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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 24
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
created20121231
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16. Der Morgenbesuch

Durch das Feuerschlagen war Timor wach geworden und richtete sich ebenfalls auf. Es schien ihm aber zu frisch außerhalb der Decke, und noch halb im Schlaf sah er nur einmal über den Bootsrand weg, neben dem er lag, nach dem Lande zu, und wickelte sich dann wieder so warm es ihm möglich war ein.

Bill wußte nun allerdings recht gut, daß er die Wache hatte und nicht allein munter bleiben, sondern auch aufpassen mußte; aber es war ihm nur eine höchst unbestimmte Idee, auf was eigentlich. Canoes hatten sie am Abend vorher nicht gesehen, und so dunkel wie es jetzt geworden war, sollte es den Wilden, wenn überhaupt welche an der Küste hausten, sehr schwer werden, das fremde Boot zu finden. Keinesfalls hätten sie aber so geräuschlos anrudern können, daß sie von ihm nicht bemerkt worden wären, und in dieser Hinsicht fühlte er sich auch vollkommen beruhigt.

Das Wetter sah ebenfalls günstig aus, denn obgleich sich am Himmel hier und da dichte Wolken sammelten, versprachen die mehr einen möglichen Regenschauer als viel Wind. Ueberdies lagen sie hier durch das Land durchaus geschützt und brauchten nicht das Mindeste für ihr kleines Boot zu befürchten. Die Wache versprach also, ebenso wie die übrigen drei, ohne das mindeste Außergewöhnliche zu verlaufen. Nichtsdestoweniger setzte er sich so, daß er den schmalen Wasserstreifen, der zwischen dem festen Lande und ihrer Jolle lag, vollkommen übersehen konnte, und blies, den rechten Ellbogen auf das rechte übergeschlagene Knie gestützt, seinen Tabaksdampf in regelmäßigen Puffen dem Morgenwind entgegen.

So mochte es fünf Uhr geworden sein. Bill hatte sich seine dritte Pfeife gestopft, und im Osten zeigte sich eben der erste graue Dämmerschein des nahenden Tages. Der Schwamm war aber diesmal nicht gefälliger als das erste Mal, und Timor, der überdies die ganze Nacht vortrefflich geschlafen hatte und auch vom Schiff daran gewöhnt war, meist um diese Zeit aufzustehen und Kaffee zu kochen, richtete sich bei dem hartnäckigen Feueranschlagen des Matrosen auf den Ellbogen in die Höhe und frug leise, um die Anderen nicht zu stören:

»Wie viel Uhr, Toean Bill? – Wird's schon Tag? – Es muß noch früh sein!«

Bill, überhaupt kein großer Freund von vielen Worten, zeigte mit der Pfeifenspitze nur gerade nach Osten hin und sagte, indem er den Kopf ebenfalls dorthin drehte: »Kommt eben.«

Timor folgte seiner Bewegung und schaute mehrere Minuten lang schweigend nach dem östlichen Horizont hinüber, das Wachsen des lichten Streifens zu beobachten. Plötzlich richtete er sich aber ein wenig höher auf, machte sich seinen rechten Arm frei, rieb sich die Augen und schaute wieder unverwandt nach der Gegend hin. Er faßte zugleich Bill's Knie und drückte es leise.

»Toean Bill,« flüsterte er dabei, doch so geräuschlos, daß die Laute kaum zu des Mannes Ohr drangen – »was ist das dort – Fische?«

Bill drehte den Kopf dorthin, wohin der junge Malaye zeigte, und sah allerdings gerade in diesem Augenblick einen dunkeln Gegenstand über dem Wasser vorkommen. Aber er hob sich nur höchstens einen Fuß über die Oberfläche, glitt etwa zwei oder drei Fuß darüber hin und verschwand dann wieder.

»Tümmler,« sagte Bill laut, als gleich darauf vier oder fünf derselben Art dem ersten folgten; »es sind Fische, Timor, mit denen können wir uns jetzt aber nicht einlassen. Wenn wir an so einen festkämen, schleppte uns der mit Anker und Allem Gott weiß wohin.« Er nahm seine alte Stellung wieder ein und rauchte ruhig weiter, während Timor eine Weile die Fische beobachtete. Sie kamen nach kurzer Zeit noch einmal zum Vorschein – etwas näher dem Boot zu, wo auch eine ziemliche Menge Seetang, an einen der vorragenden Korallenfelsen wahrscheinlich an- und festgeschwemmt war. Der Tang, der nach Nordosten zu lag, bildete dort eine volle, dunkle Masse. Der Tag war aber noch nicht weit genug vorgerückt, um mehr als einen schwarzen, schattigen Streifen davon erkennen zu lassen.

