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Blätter im Winde

Johannes Scherr: Blätter im Winde - Kapitel 2
Quellenangabe
authorJohannes Scherr
titleBlätter im Winde
publisherErnst Julius Günther
year1875
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Offenes Sendschreiben
de rebus omnibus et quibusdam aliis

an

Se. In-Sicht-Excellenz

Herrn

Zachäus Zirbeldrüse,

der Theologie und Jurisprudenz Doktor, weiland ordentlichster Professor, geheimer Hofrath und geheimerer Demagogenfänger, nunmehr außerordentlicher Patriot, öffentlicher Liberaler und wirklicher Hofpetroleur,

in
Berlin,
Gensdarmenmarkt Nr. 1111.

 

1.

Mai 1875.

 

Mein lieber alter Feind! Ich bin förmlich gerührt von der Freundlichkeit, welche Ihre gestern eingelangte Zuschrift mir erweis't. Da rede noch einer vom »preußischen Hochmuth« und von der »berliner Selbstgefälligkeit«! Sie erinnern sich vielleicht, daß ich Ihnen schon im letzten Sommer bei unserer Begegnung in Ragaz inbetreff Ihrer erstaunlichen und erstaunenden Verwandelungsfähigkeit mein aufrichtiges Kompliment gemacht habe. Sie haben sich dazumal in der That groß benommen, wissen Sie? Ich hatte Sie sofort erkannt, als Sie die Terrasse vor dem Kursal entlang kamen. Allein die verschiedenen Bändelchen in dem Knopfloch Ihres Ueberziehers flößten mir einen Respekt ein, als wäre der »Grüne Esel« aus Immermanns »Münchhausen« leibhaftig auf mich zugekommen, und erregten in mir ein so zu sagen Distanzgefühl, welches »entfernte die Vertraulichkeit«. Sie aber stiegen von der »Würde« und »Höhe« Ihrer königlich preußischen Tschin-Skala hernieder, geruhten mich – nach so vieljähriger Trennung! – wiederzuerkennen und begrüßten mich sogar mit etzlicher Emphase als »liebwerthen Mitbürger im neuen Reiche«, mich, den Süddeutschen, den simpeln Schwaben, den notorischen Republikaner, einen vom »demokratischen Gewürme«, mit dem verwichenen Doktor Strauß zu reden, von welchem ich gelegentlich dieses singen und sagen will:

Er starb, wie er gelebt, der große Tiftler,
Nämlich als richtiger tübinger Stiftler.
Das »Ewig-Mystische«, das er im Zoren
Vor Zeiten mit kritischem Spektakel
Geschmissen aus dem Tabernakel,
Es durfte beileibe nicht gehen verloren.
Er thät' es geizig konserviren
Und schließlich an die Königskrone schmieren.
Da duftet dem »neuen Glauben« zur Ehr'
Theologisch-ranzig das alte Schmeer...

Dies gethan, darf ich Sie, Hochwohlgeborener, vielleicht daran erinnern, daß mein nicht undankbares Gemüth Ihnen für Ihre wahrhaft verblüffende Herablassung sofort den Zoll des Dankes zu entrichten sich bemühte, indem ich Sie darauf aufmerksam machte, daß zwei königlich preußische Excellenzen nur ein paar Schritte von uns entfernt säßen. Wie leicht, nein, wie schwer konnten Sie sich kompromittiren! In Ihrer – entschuldigen Sie! – demagogenfängerlichen Vergangenheit hatten Sie ja selber das »Sage mir, mit wem du gehst« u.s.w. häufig genug in Anwendung gebracht. Sie aber machten sich gar nichts daraus, weder aus meiner Warnung noch aus den beiden Excellenzen – es waren freilich zwei pensionirte – sondern Sie spielten mir vielmehr eine patriotische Sonate auf der amtlich-liberal gestimmten deutschen Reichsgeige vor, daß mir nicht nur ganz berlinerblau, sondern auch nationalliberalgrau vor den Augen wurde und ich Herrn von Bennigsen reden und Herrn von Treitschke schreiben zu hören glaubte.

