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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 32
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Der Klabautermann und die Schifferstochter

Dicht oberhalb Cuxhaven, an der Elbe, und etwa eine Kabelslänge im Fluß draußen, lag ein kleiner Schooner seefertig mit Ladung und Leuten an Bord vor Anker und wartete nur noch auf die Ebbe und auch ein wenig auf den Wind, um seine Fahrt nach Dover an der englischen Küste zu beginnen.

Die Segel hingen gelöst an den Raaen, und die Leute waren emsig damit beschäftigt, ihr Deck »klar« zu machen, eine Arbeit, die, so lange ein Fahrzeug noch dicht am Lande liegt, immer seine besonderen Schwierigkeiten hat. Die Ebbe mußte aber bald eintreten, es stand schon still Wasser, und die Brise kam auch schon langsam über das flache Land herüber und lüftete leise die Leinwand, als ob sie versuchen wollte, was sie wohl damit anfangen könnte, wenn sie sich einmal so aus Leibeskräften hineinlegte.

Der Schooner konnte mit jedem Augenblick unter Segel gehen.

Der Platz, wo er vor Anker lag, war etwas entfernt von dem Hauptverkehr der übrigen Fahrzeuge, und das Ufer dort vollkommen menschenleer, nur ein einziges junges Mädchen stand, den einen Schürzenzipfel, mit dem sie sich eben das heiße Naß aus den Augen getrocknet, noch zwischen den Fingern, mit thränenden Blicken, herunterhängenden, gefalteten Händen und wehmüthig gesenktem Köpfchen auf dem Deich und schaute nach dem kleinen, schlanken Fahrzeug hinüber, das ihr wahrscheinlich etwas recht Liebes und Theures hinaustragen sollte in die salzige und so falsche, ungetreue Fluth.

Es war eines Seemanns Tochter und von Kindheit an daran gewöhnt gewesen, ihren Vater in See gehen zu sehen, das Herz ihr aber auch nie so schwer geworden bei irgend einem Abschied, als gerade heute. Sie wußte nicht, wie es kam; immer aber, wenn sie sich auch schon hundertmal sagte, das sei kindisch und schicke sich nicht, stiegen ihr die hellen Tropfen wieder in die treuen blauen Augen, und sie wollte jetzt nur warten, bis der Schooner wirklich gesegelt sei, und dann nach Hause gehen, sich auf's Bett legen und einmal recht von Herzen ausweinen.

Ihr Vater war der Schiffer des kleinen Fahrzeuges, ein alter wackerer Seemann, der sich seit seiner Jugend auf grünem und blauem Wasser herumgetrieben hatte und gar nicht mehr hätte zu fahren brauchen, litte es ihn nur eben zu Hause, zwischen den vier Wänden und auf der harten, unnachgiebigen Erde. Auch dies sollte wieder seine letzte Reise sein: das hatte er aber schon so oft gesagt, daß Lisbeth gar nicht mehr daran glaubte und sich schon ganz mit dem Gedanken vertraut gemacht zu haben schien, ihren Vater immer zur See fahren zu sehen. Nur heute, nur diesmal zog's ihr wie eine schwere, trübe Ahnung durch die Sinne, durch die Seele, und wenn sie sich's auch nicht selber gestehen mochte – sie fürchtete das Schlimmste.

Dem alten Manne durfte sie aber mit solchem »Schnack«, wie er's ein wenig rauh nannte, nicht kommen. Da bekam sie's gleich tüchtig, daß sie sich mit derlei Unsinn das Herz schwer mache.

»Wir stehen Alle in Gottes Hand!« meinte er bei solchen Gelegenheiten, »und ich müßte mich dann ebenso fürchten, daß Dir indeß zu Hause das Dach auf den Kopf fiele, als daß uns draußen der Hals voll Wasser liefe. Nein, Lisbeth, laß die dummen Gedanken und sei mein brav' Mädel!« hatte er ihr zum Abschied gesagt, ihr das Kinn in die Höh' gehoben und einen derben Kuß auf die kirschrothe Lippen gedrückt, und war dann, so guter Laune und Hoffnung wie je, an Bord gefahren.

Und wenn er nun nie, nie wieder zu ihr zurückkehren sollte? – Oh, es ist ein gar so wehes Gefühl, Jemand, den man so recht aus Herzensgrund lieb hat, in eine Gefahr gehen zu sehen, die man wohl fühlt, die man aber nicht einmal nennen darf, und gar nichts dabei thun kann; ihm zu helfen oder, wenn es einträfe, ihn zu retten. In solchen Fällen haben's die armen Frauen dann auch immer am schlimmsten. Der Mann stürmt hinaus und erkennt die Gefahr nicht, oder wenn er sie kennt, ist er mit ihr gewöhnlich schon so vertraut, daß er sich nicht mehr um sie kümmert, bis sie ihm an's Leben greift. Im Ringen und Kämpfen dann hat er keine Zeit, sich mit Sorgen oder Angst zu quälen – er bewältigt sie oder geht unter, und in beiden Fällen ist er nachher gleich wieder so »ruhig« als vorher. Die armen Frauen aber sitzen daheim und härmen und grämen sich; in jedem aufsteigenden Wetter sehen sie den Tod des Geliebten, von jeder schäumenden Woge fürchten sie die theure Leiche an Land gewaschen zu sehen, und dann verlangt man auch noch dabei von ihnen, daß sie sich ruhig und vernünftig betragen sollen, sich und Anderen das Herz nicht schwer zu machen. Und das Schlimmste dabei ist, daß die Leute gewöhnlich Recht haben, wenn sie es verlangen.

Lisbeth stieß endlich einen recht tiefen, tiefen Seufzer aus und schüttelte traurig mit dem Köpfchen.

»Ach Du lieber Gott!« sagte sie leise – und wieder mußte die weiße Schürze herauf, um die fallenden Thränen fortzunehmen – »es ist doch gar recht traurig auf der Welt, wo man sich kaum einmal eine Stunde freuen darf, ehe Einem die nächste schon wieder mit recht schwerem Leid auf das Herz fällt.«

Es war ihr in diesem Augenblick fast, als ob dicht neben ihr noch Jemand sei, der auch recht aus tiefster Seele aufseufze, und als sie sich rasch und halb erschreckt danach umsah, war es nur ein kleiner, untersetzter Bursch, der auf einer der gewöhnlichen, aber sehr kleinen Matrosenkisten saß, von der seine Beinchen kaum bis auf die Erde hinabreichten, und der, die Hände im Schooß gefaltet, ebenfalls wehmütig nach dem Fahrzeug, das ihr schon so manche Thränen gekostet, hinüberschaute. Sein Gesicht konnte sie noch nicht sehen, denn der gewöhnliche seemännische Strohhut verdeckte das; er ging aber sonst gar sauber und reinlich gekleidet und schien sie selber gar nicht zu bemerken, oder wenn er sie bemerkte, nicht zu beachten, und Lisbeth war doch das schönste Mädchen nicht allein in ganz Cuxhaven, nein am ganzen Elbstrand da oben, und wer schon je einmal am Elbstrand gewesen ist, wird gewiß begreifen, daß das nicht wenig zu bedeuten hat. Das Bürschchen schien übrigens noch sehr jung, und es ließ sich denken, daß ihm ganz andere Sachen im Kopf herumgingen, als hübsche Mädchengesichter und blaue Augen.

Wo konnte er aber nur hergekommen sein? – Doch, lieber Gott, Lisbeth hatte so in ihren Schmerz versunken dagestanden, ich glaube – und sie glaubte das auch – sie würde einen ganzen Frachtwagen voll Kisten und kleiner Bürschchen darauf nicht haben ankommen hören. Nur der Seufzer fand Anklang in ihrem Herzen, und sie sagte leise und sich die Augen rasch und verstohlen wischend, daß er ihre Thränen nicht sehen sollte:

»Fehlt Dir etwas, Kleiner, daß Du so traurig bist? – Du hast wohl auch zu Hause erst Abschied genommen und die Trennung liegt Dir noch schwer auf dem Herzen?«

Der Kleine schüttelte aber, ohne weiter eine Antwort zu geben, langsam mit dem Kopf und drehte das Gesicht nicht einmal um – aber ein anderer Seufzer stieg ihm aus der Brust, und er verwandte keinen Blick von dem Schooner.

Das Mädchen würde ihn sonst nicht viel beachtet haben, denn sie war zu sehr mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, um diese auf etwas Fremdes verwenden zu können; hier kam es ihr aber vor, als ob die Trauer des Knaben mit dem Schooner selber in irgend einer Beziehung stände, und sie sagte rasch:

»Willst Du noch an Bord der Hansa?« – denn diesen stolzen Namen führte das kleine Fahrzeug – »dann mußt Du Dich eilen, die Brise kommt schon auf und sie werden gleich die Anker lichten.«

Der Kleine schüttelte nur wieder einfach mit dem Kopf, ohne aufzusehen.

»Kommst Du von Cuxhaven heraus?« frug Lisbeth jetzt wieder, die kein anderes Fahrzeug hier liegen sah und jetzt selber neugierig wurde – »oder von oben herunter?«

Der Kleine schüttelte wieder mit dem Kopf und seufzte zum dritten Mal. Lisbeth wurde es ganz wunderlich zu Muthe – der Seufzer klang auch gar nicht wie aus der Brust eines Kindes – und sie sagte schon mit etwas schüchterner Stimme als vorher:

»Aber wo kommst Du da sonst her, armer Kleiner? – Vom Bord jenes Schooners?« fuhr sie dann plötzlich erstaunt fort, als das sonderbare Wesen wieder schweigend dort hinüberzeigte; »gehörst Du denn zum Schiff und willst Du nicht mitfahren?«

»Lieber nicht!« sagte da zum ersten Mal die Stimme, die keinem Knaben angehören konnte, und als das wunderliche Wesen im nächsten Augenblick den Kopf zu ihr aufhob, schaute sie in ein breites, gutmüthiges Antlitz, mit wohl etwas großem Mund, aber treuherzigen, blauen Augen, so klar und gut wie die ihren. – Doch das Gesicht war kein Kindergesicht, sondern gehörte, trotz der kleinen Gestalt, einem Manne an, dessen Alter sich allerdings nicht genau bestimmen ließ, da die sonn- und wettergebräunten Züge sich vielleicht besser conservirt hatten, als man nach dem ersten Eindruck meinen sollte, der aber jedenfalls schon manchen Sommer auf dem Rücken trug und wenig mehr in den Jünglingsjahren zu suchen haben mochte.

Lisbeth, sonst ein beherztes Mädchen, erschrak doch ein wenig, denn sie wußte gar nicht, was sie aus dem kleinen wunderlichen Wesen machen sollte, und doch lag auch wieder so viel Gutmüthiges in dessen Zügen, daß es gerade keine Furcht einflößte. Nichtsdestoweniger würde sie den Platz verlassen haben, hätten sie nicht gerade vorn auf dem Schooner Anstalten gemacht, den Anker zu lichten. Das Fahrzeug fing schon an herumzuschwingen, und es war das ein sicheres Zeichen, daß die Ebbe in der nächsten Viertelstunde eintreten müsse. Sie that also nur ein paar Schritte von ihm fort und schaute wieder nach der kleinen Hansa hinüber, die schon mehr und mehr die kommende Brise zu fühlen begann. Nur noch kurze Zeit – und das wackere kleine Fahrzeug pflügte seinen Weg durch die grüne stürmische See der fremden, fernen Küste entgegen.