Es ist vielleicht nöthig, den Leser hier darauf aufmerksam zu machen, wie das Boot zu der Küste geankert hatte. Die australische Küste, an deren nördlichem Ufer sie sich hier befanden, streckte sich von Osten nach Westen hin und bildete dadurch die südliche Bank der Torresstraße. Der vorherrschende Wind war in dieser Jahreszeit der Ostwind, und die Strömung setzte deshalb auch, durch Ebbe und Fluth nur wenig beherrscht oder geändert, in ziemlicher Stärke nach Westen. Das kleine Boot ›ritt‹ vor seinem Anker, der es festhielt, während es zugleich der Strömung, so weit es der Anker zuließ, nachgab und deshalb mit seinem Bug gerade nach Osten, vielleicht einen Strich noch südlich, zeigte, da eine gerade hier oberhalb liegende kleine Bucht die Strömung gewissermaßen aufgefangen hatte und da, wo sie lagen, in die Straße zurückführte. Die Steuerbord- oder Starbordseite des Bootes zeigte deshalb nach dem Lande, die Backbordseite nach der offenen Straße hin.

Timor, der vorn im Bug kauerte, fing an zu frieren; die Morgenluft war, trotz der niedern Breite, in der sie sich befanden, ziemlich frisch und er wickelte sich wieder in seine Decke. Die Fische wollten ihm aber doch noch nicht aus dem Kopf, und ehe er sich auf's Neue hinlegte, warf er noch einen Blick nach dem Tang hinüber, wo sie verschwunden waren. Der graue Streifen im Osten war indessen auch etwas breiter und lichter geworden, ohne jedoch noch mehr zu vermögen, als einen matten, falben Schein auf das sonst fast spiegelglatte Wasser zu werfen, was eher das Auge blendete, als ihm die Gegenstände unterscheiden half. Trotzdem glaubte er etwas sich wieder nach jener Richtung hin bewegen zu sehen und sprang noch einmal auf, stieg auf die vordere Bank und schaute scharf hinüber.

»Das sind im Leben keine Tümmler,« murmelte er dann für sich auf Malayisch – »das sind entweder Schildkröten oder andere Fische, und vielleicht kommen sie dicht an's Boot heran, daß wir einen mit dem Elker (eine kleine fünf- oder dreizackige Harpune) erreichen können. – Ich will wenigstens Alles fertig machen.«

Der Elker lag aber mitten im Boot, und die Spitzen staken unter dem hintern Sitz, damit sich Niemand die Nacht hineinreißen konnte. Um ihn zu bekommen, mußte der junge Bursche über François wegsteigen, und die Stange jetzt hebend und vorziehend, konnte er nicht verhindern, daß er Hans anstieß und weckte. Dieser, als er sich berührt fühlte, fuhr rasch in die Höhe und frug, was es gäbe.

»Oh nichts,« sagte der Malaye leise, »legt Euch ruhig wieder hin, ich wollte nur die Harpune vorholen und bin ungeschickt dabei gewesen. – Es sind Fische da, die vielleicht zum Boot herankommen.«

»Was für Fische, Timor?« sagte Hans, sich die Haare aus dem Gesicht streichend und seine Mütze, die ihm im Schlaf heruntergefallen war, wieder aussetzend.

»Oh, ich weiß selber noch nicht, ich kann nur sehen, wo sie sich bewegen,« erwiderte Timor. – »Sie scheinen hier um's Boot herum zu spielen und kommen vielleicht näher.« Timor sprach mit Hans gewöhnlich in seiner eigenen Sprache und deshalb lauter mit ihm als den Anderen.

Hans richtete sich auf und warf einen Blick um sich. Er schaute nach den sich lichtenden Wolken und dem noch düster vor ihnen liegenden Küstenstreifen hinüber. Timor aber, der glaubte, daß er den Platz suche, wo die Fische wären, zeigte mit dem Arm nach dem Tang hinüber, der aber jetzt vollkommen regungslos blieb. Der Tang konnte etwa sechzig Schritt von ihnen entfernt sein.

