran, ihre Barren in Sicherheit zu schaffen, das heißt aus dem untern Raum der Dschunke herauszutragen und sie dem Capitain zuzureichen, der sie dann eigenhändig in seine Kajüte spedirte. Mit wenigen hätte das auch wohl unbemerkt geschehen können, aber es waren ihrer zu viele, und die Leute selber, die nichtsdestoweniger bei ihrer Arbeit bleiben mußten, wurden zuletzt auf das aufmerksam, was ihre beiden höchsten Vorgesetzten mitsammen trieben. Schon das war ihnen dabei verdächtig, ihren Capitain, der sonst bei nichts mit Hand anlegte, arbeiten zu sehen, daß ihm der Schweiß von der Stirn tropfte, und das mußte sicher einen ganz besondern Grund haben. Was hatten die Beiden also da gefunden, das ihnen verheimlicht wurde, und entzogen sie ihnen dadurch nicht einen Antheil an ihrer Entdeckung?

Der Untersteuermann, der es an Bord der Schiffe meistens mit den Leuten hält, weil er auch den größten Theil ihrer Arbeiten theilen, ja sogar Morgens das Deck mit ihnen waschen muß, wurde vor allen Dingen davon in Kenntniß gesetzt. Er befand sich gerade im Raum des eigenen Schiffes, um den Ort anzugeben, wo die Theekisten am vortheilhaftesten eingestaut werden konnten und am gleichmäßigsten vertheilt waren. Er selber fand leicht einen Vorwand, an Bord der Dschunke zu gehen, übergab deshalb die Aufsicht unten so lange dem Zimmermann und stieg langsam an Deck.

Einen Blick nach dem Quarterdeck hinüber überzeugte ihn auch bald, daß die Leute Recht hatten und etwas Ungewöhnliches da hinten vorging, und was das war, davon wollte er sich vor allen Dingen erst einmal überzeugen. Ohne also weiter den Kopf dahin zu drehen, stieg er langsam über die Schanzkleidung des eigenen Schiffes, ließ sich an den Rusteisen, so weit es ging, hinunter und sprang auf das Deck der Dschunke, in deren Raum er gleich darauf verschwand. Hier untersuchte er vor allen Dingen die noch darin befindliche und nicht beschädigte Fracht, denn die unteren Kisten waren durch eingedrungenes Seewasser erreicht und verdorben worden, und kletterte dann ohne Weiteres durch die schmale Oeffnung in der Bambuswand nach hinten, der chinesischen Kajüte zu.

Der Steuermann, der dort gerade wieder eine Partie der Barren aufgenommen, hatte ihn aber kommen hören, den Deckel des Verschlages wieder zugedrückt und einen alten Kaffeesack über die Barren geworfen, die außen lagen.

»Hallo, Meier, was giebt's?« redete er den Untersteuermann dabei an. »Seid Ihr bald fertig drüben?«

»Gleich, Steuermann – wollte nur einmal sehen, was hier noch steckt, und ob wir noch etwas davon gebrauchen könnten.«

»Hier ist nicht viel mehr,« sagte aber der Steuermann vollkommen ruhig. »Die Bücher und Instrumente, die übrigens nicht viel werth sind, hab' ich dem Capitain schon hinauf gereicht. Ein paar Dutzend geschnitzte Elfenbein-Schachspiele standen übrigens noch hier, und anderes Spielwerk von Bambus und Holz. Doch das werd' ich schon Alles selber ausräumen, und wenn wir wieder unterwegs sind, können wir den ganzen Kram dann sortiren und aufschreiben.«

»Wie wird es denn mit dem Tauwerk? – schlagen wir das los?«

»Das Beste davon, ja – die Anker nehmen wir auch mit – Ketten haben die Burschen ja so nicht an Bord. Auch etwas von dem Holzwerk laßt überwerfen; wir können's zur Feuerung gut gebrauchen. Aber macht rasch, Meier – wir haben uns schon länger mit dem Wrack aufgehalten, als gut ist, und dahinten die Wolken werden uns wohl bald eine stärkere Brise bringen.«

»Hm,« brummte der Untersteuermann und wollte, wie in Gedanken, den vor ihm liegenden Kaffeesack vom Boden aufheben. Der Steuermann aber, der jede seiner Bewegungen beobachtet hatte, verhinderte ihn daran und sagte ruhig:

»Laßt den nur liegen, Meier – den brauch' ich noch, die Kleinigkeiten hineinzupacken, denn wir wollen Alles mitnehmen, was wir hier finden. Daheim können wir's nachher als chinesische Merkwürdigkeiten verkaufen oder unseren Leuten mitbringen. Geht nur wieder an Eure Arbeit, daß wir fertig werden.«

