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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 21
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
created20121231
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13. Das Wrack

Vor allen Dingen galt es jetzt, die Möglichkeit einer Rettung zu überlegen.

Wenn sie ihr großes Boot flott bekamen, schien nicht die mindeste Schwierigkeit vorhanden, in die wirkliche Fahrstraße durch die Torresstraße einzulaufen, und dann konnten sie leicht auf einer der kleinen Inseln halten, bis ein anderes von Sidney nach Britisch- oder Holländisch-Indien bestimmtes Schiff vorbeikommen und sie aufnehmen würde. Es war jetzt noch die günstigste Jahreszeit für diese Fahrt, und Capitain Oilytt wußte selbst mehrere Schiffe, die beabsichtigt hatten, ihm in acht oder vierzehn Tagen zu folgen.

Aber selbst von ihrer eigenen Lage wurden sie in diesem Augenblick durch einen furchtbaren Lärm, der aus dem untern Deck herauftönte, abgezogen, und Alles sprang an die Luken, um hinabzuschauen. Um das Schiff selber brauchten sie sich jetzt auch in der That nicht weiter zu kümmern, das lag fest genug zwischen seinen Korallen, und hätte es ja noch gescheuert, so durften sie höchstens die Anker auswerfen, um es ganz fest und sicher zu bekommen.

Der Lärm rührte von den armen Thieren, den Pferden her. Natürlich war das Schiff leck geworden und das Wasser in den untern Raum gedrungen, und die festgebundenen rangen nun mit ihren letzten Anstrengungen gegen den sie bewältigenden Tod an. Manchmal, wenn eins der unglücklichen Geschöpfe seinen Kopf noch über Wasser bekam, hörten sie deutlich das Schnauben, und oft drang ein entsetzlicher Nothschrei zu ihren Ohren und machte sie schaudern – aber Hülfe zu bringen war nicht mehr möglich. – Wären sie selbst im Stande gewesen, die Stricke zu zerschneiden, mit denen die Thiere festgebunden standen: aus dem untern Raum konnten sie sie doch nicht herausbekommen, und dort stieg das Wasser mit rasender Schnelle.

Jean sprang zwar die Leiter hinunter, mehr um sich von der vollkommenen Nutzlosigkeit einer Hülfe zu überzeugen, als irgend etwas zu thun. Gerade da aber wurde diese, wahrscheinlich durch eins der losgerissenen Thiere, das sich dagegen geworfen, umgestoßen. Er konnte eben noch das zum Auf- und Niedersteigen befestigte Tau fassen und sich vor einem Sturz in die Tiefe retten, der ihn nur zu wahrscheinlich unter die Hufe der verzweifelten Thiere geworfen hätte. Als er festen Fuß auf dem Heu faßte und traurig in den dunkeln Raum hinabstarrte, wo es jetzt stiller und stiller wurde, sagte eine leise schwache Stimme an seiner Seite:

»Jean – was ist mit dem Schiff vorgegangen?«

»Hans, um Gottes willen,« rief der junge Franzose und sprang rasch nach ihm hinüber – »armer Teufel, wie geht Dir's? Hol's der Henker, wir haben die Hände, oder vielmehr Augen und Ohren die letzte Stunde so voll gehabt, daß beim Himmel keine Seele an etwas Anderes als an sich selber denken konnte – Jesus Maria, wie blutig Du aussiehst – wie ist Dir?«

»Besser, viel besser; aber was ist mit dem Schiff vorgegangen?« fragte der Verwundete.

»Oh, das sitzt fest und wacker auf einer Korallenbank,« lachte Jean, der, einmal aus der nächsten Todesgefahr heraus, schon all' seinen frischen und fröhlichen Muth wiederbekommen hatte. »Masten über Bord, alle drei, und so sicher vor Anker, wie nur je ein gutes Fahrzeug nach langer Reise gelegen hat. Der arme Karl ist aber auch über Bord –« setzte er ernster und fast traurig hinzu.

»Ich wollte, ich wäre an seiner Stelle,« sagte Hans und fiel mit geschlossenen Augen auf das Heu zurück.

