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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 26
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
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18. Der australische Busch

François und Jean hielten es allerdings jetzt noch für unumgänglich nöthig, Posten auszustellen und indessen ihr Boot in Sicherheit zu bringen. Hans aber, mit den Sitten dieser Stämme, wie es schien, besser bekannt, beruhigte sie darüber und gab ihnen die Versicherung, daß sie gewiß keinen neuen Ueberfall, so lange es hell sei, zu fürchten hätten, obgleich er keineswegs für dasselbe nach Dunkelwerden einstehen möchte.

Was aber nun thun? Ihr Boot am Strand oder irgendwo im Dickicht versteckt zurücklassen und geradezu den Landweg durch das Innere versuchen? Die Sache wurde bald als unmöglich verworfen, denn Die gerade, die im Anfang am exaltirtesten für einen solchen Plan gewesen waren, schienen durch diese erste Begrüßung einen heilsamen Schreck vor irgend einem solchen Unternehmen bekommen zu haben.

Hierzu kam noch, daß jetzt die Lebensmittelfrage in Anregung gebracht werden mußte und es sich nun herausstellte, wie die Provision auf keine andere Weise fortzubringen wäre, als auf den eigenen Rücken. Hans setzte ihnen dabei die etwaige Entfernung auseinander, bei der Bill schon vollkommen genug hatte, sobald er die Zahl der Tagemärsche hörte, und selbst François und Jean wurden kleinmüthig, als sie das ihnen nächste Wasser, das sie für frisches gehalten, kosteten und salzig fanden. Allerdings hatte das seine sehr natürlichen Ursachen, da die Mündung des kleinen Creek oder Flusses – denn das Bett desselben sah breit genug aus – hier jedenfalls der Ebbe und Fluth ausgesetzt war.

Hansens Rath lautete nun, wie er von Anfang an gewesen: in ihrem Boot zu bleiben und so rasch sie könnten nach Westen zu segeln, um jedenfalls Timor oder eine andere Insel jener dichtgedrängten Gruppe zu erreichen. Bis dorthin führten sie auch genug Provisionen bei sich, denn Wasser konnten sie, wenigstens etwas, bei einzelnen doch jedenfalls zu erwartenden Regengüssen oder Gewitterschauern mit ihrem Segel auffangen.

Wenn nun aber auch die Uebrigen im Ganzen mit dem Plan vollkommen übereinstimmten, versicherten doch François sowohl wie Jean, das feste Land hier nicht eher wieder verlassen zu wollen, ehe sie mehr davon gesehen hätten, denn der Beweis wäre ihnen geworden, welchen Respekt die Wilden hier vor Feuerwaffen hätten. François besonders, mit der eigenen Leidenschaft, die Matrosen für jede Art von Jagd zeigen, wenn sie einmal festes Land betreten haben, verschwor sich hoch und theuer, hier erst einmal die Gegend untersuchen zu wollen, ehe er wieder in See ginge – die Zeit sei ihm lang genug an Bord geworden und er müsse jedenfalls erst »sein Gewehr einmal anschießen«. Etwaige Gefahren konnten ja nur den Reiz erhöhen, aber nimmer vermindern.

Der Einzige, dem es ziemlich gleichgültig schien, was vorgenommen wurde, war Bill, so sie nur nicht von ihm verlangten, lange Tagemärsche mit einer Last auf dem Rücken zu machen. Er gestand jetzt ein, daß er sich das Land ebenfalls anders gedacht habe, und stimmte Hans bei, so rasch als möglich Timor zu erreichen. – Gegen eine kleine Excursion in's Innere hatte er ebenfalls nichts, vorausgesetzt, daß er dieselbe ohne Flinte mitmachen könne, denn nur im äußersten Nothfall möchte er, wie er meinte, gezwungen sein, solch ein »hintenausschlagendes Schießeisen« wieder abzufeuern. – Aber was sollte indessen aus dem Boot werden? – Die Frage war die natürlichste, und wenn auch besonders François im Anfang geglaubt hatte, man würde es irgendwo leicht verstecken können, überzeugte sie doch bald die ganze Natur des Bodens, daß etwas Derartiges wohl leicht gedacht, aber schwer ausgeführt werden könne. Handelten sie übrigens hierin leichtsinnig, so waren sie der fast unvermeidlichen Gefahr ausgesetzt, Alles, was sie von Provisionen bei sich hatten, nicht allein zu verlieren, sondern auch noch zugleich der Möglichkeit eines Rückzugs von hier beraubt zu werden.