Meier mußte allerdings dem Befehl Folge leisten. Der Steuermann hatte aber nicht hindern können, daß er den Sack ein klein wenig verschob, und des Seemanns scharfes Auge entdeckte im Nu unter dem einen Zipfel die Spitze eines der glänzenden Barren. Er erschrak ordentlich darüber, wußte aber auch nicht gleich, was er thun solle, und kroch langsam wieder in den Raum zurück, um sich dort die Sache erst vor allen Dingen einmal zu überlegen. Hier beschloß er jedoch, den Leuten vor der Hand von seiner Entdeckung nichts zu sagen, denn daß das Gesehene Gold gewesen sei, daran zweifelte er keinen Augenblick mehr. Der Blick, den er nach dem Sack und seinem darunter verborgenen Inhalt geworfen, war aber dem Steuermann ebenfalls nicht entgangen und beunruhigte ihn nicht wenig. Vielleicht hatte der Mann aber doch eben nichts weiter gesehen, und er ging jetzt nur desto eifriger daran, die letzten der unerwartet zahlreichen Barren in Sicherheit zu bringen. Er that das so schlau als möglich, und wickelte immer einige von ihnen in ein Tuch ein, während er dem Capitain dabei zugleich ein paar andere gleichgültige Gegenstände offen mit hinüberreichte, bis nach Verlauf einiger Stunden auch der letzte Rest des gefundenen Schatzes gehoben und – geborgen war.

Eine Stunde etwa verging jetzt noch mit Durchstöbern des verlassenen Fahrzeuges, aus dem das und jenes als der Erhaltung werth mitgenommen wurde, bis endlich der Capitain den Befehl gab, die Taue loszumachen und die Segel wieder aufzubrassen und zu setzen. Wenige Minuten später flogen die Raaen herum, der Isegrimm entfaltete wieder einen Theil der bisher geborgenen Leinwand, und glitt bald darauf von dem geplünderten Wrack hinweg, das er schwerfällig schaukelnd und seine Masten schleppend auf den Wellen zurückließ.

Der Isegrimm setzte unterdessen seinen Weg nach Batavia fort, und die Mannschaft hatte den Tag über genug zu thun, um das geborgene Gut an seinem eigenen Bord überall ordentlich unterzubringen. Umsonst suchten sie aber von dem Untersteuermann herauszubekommen, was er eigentlich in der Dschunken-Kajüte gesehen und was der Obersteuermann dort getrieben. Der Untersteuermann hatte sich die Sache nämlich indessen überlegt und gefunden, daß er für seine eigene Person viel besser fahren würde, wenn er den Steuermann wissen lasse, er habe etwas gemerkt, und könne es, wenn er wolle, den Leuten verrathen. Dadurch zwang er seine beiden Vorgesetzten ohne Weiteres, ihn zum Theilhaber ihres goldenen Fundes zu machen. Ging die Sache ihren ordentlichen Weg, so kam doch nicht eben besonders viel auf den einzelnen Mann; rettete er aber für sich selber ein Drittheil des geheimen Fundes, – den er übrigens gar nicht für so bedeutend hielt – so zählte das viel eher. Noch an dem nämlichen Abend nahm er deshalb auch Gelegenheit, dem Steuermann ziemlich deutlich zu verstehen zu geben, daß er – der Untersteuermann – nicht so leicht hinter das Licht geführt werden könne und ganz genau wisse, was noch sonst an Bord der Dschunke gewesen – außer den Schachspielen und Theekisten. – Der Steuermann that aber, als ob er auch kein Wort von der Anspielung verstände, und als der Untersteuermann endlich, dadurch ärgerlich gemacht, geradezu behauptete, eine Goldstange unter dem Kaffeesack gesehen zu haben, lachte ihm sein Vorgesetzter in's Gesicht und meinte: dann thäte es ihm entsetzlich leid, daß er ihn daran verhindert habe, den alten Sack wegzunehmen, denn in dem Fall hätten sie vielleicht gar einen Schatz gefunden, der nun noch auf der Dschunke im Meer herumschwimme.

Aus dem Burschen war nichts im Guten herauszubekommen, das sah der Untersteuermann jetzt wohl ein. Wenn er aber auf solche Art sein Drittheil aufgeben mußte, war er wenigstens fest entschlossen, sich nicht um den ihm gebührenden Antheil des Fundes prellen zu lassen, und dem Steuermann konnte es nicht entgehen, daß Meier noch an dem nämlichen Abend eine lange und eifrige Unterredung mit dem Zimmermann, dem Vorgesetzten des Vorcastells, hielt. Die Sache konnte am Ende doch schief gehen, denn wenn die Leute auch unterwegs nichts unternehmen durften, was sie im nächsten Hafen der Anklage von Meuterei ausgesetzt und da sicherer und scharfer Strafe überliefert hätte, so brauchten sie ihren Verdacht im nächsten Hafen eben nur zur Anzeige zu bringen, und eine Entdeckung des beabsichtigten Unterschleifs war dann sicher zu befürchten. Das zu vermeiden, hatte er an dem nämlichen Abend, und zwar auf seiner Wache, wo er den Capitain an Deck rief, eine lange Unterredung mit diesem, und der Plan, den sich die beiden würdigen Männer dabei ersannen, sollte sie mit ihrem Schatz in Sicherheit bringen, ohne irgend einer Gerichtsbarkeit darüber Rede zu stehen.

