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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 28
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
created20121231
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20. Bill's Wache

Wir müssen jetzt zu unserer Bootsmannschaft, Bill und Timor, zurückkehren, die wir verlassen hatten, als sie wieder vom Land abkreuzten, um in sicherer Entfernung das Zeichen ihrer an's Ufer gegangenen Kameraden zu erwarten.

»Hm!« sagte Bill nach einer langen Weile, in der Keiner der Beiden auch nur ein Wort gesprochen – »eigentlich ärgert's mich, daß ich nicht mit an Land bin. – Ist doch ein anderes Leben, als hier ewig die Kniee eingezwängt zu haben zwischen die Bootsdoften, und blaue Luft über sich, blaues Wasser unter sich zu sehen. So eine acht Tage halt' ich's immer vortrefflich am Ufer aus, nur nachher wird's langweilig und ich setze dann allerdings am liebsten wieder Segel – aber eine Weile gefällt mir's doch.«

»Toean Bill würde sich hier aber sehr wenig unterhalten,« lachte Timor in seinem gebrochenen Englisch, indem er den eben wieder zugerichteten Fischhaken über Bord warf und nachschleifen ließ. – »Viel Wald hier und viel Busch, und viel böse Wilde – und viel Thiere, und viel nichts zu essen und zu trinken.«

»Viel nichts zu trinken, ah!« sagte Bill und verzog den Mund fast zu einem Lächeln, was aber selten oder nie bei ihm ganz zum Ausdruck kam; »das wäre freilich bös, Timor, herzlich bös, und ein ordentlicher Kerl sollt' es bald satt bekommen. – Aber es wäre doch eine Veränderung, und man könnte jeden Augenblick wieder an Bord kommen.«

»Wenn man nicht im Wald irre läuft,« setzte Timor hinzu – »Wasserleute wissen selten viel mit Wald Bescheid – Wasserleute steuern bald den, bald den Cours im Busch, wenn sie keinen Compaß haben – australische Busch viel schlimm zu laufen.«

»Hm! Das wäre ein schöner Spaß,« brummte Bill leise vor sich hin, »wenn unserer Gesellschaft da drin etwas Aehnliches passirte. Hätten wir nur wenigstens ein Rakete, so könnten wir die heut Abend aufsteigen lassen – das bliebe jedenfalls das Sicherste.«

»Toean Bill muß heute nach Dunkelwerden zweimal Gewehr abschießen,« argumentirte dagegen der kleine Malaye – »Toean Bill . . .«

»Will verdammt sein, wenn er das verwünschte Schießeisen wieder in die Hand nimmt,« unterbrach ihn der Matrose aber rasch und mürrisch – ich habe mir einmal die Schulter damit ausgerenkt, und der Knochen sitzt eben nur erst wieder in der Pfanne.«

Der Malaye ließ sich aber nicht so leicht abweisen. Er wollte schon früher einmal in diesem Theil des Landes, den er Marega nannte, und zwar mit seinen Landsleuten von Timor aus, zum Fischen gewesen sein, und konnte die Gegend gar nicht traurig und wasserarm genug beschreiben. Hätten die Wanderer dann auch noch dazu die Richtung verfehlt, so müßten ihnen ein paar Signalschüsse, nachdem der Wald ruhig geworden, von unendlichem Nutzen sein, und wenn Bill sich zu schießen fürchtete – der schlaue kleine Bursche faßte den alten Matrosen beim Ehrgefühl – so solle er ihm nur die Flinte geben – er wolle sie selber abfeuern.

Das konnte Bill doch unmöglich zugeben und that endlich eine halbmürrische Zusage, dem Rathe Folge zu leisten – heißt das mit der vorsichtigen Clausel: nur wenn sie nicht selber noch vor Dunkelwerden wieder etwas von den Ihrigen gesehen hätten.