Durch das Aufschauen hatte das Männlein auf der kleinen Kiste aber auch einen Blick in die lieben, traurigen Züge des Mägdleins gethan und sah ihr jetzt selber eine Weile, ohne daß sie weiter auf ihn achtete, in das holde, unschuldvolle und doch so schmerzbetrübte Angesicht. Lisbeth schien ihn aber indessen schon ganz vergessen zu haben; es war ihr wieder so weh geworden im armen Herzen als vorher, und hätte sie sich nicht geschämt, sie wäre selbst jetzt noch zum Vater hinübergefahren, um ihn zu bitten, nur diesmal an Land zu bleiben – obgleich sie recht gut wußte, was er dazu gesagt hätte.

Das kleine Männlein that indessen ein paar Mal den Mund auf, als ob es sprechen wollte, und sah dabei bald den Schooner und bald das Mädchen an; kein Laut kam aber eine ganze Weile über seine Lippen, und es ging augenscheinlich mit sich über irgend etwas, das es nicht klar bekommen konnte, zu Rathe. Endlich entschied ein wiederholter Blick auf das liebe Kind mit den verweinten Augen die Sache, und es sagte mit seiner freundlichen und noch absichtlich gedämpften Stimme:

»Hast Du irgend 'was Liebes da drüben an Bord, mein armes Mädchen?«

Lisbeth wußte erst gar nicht, ob sie ihm antworten solle oder nicht, er sah aber so ehrlich dabei aus, und es lag auch etwas so Sanftes, Teilnehmendes in der Stimme, daß sie, der es selber eine Wohlthat schien, sich nur irgend Jemandem, wer es auch sei, mitzutheilen, wieder mit einem recht schweren Seufzer sagte:

»Ach Gott, ja! Der Schiffer Lothrecht von der Hansa ist mein Vater.«

»Ist Ehren Lothrecht Dein Vater?« rief der Kleine mit mehr Interesse, als er bis jetzt gezeigt hatte, und drehte sich halb auf seinem Kistchen herum, um sie besser betrachten zu können.

Das Mädchen nickte schweigend, ohne einen Blick von dem Schooner zu verwenden, mit dem Kopfe, und der Kleine bewegte sich auch wieder in seine frühere Stellung zurück, sah nach dem kleinen Fahrzeug hin und sagte seufzend:

»Armes Mädchen!«

»Armes Mädchen?« rief Lisbeth erschreckt und wandte sich, ganz bleich werdend, nach ihm um – »armes Mädchen sagt Ihr?« – sie nannte ihn jetzt Ihr, denn das konnte sie wohl sehen, daß es kein Kind mehr war, und da mochte sie ihn doch nicht länger mit Du anreden – »um Gott, was meint Ihr damit? – droht denn dem Ehren Lothrecht irgend eine Gefahr, die Ihr kennt – ach Du mein Himmel, Ihr habt auch wohl deshalb das Schiff verlassen? – aber –« setzte sie dann rasch und kopfschüttelnd hinzu – »wie könntet Ihr's denn wissen, was draußen in See passiren wird – ach, es ist Euch wohl auch nur so bang und weh um's Herz wie mir!«

Es war, als ob der Kleine sprechen wollte – er öffnete schon den Mund, schwieg aber wieder und sah nur nach dem Schooner hin, wo jetzt die Leute eben daran gingen, den Anker zu lichten, und von wo der fröhliche tactmäßige Gesang der Matrosen laut und deutlich zu ihnen herübertönte; endlich aber brachte ihn ein Blick auf das liebe, wehmüthige Gesicht des Mädchens zu anderen Gedanken und er sagte leise:

»Ich muß es ja doch wohl wissen, ich bin ja der Klabautermann!«

»Der Klabautermann?« wiederholte das Mädchen erschreckt, sich dem übernatürlichen kleinen Wesen, von dem sie schon so viel seit ihrer frühsten Kindheit gehört, gegenüber zu wissen, – »Ihr also seid der Klabautermann, von dem mir mein Vater so oft erzählt hat, und der es so gut mit den Schiffern meint – aber – wie ist mir denn – wenn Ihr das Schiff verlaßt, dann bedeutet das ja großes Unglück? Ach Du mein Gott, Klabautermann, habt Ihr deshalb die Hansa verlassen?«

Der Klabautermann nickte nur schweigend und traurig mit dem Kopf und das Mädchen schluchzte leise.

»Ach, ich hab' es gewußt, ich hab' es die ganze Zeit schon geahnt, daß es so kommen würde – und ist denn gar keine Rettung, lieber, bester Klabautermann?« – wandte sie sich plötzlich an diesen, wie von einem Hoffnungsstrahl belebt, »ach Gott, mein Vater hält so viel von Euch, konntet ihr's ihn denn nicht vorher nur ein klein Bischen wissen lassen, daß Ihr fortgingt?«

»Ehren Lothrecht ist ein braver, wackerer Mann,« sagte Klabautermann mit einem eigenen Grad von Selbstgefühl, »und Klabautermann wird gewiß nicht von seinem Schiff gehen, ohne Abschied von ihm zu nehmen – aber er wollte nicht hören!« setzte er wieder traurig hinzu – »er meinte, er müsse fort und er stünde in Gottes Hand, und da könnt' ich auch eben nichts weiter dabei thun.«

»Oh die armen, armen Menschen!« sagte Lisbeth, während das fröhliche Singen der Mannschaft nun laut zu ihnen herüberdrang.

»Und das arme kleine Schiff!« setzte Klabautermann seufzend hinzu – »ich kriege kein besseres wieder.«

»Aber das geht ja wahrhaftig nicht, Klabautermann!« rief da plötzlich das Mädchen, und die großen hellen Thränen liefen ihr von den sonst so rosenfrischen und heute so bleichen Wangen herunter, »das geht ja wahrhaftig nicht, daß mein armer alter Vater so geradezu in seinen Tod hineinläuft und Ihr so ruhig und still dabei sitzt und zuseht – oh lieber Klabautermann, giebt es denn gar kein einziges Mittel auf der Welt, ihm zu helfen? – Könntet Ihr denn nicht die Leute noch warnen, oder das Schiff irgendwo auf den Strand setzen, daß wenigstens die Mannschaft gerettet würde?«

Klabautermann lächelte wehmüthig über die Vorschläge, schüttelte aber schweigend dazu mit dem Kopf und sagte endlich, das schöne weinende Mädchen recht mitleidig betrachtend:

»Es ist lauter junges, leichtsinniges Volk an Bord, liebes Kind – sie lachen und spotten Alle, wenn sie nur den Namen Klabautermann hören, und solchen Menschen ist es uns auf das Strengste untersagt, wirklich zu erscheinen – ich dürfte also schon nicht, wenn ich in der That auch wollte. Jede andere Art aber, wie ich mich ihnen nur verständlich machen darf und wie ich sie auch schon benutzt habe, beachten sie nicht oder erklären Alles, auch das ihnen sonst Unerklärlichste, durch natürliche Ursachen. Der alte Ehren Lothrecht ist der einzige Vernünftige unter ihnen, und der hat auch wieder Recht,« setzte er traurig hinzu – »denn wenn ich Schiffer von solch einem kleinen netten Fahrzeug wäre, wie ich jetzt nur Klabautermann bin, ging' ich auch nicht herunter, und wenn ich voraus wüßte, daß wir beide zusammen zu Grunde segeln würden.«

Das Mädchen stand ein paar Minuten wie rathlos da, und die Gedanken kreuzten ihr toll und wild durch den Kopf; die Angst um den Vater ließ aber keinen andern die Oberhand gewinnen, und sie wußte am Ende gar nicht mehr, was sie denken, was sie thun solle. Das kleine Fahrzeug hatte indessen auch nicht müßig gelegen, der leichte Anker war gelichtet, die Boje eingeholt, die Segel wurden angebraßt, und der alte Ehren Lothrecht stand hinten neben dem Mann am Steuer und winkte seiner Tochter, die er noch recht gut am Ufer erkennen konnte, ein freundliches Lebewohl zu.

»Oh Vater, lieber Vater, bleib nur diesmal zu Haus!« rief das arme Mädchen, in Todesangst vergessend, daß er ja doch so weit draußen kein Wort davon verstehen könne; sie schwenkte auch ihr weißes, naßgeweintes Tuch dabei, womit sie ihn zurückwinken wollte, was er aber natürlich als Abschiedsgruß deuten mußte. Der Schooner fing an, langsam den Fluß hinunterzutreiben, und der Klabautermann seufzte wieder recht aus tiefstem Herzen, als ob es ihm selber gar schmerzlich sei, das arme, kleine, liebe Fahrzeug seinem Untergange mit so fröhlichem Muthe entgegengehen zu sehen. Die Umrisse seiner Gestalt wurden dabei immer matter und undeutlicher, und als sich Lisbeth endlich wieder zu ihm wandte, war er kaum noch auf seiner alten Stelle zu erkennen.

»Ach, Klabautermann, lieber, bester Klabautermann!« rief aber das arme Mädchen jetzt in Todesangst, »verlaßt Ihr mich doch jetzt wenigstens nicht in meiner größten Herzensangst. – Ihr seid ja der Einzige auf der weiten Welt, in dem ich nur die geringste Hoffnung habe, daß er mir helfen könnte – und Ihr meint's ja doch sonst immer so gut mit den Menschen und habt ein so treues Herz – oh helft mir und dem armen Schiff doch nur dies eine Mal, und ich will Euch ja auch so lieb dafür haben, so lieb, wie man nur irgend ein Wesen auf der weiten Welt haben kann.«

Die Angst und Aufregung verlieh dem schönen Kinde einen fast überirdischen Reiz, ihr Auge leuchtete, ihre Wangen rötheten sich wieder und sie hatte bittend die Hände gegen den kleinen Klabautermann gefaltet, der, als er sich mit so lieben, herzlichen Worten genannt hörte, immer deutlicher wieder sichtbar wurde. Bei der letzten Rede schüttelte er aber traurig seufzend und ungläubig den Kopf und sagte leise, wie mit sich selber redend:

»Oh Ihr Menschenkinder seid Euch ja doch Alle gleich, – für den Augenblick, wenn Euch etwas recht nah und schmerzlich am Herzen liegt, ja, dann versprecht Ihr wohl Himmel und Erde und – ich will gar nichts dagegen sagen, Ihr meint's in dem Augenblick auch wohl so – ist die Noth aber erst einmal wieder vorbei, ja, wo sind dann die Versprechungen geblieben? – mit dem Winde verweht, der sie von den Lippen trug, und man hört und sieht nichts weiter davon.«

»Ach, guter Klabautermann, wenn Ihr in mein Herz schauen könntet!« bat das Mädchen, und das arme liebe Ding stand so schüchtern, so reizend vor dem kleinen, aber jetzt gar ernsthaften, fast wehmüthigen Männchen.

»Es ist vielleicht eben so gut, daß ich's nicht kann,« sagte Klabautermann kopfschüttelnd, »aber,« setzte er dann schnell und mißtrauisch hinzu, »ich soll das ganze Fahrzeug retten, Jungfer Lothrecht? – wen habt Ihr denn noch sonst darin, den Ihr gern heraushaben möchtet?«

»Ach Alle, Alle, lieber Klabautermann!« rief das Mädchen in scheuem Eifer – »alle die armen Menschen – es ist ja doch schrecklich, wenn man bedenkt, daß sie so unter- und zu Grunde gehen müssen.«

»Ja, aber Alle könnt Ihr sie doch nicht lieb haben?« lächelte Klabautermann kopfschüttelnd; »ist den Keiner ganz besonders darunter, den Ihr noch außer Eurem Vater heraushaben möchtet?« Er sah sie dabei mit einem forschenden, fast lauernden Blick an, als ob er hätte sagen wollen: ich weiß ja schon, was all' Dein Schmerz und Dein Sehnen bedeutet – dazu braucht man eben kein Klabautermann zu sein, um das heraus zu bekommen; Du hast Deinen Schatz an Bord und bist bange, daß Dir der mit zu Wasser wird.

