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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 14
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
created20121231
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6. Sidney im Dunkeln

Eine ganze Woche war verflossen, und noch immer lag der Boreas an seinem alten Platz am Werft, ohne, trotz der darauf gesetzten Belohnung, einen Einzigen von seinen Leuten wiederbekommen zu haben. Natürlich konnte er, mit einem Mann an Bord, auch nicht in See gehen, und andere Matrosen waren ebenfalls nicht zu bekommen. Der Capitain hatte schon, der schlechten Behandlung seiner Leute wegen, einen solchen Namen in Sidney bekommen, daß Niemand mit ihm segeln wollte, und der Goldschwindel machte überdies die Leute die extravagantesten Preise fordern.

Natürlich mußte er unter der Zeit Arbeiter annehmen, um die an Bord notwendigen Geschäfte zu verrichten, und an diese ebenfalls sehr theuren Lohn bezahlen; das ging aber freilich Alles aus der Tasche der weggelaufenen Leute, und zwar von dem ihnen gutstehenden Geld, was sie an Bord zurückgelassen – vorausgesetzt natürlich, daß man sie wieder bekam. Wurden sie wieder eingezogen, so hatten sie die Arbeiterkosten für fremde Hülfe, wie selbst den auf ihr Einfangen gesetzten Preis von dem ihnen noch gutstehenden Geld oder von ihrer nächsten Reise – und wenn das nicht zulangte, von der nächstfolgenden – zu bezahlen.

Die Wasserpolizei war indessen, wie sie sagte, sehr thätig gewesen, die Leute wieder einzubringen, oder wenigstens auf ihre Spur zu kommen, doch ohne Erfolg. Es war erst ein Pfund Sterling auf den Kopf gesetzt, und man konnte nicht gut erwarten, daß sie sich den Preis muthwillig verderben sollten, da er mit der Zeit von selber steigen mußte.

Der Capitain hoffte indessen das Meiste von dem Sonnabend-Abend, wo sich die Matrosen in Sidney gewöhnlich am freiesten gehen lassen und, wenn sie einmal erst in's Trinken kommen, nicht mehr die sonst kaum vergessene Vorsicht gebrauchen, die Straßen und alle verrufenen Häuser zu vermeiden. Von vielen anderen Schiffen war ebenfalls die Mannschaft fortgelaufen, und die ganze Wasserpolizei sollte an diesem Abend auf den Beinen sein. Die beiden Steuerleute des Boreas hatten sich ebenfalls erboten, mit den Steuerleuten von noch zwei anderen Schiffen, je Zwei mit einem Polizeidiener zu gehen, um, falls sie Einen der Ihrigen treffen sollten, ihn gleich zu kennen und festzuhalten.

Um sieben Uhr setzte sich der ganze Zug in Bewegung, zerstreute sich aber bald nach verschiedenen Richtungen hin, um mehrere Stadttheile auf einmal durchstreifen zu können, und man bestimmte einen Platz am entferntesten Ende der Stadt, wo man sich um zwölf Uhr Nachts treffen und die gemachten Beobachtungen mittheilen wolle. Bis ein Uhr Morgens ist es auf den Straßen stets lebendig.

Der erste Mate vom Boreas, der zweite von einer andern englischen Barke und ein Polizeidiener nahmen den obern Theil der Stadt: Georgestreet, Pittstreet und was dort in der Nähe lag, obgleich in Georgestreet, als der Hauptstraße der Stadt, wohl kaum einer der Weggelaufenen anzutreffen sein mochte. Sie wagten sich schon nicht in diesen Stadttheil, wo eine so zahlreiche Menschenmenge fortwährend hin- und wiederströmte und zwischen diesen leicht Jemand sein konnte, der sie kannte und den Händen der überall postirten Constabler übergab. Nichtsdestoweniger gingen die drei Männer Georgestreet hinauf und bogen dann oben links ab, durch Liverpoolstreet in Pittstreet hinein, um vor allen Dingen einmal das »goldene Kreuz«, das ihnen als der frühere Hauptaufenthaltsort der Leute des Boreas beschrieben war, zu revidiren.

Es war noch zu früh am Abend, um schon viel Gäste in den Wirthshäusern anzutreffen; die Meisten wanderten noch in der Nähe des Markthauses und durch den Markt auf und ab und erfreuten sich des schönen mondhellen Abends. Dennoch saßen etwa zehn oder zwölf Männer, meistens Matrosen; an den verschiedenen Tischen, und in einem der kleinen Verschläge, wo zwei Seeleute ihre beiden Mädchen mit hineingenommen hatten und ihnen dort zutranken, ging es besonders lustig und auch laut zu.

