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Friedrich Gerstäcker: Blau Wasser - Kapitel 13
Quellenangabe
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typenovelette
authorFriedrich Gerstäcker
titleBlau Wasser
publisherVerlag von Neufeld u. Henius
printrunSiebente Auflage
editorDietrich Theden
correctorJosef Muehlgassner
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
modified20190801
created20121231
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5. Die Entdeckung

Der Capitain vom Boreas lag in seiner Koje – er hatte den vorigen Abend bös geschwärmt, und der Kopf glühte ihm noch von all' den ›Brandys hot‹ und ›Brandys cold‹, die er in sich hineingegossen. Er träumte – aber was kümmern uns seine Träume, wir können ihn doch nicht länger schlafen lassen.

Der Tag brach eben im Osten an, ja der hellere Schein drängte sich schon durch das obere Kajütenfenster, das sogenannte SkylightAuf deutschen Schiffen heißt dasselbe in verdorbenem Englisch ›Scheilicht‹., in die Kajüte. Der Capitain murmelte etwas von ›half and half‹ – er trank gern Porter und Ale zusammen und mochte wahrscheinlich Durst haben – stöhnte noch ein paar Mal und warf sich dann auf die andere Seite.

Der Steward war indessen ebenfalls munter geworden, – nicht daß ihn Jemand geweckt hätte, sondern mehr von einem halb unbewußten Gefühl aufgetrieben, das uns manchmal, ohne die geringste äußere Einwirkung, aus dem tiefsten Schlafe aufrüttelt, wenn wir uns nur Abends vorher fest vorgenommen haben, zu einer gewissen Stunde aufzuwachen.

War er aber noch im halben Schlaf, so brachte ihn der Stoß, mit dem er seine eigene Stirn beim in die Höhe Fahren gegen den quer durch seine Koje laufenden ›Beam‹ stieß, augenblicklich zur Besinnung, und er sprang jetzt erschrocken aus der Koje, denn zu ihm herein drang das Tageslicht, und um vier Uhr hatte er ja schon wieder auf Deck sein sollen.

Warum mochte ihn denn der Zimmermann nicht geweckt haben? Er lief, ohne sich erst weder die Jacke anzuziehen, noch nach der neben ihm liegenden Mütze zu greifen, an Deck. Alles war hier stumm und still – dem Steward klopfte das Herz wie ein Schmiedehammer, denn er dachte an das, was ihm, im Fall wirklich etwas passirt sei, selber bevorstand.

Im »Logis« fand er denn auch nur zu bald seinen schlimmsten Argwohn bestätigt, und den armen Teufel von Zimmermann in der wirklich traurigsten Lage von der Welt. Als er ihm aber das Tuch vom Gesicht band und den Knebel aus dem Mund zog, war es gerade, als ob er den Stöpsel aus einer Flasche Weißbier gezogen hätte, denn wie aus dieser der Schaum, so sprudelten aus dem endlich befreiten Munde des Gebundenen jetzt eine Unzahl von Flüchen und Verwünschungen – die alle hier so lange festgestopft gesessen hatten – in solcher Schnelle und Kraft heraus, daß der Steward im ersten Moment wirklich vergaß, seine Hände zu lösen, und nur ganz erstaunt und verdutzt neben ihm stand und ihn ansah.

Durch den Lärm munter gemacht, wachte auch der Deutsche auf und sah aus seiner Koje. Ueber diesen fielen sie nun Beide her und wollten von ihm erfahren, was aus den Anderen geworden und wo sie sich aufhielten. Er wußte von gar nichts – hatte keinen Menschen weggehen hören oder irgend etwas mitgetheilt bekommen, was die Absicht der Entlaufenen betreffen konnte. Er war spät an Bord gekommen, sehr müde gewesen, gleich eingeschlafen und in diesem Augenblick durch das gotteslästerliche Fluchen des Zimmermanns zum ersten Mal aufgewacht.

Aus ihm war auch nicht das Mindeste herauszubekommen, und dem Steward lag jetzt die höchst unangenehme Pflicht ob, den Capitain von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen, damit dieser augenblicklich seine Maßregeln danach nehmen könnte. Er ging in die Kajüte hinunter, zog seine Jacke an, strich sich die Haare aus dem Gesicht und trat zu des Capitains Koje.

»Capitain Oilytt,« sagte er, als er ihn am Arm faßte und leise schüttelte.

»Brandy hot,« antwortete der Capitain – »der Teufel soll das Ale holen, das brennt wie Feuer.«

»Capitain Oilytt,« wiederholte der Steward. – Wär' er ein Zauberer gewesen, er hätte den Capitain einmal vor allen Dingen einige tausend Jahre so fortschlafen und nachher in einer kühlen Grotte mit einer wunderschönen verwunschenen Prinzessin wieder aufwachen lassen. So aber konnte er das nicht und schüttelte ihn noch einmal etwas stärker als das erste Mal.

»Sieben Schilling Sixpence,« lautete diesmal die hartnäckige Antwort, die sich wahrscheinlich auf irgend eine gestern bezahlte Zeche bezog – »lieber Gott!« und ein tiefer Seufzer folgte.