Lisbeth mochte jetzt wohl verstehen, was er damit meine, denn sie wurde feuerroth und sah verlegen vor sich nieder – es war auch häßlich vom Klabautermann, gerade jetzt, wo ihr Herz so tief betrübt war, so etwas zu erwähnen. Klabautermann hatte aber wohl seinen besondern Grund dazu, und hielt den Blick wie ein paar Feuerkohlen auf sie geheftet; das arme Mädchen sagte jedoch traurig, während sich ihr wieder ein paar Thränen aus den Augen stahlen:

»Ach nein, Klabautermann! – aber recht leid sollt' es mir doch thun, wenn sie zu Schaden kämen.«

»Aber wenn ich nur im Stande wäre, einen Einzigen vom ganzen Fahrzeug zu retten?« frug Klabautermann, der hierin nun einmal ganz gewiß gehen wollte; »sollte ich da Deinen Vater nehmen, Lisbeth?«

»Ach, lieber Gott!« sagte das arme Mädchen mit einem frommen, scheuen Blick nach oben, »ich weiß nicht, ob ich mit der Antwort nicht vielleicht eine große Sünde thue, daß ich nur an mich selber und nicht auch an andere arme Leute denke, denen gewiß die Ihrigen eben so lieb sind, wie mir mein armer alter Vater, aber ich kann mir ja schon nicht anders helfen, und wenn es gar nicht möglich wäre, lieber, bester Klabautermann, daß Ihr sie Alle retten könntet und nur Einen von der Mannschaft dem Tode entreißen dürftet – so – oh, es preßt mir das Herz ab für die anderen armen Menschen, aber Gott verzeih' mir's – wenn ich Einen zu retten hätte – ich griffe nach meinem Vater.«

Ein Lächeln zuckte über das Gesicht des kleinen Wesens, das ihr freundlich zunickte, gleich darauf schoß aber wieder ein Strahl von Argwohn darüber hin, und es sagte rasch:

»Und wenn ich nun Zwei nehmen dürfte, wen sollt' ich nachher retten?«

»Ach, lieber Gott, Klabautermann,« sagte aber das gute Mädchen da treuherzig, »das weiß ich wahrhaftig nicht; rettet so viel Ihr könnt, und Gott wird's Euch gewiß vergelten; wenn es aber nur noch Einer sein darf, so – so nehmt den Bravsten darunter heraus – Einen, der noch arme Eltern zu Hause hat, oder an dem die Seinen mit rechter Liebe hängen.«

»Also keinen ganz besonders?« frug Klabautermann – es war merkwürdig, wie er immer auf den einen Punkt hinzuarbeiten schien. Lisbeth schüttelte aber traurig mit dem Kopf, und im nächsten Augenblick war Klabautermann auch spurlos mit seinem kleinen Kistchen verschwunden. Das kam aber so schnell, daß Lisbeth im Anfang gar nicht glauben wollte, er wäre fort, und ihn immer noch anredete; sie bekam jedoch keine Antwort mehr, und als sie sich zuletzt ein Herz faßte, auf die Stelle zutrat, wo der Kleine gesessen und wo seine Kiste gestanden, und den Platz leise und vorsichtig mit der äußersten Spitze ihres ganz niedlichen Füßchens untersuchte, war er total leer und nichts mehr von dem Geist weder zu hören noch zu sehen.

Die arme Lisbeth wußte jetzt gar nicht, woran sie war; fast kam's ihr vor, als ob sie das ganze eben nur geträumt hätte, als ob es ja gar nicht mehr sein könne, und der kleine Schooner ging indessen weiter und weiter den Strom hinunter, die Segel füllten sich von der frisch einstehenden Brise, und von der starken Ebbe begünstigt, machte die Hansa einen solchen Fortgang, daß sie wohl noch vor Abend außer Sicht kommen mußte.

Das arme Mädchen ging endlich, das Herz voll Kummer und Sorge, nach Hause; dort aber hatte sie Niemanden, dem sie sich hätte anvertrauen können, als ihre alte blinde Mutter, und durfte sie der armen Frau das Herz etwa gar noch schwerer mit der Erzählung dessen machen, was sie gehört und gesehen? Das ging im Leben nicht an; es war nur noch außerdem ein Glück, daß sie ihre verweinten Augen nicht sehen konnte – die hätten wohl all' ihr Herzeleid verrathen müssen, denn so weh war ihr ja noch bei keinem Abschied von ihrem Vater zu Muthe gewesen. An dem Abend sollte es aber gar noch schlimmer werden, denn zuerst setzte ein scharfer Südwester ein – immer kein besonderes Zeichen in dieser Jahreszeit – und nach Dunkelwerden fing es gar an zu blitzen und zu donnern, als ob der liebe Himmel selber auf die Erde herunterkommen wolle. Der Hagel und Regen rasselten dabei gegen die Fenster, daß man fürchten mußte, es werde die Fensterladen zerschlagen.

So eines Wetters wußte sich Lisbeth aus ihrem ganzen Leben noch nicht zu erinnern, und das arme Kind warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee, barg das thränenfeuchte Gesicht in der Decke und betete und weinte, als ob ihr das Herz brechen müsse.

Sie dachte fast gar nicht mehr an den Klabautermann – Was konnte der gegen ein solches Wetter thun, und das arme, kleine Fahrzeug lag gewiß schon jetzt auf dem tiefen Meeresgrunde.

Am andern Nachmittag schien es auch, als ob Lisbeth's Unruhe und Angst nur zu guten Grund gehabt hätten. Von mehreren Seiten liefen Nachrichten ein., daß zwei kleine Schiffe unweit Helgoland verunglückt sein sollten. Das eine war eine Hamburger Galeotte, die Möve – und ein Theil der Mannschaft hatte sich gerettet, – des andern Fahrzeugs Namen wußte Niemand, von Helgoland aus war aber am Abend vorher ein kleiner Schooner unter Hamburger Flagge gesehen, der, gerade als es dunkel wurde, auf die Insel zukreuzte, und man vermuthete, daß er aus der Elbe gekommen sei. Das war am Dienstag.

Am Mittwoch Morgen lief die Nachricht schon überall in Cuxhaven herum, die Hansa sei verunglückt, es traute sich aber noch Keiner, der Tochter ein Wort davon zu sagen. Das arme Mädchen jedoch, wenn sie es auch schon in den Blicken der Nachbarn las, fürchtete doch zu fragen und das ganze Gräßliche ihres Schicksals mit einem Mal zu hören. So lange sie es noch nicht als ganz gewiß und bestimmt wußte, durfte sie ja noch hoffen, nachher, o Du lieber barmherziger Gott, dann war ja Alles vorbei und todt.

Den Abend stand sie, mit vom Weinen rothen Augen, vor der Thür und schaute, ach! kaum noch mit irgend einer Hoffnung über den von der untergehenden Sonne hell und glühend beleuchteten Strom, auf dem wohl Kähne und Schiffe und Boote herüber und hinüber und auf und ab glitten, aber keins, keins dort bei ihr landen und den so heiß beweinten Vater zurückbringen wollte, als sie plötzlich in jähem, freudigem Schreck förmlich emporzuckte, denn vom Lande her, und zwar auf dem Wege, der von dem kleinen Städtchen zu ihrem Häuschen hinausführte, hörte sie einen lauten, wohlbekannten Ruf. Blitzesschnell fuhr sie herum, und einen lauten Freudenschrei ausstoßend, lag sie am nächsten Augenblick schon am Hals des Vaters, und schluchzend – aber es waren Freudenthränen, die sie weinte, – barg sie ihr liebes Antlitz in seiner rauhen Jacke.

»Aber, Vater, wo kommst Du her?« frug sie endlich, als sie nur erst einmal wieder zu Athem kommen konnte, »und wo ist – was ist aus der armen kleinen Hansa geworden?«

»Erst Ruhe und etwas zu essen, Kind,« sagte aber der Alte lächelnd, »nachher sollt Ihr Alles erfahren – wie geht's der Mutter? – Hattet Ihr's schon gehört, daß die Hansa verloren sei?«

»Also doch verloren!« rief Lisbeth, wieder bleich wie ein Tuch werdend – »rein verloren, und Alle, Alle außer Dir sind umgekommen? So hat der Klabautermann doch Recht gehabt?«

»Der Klabautermann?« sagte der Alte schnell und sah seine Tochter forschend an, – »was weißt Du denn vom Klabautermann, dummer kleiner Kerl?« Der alte Lothrecht meinte aber mit dem »dummen kleinen Kerl« nicht etwa den Klabautermann selber, sondern nur seine eigene Tochter, die er manchmal scherzhafter und freundlicher Weise so nannte.

»Aber, Väterchen!« sagte Lisbeth leise und halb beschämt, halb schüchtern, mit einem gar so lieben, treuherzigen Blick – »was ich davon weiß? – hat Dich denn Klabautermann nicht gerettet?«

»Der Klabautermann?« sagte der alte Lothrecht lachend, »nun, wenn das der Klabautermann war, so hat er's auf eine wunderliche Weise gethan, doch das erzähl' ich Euch Alles drinnen, komm nur zur Mutter, daß wir die erst beruhigen, denn ich bin allerdings einer großen Gefahr glücklich entgangen und kann dem lieben Gott nicht genug dankbar dafür sein.«

Die Mutter hatte nun freilich noch keine Ahnung von der Gefahr des geliebten Mannes gehabt, denn er ging ja so oft in See, und war jedesmal, nun schon die langen Jahre hindurch, so glücklich wieder zurückgekehrt, daß sie fast gar nicht mehr an die Möglichkeit eines solchen Unfalls glaubte; aber sie zitterte doch, als sie jetzt hörte, wie nahe er diesmal an der Schwelle des Todes gestanden, und sie dankte Gott aus recht frommem treuen Herzen, daß er seine Hand so väterlich über den Gatten gehalten.

Vom Klabautermann wußte sie ja gar nichts.

Der Alte mußte nun vor allen Dingen erzählen und that dies auch in kurzer, bündiger Seemannsweise.

