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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 15
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121231
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7. Was das Geld vermag

Noch volle zehn Tage nach diesem Abend hatte der Boreas draußen in der Bai gelegen und auf das Einfangen seiner Leute gewartet, ohne nur das mindeste Resultat weiter erzielt zu haben. Neue konnte der Capitain ebenfalls nicht bekommen; seine frühere Mannschaft hatte seinen Ruf durch die ganze Stadt verbreitet, und ein Proceß, den er gleich beim Einlaufen mit dem Koch und einem der französischen Matrosen gehabt, und der gegen ihn entschieden und in den Blättern besprochen worden war, diente auch noch dazu, Matrosen, die schiffen wollten und dazu hundert andere Gelegenheiten finden konnten, vor seinem Schiff zu warnen.

Er mußte aber jetzt fort – schon hatte er sich wieder genöthigt gesehen, frisches Wasser und sogar noch mehr Futter für die Pferde, die er an Bord hatte, einzunehmen. Die Preise der Leute stiegen dabei von Tag zu Tag, und es geschah endlich, was die Diener der Wasserpolizei schon lange vorhergesehen hatten – er mußte sechs Pfund auf jeden eingefangenen Matrosen stellen und brachte dadurch die ganze Polizei in Bewegung. Hier war etwas zu verdienen, und Charles wenigstens wußte, an wen er sich zu wenden hätte. –

Es wird übrigens Zeit, daß ich den Leser auch wieder zu den Hauptpersonen dieser Erzählung zurückführe.

Die Mannschaft des Boreas hatte sich an dem Morgen, wo sie ihre Flucht so glücklich von Bord bewerkstelligte, nach Verabredung in das goldene Kreuz begeben. Hier harrte ihrer schon der Wirth, nahm ihre Sachen in Empfang, die er sorgfältig in ein besonders kleines Zimmer verschloß, und ließ die Flüchtigen dann durch einen jungen Burschen, den er zu diesem Zweck die Nacht bei sich behalten hatte, über die Bai schaffen. Er beköstigte sie dort und war durch ihre Kleider für die Auslagen der wenigen Lebensmittel, durch ihre Entfernung aber auch dagegen gesichert, daß das Gesetz ihm, wenn sie wirklich ausgespürt wurden, nicht zu Leibe konnte.

Ging nun Alles gut, d. h. segelte das Schiff, ohne seine Matrosen wiederbekommen zu haben, so bekümmerte sich die Polizei entweder gar nicht mehr um sie, oder war besondere Ordre zu diesem Zweck vom Capitain hinterlassen worden, so wurden sie im schlimmsten Fall auf kurze Zeit hingesetzt und sahen sich dann wieder frei, Arbeit anzunehmen, wo sie es für gut hielten. Die besorgte ihnen aber dann ihr sogenannter »Schlafbaas« und sah sich wohl vor, daß er vor allen Dingen seine Kost und sein Logis bezahlt bekam, indem er den ersten oder die beiden ersten Monate Löhnung, die besonders Schiffe in solchem Falle stets vorausbezahlen müssen, in Empfang nahm. Bekam er das, so konnten die Leute ihre Sachen wiederbekommen, geschah das nicht, so waren sie ihm verfallen und er hatte immer reichlich seine Kosten gedeckt.

In den meisten Fällen verdienen diese Schlafbaasen, die in solcher Weise gewissermaßen eine Art Seelenhandel treiben, schönes Geld. Hundertmal ist es schon dagewesen, daß sie zuerst die Matrosen selbst überreden, ihr Schiff zu verlassen, und sie dann, so wie nur ein richtiger Preis auf ihren Fang gesetzt wird, dem Capitain des Schiffes oder am häufigsten den Polizeidienern selber anzeigen, mit denen sie zwar den Raub theilen müssen, aber auch gegen die Folgen vollständig gedeckt sind.