Dagegen erklärte sich auch Hans auf das Bestimmteste, und erbot sich, mit Timor im Boot zu bleiben und dies flott zu halten, bis die drei Kameraden ihrer »Landungswuth« genügt und vom Land so viel gesehen hätten, als ihnen zuträglich wäre, was, wie er hoffte, gar nicht so sehr lange dauern sollte. Timor war sehr gern damit einverstanden, Jean aber nicht, der Hans mit an Land zu haben wünschte und dagegen Bill, als am schlechtesten auf den Füßen, zur Bootwache vorschlug. Als Station für das Boot konnte der dann eine kleine Insel nehmen, die jetzt, in der Fluthzeit, nur eben über die Oberfläche des Wassers vorragte und mit dichtem Gebüsch bewachsen war. Trotzdem lag sie gerade bequem und etwa eine englische Meile vom Lande ab, so daß sie dort wenig oder gar nichts von einem Ueberfall, ausgenommen in Canoes, zu fürchten hatten. Den aber brauchten sie am hellen Tag um so weniger zu fürchten, als sie gesehen hatten, welchen Respekt die Eingeborenen den Schießgewehren gegenüber gezeigt.

Bill, überdies nicht sehr lebhaften Temperaments, war mit diesem Plan vollkommen einverstanden, ließ ihn derselbe doch in unbeschränktem, unverkümmertem Besitz und unmittelbarer Nähe des Portweins, für den er anfing, eine stille Neigung zu fühlen.

Hans wünschte selber gern einen Theil der Küste und das Innere des Landes zu sehen, wenn sich die Kameraden denn doch nun einmal nicht von ihrem Plan abbringen ließen, und da er sich auch wohl bewußt war, manche Gefahr von ihnen abwenden zu können, stand der Ausführung des beabsichtigten Streifzugs nichts weiter im Weg. Timor schien mit Allem einverstanden, was ihn nur nicht wieder in den Bereich der Schwarzen brachte, die sich bei ihm durch den so schlau ausgeführten Angriff gar tüchtig in Respekt gesetzt hatten.

Mit Vorbereitungen verloren sie denn auch keine lange Zeit weiter. Jeder nahm nur an Munition und Proviant, war er auf zwei oder drei Tage nothwendig zu brauchen glaubte – denn etwas zu schießen mußten sie ja doch auch hier im Walde finden – und als Signal, wenn sie zurückkehren wollten, wurden zwei rasch hintereinander abgefeuerte Schüsse bestimmt. Sobald Bill dieselben höre, sollte er sich, aber immer noch sehr vorsichtig, dem Festland nähern. Auch jetzt wurde es ihm zur Pflicht gemacht, um ganz gesichert gegen einen Ueberfall zu sein, augenblicklich vom Land abzustoßen. Zuerst aber nahm er noch herzlichen Abschied von den Kameraden und ermahnte sie ernstlich, ganz besondere Acht auf ihre eigene Haut zu haben, damit sie dieselbe nicht unnöthiger Gefahr aussetzten. Dann nöthigte er noch Jeden, sie mochten dagegen einwenden was sie wollten, extra eine Flasche Madeira auf – Madeira, meinte er, sei besser wie Portwein, wenn man ihn mit Salzwasser trinken müsse – und schob hierauf mit Hülfe der Zurückbleibenden vom Lande ab. Hier wandte er rasch den Bug seines kleine Fahrzeugs, setzte das Segel und suchte mit Timor am Steuer vom Land abzukreuzen, was ihm jetzt, von der eintretenden Ebbe begünstigt, auch bald gelang.

Die drei Matrosen sahen ihn aber kaum frei und unter Segel, als sie auch ihre verschiedenen Packen schulterten, die Gewehre unter den Arm nahmen und dem nächsten Hügel zuwanderten, den sie vor allen Dingen erst einmal besteigen wollten, um einen ungefähren Ueberblick über das benachbarte Land zu gewinnen.