Der Mate vom Boreas warf einen schnellen, aber forschenden Blick über sämmtliche Gäste hinüber und trat auch in das kleine »Privatzimmer«, in das er indiscret genug und von einem »what do you want« der darin Sitzenden angeschnauzt, hineinschaute, konnte aber kein bekanntes Gesicht entdecken. Mrs. und Mr. Mac Carther warfen sich übrigens einen Blick zu, den sie Beide zu verstehen schienen, und die »Dame« wandte sich dann mit der größten Freundlichkeit an die Neuangekommenen und frug, was sie zu trinken wünschten. Sie ließen sich eine Flasche Porter und drei Gläser geben und setzten sich an einen der Tische.

Polly ging ab und zu und schien besonders mit dem Polizeidiener, einen jungen, hübschen und schlanken Mann, gut bekannt zu sein. Als Mr. Mac Carther die zweite Flasche auf den Tisch setzte, stand der junge Mann von der Wasserpolizei auf und ging hinaus – wenige Minuten darauf folgte ihm Polly – sie standen Beide in der offenen Hausthür.

»Polly,« sagte der Polizeidiener und hob ihr mit dem rechten Zeigefinger das Kinn empor – »wo sind die Leute vom Boreas, die Ihr versteckt habt?«

»Die Ihr versteckt habt!« sagte das Mädchen schnippisch und schnell, und schlug den Finger mit der verkehrten Hand weg – »die Ihr versteckt habt! – Was gehen mich die Leute vom Boreas oder irgend einem andern »aß« an, und was hätt' ich davon, Matrosen zu verstecken? – Wenn Ihr mir weiter nichts zu sagen habt, Mr. Naseweis, dann seid so gut und laßt mich ein andermal zufrieden.« Und damit wollte sie sich von ihm losmachen und wieder in's Schenkzimmer gehen. Charles, wie der junge Mann hieß, faßte aber ihre Hand und sagte schmeichelnd: »Sei nicht närrisch, Polly – Du verstehst, wie ich's meine, und daß ich recht gut weiß, wie Du selber nichts damit zu thun hast – obgleich mir Gerüchte zu Ohren gekommen sind von einem jungen Franzosen, der –«

»Charles,« sagte das Mädchen und schien ernstlich böse zu werden, »Du hast es heut Abend ordentlich darauf angelegt, mich zu ärgern, und ich antworte Dir keine Silbe weiter.«

»Was das betrifft, mein Schatz,« lachte der Andere, während er jedoch die Hand des Mädchens noch immer fest dabei hielt – »so hast Du mir auch noch gar keine Silbe geantwortet. – Ich weiß aber, daß Du ein vernünftiges Mädchen bist. – Du hast mir davon schon zu viele Proben gegeben, so laß uns denn auch ohne weitere Umschweife ein vernünftiges Wort mit einander reden. Auf das Einfangen der Leute vom Boreas wird in der nächsten Woche, wenn der Capitain erst einmal weg muß, ein sehr bedeutender Preis gesetzt werden – wenn Du die Hälfte davon verdienen kannst, wirst Du doch vielleicht zusehen, ob Du mir ein oder das andere von Mr. und Mrs. Mac Carther herausbekommst?«

»Du glaubst doch nicht etwa,« fiel ihm das Mädchen rasch in die Rede, »daß Mr. und Mrs. Mac Carther weggelaufene Matrosen in ihrem eigenen Hause . . .«

»Gott bewahre,« unterbrach sie Charles lachend, »da sind sie Beide viel zu vernünftig dazu, als daß sie sich einer solchen Gefahr aussetzen sollten – es stehen fünfzig Pfund Sterling Strafe darauf. – Nein, aber sie – haben doch Manches – oh hol's der Henker, Du bist klug genug, und Dir brauch' ich doch weiter keine Erklärung zu geben.«

Das Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder und sagte dann leise:

»Wie hoch wird die Belohnung etwa sein?«

»Wie hoch? Nun, unter vier Pfund Sterling per Mann auf keinen Fall, wahrscheinlich aber sechs, und wie viel sind es gleich – vier, sieben – neun, nicht wahr?«

