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Blätter im Winde

Johannes Scherr: Blätter im Winde - Kapitel 6
Quellenangabe
authorJohannes Scherr
titleBlätter im Winde
publisherErnst Julius Günther
year1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Monsieur Thiers.

 

C'était un Sacrebleu de Français
comme il faut.

Brantôme.

 

1.

Die Chinesen haben uns Deutschen die Ehre der Erfindung des Schießpulvers bekanntlich mit gutem Grunde streitig gemacht. Dagegen hat, soviel ich weiß, uns noch niemand die Erfindung jenes urdeutschen Räucherungspulvers abgestritten, welches die zweiseitige Eigenschaft besitzt, nach der Fremde hinaus wie Weihrauch zu duften, alles heimische dagegen mit dem Stinkdampf der Nörgelei zu umgeben. Zur Zeit, als die deutschen Hofräthe noch wie Klassiker schrieben – unsere Klassiker von heute schreiben nur noch wie Hofräthe – hat Humanus Herder, welchem doch wohl weltbürgerlicher Sinn nicht abzusprechen sein dürfte, im zornigen Hinblick aus den deutschen Affenrespekt vor allem fremden von unserer »duldsam trägen Eselei« geredet und hat Justus Möser, der »advocatus patriae«, sogar das grobe Scheltwort von der »deutschen Hundedemuth« frischweg ausgehen lassen. Ich meinestheils, der ich Ursache zu haben glaube, mich für einen der höflichsten – wenn auch nicht gerade höfischsten – Menschen des Jahrhunderts zu halten, will nicht so grob sein, sondern nur bemerken, daß ich neuerdings zu dem unfehlbaren Dogma der Herausbälgung der Menschheit aus der Affenheit feierlich mich bekehrt habe. Meine mehr oder weniger lieben Landsleute haben mir den Staar gestochen, und wenn ich sie, Männlein und Weiblein, in ihren neuesten pariser Moden herumstolziren sehe, muß ich sogar vermuthen, daß die besagte Herausbälgung noch nicht ganz zuwegegekommen sei, maßen nicht allzu selten hinter dem französischen Firniß Züge bemerkbar werden, welche noch ungeheuer weit hinter die Pfahlbauerzeit zurückweisen. Es ist, nebenbei bemerkt, ein bedenkliches Zeichen vom Verfall der deutschen Urgründlichkeit, daß Herr Freytag sein doch immerhin gründliches Ahnen-Epos nicht damit anhub, zu singen und zu sagen, wie Jüngling Paviango und Jungfrau Schimpanserun einander kriegten.

Die Jahre 1870-71 sind gewesen, der deutsche Affenrespekt vor allem französischen ist geblieben. Wie könnte es geschehen, daß die Franzosen das nicht merkten, und warum sollten sie demzufolge nicht berechtigt sein, mit der altgewohnten Selbstgefälligkeit und Anmaßung auf ihre Besieger herabzublicken? Haben es doch diese Sieger im Nationalgefühl und im guten Geschmacke nicht einmal soweit gebracht, in ihren Siegesberichten – selbst den amtlichen, das Generalstabswerk nicht ausgenommen – die in Fülle vorhandenen deutschen Worte und Wendungen zu gebrauchen, nur um ja recht viele französische Wortlappen in ihren Text hineinplätzen zu können.

Wäre es wohl zu gewagt, der unmaßgeblichen Meinung zu sein, wir Deutsche hätten nachgerade lange genug die kosmopolitischen Narren gemacht? Was für Dank wir uns damit verdienten, ist ja nach dem 2. September von 1870 ringsher in Europa schreiend offenbar worden. Hat damals und seither wiederholt nicht insbesondere die gute Mistreß Britannia, welche bekanntlich zur einen Hälfte aus lauter Weltbürgerei, zur andern aus lauter sonstiger Uneigennützigkeit zusammengesetzt ist, hat sie nicht gar beweglich gewinselt, wir würden unserer eigentlichen Bestimmung abtrünnig und untreu, falls wir aus einem kosmopolitisch nebelnden und schwebelnden Volke, aus einem – wie uns Bulwer genannt – »Volke von Dichtern, Denkern und Kritikern« zu einer »egoistischen« Nation, zu einem politischen, recht und schlecht politischen Volke werden wollten? Wohl, so that sie und das »englische Gelispel« wurde in vielen europäischen Sprachen feiner oder gröber variirt. Aber lasst sie winseln oder auch wüthen links und rechts und schafft euch, mehr oder weniger liebe Landsleute, einen tüchtigen Vorrath von Nationalegoismus an. Einen recht tüchtigen Vorrath, hört ihr? Werdet ihn brauchen können! Lasst euch nicht irremachen, wenn dann und wann ein grüner oder ein dürrer Lyriker sich in Patriotismus übernimmt und euch demzufolge mit mehr als billig wässerigem Lirumlarum behelligt. Wozu wären die schlechten Verse, wenn man sie nicht machte? Lasst euch auch nicht irremachen in der Beschaffung eines gesunden Nationalegoisums, wenn da und dort ein mehr oder weniger dummer Junge über »Chauvinismus«, über deutschen Chauvinismus schreit.

Chauvinismus? In einem Lande, welches seit den Tagen Armins des Cheruskers bis heute förmlich darauf versessen war, einheimische Größen durch das Verkleinerungsglas, fremde dagegen durch das Vergrößerungsglas anzusehen? Chauvinismus unter einem Volke, das von jeher und bis zur Stunde sich gedrungen fühlte und fühlt, sogar seinen Todfeinden – vorausgesetzt, daß es fremde – nicht etwa nur Gerechtigkeit, sondern auch Verehrung zu zollen? Deutscher Chauvinismus! Das ist, wie wenn der Millionenheimer, welchen sie anno 1875 irgendwo laufen ließen, gesagt hätte: »Ich habe meine galizischen Eisenbahnen mit Katechismusparagraphen gebaut.«

Um den Mythus vom deutschen Chauvinismus handgreiflich als Mythus zu fassen, brauchte man nur die Weihrauchpfannen dampfen zu sehen, welche seit etlichen Jahren in der deutschen Presse vor der kleinen Person der französischen Größe des Monsieur Thiers herumgeschwungen wurden. Von seiten der pariser Korrespondenten deutscher Blätter ist der besagte Monsieur geradezu wie ein »heiliger Leib« auf dem Altar der »duldsam trägen Eselei«, will sagen der deutschen Bewunderung und Verehrung ausgestellt worden. Aber dieser Franzos ist ja alle seine Lebtage ein geschworener und notorischer Todfeind Deutschlands gewesen, nicht wahr? Freilich, freilich; aber was thut das? Nicht obgleich, sondern weil er unser Feind war und ist, verehrten und verehren wir ihn: – so will es der deutsche Chauvinismus. Mr. Thiers hat uns allzeit verachtet, beschimpft, verleumdet, hat stets nach unseren Rheinlanden geschrieen, hätte uns schon 1840 gern bekriegt – einerlei, er wird verehrt; denn er ist ja eine fremde, eine französische Größe.