»Da war aber etwas, mehr nach dem Land hin,« sagte Hans, dessen Blick unwillkürlich der Richtung gefolgt war, die ihm Timor's Arm bezeichnete. – »Das muß ein großer Fisch gewesen sein, und ich hätte gar nicht geglaubt, daß sich die so weit nach dem Land zu verlieren. Wirf ja nicht die Harpune nach solch' einem Burschen, wenn er hier herankommen sollte, Timor, denn entweder riss' er Dich selber mit über Bord; oder wir sehen nie etwas von dem Elker wieder, und es ist der einzige, den wir mithaben. – Halt, da wieder – er will zwischen dem Land und uns durch.«

Der Fisch ging aber tief und kam nicht wieder auf, wenigstens nicht, daß es Hans und Timor bemerkt hätten. Durch das Sprechen war jedoch François ebenfalls munter gemacht, richtete sich auf und rief den anderen Beiden seinen guten Morgen zu.

»Qu'est – ce que c'est ça« – rief er aber plötzlich, den Arm nach dem Lande ausstreckend – »des poissons?«

»Nein, bei Gott nicht!« rief Hans, der bei dem jetzt deutlich zu ihnen herüberschallenden Plätschern den Kopf rasch dorthin drehte – »das sind keine Fische – das ist ein Schwarzer, und ich habe doch Niemand in's Wasser steigen sehen!«

»Wo?« rief Bill und richtete sich rasch in die Höhe; auch Jean wurde munter.

Bill hatte seine Muskete aufgegriffen und schaute scharf nach dem Gegenstand hin, der sich jetzt gar nicht mehr verkennen ließ. Es war jedenfalls ein Indianer, der hier ganz unbesorgt, etwa sechzig Schritt von ihrem Boot entfernt, herumschwamm und tauchte. Als er übrigens merken mochte, daß Aller Blicke nach ihm gerichtet waren, hob er sich, so weit er das schwimmend konnte, aus dem Wasser und rief etwas nach ihnen herüber.

Was er rief, konnten sie natürlich nicht verstehen, Hans aber, um ihm zu zeigen, daß er gesehen sei, antwortete ihm auf gut Glück in einem südaustralischen Dialekt, obgleich er kaum hoffen durfte, von ihm verstanden zu werden. Jeder australische Stamm hat fast eine andere Sprache.

»Parni tirriapindo – komm näher heran.« Der Wilde, als ob er wisse, was man von ihm verlange, kam jetzt einige Striche herangeschwommen und hielt dann wieder wie unschlüssig.

In demselben Augenblick wurden nach Norden zu, also an der dem Land entgegengesetzten Seite, mehrere Köpfe über Wasser sichtbar, tauchten aber auch schon nach wenigen Secunden wieder unter – sie waren nur zum Athemholen in die Höhe gestiegen und befanden sich keine dreißig Schritt mehr vom Boot. Die Aufmerksamkeit der Matrosen wurde jedoch durch den neuen Anruf des Wilden zu sehr in Anspruch genommen, um sich der andern Seite zuzuwenden. – Sie sahen nicht, was hinter ihnen vorging.

»Es wäre gut, wenn wir uns einen der Burschen zum Freund machen könnten,« sagte Hans zu Jean gewandt – »der würde uns auf dem festen Land von unberechenbarem Nutzen sein. Wir wollen es jedenfalls versuchen.«

»Nunja ngun renga patlerti!« rief der Wilde jetzt deutlich zu ihnen herüber.

»Hol' der Teufel die Sprache!« brummte Hans, »ich verstehe kein Wort davon.«

Dicht unter Backbord des Bootes tauchte ein schwarzer Kopf auf und ein Paar dunkle Augen blickten scheu empor – jetzt noch einer, jetzt ein dritter. Die Männer im Boot hätten sie müssen Athem holen hören.

»Wir wollen ein Tuch nehmen und damit wehen,« rief Jean – »einen grünen Busch haben wir ja doch hier nicht, und er wird verstehen, daß das freundlich gemeint ist.«

»Parni tirriapindo!« munterte ihn Hans noch einmal dabei auf, weil Jener das vorher verstanden zu haben schien, und Jean schwenkte das Tuch.

»Diable!« schrie in diesem Augenblick François – und riß sein Messer, das er wie jeder Matrose an der Seite trug, aus der Scheide. – Hans wollte sich umdrehen, verlor aber auch schon das Gleichgewicht und fiel mit beiden Händen auf den Bootrand zu Steuerbord. Am Backbordrand hingen in dem Moment fünf dunkle Gestalten und suchten, sich, so hoch das ging, aus dem Wasser schnellend, mit ihrem Gewicht den Rand niederzudrücken und das Boot jedenfalls dadurch zu füllen und zu versenken.