Das Mädchen sah zu ihm auf und schüttelte verschmitzt mit dem Kopf – die Falle war ein klein wenig zu plump gewesen. Charles mochte das auch wohl fühlen, denn er wurde bis über die Ohren roth, sagte aber gleich darauf lachend: »Bitt' um Entschuldigung, ich hatte ganz vergessen, daß Du gar nichts davon weißt. Doch genug für jetzt. Mir liegt selber nichts daran, daß wir sie heut Abend erwischen sollten, und sind sie in der Nähe, so thäten sie sehr wohl, sich ein wenig von den Straßen oder aus den öffentlichen Trinkhäusern zu halten, sie könnten sich sonst leicht morgen an einem Orte befinden, auf den sie heute schwerlich gerechnet haben. Also good bye, Polly, sei ein gut Mädchen und halte die Augen offen.«

Damit trat er mit ihr in den dunkeln Gang zurück, zog sie etwas näher an sich und – doch es war zu dunkel, etwas weiter zu erkennen. Als aber gleich darauf die Thür aufging, stand Charles vorn im Haus, und Polly kam allem Anschein nach eben vom Hof und trat in die Schenkstube.

Als Charles wieder in die Stube kam, hatten die beiden Steuerleute schon die Zeche bezahlt und sich zum Fortgehen gerüstet. – Sie hielten sich erst einmal vor allen Dingen nach der Rowson- oder Rosenstraße hinüber, wo ein freier eingezäunter Platz die eine Reihe der Straße begrenzte und die Matrosen in der Nähe zahlreicher verrufener Häuser gern umherschlenderten. Obgleich sie aber manchen von diesen begegneten und alle scharf in's Auge faßten, war doch keiner der rechten darunter. Einmal freilich glitt eine dunkle Gestalt rasch und flüchtig vor ihnen hin, verschwand aber auch gleich darauf durch die dort hohe Palissadenfenz in eine kleine Thür, die sich hinter ihr schloß. Es war dies kein öffentliches oder Kosthaus, und der Polizeimann hätte erst einen »warrant« ausnehmen müssen, ehe er ein Privathaus untersuchen durfte. Oft blieb Charles aber eine kurze Strecke zurück und flüsterte hier und da mit einer im Schatten irgend eines niedern Hauses, neben einem erleuchteten Fenster stehenden weiblichen Gestalt – er schien mit allen Winkeln und Höhlen der ganzen Stadt bekannt zu sein.

Es war etwa neun Uhr, als sie nach Pittstreet zurückkamen; hier hatte sich indessen Manches verändert, und die im Anfang noch ziemlich öde Straße wimmelte jetzt, besonders in der Nähe des Theaters, von Menschen. Dem Theater gerade gegenüber war eine Anzahl kleiner Spelunken oder Trink- und Tanzhäuser, zu denen sich die Menschen förmlich drängten. Unsere drei Wanderer traten ebenfalls ein, und zwar zuerst in das bedeutendste, das sogenannte »Shakespeare-Haus«.

Unten befand sich die sogenannte Bar – ein Schenktisch mit den dazu gehörigen Vorräthen von Flaschen und Gläsern; dahinter ein kleines Zimmer für Solche, die ruhig ein Glas Bier trinken wollten. Beide Lokale waren fast leer von Gästen, und doch sollte dies Haus ungemein großen Verkehr haben. Außer diesen beiden Zimmern hatte es aber noch andere Räume. Gleich neben der Bar, von dieser nur durch eine Mauer getrennt und mit einem aparten Eingang von der Straße, ging eine schmale Treppe in die erste Etage hinauf, wo der ganze Raum in zwei große Lokale getheilt war. Das eine war ein hoher Saal, dessen äußerstes Ende ein statuenartig und lebensgroß gemaltes Bild Shakespeare's zierte.

Der große Dichter stand aufrecht da und überschaute mit einem merkwürdigen Zug unendlicher Gleichgültigkeit das ganze wilde Treiben um sich her. Der Maler hatte in diesem Bild sicher eine schwere Aufgabe gelöst und Shakespeare, wenigstens an Gestalt, Kleidung und Gesichtszügen kennbar, zugleich aber auch mit einem so nichtssagenden, faden Gesicht hingestellt, daß man dem Bild, da der Maler gerade nicht bei der Hand war, die erste beste Flasche hätte an den Kopf werfen mögen. Rings an den übrigen Wänden waren Scenen aus Shakespeare's Werken, colorirt, dargestellt, mit gerade solchen Gesichtern, als sie der Shakespeare geschaffen haben würde. – Der Sturm und Romeo und Julie, König Lear und Falstaff hatten dazu besonders herhalten müssen, und auf einem Bild stand eine lange schwarze Figur mit einem Barett auf dem Kopf und einer Kegelkugel in der Hand und sah um's Leben aus, als ob sie eben im Begriffe wäre, alle Neun zu schieben – das sollte Hamlet sein.