An Bord ging indessen Alles nach wie vor seinen ruhigen Gang. Der Capitain wie Steuermann nahmen zur gewöhnlichen Zeit ihre Observationen und bestimmten danach den Lauf des Schiffes, und zeichneten auf der Karte die zurückgelegte Distance in der üblichen Weise an. In Wirklichkeit richtete der Capitain seinen Lauf mehr nach Südwesten, in die Nähe des Freihafens Singapore zu kommen, und hatte auch auf der dem Untersteuermann zugänglichen Karte eine viel größere zurückgelegte Entfernung angegeben, als sie bis dahin gemacht. Er wußte recht gut, daß er ihn dadurch am leichtesten irre führen konnte.

Der Karte nach waren sie demnach schon ganz in der Nähe der Insel Bangka, die sie, wie er meinte, am nächsten Morgen in Sicht haben konnten. In Wirklichkeit aber näherten sie sich der Südspitze von Malakka, und dort hoffte der Capitain mit Hülfe des Steuermanns seinen Schatz in Sicherheit zu bringen.

Es war Abend geworden, als er seine darüber etwas erstaunte Mannschaft durch den Untersteuermann zusammenrufen ließ und den Leuten jetzt ankündigte, daß er indessen die Berechnung der von dem Wrack geborgenen Güter gemacht, die er allerdings erst zu Hause angekommen richtig vertheilen dürfe. Da sie sich aber dem Hafen von Batavia näherten, wo er seiner Mannschaft ein paar freie Tage zu geben gedenke, und sie sich die Zeit über so musterhaft betragen hätten, so wolle er ihnen gern etwas von ihrem Fund auf Abschlag auszahlen und ihnen heut Abend einen freien Grog gestatten. Das Wetter sei ruhig, eine Gefahr nicht zu befürchten, und sie möchten sich deshalb einmal einen lustigen Abend machen.

Willkommenere Botschaft kann einem Matrosen selten auf See werden, und als ihnen der Capitain nun noch per Mann zwanzig spanische Dollar aus dem gefundenen Sack durch den Steuermann auszahlen ließ – der Untersteuermann bekam vierzig – und der Steward dann die Anweisung erhielt, ein Fäßchen Rum mit einer Quantität Zucker an Deck zu schaffen, kannte ihr Jubel keine Grenzen. Seeleute leben ja überhaupt nur für den Augenblick, und deshalb kümmerte sich die Mannschaft des Isegrimm jetzt auch nicht im Mindesten darum, was ihr Capitain vielleicht noch außerdem bei Seite geschafft haben könnte. Das war eine Sache, die später ihre Erledigung fand, für jetzt hatten sie die Aussicht lustiger Zeit im Hafen, mit einer Tasche voll Geld, und die Gewißheit eines steifen Grogs für diese Nacht – was wollten sie mehr?

Selbst der Untersteuermann schöpfte nicht den mindesten Verdacht, denn er glaubte, der Capitain wolle ihn mit der Abzahlung nur beschwichtigen, daß er, im Hafen angekommen, das vermuthete Gold nicht weiter erwähnen solle. Uebrigens war er fest entschlossen, sich mit den vierzig Dollar nicht abkaufen zu lassen, – die vierzig Dollar hatte er auch außerdem verdient.

Das Schiff lief vor dem Monsun langsam seine Bahn entlang. Die Brise wehte eben stark genug, die Segel auszublähen, und am Bug vorn kräuselte sich nur leicht der phosphorescirende Schaum der dunkelblauen, leise wogenden See. Desto lebendiger aber ging es heute an Bord her, wo der Steward bald sein kleines Fäßchen in die immer durstigen Kehlen auslaufen ließ. Je mehr das starke, sehr versüßte Getränk aber in dem Gefäß abnahm, desto lauter und jubelnder geberdete sich die Schaar, und während einer der Leute – der Zimmermann – eine alte Geige aus seiner Koje holte und vom Gangspill herab seine schrillen Weisen ertönen ließ, faßten sich die derben Burschen, zwei und zwei, und wirbelten sich herum nach Herzenslust. Selbst der Obersteuermann, der ihnen heute eigenhändig den Grog mit Zucker – aber ohne Wasser – zurecht gemacht, mischte sich unter sie, und während er sie ermahnte, hübsch nüchtern zu bleiben, reichte er ihnen doch auch wieder die verführerischen Becher dar, die nicht umsonst so süß gewürzt waren. – Es dauerte auch kaum zwei Stunden, so konnte fast Keiner der Leute mehr auf seinen Beinen stehen. Der Capitain hatte schon selber das Steuer genommen und hielt unbeachtet so weit nach Westen hinüber, wie es ihm die Stellung der Segel überhaupt gestattete. Auch dem Untersteuermann, der sonst eine tüchtige Portion vertragen konnte, war der heute ohne Wasser angemischte übersüße Grog in den Kopf gestiegen, und sehr erwünscht kam ihm die Aufforderung des Obersteuermanns, jetzt lieber zur Koje zu gehen, damit er nachher wieder auf seiner Wache munter und bei der Hand sein könne. Er taumelte mehr als er ging die Kajütentreppe hinab, und warf sich, angekleidet wie er war, auf sein schmales Lager.