Man sagte, daß der Wirth im goldenen Kreuz auf solche Art und Weise ebenfalls ein ganzes Vermögen zusammengeschlagen habe und den armen Matrosen ein wirkliches Kreuz gewesen sei. Er hatte auch stets eine ganze Zahl solcher Leute, die bei ihm in Kost gingen und in seinem eigenen Hause wohnten. Dorthin kamen sie aber erst, wenn er von dem Gesetz nichts mehr zu fürchten brauchte – bis dahin wußte er bessere und sichere Plätze für sie. An einen solchen Ort hatte er denn auch die Leute vom Boreas geschickt, die sich jetzt noch unter keiner Bedingung in der Stadt durften sehen lassen.

Es war am 22. August, ziemlich spät am Abend, und schon seit drei Tagen hatte das Gerücht in der Stadt Umlauf gefunden, der Boreas habe Mannschaft und wolle in See gehen. Nichtsdestoweniger durfte noch Keiner der Leute aus seinem Versteck, und Polly hatte es besonders Jean, der sich bis dahin an solche Verordnung wenig gekehrt, sehr streng anbefohlen, sich unter keiner Bedingung in der Nähe des goldenen Kreuzes sehen zu lassen.

Diesem Verbot gehorchte Jean auch auf das Pünktlichste, keine Seele wurde ihn in der Nähe des Platzes, der für ihn die größte Anziehungskraft hatte, gewahr, aber im goldenen Kreuz selber stellte er sich jeden Abend pünktlich ein, gab Polly das verabredete Zeichen und schlüpfte dann zwei Treppen hinauf in das kleine Hinterstübchen, wo er doch wenigstens manchmal, wenn sie unten für kurze Zeit abkommen konnte, ein paar Worte mit ihr plaudern mochte. Jean hatte Polly, der Sicherheit wegen, sein ganzes Geld zum Aufheben gegeben, und sie ihm dafür, sobald der Boreas erst einmal fort sei, ihre Hand versprochen.

Jean wollte mit einem Landsmann, den er in Sidney getroffen, ein kleines Geschäft anfangen, und die Aussichten waren dazu gerade in dieser Zeit vortrefflich.

Er wie seine Kameraden wohnten indessen gerade über der Bai drüben, am sogenannten North Shore, in einem kleinen abgelegenen Häuschen, an einer Stelle im dichten Busch, die selten Jemand betrat, und wo gewiß Niemand entflohene Matrosen gesucht hätte.

Denselben Abend um acht Uhr stand Polly mit unserem alten Bekannten Charles von der Wasserpolizei im Hausflur – im Schenkzimmer war es fast ganz leer heut Abend – Mr. Mac Carther lehnte hinter der Bar und schlief, und Madame saß und strickte und betrachtete nur dann und wann mit ziemlich verdrießlichen Blicken zwei Kunden, die schon seit einer halben Stunde hinter dem Tische saßen und an einem »nobbler brandy« zogen. Polly wurde nicht vermißt.

»Also es bleibt bei unserer Verabredung,« sagte Charles gerade in diesem Augenblicke und reichte Polly die Hand zum Einschlagen, die er nachher fest in der seinen behielt – »es bleibt dabei und – keine Ausnahme

»Ich weiß nicht,« sagte Polly pikirt, »was Du immer mit der Ausnahme meinst, die Du mit einem so bedeutenden Ton erwähnst. Wenn ich einmal etwas sage, so kannst Du Dich darauf verlassen.«

»Polly,« meinte Charles lächelnd, »ich habe Dir schon einmal gesagt, daß mir von zwei Personen als ganz gewiß mitgetheilt ist, Du habest Dich mit dem einen Franzosen versprochen.«

Polly zog ihre Hand rasch aus der seinen und rief ärgerlich:

»Mit einem Franzosen! Ich dächte doch, Du kenntest mich besser, als daß ich mich an einen der Parlewus hängen sollte. Daß er mir den Hof gemacht hat, weißt Du, und in Ehren kann man auch ein Geschenk annehmen. Damit ist die Sache aber auch fertig, und wenn Du noch einmal –«

Ein scharfer, vom Hof gellender Pfiff unterbrach hier ihre Rede, und das Mädchen schrak so auffallend zusammen, daß es Charles selbst in der dunkeln Flur auffallen mußte.