Und wie groß ist denn eigentlich diese Größe? Nämlich mit unbefangenen Augen angesehen, nicht durch das Vergrößerungs-, aber auch nicht durch das Verkleinerungsglas.

Die frühere staatsmännische Laufbahn des Mannes brauchen wir bei Beantwortung der aufgeworfenen Frage nur ganz nebenbei zu berühren, weil wir den Akcent dieser kurzen Charakteristik auf das schriftstellerische Verdienst des Herrn Thiers legen wollen, sowie darauf, wie er aus einem Royalisten ein Quasi-Republikaner geworden.

Weder seine Gaben noch seine Thaten würden das Ansehen und den Einfluß von Adolphe Thiers erklären, wenn wir außer acht ließen, daß diese Gaben und Thaten im vollsten Sinne französisch waren. Der Mann war und ist ein Typus seiner Nationalität, geradezu das personificirte Franzosenthum. Er vertrat und vertritt sein Volk, wie dasselbe ein mittelalterlicher Dichter, Venantius Fortunatus – falls mir mein Gedächtniß treu ist – gekennzeichnet hat: –

» Gens ...
Torva, ferox, ventosa, procax, incauta, rebellis,
Inconstans disparque sibi novitatis amore,
Prodiga verborum ...
«

Aber sofort ist beizufügen, daß nicht etwa nur in diesem schlimmen Sinne Monsieur Thiers ein Franzos jeder Zoll ist, sondern auch im guten und besten. Denn nicht weniger voll und ganz als die Kehrseiten des französischen Naturells stellt er auch dessen Lichtseiten in sich dar: den hellen Verstand, den rastlosen Thätigkeitstrieb und die emsige Arbeitslust, die Handfertigkeit und Geschicklichkeit in allem Geschäftsbetrieb, das » savoir parler« und das » savoir faire«, endlich einen heißen, nie sich verleugnenden Patriotismus. Diesen muß man überhaupt den Franzosen zuerkennen und er hat sich auch in der furchtbaren Prüfung von 1870-71 ruhmvoll bewährt. Frankreich hatte nicht einen einzigen so ekelhaften Judas aufzuweisen, wie sie bei uns in Deutschland leider zu Dutzenden herumliefen. Kein Franzos hat sich der Affenschande schuldig gemacht, den deutschen Waffen den Sieg zu wünschen, wie unsere schwarzen und rothen Jesuiten ihn den französischen wünschten. Mr. Thiers liebt sein Vaterland innig und es untersteht keinem Zweifel, daß es nur etwas gibt, was er noch ein bißchen mehr liebt als Frankreich, nämlich den Adolphe Thiers. Wenn er mit Emphase sagt: » Mon pays!« so muß man sich das » mon« gesperrt gedruckt denken. Uebrigens ist seine Selbstliebe nicht so sehr plumpe Selbstsucht oder grober Eigennutz – obzwar er seine Pfeifen zu schneiden wusste, als er im Ministerröhricht saß – als vielmehr jene superlativische Eitelkeit, welche ihn seinen beiden Landsleuten Chateaubriand und Lamartine als würdiges Kleeblatt anreiht. Diese Eitelkeit offenbarte sich, wie mir scheint, wohl niemals charakteristischer als zur Stunde, wo Mr. Thiers vom Utoberge bei Zürich herab seinen Reisegefährten den Glärnisch für den Montblanc ausgab. Ein daneben stehender Züricher gab bescheidentlich und in gutem Französisch zu bemerken, der für den Montblanc ausgegebene Glärnisch sei nur der Glärnisch, während jener in gerade entgegengesetzter Richtung weit, weit nach Westen zu liege und vom Uetliberg aus nicht sichtbarer sei als der Chimborasso. Thut nichts. Mr. Thiers hob den Arm, zeigte wiederum auf den glarner Gebirgsstock und sagte mit dem Vollbewusstsein seiner Unfehlbarkeit: » Sans doute, c'est le Montblanc

Die publizistischen Anfänge von Thiers fielen bekanntlich in die Restauration. Im » Constitutionnel«, dann im » National« kämpfte er unter dem Phrasenbanner des vulgären Liberalismus, über dessen Gesichtskreis die Anschauungen des behenden und glänzenden Stilisten im Grunde nie hinausgegangen sind. Allzu viel Muth war für die Keckheit, womit er gegen die Bourbonenherrschaft polemisirte, nicht erforderlich. Man weiß ja, wie lahm dieses Regiment gewesen ist. Es ließ sich dazumal ohne großes Risiko der Ruf eines liberalen Matadors erwerben. Mr. Thiers erwarb diesen Ruf und wusste damit die Genüsslichkeit eines Lebemanns, welcher Voltaire's »Candide« weit über die Bibel stellte, behaglich zu verbinden. Das zartgebaute Männchen nahm sogar Anläufe zur Sportsmännischkeit, und wenn ihn sein Reitpferd einmal nicht abwarf, kam ihm zum Bewusstsein, daß ein General – natürlich ein großer – in ihm steckte. Daß ein großer Staatsmann in ihm steckte, verstand sich von selbst. Mit jedem »Premier Paris«, den er schrieb, ward es ihm klarer, daß er wie kein anderer zum Premier Frankreichs gemacht sei.

Dieses Zukunftsministerbewusstsein wurde bedeutend gekräftigt durch die weitreichende Popularität, welche ihm seine von 1823 bis 1827 erschienene » Histoire de la révolution française« eintrug. Das Buch war ein glänzend geschriebener Leitartikel in 6 Bänden. Mr. Thiers ist auch als Historiker der Publizist geblieben, welchem vom Anfang an die sittliche Basis gänzlich fehlte. Er hat auch als Staatsmann eine solche nie gekannt, man müsste denn seinen zweifellosen Patriotismus dafür gelten lassen wollen. Substanziell angesehen, ist in der Revolutionsgeschichte von Thiers das beste die Darlegung der finanziellen Verhältnisse. In diesem Fache hat er zu jener Zeit und später wirklich ausdauernd und mit Erfolg gearbeitet. Formell betrachtet, war das Buch von außerordentlicher Wirkung. Mittels des einschmeichelnden Zaubers seines Stils hat es trotz seiner wimmelnden Irrthümer, trotz seiner unbändigen französischen Eitelkeit, trotz seines brutalen Chauvinismus das Urtheil über die französische Revolution für ein ganzes Menschenalter bestimmt. Nicht etwa nur in Frankreich, sondern ganz wesentlich auch in Deutschland. Und das erklärt und verzeiht sich, wenn man die schauderhaften Knüppeldammbücher ansieht, welche ungefähr gleichzeitig deutsche Stubenhocker über dasselbe Thema mühsäligst zusammenstoppelten. Die Rasse dieser sogenannten Historiker, welche der Ueberzeugung waren, um gediegen sein zu können, müsste ein Buch platt sein wie eine Negernase, und Unlesbarkeit sei ein untrügliches Zeugniß der Gründlichkeit, item Geschichte schreiben hieße ein paar Armevoll von Thatsachen und Citaten sammelsurisch zusammenraffen – die Rasse dieser deutschen Historiker ist zwar noch nicht ganz ausgestorben, aber doch im aussterben begriffen und es sind, wie jedermann weiß, gerade deutsche Geschichtsschreiber des jüngeren Geschlechtes gewesen, welche zuerst die große Erscheinung der französischen Revolution verstanden und verstehen machten, indem sie dieselbe in die Beleuchtung historischer Wahrheit rückten und ihre bezüglichen Bücher so schrieben, daß diese nicht bloß gedruckt und gebunden, sondern auch gelesen werden konnten. ...