Hansens Bein schmerzte ihn allerdings noch ein wenig. Die letzten Ruhetage und die gute Pflege hatten ihn jedoch so weit wieder hergestellt, einen derartigen nicht zu langen Marsch ohne große Gefahr für sich wagen zu können.

Da sie sich hier noch innerhalb des Flußthals befanden, das nach Osten und Westen in einem, wenn auch schmalen, doch weit auslaufenden Streifen abzweigte, so hatten sie sich vor allen Dingen durch einen höchst beschwerlichen Mangrovesumpf hinzuarbeiten. Im Anfang durften sie auch wirklich kaum wagen, auf den Schlamm zu treten, der oft unter ihnen wegsank. Sie mußten sich über die hoch emporstehenden Wurzeln, die nach allen Seiten hin wie die Beine einer Spinne vom Stamme wegstarrten, hinarbeiten, um erst einmal höheres und damit auch festeres Terrain zu gewinnen.

Hans fühlte sich aber gleich von vornherein in diesem Sumpf nicht wohl, denn hätten die Wilden wirklich noch böse Absichten auf sie gehabt, so wären sie hier, wo sie ihre beiden Hände gebrauchten, um sich nur fortzuhelfen, ihren Angriffen jedenfalls auf eine höchst gefährliche Weise preisgegeben gewesen. Aber nicht ein einziger ließ sich sehen, keine Spur konnten sie von ihnen, selbst in dem weichen Schlamm erkennen, und François meinte lachend, als sie den ersten festen Platz erreicht hatten und hier einen Augenblick stehen blieben, um sich zu erholen: die schwarzen Schufte, die an dem Morgen einen Angriff versucht hätten, liefen wahrscheinlich noch, so seien sie über den Knall von Bill's unfreiwilligem Schuß erschreckt worden.

Hans war anderer Meinung, aber er begnügte sich damit, vorsichtig auszuschauen, und erhielt dazu noch kräftigen Grund, als sie hier, am Rande eines kleinen »Theebaum«-Dickichts nicht allein Spuren, sondern einen festgetretenen Pfad von Indianern fanden, der am Rande des Ufers hinzulaufen und wahrscheinlich dem nächsten frischen Wasser am Flusse weiter hinauf zuzuführen schien.

Hier, mit dem ersten hohen Land, wurde auch die Vegetation eine andere, üppigere, und hier zum ersten Mal schienen selbst Bäume den Hügelkamm zu decken, während weiter unten sowohl wie oben die nächsten Küstenhügel nur starre, dürftige Sandberge gewesen waren. Kleine, schmale Lagunen oder flache, mit frischem Gras bewachsene Ausläufe zogen sich hier zum Fluß hinunter, deren Ränder mit Banksias eingefaßt standen, während dahinter einzelne Kohlpalmen aufragten und der ganzen Landschaft, mit dem dunkeln Hintergrund von Stringybark-Bäumen und Casuarinen, einen freundlichen Anstrich gaben. Nach rechts hinüber schienen diese Palmen in noch größerer Menge zu stehen, und weiter eindringend in den Wald, kamen sie auch zu einzelnen Pandanus-Dickichten, an denen besonders die Wilden ordentlich Lager gehabt zu haben schienen. Hans sowohl wie Jean und Francois fühlten sich aber beengt in dem dichten Unterholz, das übrigens eine Masse weißer Tauben belebte, und gerade das ewige Geflatter und Aufschrecken dieser Vögel diente nur dazu, sie mehr und mehr zu beunruhigen. Glaubten sie doch anfänglich in jedem solchen Geräusch einen versteckten Wilden zu hören, der mit Speer oder Waddie (Keule) auf sie losbrechen wolle. Hier noch im flachen Land wäre auch ein solcher Ueberfall nicht so unmöglich gewesen, denn die üppige Vegetation würde einen Hinterhalt sehr begünstigt haben. Deshalb wandten sich alle Drei, wie nach gemeinsamer Verabredung, dem nächsten Hügellande zu und erreichten bald darauf einen vollkommen baum- und buschfreien Hang, dürftig mit Rasen und kleinen gelbrothen Blumen bedeckt, an dem hinauf sie rasch und ungefährdet ihre Bahn verfolgen konnten.