Gestern Abend – und sie hatten den Tag über dicht hinter der kleinen Insel gelegen, hatte Timor die »Wacht zur Koje«, d. h. konnte schlafen, während Bill »an Deck« munter bleiben mußte. Als Timor endlich die Augen wieder aufschlug, denn der kleine Bursche schien ordentlich zu fühlen, wie ihre beiderseitige Sicherheit mehr von seiner eigenen Wachsamkeit, als der seines älteren Gefährten abhänge, saß Bill im Heck vom Boot und nähte, ohne nur einen Blick links oder rechts hinauszuwerfen, eifrig an einem kleinen viereckigen Säckchen, das er eben beendet und mit etwas Heu aus einer der Flaschenkisten gestopft hatte. Er war gerade damit fertig und jetzt dabei, eine Strippe daran zu befestigen. Timor, nachdem er im Boot aufgestiegen und sich rings umgeschaut hatte, sah ihm eine Weile neugierig zu und sagte endlich, ganz verwundert der sonderbaren Vorrichtung zuschauend:

»Aber, Toean Bill, was das? – macht kleine Polster für Boot? – hier nicht Felsen und nicht neue Schiff.«

»Für Boot?« knurrte aber Bill zwischen den Zähnen durch, indem er seiner Hände Werk wohlgefällig betrachtete und auf dem Knie vorn eindrückte und weich machte, »Boot soll verdammt sein: nein, meine eigenen Schultern will ich mir nicht schamfielen.Durch Reiben beschädigen oder abnutzen. Wenn ich denn doch einmal die blutige Donnerbüchse wieder abbrennen soll, hab' ich mir hier das Kissen gemacht, zum Unterlegen. Aber was giebt's nun wieder? – heh? Was hast Du zu gucken, Braunfisch – sind die schwarzen Canaillen wieder im Ansegeln?«

»Was der weiße Punkt da, Toean Bill?« sagte aber Timor, der auf eine der Dosten gesprungen war und sich, soviel als möglich auf die Fußspitzen hebend, nach Osten, wo die »Barrier-Riffe« lagen, hinüberzeigte – »da drüben, da weiter links – gerade über die kleine Sandbank dort.«

»Hm, das sieht wahrhaftig wie ein Segel aus,« sagte Bill nach einer Weile, in der er sich bemüht hatte, den von dem schärferen Auge des Knaben bezeichneten Punkt zu finden – »aber ausmachen kann ich's doch noch nicht recht. Es kann auch ein Wasservogel oder ein weißes Riff, oder Gott weiß was sonst in diesem verwünschten Fahrwasser sein, wo ein ordentlicher Seemann eigentlich gar nichts drin zu verlieren haben sollte. Wo sonst eine Klippe oder Sandbank in der Karte angegeben ist, giebt man ihr gewöhnlich fünf bis sechs und mehr Meilen Seeraum und ist froh, wenn man sie gar nicht, oder doch nur wenigstens von den Marsen aus zu sehen kriegt, und hier jagt man mit dem Schiff gerade mitten hinein, als ob man im Nothfall auch ein paar Räder oder Kufen drunterschrauben und damit über alle möglichen Steine und Korallen und Sandbänke wegfahren könnte. Nun, meinetwegen,« setzte er hinzu, während er wieder von der Bank herunter stieg und seinen vorigen Platz einnahm, »laß es auch ein Segel sein; desto früher kommen wir vielleicht von hier fort. Weit kann es heute Abend nicht mehr gehen, ehe es Anker werfen muß, und dann wird's morgen Nachmittag etwa gerade zur rechten Zeit hier eintreffen, unsere ganze Gesellschaft wieder bei einander zu finden.«

Timor hätte sich nun freilich gern noch besser von der Identität des Segels überzeugt, aber mit dem sinkenden Abend legte sich ein leichter Dunst über die Oberfläche des Wassers, der die entfernteren Gegenstände bald umhüllte und jede weitere Beobachtung unmöglich machte. Der Nebel zwang sie aber auch zu noch weit größerer Vorsicht und Aufmerksamkeit, denn unter seinem Schutz, wenn er nur etwas dichter wurde, hätten sich ihnen selbst Canoes nähern können, wie viel mehr denn einzelne Wilde mit ihren so einfachen und doch so gefährlichen Waffen.

Timor drang deshalb darauf, daß sie von der Insel ablegten und weiter draußen Anker würfen. Bill sah auch endlich selber ein, daß es nöthig sein würde, wollte sich aber später, als er nach Dunkelwerden die beiden Signalschüsse, und zwar diesmal ohne schlimme Folgen, abgefeuert hatte, unter keiner Bedingung dazu verstehen, den Ankerplatz noch einmal zu verändern, um etwa lauernde Schwarze irre zu führen. Der Nebel legte sich nämlich gleich nach Dunkelwerden in dicken Schwaden auf das Wasser, und Bill hielt es für unnöthig, sich Mühe und Arbeit zu machen, wo bei solchem Wetter selbst ein Indianer sein kleines, vor einem solchen Wurfanker liegendes Boot nicht hätte finden können.

