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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 16
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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8. Die Ausfahrt

Der Boreas hatte die Heads des schönen Sidney-Hafens kaum hinter sich, als er, von einer scharfen Südbrise gefaßt, pfeilschnell durch die Wogen schoß. Die Raaen standen eben genug zu Backbord angebraßt, daß der Wind auch die Klüver füllen und voll in alle Segel hineinstehen konnte, und noch war die Nachmittagswache nicht gesetzt, als die leichteren Segel schon wieder nieder mußten.

Gegen Abend wurde der Wind immer stärker, und da das Schiff nicht so stark bemannt war, um mit sehr viel Segeln in schlechtem Wetter rasch hantieren zu können, ließ der Capitain noch vor Dunkelwerden ein Reef in die Marssegel nehmen. Das Schiff loggte neun Knoten.

Von den letzt eingefangenen Leuten waren außerdem noch Zwei auf der Krankenliste: der eine englische Matrose Jack, der schon mit einem leichten Fieber an Bord gekommen, und der deutsche Matrose Hans – derselbe, der damals, bei der Flucht der anderen, in Sidney an Bord geblieben. An demselben Morgen, an dem sie ausliefen, hatte diesen beim Füttern eins der Pferde an den Schenkel geschlagen, und obgleich ihm die Wunde vom zweiten Mate ziemlich gut verbunden war, schmerzte sie ihn doch noch sehr. Er konnte nicht auftreten, mußte also gleichfalls die Koje hüten.

Die ganze Mannschaft bestand außer diesen Beiden und dem Capitain mit seinen beiden Mates nur noch aus zehn Personen, und zwar dem Steward und Zimmermann, dem Koch (einem Neger), aus drei Engländern, unseren alten Bekannten Bill, Bob und Jim, zwei Franzosen, Jean und Francis, zwei Deutschen und einem Jungen.

Der Junge war ein Malaye Und gehörte eigentlich, wenn das Schiff Passagiere führte, mit in die Kajüte, dem Steward und Koch als Hülfe, wurde aber jetzt, da er vorne nöthiger war, mit in das Vorcastel gethan und ging seine Wachen wie die Anderen.

Auf der Starbords- oder Steuerbordswache (der ersten) waren der Capitain mit dem zweiten Mate, der Steward, Bill, Jean, Hans und der junge François; auf der Backbord- oder zweiten Wache: der erste Mate mit dem Zimmermann, der auch zugleich mit Bootsmannsdienste verrichtete, mit Bob, Jack, Karl, Jim und dem Malayen.

Zu seiner vollen Besatzung hätte der Boreas die doppelte Mannschaft gebraucht, der Capitain war aber, wie die Sachen jetzt in Sidney standen, nur froh, mit diesen fortgekommen zu sein, und glaubte sich bis Indien in einem ziemlich günstigen Monsun auch wohl behelfen zu können. Bei günstigem Winde und wenn das Schiff nicht zwischen vielen Inseln hindurch und aus engen Straßen hinauszukreuzen hat, wo die Mannschaft durch das ewige Wenden erschöpft und aufgerieben wird, kann man auch ein Schiff mit verhältnißmäßig sehr wenig Leuten vorwärts bringen.

Die Mannschaft saß unten im Logis oder Vorcastel (wie der vorderste Raum im Schiff genannt wird, wo die Matrosen gewöhnlich ihren Aufenthalt haben) beim »Schaffen.« Zwei große hölzerne Schüsseln oder besser Wannen, die eine mit einem gar verdächtig aussehenden Stück gesalzenen Speck und Rindfleisch, die andere mit hartem mulmigen Schiffszwieback gefüllt, standen zwischen ihnen, und nebenbei dampfte eine riesige Blechkanne, aus der sich Jeder, wie es ihn gut dünkte, seinen vor ihm stehenden Blechbecher mit dem allerdings etwas sehr dünnen und unschuldigen, aber kochend heißen Getränk füllte.