Eigenthümlich war hier eine Masse einzelnstehender hoher und spitzer Lehmhaufen, die ihnen von fern wie zugespitzte alte Baumstümpfe vorkamen und überall am Hügel hin, oft zu zweien und dreien, manchmal zu zwanzig und fünfundzwanzig zusammenstanden. Diese wiesen sich jedoch bald als Ameisenhaufen aus, die meist acht bis zehn Zoll unten im Durchmesser, bis vier Fuß hoch und scharf abgespitzt, von dem gelblichen Lehm des Bodens errichtet, der ganzen Landschaft einen wunderlichen Anstrich gaben. François glaubte in der That im Anfang, es sei eine gewaltige Schaar von lederfarbenen Eingeborenen, die dort, über den Berg zerstreut, nur ihr Hinaufsteigen abwarteten, um von allen Seiten über sie herzufallen. Hans kannte aber diese Hügel schon von früher, und bald konnten sie sich auch selber von dem harmlosen Wesen derselben überzeugen.

Eine ihnen fremde Gattung von Tauben mit dunkelbraunem Körper und hellerer Zeichnung schienen übrigens die einzigen Bewohner dieses Hügelhanges zu sein. Diese hatten in einzelnen vorragenden Fällen ihre Wohnung aufgeschlagen, aus denen sie scheu hervorschwirrten, sobald sich ihnen die Fremden näherten. Die Seeleute wollten aber weder ihre Munition nach so kleinem Wild verschießen, noch die benachbarten Wilden unnöthiger Weise auf sich aufmerksam machen, und kletterten deshalb, ohne ein Gewehr abzudrücken, den jetzt steiler werdenden Hang empor. Hier befanden sie sich, etwa eine halbe Stunde später, auf dem äußersten Kamm des Bergrückens, der sich nach Süden zu hinunterzog und im Osten durch die noch höhere Kette, die in Cap York ausläuft, begrenzt wurde. Nach Westen zu öffnete sich ihnen dagegen die Aussicht über ein weites, buschiges Thal, um das der Ocean seinen endlosen blaunebligen Gürtel zog. Aber auch dorthin sah das Land traurig aus. Dürre, theils mit dichtem Busch bewachsene Strecken, theils grausandige Flächen dehnten sich rings um sie her, und nicht das geringste Anzeichen irgend eines bedeutenden Wasserlaufes ließ sich darin erkennen. Es war eine trostlose Wildniß, die ihre Einbildungskraft noch nach Gefallen mit den heimtückischen Schwarzen bevölkern konnte – und dagegen donnerte im ewigen Ansturm die weite See.

»Großer Gott!« brach François endlich zuerst das Schweigen nachdem sie eine ganze Zeit lang lautlos auf das weite monotone Land hinabgeschaut hatten, »wie verlassen, wie entsetzlich todt sieht jene weite furchtbare Fläche aus. Hier in den Hügeln haben wir zwar gerade auch nichts Besonderes, aber ich kann mir denken, wie man von da unten aus ordentlich mit einer wahren Sehnsucht hier heraufschauen könnte.«

»Und durch ein solches Land wolltet Ihr, von allen Mitteln entblößt, die einer solchen Reise wenigstens die Möglichkeit des Gelingens ließe, den Marsch versuchen!« sagte Hans.

»Aber es wird auch nicht überall so sein,« entgegnete Jean rasch. »Da, wo sich der Fluß durch das breite Thal zieht, grünt und blüht eine so üppige Vegetation, wie sie sich der Wanderer nur wünschen kann, und diesem Strome folgend –«

