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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 19
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
created20121231
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11. Der Sturm

Als an Deck Alles klar war, die nicht durchaus nöthigsten Segel geborgen, die Raaen scharf angepraßt standen, lief das Schiff wieder nach Süden zurück. Südost lag freilich auf dem Compaß an, aber ein paar Striche trieb es doch immer weiter nach Süden hinüber, so daß es vielleicht einen Süd-Südost-Cours steuerte. Unter der Zeit war es aber auch vollkommen dunkel geworden, und der Capitain saß in der Kajüte und trank, theils aus Aerger über das schlechte Wetter, theils über die vereitelte Execution an dem Deutschen, von dessen schwerer Faust ihm das Zeichen noch immer auf der Stirn brannte, ein Glas Grog über das andere. Der erste Mate, der die Wache auf Deck hatte, ging ab und zu, bald in die Kajüte hinunter, das Nöthige mit dem Capitain über die Fahrt zu besprechen, bald einmal wieder an Deck schauend, wie es mit dem Wetter stehe.

Die Karte der Torresstraße lag mit Zirkeln und Parallel-Lineal auf dem Tisch der Kajüte, und es schien ihm nichts weniger als angenehm, daß sich der Capitain heute gerade um seinen Verstand trank.

»Um Zwölf Uhr wollen wir wieder über den andern Bug gehen,« sagte endlich Capitain Oilytt, der in der einen Sophaecke lehnte und das rechte Bein zu sich heraufgezogen hatte. – »Damn it, wir dürfen nicht so weit von der Straße ablaufen, wir haben sonst morgen Abend wieder dieselbe Geschichte.«

»Um Zwölf möchte wohl ein wenig früh sein, Capitain,« meinte der Steuermann – »ich war noch vor Dunkelwerden oben im Mast, und wenn ich's auch nicht gerade bestimmt behaupten will, so war mir's doch, als ob ich im Westen Land gesehen hätte. – Die Strömung setzt uns hier sehr stark in die Riffe hinein, und es wäre eine fatale Geschichte, wenn wir im Dunkeln draufliefen.«

»Unsinn,« brummte der Capitain und füllte sich auf's Neue sein Glas – »wenn's Tag wird, werden wir gerade in der rechten Entfernung sein, bis Mittag die Einfahrt machen zu können, und dann soll auch der Bursche, der Hans, seine Ladung haben – der Schuft der!«

»Capitain Oilytt,« sagte der Mate ruhig – »ich würde die Sache sein lassen, bis wir durch die Torresstraße sind. – Es ist nicht gut, jetzt böses Blut unter der Mannschaft zu machen. Nachher, wenn Ihr Euch nicht anders besonnen habt, könnt Ihr ja immer noch thun, was Ihr wollt. – Er läuft uns in der Zeit wahrhaftig nicht weg, und da unten in Eisen zu liegen, ist auch eben kein Spaß.«

»Papperlapapp!« rief der Capitain, ärgerlich auffahrend – »glaubt Ihr, ich soll vor meiner Mannschaft mit zerschlagenem Gesicht herumlaufen und den Schuft nicht gezüchtigt haben, der es gewagt hat, Hand an mich zu legen? Pest und Gift – und hinter dem Burschen steckt auch noch mehr. – Ich habe ihn im vorigen Jahr zuerst von Sidney mit fortgenommen, und er sprach fast kein Wort Englisch, und gestern Abend, Gott verdamme mich, ging's ihm vom Maule, als ob er in seinem ganzen Leben keine andere Sprache gesprochen. Hier an Bord kann er das in der kurzen Zeit nicht so gelernt haben, also hat er sich vorher verstellt und da sitzt ein Haken dahinter. Es sollte mich nicht so viel wundern, wenn er irgend ein durchgekniffener Verbrecher von Neusüdwales oder Vandiemensland wäre. – Ich wollte, ich hätte früher eine Ahnung davon gehabt.«

»Ja, sein Englisch ist mir auch gestern Abend aufgefallen,« sagte der Mate nachdenkend – »was sollte er aber für eine Ursache haben, seine Sprache zu verstellen?«

»Und den ganzen Leib hat der Schuft voller Narben,« fuhr der Capitain, ein anderes Glas leerend, fort, »ich möchte nur wissen, wo er die gekriegt hat – im ehrlichen Kriege wahrhaftig nicht, denn so alt ist er gar nicht, irgend einen Krieg mitgemacht zu haben – verdammte Bestie! – Und dabei ist mir's immer, als ob ich seine grauen Katzenaugen schon irgend einmal früher gesehen hätte.«

»Er müßte denn mit in Indien gewesen sein,« meinte der Mate.

»Indien – bah –« sagte Oilytt; »die Tätowirungen hat er auch nicht aus Indien, die sind aus der Südsee. – Wo sich der Schuft nur mag herumgetrieben haben!«

Er schenkte sich ein frisches Glas ein und rührte dieses wüthend zusammen, während der Mate, der das nicht länger mit ansehen mochte, die Kajüte verließ. Dem Capitain gingen aber indessen allerlei Dinge durch den Kopf – die Narben des Gefangenen gefielen ihm nicht. Der Mann hatte schon mehr erlebt, als er wiedererzählen mochte, und war allerdings im Stande, seine Drohung auszuführen.