Den Augenblick hatten die beiden Verbündeten schon lange herbeigesehnt, denn die Nacht war mehr und mehr vorgerückt, und Zeit zum Ausschlafen durften sie Keinem ihrer Leute lassen.

Die Matrosen lagen ebenfalls schon sämmtlich schnarchend überall an Deck umhergestreut. Kaum wußten sie deshalb den letzten, den Untersteuermann, sicher in seiner Koje, als der Capitain das Ruder sich selber überließ und dann mit dem Obersteuermann rasch und so geräuschlos als möglich das am Stern des Schiffs an seinen Krahnen hängende Schiffsboot in die See hinunterließ.

Alles dort hinein Gehörende, wie Compaß, Lebensmittel und Getränke, war schon über Tag zurechtgelegt worden und brauchte jetzt nur hinabgereicht zu werden, und als Ballast folgten nun die kostbaren Ballen, die der Capitain dem Obersteuermann hinunterließ.

Die Barren hatte der Obersteuermann heut über Tag, während er die Wache zur Koje hatte, immer zehn und zehn in Segeltuch eingenäht, und das ziemlich geräumige Boot, nur von zwei Leuten bemannt, trug die Last bequem und leicht. Alles beendet, gebrauchte der Capitain noch die Vorsicht, den Chronometer zu verstellen, damit der Untersteuermann nicht so bald einen Hafen erreiche, und als sie eingeladen, was sie des Mitnehmens werth fanden; schifften sie sich Beide ein, henkten den Block aus, der sie noch an Bord festhielt, setzten ihr kleines Segel und ließen bald das vor der Hand noch ruhig seine Bahn verfolgende Schiff in weiter Ferne hinter sich.


Der Untersteuermann, der sich noch von Allen am nüchternsten gehalten, wachte zuerst wieder auf. Die Brise war stärker geworden, die See ging etwas höher, und die beiden niedergelassenen Blöcke, an denen das Boot gehangen, schlugen in regelmäßigen Zwischenräumen, mit der Bewegung des Schiffes, gegen den Spiegel desselben an.

Der Seemann richtete sich in seiner Koje auf und horchte auf das ungewohnte Geräusch. Der Kopf war ihm noch wirr und wüst von dem im Uebermaß genossenen Rum, und im Magen schien es ihm auch nicht ganz recht zu sein, denn er schnitt ein miserables Gesicht. Fast instinctartig griff er aber nach seiner Uhr in der Tasche, und als er den Zeiger derselben vorsichtig mit dem Finger gefühlt, sprang er erschreckt aus seiner Koje und an Deck.

Alles war hier todtenstill. Er blieb stehen und rieb sich die Augen, denn er glaubte noch fortzuträumen – aber der durchschwärmte Abend fiel ihm wieder ein, und er schüttelte leise vor sich hin mit dem Kopf.

»Schöne Geschichte das!« murmelte er dabei. »Wie es scheint, bist Du der einzige nüchterne Mensch an Bord, Meier, den Mann am Steuer vielleicht ausgenommen, der –« Er hielt mitten in seinem Selbstgespräch ein und blieb vor Staunen stumm vor dem leeren Steuerrad stehen. Dann warf er einen raschen erschreckten Blick nach den indeß durch den Wind gedrehten Segeln hinauf, und sah sich verwundert rings an Deck um. Jetzt schlugen die Blöcke wieder hinten gegen das Schiff an, und er schritt zum Heck, lehnte sich mit den Armen auf die Schanzkleidung und schaute hinüber.

In der Stellung blieb er wohl eine Viertelstunde. Er sah die hinuntergelassenen Blöcke, sah, daß das Boot fehlte, und immer noch nicht recht klar im Kopfe, zuckten ihm die Gedanken, was hier wohl vorgefallen sein könne, herüber und hinüber durch das Hirn. Erst ganz allmälig dämmerte ihm aber die mögliche Wahrheit des Vorgefallenen, wenn er sich auch noch immer nicht denken konnte, daß der Capitain und Obersteuermann das eigene Schiff auf offener See verlassen haben sollten. Aber er taumelte doch wieder in die Kajüte hinunter, um zu sehen, ob der »Alte« in seiner Koje wäre, und erst als er diese leer, sonst aber alles in der gewöhnlichen Ordnung fand, erst als er den Obersteuermann ebenfalls nirgends bemerken konnte, begann er das Ganze zu begreifen.

Mit dem Bewußtsein wurde er jedoch auf einmal vollständig nüchtern und versuchte jetzt das von Anfang an Unmögliche, nämlich die übrige Mannschaft ebenfalls munter und an Deck zu bekommen. Das war freilich leichter unternommen als ausgeführt; nur den Zimmermann rüttelte er endlich wach und theilte ihm die wunderliche Entdeckung mit. Dieser wollte es allerdings im Anfang gar nicht glauben; es blieb ihm aber zuletzt kein Zweifel mehr. Das fehlende Boot zeigte ihnen nur zu deutlich, daß die beiden fehlenden Hauptpersonen des Schiffes auch mit dem Boot verschwunden waren, und ein kurzer Kriegsrath wurde jetzt gehalten, was zu thun sei: die Flüchtigen aufzusuchen, oder ihren bisher eingehaltenen Cours zu verfolgen und sich weder um Capitain noch Steuermann weiter zu bekümmern.