»Kämst Du nur zu bald an seine Quelle, wo all' die Schrecken und Gefahren einer Wüste beginnen,« unterbrach ihn Hans kopfschüttelnd. »Wir können uns ein Beispiel an dem Deutschen, an Doctor Leichhardt, nehmen, der diesen Landstrich allerdings, aber Gott weiß auch mit welchen Mühseligkeiten und Gefahren durchzogen und auf einer zweiten Reise sein Leben dennoch eingebüßt hat. Mit allem Nöthigen zu einem solchen Marsch ausgerüstet, mit der Kenntniß des Landes, die er auf der ersten Tour erworben, mit Muth und Ausdauer wie sie nur je ein Mensch bewiesen, mußte er doch in den entsetzlichen Wüsten, die das Innere dieses weiten Landes bilden, elendiglich umkommen, und seine Gebeine bleichen jetzt vielleicht neben irgend einer Salzquelle, vom Sand der Wüste bedeckt. Ich bin sonst wahrlich nicht furchtsam, aber ein heimliches Grausen durchrieselt mich jedesmal, wenn ich auf das Innere dieses ungeheuren räthselhaften Landes blicke, das seinen kühnen Bewohnern noch immer hartnäckig die starre Sandwüste entgegenhält; trotz allen Versuchen, das Innere zu durchforschen, trotz aller Aufopferung, trotz allem Todesmuth blieb es vergebens, und wer weiß, ob es je den Menschen gelingen wird, die ganze Insel zu durchwandern.«

»Es hat aber auch einen eigenen Reiz, in solche noch unbetretene Wildniß vorzudringen,« sagte Jean, der, auf sein Gewehr gestützt, lange und sinnend nach Süden hinabgeschaut hatte. »Fast unwillkürlich treibt und drängt es uns vorwärts und – der Drang wird um so mächtiger, wenn gerade dahinter das Ziel unseres ganzen Lebens liegt und unseren ausgestreckten Armen fast unerreichbar scheint.«

»Dir steckt die Dirne aus dem goldenen Kreuz noch im Kopf«, lachte François, »aber ich weiß nicht, ob ein paar tausend Meilen Sand und Salzwasser nicht selbst die heißeste Liebe, ich will nicht gerade sagen abkühlen, aber doch wenigstens austrocknen könnten. Wenn ich meinestheils ein ganzes Pensionat von lauter Geliebten in Sidney sitzen hätte, es würde mir nicht einfallen, so parteiisch für mein Herz, Magen und Kehle auf eine so entsetzliche Weise zu behandeln.«

»Bah,« sagte Jean leicht erröthend, »Du bist reiner Materialist, François, und hast keine Idee davon, was wirkliche Liebe ist. Dir allein, glaub' ich auch, wäre es nur möglich, alle solche Schwierigkeiten zu besiegen, die uns bei ruhigem Blut, bei kalter Ueberlegung geradezu unüberwindlich scheinen.«

»Es giebt für solche Zwecke ein noch mächtigeres Gefühl, Jean,« nahm aber Hans jetzt das Wort – »und zwar der Ehrgeiz. Es ist das die mächtigste, aber auch furchtbarste Gewalt unseres ganzen Systems und kann sich selber nur in solchem Falle übertreffen, wo er sich mit der Liebe vereinigt und das arme Menschenherz dann zu Sieg und Ruhm oder – zu ewigem Verderben mit fortreißt. – Ich habe in meiner Zeit von beiden Beispielen erlebt, die –«

Ein wilder, merkwürdiger Laut unterbrach ihn plötzlich, und alle Drei griffen wie unwillkürlich nach ihren Gewehren.

»Ku-ih!« tönte es aus dem Wald heraus, das den obern Hügelhang begrenzte, »Ku-ih!« und der gleiche Ruf antwortete von zwei verschiedenen Stellen im Thal.

»Was für ein Thier war das?« frug François leise, als die Töne endlich schwiegen, indem er vorsichtig nach dem nächsten Dickicht hinüberhorchte.

»Vielleicht unsere Freunde von heut Morgen,« lachte Hans endlich, mit dem Blicke den Waldrand nach jener Richtung hin musternd, von woher der Laut zum ersten Mal getönt. – »Jedenfalls waren es Eingeborene, denn das ist ihr Ruf. Möglich kann es auch sein, daß es als eine Art telegraphische Meldung beabsichtigt wurde, um die Kameraden unten im Thal wissen zu lassen, daß wir bis hier oben glücklich angelangt seien.«