Um Mitternacht erhob sich übrigens eine leichte östliche Brise und trieb die Schwaden nach Westen und Nordwesten hinüber. Die Sterne leuchteten hell und klar von dem dunkelblauen Firmament hernieder, und die See funkelte und blitzte in der leisen Bewegung ihren Glanz tausend und tausendfach wieder.

Bill war ganz damit einverstanden, die erste Wache von Sechs bis Zwölf zu nehmen und die zweite dem Malayen zu überlassen. Dieser streckte sich denn auch ziemlich sicher, daß sie um diese Zeit wenig von einem Angriff zu fürchten hätten, in seiner wollenen Decke im Bug des kleinen Fahrzeugs aus und war bald sanft und süß eingeschlafen. Bill indeß, in dem doppelten Genuß einer guten Pfeife Tabak und eines vorzüglichen Glases Portwein, welchen beiden er ohne den mindesten Rückhalt zusprach, theilte seine Aufmerksamkeit gewissenhaft zwischen diesen und dem dann und wann über das Wasser tönenden Geräusch von Fischen oder Seevögeln.

Er war jedoch weit davon entfernt, der Flasche mehr zuzusprechen, als er vertragen konnte, denn er wußte recht gut, von welchen Gefahren sie, wenn auch nicht wirklich umgeben, doch jedenfalls erreicht werden konnten, und wie nöthig es in einer solchen Lage sei, seine Sinne vollständig beisammen zu haben.

Ein paar Mal aber nur wurde er wirklich beunruhigt, indem ein wunderliches Gurren und Schnalzen, wahrscheinlich von auf dem Wasser schlafenden oder träumenden Seevögeln, seine Lebensgeister zu voller Thätigkeit weckte und anspannte. Einmal stand er sogar im Begriff, Timor zu wecken, denn die Laute kamen weit näher als ihm lieb war, und doch konnte er nicht das Mindeste über dem Wasser erkennen. Mit einem derben und ziemlich lauten Fluch sich Luft machend, nahm er sein Gewehr auf die Kniee, dem ersten sich zeigenden und verdächtigen Gegenstand erst vor allen Dingen einmal Eins aufzubrennen. Von dem Moment an war aber wieder Alles ruhig, und selbst die Töne ließen sich nur erst später in einiger Entfernung zum zweiten Mal hören.

So kam Mitternacht heran. Der Nebel zog sich fort, und Timor, dem Bill von den wunderlichen Lauten um das Boot her erzählt hatte, legte sich vergebens flach in das Boot, und nur mit dem Kopf über den Rand desselben auf die Lauer, irgend weiter etwas Verdächtiges zu erspähen. Bis gegen Morgen blieb Alles ruhig, und nur ein einziges Mal glaubte er in der Richtung nach der kleinen Insel zu, neben der sie den Tag über gelegen, etwas zu hören, das weder von einem Bewohner der Tiefe noch der Luft herzurühren schien. Es kam dem von Bill erwähnten Laut nahe, klang aber anders, als er beschrieben worden, und schien von zwei verschiedenen Seiten beantwortet zu werden.

Timor lauschte den Tönen auf das Aufmerksamste, bis er den vollen Klang derselben begriffen hatte, und ahmte jetzt denselben erst leise, dann laut und zuversichtlich nach. In demselben Moment hatte er auch die Genugthuung, sich beantwortet zu hören, und zehn Minuten später etwa glaubte er in dem bewegten und sternblitzenden Wasser etwas heranschwimmen zu sehen. Was es aber auch gewesen, es verschwand in Sicht von dem Boot, und ein gleich darauf ganz in der Nähe des vermuteten Gegenstandes aufsteigender großer dunkler Seevogel, der mit flappenden Schwingen über die Oberfläche der See eine Strecke lang schwerfällig hinflog, bis seine Flügel die Luft ordentlich faßten und ihn nach oben trugen, beruhigte ihn über die Ursache der gehörten, scheinbar verdächtigen Laute.