Die Letzteren hatten aber jedenfalls mit dem kleinen scharfgebauten Boot einen tüchtigen Vorsprung – wenn sie wirklich desertirt waren. Die genaue Richtung, die sie genommen, ließ sich ebenfalls nicht ermitteln, denn sie konnten eben so gut mit dem Nordost-Monsun nach Südost wie nach Südwest gesegelt sein, also blieb ihnen nichts Anderes übrig, als ihren Cours beizubehalten und einfach im nächsten Hafen die Flucht des Capitains wie des ersten Steuermanns pflichtschuldigst anzuzeigen. Den Berechnungen nach, die der Capitain in der letzten Zeit auf der Karte angegeben, glaubte der Untersteuermann auch, daß sie ganz in der Nähe von Batavia wären, und das, oder Java überhaupt, getraute er sich schon allein zu finden.


Die beiden Flüchtigen hatten indessen ihre Maßregeln ganz vortrefflich genommen, und fast vor dem Wind, mit der Stelle, auf der sie sich befanden, ganz genau bekannt, und mit eben genug Brise, ihr leichtes Boot rasch über die Wogen zu treiben, hielten sie auf die Südspitze von Malakka zu, erreichten diese gegen Abend, umschifften sie und landeten am nächsten Morgen glücklich in Singapore, wo ein einzelnes Boot, das man zu einem der Schiffe gehörig hielt, natürlich gar nicht weiter auffiel.

Hier nun übernahm der Capitain den Verkauf ihres Goldes, während der Steuermann unter einem von den Malayen gekauften Sonnensegel von geflochtenen Matten zurückblieb und den Schatz bewachte. Der Capitain hatte übrigens nur einen einzelnen Barren in sein Taschentuch gewickelt, und ging damit langsam in die Stadt hinauf, um irgendwo einen Goldschmied aufzutreiben, bei dem er einen kleinen Theil ihrer Barren vielleicht verwerthen konnte. Wußte er dann erst einmal den genauen Preis, den das Gold hier hatte, so ließ sich vielleicht mit einem der größeren englischen Geschäftshäuser ein vortheilhafter Kauf über das Ganze abschließen. Wenn sie auch einige Procente daran verloren, so schadete das ja nichts. Je rascher sie nur die Barren in baar Geld verwandelten, desto sicherer waren sie vor Entdeckung.

Singapore ist ein merkwürdig belebter Ort; die Straßen wimmelten von Chinesen und malayischen Lastträgern, und Laden reihte sich an Laden, wohin er immer ging. Nur Goldschmiede schien es entsetzlich wenige zu geben, und der Seemann hatte in der glühenden Sonnenhitze die winkligen Gassen wohl eine Stunde die Kreuz und Quer umsonst durchwandert, bis er endlich einen alten Chinesen in einem offenen Laden mit dem Löthen eines Ringes beschäftigt fand.

Der Capitain blieb erst eine Weile unschlüssig vor dieser unscheinbaren Werkstatt stehen. Einzelne auf dem Werktisch umhergestreute goldene Zierrathen sagten ihm aber doch, daß der Mann da drin jedenfalls zu dem Handwerk, das er suche, gehöre und ihm, wenn er auch nicht selber reich genug sei, das Gold zu kaufen, doch vielleicht einen Ort anzugeben vermöge, wo er weitere Nachfrage halten könne.

Eine andere Schwierigkeit war mit der Sprache, denn die Chinesen verstehen gewöhnlich nur ihr eigenes Kauderwelsch, und höchstens noch Malayisch, das ihnen zur Mittelssprache mit den Europäern dient. Der Alte hier machte jedoch glücklicher Weise eine lobenswerthe und sehr erwünschte Ausnahme von der allgemeinen Regel, denn wenn man auch nicht sagen konnte, daß er Englisch sprach, so radebrechte er es doch auf eine Weise, die den Capitain hoffen ließ, sich ihm verständlich zu machen. Nach kurzer Einleitung – der Frage um den Preis dieses oder jenes dortliegenden Gegenstandes – erkundigte er sich endlich bei dem Alten, ob er selber Gold kaufe, und als dieser dazu freundlich mit dem Kopfe nickte, wickelte er seinen sorgsam eingehüllten Barren aus dem Tuch heraus und gab ihn dem alten Chinesen mit der Frage, wie hoch er das Stück da taxire.