Die Julirevolution that dem Publizisten, der an ihrer Herbeiführung eifrig mitgearbeitet hatte, plötzlich die staatsmännische Laufbahn auf. Mr. Thiers war zu wiederholten malen Minister und brachte es einmal auch zum Premier. Seine ehrgeizigen Hoffnungen hatten ihn also nicht getäuscht. Allein die Ministerherrlichkeit war nie von Dauer und es heißt sehr mild urtheilen, wenn man die ministeriellen Verdienste, welche Herr Thiers sich erwarb, als sehr problematische bezeichnet. Louis Philipp sah in diesem seinem Minister allzeit nur einen Zu- und Aufdringling. Der König und Thiers waren einander von Haus aus antipathisch. Thiers konnte seine Eitelkeit nicht soweit verhalten, um den König nicht merken zu lassen, daß er, Mr. Thiers, den Louis Philipp doch weit zu übersehen vermöchte. Der König seinerseits glaubte nicht an die Staatsmännischkeit des ihm aufgedrungenen Ministers, geschweige an die latente Generalschaft desselben. Gegenüber von Vertrauten bezeichnete er ihn wegwerfend als einen Fanfaron und damit traf er denn doch den innersten Kern des Gescholtenen. Thiers scheiterte als Minister daran, daß er dem friedfertigen Bürgerkönige viel zu viel mit dem Säbel rasselte, sowie und noch mehr daran, daß er den König nicht regieren lassen, sondern selbst regieren wollte. Magister Guizot machte es viel schlauer: er ließ den König das Land regieren und begnügte sich damit, seinerseits den Louis Philipp zu regieren.

Nach der großen Säbelrasselei von 1840 wollte der König schlechterdings nichts mehr von Thiers wissen. Dieser zog sich grollend in sein Zelt, das heißt in sein Arbeitszimmer zurück und machte sich an die Schaffung der berühmten napoleonischen Mythologie in 20 Bänden, betitelt » L'histoire du consulat et de l'empire.« Das ist ein fast durchweg brillanterzählend geschriebenes, recht unterhaltliches Buch, voll Esprit, Lug und Trug.

Will etwa damit gesagt sein, daß Mr. Thiers absichtlich die Geschichte gefälscht, die Geschichte Napoleons zu einer Epopöe des Chauvinismus umgelogen habe? Bewahre! Aber die napoleonische Zeit darstellen wollen, ohne die deutschen und englischen, geschweige die spanischen und russischen Quellen und Darstellungen zu kennen, hieß von vornherein auf die Möglichkeit verzichten, wirkliche Geschichte schreiben zu können. Trotzdem ein solches Unternehmen zu wagen, so eitel und anmaßend konnte doch nur ein Gallier höchster Potenz sein. Es würde eines nicht schmalen Bandes bedürfen, um die mitunter ins Grotesk-Komische gehenden Irrthümer der zwanzigbändigen thiers'schen Legende zu berichtigen. Eine hinlängliche Anzahl dieser Irrthümer habe ich anderwärts aufgezeigt. Hier will ich zur Erheiterung meiner Leser nur darauf hinweisen, daß Mr. Thiers im 13. Bande seines Werkes die wunderbare Entdeckung gemacht hat, der Geist nationaler Erhebung und Wiedergeburt, welcher dann i. J. 1813 in Deutschland, das heißt, die Wahrheit zu sagen, in Preußen zur That geworden, sei in Wien (in Wien! in Wien!) großgezogen worden und zwar durch den wiener Hof, welcher die Pfleger dieses Geistes, Autoren wie Göthe, Wieland und andere – (lacht hellauf!) – in die östreichische Hauptstadt gezogen und dieselben in jeder Weise gehätschelt und gefeiert habe. Solchen und ähnlichen Blödsinn bringt Mr. Thiers mit derselben Unfehlbarkeitsmiene vor wie alles übrige. Aber die krasse Unkenntniß in allen nichtfranzösischen Dingen ist noch nicht einmal der Hauptmangel eines Werkes, mit dessen übergünstiger Aufnahme Europa im allgemeinen ein Armuthszeugniß und Deutschland im besonderen ein Schmachzeugniß sich ausgestellt hat. Niemals wieder hat die Selbstsucht eines Volkes so hart und schamlos sich geoffenbart wie die französische in dem Buche des Mr. Thiers es gethan, und niemals hat ein Autor einen solchen totalen Mangel an Wahrheitsgefühl und Gerechtigkeitssinn so pralerisch prunkend zur Schall gestellt wie dieser Pseudohistoriker. Man lese, wie er den Staatsstreich vom Brumaire, dann das Verfahren seines Helden gegen den Duc d'Enghien, weiter das fressende Feuer der napoleonischen Welteroberungsgier, das Verhalten des Empereur gegen Italien, Deutschland, Spanien darstellt, das heißt rechtfertigt. Ueberall die Anbetung des Erfolgs, allenthalben die knechtische Vergötterung der Gewalt. Diesem Franzosen zufolge hätte eigentlich nur Frankreich das Recht, eine selbstständige Existenz zu führen. Alle übrigen Nationen wären nur dazu da, der französischen Macht und Gloire zur Folie zu dienen. Von rechtswegen sollten die Völker Europa's ihr höchstes Glück darin suchen, als gehorsame und bewundernde Vasallen um den Thron von La Belle France sich zu reihen. Und das alles wird mit einer gränzenlosen Suffisance als eine selbstverständliche Voraussetzung vorgebracht. Uebrigens muß man Herrn Thiers zugestehen, daß er die Ansichten, welche er als so zu sagen Geschichtsschreiber vertrat, auch auf seiner parlamentarischen und ministeriellen Laufbahn zu bethätigen suchte. In seinem eigentlich doch sehr engen Gehirne hatte sich die Idee fixirt: Nur Frankreich darf groß und mächtig sein, und damit es groß und mächtig sein könne, müssen alle seine Nachbarn klein, zersplittert und machtlos sein. Daher sein zappelnder und fistulirender Haß des deutschen und des italischen Einheitswerkes, daher auch seine, des notorischen Voltairien, heftige Parteinahme für die weltliche Papstmacht.