»Hallo!« sagte er leise und horchte – Polly wollte nach dem Hof zu gehen, er faßte sie aber am Arm und flüsterte: »Bleib nur einen Augenblick hier, Polly – wir gehen gleich zusammen.«

Vorsichtige Schritte wurden jetzt gehört, die fast geräuschlos, aber rasch die Treppe hinausgingen. – Sie verriethen, daß der, welcher diesen Weg nahm, ihn schon mehr als einmal gegangen sein mußte. Charles mochte das wohl auch fühlen, denn als die Tritte mehr nach oben verhallten und die Stufen jetzt kaum hörbar im zweiten Stock knarrten, sagte er leise vor sich hinlachend:

»Der kennt jede Stufe im ganzen Haus, darauf wollt' ich schwören. – Also das sind die ersten sechs Pfund, Polly, wie? –«

Das Mädchen stand einen Augenblick wie unschlüssig da – sie erwiderte kein Wort. Endlich, als oben eine Thür leise aufging und wieder geschlossen wurde, sagte sie, mehr zu sich selber als zu dem jungen Mann sprechend, und wie nur mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt:

»Er hat mir Geld zum Aufheben gegeben.«

»Für so dumm hätt' ich ihn nicht gehalten,« meinte Charles trocken, – »doch Matrosen wissen überhaupt nicht ihr Geld zu wahren. Gehe aber jetzt in die Stube, Polly, ich will noch etwas warten, damit kein Verdacht auf Dich fällt.«

»Aber, Charles –«

»Aber, Polly! – und nicht etwa ein Zeichen gegeben! – Ich gehe nicht fort, ich bleibe hier unten an der Treppe stehen – good bye, Polly! Heut Abend werden wir nicht weiter mitsammen sprechen können, morgen Mittag aber komm' ich her und sage Dir Antwort, und – laß die Alte nichts merken.« Damit nahm er die sich nur schwach Sträubende ohne weitere Umstände beim Kopf, küßte sie herzhaft ab und öffnete dann selber, ihr jede weitere Einrede abzuschneiden, die Thür, hinter der er sich aber wohlweislich verborgen hielt. Es blieb Polly auch gar kein anderer Ausweg als einzutreten, und um ihre Bewegung zu verbergen, machte sie sich, so viel sie konnte, im Zimmer Beschäftigung, wischte die Tische ab und trocknete die Gläser aus.

Noch war sie mit der letzteren Arbeit beschäftigt, als dicht vor dem Fenster, draußen auf der Straße, dreimal mit einem schweren Stock aufgestoßen wurde – sie erschrak so heftig darüber, daß sie das eben erst aufgenommene Glas fallen ließ, wobei es in Scherben brach. Während Mrs. Mac Carther noch darüber zankte, standen die beiden Männer, die am Tisch gesessen hatten, auf, tranken das Letzte aus, was sie noch im Glas hatten, und verließen langsam das Zimmer. Das diente ebenfalls nicht dazu, Madame in bessere Laune zu bringen.

»Da geht das Lumpengesindel, das in zwei Stunden für einen Sixpence verzehrt hat – und dafür muß man Licht verbrennen und Gläser zerbrechen lassen. Wenn ich meinen Willen hätte, so würden die Tische und Bänke hier eher zu Feuerholz verbrannt, als daß sie mit hälfen das faule, povere Gesindel auch noch hier in seinem Müssiggang zu bestärken und einem zu Schimpf und Aerger da sitzen zu bleiben.«

Mac Carther, der durch das Zerbrechen des Glases erwacht und aufgefahren war, warf einen vorsichtigen Blick im Zimmer umher. Da er aber Niemanden bemerkte, wollte er sich eben wieder auf seinen alten Sitz niederlassen, als er schwere Tritte auf der Hausflur hörte. Er war noch nicht ganz hinter dem Schenktisch vor, als die Thür aufging, Charles den Kopf hineinsteckte und sagte:

»Mr. Mac Carther, auf ein Wort!«

Polly horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, und das Herz schlug ihr fast hörbar in der Brust, aber sie konnte nichts verstehen. Die Männer gingen zusammen die Treppe hinauf – sie konnte es endlich nicht länger aushalten, ging an die Thür und öffnete diese. Oben entstand ein Geräusch – ein Schlüssel wurde im Schloß umgedreht und dann angeklopft – Alles ruhig – im nächsten Augenblick schallte ein Lärm herunter, als ob eine Thür aufgebrochen würde.