»Das da?« frug der Langzopf, betrachtete sich das fragliche Stück flüchtig und legte es endlich, ohne es einer weiteren Prüfung zu unterwerfen, auf eine neben ihm befindliche Wage, die größtentheils aus einem langen eingekerbten eisernen Stab bestand – »das hier,« wiederholte er, während er sich vorbog, die Kerbe genau zu erkennen, dabei aber doch auch wieder vorsichtig nach dem Fremden schielte, ob dieser nicht indessen mit den Händen seinem Arbeitstisch zu nahe komme, »wiegt etwas über drei Pfund – nicht viel – nur halb Loth etwa – ist etwa werth halben Dollar Pfund – macht ein und halben Dollar.«

»Ein und halben Unsinn!« brummte der Capitain vor sich hin, den gleichwohl dabei ein höchst unbehagliches Gefühl beschlich; »anderthalb Dollar für drei Pfund Gold – das glaub' ich, Alter, das wäre so ein Morgengeschäft. Du bist weiter kein Jude.«

»Drei Pfund Gold?« lachte aber der alte unverwüstliche Chinese, »ja, schönes Gold. Wenn das Gold wäre, wollte Sing Fua bald reicher Mann sein – ist Metall!«

»Ja, das weiß ich, daß es kein Porzellan ist, Holzkopf,« murmelte der Seemann vor sich in den Bart – »aber was für Metall ist es? – Gold, und wenn Du nicht den richtigen Preis dafür giebst, kannst Du Dich auch drauf verlassen, daß ich nicht dumm genug bin, es Dir zu verkaufen.«

Der Chinese zuckte die Achseln, antwortete aber weiter nichts und begann wieder an seiner vorher unterbrochenen Arbeit.

Der Seemann blieb noch eine Weile bei ihm stehen, da Jener aber nicht die geringste Miene machte, den Handel noch einmal anzuknüpfen, wickelte er seinen Barren wieder ein, drehte sich auf dem Absatz herum und verließ pfeifend den Stand des Alten.

»Metall!« – Das Wort ging ihm jedoch im Kopfe herum – wenn der alte Halunke am Ende doch Recht hatte, wenn das kein Gold gewesen wäre, und er jetzt, einem paar hundert Dollar wegen, sein Schiff, seine Anstellung, seine ganze Existenz aufgegeben hätte? – Aber es war nicht möglich: es mußte Gold sein, und der alte Schlaukopf hatte ihn nur um die Stange betrügen wollen. Ehe er um die Ecke bog, rief er ihn gewiß zurück. An der Ecke blieb er stehen und sah sich nach dem Chinesen noch einmal um. Der aber kauerte unbeweglich über seiner Arbeit und kümmerte sich gar nicht mehr um ihn.

Der Capitain traf jetzt einen Engländer auf der Straße, der allem Anschein nach Einkäufe in den verschiedenen kleinen Läden machte. An diesen wandte er sich und erkundigte sich nach einem ordentlichen Goldschmied. Ein solcher, und zwar ein Franzose, wohnte nicht weit entfernt in einer kleinen Straße – der Engländer führte ihn selbst dort hin – und hier auf's Neue erfrug der Seemann den Preis seines Barrens. Aber auf's Neue wurde ihm hier die nämliche Summe genannt, die schon der Chinese angegeben hatte. Die Masse hieß im dortigen Handel, wie der Franzose sagte, kurzweg Metall und bildete einen der chinesischen Handelsartikel. Der Preis stand jetzt, wie er meinte, gerade ziemlich hoch, und er könne, wenn er mehr davon habe, seinen Vorrath vielleicht zu einem halben Dollar oder zweiundfünfzig Cents per Pfund verwerthen.

Der Seemann hörte der Auseinandersetzung wie ein Träumender zu. Vor ihm zusammen brach das Luftschloß, das er sich wolkenhoch noch an dem Morgen aufgebaut, und er fürchtete sich jetzt fast, zu seinem Boot zurückzukehren und seinem Leidensgefährten die traurige Nachricht mitzutheilen. Immer klammerte er sich dabei noch an die letzte Hoffnung an, ob er nicht Einen fände, der ihm doch die tröstliche Nachricht gebe, daß es wirklich Gold sei, was er trage. Das Resultat blieb aber dasselbe, wohin er sich auch wandte; das schreckliche Wort Metall schmetterte überall seine Hoffnungen zu Boden, und es blieb ihm zuletzt nichts Anderes übrig, als zu glauben, was ihm die Leute sagten.

In einer wahrhaft verzweifelten Stimmung kehrte er zu seinem Boote zurück und getraute sich fast gar nicht, dem Steuermann ihre mißglückte Speculation mitzutheilen.

»Na ja,« sagte dieser, als er sich doch endlich ein Herz dazu gefaßt, »ob ich es mir aber nicht gedacht habe? Gold, wie käm' Unsereiner auch zu Gold!«

»Und was fangen wir jetzt an?« frug kleinlaut der Capitain.