»Hol' ihn der Teufel,« brummte er endlich vor sich hin – »er soll nicht sagen können, daß er Bill Oilytt erst geschlagen und nachher in's Bockshorn gejagt hat. – Morgen früh, wenn wir gesund bleiben, soll er seine fünfzig – Narben oder keine Narben – richtig aufgezählt kriegen. – Wart', Canaille, ich will Dir das Fell noch einmal übertätowiren, und nachher kann er sehen, wie er sein Wort hält, wenn er unten in Eisen krumm liegt. – Verdammte meuterische Hundeseele!« Mit diesen Worten zog er das auch das andere Bein auf's Sopha herauf, um sich zum Schlafen zurecht zu legen. Das Rückenkissen unter den Kopf schiebend, rief er dann, erst in seiner gewöhnlichen Stimme, zum zweiten Mal jedoch laut und ärgerlich nach dem Steward – er hatte ganz vergessen, daß der im Bett lag. An dessen Statt erschien aber Timor, der malayische Knabe, in der Thür und frug, was der Capitain befehle.

»Wo ist der Steward, der Lump?« schrie ihn dieser an – »schon zu Bett? – ach ja so, hat eine dicke Seite – Pest noch einmal, daß ich ihm nicht einen dicken Buckel dazu gebe – Timor – Timor!«

»Ich bin hier, Sir« sagte der Junge und trat dicht zum Sopha hinan.

»Timor – um zwölf Uhr weckst Du mich – verstanden?«

»Ja, Sir.« – Der Junge blieb noch eine ganze Weile auf seinem Platz, fernere Befehle seines Herrn, von dem wohl wußte, daß sich in diesem Zustand mit ihm nicht spaßen ließ, abzuwarten. Der Capitain war aber schon eingeschlafen, und Timor drückte sich in seinen Verschlag, um – wenn es ihm der Mate gestattete – ein Gleiches zu thun.

Unter fast gar keinen Segeln und gegen eine ziemlich schwere See an, machte das Schiff nur sehr geringen Fortgang. Trotzdem sie aber vom Lande, ihrem Cours nach, abgingen, schickte der zweite Mate, der bis zwölf Uhr die Wache hatte, mehrmals Leute nach oben, um zu sehen, ob sich nach Westen zu doch irgend etwas erkennen ließ. Der Himmel war jedoch bewölkt und die Luft zu dunkel. Ohne daß etwas Besonderes vorgefallen wäre, kam zwölf Uhr heran.

Timor schüttelte jetzt seinen Herrn und that im Anfang wirklich, was er thun konnte, ihn nur munter zu bekommen. Dann sprang derselbe aber auch mit beiden Füßen zugleich empor, rieb sich die Augen und sah nach dem über ihm hängenden Compaß. Fünf Minuten blieb er noch etwa, wie in tiefe Gedanken versunken, auf dem Sopha sitzen – er besann sich wahrscheinlich, was in den letzten Stunden mit ihm vorgegangen, und erst jetzt, mit einem plötzlichen »Ja so –« stand er auf, sah nach der Kanne, die er jedoch leer fand, und stieg, darüber auch eben nicht ganz zufrieden, an Deck hinauf.

Der Wind wehte noch aus demselben Quartier, ja hatte sich eher noch mehr nach Osten gedreht; die See ging hoch und hohl, und es war eine häßliche Nacht. Der erste Mate kam eben an Deck und zog sich, schon oben, seinen dicken Rock an, den er fest unter dem Hals zuknöpfte.

»Guten Morgen, Capitain,« sagte er, als er an diesem vorüberging – »noch immer um nichts besser – da hinten sieht's noch häßlich aus.«

»Guten Morgen, Mr. Black – nun ich denke, mit Sonnenaufgang sollen wir wieder klar Wetter bekommen, die Luft sieht da drüben schon lichter aus. Sind die Leute an Deck? – He, Bill« wandte er sich zu dem Mann, der eben vom Ruder abgelöst war, »geht noch nicht zu Koje, wir wollen wenden.«

Das Manöver, das auf vollkommen bemannten Schiffen nicht viele Minuten dauern darf, erforderte mit der schwachen Mannschaft, bis Alles wieder in der gehörigen Ordnung war, fast eine halbe Stunde, und der Boreas nahm, gegen die schwere See an, eine Masse Wasser über Bord. Wie der Wind stand, konnte er dabei nur eben einen Nordcours liegen und hatte jedenfalls nach Westen hin, ohne die dort hinüber setzende Strömung, anderthalb Strich Abdrift. –

»Capitain Oilytt,« sagte der Mate, als die letzten Brassen angeholt waren und das Schiff wieder, mit etwa drei Meilen Fahrt, langsam gegen die Wogen ankämpfte, – »ich glaube wahrhaftig nicht, daß wir bis vier Uhr über diesen Bug liegen dürfen. Unserer Berechnung nach sind wir allerdings noch über einen Grad von der Küste ab, wir haben aber in zwei vollen Tagen keine ordentliche Observation gehabt, und – es ist eine verdammt gefährliche Küste.«

»Kommen Sie mit hinunter, wir wollen einmal auf der Karte ablegen,« sagte Capitain Oilytt und stieg voran die Treppe hinunter.

Ihrer Berechnung nach waren sie allerdings noch weit genug von den Klippen ab, und mit dem geringen Fortgang, den das Schiff machte, ließ sich eben nichts Besonderes für die wenigen Stunden fürchten. Der Mate schüttelte aber doch mit dem Kopf und meinte, »sicher sei jedenfalls sicher.«

»Gut, dann wecken Sie mich um zwei Uhr,« brummte der Capitain mürrisch und legte sich wieder auf's Sopha, um dort die anderthalb Stunden zu verbringen.

 

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