»Polly!« rief Mrs. Mac Carther's Stimme. Polly drehte sich um, und ein ganzer Schwarm Matrosen kam in diesem Augenblick durch die Mittelthür in's Zimmer. – Brandy, Ale, Porter, Portwein, alle nur möglichen Getränke wurden verlangt, und Polly hätte gerade in diesem Moment Gott weiß was dafür gegeben, nur wenigstens eine ungestörte Viertelstunde zu haben. Bald darauf kamen die Schritte wieder die Treppe herunter; Stimmen wurden auf der Hausflur gehört und das Geräusch verlor sich auf der Straße. Fast in demselben Augenblick kam Mr. Mac Carther herein, warf die Thür hinter sich zu, daß die Fenster klirrten, griff seinen Hut auf und stürmte wieder hinaus.

Gleich darauf war Alles ruhig und Polly sagte leise vor sich hin: »Gott sei Dank, daß es vorbei ist.« –

Als Charles Mr. Mac Carther zu sich auf die Flur gerufen hatte, sagte er zu diesem freundlich:

»Mr. Mac Carther, wollen Sie wohl die Güte haben, mir das kleine Hinterzimmer im zweiten Stock noch einmal aufzuschließen. Ich und meine beiden Freunde hier« – die zwei Männer, die zum Aerger seiner Frau so lange an dem »Nobbler« Nobbler heißt in Australien ein halbes Glas – ein Schnitt getrunken hatten – »wünschen sich die Gelegenheit zu besehen.«

»Mit dem größten Vergnügen,« sagte Mr. Mac Carther, bei dem solche Haussuchungen keineswegs eine Seltenheit waren, und ging ruhig die Treppe vorn hinauf. Er hatte keine Idee von dem Schreck, der ihm bevorstand.

Charles kannte nur zu genau den Ort, wo er zu suchen hatte. Als sie die Thür von innen verschlossen fanden, wurde sie einfach aufgebrochen, und Jean sah sich im nächsten Augenblick in Eisen und in den Händen eines der Gerichtsdiener, der den weiter keinen Widerstand Leistenden nach schon früher erhaltenem Befehle direkt zur Wasserpolizei hinunterführte.

Der Wirth war über diese Entdeckung, die ihn in die größte Unannehmlichkeit bringen konnte, außer sich und suchte sich nur vor allen Dingen bei Charles, dem er die heiligsten Versicherungen seiner Unschuld und gänzlichen Unwissenheit von dem Vorgefallenen gab, zu vertheidigen. In dessen eigenem Interesse lag es aber, ihn zu beruhigen, und er versicherte Mr. Mac Carther daher, daß er recht gut wisse, der Gefangene habe nicht bei ihm gewohnt, ja er sei ihm sogar die ganze Straße herauf bis in's Haus und an die Thür gefolgt und er glaube, der Franzose habe sich hier nur hereingeflüchtet, weil er Jemanden hinter sich bemerkt habe, der ihm nachschliche, um dadurch vielleicht seinen etwaigen Verfolger von der richtigen Spur abzubringen. Er konnte ja nicht wissen, daß dieser gerade so genau in dem goldenen Kreuz bekannt sei.

Mr. Mac Carther drückte ihm die Hand, faßte ihn dann unter den Arm und führte ihn, während der Eine der Leute mit dem Gefangenen abging, etwas bei Seite.