»Wir reisen ja da ordentlich wie die hohen Herrschaften in Europa,« lachte Jean, »von denen auch die Zeitungen jeden Schritt und Tritt, jeden Bissen, den sie essen, jeden Schluck, den sie trinken, melden und – noch mehr melden würden, wenn sie sich eben nicht genirten. Aber – ich muß aufrichtig gestehen, ich mache mir für den Augenblick nichts aus einer derartigen Berühmtheit, und wenn ich wüßte, daß ich die Rolle auch gut durchführen könnte, hätte ich gar nichts dagegen, mich, so lange ich hier an Land wäre, schwarz anzustreichen und incognito zu reisen.«

»Hier auf dem Berge sind wir ihnen auch vollkommen preisgegeben,« meinte François kopfschüttelnd. »Sie können jede unserer Bewegungen beobachten und sich nachher prächtig in's Dickicht in den Hinterhalt legen, ehe wir nur einmal ahnen, daß sie in der Nähe sind. – Wenn sie nur mit Bill nichts unter der Zeit anfangen. Bill ist ein ganz tüchtiger Kerl und fürchtet sich vor dem Teufel nicht; aber wo es heißt, irgend einer List begegnen, da traue ich ihm eben nicht übermäßig viel zu.«

»Mir ist das auch schon im Kopf herumgegangen,« sagte Hans, »und ich habe nur dabei meine Hoffnung auf Timor gesetzt, der, selber halb ein Wilder, sich nicht wird so leicht überlisten lassen. – Hättet Ihr nicht Euer Herz einmal daraufgestellt, ich wäre auch gar nicht aus dem Boot gegangen.«

»Ja, und ich glaube, wir haben dabei einen dummen Streich gemacht,« entgegnete ihm Jean kopfschüttelnd. »Ich gebe allerdings zu, daß ich selbst jetzt noch dabei wäre, wenn Ihr Euch Alle dazu entschlösset, die Landtour nach dem Süden hinunter zu unternehmen, so verzweifelt das Mittel auch sein möchte, um von hier fortzukommen. Dann aber hätten wir auch unser Boot ganz im Stich lassen und unsere Kräfte nicht zersplittern sollen. Ueberdies sehe ich jetzt auch nicht mehr recht ein, was wir hier eigentlich wollen. Proviant brauchen wir hier noch nicht, sondern verzehren im Gegentheil mehr, als mir scheint, daß wir hier wieder einlegen können, und vom Land werden wir auch nicht mehr zu sehen bekommen, als wir bis jetzt gesehen haben. Es ist eine trostlose, entsetzliche Wildniß, und ich stimme dafür, daß wir sobald als möglich wieder abzukommen suchen. Wollen wir dabei noch ein Uebriges thun, so können wir ja eben nur einen Bogen durchs Thal ziehen, die Vegetation unten ein wenig genauer kennen zu lernen, dann sind wir gegen Abend wieder am Ufer, rufen unser Boot an und schlafen die Nacht an Bord, wahrhaftig besser und sicherer als hier, wo man nie weiß, von welcher Seite die schwarzen Schufte zuerst über uns einbrechen mögen.«

»Ja, und je eher wir von hier fortkommen, desto besser,« stimmte François etwas kleinmüthig bei, »denn, weiß der Böse woher es kommt, aber meine Schuhe fangen auch an zu drücken, und den einen hab' ich mir auch schon in dem scharfen Boden hier aufgetreten. – Mit keiner Silbe hatt' ich ja daran gedacht, daß man zu einer Fußreise zu Land auch tüchtiges Schuhwerk nöthig hat, denn das leichte Zeug, womit wir an Deck herumlaufen müssen, damit wir dem Capitain das Quarterdeck nicht zerkratzen, würde bald fertig werden. Und dann? Nein, eine Landreise klingt recht gut von Bord aus, aber mir ist's jetzt doch ungemein lieb, daß wir noch den Hinterhalt an unserem Boot haben. Nun, Hans, wie steht's? – was giebt's wieder?«