Die Jolle schwankte natürlich mit einem plötzlichen Ruck nach ihnen hinüber, und zwar so stark, daß Jean auf Steuerbord überstürzte und nur noch glücklicher Weise mit der linken Hand den Rand ihres kleinen Fahrzeugs erfaßte. Dadurch hielt er sich nicht allein über Wasser, sondern bewahrte auch wahrscheinlich durch das Gegengewicht, was er hiermit an die andere Seite warf, das Boot vor dem gänzlichen Füllen und Sinken, auf das der Angriff berechnet gewesen. Freilich konnte er nicht verhüten, daß trotzdem eine Masse Wasser über Bord schlug.

Ein zweiter solcher Stoß wäre ihnen auch jedenfalls verderblich gewesen, und er mußte erfolgen, sobald die Schwarzen nur einfach mit ihrem Gewicht hängen blieben. Bill aber rettete sie diesmal, und zwar ganz gegen seinen Willen, denn mit dem ersten Ruck schon hintenüber fallend, stürzte er gerade in den Vordertheil des Bootes hinein. Wahrscheinlich aber dabei mit dem Finger den Drücker der Muskete berührend, oder auch nur durch das Anstoßen des Kolbens auf den Sitz entlud sich diese, und die Kugel fuhr zischend in's Blaue.

Die Wirkung zeigte sich zauberschnell. – Im Nu waren die sechs schwarzen Köpfe, die eben noch ein gellendes Siegesgeschrei ausgestoßen, in der über ihnen zusammenschlagenden Fluth verschwunden. Durch das schnelle Loslassen des Bootes und Jean's Gewicht nach der andern Seite hätten sie aber beinahe das erreicht, was sie durch ihren Angriff verfehlt, denn die Jolle schlug nun eben so viel nach Steuerbord über, als vorher nach Backbord, und nahm wieder eine Menge Wasser ein.

Das kleine Boot war doch glücklicher Weise ziemlich breit gebaut, und das nächste Zurückschwanken nach Steuerbord zeigte ihnen, daß die Gefahr für den Augenblick vorüber sei.

Während aber Jean, so rasch ihm das irgend möglich war, zurück in's Boot kletterte – und Timor faßte ihn dabei und half ihm hinein – hatte Hans sein Gewehr aufgegriffen und gespannt, und François, noch immer mit dem Messer in der Faust, bewachte scharf die beiden Bootränder, ob sich wieder eine schwarze Hand auf ihnen sollte blicken lassen. Aber nirgends zeigte sich auch nur eine Spur von den Flüchtigen, und Hans meinte erstaunt, es wären doch keine Fischmenschen, daß sie ganz unter Wasser leben könnten, sie müßten wieder vorkommen. Da deutete Timor nach dem Seetang, der an den Korallen hing, an dem sie schon vorher das Auftauchen der vermeintlichen Fische beobachtet hatten.

Alle folgten mit ihren Augen der Richtung, nur François nicht, der fest die Feinde noch einmal auf ihrem alten Angriffsplatz – er wußte nur nicht recht, auf welcher Seite – zu erwarten schien.

»Dort sind sie!« rief aber jetzt auch Hans, und Jean, der indessen ebenfalls seine Muskete aufgefaßt, wollte schon auf das Dunkle dort, was sich ziemlich deutlich als die dunkeln Köpfe der Feinde erkennen ließ, zielen. Hans verhinderte ihn aber daran und meinte ruhig, es wäre besser, Blutvergießen zu vermeiden, bis es nicht anders möglich wäre.

Die Köpfe verschwanden auch in demselben Moment fast wieder, und erst weit außer Schußweite kamen sie zum zweiten Mal hervor. Als sie sich zum dritten Male zeigten, war es dicht am Ufer, und sechs schwarze Gestalten, mit kurzen Speeren in der Hand, wie es Hans deutlich durch das jetzt aufgegriffene Fernrohr erkennen konnte, sprangen auf's Trockene und tauchten in der nächsten Minute in die dichten Büsche ein, die sie den Blicken der Nachschauenden gänzlich entzogen.

Deren nächste Sorge war jedoch jetzt ihr Boot, und Zwei gingen daran, es so schnell als möglich wieder auszuschöpfen, während die Anderen noch immer auf Wache blieben, denn sie glaubten kaum, daß so wenige von den Wilden es gewagt haben sollten, sie anzugreifen.