Aber wir sind mit der »Konsulats- und Kaisergeschichte« noch nicht ganz fertig. Es ist nämlich noch zu sagen, daß dieses Buch, alles zusammengehalten, doch nicht mehr und nicht weniger ist als eine kolossale Tendenzlüge. Wurde sie mit dem Bewusstsein auf- ausgebaut, dadurch dem Bonapartismus in Frankreich wieder auf die Beine helfen zu können und helfen zu wollen? Schwerlich! Aber als geborener und geschworener Chauvinist musste sich Mr. Thiers zum Gloire-Zinkenisten des Napoleonismus berufen fühlen. Er gab also nur seiner Natur nach, als er den Eroberer und Despoten verherrlichte, welcher an der Verwirklichung des Weltherrschaftstraumes französischen Größenwahnsinns gearbeitet hatte. Doch war noch anderes im Spiele, was Herrn Thiers stachelte, sich zum Kohen Hagadol des Napoleonkultus zu machen, welchen schon früher namentlich der Chansonnier Béranger als Agitationsmittel gegen die Bourbons aufgebracht hatte und welchen auch unter dem Julikönigthum als eine oppositionelle Paradewaffe zu handhaben der französische Liberalismus dumm genug war. Mr. Thiers hat sein staatsmännisches Fiasko von 1840 dem Louis Philipp nie verzeihen können. Seine tiefgekränkte Eitelkeit lechzte nach Rache. Was, ich, Adolphe Thiers, einem Guizot nachgesetzt? Unerträglich das! Der Orleanismus soll es bereuen. Was soll ich ihm zum Possen nur gleich werden, Republikaner oder Bonapartist?

Gewisse Lobredner des Herrn Thiers haben behauptet, die republikanischen Velleitäten desselben datirten schon vom Anfang der vierziger Jahre, das heißt vom vollständigen Siege der Guizoterie über den Thiersismus. Nun ja, Mr. Thiers hätte damals, den Béranger parodirend, singen können:

»Ich fand an Republik Gefallen,
Seit ich dem Königthum missfiel«

aber er sang nicht so. Er schrieb vielmehr seine zwanzigbändige napoleonische Epopöe. Denn erstens entsprach das, wie schon gesagt, seiner eigensten Neigung und bewunderte er nur noch einen Menschen mehr als Napoleon, nämlich sich selber; und zweitens war es unzweifelhaft ungefährlicher und viel bequemer, den Bonapartisten als den Republikaner zu spielen. Später, im December von 1851, als er aus Befehl des angeblichen Neffen vom vorgeblichen Onkel etliche Tage lang in einer Züchtlingszelle von Mazas saß, scheinen ihn hinsichtlich der Göttlichkeit des Napoleonismus etwelche Skrupel angewandelt zu haben. Wenigstens blies in den Bänden seiner Mythologie, welche nach dieser unliebsamen Erfahrung geschrieben wurden, der Gloire-Zinkenist aus merkbar gedämpfterer Tonart und ließ sich sogar mitunter eine Note entwischen, welche andeuten zu wollen schien, daß die Herrschaft der » grande nation« über andere Völker doch nicht so ganz naturnothwendig und selbstverständlich sei. Allein Mr. Thiers machte diesen Abfall vom Größenwahn zum gesunden Menschenverstand wieder gut, indem er in dem Schlußbande seines Werkes bei Darstellung der Helena-Legende – sie gestaltete sich unter seiner Hand förmlich zur Passionsgeschichte eines Heilands – seinen Helden mit der Gloriole einer vollständigen Apotheose ausstattete.

 

2.

Zweifelsohne war es ganz in der Ordnung, wenn Mr. Thiers ein heißes, obzwar kurzes Gefühl des Triumphes empfand, als er in der ersten Stunde des 24. Februars von 1848 erfuhr, daß die versinkende Julimonarchie nach ihm als nach einem Rettungsbalken zu greifen genöthigt wäre. Ja wohl »genöthigt«. Denn als der eilends in die Tuilerieu Berufene zur dritten Morgenstunde in das königliche Kabinett getreten war, empfing ihm Louis Philipp mitten Worten: »Ich sehe mich genöthigt, Ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Haben Sie ein Ministerium bei der Hand?«

Mr. Thiers hatte aber nicht nur kein Ministerium, sondern überhaupt nichts bei der Hand. Der gewähnte Rettungsbalken war nur ein wirklicher Strohhalm. Am verhängnißvollen 24. Februar ist traurig offenbar worden, daß in dem kleinen Leibe von Adolphe Thiers kein großer Mann steckte. Mit dem zu seinem Mitstrohhalm Bugeaud gesprochenen Worte: »Man hat uns zu spät berufen« – versuchte er die klägliche Statistenrolle zu entschuldigen, welche er an diesem Schicksalstage spielte, und mit dem eine halbe Stunde später im Vorsale der Deputirtenkammer losgelassenen Stoßseufzer: »Messieurs, es gehen Dinge vor, Dinge, Dinge! Die Flut steigt, steigt, steigt!« tauchte er unter, um erst dann wieder aufzutauchen, wann die politische Temperatur abermalen eine solche geworden, wie sie konstitutionellen Intrikanten und parlamentarischen Seiltänzern zuträglich.

Die pseudohistorische Schönfärberei, wie sie dermalen in Deutschland gäng und gäbe, mag die so eben gebrauchten und auf Mr. Thiers angewandten Worte zu streng, zu stark, ja sogar mit Anwendung eines beliebten Handgriffes der Karrièremacherei zu »unwissenschaftlich« finden. Ich habe aber gerade jene Ausdrücke mit Bedacht gewählt. Sind sie doch kaum ausreichend, um das gebaren des Herrn Thiers während des Sommers und des Herbstes von 1848 zu kennzeichnen. Wie bekannt, hatte er seinen Weg in die Nationalversammlung, deren namenlose Verblendung die Restauration des Bonapartismus ermöglichte und förderte, nur mittels eines Umweges durch die Sakristei gefunden. Der Voltairien hatte so sehr Reu und Leid gemacht, daß ihm der Bischof Fayet von Orleans das Zeugniß ausstellen konnte: »Mr. Thiers ist augenscheinlich und ganz zu uns zurückgekehrt.« Daraufhin war er gewählt worden. Die Pfaffen, die Junker und die Prozen hatten ja die Wahlen zur Nationalvertretung dieser miserabeln französischen Schemen- und Schattenrepublik gemacht. Anfangs von der jesuitisch-bourbonisch-orleanistischen Mehrheit mit Misstrauen angesehen, wurde Mr. Thiers doch bald einer, nein, geradezu der Hauptmacher des offenen Komplotts, welches die nominelle Republik beseitigen und den Thron wieder aufrichten wollte. Sein Talent, sein Ruf, seine Rastlosigkeit und Geschmeidigkeit, seine Erfahrung in allen Pfiffen und Schlichen des parlamentarischen Ränkespiels, endlich auch sein thurmhohes Selbstvertrauen berechtigten ihn zweifelsohne zu dem Anspruche, der General dieser Armee von Verschwörern zu sein, welche am 4. Mai von 1848 der Republik feierlich den Meineid der Treue geschworen hatten.