Es war ein schöner Moment. Leider störte denselben ein tückischer Dämon, welcher mich verleitete, an meinen lieben alten Feind Fragen zu stellen, welche ihm unbequem sein mussten. Wer ist denn für den Posten eines Großinquisitors in Berlin ausersehen? – »Für den Posten eines Großinquisitors? Sie scherzen.« – Behüte! Das schöne Dogma vom eins gleich drei und von den drei gleich einem, als wovon in der »Symbolik des Unsinns« beim Heine geschrieben steht:

»Die Nummer drei ist Schiboleth
Des Oberbonzen von Babel,
Durch dessen Buhlschaft sie einst gebar
Die heilige Trimurtifabel –«

ja, dieses für das neue deutsche Reich schlechterdings nothwendige Dogma muß auch fernerweit gerettet werden. Wehe dem, der es anrührt! Gleich schreit ein beliebiger Bonze im Kollegio Germaniko wüthend zum Fenster heraus: »Der Teufel ist los in Be – nares! Feurio und Mordio! Wetter und Zeter! Blasphemie! Hetz! hetz!« Oder eine beliebige vornehme alte Kropftaube gurrt einem strebsamen Familiar zu: »Das darf nicht geduldet werden! Setzen Sie sofort den Verfolgungsapparat des Heiligen Offiz in Bewegung gegen den Ketzer, welcher es wagte, das Dogma vom Brahma-Vischnu-Siva mit dem Humor des gesunden Menschenverstandes zu beleuchten.« – »Ja, sehen Sie ... hm, hm ... ich gebe zu ... indessen, ja, die Nothwendigkeit gewisser Schranken und ... hm, hm ... es dürfte doch immerhin, vom staatsmännischen Standpunkte betrachtet, bedenklich sein, das, was noch so vielen Tausenden und Millionen heilig ist –« – Bitte, thun Sie gefälligst die alte dumme Leier aus der Hand! Wo hätte denn jemals ein denkbarer oder vielmehr undenkbarer Unsinn existirt, welcher nicht Tausenden oder gar Millionen von Menschen »heilig« gewesen wäre? Hätte man nicht einer erklecklichen Anzahl von solchen Un- oder Blödsinnen den Krieg und schließlich unerbittlich den Garaus gemacht, so würden noch heute unsere lieben Mitmenschen einander mit Gorillakeulen umbringen statt mit. Zündnadel- und Chassepotgewehren. – »Entschuldigen Sie, das dürfte doch so ziemlich einerlei sein.« – Der Sache nach allerdings, nicht aber der Form nach, welche letztere am Ende aller Enden alles ist oder wenigstens alles bedeutet. An was wollte oder könnte man den vielbesungenen Vorschritt der Menschheit deutlicher Nachweisen als daran, daß die Menschen nachgerade gelernt haben, das ewige Einander-Umbringen in anständigeren als gorillamäßigen Formen, in so zu sagen wissenschaftlichem Geist und in künstlerischem Stile zu betreiben? Unbegreiflich, daß man an unsern Hochschulen noch keine ordentlichen Professuren für die »Philosophie des Massenmordes« und die »Aesthetik des Abmuckens« errichtet hat. Oder fallen diese mehr als jemals zeitgemäßen Disciplinen vielleicht in den Lehrkreis der sogenannten Hof- und Kathederpetroliker, welche mit dem rechten Auge das Königthum ihres unterthänigsten Ersterbens versichern, während ihr linkes mit der Kommune verschämt liebäugelt? Ja, ja, wir erleben es noch, daß die Könige statt mit Chrisam mit Petroleum gesalbt werden. – »Unverbesserlicher Pessimist, der Sie sind!« – Pessimist? Wenn ich Ihnen nun sagte, daß diese Aussicht in die Zukunft sehr optimistisch von mir gemeint sei? – »Bah, sprechen wir ernsthaft. Können Sie leugnen, daß es ein großes Vorschrittssymptom, wenn die Ueberzeugung von der unausweichlichen Nothwendigkeit socialer Reformen oder, rund und nett gesprochen, der socialen Reform auch in den gelehrten Kreisen, in den obersten Behörden und sogar an den Höfen mehr und mehr sich Bahn bricht?« – Leugnen? Ich leugne gar nichts mehr, seit ich weiß, daß man aus der Hauptstadt der chinesischen Intelligenz an den Pl–attensee verbannt wird, so man leugnet, daß die Kirchenlichter vom nikäischen Koncil auch noch die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zu erleuchten vermöchten ... Was macht, will sagen, was gründet denn dermalen Ihr Herr Kollega Wagener? – »Mein Kollega, wie?« – Nun ja, Ihr Mit-Hofkommunist. Hat er, in »höherem Auftrag«, versteht sich, noch immer Fühlung mit der socialistischen Knüttelgarde? – »Wie sehr verkennen Sie diesen edeln Mann!« – Sollte mir aufrichtig leid thun, so ich ihn verkannte. Aber da wir vom Gründen und von der Knüttelgarde sprechen, so entschuldigen Sie mich vielleicht, wenn ich, ich weiß nicht wie und warum, zu diesen Knüttelversen mich getrieben fühle:

Ist wo ein rechter Schwindel geplatzt,
Wird viel darüber im Landtag geschwatzt.
Mit mancher schönen Tugendphrase
Kitzelt man der Frau Moral die Nase,

Beschließt auch im lauten Entrüstungston
Eine parlamentarische Untersuchungskommission.
Die thut dann in aeternum berathen
Und die G–ründer lassen sich schmecken den Braten ...