»Was wir anfangen?« rief aber der Steuermann erstaunt, »ich sollte denken, das wäre einfach genug. Wir verkaufen den Plunder an den Ersten, der uns baar Geld dafür giebt, und fahren, so rasch als wir können, hinter unserem Isegrimm wieder her.«

»Hinter dem Schiff?«

»Nun versteht sich. Sollen wir uns etwa auf einem andern als gemeine Matrosen verdingen und dann noch als Deserteure in allen Blättern ausgeschrieben werden?«

»Und mit dem Boot nach Batavia?«

»Denken gar nicht daran,« brummte der Steuermann. »Wie Ihr an Land wart, Capitain, kam hier die Jolle von der amerikanischen Barke da drüben vorbeigefahren. Die will heute Nachmittag in See und direct nach Batavia gehen, und auf der nehmen wir Passage. So viel wird doch der lumpige Stoff da im Boot abwerfen, daß sie uns und die Jolle frei hinüber schaffen.«

»Und wenn uns der Untersteuermann nachher verklagt?«

»Wohl weil er sich betrunken und seine Wache jedenfalls verschlafen hat?« lachte der Steuermann. »Nein, Capitain, wenn Sie sich davor fürchten, können Sie's halten wie Sie wollen, aber meinen Antheil an dem gefundenen Thee laß' ich nicht im Stich, so viel weiß ich, und wenn hier Jemand dumm genug ist, uns für das Pfund von dem Zeug da einen halben Dollar zu geben, so weiß ich, wer den Nachmittag wieder unterwegs nach Batavia ist.«

Der Capitain wollte noch Einreden machen, der Obersteuermann widerlegte sie aber alle, und rasch gingen sie jetzt daran, das Metall, womit sie ihr Boot befrachtet hatten, zum Marktpreis loszuschlagen.


Der Untersteuermann auf dem Isegrimm segelte indessen unverdrossen nach Süden fort und gerieth Mittags, als er die Observation nahm und den wirklichen Breitengrad ausrechnete, auf dem er sich mit seinem Schiff befand, in die peinlichste Verlegenheit, da das mit der Karte gar nicht stimmte. Da übrigens der Chronometer nicht mehr richtig ging, was er jedoch natürlich nicht wußte, fand er sich in den Inseln, die er unterwegs traf, gar nicht aus und lief sie fast alle an, immer in der Meinung das sei endlich Java. Zu seinem Glück überholte ihn aber ein englisches Schiff, das aus der Straße von Malakka kam und nach Sidney wollte. Mit Hülfe desselben richtete er seinen Chronometer wieder, bekam die ordentliche Distance und erreichte endlich, freilich nach tüchtiger Verzögerung, glücklich die Rhede von Batavia. Eigentlich war es ihm übrigens recht, daß er seine beiden Vorgesetzten auf solche Art los geworden. Da er das Schiff nun selber in den Hafen gebracht hatte, mußte ihn das bei den Rhedern außerordentlich empfehlen, und für die Reise durfte er sich überdies als Capitain des Isegrimm betrachten – ja wer wußte, ob ihm die Rheder nicht jetzt das Schiff für immer ließen. Von jenem Abend brauchte er ja weiter nichts zu erzählen, und seinen Bericht über die Flucht des Capitains und Obersteuermanns wollte er schon machen.

Kaum war deshalb auch der Anker in die Tiefe gerollt und die Flagge aufgezogen, als er in die Kajüte ging, die er jetzt in Beschlag genommen hatte, dort seine Ufertoilette machte, und nun langsam wieder an Deck stieg, um an Land zu fahren und dort dem Kaufmann, für den ihre Ladung bestimmt war, seinen Bericht abzustatten. Ein von Malayen bemanntes Boot hatte schon, wie es dort Gebrauch ist, seine Dienste angeboten, und Meier stand, die Blechbüchse mit den Papieren unter dem Arm, an Deck. – Zwischen den Schiffen durch, vom Lande her, ruderte da ein Boot, in dem unter einem Sonnensegel zwei Europäer saßen.

»Hol's der Teufel, Meier,« sagte da der Zimmermann, der neben seinem Vorgesetzten stand, »das Ding sieht gerad' so aus wie unsere alte Jolle – und sie halten auch genau auf uns zu.«

Der Untersteuermann sagte gar nichts, aber es kam ihm bald selber so vor, und gespannt erwartete er das Nahen des Bootes, das gleich darauf dicht neben dem malayschen langseit lief. Wer darin saß, hatte er wegen des Sonnensegels noch nicht erkennen können. – Jetzt kamen die beiden Europäer darunter vor, und als der eine von ihnen den Kopf hob, rief der Untersteuermann ordentlich erschreckt aus:

»Hol's der Teufel – der Captein!«

»Guten Tag, Meier,« sagte dieser aber vollkommen ruhig. – »Ihr seid höllisch lange ausgeblieben, daß wir Beide, in der Nußschale von einem Ding, da eine Spazierfahrt machen und Euch doch wieder überholen konnten.«

»In dem Boot sind Sie aber doch nicht nach Batavia gefahren?« rief der Untersteuermann und behielt den Mund vor lauter Erstaunen offen. Der Capitain kletterte, ohne dem Untersteuermann für jetzt weiter Rede zu stehen, von seinem Obersteuermann gefolgt, rasch an Deck und gab hier so ruhig seine Befehle, als ob er nicht einen Augenblick den Fuß von Bord gesetzt hätte.

»Sind das die Papiere alle, Meier?« frug er dabei, indem er nach der Blechbüchse griff.