»An dem Abend,« begann er, »sahst Du wohl, Lisbeth, wie wir mit einer nicht übermäßig starken, aber vortrefflichen Brise in See gingen, draußen aber schlief der Wind fast ganz wieder ein, und als er gegen Sonnenuntergang lebendiger wurde, kam er so conträr, daß wir, um nur so rasch als möglich von der Küste fortzukommen, gegen Helgoland zu hinaufkreuzen mußten. Mit Sonnenuntergang waren wir schon so nahe an Helgoland, daß wir die einzelnen Häuser darauf erkennen konnten. Mit Dunkelwerden fing aber das Unwetter an, was Ihr auch hier wohl gespürt haben müßt – es wehte uns gerade in die Zähne und blitzte, daß man die Augen ordentlich schließen mußte vor dem blendenden Strahl – und, Herr im Himmel, wie es donnerte. Ich hatte dabei gedacht, wir sollten zu windwärts von Helgoland durchgehen und nachher draußen offene See bekommen; der Wind schrahlte uns aber so gerade in die Rechnung hinein, und die See kam so scharf von Nordwesten herüber, daß wir's, dem Leuchtthurm fast gegenüber, aufgeben und halsen mußten, denn an Wenden war schon gar nicht mehr zu denken. Ich stand hinten neben dem Mann am Ruder, und wie das Schiff vor dem Wind herumging und die Brise uns an Steuerbord faßte, will ich eben hinten das Gaffelfall loswerfen, als ich gestolpert sein muß, oder ob mich ein Tau oder Block hinten im Nacken getroffen, wie mir's beinah vorkam, kurz ehe ich wußte, wie mir selber geschah, ja ich nur einen Schrei ausstoßen konnte, lag ich Hals über Kopf im Wasser und die See brach sich über mir. Mit dem schweren Zeug an, dauerte es eine Weile, bis ich mich wieder nach oben arbeiten konnte. Der Schooner war aber schon Gott weiß wie weit fort. Ich rief allerdings, doch nur einmal, denn ich wußte selber zu gut, daß sie nicht wieder über Stag gehen konnten, um mir zu Hülfe zu kommen, wenn sie nicht rettungslos auf die Küste treiben wollten. Vor allen Dingen warf ich nun mein dickes wollenes Zeug ab, das schon so schwer wie Blei geworden war und anfing, mich nach unten zu ziehen, und strich dann nach der Küste aus, so gut ich konnte. Gerade damals fiel der furchtbare Schlag, Blitz und Donner wie zusammengespießt, und die Augen waren mir in dem Moment so geblendet, daß ich sie wohl über eine Minute schließen mußte und so gegen die Küste anschwamm. Die See half mir aber dabei, ich wurde mehr getragen, als daß ich selber zu arbeiten brauchte, und nach kaum einer halben Stunde kroch ich die Sanddüne von Helgoland hinauf aus der Brandung hinaus, damit die mich nicht wieder wegwaschen konnte. Eine ganze Weile mußte ich mich freilich nachher noch ausruhen, so matt war ich doch von der ungewohnten Anstrengung geworden, dann ging ich aber zu unserem Vetter Jakobsen hinauf, der sich auch nicht wenig wunderte, mich bei solchem Wetter und in solchem Aufzug ankommen zu sehen. Von dem bekam ich andere Kleider, und ich wollte nun hier die Rückkehr der Hansa erwarten, die, wie ich fest überzeugt war, am nächsten Tage mich erst jedenfalls in Helgoland erfragen würde, da sie mich so dicht an der Küste verloren. Der Mann am Helm mußte jedenfalls gesehen haben, wie ich wegfiel; mein armer kleiner Schooner kam aber nicht mehr,« – setzte der alte Mann traurig hinzu, »wohl aber trieb mehreres von seinen Hölzern an Land, und anderes war von einem gerade von England kommenden Schooner aufgefischt, was keinen Zweifel mehr ließ, daß ihn der Strahl getroffen haben mußte und er mit Mann und Maus zu Boden gegangen sei. So wurde denn das, was ich erst für ein Unglück ansah, mein Glück, und ich bin nun der Einzige, der von unserer ganzen kleinen Mannschaft mit dem Leben davon gekommen ist.«

Lisbeth lauschte ihres Vaters Erzählung mit der gespanntesten Aufmerksamkeit – sie stahl ihm fast die Worte von den Lippen, und sie konnte sich nicht helfen, aber es war ihr, als ob sie bei dem Ganzen des guten kleinen Klabautermannes Hand nur zu deutlich im Spiele sähe; aber sagen mochte sie auch nichts weiter darüber und ging den Abend wohl recht in ihrem Herzen vergnügt, aber doch auch wieder recht ernst und nachdenkend zu Bett. Dort betete sie aus voller Seele zu Gott und dankte ihm für die unendliche Liebe, mit der er ihren Vater beschützt; fast unbewußt kam ihr doch aber auch dabei der Gedanke an den guten Klabautermann in den Sinn – sie konnte sich nicht helfen, und sie wußte nicht einmal, ob es nicht gar Sünde sei, seiner und des Schöpfers zu gleicher Zeit zu gedenken. Aber wenn er es nun doch gewesen war, der ihren Vater gerettet hatte?

»Ach ich wollte, ich wüßte, woran ich bin,« sagte sie endlich traurig, während sie die müden Aeuglein schloß – »und wenn mich der Klabautermann nur ein klein Bischen lieb hat, so kommt er morgen und erzählt mir die reine Wahrheit, daß ich mir den Kopf darüber nicht mehr zu zerbrechen brauche. Und er bleibt auch wieder einmal so lange aus,« setzte sie dann leise hinzu und drückte das liebe Gesichtchen fester in das schneeige Kissen hinein – »ach, Du lieber. Gott, was man doch mit den Männern für Noth und Sorge hat auf der Welt!« Und mit einem tiefen Seufzer schloß sie die Augen und träumte von – ja, lieber, bester Leser, wenn Du von mir eines so süßen, holden Kindes Traum erfahren wolltest, hättest Du Dich gar sehr an den Unrechten gewandt, denn erstens weiß ich wirklich gar nichts davon, und zweitens, wüßt' ich es auch, möcht' ich Dir doch keine Silbe davon anvertrauen.

Am nächsten Tage mußte der alte Lothrecht nach Hamburg, der Assecuranz seines Schooners wegen. Die blinde Mutter saß vor der Thür ihrer Hütte im Sonnenschein und spann, und Lisbeth war in den Garten gegangen, lehnte unter dem breitästigen, schattigen Fliederbaume, der mit seinem würzigen Duft das ganze kleine Grundstück erfüllte, und stützte das gedankenschwere Köpfchen recht sinnend und grübelnd in die Hand, als plötzlich eine leise, freundliche Stimme, dicht neben ihr, »guten Tag, Lisbeth!« sagte, daß sie ordentlich erschrak und rasch in die Höhe schaute. Neben ihr auf der Bank saß aber niemand anders als ihr alter kleiner Freund von neulich, der Klabautermann, und nickte ihr gar freundlich und traulich mit dem Kopfe zu.

»Ach, guten Tag, Klabautermann!« rief das Mädchen, rückte aber doch ein wenig, nur ein ganz klein wenig vor ihm zurück – »das ist mir ja doch recht sehr lieb, daß ich Euch wieder sehe, und seid Ihr es denn wirklich, der meinen lieben, lieben Vater neulich Nachts gerettet hat von dem armen verunglückten Schooner herunter?«

Klabautermann schien heute ganz besonders guter Laune zu sein, denn er lachte, daß er sich schütteln mußte und ihm die Thränen in die Augen kamen; endlich aber sammelte er sich wieder und fragte mit einer halb komischen, halb ernsten Stimme, aber auch mit einem Blick, aus dem noch immer sein oft toller, aber stets gutmüthiger Humor herausblitzte:

»Hat Dir der Alte die Geschichte erzählt, Lisbeth?«

»Ja, Klabautermann; er sagte, er wäre über Bord gefallen und an Land geschwommen,« meinte Lisbeth leise und sah Klabautermann dabei schüchtern von der Seite an, denn sie wußte eben nicht, wie er die Auslegung dessen, was er doch wahrscheinlich gethan hatte, aufnehmen würde. Klabautermann schnitt aber auch wirklich ein ganz wunderliches Gesicht – die Backen wurden ihm immer dicker, die Augen immer größer, der große, zugepreßte Mund spitzte sich immer mehr zu, und die Stirnadern schwollen ihm an, als ob sie zerspringen wollten. Die arme Lisbeth faltete in aller Angst die Hände, denn sie fing an zu glauben, der kleine, sonst so freundliche Geist sei diesmal entsetzlich böse auf sie geworden. Da konnte sich aber Klabautermann nicht länger halten, sondern platzte geradeheraus und lachte und schüttelte sich dabei, daß Lisbeth am Ende so besorgt um ihn wurde, als sie es vorher um sich selber gewesen war. Endlich kam er jedoch wenigstens so weit wieder zu sich, daß er reden konnte.

»Ueber Bord gefallen, heh?« sagte er und blinzelte dabei mit den blauen, treuherzigen Augen nach Lisbeth hinüber; diese konnte kaum selber ein Lächeln verbergen, das über ihr liebes Antlitz wie ein lichter Sonnenblick fuhr.

»Ja,« fuhr Klabautermann, immer noch innerlich lachend und mit einem höchst selbstzufriedenen, stillvergnügten Gesicht fort, »wenn man Jemand hinten beim Kragen packt und wirft ihn in's Wasser hinein, und er kann dann sagen, er ist hineingefallen, dann hat Ehren Lothrecht auch dasselbe Recht, so 'was zu behaupten, hihihi! – also hineingefallen ist er, heh?« – und er drohte wirklich noch einmal ganz vorn anzufangen, wie er es eben gelassen, als Lisbeth bittend sagte:

»Aber, lieber Klabautermann, er meinte das ja nur so, er wußte es selber nicht recht, ja versicherte uns sogar, es wäre ihm fast gewesen, als ob ihn hinten etwas an den Hals getroffen hätte wie ein Block oder Tau, und da –«

»Block oder Tau!« unterbrach sie hier der Kleine und beschaute schmunzelnd seine breite rechte Hand. »Block oder Tau, heh? – also so war's ihm doch? hihihi! Was für ein feines Gefühl der Ehren Lothrecht hat, besonders hinten am Halskragen, – und sieht das aus wie ein Block oder Tau, Lisbeth, mein Herzchen? Aber ich will's ihm nicht so übel nehmen,« setzte er dann ein wenig ernsthafter, doch immer noch mit einem halb komischen Zug um den Mund, hinzu – »ich will's ihm nicht so übel nehmen – es ging ein bischen drunter und drüber an Bord, gerade zu der Zeit, und er mochte wohl selbst nicht wissen, wo ihm der Kopf stand, viel weniger, was indessen mit seinem Halskragen vorging. Seht Ihr, Jungfer Lothrecht,« fuhr er dann auf einmal wieder ganz ernst und ehrbar fort, »ich wußte an dem Abend doch recht gut, daß Rufen und Warnen nichts mehr half, das hatt' ich schon früher gethan, als es wirklich noch Zeit war, und die Leute wollten nichts davon wissen; da machte ich denn kurzen Proceß, erwischte Deinen lieben Vater, gerade als er einmal dicht an der niederen Verschanzung stand, hinten beim Kragen und warf ihn über Bord, wie man etwa eine Schaufel Ballast über Bord werfen würde. Natürlich wußte ich, daß er schwimmen konnte wie ein Fisch, und wäre das auch nicht gewesen, wie ich ihn nur erst einmal vom Bord der armen kleinen Hansa hatte, wollt' ich schon nachher mit ihm allein fertig werden. Das ging denn auch alles erwünscht und er ist wieder auf dem Trocknen – hab' ich's so recht gemacht, Lisbeth?«

»Guter Klabautermann!« sagte das liebe Mädchen mit gefalteten Händen, während ihr die hellen Thränen in die Augen stiegen – »wie soll ich Euch dafür danken können?«

Der Klabautermann war aber jetzt auf einmal wieder ganz ernsthaft geworden, ja schüttelte bei diesen Worten fast wehmüthig mit dem Kopf und sagte leise und seufzend:

»Ja, und wenn Du es könntest, Lisbeth, wer weiß, ob Du's nachher wolltest. – Ihr Menschen seid wunderliches Volk; gut von Herzen ja, manchmal, daß man glauben müßte, man könnte auf Euch bauen wie auf den besten Kiel, der je Salzwasser durchschnitten – sollt Ihr aber nachher einmal mit Jemandem recht dicht am Winde liegen, ja dann fallt Ihr ab, und statt gegen Wetter und was sonst dazu gehört, getrost aufzukreuzen, braßt Ihr auf einmal, wo man's am wenigsten geglaubt, um und geht vor dem Wind in's Blaue hinein – nur nicht dahin, wohin man Euch haben wollte. – Ach!« – seufzte er recht aus tiefster Brust heraus, »solche bittere Erfahrungen thun Einem nachher entsetzlich weh.«

»Aber lieber, bester Klabautermann!« sagte das arme bestürzte Kind und sah schüchtern und fast mitleidig zu ihm auf; »ich will doch gewiß alles nur Mögliche thun, Euch nie mit Absicht betrüben – und Ihr wißt ja auch, daß mein Vater gar viel auf Euch hält –«

»Laß das jetzt gut sein, Lisbeth!« sagte der kleine Mann und sah ihr, wieder freundlich geworden, in die Augen – »ich weiß, daß Du ein gutes Mädchen bist und Sachen, die man Dir anvertraut, nicht weiter päppelst – ich will Dir einmal eine kleine Geschichte erzählen, und wie Du mir dann nachher darauf antwortest, davon wird es abhängen, ob ich mich wirklich geirrt habe oder – doch das Andere nachher. Was ich Dir aber hier erzähle,« fuhr er fort, als er sah, wie sie ihn aufmerksam betrachtete, »ist die reine, lautere Wahrheit, und es mag Dir beweisen, wie wir armen Wassergeister eigentlich doch weit näher mit Euch Menschen verwandt und verbunden sind, als Ihr das so auf den ersten Augenblick denken und glauben mögt.