»Sie werden nie ein ›Trinkgeld› in Form von etlichen hundert Prioritätsaktien bekommen, soviel ist sicher.« – Aber auch nie einen gerichtlichen Posterioritätsfußtritt. Doch da kommt Ihre Frau und wir wollen daher von anständigeren Dingen reden, als da sind Gründer und Gründereien.

Die Frau Geheimräthin Zigonia Zirbeldrüse, von welcher Sie hinter ihrem Rücken schnöderweise sagten, man sähe ihr jetzt noch an, daß sie in ihrer Jugend hätte schön sein sollen, sie gewann mir an diesem und in den nächsten Tagen großen Respekt ab. Denn nicht nur lernte ich in dieser Dame eine sehr gescheide Frau kennen, sondern auch eine Macht, welche nicht allein vor dem Recht, sondern auch vor dem Reich geht. Die Frau Geheimräthin ist nämlich von Geburt ein mecklenburger Junkfröwlein, mittelalterlich zu reden, demnach eine Vollblut-Junkerin und folglich Mitglied einer Sippe, welche den Teufel nach Kaiser und Reich fragt, ja sogar obotritisch frank und frei dem Kaiser und dem Reich unter die Nasen lacht, lachen kann und darf, ergo mächtiger sein muß als das Mächtigste, was dermalen, wenigstens den Versicherungen der außerordentlichen Patrioten à la Zachäus Zirbeldrüse und Komp. zufolge, auf unserem Erdball existirt.

Nachdem ich der Dame Zigonia klargemacht hatte, daß und warum sie für mich eine so große Respektsperson sei, führten wir – erinnern Sie sich? – mit geziemender Gründlichkeit, aber ohne alle Erhitzung eine lange Debatte de rebus obotritensibus, und maßen Sie, Verehrtester, selbstverständlich Mitglied des Reichstages sind, so beantragte ich schließlich, Sie sollten bei erster Gelegenheit eine der bekannten parlamentarischen »Thaten in Worten« verüben, um das mecklenburgische Loch in der Reichsverfassung endlich zu verstopfen. Nachdem Sie Ihre Bereitwilligkeit erklärt hatten und die Frau Geheimräthin Ihren Entschluß mittels des Besorgnißwortes: »Wenn dir nur das Laskerchen nicht zuvorkommt!« sanktionirt hatte, vereinbarten und redigirten wir diesen von Ihnen einzubringenden Dringlichkeitsantrag: – In anbetracht, daß die periodisch wiederkehrenden reichstäglichen Redeübungen hinsichtlich Mecklenburgs nachgerade langweiligst geworden sind, in anbetracht auch, daß gegen die Granden vom Obotritenland nicht vorgefahren werden kann als wie gegen Ultramontane, Socialdemokraten und sonstige plebeische Reichsfeinde, thut der Reichstag so, als könnte er beschließen: 1) Mecklenburg wird förmlich zum mittelalterlichen Reichsraritätenkasten erklärt und als solcher für ewige Zeiten konservirt, insbesondere in der Meinung, daß Studirende der Jurisprudenz und der Geschichte fürohin Gelegenheit haben sollen, die Institutionen der guten alten frommen Zeit in besagtem Kasten handgreiflich zu erforschen und namentlich die bis dato strittige rechtsgeschichtliche Frage nach Sein oder Nichtsein des Jus primae noctis abschließend zu lösen; 2) Herr von Gerlach wird von centrumswegen zum Oberkustos des Mittelalterraritätenreichskastens ernannt, mit der Verpflichtung, nach erfolgtem Tode sich ausstopfen zu lassen, um, in dem seiner Obhut anvertrauten Museum aufgestellt, diese Reichsanstalt mit einer rarsten Rarität zu bereichern ...

So geschehen zu Ragaz im Sommer von 1874, zur Zeit, als dorten der große Schlachtenlenker von 1870-71 badete und ich eine nicht nur begeisterte, sondern auch schöne Patriotin aus Hamburg wehklagen hörte: »Ach, meine Moltke-Illusion! Denken Sie sich, er trägt eine Perücke. O Himmel, mein Heldenideal!« Ist futsch, setzte ich stillschweigend hinzu. Da haben wir wieder einmal die Geschichtsphilosophie der Frauen: beim Cäsar können sie nicht über die Glatze, beim Moltke nicht über die Atzel wegkommen. Es gibt allerdings Ausnahmen, aber das sind seltenste. Im allgemeinen interessirt die Frauen an der weltgeschichtlichen Tragikomödie nur die Dekoration und das Kostüm oder darüber hinaus höchstens noch etwa eine: Kulissenintrike.