»Da seid Ihr schuld daran, Gott verdamm' mich!« brummte der Zimmermann, als er sich eben selber zu einer »Tasse Thee« half, wie dies Wasser schmeichelhafter Weise genannt wurde – »ich glaube wahrhaftig, sie wollen uns knapp halten, und nun muß ich das verdammte Zeug mitsaufen. Koch, Du schwarze Bestie, was hast Du hier für eine Brühe zurechtgebraut? – ist das Aufwaschwasser da Thee – heh?«

»Kann nicht helfen, Massa,« sagte der Schwarze, der eben die Stiege heruntergekommen war und seine Pfeife an der kleinen, in der Mitte schwingenden Lampe angezündet hatte. Er zuckte dabei mit den Achseln und that, als ob er selber sehr betrübt darüber sei; die großen rollenden Augen fuhren aber zu gleicher Zeit und mit unverkennbarem Humor im Kreis herum, und man sah es ihm an, daß es ihm gerade nicht das Schmerzlichste war, den Zimmermann über seinen Thee entrüstet zu finden. »Massa Steward,« setzte er hinzu, »giebt nur ganz kleine Fingerspitzen voll Thee – meinte, wenn die Leute dort in den Minen wären, hätten sie auch keinen stärkeren Thee gehabt – wäre gerade recht.«

»Oho,« knurrte der Zimmermann – »wenn die Sache so gemeint ist, werde ich mir meine Theekanne künftig insbesondere halten. – Spaß ist Spaß – aber nach warm Wasser wird mir immer schlecht.«

Er stieß seinen Becher auf die Kiste nieder, auf der er gesessen, und kletterte ärgerlich und vor sich hinbrummend an Deck.

»Hallo, Doctor,« (denn der Koch wird gewöhnlich auf den englischen und amerikanischen Schiffen mit diesem ihm auch wohlklingenden Titel belehnt) sagte jetzt, als der Zimmermann aus der Logiskappe verschwunden war, Bill, indem er mit seinem Messer ein Stück Speck aus der Schüssel stach, an die Nase hob und wieder hineinwarf – » shiver my timbers, wenn ich nicht glaube, die haben da hinten das alte Faß Speck wieder aufgeschlagen, was schon vor vier Wochen einmal condemnirt wurde. Wenn der Capitain oder Steward im Sinn haben, uns hier, nachdem wir wieder in der Falle sitzen, auch noch auszuhungern, so weiß ich einen Fehler. Dann kenn' ich einen gewissen Bill Stumper, der sterbenskrank wird, sich in seine Koje legt und so lange jeden Morgen mit dem größten Vergnügen eine Dosis Salz nimmt, als der Vorrath an Bord dieses braven Schiffes aushält – was doch hoffentlich nicht so entsetzlich lange dauern soll. Seine Segel kann Er nachher allein herüber und hinüber brassen.«

Der Koch sah sich nach oben um, ob der Zimmermann auch nicht mehr in der Luke stand, und sagte dann leise:

»Massa Bill, Timor« (wie der malayische Junge nach der Insel, von der er stammte, genannt wurde) – »Timor hat gehört, wie Capitain zu Steward sagte – alte Faß wieder aufzumachen und den Leuten zu geben – wollte Schufte schon zwiebeln, hat er gemeint.«

»So? – das nennt er also zwiebeln?« lachte Jean. »Alter, Alter, ein zu straff angespanntes Tau reißt leicht und – wir sind noch nicht in Calcutta.«

»Nur sehr gut ist, daß der Zimmermann mittrinken und essen muß,« lachte der Doctor – »wird auch mit gezwiebelt, hi, hi, hi, für seinen guten Willen.«

»Ja, aber Hans kriegt ja auch nichts Besseres,« sagte der anders Deutsche, »und der hat doch ebenfalls keinen Fuß in Sidney von Bord gesetzt.«

»Der hat aber nicht sagen wollen, wo wir hin sind,« murrte Bill, »und deshalb wird er natürlich mit uns über einen Kamm geschoren. Wenn wir nur den verdammten Zimmermann hier nicht mit unten in unserer Back hätten, ließe sich das Alles schon machen. Im Zwischendeck liegt nur Heu, und zwischen den Ballen durch kann man leicht nach der Vorrathskammer kommen – doch der Lump verriethe, glaub' ich, seinen eigenen Bruder, wenn er sich selber einen weißen Fuß dadurch machen könnte.«

»Steward ist der Schlimmste,« sagte der Doctor, aber noch leiser als vorher – »hat Massa Jean so auf dem Strich, weil ihn der 'mal durchgeprügelt hat – will's wieder gut machen.«

»Daß ich ihm nicht zum zweiten Mal auf den Pelz komme,« brummte Jean zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch. – »Diesmal möcht's besser fördern, – der Wille ist wenigstens da.«

»Brassen!« lautete des ersten Mate Stimme vom Quarterdeck herunter, und »Brassen« rief der Zimmermann auch in demselben Augenblick in die Back nieder – »Brassen, Boys – Donnerwetter, macht nicht so lange da unten; der Mate hat schon dreimal gerufen.«

»Schade, daß Massa Spahn nicht am Lügen erstickt,« lachte der Koch und sprang vorneweg die Leiter hinauf.