Aber war es Herrn Thiers wirklich um die Wiederaufrichtung des Thrones zu thun? Starke Anzeichen führen zur Verneinung dieser Frage. Dem hellen Blick und scharfen Verstande des Mannes konnten die Schwierigkeiten einer monarchischen Restauration, sofern diese die zwei Zweige des alten Königshauses betraf, nicht entgehen. Zudem hatte er Ursache, zu glauben, vom Hause Orleans ungerecht und undankbar behandelt worden zu sein. Den allerdings schon drohend am Horizont wieder emporgestiegenen Stern des Bonapartismus wähnte Mr. Thiers vorderhand für eine bloße Sternschnuppe ansehen zu dürfen. Aber an was dachte er denn? An sich. Was wollte er? Herr sein. Selbst um den Preis, sich »Präsident der Republik« tituliren lassen zu müssen.

Es kann gar keinem Zweifel unterstellt werden, daß Mr. Thiers es eine Weile mit seiner Präsidentschaftskandidatur sehr ernst gemeint habe. Warum auch nicht? Haben es doch Korporale wie Bugeaud und Changarnier, sowie parlamentarische Eiertänzer wie Broglie und Molé auch eine Weile mehr oder weniger ernst damit gemeint. Erst dann, als die Präsidentschaftstraube dem Sohne Verhuells so zu sagen schon ins Maul hing, fand Mr. Thiers die Frucht zu sauer. Für diesmal, wohlverstanden! Denn er war der Ueberzeugung, die bonaparte'sche Sternschnuppe müsste und würde bald erlöschen. Auch er hielt wie so viele andere gescheide und dumme Leute den »Prinz-Präsidenten« für einen »Niais«, welcher sich unmöglich lange würde halten können. Wer aber sollte nach dem verschwinden der Niais-Schnuppe die Zügel ergreifen? Natürlich Mr. Thiers. Nachdem Louis Napoleon zum Präsidenten gewählt war, fragte er eines Tages den zwanzigbändigen Homer des Napoleonismus um Rath inbetreff des amtlichen Kostüms, welches der neugebackene Präsident schicklicher Weise tragen könnte. Sollte es die Uniform eines Generals der Nationalgarde, sollte es die eines Divisionsgenerals der Linie sein? »Weder diese noch jene«, gab Herr Thiers zur Antwort. »Frankreich sieht den Präsidenten der Republik für einen bürgerlichen Beamten an. Demnach soll er einen bürgerlichen Anzug tragen. Sonst würde ja Ihr Nachfolger in der Präsidentschaft in Verlegenheit kommen.« Das hieß nicht undeutlich sagen: Ihr Nachfolger werde ich sein und ich, der leibkleine, obzwar geistgroße Adolphe Thiers kann doch nicht wohl eine Generalsuniform anthun.

Ausdrücklich bemerke ich, daß dieses Histörchen aus bonapartistischer Quelle, also aus einem Jauchebehälter kommt. Aber der Agrikulturchemie zufolge enthalten ja auch solche Behälter nutzbare und ersprießliche Stoffe.

Gewiß ist, daß Mr. Thiers alles Ernstes sich darauf rüstete, der Nachfolger des Erwählten vom December 1848 zu werden. Zu diesem Zwecke musste man vorderhand den Glauben an die Möglichkeit einer französischen Republik heraushängen und sich selber als Quasi-Republikaner aufspielen. Eines Tages im Jahre 1850 hatte Herr Thiers im Konferenzsale der Kammer eine Unterredung mit dem Deputirten Benoit-Champy, welcher ihn um seine Meinung über den muthmaßlichen Ausgang der schwebenden Krisis gefragt hatte. Mr. Thiers setzte auseinander, daß Frankreich von Natur und Sitten durchaus monarchisch sei. Doch sei es sehr fraglich, ob trotzdem die Monarchie wieder hergestellt werden könne. Von der bourbonischen wäre gar nicht zu sprechen. Die orleanische würde er, Thiers, persönlich willkommen heißen, ungeachtet der ihm von seiten derselben bezeigten Undankbarkeit. Allein die Erinnerung an die groben Fehler, welche Louis Philipp gemacht hätte, ließen auch diese Restauration als unräthlich und unthunlich erscheinen. Bliebe demnach nur das Empire übrig; allein falls dieses sich auch wieder aufrichten ließe, so könnte es nur eine sehr kurzdauernde Parodie des ersten Kaiserreiches sein, nichts weiter. »Wohl«, sagte Herr Benoit-Champy, »da keine der drei Dynastieen wirkliche Chancen hat, so schließen Sie daraus auf die Möglichkeit der Dauer einer Republik in unserem Lande?« – »Vielleicht«, erwiderte Mr. Thiers, »geht Europa mehr oder weniger rasch republikanischen Einrichtungen entgegen und vielleicht wäre es angezeigt, daß wir uns zuerst damit befreundeten.« Merruau: Souvenirs de l'hôtel de ville de Paris, 1875, p. 398.