Bitte, bitte, schnattert jetzt nicht alsogleich zornig und erbost vom Luftkapitol der Frauenemancipation herab, mehr oder weniger vermancipirte Gegnerinnen! Erstens bin ich ja kein Gentz, der sich bekanntlich vor Gänsen fürchtete, und zweitens war die vorhin von mir ausgesprochene Thatsache keineswegs tadelnd gemeint. Pro primo nicht, weil ich ja gar wohl weiß, wie man euch armen Dingern in euren Klöstern oder Pensionaten Geschichte lehrt; pro sekundo nicht, weil ich altfränkischer Mensch, unter uns gesagt, der festen Meinung bin, es zieme einer Frau und ziere sie viel mehr, ihren Haushalt und ihr Haushaltsbuch hübsch in Ordnung zu halten, als im Weltgeschichtsbuche flüchtig herumzublättern. Natürlich gilt diese vordarwinisch-philisterne Ansicht nicht den großen weiblichen Geistern – Verzeihung! korrektest muß ich sagen: den großen Geistinnen, welche an das Evangelium von Phantasus Stuart Mill glauben und so sich fühlen und aufspielen, als müsste des alten Aristophels Komödie von den »Ekklesiazusen« nächster Tage welthistorisch in Scene gehen.

Entschuldigen Sie diese Abschweifung und revenons à nos moutons, worunter ich aber nicht etwa die mecklenburger Granden verstanden wissen will, behüte! sondern vielmehr nur die zwischen uns vereinbarte und von Ihnen im Reichstage zu stellende Motion. Sie haben dieselbige nicht gestellt, zu meinem nicht geringen Leidwesen. Denn als Miturheber glaubte ich mir allbereits schmeicheln zu dürfen, daß es doch auch einmal einem vom »demokratischen Gewürme« gelungen sei, ein stilles Verdienstelchen um das neue deutsche Reich sich zu erwerben. Die Herren Nationalliberalen, item auch die Herren Hofsocialisten und Kathederpetroliker lassen ja sonst unsereinen dazu den Rank nicht finden. Ueberhaupt hat man Mühe, hinter dem rabiaten Schritt des Patriotismus neuester Mache nicht allzuweit zurückzubleiben. Wie das mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung allwärts schwarzweißroth schillert und bockbierbässig amrheinwachtelt!

Wie Benz und Butz so liberal jetzt sind,
Wie patentirt-fortschrittlich Kegel und Kind,
Wie staatsgesinnungstüchtig Mann und Maus –
's ist ein Graus! ...

Sie schrieben mir, um Ihr Nichtworthalten zu entschuldigen, was ganz überflüssig war; denn wir kennen ja noch von 1848 her die Worttreue der liberalen Mädchen für alles. Uebrigens lasse ich Ihr Motiv gelten, wenn Sie sagten: »Der parlamentarische Markt ist dermalen mit Infuln, Krummstäben, Jesuitenhüten und Kapuzinerkapuzen so überführt, daß für eine mit obotritischen Ritterhelmen gefüllte Schwatzbude gar kein Raum vorhanden.« Hernach erwiesen Sie mir die Ehre, mich um die »aufrichtige« und »ernsthafte« Mittheilung dessen zu bitten, was ich über die deutschen Dinge dächte und wie ich die Sachlage intra et extra muros ansähe.

Ich will Ihrem Wunsche entsprechen und zwar mit geziemender Ernsthaftigkeit, obgleich Sie mir schon werden gestatten müssen, in meiner Weise zu reden und nicht in jener »erschöpfenden«, vor welcher die erschöpften Leser Zuflucht in morpheusischen Landen suchen. Auch Aufrichtigkeit kann ich Ihnen versprechen, und damit Sie hiervon einen Vorschmack erhalten, will ich meinen heutigen Schreibebrief mit der Bemerkung schließen, daß mir vorkommt, der Herr Reichskanzler habe beabsichtigt, am 14. April dieses Jahres in einem Pietistenkonventikel eine Rede zu halten, und habe sich mit dieser Rede ins preußische Herrenhaus verirrt.

 

2.

Ende Mai 1875.