»Der Seemann im Allgemeinen, mein gutes Mädchen,« begann der kleine Gast, »ist ein rauhes, derbnatürliches Wesen, das sich den Henker um sein eigenes Leben, viel weniger um das anderer Geschöpfe schiert. Er kann nun einmal nicht wegleugnen, daß ein Klabautermann wirklich existirt (und nur junge, unerfahrene Bürschchen thun das zuweilen, die es noch nicht besser wissen, und denen man das auch nicht so übel nehmen darf, wenn es freilich manchmal auch zu ihrem Schaden ausläuft). Deshalb erkennt er uns an, und da wir ihm häufig gute Dienste leisten und ihm nie Schaden oder Nachtheil bringen, so sind wir auch seine besten Freunde. – Damit ist aber die Sache abgemacht; wo wir hergekommen, wo wir hingehen, was einmal in späterer Zeit aus uns werden wird, oder ob wir von der Welt Anfang Klabautermänner gewesen sind – die Hauptsache aber: ob wir uns in unserem wirklichen Wesen und Sein, einsam die langen, langen Jahre hindurch, auf den Schiffen glücklich fühlen – lieber Gott, was macht sich der Seemann daraus, oder was kümmert er sich darum. – So lange wir ihm nur sagen, wenn's Zeit ist, zu reefen, und ihn sonst vor Unglück und Gefahr warnen, so lange sind wir ihm gute Leute, nachher kann aus uns werden, was da will – was schiert's ihn –«

»Ach ja, Klabautermann!« unterbrach ihn hier das liebe Mädchen mit einem recht mitleidigen, theilnehmenden Blick, »ich habe wohl manchmal darüber nachgedacht, wenn uns der Vater von Euch und Eurem Leben erzählte, wie traurig es doch für Euch sein müsse, die langen, langen Nächte und Tage da so ganz allein in dem dunkeln Raum eines Schiffes zu sitzen und die Kreuz und Quere über die Meere hinüber zu fahren.«

Klabautermann nickte, traurig vor sich niedersehend und schweigend, mit dem Kopf und fuhr dann mit einem Seufzer zwar, aber doch etwas lebendiger fort:

»Ja, das läßt sich nun einmal nicht ändern – wenigstens jetzt noch nicht,« setzte er rasch hinzu – »und vielleicht kommt auch einmal die Zeit wieder, wo wir in unser altes liebes Element, unter den alten lieben Verhältnissen, zurück dürfen – das aber war es gerade, Lisbeth, was ich Dir erzählen wollte. Vor einer ziemlichen Reihe von Jahren, die für Euch Menschen wohl einen entsetzlich langen Zeitraum ausmachen, weil Ihr nur so wenige davon auf dieser Erde verleben dürft, als es noch gar keine Schiffe gab und die wenigen kecken Menschenkinder, die Drang oder Noth vom festen Lande, auf das sie gehören, abtrieb, um in einem ausgehöhlten Baumstamm vielleicht ihr Leben der für sie so gefährlichen Fluth anzuvertrauen, da gab es natürlich auch noch keine Klabautermänner, und wir alle, die wir jetzt hier mit den nordischen Schiffen in der Welt herumfahren, wohnten damals in der salzigen Fluth und wurden von den Leuten jener Zeit Tritonen, Nixmänner und Wassergeister genannt. Das waren glückliche Tage, liebe Lisbeth, und wir lebten so froh und sorglos in den lichten Morgen hinein, als ob das nun und nimmer anders werden könnte. Wir trugen damals auch nicht solch' kleine, verkrüppelte Gestalt,« sagte Klabautermann wieder mit einem recht schweren Seufzer und warf einen flüchtigen scheuen Blick auf seine kurzen, gedrungenen Gliedmaßen hinunter – »nein, wir waren schlank und schön gewachsen, mit lichten Locken und blauen Augen und weißer, reiner Haut – sonnigschöne Gestalten. Das aber brachte uns zum Falle; wir wurden stolz und übermüthig, und die Strafe – oh, es war wohl eine verdiente, aber auch harte Strafe! – blieb nicht aus.

»Als die Menschen zuerst anfingen, Schiffe zu bauen, zogen sich hier nach den Küsten, die wir bis dahin ziemlich ungestört und allein bewohnt hatten, viele Schiffer herunter und schlugen ihre kleinen Hütten und Häuser auf. Wir wurden bald vertraut mit dem Menschengeschlecht, aber wohl stets zu dessen Schaden, denn während unsere Nixen und Sirenen manchen armen Fischer hinaus in die Fluth lockten, die dann sein Grab wurde und die Seinen nie wieder von ihm hörten, schlichen wir uns, als Menschen verkleidet, in die Häuser und Herzen der armen Fischerstöchter und richteten da oft weit größeren Schaden, weit schlimmeres Unheil an, als unsere neckischen Schwestern draußen in See.

»So trieben wir's lange, lange Jahre hindurch, bis einmal ein gar toller Gesell unter uns, dem nicht einmal der Glaube des fremden Volkes heilig war, den Muthwillen so weit trieb, sich in einer wirklichen Kirche mit einem armen, ihm blind vertrauenden Mädchen durch des Priesters Hand zusammengeben zu lassen, während er sich nachher todt lachen wollte, als die arme Maid erfuhr, welche unnatürliche Verbindung sie eingegangen.

»Da wurde es doch dem lieben Gott zu arg; den Muthwillen hatte er uns wohl verziehen, denn er straft nicht gern und nur im äußersten Fall, aber die Lästerung wollte er uns nicht hingehen lassen. Sein Urteilsspruch lautete streng: ›Ihr habt den Glauben und das Vertrauen derer verspottet,‹ sagte er, ›die Euch mit Freundlichkeit aufgenommen hatten – Vertrauen und Liebe der Menschen habt Ihr dadurch verscherzt, und nur Vertrauen und Liebe der Menschen soll Euch wieder von Eurer Strafe befreien können!‹ Die muntere Schaar der Nixen und Meerweibchen bannte er dann auf den tiefen Meeresgrund; sie waren auch weniger schuldig als wir, da sie ja nur solche verführt hatten, die den ersten Schritt zu ihnen thaten, und nur an wenigen bestimmten Tagen dürfen sie jetzt in mondhellen Nächten an's Ufer kommen und ihre alten Tänze halten. Das ist aber dann auch mehr eine Strafe für sie, als eine Belohnung, denn sie sehen dadurch so viel mehr, was sie Alles hier oben verloren haben. Uns aber nahm er die schöne Gestalt und schuf uns zu kleinen, armseligen Dingern, die wohl keinem Menschenherzen mehr gefährlich werden können,« sagte der arme Klabautermann mit recht wehmüthiger, betrübter Stimme, »und verurtheilte uns, den Schaden, den wir den armen Schiffersleuten gethan, nun erst einmal wieder gut zu machen und mit ihnen auf ihren Schiffen, allein und freudlos, durch die Welt zu fahren, bis –«

Klabautermann schwieg und sah das junge, ihm aufmerksam zuhorchende Mädchen mit recht treuherzigen, betrübten Augen an.

»Nun, Klabautermann – bis? – warum erzählt Ihr nicht weiter?« frug Lisbeth mitleidig; »ach, es freut mich doch ordentlich, daß Euch die Möglichkeit geblieben ist, vom lieben Gott einmal Verzeihung zu erhalten, denn wenn Ihr auch wohl recht böse und leichtsinnige Geister gewesen seid, die gewiß recht viel Unheil anrichteten, so habt Ihr das doch jetzt sicher bereut, und der liebe Gott ist ja auch allbarmherzig und wird nicht ewig mit Euch grollen – was wolltet Ihr also sagen, bis? –«

»Ja, Du liebes gutes Kind,« sagte der Klabautermann gar ernsthaft, »das ist ein Wort, was ich nicht so rasch und leichtsinnig heraussagen möchte, weil ich es nicht wiederholen darf. Einmal gesprochen und vom Wind verweht, und wir können es demselben Menschenkinde nie zum zweiten Mal an's Herz legen – ja wendet sich die Jungfrau, der wir unsere Bitte vorlegen, nur von uns ab, dann dürfen wir uns ihr sogar nun und nimmer wieder zeigen, denn der uns verurtheilt hat, will nicht haben, daß wir uns Liebe oder Dankbarkeit erzwingen sollen. – Nur aus freien Stücken zurückrufen kann sie uns – aus eigenem freien Willen – das letztere geschieht aber wohl nun und nimmermehr!« – fügte er leise und traurig hinzu – »und doch ist nur gerade solch ein junges unschuldiges Blut, als Du bist, liebe Lisbeth, im Stande, die im Anfang allerdings wohl leicht scheinende, aber doch nicht so leichte Bedingung zu erfüllen.«

»Ich?« rief Lisbeth rasch – »ach, wie gern wollt' ich Euch helfen, lieber, guter Klabautermann, wenn das nur in meinen Kräften steht und ich es vor Gott und meinen Eltern verantworten kann.«

»Oh, es ist gar nichts so Entsetzliches!« lächelte Klabautermann wehmüthig, »und doch hat sich die vielen hundert Jahre hindurch noch keins von Euch Mädchen gefunden, was uns erlösen mochte. Aber ich will Dir vertrauen, Lisbeth, und Dir, wie wir auch gezwungen sind, es in dem Fall zu thun, Alles mitzutheilen, was Du zu thun hast und – was die Folgen davon sind. In früherer Zeit haben wir uns an den armen unschuldigen Mädchen versündigt und unsere schöne Gestalt benutzt, um sie zu verblenden, und nun müssen wir so lange die Strafe leiden, bis wir Die, die wir gekränkt, auch wieder versöhnt haben. Die Bedingung selber ist nun an und für sich gar nicht so entsetzlich schwer – die Jungfrau, die uns Gutes thun will, braucht nur einem von uns einfach und aus freien Stücken einen einzigen – einen einzigen Kuß zu geben –«

»Aber, Klabautermann,« sagte Lisbeth und wurde über und über roth – »das ist ja doch gar nicht etwas so Entsetzliches – und wenn ich wüßte –«

»Ja halt, Du liebes gutes Kind Du,« unterbrach sie aber Klabautermann kleinmüthig – »wir dürfen ihr jedoch auch nicht die Folgen verschweigen, denn sonst hilft uns das Alles nichts und wir bleiben arme wandernde Klabautermänner wie bisher.«

»Die Folgen?« sagte Lisbeth etwas bestürzt – »aber was denn für Folgen, Klabautermann?«

»Heraus muß es nun doch einmal!« erwiderte Klabautermann traurig; »so wisse denn, Lisbeth – und Du siehst den gar nicht so hübschen, etwas großen Mund, den wir haben – so wie eines Mädchens Lippen die eines Klabautermannes berühren, so verändert sich dessen Gestalt wie mit einem Zauberschlag zu seiner vorigen schönen, und der Bann, der bis dahin aus unserem ganzen armen Geschlechte gelegen hat, ist gelöst – aber das Mädchen –«

»Und das Mädchen, Klabautermann?« flüsterte Lisbeth kleinlaut.