»Mr. Charles,« flüsterte er hier leise und vertraulich – »nicht wahr, es sind auf das Einbringen der Matrosen vom Boreas sechs Pfund Sterling per Mann gesetzt – wie? Ich habe es heut Abend erst gehört und wollte Sie morgen früh selber aufsuchen.«

»Allerdings,« erwiderte ihm Charles lächelnd – »haben Sie eine Spur?«

»Eine Spur?« sagte Mac Carther leise und kniff den Polizeidiener vertraulich in den Arm – »wollt Ihr ein hübsches Trinkgeld verdienen, Freundchen?«

Der junge Mann von der Wasserpolizei bog sich zu ihm hinüber, hielt seinen Mund dicht an das Ohr des Wirths und flüsterte:

»Nicht wahr, wenn ich hinüber an das North Shore in Kennedy's alte Hütte ginge?«

Mac Carther machte sich rasch von ihm los und sah ihn erschreckt an. Charles lachte. – »Ja, ja, mein alter Fuchs,« fuhr er dann weiter fort, »manche Nasen sind schärfer, als man es ihnen zutraut – meine reicht bis zum North Shore hinüber – und noch mehr,« fuhr er wieder mit unterdrückter Stimme fort – »unten am Werft liegt schon ein Boot mit zwölf Mann, die nur auf mich warten. In einer halben Stunde sind wir an Ort und Stelle und übermorgen früh segelt der Boreas. Der Wind ist günstig, und ich habe mein Wort darauf gegeben. Guten Abend, Mac Carther! –« Und damit schnellte er, von seinem Begleiter gefolgt, zur Thür hinaus auf die Straße. Mac Carther aber stürzte, wie schon erwähnt, in die Schenkstube, griff seinen Hut auf und eilte, so rasch er konnte, nach einer andern Richtung hin zum Wasser hinunter.

Charles hatte seine Maßregeln aber viel zu gut und sicher getroffen; außerdem kannte er den Platz selber schon genau, und Zwei seiner Leute mußten den ganzen Nachmittag dort in der Nähe versteckt liegen und auf die geringsten Bewegungen der Entflohenen achten. Die armen Teufel von Matrosen waren, als sie sich gerade am sichersten fühlten, schon verrathen und verkauft.

Das Boot landete, zwei Mann ließ man schwer bewaffnet als Wache dabei zurück, die kleine Hütte wurde dann umzingelt und die ganze Mannschaft des Boreas, mit Ausnahme eines Deutschen und eines Franzosen, die gerade in der Stadt waren um Provisionen zu holen, gefangen genommen und in Eisen gelegt. Die Beiden kamen gerade zurück, als die Polizei in das Haus drang, und flüchteten in den Busch, wo sie sich mit den Provisionen versteckt hielten, bis der Boreas, den sie von ihrem Versteck aus in der Bai liegen sehen konnten, wirklich abgesegelt war.

Gerade als das Polizeiboot mit seinen Gefangenen vom Lande abstieß, schoß ein anderes kleines, scharfgebautes Boot, mit zwei Männern darin, in eine kleine, durch einen Felsenvorsprung gebildete Bucht. Einer von diesen sprang augenblicklich an Land und sah dem Boot nach. Man konnte die Gestalt in der Dunkelheit nicht mehr genau erkennen, Charles hatte aber allen Grund, auf den richtigen Mann zu rathen, und rief deshalb auf gut Glück nach dem Lande zurück:

»Guten Abend, Mr. Mac Carther!«

Die Gestalt verschwand in demselben Moment wieder in den Büschen, und das kleine Boot ruderte eine halbe Stunde später mit denselben beiden Männern nach der Stadt zurück.

*

Am Montag Morgens wehte vom großen Mast des Boreas die Signalflagge für die Wasserpolizei. Alles Andere war zur Abfahrt fertig, der Lootse an Bord, vom Anker schon alles Unnöthige an Kette eingeholt, und die Segel hingen gelöst von den Raaen nieder. Der Wind wehte stark von Westen und die Brise konnte zum in See Gehen nicht günstiger sein.

Eine Viertelstunde später schossen um das Castell zwei schmale lange Boote. Es war die Wasserpolizei mit den Gefangenen, die sie an Bord brachte, denn der Boreas hatte indessen, um die notwendigsten Arbeiten zu verrichten, andere Arbeiter an Bord gehalten.