»Meine Meinung braucht Ihr nicht erst zu hören,« sagte dieser, ohne die Augen jedoch von einem gewissen Punkt des Waldstreifens, der sich unfern von ihnen über den Berg hinzog, abzuwenden. – »Ich bin von Anfang an gegen einen solchen Marsch gewesen und wußte recht gut, Ihr würdet das Wahnsinnige eines solchen Unternehmens einsehen, sobald Ihr nur einmal den Fuß an Land gesetzt hättet. Aber ich glaube, wir bekommen Besuch,« fuhr er dann fort, den Arm nach der Richtung hin ausstreckend, nach der er schaute. »Dorthin regt sich's jedenfalls, will aber noch nicht recht heraus. Nun, wir brauchen uns wenigstens keine Mühe zu geben, unsere Anwesenheit geheim zu halten, denn ich bin fest überzeugt, wir werden von allen Seiten scharf genug beobachtet.«

»Ku-ih!« rief es in dem Augenblick wieder aus dem Wald herüber, und Hans wollte eben die Hand an den Mund heben, um den Ruf diesmal zu beantworten, als dicht hinter ihnen, wo ein kleiner Vorsprung des Hügels auslief, daß sie die Ecke nicht hatten übersehen können, der Schrei laut und sorglos beantwortet wurde. Wie der Blitz fuhren die Drei nach dem unerwarteten Ruf herum, und unwillkürlich rissen sie ihre Gewehre in die Höhe, Hans aber winkte ihnen auch eben so rasch, sich ruhig zu verhalten, und nur nach der Gegend zu Front machend, von der der Laut kam, standen sie still und regungslos.

Sie brauchten nicht lange zu warten. Noch keine halbe Minute hatten sie so gestanden, als ein Schwarzer, vollkommen nackt und nur mit einem kurzen Speer bewaffnet, um den Absprung des Hügels bog. Er hielt den Blick auf den Boden geheftet, und es war augenscheinlich, daß er keine Ahnung von der Anwesenheit der weißen Männer haben konnte. In dem Moment aber, wo sie glaubten, daß er jetzt erstarrt vor Schreck zu ihnen aufschauen und die entsetzlichen Weißen vor sich erblicken sollte, war er plötzlich wieder fast wie in den Boden hinein verschwunden.

»Peste!« riefen Jean und François fast zu gleicher Zeit; als Hans aber rasch dem kleinen Abhang zusprang, um zu sehen, was aus ihm geworden, konnte er eben noch die dunkle Gestalt erkennen, wie sie an dem bröcklichen Gestein, ganz gleichgültig gegen irgend eine Gefahr von Knochenbrüchen oder sonstigen Quetschungen, mehr niederrollte als glitt und wie eine Schlange unter die nächsten Büschen verschwand.

»Wenn der Bursche nicht fest überzeugt ist, den Teufel gesehen zu haben,« lachte Jean, »so will ich nie wieder auf Salzwasser fahren. Der wird eine schöne Geschichte erzählen, wenn er zu Haus ankommt.«

»Der muß noch keine Ahnung von uns gehabt haben,« meinte François.

»Es mag wohl selten genug vorkommen,« sagte Hans, »daß Weiße hier an der Küste landen, denn die Eingeborenen hier haben vielleicht einen noch schlimmeren Ruf als sie verdienen. – Wir würden noch manchem auf diese Art begegnen, wenn wir länger hier blieben. Aber Jean hat Recht – auch ich sehe nicht den geringsten Nutzen weiter für uns darin, nur Schaden; also je rascher wir wieder fortkommen, desto besser, und zu diesem Zweck nehmen wir am vorteilhaftesten den nächsten Weg nach der Küste zu, wo wir allerdings durch eine längere Strecke Thalland müssen, aber auch die offene Küste eher erreichen und das Boot anrufen können.« – Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wollte er den bezeichneten Weg vorangehen, als ihn Jean noch einmal am Arm ergriff und gegen den Hügel, an dem sie standen, hinüberdeutend ausrief:

»Aber sieht das hier nicht so aus wie bewohnter Boden? – die freie, scharf vom Wald begrenzte Fläche, die baumstumpfähnlichen Ameisenhügel, jene fast regelmäßig eingeschnittene Hecke? – Ich glaube wahrhaftig, hier ist einmal Feld gewesen.«