Er trug Sorge, in dem parlamentarischen Kampfe, welchen er gegen den Prinz-Präsidenten anstrengte, diesen seinen republikanischen Anstrich bei jeder günstigen Gelegenheit sehen zu lassen. Er wähnte, dem schon greifbar nahe herandrohenden zweiten Empire einen solchen Republikanismus, seinen Republikanismus als Abwehr entgegenstellen und sich zugleich als den unausweichlichen Zukunftspräsidenten signalisiren zu können. In einer sehr charakteristischen Kammerrede sagte er: »Nachdem ich mein Lebenlang ein Parteigänger der konstitutionellen Monarchie gewesen, muß ich heute gestehen, daß ich vielleicht in einem Irrthum befangen war. Denn es ist ja möglich, daß ihr Geschick die modernen Staaten nicht zur englischen, sondern zur amerikanischen Staatsform führt. Mein Land ist heute gesetzlich eine Republik. Unsere Pflicht ist also, derselben aufrichtig und ohne Hintergedanken zu dienen.« Und gegen die Linke hingewendet fügte er hinzu: »Ihr wollt eine mehr demokratische Republik als ich? Ich mache euch daraus kein Verbrechen. Gesteht aber auch eurerseits zu, daß man ein Republikaner von anderem Schlag sein könne als von dem eurigen und lasst mich auch sagen, daß, wenn es nur Republikaner von eurer Farbe gäbe, dies das Vertrauen Frankreichs auf die republikanische Staatsform schwächen könnte.«

Man sieht, Mr. Thiers mühte sich schon 1850, wie später (1871–72), mit Mondschein im Wasser ab, das heißt, mit Schaffung einer »konservativen Republik« in Frankreich. Jedermann weiß, daß und wie am Frühmorgen vom 2. December 1851 seine Mühwaltung vorderhand in einer Zelle von Mazas endigte. Ueber alle die Bönhasen von legitimistischen und orleanistischen Verschwörern war ein Verschwörer vom Handwerk gekommen und hatte mit ihnen aufgeräumt. Mr. Thiers brauchte sich zunächst und für zwanzig Jahre keine Sorge zu machen, ob er als Präsident der Republik doch zum anthun einer Generalsuniform sich würde entschließen müssen. Der »Niais« war jetzt thatsächlich Empereur, um es ein Jahr später auch dem Namen nach zu sein. Es hatte, wie die Sachen lagen, gar nicht anders kommen gekonnt. Die Bourboniker, Orleanisten, Jesuiten und Plutokraten der Nationalversammlung hatten ja in ihrer Stupidität und Schlechtigkeit alles menschenmögliche gethan, das französische Volk oder, wie der neugebackene »Republikaner« Thiers sich auszudrücken geruhte, » la vile multitude« in das geschickt und kraftvoll ausgespannte Fanggarn des Bonapartismus zu treiben.

Erst dann, als die Herrlichkeit des Banditen-Empire vom 2. December schon bemerkbar sich umdunkelt hatte, erschien Mr. Thiers wieder auf der politischen Bühne. Hatte er inzwischen etwas gelernt? Nein. Er war der alte Chauvinist und Gloire-Zinkenist geblieben. Von einer Kenntnißnahme oder gar von einem Verständniß der großen, naturnothwendigen, unaufhaltsamen Veränderungen, welche sich in Deutschland und in Italien vollzogen, vollziehen mussten, keine Rede. » Mon pays« – sonst nichts. Die anderen Völker kommen nur als Gloirefutter für Frankreich in Betracht. Mr. Thiers vor allen war es, welcher den Dampfkessel der französischen Eitelkeit bis zum bersten heizte, aus welchem Dampfkessel dann das »Rache für Sadowa!« immer wüthender herauszischte. Aber, sagt ihr, Herr Thiers hat doch im Juli von 1870 im gesetzgebenden Körper bis zuletzt mannhaft gegen den Krieg gestritten und gestimmt. Gewiß, so that er. Aber warum? Weil die Kriegserklärung eine Frivolität, ein Frevel, eine Ruchlosigkeit war? Behüte! Nur darum, weil Mr. Thiers den wirklichen Zustand der französischen Armee weit besser kannte als die leichtfertigen, in Marschallsuniformen steckenden Lesboeufs und Komp. und weil er auch besser als diese Schwachköpfe wusste, daß die » promenade militaire à Berlin« doch auf etliche Hindernisse stoßen dürfte. Mit einem Worte, Mr. Thiers wollte den Krieg nicht, weil er am Siege zweifelte. Das hat er selbst gesagt. Was er aber nicht sagte, war, daß er einen noch viel stärkeren Grund hatte, den Krieg nicht zu wollen. Da er nämlich doch immer wieder Stockfranzos genug war, um an das Dogma von der Unbesieglichkeit Frankreichs zu glauben, so fürchtete er, daß der Krieg, wenn zu einem glücklichen Ende geführt, dem Empire neue Lebenskraft verleihen und die Stellung vom angeblichen Neffen des Onkels befestigen würde, welchen Neffen zu verabscheuen er ja vollauf berechtigt war, seitdem ihm derselbe die Bekanntschaft mit dem Inneren eines Zellenwagens und eines Kabinetts in Mazas verschafft hatte.

Während der Krisis vom 4. September 1870 tauchte Mr. Thiers unter, wie wir ihn am 24. Februar von 1848 untertauchen gesehen haben. Für den Trubel solcher Tage war seine ganze Persönlichkeit nicht gemacht. Nun aber ging ihm die Glanzperiode seines Lebens auf. Denn mit dem Sturze des Empire kam eine Zeit, in welcher er als ein rechter Patriot sich erweisen konnte und wirklich als ein solcher sich erwiesen hat. Und er war jetzt ein Greis, er stand in einem Alter, wo der Mensch – ich meine den arbeitenden und nur ein solcher verdient, Mensch zu heißen – wohlbegründeten Anspruch auf Ruhe hat. Die Anstrengungen, welche der Greis Thiers mit seltener Geistesfrische für die Rettung seines Vaterlandes machte, sind daher, zuvörderst rein vom physischen Gesichtspunkt aus angesehen, schon aller Ehren werth. Es mag ja sein, daß seine Eitelkeit ihm die chimärische Hoffnung vorspiegelte, er, Adolphe Thiers, würde im stande sein, den einen oder den andern oder am Ende gar alle die Höfe von London, Petersburg, Wien und Florenz, an welche er sich im Auftrage des » Gouvernement de la défense nationale« im September und Oktober von 1870 begab, zum handelnden Eintreten für Frankreich zu bestimmen. Allein er hat immerhin die mühsälige Aufgabe dieser traurigen Botschaftsreise mit löblichstem Eifer zu lösen gesucht.

Nach seiner Rückkehr von dieser vergeblichen Fahrt betheiligte er sich ebenso eifrig an den zu Ende Oktobers versuchten Waffenstillstandsverhandlungen, obzwar bekanntlich ebenfalls resultatlos. Dabei war nun freilich wunderlich, daß er die Verkehrtheit und Nutzlosigkeit der Kriegführung Gambetta's, welcher à la Carnot »den Sieg zu organisiren« sich vermaß, aber nur Lügen, Pralereien und Niederlagen zu organisiren vermochte und welchen Thiers ganz richtig als einen » fou furieux« bezeichnete, vollständig durchschaute und ihrem wahren Werthe nach taxirte, aber trotzdem die Sachlage keineswegs für eine verzweifelte ansah. Beides bezeugt uns Jules Favre: (»Gouv. d. l. déf. nat.« I, 319): » Mr. Thiers ne croyait pas à l'efficacité des efforts de la délégation de Tours et blâmait énergiquement l'influence qui dominait. La position cependant ne lui paraissait pas désespérée Auch er, obgleich unbedingt unter den lebenden Franzosen der klügste, vermochte sich in die Thatsache des Besiegtseins Frankreichs noch nicht zu finden.