»Unsinn,« lachte aber Jean wieder – »Deine Leiden sind jetzt zu Ende. – Wer weiß, ob's nicht am Ende ganz gut ist, daß wir den alten verdammten Kasten auf soliden Grund gesetzt haben. Der Schuft von Capitain kann jetzt sehen, wo er ein neues Schiff bekommt, mich kriegt er aber wahrhaftig nicht wieder als Matrose an Bord, so viel ist gewiß. Pest, Mann, Du hast aber die Eisen noch an, das geht nicht, die müssen herunter; und das Wasser ist auch schon bis in's Zwischendeck gestiegen – der untere Raum ist ganz voll. – Wie still und ruhig es jetzt da unten ist,« setzte er schaudernd hinzu – »der Mensch ist doch ein entsetzliches Geschöpf mit seiner Gewalt über das Thier.«

»Jean,« rief in diesem Augenblick der Mate herunter – »wo zum Teufel steckt Ihr?«

»Komme,« antwortete der Matrose, wandte sich dann aber noch rasch zu Hans und sagte tröstend, »ich bin bald wieder bei Dir. Hab' keine Furcht, wir wollen die Sache schon machen.«

Er schob die Leiter, die nur auf die Seite geschlagen war, wieder zurück und kletterte rasch an Deck. Dort wurden indessen schon die nöthigen Vorbereitungen getroffen, ein paar Nothspieren aufzurichten, um das große Boot über Bord zu heben und flott zu bekommen, was der doppelten Mannschaft, ohne die Hülfe von diesen und Flaschenzügen, nicht möglich gewesen wäre, mit bloßen Händen in's Werk zu setzen.

Jean wandte sich nun an Mr. Black, Hansens Freilassung zu bewirken. – Der Mann lag verwundet im untern Raum und durfte nicht ohne Hülfe liegen bleiben, wenn man sein Leben nicht in Gefahr bringen wollte. Mr. Black sprach auch augenblicklich mit dem Capitain darüber, dieser aber wollte von nichts hören. So lange er an Bord Herr sei, schwur er, bleibe der Schuft in Eisen. Er habe sich widersetzt und dem den Tod gedroht, der ihn bestrafen würde, also offene, unverhehlte Meuterei, und er wolle sich nicht der Gefahr aussetzen, gemeuchelmordet zu werden. Damit wandte er sich ab und den Arbeitenden wieder zu.

»Aber, Sir,« sagte der Mate, »Sie können ihn doch nicht gut geschlossen mit in's Boot nehmen? Er wird da mehr im Wege sein, und – ich weiß auch nicht, ob Sie das später werden verantworten können.«

»Verantworten?« lachte der Capitain höhnisch – »übrigens wer sagt Ihnen denn, Mr. Black, daß ich ihn überhaupt mit in's Boot haben will? Es fällt mir gar nicht ein, mich mit dem rebellischen Schurken länger zu behelligen.«

»Sie werden ihn doch nicht hülflos zurücklassen wollen?« rief der Mate rasch.

»Hülflos?« meinte Oilytt, »ist das hülflos? Ich lasse ihn im Besitz meines ganzen Schiffs, und da ist auch die Jolle, die er nehmen kann, wenn es ihm beliebt, sollte ihm der Aufenthalt hier nicht länger behagen. – Was verlangt er mehr?«

»Das geht wahrhaftig nicht an, Capitain Oilytt,« sagte der Mate kopfschüttelnd.

»Sie sollen einmal sehen, wie schön es geht,« lachte dieser zurück. – »Es geht Alles auf der Welt, was man nur will, und der Bursche kann noch seinem Gott danken, daß ich ihn nicht mit nach dem nächsten Hafen nehme, um ihn dort als einen meuterischen Hund, der er ist, aufhängen zu lassen. Sähe ich die Möglichkeit ein, wieder nach Sidney zurückzukommen, so geschähe das auch jedenfalls. All' die Schiffe aber, die in nächster Zeit auslaufen, und auf die wir hier hoffen können, sind nach Batavia bestimmt, und mit der holländischen Regierung mag ich nichts zu thun haben. – Ich und sie sind schon einmal zusammen gewesen und eben nicht als die besten Freunde geschieden.«

»So will ich ihm wenigstens jetzt die Eisen abnehmen, daß wir nach seiner Wunde sehen können,« sagte Mr. Black und wollte sich abdrehen, um in das Zwischendeck hinunterzusteigen.