Nichtsdestoweniger wußte er, selbst ein Kind des Waldes, viel zu gut, wie nöthig in der Nähe feindlicher Stämme stete und unausgesetzte Wachsamkeit sei, und verwandte während der Stunden seiner Wache kein Auge von dem nur leise durch die leichte Brise bewegten Wasserspiegel.

Im Osten dämmerte endlich der Tag. Dem kleinen Burschen hatte aber lange keine Nacht so wirklich endlos geschienen, und um gerade in dieser gefährlichsten Stunde keine Vorsicht zu versäumen, weckte er jetzt auch seinen Kameraden. Der Seemann war rasch munter gebracht; aber mehr Mühe kostete es, Bill zu bewegen, die beiden Signalschüsse zu geben. Er entschloß sich auch erst dazu, als dieselben wirklich vom Lande her abgefeuert waren und er die Antwort nicht schuldig bleiben durfte. Dies Signal sollte ihnen den doppelten Vortheil gewähren, sowohl den Freunden die genaue Richtung, in der das Boot lag, anzuzeigen, als auch ihren Feinden zu verstehen zu geben, wie sie gerüstet wären und Wache hielten. Den ersten Schuß that Bill auch, bekam aber, da er im Dunkeln am vorigen Abend geladen und wahrscheinlich zu viel Pulver genommen hatte, trotz des »Schamfiel-Kissens« wieder einen so fürchterlichen Stoß, daß er durch keine Ueberredung von Seiten Timor's bewogen werden konnte, seinen rechten Schulterknochen noch einmal in Gefahr zu bringen. Ja, er wollte im Anfang nicht einmal wieder laden, und verstand sich erst nach langer Weigerung dazu. Mit der aufgehenden Sonne, die den Meeresspiegel um sie her rings beleuchtete und nicht das geringste Verdächtige erkennen ließ, schien aber auch die Gefahr eines Angriffs, für jetzt wenigstens, vollkommen verschwunden, und Bill beschloß, seinen Anker zu lichten und nach der kleinen Insel, von der sie nur eine kurze Strecke entfernt waren, zurückzukehren. Dort gedachte er zum Frühstück einige Fische zu braten, die Timor in der Nacht auf seiner Wache gefangen hatte.

Der Anker war rasch gehoben, und da sie am vorigen Abend absichtlich nach windwärts aufgegangen waren, brauchten sie fast nur mit der Strömung wieder niederzutreiben, um die Insel gerade anzulaufen. Um vier Uhr Morgens etwa war es vollkommen windstill geworden – kein Hauch hatte gegen Morgen die spiegelglatte Fläche dieses »Binnensees im Ocean« bewegt, und erst jetzt hob sich wieder eine leichte Brise, und schien zu wachsen, je höher die Sonne über die Meeresfläche emporstieg.

»Was nur aus dem Segel von gestern geworden sein mag?« sagte Timor jetzt, der sich vergebens Mühe gegeben hatte, den weißen Punkt von gestern Abend zwischen den verschiedenen, dort umhergestreuten Inseln wieder herauszufinden. – »Sie müssen doch jetzt bei der Brise schon wieder Segel gesetzt haben?«

»Segel können sie immer gesetzt haben,« meinte Bill, »ob wir sie aber jetzt gerade sehen können, ist die Frage, denn sie scheinen heute Morgen nicht so hell als gestern Abend. Gestern leuchtete nämlich die Sonne im Westen gerade gegen die helle Leinwand, während sie heute dahinter aufgeht und wir dadurch nur die Schattenseite zu sehen bekommen. – Aber geh nach vorn, Timor,« setzte er dann hinzu, »nimm das Segel wieder nieder und steh bei dem Tau, daß Du gleich an Land springen kannst. Wir wollen keine Zeit verlieren, damit wir unser Frühstück wenigstens verzehrt haben, ehe uns Hans und Jean vom Ufer aus das Zeichen geben.«

»Toean Bill,« sagte aber Timor jetzt, der jedoch den ersten Befehl, das Segel niederzulassen, rasch befolgt hatte – »ich weiß nicht, ob gut ist, so rasch auf Insel zutreiben – viel dichtes Buschwerk auf kleinen Inseln. Lieber erst einmal hineinschießen mit Gewehr – ist besser.«