»Ja das Mädchen,« sagte Klabautermann leise und betrübt, »das behält wohl auch seine frühere Gestalt, aber der Mund – der Mund, der den Klabautermann berührt hat, wird gerade so groß und häßlich, wie der Mund des Klabautermannes jetzt ist, und – ich darf Dir nicht sagen, wie lange das so bleibt; – so, jetzt ist's heraus, Lisbeth, und in Deiner Hand liegt wieder einmal das Schicksal von vielen, vielen armen Geistern, die Dir mit dieser Aufopferung oh! mehr, weit mehr als nur das Leben verdanken würden. Und dann kämen sie hervor aus all' ihren dumpfen Schiffsräumen und Schlupfwinkeln,« fuhr der arme kleine Klabautermann fast wie begeistert fort – »aus Nacht und Finsterniß kämen sie zu Tage in jubelnder, jauchzender Herrlichkeit zu dem freien, lieben Sonnenlicht, das sie sich jetzt nur stundenweis stehlen müssen, zu der lieben, lieben Erde und ihren Freuden und der spielenden, krystallenen Fluth – ihrer Wiege, ihrer Heimath – jetzt ihr Gefängniß. – Und aus dem Grund des Meeres,« fuhr er fort, und ein leises Lächeln, das seinen sonst so rauhen Zügen fast das Häßliche nahm, flog ihm über das Antlitz, während Lisbeth, an den Stamm des Fliederbaumes zurückgelehnt, die Hände im Schooß gefaltet, mit pochendem Herzen und bleichen Wangen da saß und die Augen schloß, die Bilder von sich fern zu halten, die ihr Klabautermann vor die Seele beschwor und denen ihr gutes Herz schon kaum noch widerstehen konnte – »und aus dem Grund des Meeres kommen die armen, so viele hundert Jahre verbannten Nixen und Sirenen, nicht mehr die Feinde der Menschen, nein, ihre innigsten dankbarsten Freunde, denn menschliche Großmuth – menschliche Versöhnung und Tugend gaben sie ja dem Licht und ihren Göttern wieder, in süßer, seliger Lust schaukeln sie auf den Fluthen – tanzen sie allabendlich ihre Reigen auf dem mondbeschienen Sande – dem Fischer nicht mehr Verführerinnen und Tod und Verderben, sondern Rettung und Hülfe bringend, wo sein Kahn in See getrieben, oder sein Schiff an Felsen zerschmettert hülflos auf den Fluthen schwimmt. Und den jungen Mädchen bringen sie dann Korallen und Perlen in's Haar und zum Schmuck, den Kindern Muscheln und bunten Tand, wie ihn die Tiefe bietet – den Fischern füllen sie die Netze; tausend Herzen, die jetzt in Kummer und trostlosem Elend schlagen, grüßten entzückt and jubelnd wieder den jungen Tag in fröhlicher, neugeschenkter und sicherlich nicht wieder mißbrauchter Freiheit. – Das Alles liegt jetzt in Deinen Händen, Lisbeth – in Deinem eigenen reinen, guten Herzen, – aber es muß auch einzig und allein darin entspringen, denn wir dürfen Dir nichts, gar nichts weiter dafür bieten, damit die Handlung frei von jedem Eigennutz sei und allein geschehe, weil wir es durch unsere Handlungen vorher verdient und dadurch also die alten Vergehen abgebüßt haben. Und so magst Du denn entscheiden, Lisbeth, ob Du Dich –«

Klabautermann brach hier plötzlich ab und zog sich leise in den Schatten des Fliederbaumes zurück, denn vom Haus her erschien die Gestalt eines jungen, frischen Burschen mit hellblonden Locken und klaren, muthwilligen Augen, Er war in die gewöhnliche Seemannstracht der dortigen Gegend gekleidet und hatte schon, eben als er in die Gartenthür trat, einen flüchtigen Blick über den kleinen freundlichen Platz geworfen, kaum aber das junge Mädchen in ihrer sinnenden Stellung unter dem Fliederbaum entdeckt, als er mit flüchtigen, doch geräuschlosen Schritten über den Rasenfleck, der den Platz allein von ihm trennte, wegsprang und, ehe Lisbeth auch nur eine Ahnung von seiner Gegenwart hatte, einen derben, herzhaften Kuß auf ihre rosigen, so verführerisch dargebotenen Lippen drückte.

»Aber, Klabautermann!« schrie das Mädchen und sprang im Todesschreck empor.

»Hallo, Klabautermann!« lachte der junge, kecke Gesell und schloß das sich ängstlich sträubende Mädchen, das ihn in der ersten Ueberraschung gar nicht erkannt zu haben schien, nur fester in die Arme, »hast Du geträumt, mein süßes Kind? – Hahaha! Wie ich mein Püppchen da so hübsch gefangen habe.«

»Ach Du mein lieber Himmel, Claus!« rief das Mädchen, sich von ihm losmachend und scheu überall umschauend – »wie Du mich erschreckt hast, Du böser, böser Mensch – und Du weißt gar nicht – aber – aber wo ist denn –?«

»Wo ist was?« frug Claus noch immer lächelnd über das Erröthen und Bestürztwerden des holden Kindes – »wo ist was, mein Herz?«

»Klabautermann,« sagte Lisbeth leise und verlegen und sah sich rings, aber vergebens nach dem kleinen Geiste um.

Claus lachte hell auf. »Lisbeth, Lisbeth!« rief er dabei, »Du hast wahrhaftig geschlafen und vom Klabautermann geträumt; – was der Klabautermann doch für ein glückliches Wesen ist – ich wollte, ich wäre an seiner Stelle!«

»Ach, wünsche Dir das nicht, Claus!« rief das Mädchen rasch und ängstlich, »aber ich habe gewiß nicht geträumt, Claus –« setzte sie dann schüchtern hinzu und sah sich immer noch traurig nach Klabautermann um – »ich habe gewiß und wahrhaftig nicht geträumt, denn hier, auf der Stelle wo Du jetzt sitzest, saß er und – ach Du mein Gott!« rief sie plötzlich, wurde leichenblaß und legte, emporspringend, die Hand fest auf ihre Lippen. »Aber nein,« sagte sie dann verschämt, und das Blut strömte ihr voll und wild wieder in die Wangen zurück – »Du bist ja Claus und nicht –«

»Der Klabautermann,« lachte der junge Bursch wieder heraus. »Schatz, Schatz, was Du für närrisch Zeug durcheinander schwatzest; aber laß den Klabautermann jetzt, denn ich habe Dir weit Wichtigeres und Liebes und Gutes zu erzählen. Ich bin seit heute Morgen wohlbestallter Elblootse, und Du weißt, was Du mir schon seit anderthalb Jahren für die Zeit versprochen hast – sind das nicht gute Nachrichten, meine Lisbeth?«

»Ach, Claus!« sagte das schöne Mädchen und barg erröthend ihr Antlitz an der Brust des jungen Mannes – der Klabautermann war in den Tod hinein vergessen.

»Mit dem Vater und der Mutter drin hab' ich's eben schon abgesprochen,« fuhr Claus leise und schmeichelnd fort, »und morgen früh um zehn Uhr führ' ich mein liebes Bräutchen in die Kirche und mein Weibchen, ach liebe, liebe Lisbeth, wie süß das Wort klingt – mein kleines, braves Weibchen mir in's Haus.«

»Morgen früh?« sagte Lisbeth, fast erschrocken zu ihm aufschauend – »ach, Claus, das geht ja gar nicht, wir müssen ja doch erst aufgeboten werden.«

»Mit Geld ist Alles zu machen,« lachte aber Claus, »und für blankes Geld drückt die liebe Geistlichkeit eben so gut ein, oder, wenn es sein muß, alle beide Augen zu, wie andere Leute. Morgen ist aber, wie Du weißt, auch meiner Eltern Hochzeitstag, und die Alten haben es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, daß es morgen sein soll – willst Du ihnen einen Strich durch die Rechnung machen, Lisbeth?«

Lisbeth erwiderte nichts, aber sie preßte ihr Köpfchen nur fester an die Brust des Geliebten, der sie sanft umschloß und ihre Stirn küßte. Plötzlich aber wurden Stimmen im Hause laut. Des jungen Claus Eltern waren mit dem alten Lothrecht, der eben aus der Stadt zurückkam, vorgesprochen, um Lisbeth's und ihrer Eltern Zustimmung zu holen und gleich Polterabend zu halten. Alles, was dazu gehörte, hatten sie sich aber auch gleich mitgebracht, denn Claus' Vater, der alte Tonnenleger Hendrichs, war ein gar wohlhabender Mann und hielt auf Ordnung. Ein fröhlicherer Abend ist denn auch gewiß nimmer, weder in Cuxhaven noch überhaupt an den Ufern des schönen Elbstroms, gefeiert worden, und die kleine Hauptperson der Festlichkeit behielt wahrhaftig keine Zeit, des Nachmittags oder seiner Vorfälle zu gedenken. Wer hätte es auch einem armen schüchternen Kinde, dem der Polterabend so Hals über Kopf in das Haus gefallen, verübeln mögen, daß es den Klabautermann darüber auf ein paar Stunden vergessen sollte, war ja doch Claus selbst zu glücklich, als daß er sein liebes Bräutchen gerade heute mit dem, was er ihr »Nachmittagsschläfchen« glaubte, hätte necken mögen.

Als Lisbeth aber an dem Abend zu Bett ging, konnte sie lange, lange nicht einschlafen, denn nicht allein war dieser Tag so sehr ernst und bedeutungsvoll für sie gewesen, sondern auch der arme Klabautermann ging ihr jetzt, als sie recht still und allein darüber nachdachte, im Kopf herum, und sie fing an, sich die bittersten Vorwürfe darüber zu machen, daß sie so undankbar gegen ihn gewesen sei und ihn vergessen habe. Hatte er ihr nicht den Vater gerettet, wäre sie jetzt nicht ohne des Klabautermannes freundliche Hülfe unglücklich und elend über den Verlust des geliebten alten Mannes gewesen? Und in ihrer Macht lag es jetzt noch, das arme verurtheilte Volk glücklich zu machen – nur ein wenig entstellt wurde sie dafür – sie sah nicht mehr so hübsch aus wie jetzt, und das Einzige war, daß sie nicht wußte, wie lange das etwa dauern und ob es wohl je wieder von ihr genommen werden würde. Klabautermann hatte freilich einen gar so entsetzlich häßlichen Mund – aber konnte das in Betracht kommen, wo das Schicksal von Hunderten auf dem Spiel stand? Und war sie es dem Klabautermann denn eigentlich nicht einmal schuldig, daß sie es für ihn that? Hatte sie ihm nicht versprochen, Alles zu thun, was in ihren Kräften stünde und was sie vor Gott und ihren Eltern verantworten könne, und konnte sie das etwa nicht vor ihnen verantworten? Ja, mußte ihr nicht eine solche Entstellung, auf solche Art erhalten, viel mehr zur Ehre als zur Schande gereichen? – Aber Claus – ach ja Claus – was würde der dazu sagen? – Lieber Gott, das arme Mädchen wußte zuletzt selbst nicht mehr wo aus noch ein, dann kam ihr auch wieder der Gedanke, was Claus für ein braver, ehrlicher Bursche sei, und wie sehr er selber seine Eltern liebe und gewiß Alles, Alles in der Welt thun würde, ihre grauen Haare zu schützen und zu erhalten.