 

Sintemalen in einer Privatkorrespondenz das Vorstecken der Objektivitätsmaske, hinter welcher, gelegentlich bemerkt, die Herren Historiker und Publizisten von der angeblichen »objektiven« Schule ihre subjektivste Parteilichkeit verstecken zu können glauben, weder zum guten noch zum schlechten Ton gehört, will ich zuvörderst freisam von mir selber reden und Ihnen, Domine borussime, ins Gedächtniß zurückrufen, daß ich so weit als irgend einer meiner süddeutschen Landsleute von der Borussomanie entfernt bin.

Ja, aufrichtig gestanden, das schnarrende, stechschrittliche, Stiefelnabsätze zusammenschlagende Wesen und Gethue war und ist mir in der Seele zuwider. Das Korporalisch-Preußische ist in mehr als einer Beziehung eine sehr ehrenwerthe, tüchtige und nützliche Sache, gar nicht zu leugnen; aber ebensowenig lässt sich bestreiten, daß es auf uns Süddeutsche durchweg antipathisch wirkt. Nicht, wie Herr von Treitschke meint, weil uns von jeher »die Zucht eines großen Staates« fehlte, sondern weil es in unserem Naturell liegt, den Menschen höher zu stellen als den Korporal, und wäre dieser auch das verwirklichte Ideal der Korporalität.

Man soll sich darüber in Berlin nur keinen Illusionen hingeben: Preußen hat sich, seitdem Deutschland in ihm aufgegangen worden, in Süddeutschland wohl Kreaturen gemacht, aber keine Freunde. Denn das Preußenthum um seiner selbst willen zu lieben, das geht einem Süddeutschen schlechthin gegen den Mann.

Trotzdem ist die Menge der Süddeutschen, welche die Thatsache der Neuschaffung des Reiches durch Preußen als einen ungeheuren Vorschritt dankbar anerkennen, zweifelsohne groß. Viele, wohl gar die meisten derselben befinden sich, denk' ich, in meinem eigenen Falle, das heißt, sie nehmen und fassen die Verpreußung Deutschlands als einen harten, aber unausweichlichen Schicksalsschluß, als die von der Logik der Thatsachen erzwungene Schlußfolgerung aus geschichtlichen Prämissen, als die zur Zeit einzig mögliche Lösung der deutschen Frage.

Wo war denn eine andere Möglichkeit? Etwa bei jener armsäligen Fastnachtsposse mitten im Sommer, bei jenem frankfurter Fürstentag von 1863? Oder bei partikularistischen Ministern von der Sorte der Beust, von der Pfordten, Varnbüler und Dalwigk? Bei »Großdeutschen«, deren Großdeutschland unter dem Kaisermantel des Louis Verhuell bequem Platz gehabt hätte? Oder bei jener »Volkspartei« ohne Volk, welche des standhaften Glaubens war, die deutsche Einheit könnte und müsste aus dem hohlen Bauche der windgeschwängerten Schützen- und Sängerfestsphrase geboren werden?

Nur die Macht gründet Staaten und nur die Macht erhält sie. Das ist eine Binsenwahrheit, die jedermann wissen könnte, aber nicht jedermann wissen will. Um so schlimmer für den jedermann! Durch sein bloßes Nicht-nach-Frankfurt-Kommen in den Hundstagen von 1863 lieferte Preußen allen, die Augen hatten, den unwidersprechlichen Beweis, daß es in Deutschland nicht nur eine Macht, sondern geradezu die einzige Macht sei. Es hätte diesen Beweis schon annis 1848-49 zu liefern vermocht, ohne große Anstrengung zu liefern vermocht, falls nicht zu Potsdam der von Muckern und Jesuitinnen gegängelte Friedrich Wilhelm der Vierte sein unseliges Regiment führte oder führen ließ. An den schweren Verschuldungen dieses Regiments krankt Deutschland noch heute. Der gekrönte Romantiker und seine Jesuitinnen und Mucker, sie haben mit vollen Händen zwanzig Jahre lang die Windsaat ausgestreut, welche dann als ultramontaner Sturm aufgegangen ist und jetzt nur mit äußerster Energie und Beharrlichkeit beschworen werden kann.