Der Plan war auch gar nicht so übel gewesen und nur daran gescheitert, daß die Schwarzen nicht die Natur einer solchen Jolle kannten. die weit fester mit ihrem breiten Boden auf dem Wasser liegt als eins der gewöhnlichen Canoes. Keins dieser letzteren hätte einem solchen Gewicht, plötzlich auf die Seite geworfen, widerstehen können, und einmal die Mannschaft über Bord, hätte sie den Wilden, die im Wasser fast gewandter sind als auf festem Land, sicherlich nicht widerstehen können. Mit ihren kurzen Speeren würden sie die Weißen entweder ermordet, oder sie untergezogen und ertränkt haben, und das Boot mit der Ladung, die sie leicht wieder vom Grund mit Tauchen aufbringen konnten, wäre ihre gute Beute geworden.

Ihr ganzes Manöver ließ sich jetzt auch sehr leicht erklären. Zuerst hatten sie versuchen wollen, im Dunkel der Morgendämmerung (fast alle wilden Stämme machen ihre Angriffe zu dieser Tageszeit) heimlich anzuschwimmen. Timor's Munterwerden machte ihnen das aber unmöglich, und einmal die richtige Zeit versäumt, war auch die andere Mannschaft wach geworden. Einer schwamm also deshalb wieder von den Uebrigen ab, um die Aufmerksamkeit der Fremden auf sich und von den Kameraden abzulenken, während diese unbeachtet herantauchen und den vorher verabredeten Plan ausführen konnten. Vor Feuergewehren haben aber diese Stämme, die mit Weißen fast noch nie in Berührung gekommen, eine heilsame Furcht, und das zufällige Losgehen von Bill's Muskete erschreckte sie so, daß sie jeden Gedanken an Angriff aufgaben und nur ihre eigene Haut in Sicherheit zu bringen suchten.

»Nun, wie gefällt Euch der Empfang bei den Schwarzen?« frug Hans die Anderen, als sie ihr Boot wieder in Ordnung gebracht und ihre Provisionen vorgesucht hatten, um ein hastiges Frühstück einzunehmen. »Nicht wahr, es sind gastliche Gesellen, die nicht einmal abwarten, bis wir zu ihnen an Land gekommen sind, sondern uns gar schon vor der Thür besuchen.«

»Hol' der Teufel die Landlubbers,« brummte Bill, der damit das schlimmste Wort seines Kraftwörterbuchs ausgesprochen – »wenn die Sachen hier so stehen, hab' ich wenigstens allen Appetit verloren, mich viel bei ihnen zu Gaste zu bitten. – Das sind ja verteufelte Kerle – die wie die Bestien schwimmen und tauchen können!«

»Die Hälfte von unserem Brod ist naß geworden,« sagte Timor, der sich indessen eifrig damit beschäftigte, den beschädigten Proviant nachzusehen – »ein Glück nur, daß das Meiste hoch lag.«

»Wir essen das naßgewordene zuerst weg,« meinte Jean, »wenn das Brod auch ein wenig salzig schmeckt, das schadet nichts, und aufgeweicht ist's doch nicht. Da müssen unsere Schiffszwieback länger im Wasser liegen, wenn sie wirklich weich werden sollen; für solche Fälle haben unsere Rheder glücklicher Weise gesorgt. – Aber so heimtückische Canaillen; auf einer Seite Freundschaftsversicherungen, auf der andern Meuchelmord. Doch feige sind die Kerle. Hei, wie sie ausbrannten, als Bill sein Gewehr unter sie abschoß! Mich wundert nur, daß sich Bill so rasch fassen und schießen konnte; der Angriff kam so schnell, daß ich an mein Gewehr gar nicht dachte.«

Bill sah ihn mit einem trocken-komischen Ausdruck in den Zügen an, und die Anderen lachten.

»Ja,« sagte Bill endlich, »wenn ich jedesmal mein Gewehr auf die Art abfeuere, dann thu' ich meinem eigenen Leichnam mehr Schaden dabei, als jemand Anderem. Nicht allein daß ich mir meine ganze hintere Front auf den scharfen Kistenecken und Gott weiß was abgescheuert habe, nein, die verdammte Muskete stieß mich auch, wie sie losging, so gegen den Leib, daß ich erst fürchtete, ich hätte einen förmlichen Decimalbruch gekriegt. – Das sind verwetterte Dinger, solche Schießgewehre – da ist's ja wahrhaftig so gefährlich dahinter wie davor zu stehen, und ich hatte nur eine einzige Handvoll Pulver drin. Aber, Donnerwetter, Ihr braucht nicht so furchtbar zu lachen; wir sitzen hier keineswegs in einer so angenehmen Lage, um viel Spaß machen zu können. Gebt lieber einen guten Rath, wie wir aus dieser Klemme wieder hinauskommen und was wir thun sollen.«

 

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