Es war noch ziemlich leer im Saal; in der äußersten linken Ecke stand ein altes, abgepauktes Pianino wie ein Luftspringer auf einem Dorfe, der sich auf die Hände stellt und mit den Füßen an der Wand hinaufreicht. – Vor diesem saß ein junger Mann, der Horn an den Fingern haben mußte, denn er schlug unablässig eine alte Polka von vorn bis hinten durch, und fing, wenn er hinten fertig war, vorn wieder an. Neben ihm stand ein kleiner Junge mit einer Violine, der ihn zu begleiten suchte, aber nicht mitkommen konnte. Allerdings hielt er ziemlich Takt mit ihm, aber er konnte ihn nur nicht einholen. – Der Schweiß stand ihm auf der Stirn, die Augen traten ihm aus dem Kopf, die Finger gingen in rastloser Hast auf den gequälten Saiten auf und nieder, aber vergebens – zwei Noten war er regelmäßig hinter ihm. Hätte der Clavierschläger nur eine Sekunde gewartet – nur den Gedanken einer Sekunde – aber nein – vorwärts, unaufhaltsam vorwärts ging es, wie die wilde Jagd – kein Rückblick, außer für die, denen das Gesicht auf den Nacken gedreht war – und der Violinspieler gab die Verfolgung endlich in Verzweiflung auf.

Rings an den Wänden hin standen Bänke und Sophas; unter der Shakespearestatue das beste, und auf diesem lag lang ausgestreckt ein junges, auffallend hübsches Mädchen in einem seidenen, hochanschließenden Kleid, unter dem die kleinen zierlichen Füße nur eben mit den Spitzen hervorschauten. Ihre Beschäftigung war, wie sich das unter einer Shakespearestatue auch gar nicht anders denken läßt, eine rein geistige – sie schlürfte ein Glas Brandy und Wasser, und stellte das Glas, als sie es ausgetrunken, der Bequemlichkeit wegen vor sich auf die Erde nieder.

Auf den andern Sophas und Bänken saßen viele andere Mädchen und junge Leute – von den ersteren einige sehr elegant gekleidet, mit Hüten und Schleiern und großen Shawls, andere wieder mit schlicht zurückgekämmten Haaren und kattunenen Kleidern. Eben so großer Unterschied war bei dem männlichen Geschlecht, von dem feingekleideten Stutzer bis zum einfachsten Matrosen herunter, so standen, saßen und lehnten sie in den buntesten und verschiedenartigsten Gruppen umher. Nur der eine Unterschied war doch wohl, daß die Mädchen alle einem bestimmten jugendlichen Alter angehörten, während sich unter den Männern auch sogar einige aus dem »besten« befanden, die mit noch recht jugendlichem Anstand scheinbar theilnahmlos hin- und herwanderten, oder an einem der Tische eben »Portwein St. Gris« tranken.

Der Tanz hatte aber noch nicht begonnen – der verzweifelte Wettlauf der beiden Musici schien nur erst eine Vorübung gewesen zu sein.

Unsere drei Freunde fanden hier übrigens nicht, was sie suchten, und Charles meinte, sie wollten lieber später noch einmal hierher zurückkehren und erst nebenan in die anderen Lokale hineinsehen. Es sei wahrscheinlicher, daß sich Einzelne der Leute, wenn sie sich überhaupt in ein öffentliches Lokal getraut, eher dort als hier aufhalten würden.

Hier war weiter nichts für sie zu thun – sie stiegen die Treppe hinunter, bogen rechts ab und traten in das erste Lokal hinein, das sie drei oder vier Thüren weiter hin fanden. Wilder Lärm tönte ihnen schon bei ihrem Eintritt entgegen, aus dem Saal hinter der Bar kreischten die schrillen Töne einer Violine hervor, und kaum hatten sie diesen Platz betreten, als sie auch in eine wahre Wolke von Tabaksqualm und Brandygeruch eingehüllt waren.

Alle Drei hatten aber schon in ihrem Leben weit schlimmere Dinge mitgemacht und bewegten sich in diesem Chaos wie in ihrem Element. In der That gingen auch all' diese äußeren Eindrücke spurlos an ihnen vorüber, denn die männlichen Gäste bestanden fast einzig und allein aus Matrosen von all' den verschiedenen Schiffen in der Bai, und die Mädchen, die sich zwischen ihnen herumtrieben, gehörten der niedersten Klasse an. – Auch lag der Platz weiter zurück und mehr getrennt von der Hauptstraße, und Mehrere der Leute vom Boreas sollten in dieser Woche und seit sie das Schiff verlassen hatten, hier gesehen worden sein.