Das Königthum, wie es Friedrich Wilhelm der Vierte verstand und üben ließ, war schon 1848 ein unermessliches Unglück. Es verhinderte ja die rasche Verwirklichung des deutschen Einheitsgedankens unter preußischer Führung, welche Verwirklichung schon damals in der Natur der Dinge lag und unschwer sich vollzogen hätte, wenn ein Mann auf dem Throne der Hohenzollern saß. Nur etwa ein königlich preußischer Hofhistoriograph könnte die Stirne haben, bestreiten zu wollen, daß damals das Misstrauen und der Haß der süddeutschen Demokratie gegen den Preußenkönig vollständig gerechtfertigt waren. Und dennoch besaß diese Demokratie im Frühjahr von 1849 patriotische Selbstverleugnung genug, die Anerkennung der vom ersten deutschen Parlament beschlossenen Reichsverfassung mitsammt dem Kaiserthum Friedrich Wilhelms des Vierten bei den süddeutschen Regierungen durchzusetzen. Der Romantiker in Potsdam freilich war von solchem Pflichtgefühl und solcher Selbstverleugnung weit entfernt. In jedem Augenblicke bereit, sich dem Schwager Car zu Füßen zu legen, kehrte er gegen die deutsche Nation einen wahrhaft delirirenden Hochmuth des Absolutismus heraus. Wir besitzen jetzt die Ausbrüche dieses Deliriums schwarz auf weiß in den gleichzeitigen Briefen des Königs an Bunsen, welche ein höchst werthvoller Beitrag zur Geschichte der menschlichen Narrheit im 19. Jahrhundert sind.

Wenn nun aber schon Liberale, die so zahm waren, daß sie jedem Fürsten aus der Hand fraßen, über die Ablehnung der Kaiserkrone von seiten des Romantikers und mehr noch über die schnöde Hohnart und Spottweise dieser Ablehnung so außer sich geriethen, daß sie zum ersten- und letztenmal in ihrem Leben für ganze 24 Stunden unterthänigst zu ersterben vergaßen, so dürfte es doch nicht so schwer zu begreifen sein, daß die süddeutschen Demokraten in hellen Ingrimm ausbrachen. Sie hatten mit schwerer Selbstüberwindung im März und April von 1849 ihr Ideal einer deutschen Föderativrepublik auf den Altar des Vaterlandes niedergelegt und das Opfer war verschmäht worden und wie verschmäht worden! Dazu kam dann noch die Standrechtspolitik, die erbarmungslose Grausamkeit, womit nach Niederwerfung des pfälzisch-badischen Aufstandes die preußischen Sieger gegen die besiegten Reichsverfassungskämpfer verfuhren.

Ich höre Sie fragen: Warum alte, vernarbte Wunden wieder aufreißen? Doch ich sage Ihnen, diese Wunden sind nicht vernarbt: in hunderten, in tausenden von süddeutschen Herzen bluten sie noch heute nach, und ich weise darum auf sie hin, um Ihnen begreiflich zu machen, daß und wie die süddeutschen Demokraten dazu kommen konnten, in Preußen den größten Feind Deutschlands zu sehen. Was war denn, so, wie die Sachen im Herbste von 1849 und in den zunächst folgenden Jahren lagen, was war für Deutschland von einem Staate zu erwarten, dessen König es als selbstverständlich hinnahm, daß der Car im Oktober 1849 in Warschau zum Grafen Brandenburg sagen durfte: »Ich habe meinen Schwager hierher beschieden« – wie man einen Hausknecht herbescheidet? Von einem Staate, dessen Regierung die unerhörte Novemberschmach von Olmütz unweigerlich auf sich nahm, ja sogar mit einer Stirne von Erz dieser Schmach sich rühmte?

Die süddeutsche Demokratie hatte fürwahr guten Grund, das preußische Regiment der fünfziger Jahre, eines der schlechtesten, welche es jemals gegeben, zu verabscheuen und nur Unheil und Schande von demselben zu erwarten. Aber sie that unrecht, die in demokratischen Augen allerdings »brutale« Thatsache zu übersehen, daß ohne Preußen überhaupt nichts für Deutschland zu hoffen war. Diese Thatsache, ich wiederhole es, ist durch das klägliche Scheitern aller seit 1850 dann und wann von seiten der »Mittelstaaten«, von seiten Oestreichs und von seiten der sogenannten »Volkspartei« unternommenen Versuche, für die deutsche Frage irgendeine Lösung zu finden oder auch nur zu suchen, unwidersprechlich klargestellt. Darüber kann gar kein Streit mehr sein. Denn wenn die deutsche Frage auf dem Wege ministerlicher Velleitäten oder volksparteilicher Resolutionen zu lösen war, warum haben denn die Gegner Preußens dieselbe nicht trotz Preußens gelös't? Natürlich, weil sie nicht konnten, weil sie überhaupt nichts konnten als schwatzen. Auch darüber sollte, wenigstens unter verständigen Leuten, kein Streit mehr aufkommen können, daß derartige Fragenknoten wie der in Rede stehende niemals, solange die Welt steht, und niemals, solange die Welt stehen wird, das heißt, solange Menschen Menschen waren und sind, mittels Worten aufgelös't, sondern mit dem Schwerte zerhauen wurden und werden. Bismarck hat nur eine weltgeschichtliche Wahrheit mit löblicher Offenheit ausgesprochen, als er sein berühmtes Eisen- und Blutwort fliegen ließ.