»Was Du immer so verdammt rasch mit Deinem Gewehrschießen bei der Hand bist, Du verwetterter kleiner brauner Halunke,« fluchte Bill, »wenn Du Deine Schulter dagegen halten solltest, würdest Du das Mittel sparsamer verschreiben, denk' ich. – Wer ist nun wieder todt, daß ich schon wieder Pulver verplatzen soll?«

»Todt?« frug der kleine Bursche verwundert, der die Redeweise des Matrosen noch nicht so recht verstand. – »Niemand todt, glaub' ich, aber vielleicht Lebendige da drin, und ist besser, ein bischen Feuer hineinmachen.«

»Darin hast Du Recht,« lachte aber jetzt Bill – »Feuer wollen wir auch hineinmachen, und das so rasch als möglich, aber nicht, um mir die Glieder auseinander zu schlagen, sondern unsere Fische zu braten. – Und nun mach', daß wir hinankommen; was hast Du in einem fort zu gucken und Dir den Hals halb auszurenken? – Wenn die Schufte da drin stäken, würden sie sich auch ein Feuer anmachen und ihre paar Lebensmittel kochen oder braten, gerade wie andere Christenmenschen. – Leben wollen wir Alle, und sein Frühstück versäumt Niemand gern – ich am allerwenigsten.«

Timor lachte bei dem Gedanken vor sich hin, daß im Hinterhalt liegende Eingeborene ein Feuer anmachen sollten, um ihr Frühstück zu braten. Aber der kleine Bursche hatte auch dabei eine unbestimmte Ahnung, welchen Gefahren sie ausgesetzt sein konnten. Während sie also jetzt von der Strömung gerade auf die kleine Insel zugetrieben wurden, die mit der wachsenden Fluth noch kaum etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Fuß aus dem Wasser lag, stand er vorn auf der niedern Back oder dem Vorboot und betrachtete aufmerksam und mißtrauisch das dichte Gebüsch, das von der Fluth hier auf der obersten Kuppe zusammengedrängt schien, und aus dem nur drei oder vier kleine Stämme mit knorrigen Aesten dürftig hervorragten.

Fast dicht an die nächste Korallenbank, die sich rings um den schmalen Erdhügel hinzog, hinangekommen, stieg Bill ebenfalls auf eine der Doften oder Bänke. Von hier aus einen Blick über den Horizont werfend, was die Matrosen aus alter Gewohnheit selten oder nie unterlassen, wenn sie nach oben gehen, oder auch nur einen etwas höheren Punkt besteigen, haftete sein Auge plötzlich auf einer gar nicht weit entfernten andern, etwas längeren und höher bewachsenen Insel, die nach Osten zu lag und, wie es von hier aus schien, theilweis von einer breiten Sandbank umschlossen war.

»Hallo, Timor,« rief er dabei – »ich glaube wahrhaftig, gleich hinter den Büschen dort liegt das Fahrzeug, das wir gestern Abend gesehen haben – mir war's wenigstens, als ob der weiße Fleck da, der auch jetzt noch wie ein Segel aussieht, eben aufgezogen wurde, als ich danach hinsah. – Die müssen die halbe Nacht gefahren sein.«

Timor folgte der angegebenen Richtung mit den Augen und glaubte auch einen weißen Schein hinter den Büschen zu erkennen, stand aber zu niedrig oder war zu klein, um es genau unterscheiden zu können, und hatte auch in der That seine Aufmerksamkeit viel zu sehr der Insel vor ihnen zugewandt, um sich mehr, als ein flüchtiger Blick erforderte, mit dem Segel zu beschäftigen. Das lag jedenfalls noch eine Strecke hinter ihnen und mußte seiner Zeit schon von selber sichtbar werden.

Bill dagegen interessirte sich weit mehr für das fremde Fahrzeug, wenn es wirklich ein solches und nicht vielleicht ein Streifen Sand war, der so hell da herüberblinkte. Wies es sich jedoch wirklich als ein Segel aus, so mußten sie vor allen Dingen darauf zufahren und es zu bewegen suchen, daß es beilege, bis seine drei Schiffskameraden abgeholt werden konnten. Der Gedanke an ihre hier mögliche und baldige Rettung beschäftigte ihn dabei so, daß er darüber wirklich sogar sein Frühstück vergaß. Nur in aller Geschwindigkeit schob er sich rasch ein frisches Priemchen Kautabak in den Mund, und seinen Hut dann in die Stirn drückend, nahm er den einen Riemen auf, legte ihn hinten ein und begann das Boot nach der Insel zuzuwricken.Wricken heißt, mit einem einzelnen, hinten ausgelegten und herüber und hinüber gedrehten Ruder ein Boot vorwärts zu treiben.