»Ein Schlachtfeld vielleicht feindlicher Stämme,« erwiderte Hans kopfschüttelnd, »sonst wahrlich kein anderes. – Nein, Kamerad, all' diese weiten ungeheuren Strecken des nördlichen Australien liegen noch wild und unberührt, ein oder zwei kleine Forts weiter westlich hin ausgenommen – und werden auch wohl so lange liegen bleiben, bis es hier auf unserer guten Erde recht an Platz zu fehlen anfängt, oder – die Leute sich mit Salzwasser anstatt frischen Quellen zu begnügen lernen. – Aber fort – da gerade vor uns tönt schon wieder ein Ku-ih der Eingeborenen, es wird Zeit, daß wir nach unten gehen, denn die Sonne sinkt mehr und mehr, und – ich weiß nicht, ich fühle mich Bill's wegen beunruhigt. Dort hinüber kann ich auch nicht einmal das Boot sehen, und das müßte doch eigentlich von hier aus gut zu erkennen sein.«

»Es wird hinter der kleinen Insel liegen,« meinte François – »die steigt so mit der Ebbe höher und höher hinauf. – Mir scheint, wir haben jetzt niedrig Wasser. Wetter noch einmal, wie lange wir schon hier herumgeklettert sind!«

Hans warf noch einen langen, forschenden Blick über den ruhigen Spiegel dieser weiten, mit Inseln und Klippen überstreuten Binnensee, und stieg dann ohne Weiteres nach unten, den Weg gegen die Küste hin zu suchen. Das war aber nicht so leicht ausgeführt, als sie im Anfang geglaubt haben mochten. Gerade dem Strande zu breitete sich ein so entsetzliches Dickicht von jenem Theebaumgesträuch mit durcheinander gestürzten Cycas und Banksias und Pandanus aus, daß sie mit ihren Packen oft Viertelstunden lang gebrauchten, sich nur eine kleine Strecke weit fortzuarbeiten, und die zähen Stämmchen nie brechen, sondern höchstens nur aus dem Weg biegen konnten.

Hans hatte gleich von Anfang an vorgeschlagen, wieder umzukehren und lieber den Weg zurückzumachen, den sie gekommen waren. Jean und Francis wollten aber den mühseligen Pfad nicht zurück, da dem Letzteren besonders die Füße wie Feuer brannten. Während sie deshalb mit jedem Schritt hofften, den helleren Waldstreifen zu erreichen, hinter dem endlich der offene Strand sichtbar werden mußte, arbeiteten sie sich tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Zuletzt fehlte ihnen sogar die Richtung, und sie fanden bald, daß sie viel weiter in den Thalgrund hinein gerathen sein mußten, als sie im Anfang beabsichtigt hatten.

Dabei rückte der Abend mehr und mehr vor, und Hans blieb endlich stehen, da ihm die Vegetation um sich her vorkam, als ob sie sich eher wieder den Hügeln als dem Strande der See näherten. – Die verschiedenartigen Gumbäume, Eisenrinde, Melaleuca, Gum und Stringybark, mit Akazien und Cypressen zeigten sich, und von dem Mangrovesumpf, den sie kreuzen mußten, ehe sie den Strand erreichten, war noch nicht die Spur zu sehen.

»Hier dürfen wir nicht mehr weiter,« sagte er endlich, »denn ich fürchte, wir haben uns schon seit etwa zwei Stunden die größte Mühe gegeben, von unserem Boote fortzukommen, anstatt darauf zuzugehen – wo ist jetzt die See – wo sind die Hügel? –«

»Ja, wenn mich Einer auf den Kopf stellte,« lachte Jean, »ich könnt's nicht sagen; Wetter noch einmal, ich weiß nicht einmal, wo Nord und Süd ist, so lange ich die Sonne nicht sehen kann!«

»Norden ist dort,« sagte Hans, »und Süden hier, aber ich fürchte, wir sind zu weit in das Thal des Flusses selber hineingerathen, und da wird uns die Himmelsrichtung insofern irre geführt haben, als sich die breiteste Strecke Sumpfland gerade hier nach Norden hinaufzog; unsere einzige Wahl bleibt jetzt nur, geradezu nach Osten hinüberzuarbeiten, und dann unserem guten Glück zu vertrauen, wohin wir kommen und wo wir zuerst frei von diesem Chaos von Zweigen und Stämmen werden.«

 

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