Daß man in Süddeutschland auch dazumal noch nicht wusste, woran man mit dem nicht mehr vom Manteuffel, sondern vom Bismarck regierten Preußen war, das zeugt von einer krassen Unwissenheit, von einer märchenhaften Verblendung. Diese rührte nicht etwa nur daher, daß man die deutsche Frage noch immer für eine Rechtsfrage nahm, während sie doch wie alle großen Fragen eine Machtfrage war, sondern auch und mehr noch daher, daß man sich in Süddeutschland über die Machtverhältnisse gröblich täuschte.

Seit der Zeit von 1813-15, allwo Preußen und nur Preußen die Selbstständigkeit Deutschlands und die nationale Ehre gerettet hatte, war es Herr der deutschen Geschicke, sobald es ernstlich wollte und nicht von alten oder jungen Weibern, sondern von Männern geleitet wurde. Noch mehr, sogar die alten Weiber, welche unter Friedrich Wilhelm dem Dritten regierten, vermochten allen Vereitelungsbemühungen von seiten Metternichs zum Trotz die Schaffung des Zollvereins durchzusetzen. Natürlich! Denn der Kirchhofsruhepolitik eines Metternich gegenüber war selbst die preußische von damals eine Politik des Lebens und der Bewegung. Preußen war eine Schnecke, aber Oestreich ein Petrefakt. In Berlin besoldete man den Hegel als Hof- und Staatsphilosophen, in Wien ging der officielle Kulturhaß so weit, daß man sogar den hyperloyalen Grillparzer in stupider Weise drangsalirte. Man lese nur die Selbstbiographie des Mannes. In Preußen rief man wenigstens in der Noth mitunter den Geist an, in Oestreich war es ein Unglück, wenn nicht ein Verbrechen, überhaupt Geist zu haben. Preußen durfte seines deutschen Berufes nie ganz uneingedenk sein, wenn es die eigene Zukunft nicht in Frage stellen wollte; Oestreich durfte nicht deutsch sein wollen, wenn es den Ansprüchen seiner verschiedenen »Völker« gerecht werden sollte. Bei sothanen Umständen konnte der schließliche Ausgang des östreichisch-preußischen Dualismus kaum fraglich sein. Daß aber diese unselige Hemmkette der deutschen Entwickelung einmal zerrissen werden musste, darüber sollten heute doch wohl alle Deutschen einig sein, welche weder dem unfehlbaren Papst noch irgend einem unfehlbaren Parteibovist das sacrificio del in elletto gebracht haben.

Unter meinen süddeutschen Landsleuten gibt es eine nicht kleine Anzahl ehrenwerther Männer von unzweifelhaftem Patriotismus, welche die historische Nothwendigkeit der Verpreußung Deutschlands, um durch diese Verpreußung hindurch zur Vollendung der nationalen Einheit zu gelangen, noch immer nicht begreifen wollen. Denen wäre ein genaues Studium der napoleonischen Zeit dringend zu empfehlen. Und auch noch anderen Leuten würde, gelegentlich bemerkt, dieses Studium wohlanstehen. Es würde dann nicht mehr vorkommen, daß eine bekannte Anekdote aus jener Zeit, mit deren authentischer Bezeugung es freilich nur so so la la bestellt ist, so total falsch citirt und so verballhornt werden könnte, wie in der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses am 16. April von seiten des Herrn von Schorlemer-Alst wie von seiten des Herrn Reichskanzlers geschehen ist.

Süddeutschland hat die verderblichen Wirkungen und Nachwehen der Rheinbundszeit noch immer nicht ganz verwunden. Zwar die bairische, wirtembergische, badische, hessische, nassauische »Nation« zu entdeutschen gelang den über alle Begriffe erbärmlichen Sklaven Napoleons, diesen rheinbündischen Despoten und Despötlein, die wie Hunde vor ihrem Oberdespoten krochen, lange nicht so weit, als sie es wollten und versuchten. Ebenso steht aber auch fest, daß von jenem rheinbundfürstlichen Größenwahn, welcher den König Friedrich von Wirtemberg riesenmäulig von seinem »Reich« und von »allen seinen Staaten« bramarbasiren ließ, etwas auch in die Bevölkerungen eingegangen ist. Es war etwas von diesem Größenwahn der süddeutschen Krähwinkelstaaterei in dem Aprilgang des Badensers Hecker anno 1848, welcher ja Lyceist genug gewesen ist, sich einzubilden, mit lächerlich kleinen Mitteln ließe sich von einem entlegenen Winkel aus Deutschland revolutioniren und republikanisiren. Und noch viel später hat sich dieser rheinbündische Größenwahn lächerlichst mausig gemacht, an jenem Tage, als er angesichts des Krieges von 1866 einen wirtembergischen Minister in eine bislang noch unerforschte Tiefe des Blödsinns hinabsteigen, das heißt, in der Abgeordnetenkammer den Preußen zum voraus ein » Vae victis!« zurufen ließ. Etliche Wochen später ist dann derselbe Minister nach Nikolsburg geeilt, um von den Vae-victis-Preußen den Frieden für das »Reich« Wirtemberg zu erbetteln.