Ihr Entschluß war gefaßt – Klabautermann hatte ihr gesagt, daß er ihr, nachdem er ihr einmal seine Bitte vorgetragen hatte, nie wieder aus freien Stücken erscheinen dürfe, aber rufen konnte sie ihn, und das sollte morgen früh und zwar in frühester Morgenstunde geschehen. Ach das Herz war ihr jetzt so voll und wohl bei dem Gedanken einer guten That, die sie selbst mit großer Aufopferung bringen mußte, daß sie Klabautermann am liebsten gleich hergerufen und die ganze Sache mit ihm abgemacht hätte – ja das Wort lag ihr ein paar Mal schon auf der Zunge. Aber das ging doch nicht an – Nachts in ihr stilles Kämmerlein und allein – und er sollte sich dann gleich wieder in den jungen schönen Wassergeist verwandeln, der – nein das ging gewiß nicht an; ja, wenn er der alte kleine Klabautermann geblieben wäre; aber morgen früh auf jeden Fall. Und mit durch den Entschluß hochgerötheten Wangen preßte sie ihr Köpfchen fester gegen das Kissen und war auch im Nu sanft und süß eingeschlafen.

Am nächsten Morgen war sie mit der Sonne munter und auf, aber ein leiser Schauer rieselte ihr doch durch's Herz, als sie ihres Vorsatzes von gestern Abend gedachte. Abends ist die Phantasie immer weit aufgeregter als Morgens, und was uns damals leicht ausführbar erschien, betrachten wir vielleicht bei der kühleren Morgenluft, die uns den Schlaf aus den Augen weht, auch mit kühlerem Blute und denken dann manchmal ganz anders über ein und denselben Gegenstand, als wir nur vor wenigen Stunden gedacht hatten. Ich will aber hier nicht etwa sagen, daß das mit Lisbeth ebenfalls so gewesen sei, nein, solches großes Unrecht darf und möchte ich ihrem braven, treuen Herzen nicht thun; ihr Entschluß war gefaßt, und sie betete nur zu Gott, daß er ihr Kraft geben möge, ihn auszuführen.

Ich will aber tausend junge Mädchen am Morgen ihres Hochzeitstages hinstellen und sehen, wie viele darunter wären, die freiwillig hingingen, ihr Gesicht zu entstellen, indem sie einen Klabautermann küßten – ich glaube wahrhaftig, von allen Tausenden auch nicht Eine. Legt einmal die Hand auf's Herz, Ihr lieben Mädchen, und sagt, was Ihr unter gleichen Verhältnissen gethan haben würdet?

Jedenfalls das, was Lisbeth jetzt that – sie blieb lange und fast betrübt vor ihrem kleinen Spiegel stehen und beschaute darin die zarten, rosigen Lippen, die sie ja heute zum letzten Mal so lieb und weich und rund sehen sollte – sie zog sich nachher – und sie blickte sich erst scheu dabei um, ob sie auch Niemand dabei beobachten könne, aber ihr Kämmerchen war ja dicht verschlossen und verhangen – sie zog sich nachher sogar den kleinen Mund mit beiden Zeigefingern ein ganz klein wenig breit – dann ein klein Bischen mehr, und dann hielt sie sich wieder die Augen mit der Hand zu und seufzte recht schwer und aus vollem, schwerem Herzen. Endlich aber zog sie sich an, betete noch einmal zum lieben Gott, und trat dann mit mehr Festigkeit, als sie den ganzen Morgen gehabt, zuerst in das Wohnzimmer, um ihre Eltern zu begrüßen, und dann in den Garten, ihren guten Vorsatz zur Ausführung zu bringen.

»Gott grüß' Dich, Du liebes Herz!« rief ihr da, eben als sie in die Thür trat, eine nur zu bekannte Stimme entgegen, und sich rasch nach ihr umwendend, sagte Lisbeth mit freudigem Erröthen, als sie Claus die Hand bot und auch nicht böse zu sein schien, daß er die Lippen dazu nahm:

»Ach, Claus, wie bin ich froh, daß ich Dich jetzt auf einen Augenblick sprechen kann, ich habe eine recht, recht wichtige Frage an Dich zu thun.«

»Und was ist das, meine Lisbeth?« sagte der junge Mann herzlich, indem er seinen rechten Arm um sie schlang und mit ihr langsam zu der kleinen Gartenpforte hinaus dem Ufer der Elbe zuschritt, bis sie den Fluß übersehen konnten und dort stehen blieben.

»Sage einmal, Claus,« flüsterte die Jungfrau, sich mit ihrem Köpfchen an ihn schmiegend – »aber Du mußt mir nicht böse werden über die Frage –«

»Liebes Herz –«

»Nun gut,« fuhr das Mädchen fort, »nicht wahr, Claus – Du hast mich doch nicht – Du hast mich doch nicht nur allein meines – meines glatten Gesichts wegen lieb – ach, keine der gewöhnlichen Betheuerungen, Claus,« bat das Mädchen, ängstlich zu ihm aufschauend; »sag' es mir recht treu und aufrichtig, ob Du mich auch eben so lieb haben könntest, wenn ich nun auf einmal recht, recht häßlich würde – wenn ich zum Beispiel – die Blattern bekäme,« setzte sie leiser hinzu, »oder – oder einen recht häßlichen großen Mund.«

»Meine liebe Lisbeth!« erwiderte ihr der junge Mann mit weicher, ja inniger Stimme, »was hast Du Dir nur für trübe, traurige Dinge in den Kopf gesetzt? Aber es ist ja wohl natürlich, daß Du gerade an dem heutigen Tag ernster gestimmt bist als sonst. Doch ich kann Dir Deine Frage auch mit recht frohem und freudigem Herzen durch Ja beantworten, mein süßes Leben. Sieh, meine Lisbeth,« fuhr er dann treuherzig fort, als er fühlte, wie sie sich inniger an ihn schmiegte, »ich will Dir ganz aufrichtig sagen, daß im Anfang gerade Dein liebes und herziges Gesicht das war, was mich besonders anzog, und wer weiß, ob wir je Mann und Frau geworden wären, wenn Du – wenn Du gerade nicht so lieb ausgesehen hättest, als Du es wirklich thatest. Damals waren wir ja aber auch noch einander vollkommen fremd, und ich kannte Dein gutes, treues Herz ja nicht, wie ich es jetzt kenne. Das liebe Gesichtchen ist nun freilich eine recht angenehme Zugabe, aber nicht mehr die Hauptsache, meinte Lisbeth – die Hauptsache bist Du mir jetzt selbst geworden, mit Deinem reinen, frommen Gemüth und Deinem guten, treuen Herzen, und sollte Dir Gott die Schönheit wirklich nehmen, Du liebes Kind, dann sei fest, oh recht fest versichert, daß es meine Liebe zu Dir nie, nie im Leben ändern oder verringern würde.«

»Du guter Claus!« sagte das Mädchen innig; »aber,« fügte sie dann schüchtern und mit einer so betrübten, ängstlichen Miene hinzu, daß sich Claus trotz der ernsten Stimmung, in die ihn die Worte der Geliebten versetzten, doch eines Lächelns nicht erwehren konnte – »denke Dir, Claus – so einen recht großen, häßlichen Mund!«

»Ich weiß nicht, wie Dir heute Morgen so entsetzliche Gedanken gerade über einen häßlichen, großen Mund kommen,« sagte er gutmüthig; »aber selbst damit, mein Herz, und so süß diese rothen, frischen Lippen jetzt auch sind, und so ungern ich sie entbehren möchte – selbst sie wären mir nicht so lieb als Dein Herz. Und bist Du nun zufrieden und beruhigt, Du kleines närrisches Lieb mit Deinen Sorgen und Fragen, und willst Du mir jetzt wieder froh und hell in die Augen sehen, wie bisher?«

»Du guter guter Claus!« sagte das Mädchen leise – »aber –«

»Noch ein Aber, Lisbeth?« fragte Claus, dem es weh that, sein Mädchen so betrübt und ernst zu sehen.

»Wenn ich nun selber schuld daran wäre?« flüsterte die Jungfrau leise – so leise, daß er ihre Worte kaum verstehen konnte.

»Selber schuld daran?« murmelte der junge Bursche aber kopfschüttelnd und fast wie ungeduldig. »Liebstes Herz, was hast Du nur heute für wunderliche Grillen im Kopf – Du wirst doch gewiß nicht thun, was nicht recht und brav wäre und –«

»Nein, gewiß nicht, Claus!« unterbrach ihn rasch und betheuernd das Mädchen; »nein, gewiß nicht in meinem ganzen Leben.«

»Nun, siehst Du wohl, Schätzchen,« sagte ihr freundlich der junge Mann, indem er ihr Gesichtchen zwischen seine beiden Hände nahm und es leise gegen sich emporwandte – »sobald Du nichts Unrechtes thust, daß Du Dir nachher selber keine Vorwürfe zu machen hast, dann mag kommen was da will, dann können wir dem Schicksal ruhig die Stirne bieten. Aber jetzt muß ich wahrhaftig fort,« unterbrach er sich schnell, »die Zeit ist mir wie im Sturme bei Dir verflogen, und ich habe noch so viel heute Morgen zu besorgen. Du bist auch noch nicht angezogen,« setzte er neckend hinzu, »und darfst nachher nicht auf Dich warten lassen. – Aber sei nicht bange, ich komme ein halb Stündchen vorher und sehe schon zu, daß Du bereit bist, wenn die Anderen eintreffen. Also ade, meine herzliebe Lisbeth – ade nun noch für ein ganz kleines Weilchen – ade –« und mit einem herzlichen Kusse, den sie ihm heute nicht weigerte, verließ er sie, und das arme Mädchen blieb zitternd am Ufer zurück.

Claus selber hatte sie ja aber durch seine Worte in ihrem guten Vorhaben befestigt, und sie wollte nun auch nicht länger säumen – der arme, arme Klabautermann – oh, es lief ihr doch ein Schauer über den Leib, als sie in den Garten trat und sich wieder auf die stille, lauschige Bank unter dem Fliederstrauch setzte, wo sie gestern gesessen! – Und was hatte sich seit der Zeit nicht Alles in ihrem Leben geändert – wie schnell und auch wie glücklich hatte sich in den wenigen kurzen Stunden ihr Schicksal gestaltet! –

Aber diese Stunden entflogen auch jetzt eben so schnell, und nur kurze Zeit noch und Claus kehrte zurück, und dann war ihr die Möglichkeit für immer genommen, dem Klabautermann zu zeigen, daß sie – daß sie – mehr Muth und Dankbarkeit habe wie andere Mädchen.