»Von da oben aus muß man sehen können, ob es ein Segel ist oder nicht, Timmy,« sprach er dabei vergnügt zu dem jungen Malayen, dem aber das zuversichtliche Benehmen des älteren Gefährten gar nicht so besonders zu gefallen schien – »der Erdhaufen da liegt wenigstens drei oder vier Faden höher wie das Wasser, und ist es wirklich ein Schiff, oder ein Schooner wenigstens, denn nur ein klein Ding von einem Fahrzeug dürfte wagen, hier in den Klippen und Untiefen die Nacht zu fahren, so segeln wir hinüber und belegen uns Plätze nach irgend einem christlichen Seehafen. Stand by, old Fellow! Komm, Timmy, spring hinaus und mach' das Boot fest!«

»Timmy,« wie ihn Bill zutraulich nannte, sprang aber nicht hinaus, sondern schaute nur ängstlich und kopfschüttelnd nach den dichten Büschen hinauf, die jetzt fast über ihn herüber hingen. – Hatten sich hier in der That Schwarze in den Hinterhalt gelegt – und eine Art Instinct warnte ihn vor den Feinden – so befanden sie sich in einer mehr als nur gefährlichen, in einer wirklich verzweifelten Lage. Ein großes Messer aufgreifend, das er schon lange neben sich gelegt hatte, schien er auch wirklich in dem Moment, als der eisenbeschlagene Bug des Bootes den Korallensand berührte, einen förmlichen Angriff zu erwarten.

Nicht das Mindeste rührte sich aber zwischen den Büschen, und Bill, der keine Ahnung von irgend etwas Bedrohlichem hatte, zog den Riemen ein, ließ ihn mitten im Boot »vor und aft« liegen, und trat über die Doften weg, um an Land zu springen.

»Nehmt die Flinte mit, Toean Bill,« bat aber Timor und faßte ihn am Arm – »viel besser Flinte; weiß nicht, was an anderer Seite ist.«

»Viel besser, Hell,« rief Bill aber ärgerlich, der nun einmal eine gründliche Abneigung gegen das Gewehr gefaßt hatte. »Wenn Du mir noch einmal mit dem verdammten Dings da kommst, werf ich es über Bord, nachher ist Ruhe. – Weshalb soll ich denn das alte Eisen überall mit hinschleppen? – ich komme ja gleich wieder herunter.«

Er wollte wirklich ohne die Waffe an Land gehen; Timor ließ aber nicht mit Bitten nach, und Bill griff endlich nach der ihm gereichten Muskete – mochte ihm doch selber vielleicht bei den Befürchtungen des Knaben etwas weniger sicher zu Muthe werden.

»Na meinetwegen,« rief er unwillig, »und nur damit Du endlich Frieden hältst, will ich das nichtsnutzige Ding noch einmal zum Vergnügen da hinauf und nachher wieder herunter schleppen. Nachher läßt Du mich aber damit ungeschoren; so viel sag' ich Dir.«

Damit sprang er an Land, und sich durch das nächste Gesträuch drängend, kletterte er so rasch er konnte an dem bröcklichen Korallengestein empor. Lag ihm doch vor allen Dingen daran, von oben aus einen freien Ueberblick nach jener Gegend hin zu bekommen, wo er das Segel vermuthete.

Allerdings warf er zuerst einen flüchtigen Blick über die kleine Insel selber. Da er hier jedoch nicht das mindeste Verdächtige entdecken konnte, wandte er sich auch gleich darauf sorglos der Richtung zu, in der das Segel liegen mußte. Nur wenige Secunden hatte er auch, seine Augen mit der Hand schützend, dorthin gesehen, als er die Mütze schwenkte und jubelnd nach Timor hinunter rief:

»Hurrah, mein Junge, sail ho! bei Allem was da schwimmt. Gerade hinter – Alle Wetter,« unterbrach er sich aber selber und fuhr blitzschnell herum, denn dicht vor ihm, wie aus dem Boden heraus, tauchten plötzlich ein paar schwarze Gestalten auf und schleuderten ihre Lanzen auf ihn.