Charles rief den Barkeeper bei Seite und sprach eine kurze Zeit lang heimlich mit ihm. – Es war sehr wahrscheinlich, daß sich die Leute des Boreas nicht alle an Einem Ort aufhielten, besonders da sie verschiedenen Nationen angehörten, und leicht möglich wäre es gewesen, Einen oder den Andern hier aufzutreiben. Der Barkeeper wußte aber von nichts; er schüttelte wenigstens höchst entschieden mit dem Kopf, und machte dabei fortwährend eine Bewegung mit seinem Körper, als ob ihn Jemand hinten am Hosengurt gefaßt habe, denn eine Jacke trug er nicht, und aus Leibeskräften daran zöge. Nur der Respekt vor dem Polizeidiener, den er, wenn auch in Civil, doch jedenfalls kannte, hielt ihn noch zurück.

»Ich bin sicher, daß hier einer oder ein paar von den Burschen gewesen sind,« sagte Charles, als er zu den Steuerleuten zurückkam. »Der Schuft erschrak, als ich es ihm auf den Kopf zusagte, und war gar so ängstlich bemüht, wieder von mir abzukommen. Wir wollen fortgehen und nachher noch einsprechen, dann aber gleich hinten in die kleine Kammer gehen, ehe sie uns vermuthen können.«

Zwei Häuser weiter war eine andere solche Kneipe – dort standen einige zehn oder zwölf Mädchen vor der Thür und zankten sich und schimpften einander. Von der andern Seite der Straße kamen mehrere Constabler herüber, und die Dirnen, die nicht arretirt sein wollten, traten rasch in's Haus, setzten aber hier den Streit in einer der Nebenstuben unerbittlich fort. Es waren meist noch junge Dinger von sechzehn bis achtzehn Jahren. Mehrere hatten aber schon blaugeschlagene Augen – die Folgen eines früheren Gefechts, vielleicht vom letzten Sonnabend-Abend, viele trugen brennende Cigarren im Munde. Natürlich drängte sich dabei Alles um sie her, den fast stets in Tätlichkeiten ausartenden Skandal bis zu Ende zu sehen, und was nur von Matrosen in der ganzen Straße war, schien sich hier auf einmal concentrirt zu haben.

»Jetzt ist unsere Zeit,« flüsterte Charles den beiden Steuerleuten zu. »Stellen Sie sich Beide an verschiedenen Seiten der Stube auf und betrachten Sie sich vor allen Dingen die Gesichter der Hereinkommenden. Die wieder hinaus wollen, müssen nachher immer bei mir vorbeidefiliren. Sehen Sie einen der Burschen, dann geben Sie mir nur ein Zeichen, und für das Andere werde ich sorgen.« Er schlug dabei bedeutungsvoll auf seine Tasche, in welcher er ein paar von der Regierung bezeichnete Handschellen, für ihn zugleich der eiserne Ausweis seiner Function, trug.

Der Streit im Innern nahm indessen einen immer bedenklicheren Charakter an. Die beiden Feindinnen hatten die Arme in die Seite gestemmt und bliesen den Rauch ihrer Manilas in dicken Wolken von sich. Es war das ein Zeichen sehr heftiger Gemüthsstimmung, und Beide gehörten jedenfalls dem verworfensten Theil der menschlichen Gesellschaft an.

»Go it Nelly – go it ye cripples – Hurrah für Sally – fünf Schilling auf Nelly« – schrieen mit einem wilden Gejauchze die umstehenden Matrosen, die einen festen Kreis um die Beiden gebildet hatten.

Sally war übrigens zu viel »game« auf solche Herausforderung auch nur noch weiter ein anderes Wort, als höchstens einen Fluch zu erwidern. In demselben Moment schleuderte sie ebenfalls ihre Cigarre mitten zwischen die sie umdrängende Schaar, die lachend das Feuer von sich abschlug, und fiel in richtiger Boxerstellung auf ihre Gegnerin aus.

Das Schreien und Hurrahen hatte in diesem Augenblick seinen höchsten Grad erreicht, und die Stube drängte so voll von Menschen, wie sie nur Kopf an Kopf neben einander stehen konnten. Alles, was in der Nachbarschaft gewesen war, preßte herzu.