Nach den furchtbaren Niederlagen, welche der Winterfeldzug brachte, und nach dem Falle von Paris musste er sich wohl oder übel darein finden. Es blieb jetzt schlechterdings nichts anderes übrig, als die Konklusionen der Prämissen Wörth, Forbach, Metz, Sedan, Orleans, Le Mans, St.-Quentin, Belfort und Paris anzuerkennen und anzunehmen. Frankreich rief in seiner tiefsten Noth nach Adolphe Thiers als nach einem Retter, ja geradezu als nach einem Heiland. Nahezu dreißig Wahlkreise sandten ihn nach Bordeaux in die Nationalversammlung und diese bestellte ihn zum thatsächlichen Diktator Frankreichs.

Eine schneidigere Ironie der Nemesis hat es wohl nie gegeben, als dieses testimonium paupertatis gewesen ist, welches die » grande nation« sich selber ausstellte. Durch den Napoleonismus ins schrecklichste Unglück, in unerhörte Schmach gestürzt, wusste Frankreich keinen bessern Nothelfer zu finden als den Homer des Napoleonismus, als gerade den Mann, welcher den unseligen Gloire-Götzendienst mit allem Zauber seines Talents genährt und verbreitet hatte. Würden die Franzosen verständig, ehrlich und aufrichtig genug gewesen sein, den wirklichen und wahrhaften Endursachen ihres tiefen Falles nachzuforschen, sie würden in demselben Herrn Thiers, welchen sie jetzt als ihren Heiland beriefen, eine dieser Endursachen und wahrlich keine der kleinsten erkannt haben.

Die Sache hatte jedoch auch eine hellere Seite, eine hellste. Diese war, daß die Berufung von Mr. Thiers an die Spitze des Staates einen der schönsten Züge des französischen Nationalcharakters offenbar machte: den Respekt vor dem Geiste, die huldigende Anerkennung des Talentes und Verdienstes.

Am Eingange dieses Aufsatzes hatte ich leider Veranlassung, über die jämmerliche Nachäffung von allerhand französischem in Deutschland zu schelten. Wohlan, hier nun habe ich Gelegenheit, meine mehr oder weniger lieben Landsleute auf etwas französisches aufmerksam zu machen, was allerdings nachgeahmt zu werden verdiente. Zu der Art und Weise, womit die Franzosen Männer, welche die Wissenschaft, Literatur und Kunst ihres Landes zieren, hochhalten, ehren und belohnen, stehen der Kaltsinn und die Knorzerei – nur dieses schweizerische Wort drückt den gemeinten Grad von Schäbigkeit aus – womit die Deutschen ihre wissenschaftlichen, literarischen und künstlerischen Notabilitäten betrachten und behandeln, im demüthigendsten Gegensatze. Die deutsche Selbstgefälligkeit kann nicht müde werden, sich für das auserwählte Volk des Idealismus zu halten und auszugeben; in Wirklichkeit aber benimmt sich kein anderes civilisirtes Volk den idealen Interessen gegenüber so theilnahmelos, so schäbig, so knorzig. Für seine ewige Wirthshausbummelei hat der Deutsche und vollends der Süddeutsche immer Geld, aber für literarische und künstlerische Zwecke sehr selten, wenn überhaupt jemals Bücher kaufen? Bah, wofür wären denn die Leihbibliotheken da? Deutsche Damen, welche jährlich hundert Thaler oder mehr für Handschuhe ausgeben, schämen sich nicht, fettige, schmierige Leihbibliothekenbände sommerlich mit an die Bad- und Kurorte zu schleppen. Pfui! In England und in Frankreich sieht es jeder halbwegs bemittelte Mann von Bildung für selbstverständlich an, neue Bücher von irgendwelcher allgemeinen Bedeutung zu kaufen, in Deutschland begnügen sich selbst die Reichen und Reichsten mit einem Leihbibliothekabonnement. In Russland, in Ungarn hält jeder Bemittelte das Bücherkaufen für eine Ehrenpflicht. Das kleine Dänemark that und thut für seine Literatur und Kunst verhältnißmäßig zehnmal mehr als das große Deutschland, welches für seine führenden, leitenden und lehrenden Geister genug gethan zu haben glaubt, wenn es ihnen, so sie gestorben, etwann eine schäbige Denktafel stiftet oder eine mit Ach und Krach zusammengebettelte Statue setzt. Seht euch mal an, wie man in Paris einen Delaroche oder Auber und in London einen Dickens oder Thackeray zu Grabe geleitet, und vergleicht damit, wie unsere Dichter, Denker und Künstler bestattet werden, und ihr werdet merken, wo der Kultus des Genius daheim. Vergleicht auch, mehr oder weniger liebe Landsleute, die Stellung der Autoren und Künstler von Ruf und Namen in England und Frankreich mit der Stellung der entsprechenden geistigen Rangklasse in Deutschland, und dann lasst es, ich bitt' euch, fernerweit bleiben, euch in die Brust zu werfen und pharisäisch zu sagen: »Wir sind das Volk des Idealismus, wir!« Ei, ja wohl! Gestern hörte ich in den »Jahrbüchern für die deutsche Armee und Marine« einen dunkeln E–hrenmann erbos't schreien, es sei ein Skandal, daß der Lessing berühmter sei als der Gessler, nicht der mythische Landvogt des Namens, sondern irgendein obskurer preußischer General. Wäre ein Franzose, so er diesen Ausfluß des berühmten deutschen Idealismus zu Gesichte bekäme, nicht vollauf berechtigt, von »deutschen Barbaren« zu sprechen? Wo wäre jemals einem Franzosen die kolossale Abgeschmacktheit zugestoßen, irgendeinen General, selbst einen Turenne, über den Voltaire zu setzen? Ach, es scheint ein- für allemal in der Schwäche der Menschennatur begründet zu sein, daß Individuen und Völker unendlich viel lieber und leichter das Dumme und Schlechte von einander lernen und annehmen als das Vernünftige und Gute. Ihren socialistischen Unsinn, ihre kommunistische Brutalität, den Kulturhaß, die Wuth gegen alles Ideale und Geniale, die Forderung der Herabdrückung aller Intelligenz auf das Gleichheitsflegelmaß allgemeiner Mittelmäßigkeit, die Organisation der Arbeitsscheu und die Predigt zügelloser Genußgier – diese ganze freche Botschaft des Unverstandes und der Lüderlichkeit haben deutsche Narren und Gauner französischen Gaunern und Narren eilends abgelernt. Von der Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Nüchternheit dagegen, welche dem französischen Kleinbürgerthum und der französischen Bauerschaft eigen sind, will man in den Konventikeln der deutschen Kommunisten schlechterdings nichts wissen ...