Allerdings fuhr er fast instinctartig mit dem Gewehr nach ihnen nieder, aber lange vorher, ehe er zielen konnte, war er schon wieder mit dem Finger an den Drücker gekommen, und die Kugel zischte harmlos über die Köpfe der Feinde hin.

Diesmal hatte ihn aber sein gutes Glück vor einem sonst gewissen Tode bewahrt. Die Lanzen waren allerdings in der kurzen Entfernung mit tödtlicher Fertigkeit nach seiner Brust geworfen, trafen aber, die eine den Kolben der Muskete, an dem sie abglitt und ihm nur eben den Arm ritzte, die andere das Stück Kautabak, das er in der Brusttasche trug und das sie nicht durchbohren konnte. Die schlimmste Wunde in dem ganzen Kampf erhielt er wieder von dem eigenen Gewehr, das ihm mit dem scharfen Bügel Haut und Fleisch vom Zeigefinger der rechten Hand abschlug.

In dem Moment fühlte er aber weder den Schmerz des verwundeten Fingers, noch den Wurf der Lanzen, denn die Feinde, die den Weißen nach den beiden Lanzenwürfen auf kaum sechs Schritt Entfernung sicher unschädlich gemacht glaubten, kümmerten sich weiter gar nicht um ihn, sondern sprangen in wilden Sätzen die steile Uferbank nieder, dem Boote zu, um dieses vor allen Dingen in Sicherheit zu bringen.

Timor fanden sie nun freilich nicht unvorbereitet. Schon bei dem ersten Ausruf Bill's hatte er die vorn im Boot liegende Stange ergriffen, das Fahrzeug rasch vom Land abzuschieben, um es flott zu haben, sobald sein Gefährte zu ihm niederflüchten würde. Daran schien Bill aber noch gar nicht gedacht zu haben, so hatte ihn der Angriff eines gar nicht mehr vermutheten Feindes überrascht und fast seiner ganzen Besinnung beraubt. Der kleine Malaye sah da plötzlich vier dunkle Gestalten zu sich niederspringen, von denen eine schon zum Wurf nach ihm ausholte. Recht gut begriff er dabei, wie jeder Widerstand von seiner Seite vollkommen nutzlos und nur für ihn allein verderblich sein müßte. Rasch deshalb den Bootshaken fallen lassend, warf er sich rückwärts in demselben Augenblick über Bord, als der kurze spitze Wurfspeer über ihn wegsauste, mit dem zugleich er unter der Oberfläche verschwand.

Der Anblick brachte den Matrosen wieder zu sich selber. Er sah, wie der Knabe, den er ermordet glaubte, über Bord stürzte, sah die vier Schwarzen, denen sich noch ein fünfter anschloß, dem Boot zuspringen, und mit dem Schrei »Murder!« das bei dem Schuß weggeworfene Gewehr wieder aufgreifend, packte er es am Lauf und flog den Feinden nach.

Aber er kam zu spät. – Die Wilden hatten beim Hineinspringen in das kleine schwanke Fahrzeug dieses schon durch ihr eigenes Gewicht eine Strecke vorwärts getrieben, und als er das Ufer erreichte, waren sie schon wenigstens fünfzehn Schritt von diesem entfernt. Die in voller Wuth nach ihnen geschleuderte Muskete fiel dicht vor ihnen in die Fluth, das aufspritzende Wasser selbst bis in's Boot werfend, und in blinder, aber machtloser Wuth griff der junge Matrose lose Stücke Korallen auf, sie den Flüchtigen nachzuschleudern.

Er selbst blieb dabei dem Wurf ihrer Speere, falls es ja einem von ihnen eingefallen wäre, diese nach ihm zu schleudern, vollkommen bloßgegeben. Die Schwarzen hatten aber in diesem Augenblick zu viel mit ihrem eroberten Boot zu thun, es außer dem Bereich seines vorigen Eigenthümers zu bringen, um sich noch weiter mit diesem zu beschäftigen. Ohne sich selbst nur nach ihm umzusehen, griffen sie die Riemen auf, die sie recht gut zu benutzen verstanden, und während drei mit diesen arbeiteten, setzten die beiden anderen das Segel, das sie bald in einem Nordcours der Insel entführte.

 

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