Der Mate vom Boreas, der sich im Anfang ziemlich nahe der Thür postirt hatte, um im Falle der Noth gleich bei der Hand zu sein, war durch das Zuströmen immer neu Hinzukommender viel weiter zurückgeschoben worden, als ihm selber lieb sein mochte. Hinaus konnte er aber nicht wieder, bis sich wenigstens ein Theil der Menge verlaufen hatte, und er that deshalb nur sein Möglichstes, einen Platz auf dem Fensterbrett zu gewinnen. Nicht aber, um dem Kampfe zuzusehen, denn der interessirte ihn sehr wenig, sondern die stets wechselnde Menge zu beobachten, die sich theils immer noch in das Zimmer drängte, theils die Thür in einem dichtgeschlossenen Ring von Köpfen umstand.

An der Thür hatte Charles noch immer, trotz jedem Andrang von außen, seinen Posten behauptet, nur war er ein klein wenig nach innen geschoben worden und blickte abwechselnd nach den beiden Mates hinüber, ob nicht einer von ihnen seine Thätigkeit für irgend ein noch näher zu bezeichnendes Individuum in Anspruch nehmen wollte. Da sah er, wie sich plötzlich der Steuermann vom Boreas so hoch aufrichtete, wie er sich nur immer auf seinen Zehen heben konnte und, ein Bild der gespanntesten Aufmerksamkeit, in die Masse von Menschen starrte. Ein Gesicht war vor ihm aufgetaucht, das er nur noch nicht recht erkennen konnte, weil die Lampe darüberhing, die ihren Schatten hinunterwarf.

Dies Gesicht gehörte aber niemand Anderem als unserem alten Bekannten Bill, der, die Hände in den Taschen und eine Cigarre im Munde, eben am Haus vorbeigeschlendert war, als der Lärm innen sich erhob, und nun blos einmal sehen wollte, was hier vorging. Fast ohne daß er es merkte, war er aber weiter und weiter in das Zimmer hineingeschoben, und der Kampf selber hatte im ersten Augenblick seine Neugierde so erregt, daß er wirklich an gar keine weitere Gefahr für seine eigene Person dachte. Endlich, aber nur zufällig und nicht etwa aus irgend einer Ahnung ihm drohenden Unheils, warf er den Blick einmal höher, senkte ihn aber nicht wieder, denn er begegnete gerade in diesem Moment dem seines eigenen Steuermanns, von dem er, sobald er nur einmal sein Auge sehen konnte, ebenfalls erkannt wurde. Der Steuermann stieß halb in Ueberraschung, halb in Freude einen lauten Schrei aus.

Den Schrei würde nun freilich der an der Thür postirte Charles in all' dem wilden Lärmen nicht gehört haben, aber die damit begleitete Bewegung entging ihm nicht, und fast unwillkürlich griff er schon in die Tasche, um die eisernen »darbies« herauszuholen.

Bill war übrigens viel zu klug, nicht mit einem einzigen Blicke die ganze Gefahr zu übersehen, denn er wußte recht gut, daß der Steuermann hier in dies Local nicht allein hereinkommen würde, ohne jedenfalls noch Hülfe, am Ende gar Polizei bei sich zu haben. Dabei hatte das Zimmer nur eine Thür, und war die – und wie konnte es anders sein – besetzt, so befand er sich allerdings in einer Falle, die ihn um so mehr ärgerte, da ihn sein eigener fabelhafter Leichtsinn hineingeführt. Für den Augenblick ließ sich noch dazu gar nichts thun, seine Lage auch nur im Geringsten zu verbessern. Er konnte seine Hände nicht einmal aus der Tasche bekommen, so drängte das Volk um ihn her, denn der Kampf nahte sich seinem Ende: Nelly hatte schon ein, Sally zwei blaue Augen, und die Letztere empfing gerade unter dem beifälligen Hurrahschrei der Masse einen letzten entscheidenden Schlag, der sie wie todt zu Boden warf.

Bill interessirte sich aber nicht im Mindesten mehr für den Kampf; seine eigene Lage nahm seine Aufmerksamkeit viel zu sehr in Anspruch, und rasch warf er den Blick umher, jede nur irgend günstige Gelegenheit zu seinem Vortheil zu benutzen.

Der Mate hatte indessen mit Charles eine Art telegraphischer Depesche unterhalten, worin er ihm bemerkbar machte, daß einer der gesuchten Leute hier in der Mitte des Zimmers sei. Zugleich gab er ihm dabei zu verstehen, daß er einen großen Bart habe. Bill sah das Alles selbst mit an. So gern er aber auch seinen Feind mit eigenen Augen kennen gelernt hätte, wagte er doch nicht den Blick dorthin zu wenden, und wäre am liebsten in dem Meer von Köpfen, das ihn umgab, untergetaucht, wenn er sich auch nur einen Zoll hätte bewegen können. Aber fest eingekeilt stand er da, und der Mate warf dem Polizeidiener einen triumphirenden Blick zu. Bill war ihm sicher.