»Ja, Dankbarkeit,« wiederholte sie sich halblaut, um sich in ihrem Vorsatz nur zu bestärken; »wenn Klabautermann nicht gewesen wäre, trauertest Du jetzt um Deinen Vater, Lisbeth, und könntest wohl nie im Leben wieder froh und glücklich werden. – Aber wird mich Claus auch wirklich lieb behalten?« – frug sie sich dann wieder leise und zweifelnd – »er sagt es jetzt freilich, da er keine Ahnung von meinem Vorhaben hat, – wenn ich aber dann nachher so vor ihn trete – ach, es muß gar so schrecklich aussehen – und er wendete sich nachher mit Abscheu von mir fort –« sie barg das Gesicht einen Augenblick in den Händen und die hellen, klaren Thränen liefen ihr zwischen den Fingern durch – »es wäre zu entsetzlich! – Aber nein, nein,« setzte sie rasch und mit fester Ueberzeugung in der Stimme hinzu – »das würde er nicht thun, ich kenne sein gutes und treues Herz und es ist unrecht, daß ich nur so etwas von ihm denke. – Ob Klabautermann jetzt wohl hier in der Nähe ist – und ob er wohl gleich erschiene, wenn ich ihn riefe?«

Sie sah sich scheu dabei nach allen Seiten um, es ließ sich aber auch nicht das geringste Außergewöhnliche erkennen; kein Lüftchen regte sich, und die Blätter und Blüthen des Flieders hingen so still – man hätte das unbedeutendste Geräusch hören, die kleinste Bewegung des Laubes sehen müssen.

»Ich ruf' ihn,« sagte Lisbeth leise, ganz leise vor sich hin, »und wenn Claus auch nachher vor mir erschrickt und meine Gespielinnen mich – mich auslachen. – Ach lieber Gott, wie die lachen und spötteln werden!« sagte sie mit einem schweren, schweren Seufzer – »und die Kathrine, die so ein Auge auf den Claus hatte – und was das für ein Gerede im Orte geben wird, wenn ich – wenn sie nachher zusammenkommen und sehen, was mit mir vorgegangen. Ich darf mich im Leben nicht wieder vor der Thür zeigen, und die Kathrine wird triumphiren.« – Sie hielt sich mit beiden Händen die Stirn, als ob sie die trüben, peinigenden Gedanken auf solche Art hinaus und in's Freie pressen könnte – aber sie rief nicht.

Armer Klabautermann – Alles, Alles hätte das gute liebe Mädchen ertragen, Dich und die Deinen zu retten, aber den Spott der Nachbarn – den Gedanken, ausgelacht und verhöhnt zu werden von denen, die bis jetzt eher mit Neid zu ihr aufgeschaut hatten, nein, das konnte sie nicht ertragen. Sie sagte sich das freilich nicht – sie blieb noch auf der Bank sitzen, und in ihrem armen kleinen Herzchen arbeitete und pochte es gar gewaltig – aber sie rief doch nicht, und Secunde nach Secunde verging, sie wurden zu Minuten und Stunden, und als Claus endlich zurückkam, zu sehen, ob sie bereit wäre, fand er sie noch, wie er sie verlassen, aber in Thränen gebadet, unter dem Fliederbaume.

»Aber, Lisbeth, was um Gottes willen ist Dir heute?« frug er das arme Mädchen, das sich ihm, als er auf sie zukam, laut schluchzend entgegenwarf, selber bestürzt – »was ist vorgefallen – fehlt Dir etwas, mein herziges Lieb, und kannst Du mir es sagen?«

»Nein, nein!« erwiderte Lisbeth rasch und dringend – »ach, ich bin ein Kind, Claus, ein recht thörichtes, schwaches Kind – aber es ist jetzt vorbei – geh in's Haus, Claus, ich komme gleich nach, nur ein Viertelstündchen laß mich noch hier allein.«

»Dort drüben die Straße herauf kommen schon die Brautjungfern,« sagte Claus bittend, »und Du bist noch gar nicht angezogen – und da ist auch meine Schwester, die ich apart mit herübergebracht habe, Dir zu helfen. Wenn Du etwas hast, vertraue es ihr an.«

Lisbeth sah sich erschreckt um, und aus dem Haus trat Claus' Schwester und trat auf sie zu. Jetzt war Alles vorbei, und mit leiser, kaum hörbarer Stimme sagte sie:

»Zu spät – zu spät – es hat nicht sein sollen!« – In dem Augenblick kam es ihr aber auch vor, als ob Jemand dicht neben ihr einen recht schweren, schmerzlichen Seufzer ausstieße, und emporschreckend rief sie aus:

»Oh mein Gott, Claus – hörtest Du nichts?«

»Was denn, meine Lisbeth?« sagte der junge Mann, dem es schon anfing, ganz angst und bange um die Geliebte zu werden; »was ist Dir denn, was hast Du?«

»War es Dir nicht eben, als ob Jemand dicht neben uns so recht tief aufseufzte?«

»Ach, das bin ich wohl selber gewesen!« sagte Claus traurig, »oder das Laub des Flieders hat geweht.«

Lisbeth blickte scheu um sich her, aber es war nichts zu hören noch zu sehen – wenigstens nicht für die Sinne der sterblichen Menschen, die dort beisammenstanden; aber Lisbeth hatte sich nicht getäuscht mit dem Seufzer, und der arme betrübte Klabautermann, der bis dahin noch mit pochendem Herzen, aber geduldig, oh so still und geduldig auf seinem Kistchen gesessen und gehofft, mit banger, banger Furcht gehofft hatte, sah nun, wie Alles, Alles wieder für ihn vorbei sei. Aber er murrte nicht und war auch nicht ärgerlich auf das arme schwache Menschenkind; still und geräuschlos hob er sich sein kleines Kistchen wieder auf den Rücken und wanderte, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzuschauen, dem Elbufer und dem nächsten Schiffe zu, das dort vor Anker lag. Eine Stunde später, als die Glocken gerade zur Kirche läuteten, ging das unter Segel, und Klabautermann saß unten im dunkeln Raume ganz allein und lautlos und fuhr mit nach Ostindien.

Vier Wochen waren dem jungen glücklichen Ehepaare wie eben so viele Tage vergangen; so recht froh und heiter, wie sie es früher gewesen, hatte Lisbeth aber doch noch nicht wieder werden können, und fast eben so viel als die Reue über ihre damalige Zaghaftigkeit nagte auch das Gefühl an ihrem Herzen, vor dem geliebten Manne noch ein Geheimniß zu haben, das sie eine ihr selbst unerklärliche Scheu fühlte ihm mitzutheilen, und das er, wenn er es errieth, zu viel Zartgefühl hatte, ihr selber abzufragen.

Einmal aber Abends, als er gerade wieder, nach einem ziemlich schweren Wetter, ein Schiff glücklich in die Elbe herein und bei Cuxhaven vor Anker gebracht hatte, und bei ihr im stillen, traulichen Stübchen saß und mit ihr koste und plauderte und ihr Alles erzählte, was er auf dem Herzen hatte, was er dachte und trieb, und ihr wieder und wieder sagte, wie lieb er sie habe und wie er sich so glücklich fühle in ihrem Besitz – Sachen, die sie alle schon tausendmal gehört und ihrer wunderbarer Weise doch nie müde wurde, da litt sie's auch nicht länger – sie lehnte ihr Köpfchen an seine Schulter, daß sie ihm nicht dabei in die Augen zu schauen brauchte, und gestand ihm, was ihr an jenem Tage gefehlt und sie so betrübt und geschmerzt habe.

»Aber, süßes Herz!« rief ihr junger Gatte, als sie ihre kleine Erzählung begann, lachend, »Du hast ja damals unter dem Fliederbaum gesessen und geschlafen, als ich Dich traf – hab' ich Dich denn nicht noch mit einem Kuß geweckt und erschreckt? Das war ein Traum, Schätzchen, und nichts weiter.«

»Ich habe aber gewiß und wahrhaftig nicht geschlafen, Claus,« sagte Lisbeth rasch und treuherzig zu ihm aufschauend, »ich war so wach damals, als ich es jetzt bin, und wenn ich Dir das Ganze erzähle, wirst Du mir wohl sicher Recht geben, Claus.«

»Nun so erzähle, Schatz!« sagte der Gatte lächelnd und zog sie fester an sich, und Wort für Wort, wie es ihr treues Gedächtniß seit jener Stunde bewahrt, wiederholte die junge – als sie zu der Geschichte mit dem Kuß kam, tief erröthende Frau dem lächelnd zuhorchenden Gatten.

»Also deshalb frugst Du mich so auf mein Gewissen um meine Meinung wegen etwa eintretender Blattern oder dem – dem großen Mund?« sagte er leise und drückte dabei ihr Köpfchen fester an seine Brust, denn sie sollte in diesem Augenblick nicht in die Höhe schauen und sehen, wie viel näher ihm das Geradeherauslachen sei, als ernsthaft zu blicken; er hätte ihr um Alles in der Welt nicht, auch nur mit Wort oder Blick, wehe thun mögen.

»Ach Gott ja, Claus,« flüsterte Lisbeth, die gar nicht daran dachte, in die Höhe zu schauen – »und Du glaubst nicht, wie weh, wie entsetzlich weh es mir damals um's Herz war – und eigentlich noch ist –« setzte sie schüchtern hinzu, »denn die ganze Zeit seitdem hat mich der Gedanke geplagt, daß ich doch eigentlich recht schlecht und undankbar gegen den armen Klabautermann gehandelt habe, und das nun gar nie, nie wieder im Stande bin, gut zu machen. Du sollst mir nun jetzt Deine Meinung sagen, lieber Claus, was Du darüber denkst, und nicht wahr – nicht wahr, Claus, Du lachst mich nicht darüber aus?«

Es lag etwas so Rührendes, Frommes in dem Ton, daß ein Mann mit weit weniger Gemüth, als es Claus wirklich hatte, jeden Gedanken an Spott zurückgehalten haben würde; Claus aber küßte ihre Stirne, und ihr das Antlitz jetzt selber emporhaltend, sagte er leise und herzlich:

»Was mir aus all' Deinen Worten und Deinem ganzen Wesen hervorleuchtet, meine liebe Lisbeth, ist Dein gutes, treues und dankbares Herz, das sich abhärmt und kränkt einer, wie es glaubt, versäumten Pflicht wegen; – Traum oder Wahrheit, Du bist so, wie ich mir ein liebes, braves Weib nur hätte vom guten Gott erbitten können – mit all' Deinen Tugenden eines lieben Frauenherzens, aus dem ich selbst die kleinen Schwachheiten nicht verlieren möchte. Was aber das Vergangene betrifft, so tröste Dich, mein Herz, Gott legt Niemandem stärkere Prüfungen auf, als er auch im Stande ist zu tragen, und wenn es sein Wille gewesen wäre, daß Du Deinen frommen, durch Kindesliebe hervorgerufenen Plan zur Ausführung hättest bringen sollen, so würde nichts im Stande gewesen sein, Dich daran zu verhindern. Mir aber bist Du, wenn das überhaupt möglich gewesen, durch dies Geständniß eher noch lieber geworden als vorher – wird Dich das nun trösten und beruhigen. Du liebes Herz?«

Lisbeth, ohne ihre Stellung zu verändern, blickte mit einem glücklichen, seligen Lächeln zu ihm empor und flüsterte: »Du guter, lieber Claus!« Dieser aber drückte auf die ihm so verführerisch dargebotenen Lippen einen herzlichen Kuß und sagte dann mit lebendigerer Stimme und während ein gutmüthiges, fast drolliges Lächeln seinen Mund umspielte:

»Was nun aber jenen Geist betrifft, mein liebes Frauchen, so habe ich nicht das Mindeste gegen ihn: – er ist ein braves, friedliches Wesen, und verhält sich die Sache wirklich so, wie er sie erzählt hat, so will ich ihm recht von Herzen baldige Erlösung wünschen – sonst aber – wenn ich Dir denn auch darüber meine Meinung frei und offen heraus sagen soll, bin ich gerade nicht so entsetzlich böse darüber, daß der Klabautermann damals – meinem kleinen Bräutchen keinen dicken Mund geküßt hat.«

 

Ende.

 

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