Erwägt man die Umstände, unter welchen Mr. Thiers als »Chef der Exekutivgewalt der französischen Republik« zu Versailles mit Bismarck über den Frieden verhandeln musste, so wird mancher Geschicklichkeit und Ausdauer des schwerbebürdeten Greises alle Achtung und Ehre widerfahren lassen. Er hat herausgeschlagen, was menschenmöglich war. Er erlangte die Nichtbesetzung von Paris durch die Deutschen und die Wiederherausgabe von Belfort, zwei Zugeständnisse, die, deutsch angesehen und alle Sophismen, welche berliner Hofskribenten dafür vorgebracht haben, beiseite gethan, zwei große Fehler gewesen sind, geradezu zwei saftige deutsche Dummheiten, die zum Theil schon jetzt sich gerächt haben und früher oder später noch mehr sich rächen werden.

Allzeit hatte Mr. Thiers nach den »natürlichen Gränzen« Frankreichs geschrieen, wie französische Unwissenheit und Anmaßung sich dieselben einbildete. Jetzt musste er in Frankreichs Namen einen Friedensvertrag unterzeichnen, kraft dessen Deutschland seine in Wahrheit und Wirklichkeit natürlichen Gränzen zurücknahm, alte Reichsgebiete, die keineswegs mittels ehrlichen Krieges und Sieges, sondern nur mittels von verräterischen Pfaffen eingefädelter Ränke und brutaler Tücke vordem uns gestohlen worden waren. Gewiß war das ein Augenblick unsäglicher Bitterkeit und beklemmendsten Schmerzes für den Unterzeichner des versailler Traktats, aber es muß gesagt werden, daß es auch eine Stunde der Vergeltung für den Gloire-Zinkenisten war, welcher die Rechte anderer Völker für nichts geachtet und seine Landsleute so lange in ihrem Größenwahn gestärkt und gesteift hatte. Man würde auch einen lächerlichen Irrthum begehen, so man glaubte, Herr Thiers hätte die Anschauungen, von welchen er sein Lebenlang ausgegangen, nach den Erfahrungen von 1870-71 aufgegeben. Er ist natürlich zu gescheid, jetzt den Chauvinisten sehen und hören zu lassen; aber zu jeder Stunde würde er mit höchster Lust zur »Revanche« blasen, wenn nur das blasen thunlich wäre und fleckte.

Gewiß durfte Thiers nach Leerung des versailler Friedenskelches meinen, ein zweites mit solcher Bitterniß gefülltes Gefäß existirte nimmer auf Erden. Er täuschte sich. Er sollte erfahren, daß es unter seinen Landsleuten Bestien gäbe, welche willig und bereit, alles, was zu allen Zeiten für heilig gegolten unter Menschen, hohnlachend unter die Füße zu treten, Bestien, die angesichts des siegreichen fremden Feindes die Fahne des Bürgerkrieges erhoben. Das Scheusal der Kommune-Revolte barst los, um das schwärzeste Blatt in das Buch der Geschichte Frankreichs einzufügen. Voltaire's »Tiger-Affe« machte wieder einmal seine rasendsten Sprünge. Hüben und drüben. Denn dem wüthen der kommunistischen Mordbrennerbande entsprach wie ein verzehnfachtes, wie ein verhundertfachtes Echo das wüthen der endlich siegreichen Regierungstruppen. Mit einer anschaudernden Kälte der Grausamkeit nutzten hier Franzosen ihren Sieg über Franzosen aus und säeten eine Blutsaat, welche früher oder später aufgehen muß und wird.

Ob Mr. Thiers diese Rachegräuel hätte verhindern können? Ob er es gewollt? Ich vermag diese Fragen weder zu bejahen noch zu verneinen. Aber sicher ist, daß von einer bezüglichen Bemühung nichts merkbar geworden. Und doch wäre es dem Diktator von Frankreich wohl angestanden, der Rachefurie entgegenzutreten, gerade darum doppelt wohl angestanden, weil ihm die Kommunisten mittels Zerstörung seines Hauses einen so ehrenden Beweis ihres wilden Hasses gegeben hatten. Hier wurde doch wieder recht offenbar, daß der Wuchs von Mr. Thiers die Linie der Großmannheit nicht erreicht.

Was dagegen Blicksicherheit und Handfertigkeit in großen Geschäften, was Arbeitskraft und Findigkeit, was persönlicher Kredit und fachmännisch geschulte Finanzkunst zu leisten vermögen; das hat Thiers in der Abwickelung des Riesenknäuels von Arbeit, welche ihm der Krieg hinterlassen hatte und die Durchführung des Friedensschlusses auflud, redlich geleistet, so geleistet, daß nur Unwissenheit und Bosheit ihm seinen Anspruch auf dauernden Ruhm bestreiten könnten.

Den schuldigen Dank hat ihm, wie jedermann weiß, Frankreich durch den Mund der Nationalversammlung am 24. Mai von 1873 bezahlt – jenen Dank, wie ihn eben Menschen und Völker von altersher zu entrichten pflegen. Der greise Staatsmann fühlte sich nachgerade ganz behaglich auf seinem kurulischen Sessel, fand, es sei gar nicht so übel, Präsident einer Republik zu sein, und war demnach ein sogenannter »Vernunftrepublikaner« geworden. Er hat nicht wie sein Nachfolger gesagt: » J'y suis et j'y rest« – aber gedacht hat er es sicherlich. Auch könnte ja nur der Unverstand verneinen wollen, daß es klug, ehrenhaft und patriotisch gewesen wäre, die Zügel der Regierung in den Händen von Mr. Thiers zu lassen. Allein im Rathe der Mehrheit des Parlaments, zusammengeleimt aus stupiden Bourbonikern, herrschgierigen Jesuiten und ränkelnden Orleanisten, war es anders beschlossen und selbstverständlich trugen Dummheit und Schlechtigkeit über Vernunft und Zweckdienlichkeit den Sieg davon.

Die Art seines Sturzes erniedrigt nicht, sondern erhöht ganz entschieden die Stellung, welche Herrn Thiers in der Geschichte seines Landes zukommt. War aber seine Rolle mit dem 24. Mai von 1873 ausgespielt? Wer weiß es? Ich hatte im Spätsommer desselben Jahres in Interlaken Gelegenheit, den alten kleinen, aber rüstig sich bewegenden Herrn wiederholt zu beobachten, und er schien mir nichts weniger als resignirt auszusehen. Der Mann ist zäh und in Frankreich ist alles möglich. Wir Deutschen aber haben keinen Grund, Mr. Thiers zu bewundern und zu lieben, achten jedoch sollen wir an ihm, was wirklich achtungswerth.

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