Gerade in diesem Augenblick machte Nelly noch einen Ausfall auf die schon gefällte Feindin. Das aber war zu unritterlich, als daß es die Umstehenden hätten zugeben sollen, und sie warfen sich zwischen sie. Dadurch bekam Bill wenigstens so viel Luft, die Hände aus den Taschen zu ziehen und sich selber niederzuducken. Zu gleicher Zeit nahm er einen verzweifelten Anlauf gegen die Beine der ihn Umdrängenden – es blieb ihm kein anderer Ausweg mehr, als mit Gewalt durchzukommen, wußte er doch recht gut, daß jeder versäumte Augenblick seine Gefahr nur immer noch vergrößern mußte. Wie ein unter Wasser Fortschwimmender hielt er dabei geraden Cours auf die Thür zu, obgleich er das Schlimmste von den draußen stationirten Constablern fürchtete. Er konnte aber nicht anders und vertraute jetzt nur seinem guten Glück.

So wie aber der Mate diese Bewegung des Flüchtlings bemerkte, von der er augenblicklich den richtigen Grund errieth, schrie er dieses dem Polizeidiener zu, und da er wohl merkte, daß der in dem Heidenlärm kein Wort verstehen konnte, suchte er ihm die Absicht ihres Opfers pantomimisch begreiflich zu machen. Aber auch dies hatte seine Schwierigkeiten, denn er mußte sich mit der Hand am Fenster festhalten, und durfte sich auch nicht tief bücken, sonst konnte ihn Charles nicht sehen. Durch diese unbequeme Stellung wurde er gezwungen, die wunderlichsten und entsetzlichsten Bewegungen zu machen, so daß Charles ganz erstaunt zu ihm hinübersah und gar nicht begreifen konnte – oder wollte, was das Alles eigentlich zu bedeuten habe.

Das rettete Bill – gerade in diesem Augenblick glitt er wie eine Schlange, obgleich unbewußt, an den Beinen seines gefährlichsten Gegners vorbei, der schon die Handschellen für ihn gefaßt hielt, und war im nächsten Moment auf der Straße – in Kingstreet, Kingstreet hinauf in alle kleinen Quergassen, die er auftreiben konnte, und spornstreichs nach seinem Versteck zurück, fest entschlossen, dieses von jetzt an mit keinem Schritt wieder zu verlassen.

Der Steuermann vom Boreas wollte erst gar nicht glauben, daß ihnen der Matrose entgangen sein konnte; es war aber doch so, und er tröstete sich zuletzt damit, er habe sich am Ende gar getäuscht, und Bill sei das gar nicht gewesen. Es war auch nicht wahrscheinlich, daß sich dieser öffentlich und allein herauswagen sollte – und doch hatte er ihm erstaunlich ähnlich gesehen.

Von hier aus gingen sie noch einmal in das Shakespeare-Haus zurück. Hier schien indessen Alles in vollem Gang; das Theater war gerade aus, und zu den jetzt vereinigten Tönen des Claviers und der Violine – die wunderbarer Weise zusammen stimmten – drehten sich die flüchtigen und mitunter auch sehr graziösen Paare in Quadrillen und Contretänzen. Alle Sophas waren besetzt, alle Stühle und Tische von Menschen beiderlei Geschlechts in Beschlag genommen, und eine ungeheure Quantität von Brandy und Portwein wurde vertilgt.

Für ihren Zweck fanden sie aber nichts, weder hier noch nebenan, und verließen bald darauf Pittstreet, um zuerst einmal ein Stück in Georgestreet hinaufzugehen, wo sie ein besonderes Haus an der Ecke von George- und Kingstreet im Auge hatten.

Es war dies ebenfalls ein Schenkhaus, aber zugleich mit einer Art Abendunterhaltung. Sie gingen durch die Schenkstube und ein paar Stufen hinauf in ein anderes saalartiges Zimmer, sehr einfach mit hölzernen Bänken und Tischen möblirt und im Hintergrund mit einer Art schmaler Bühne, in dessen einer Ecke ein Clavier traurig auf drei Beinen stand und von einem jungen Virtuosen in einem abgetragenen blauen Frack »beschlagen« wurde. Diese musikalische Abendunterhaltung war aber nicht zum Tanz eingerichtet, sondern hatte einen höheren, geistigen Zweck, der sich ihnen bald offenbaren sollte.