Bis acht Uhr Abends, und zwar von Morgens fünf Uhr an, hatte er die Wache auf Deck, nach acht Glasen Abends aber war seine Wache bis zum andern Morgen zu Koje. Jetzt aber, da die beiden Leute krank, oder doch wenigstens zur Arbeit für einige Zeit unfähig waren, mußte er so lange des Capitains Wache mithalten und durfte dafür, um doch seinen gehörigen Schlaf zu bekommen, Nachmittags bis vier Uhr zu Koje gehen.

Die Raaen mußten vierkant gebraßt werden. Der Wind drehte mehr und mehr nach Westen herum, so daß er jetzt von hinten in den Segeln lag, und um zwölf Uhr schon gingen sie über Backbord-Bug mit halbem Wind, und es wehte ein fliegender Sturm. Der Boreas zischte vor dichtgereeftem Vormars-, Sturm- und Vorstengenstagsegel wie ein Pfeil durch die kochende, schäumende Fluth. – Drei Tage lang dauerte der Sturm; vom Lande aber herüberwehend, konnte keine so gewaltige See stehen, wie das der Fall gewesen, wäre er von der andern Seite gekommen. Das Schiff brauchte deshalb auch nicht beizulegen, sondern lief mit ganz kleinen Segeln und nur weniger Unterbrechung fast seine zehn Miles die Stunde

Am schlechtesten befanden sich die im Raum stehenden Pferde dabei, die, noch nicht an unruhige See gewöhnt, gleich vom ersten Anfang an in solch ein Unwetter hineinkamen. Zwei starben auch schon den dritten Morgen und eins hatte ein Hinterbein Nachts zwischen die Stangen bekommen und gebrochen, und mußte, da hier keine Möglichkeit war es zu heilen, mit den anderen beiden über Bord geworfen werden.

Das Füttern und Besorgen der Thiere geschah in den verschiedenen Wachen immer von denen, die gerade auf Wache waren, und man kann sich denken, daß die Leute, noch außerdem unfreundlich vom Capitain behandelt, eben nicht viel Lust zu einer Arbeit zeigten, welche Matrosen selbst unter den günstigsten Verhältnissen ungewohnt und zuwider ist.

Hierzu kam noch, daß die Pferde, durch die starke Bewegung des Schiffs wie das dadurch unvermeidliche stete Hin- und Hergeworfenwerden, dann durch das Knarren der Balken, den Dunst, die Dunkelheit, wie alle die fremden Gestalten, wild und scheu gemacht und oft gar nicht zu bändigen waren und die Leute mehrmals nur mit genauer Roth der Gefahr entgingen, von den wüthend aushauenden Thieren Arm und Bein zerschlagen zu bekommen. In der That hatten auch schon fast Alle Quetschungen und Wunden wegbekommen. Selbst beim Wassergeben bissen ein paar der boshaftesten nach denen, die ihnen den Eimer hinhielten, und Bill machte schon Vorschläge, wie man die sämmtlichen »Bestien«, wie er sie nannte, mit einem Male vergiften und los werden könnte.

Der zweite Mate, ein ruhiger, ordentlicher Mann, that sein Bestes, die Leute zufrieden zu stellen, und da er auch den Proviant auszutheilen hatte, so versprach er ihnen schon gleich am zweiten Tag, daß sie bessere Provisionen haben sollten, »wenn ihm der Capitain und Steward nur erst nicht mehr so auf die Finger sähen«. Damit mußten sie sich aber für jetzt begnügen, denn für den Augenblick ließ sich darin noch nicht viel ändern. Der zweite Mate half auch, wo es irgend ging, mit im Raum bei den Pferden; weder Steward noch Zimmermann ließen sich dort aber nur ein einziges Mal blicken. – Sie hatten immer ungemein viel andere nothwendige Sachen in der Zeit gerade zu thun.

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