»Halt, Mr. Black,« hielt ihn aber sein Vorgesetzter zurück, »nicht eher, bis ich Ihnen das sage – wenn's Ihnen gefällig ist. – Nach der Wunde kann auch ohne das gesehen werden. Hier haben Sie den Schlüssel zur Medicinkiste, und seien Sie so gut und besorgen Sie das. – Der dickköpfige Schuft wäre auch ohne dies nicht sogleich abgefahren – aber die Eisen behält er, bis wir von Bord gehen.«

Der Mate konnte nichts dagegen einwenden, stieg aber augenblicklich in die Kajüte hinunter, um das nöthige Wundpflaster heraufzuholen. Von dem steckte er auch eine Quantität in die Tasche, um es Hans zum ferneren Gebrauch zu lassen, und sah dann nach seinem Kranken, den er aber weit besser fand, als er wirklich erwartet hatte.

Unterdessen gingen die Arbeiten an Deck rasch vor sich. Provisionen wurden herausgeschafft, der Capitain hatte seine Instrumente, Karten, den Compaß für den Nothfall und seine Papiere geborgen, vertheilte dann die an Bord befindlichen Musketen mit der gehörigen Munition unter die Leute, da man in der Straße sehr häufig auf Schwarze stößt, von denen man nicht immer weiß, ob sie freundlich oder feindlich sind, und ließ dann die Leute an die Arbeit gehen, um das große Boot vom Verdeck hinunter in See zu heben.

Unter all' diesen Arbeiten rückte der Abend mehr und mehr heran, und es war schon kein Gedanke mehr, noch an diesem Tag sich einzuschiffen. Um zwölf Uhr hatte der Capitain, da die Sonne heut hell und klar am Himmel stand, seine Observation genommen, um die Breite zu bekommen, auf der sie sich befanden, denn die Länge wußten sie nur zu genau. Er fand dabei, daß sie etwa dreißig Meilen oberhalb Raines Island auf den Riffen saßen. Von hier aus konnten sie leicht in die südliche, am häufigsten befahrene Straße kommen, und an Gefahr für ihr Leben, wenn sie sich nur ein wenig mit ihren Provisionen einschränkten oder sich zugleich auf den Fischfang legten, war nicht zu denken. Die einzige Vorsicht, die sie gebrauchen mußten, war, einen gehörigen Vorrath von Wasser einzulegen, und damit konnten sie dann getrost nach einer der Zwischeninseln oder auch Booby Island hinfahren, an welchem letzteren Ort sogar Vorräthe für Schiffbrüchige von mehreren englischen Schiffen niedergelegt sind. Die gehörigen Segel für die Barkasse, die jetzt vollkommen gut in Stand und mit allem Nöthigen versehen fertig lagen, wurde ebenfalls hergerichtet, und mit Tagesanbruch am nächsten Morgen wollten sie ihre Pilgerfahrt beginnen.

Die Matrosen packten indessen ebenfalls das Nöthigste, was sie an Wäsche gebrauchten, mit ihren wollenen Decken zusammen, denn sonstiges Gepäck oder gar ihre Kisten konnten sie natürlich nicht mitnehmen – stauten das Alles in eine Kiste hinein und waren somit ebenfalls gerüstet. Nur Jean, François und Bill hatten ihre paar Hemden zurückgelassen – die Kiste war auch gerade von den anderen Sachen voll geworden – und sie meinten, sie wollten das Ihrige nur lieber so in's Boot werfen. Alle Drei schienen übrigens andere Absichten zu haben.

An dem Abend hätten die Leute gern viel mit einander unterhandelt, der Zimmermann, der sonst nie lange im Logis blieb, wich und wankte aber gerade heute nicht von seiner Kiste. Jean, Francis und Bill gaben sich deshalb einen Wink und gingen nach oben.

Mit kurzen Worten vereinigten sie sich. Sie waren fest entschlossen, Hans nicht allein an Bord des Wracks und mit einem Boot zurückzulassen, mit dem er allein wenig oder gar nichts anfangen konnte – sie wollten bei ihm bleiben. Hierzu kam auch noch, daß alle Drei viel lieber nach Sidney zurückkehren, als mit dem Capitain auf irgend einem andern Fahrzeug nach Indien zu gehen wünschten, und sie machten sich deshalb schon die schönsten Pläne einer Landreise an der Küste hinunter. Sie kannten das Land und die Schwierigkeiten einer solchen Reise nicht, und der leichte Sinn eines Matrosen, der Gefahren überhaupt gar nicht achtet, weil er eben zwischen ihnen aufwächst, ließ sie das Alles mit frohem Muthe betrachten.

Heut Abend beschlossen sie aber noch nichts darüber zu äußern, sondern das Alles bis morgen früh zu verschieben.

 

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