»Ja, jetzt ruft er den lieben Herrgott an, wenn er nicht weiß, was er spricht« – brummte der Steward leise vor sich hin, »und wenn er nachher aufwacht und zur Besinnung kommt, flucht er wie ein Heide. – Und wenn er nur blos noch fluchte! – Ich muß ihn aber wahrhaftig wecken.«

Diesmal wich der tiefe Schlaf dem stärkeren und entschlossenen Schütteln des Stewards, und der Capitain fuhr, die Augen weit aufgerissen, in seinem Bett in die Höhe.

»Was zum Donnerwetter giebt's nun?« rief er ärgerlich aus – »kann man in drei Teufels Namen nicht einmal ruhig schlafen, bis es Tag ist, daß Du Einen mitten in der Nacht herausrütteln mußt? – Was ist los? – na? – wird's bald?«

Der Steward, der bis dahin gar nicht hatte zu Worte kommen können, sagte jetzt schnell:

»Capitain Oilytt, die ganze Mannschaft ist fortgelaufen – der Koch und der ganze andere Schwarm. – Nur der Zimmermann und Hans – der eine Deutsche – sind noch an Bord.«

Der Capitain war mit einem Satz aus seinem Bett und mit einem zweiten in seinen Hosen, während er eine wahre Sündfluth von Flüchen ausströmte. Damit wurde die Sache aber um kein Haarbreit geändert. Natürlich hatten der Zimmermann und der Steward die alleinige Schuld, und der zurückgebliebene Deutsche, als der Capitain wie ein wüthender nach vorn gefahren war, sollte nun gezwungen werden, zu beichten. Er wußte aber – dabei blieb er trotz allen Drohungen und Versprechungen – von gar nichts. Er hatte die ganze Nacht, wenigstens von der Zeit an, wo er an Bord gekommen, bis dahin, wo der Steward den Zimmermann losband, geschlafen. Früher sei, wie er weiter erzählte, allerdings vom Fortlaufen die Rede gewesen, da er aber stets fest erklärt habe, daß er nicht mitginge, hätte man ihm diesmal, wie es schiene, gar nichts davon gesagt.

Der Capitain schäumte vor Wuth. – »Das kommt davon,« rief er, »daß ich mich mit dem verdammten fremden Gesindel eingelassen habe. – Hätte ich lauter Engländer gehabt, wäre das nicht geschehen. – Aber wartet, wartet, Canaillen, Euch will ich ein Gericht einbrocken, auf das Ihr nicht gerechnet haben sollt, und hab' ich Euch erst wieder, dann Gnade Euch Gott. Dann geb' ich Euch mein Wort darauf, Ihr sollt Euch lieber in die Hölle als bei mir an Bord wünschen. – Und Du, Steward, vor allen Anderen, Du verdientest überhaupt, daß ich Dich an die Railing binden und Dir fünfundzwanzig aufzählen ließ – Du – Holzkopf Du.«

Und damit schoß er wie ein Pfeil in seine Kajüte hinunter, in seine Kleider hinein und dann an Land, um die Anzeige bei der Wasserpolizei von den Entflohenen zu machen und eine Belohnung auf ihren Fang zu setzen.

Kaum war er aber fort, und ehe sich der Steward noch von dem ersten Erstaunen über die entsetzliche Drohung erholen konnte, so kam der erste Mate schon auf ihn zu, faßte ihn am Kragen und überschwemmte ihn mit einer wahren Fluth von Schimpfreden.

»Du Lump!« – rief er, »bist der Einzige, der die ganze Geschichte zu verantworten hat. – Warum hast Du nicht aufgepaßt – he? – Was zum Donnerwetter hast Du denn sonst auf der Welt zu thun? – wozu bist Du nütz?«

Nach diesem Ausbruch innerer Gefühle stieg er an Deck und lief eine gute Stunde das Quarterdeck auf und ab. Der Steward fing indessen an, die Tische unten abzuwischen. Er hatte aber noch nicht einen fertig, als der zweite Mate ebenfalls den Kopf hereinsteckte.

»Du bist doch das nichtsnutzigste, miserabelste Stück Takelwerk am ganzen Bord,« sagte er und sah den Steward an, als ob er ihn mit Haut und Haaren und ohne Pfeffer und Salz verschlingen wolle. – Damit schlug er die Thür wieder zu und ging ebenfalls an Deck. Er war die halbe Nacht an Land gewesen und erst um Mitternacht an Bord gekommen.

Der Steward aber setzte sich mit dem Abwischtuch in der Hand am Tische nieder, schüttelte in einem fort mit dem Kopf und murmelte leise vor sich hin:

»Na, nu wird's Tag – ich habe die Schuld – ich bin die alleinige Ursache, daß die Anderen fortgelaufen sind. – Natürlich – wenn ich nicht meine zwei Stunden geschlafen hätte, wo die Anderen auf Wache waren, hätte das Alles nicht geschehen können. Na, das wird eine schöne Reise werden – ich glaube wahrhaftig, es wäre das Beste, ich liefe auch fort – nachher wär' ich denn doch neugierig, wer die Schuld davon hat – ich wieder; natürlich. Und wieder kriegen? – Wenn sie die wiederkriegen, fress' ich sie – Alle zusammen.« Und mit diesem kannibalischen Entschluß stand er auf und begann seine Arbeit auf's Neue.

 

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