»Ja, Captein,« sagte Meier noch vollständig verblüfft, »aber – aber um Gottes willen – sind Sie denn eigentlich –«

»Ich will Euch etwas sagen, Meier« meinte der Capitain freundlich, indem er ihn an einem Knopf faßte und bei Seite führte. »Ich werde von jenem Abend an Bord weiter nichts erwähnen. Das nächste Mal aber, wenn ich Euch wieder Grog geben lasse, dann bedenkt hübsch, daß Ihr mit als Offizier des Schiffes vor allen Anderen nüchtern bleiben müßt. Es ist kein Spaß, zu Zweien ein solches Schiff zu regieren, und daß ich dabei über Bord fiel wahrhaftig kein Wunder. Zum Glück hing das Boot dahinten so, daß es der Obersteuermann allein niederlassen konnte – ich wäre sonst verloren gewesen, denn mit den Kleidern ist schlecht schwimmen. Wie uns übrigens das Schiff, das der Obersteuermann allein nicht beilegen konnte, ohne Mann am Steuer, statt durch den Wind zu drehen, davonlief, glaubt ich meiner Seel' nicht mit dem Leben davon zu kommen. Glücklicher Weise hat uns noch ein Amerikaner aufgefunden und aufgenommen, und da Alles gut abgelaufen ist und Ihr das Schiff ordentlich in den Hafen gebracht habt, mag es diesmal darum sein, und ich will, wie gesagt, weiter keine Anzeige davon machen.«

»Aber, Captein –«

»Schon gut, Steuermann – seht nur vorn nach dem Anker, daß der ordentlich liegt, denn es kann hier manchmal ganz verwünscht wehen. Ich will mich nur umziehen und dann gleich an Land fahren,« – und damit tauchte er in seine Kajüte unter.

»Guten Tag, Meier,« sagte der Obersteuermann, der jetzt ebenfalls an den Fallreeps heraufkam und nach dem Quarterdeck zuging – »habt Ihr gehört, was Euch der Alte gesagt hat?«

»Ja – aber,« stammelte Meier, der noch immer nicht wußte, was er aus dem Allen machen solle.

»Na, dann ist's gut; dann thut es auch. Aber apropos,« unterbrach er sich plötzlich, als er vor Meier stehen blieb und ihn aufmerksam betrachtete, »ich glaube gar, Ihr habt da eins von meinen Hemden an?«

»Ja, Steuermann, ich – ich dachte –«

»Na, geht nur hinunter und zieht es wieder aus, denn bei der Arbeit könnte es schmutzig werden, und dann seht nach dem Anker.« Und ohne sich weiter mit dem Verblüfften einzulassen, folgte er dem Capitain in die Kajüte.

Meier stand wirklich da wie vor den Kopf geschlagen. Seine beiden Vorgesetzten ließen ihm aber gar keine Zeit, auch nur zu Athem und zu ordentlicher Besinnung zu kommen. Der Capitain fuhr gleich darauf an Land, um seine Geschäfte dort zu besorgen, als ob nicht das Geringste vorgefallen wäre, und der Obersteuermann trug indessen in das Logbuch ein, daß der Capitain des Isegrimm am 27. vorigen Monats über Bord gefallen, von ihm, dem Obersteuermann, aber mit eigener Lebensgefahr im kleinen Boot gerettet sei. Das Schiff hätten sie indessen in der Nacht verloren, und seien endlich glücklich von einer amerikanischen Brig aufgefischt, die sie nach Singapore gebracht hätte. Dort seien sie dann auf einer andern amerikanischen Barke weiter nach Batavia gefahren, wo einen Tag später der Isegrimm, von dem Untersteuermann geführt, ebenfalls eingetroffen wäre.

Die Geschichte, die der Untersteuermann indessen schon in demselben Buch eingetragen, und wonach die Beiden das Schiff mit dem Boot auf unbegreifliche Weise verlassen hatten, ließ er ruhig stehen; wurde doch dieselbe durch die zweite erklärt und aufgehoben.

Der Capitain aber löschte hier seine Ladung, verkaufte außerdem die von der Dschunke geborgenen Güter, wobei er die Mannschaft vollkommen mit dem ihr zugekommenen Theil befriedigte, und nahm dann neue Fracht nach seiner Vaterstadt.

Der Untersteuermann machte allerdings noch einmal eine Anspielung aus das vermuthete Gold; der Obersteuermann nannte ihn aber einfach einen Esel und sagte ihm, er solle selber suchen, wo er es fände, und damit war die Sache abgemacht.

Als sie nach Hause kamen, erhielt der Capitain für den Antheil, den er von der geborgenen Dschunkenladung mitgebracht, von den Rhedern ein sehr schönes Geschenk und der Obersteuermann bekam das Kommando einer kleinen Brig. In die Stelle desselben an Bord des Isegrimm rückte aber ein Vetter des Rheders, ein junger Mensch, der drei Jahre Schiffsjunge auf einem andern Schiff gewesen war und dann die Steuermannskunst zu Haus gelernt hatte, und Meier – blieb nach wie vor Untersteuermann.

 


 

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.