Auf die Bühne trat eine Gestalt in einem Charakteranzug, für die Person aber jedenfalls höchst passend gewählt. Sie war in einen zerrissenen Frack, an dem bedenklichsten Theil stark beschädigte Beinkleider und einen eingedrückten Hut nebst schiefgetretenen Schuhen gekleidet, und sang ein komisches, sehr langes und unanständiges Lied, das bei dem Publikum den unbegrenztesten Beifall fand. Das letztere bestand zur einen Hälfte aus Matrosen und Handarbeitern aus der Stadt, und zur andern aus Dirnen, die wie in all' den anderen derartigen Häusern hierherkamen, um ihre Cigarre zu rauchen, ihren Brandy zu trinken und Bekanntschaften anzuknüpfen. Es waren widerliche, freche, ekelerregende Geschöpfe.

Auch hier fanden sie Keinen ihrer Leute. Gerade aber als sie wieder aus der Thür auf die Straße traten, rannte in ziemlicher Eile ein junger Bursch gegen den Mate des Phönix an und wollte eben mit einer Entschuldigung ausweichen, als dieser sein Gesicht zu sehen bekam und rasch zugriff.

»Hallo Smith,« rief er dabei aus, »ich bin höllisch froh, Dich hier so zufällig zu finden; habe schon einen langen Spaziergang Dir zu Liebe gemacht. Mr. Charles, ich möchte Sie einmal um Ihre Handschellen bemühen.« Charles war rasch damit bei der Hand, der arme Teufel von Matrose aber, der hier so plötzlich dem Feind gerade in den Rachen gerannt war, wollte wenigstens noch einen letzten Versuch machen, zu entwischen. Sich deshalb auf seine schnellen Beine verlassend, riß er sich rasch von dem Mate, der daran gar nicht mehr dachte, los und sprang Kingstreet hinauf. Die Straße war aber hier hell erleuchtet, und an den Ecken von King- und Kentstreet stand ein wahres Nest von Constablern. Der Alarmschrei wurde gegeben, die Straße war augenblicklich besetzt, und fünf Minuten später befand sich Smith in den Händen und Handschellen des Polizeidieners Charles von der Sidney-Wasserpolizei.

Es war indessen schon ziemlich spät geworden, und Charles ging mit seinem Gefangenen zu seiner Station hinunter. Die beiden Steuerleute wollten aber erst noch einmal zu dem besprochenen Sammelplatz hinauf, wo sie Weiteres von den übrigen Dienern der Gerechtigkeit und ihren eigenen Kameraden über den Verlauf und das »Glück« des Abends hören sollten.

Sie erreichten bald den bestimmten Versammlungsort, wo sie die Uebrigen schon ihrer harrend fanden.

Vom Boreas war ein Franzose unten am Wasser eingefangen, von dem Phönix noch ein anderer, und drei Matrosen von einem schon länger eingelaufenen Walfischfänger. Man hatte aber sonst nutzlos all' die Plätze durchstöbert, wo den Polizeileuten, wie sie sagten, gewisse Kunde zugegangen, daß sie heimlich versteckte Matrosen finden sollten. Wie sie meinten, war ihnen der auf den Fang gesetzte Preis noch nicht hoch genug, denn sie könnten nicht anders hinter ihre Schlupfwinkel kommen, als wenn sie die Leute, die sie versteckt hielten, bestachen, ihnen selbst den Zufluchtsort anzuzeigen. Das kostete natürlich viel Geld, und wollten die Capitains nicht so viel anwenden, so sollten sie nur noch »ein bischen Geduld« haben. Mit der Zeit hofften sie schon alle wieder zu bekommen.

Mit der Zeit! – das konnte aber noch vier bis sechs Wochen dauern, und sie wußten recht gut, daß die Schiffe dann das Zehnfache an Unkosten haben würden. Sie bezweckten aber auch damit, was sie wollten. Die Capitaine waren gezwungen, höhere Belohnungen auf den Einfang der weggelaufenen Leute zu setzen.

Als sie auf ihre Schiffe zurückkehrten, mochte es schon ein Uhr Morgens sein, und die Straßen waren still und öde. Einzelne Constabler gingen langsam auf und ab, und ihre Schritte hallten von den hohen Gebäuden wieder. Nur nach unten, nach dem Wasser zu zeigte sich der helle Schimmer weiblicher Kleidungsstücke. Es waren zwei Frauen, die betrunken auf einem Haufen dort gebrochener Steine lagen und ihren Rausch ausschliefen. Da sie keinen Lärm mehr machten, ließen die Constabler sie ruhig liegen.

 

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