Die Gefangenen trugen sämmtlich Handschellen. Da es zu viele waren und die Polizei vielleicht einen letzten Fluchtversuch fürchten mochte, ließ sie den Einzelnen, wenn sie die Fallreepsleiter hinaufsteigen sollten, auch die Eisen nicht abnehmen, sondern es wurde eine Leine heruntergelassen, diese um das Eisen geschlagen, und der Gefangene mußte dann nach oben steigen. An Bord nahm man ihnen die Schellen ab, die Boote ließen sich aber an langer Leine bis hinter das Schiff treiben.

Die im goldenen Kreuz versetzten Kleider der Entflohenen waren auch schon wieder an Bord; der Capitain hatte sie bei Mr. Mac Carther durch Charles' Vermittelung einlösen lassen, denn er konnte die Leute natürlich nicht ohne Kleider mit in See nehmen. Es war das seinerseits übrigens nicht etwa aus Menschlichkeit geschehen; er wußte recht gut, aus wessen Tasche das Geld bezahlt werden mußte. Die Matrosen schienen jedoch bis zu diesem Augenblick noch immer nicht recht geglaubt zu haben, daß es wirklich schon so bald in See gehen sollte. Wahrscheinlich hatten sie noch auf Rettung gehofft, und jetzt erst, da sie die Segel gelöst und den Lootsen an Bord sahen, mochte ihnen die Gewißheit ihres Schicksals zuerst in ihrer vollen Wirklichkeit vor Augen treten.

Am meisten freute sich aber der Zimmermann über das Einfangen Derer, die ihn am Morgen ihrer Flucht in einem so schmählichen Zustand zurückgelassen, und er konnte nicht umhin, Bill sowohl als Jean ganz besonders um ihr Befinden zu befragen.

Bill antwortete ihm mit einem kernigen Fluch, Jean lachte ihm aber gerade in's Gesicht, denn er mußte trotz seiner jetzt keineswegs angenehmen Lage doch unwillkürlich an die trostlose Gestalt des Zimmermanns denken, als sie ihn vor vierzehn Tagen, mit dem Knebel im Munde, in dem Logis vorn liegen hatten. Andere Sachen nahmen aber seine Aufmerksamkeit gleich darauf mehr in Anspruch.

Die Polizei war fertig an Bord und machte sich eben bereit, wieder in ihre Boote zurückzukehren – als Jean auf Charles zutrat und ihn am Arm faßte.

»Ah, Jean!« sagte der Polizeidiener und wandte sich freundlich zu ihm – »noch etwas zu bestellen am Ufer? – werde es mit dem größten Vergnügen zur Besorgung übernehmen.«

»Weiter nichts als diesen Brief« – sagte der junge Mann, ohne seine Freundlichkeit weiter zu erwidern. »Ich glaubte nicht, daß wir so bald in See gingen und – ich weiß, Sie sind dort im Haus bekannt,« setzte er mit etwas bitterem Ausdruck hinzu – »wollen Sie vielleicht so gut sein und ihn an seine Adresse – aber heute noch – besorgen?«

Charles las statt aller Antwort die Adresse: Miss Polly Whitby – golden cross. »Soll richtig besorgt werden, und zwar noch vor Tisch,« sagte er dann und legte den Brief in seinen Strohhut – »sonst noch etwas, Jean?«

»Ich danke, weiter nichts,« erwiderte der Matrose und ging langsam nach dem Vorcastle, wo indessen die Miethleute des Boreas den Anker heraufbekommen hatten Die Mars-Raaen stiegen in die Höhe, das große Vorsegel fiel herunter und die Halsen wurden festgemacht – die Klüver und leichteren Segel folgten, und vor dem Wind schoß das flüchtige Schiff den Heads zu, zwischen denen hindurch sie schon die offene See erkennen konnten. Eine halbe Stunde später befanden sie sich zwischen den Heads – den beiden schroffen Felsbänken, die den Eingang des schönen Sidney-Hafens bilden, und auf deren südlichem Kamm der hohe treffliche Leuchtthurm steht.

Hier ging der Lootse mit den gemietheten Leuten von Bord; die Segel wurden etwas angebraßt, und mit einer herrlichen Brise hielt der Boreas mit Nordost-Cours in die offene See hinaus.

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