Gewiß war es schmerzlich, die große Thatsache der anhebenden Vereinheitlichung Deutschlands auf dem Wege des Bürgerkrieges sich vollziehen zu sehen. Aber diese Bitterniß wurde in den Gemüthern denkender Patrioten wenigstens einigermaßen gemildert durch das Gefühl der Befriedigung, daß die Jammersäligkeit, Zeitwidrigkeit und Impotenz der Kleinstaaterei doch endlich einmal unwiderleglich erwiesen worden. Ich erinnere mich, selten in meinem Leben ein so tiefes Gefühl von Ekel gehabt zu haben wie damals, als der Bundestag – der Bundestag! – in Frankfurt die schwarzrothgoldene Fahne heraushing und die wiedererstandene »Reichsarmee« kommandirt wurde die schwarzrothgoldene Feldbinde anzulegen. Es fehlte nur noch, daß der blinde Jörg von Hannover und der böse Dietrich von Kassel sich schwarzrothgolden anstreichen ließen, um die klägliche Komödie vollständig zu machen. Sie endigte dann mit Schrecken und wie hätte sie auch anders enden können? Schon am 3. Juli von 1866 wurde bei Königgrätz die deutsche Kaiserkrone geschmiedet, welche am 18. Januar von 1871 im Schlosse zu Versailles dem Hohenzollern aufgesetzt worden ist. Die Aufgabe dieser Kaiserschaft ist, die Zusammenschließung, meinetwegen die Zusammenhämmerung, Zusammenschweißung, Zusammenpreußung der Deutschen zu einem kompakten nationalen Körper zu vollbringen, und wer gerecht sein kann und will, wird sagen müssen, daß die Jahre 1866 und 1870-71 den Beweis erbrachten, Preußen habe das Zeug zu dieser Arbeit.

Sehen Sie, mein lieber alter Feind, so betrachte ich, den seine republikanischen Anschauungen und Ueberzeugungen weit außerhalb aller Berührung mit der officiellen und officiösen Reichswelt stellen, den Entwickelungsgang der Dinge daheim. Möglich, wahrscheinlich sogar, daß dem fernstehenden Beobachter manches, vieles von dem entgeht, was aus der Nähe betrachtet sein will. Aber hinwiederum genieße ich des Vortheils, von keiner Erscheinung weder geblendet noch abgestoßen zu werden und aus der Ferne das Ganze unbefangen überblicken zu können.

Damit genug für heute. Ich ersuche Sie, der Frau Zigonia meinen tiefgefühlten Respekt zu vermelden und ihr zu sagen, ich ließe sie bitten, ein scharfes ehefrauliches Auge auf den Herrn Gemahl zu haben, wann dieser vom hofsocialistischen Raptus angewandelt würde. Sie wissen ja, es ist schon mancher, der den Narren spielte, in allem Ernste verrückt geworden, so verrückt, daß er den Baumast, auf welchem er saß, abgesägt hat.

 

3.

Anfang Juni 1875.

 

Hochwohlgeborener Geheimer im Präteritum und Oeffentlicher im Präsens! Sie erinnern sich vielleicht noch unseres Schulkameraden Bonifaz Zimperle, welcher nach nahezu dreißigjährigem Dienste von seiner Gymnasialprofessur weggemaßregelt, so recht weggemühlert worden ist. Warum? Darum: – Einer seiner Sekundaner hatte einen von Zimperle gerügten griechischen Sprachschnitzer damit zu rechtfertigen gesucht, daß er für diesen Schnitzer die Autorität des Neuen Testaments anführte. Darauf der arme Bonifaz: »Kommen Sie mir nicht damit! Was? Das elende Griechisch dieses Machwerkes ...« Mehr sagte er nicht; aber er hatte schon zu viel gesagt. Die Mythographie des Christenthums ein elend stilisirtes Machwerk! Diese Sünde gegen den heiligen Mühler konnte nicht verziehen werden. Bonifacius musste sein Bündel schnüren und zog sich hierher zurück, als in eine Gegend, allwo man nicht befürchten muß, drangsalirt zu werden, so man meint und sagt, daß die Zusammenstoppeler der christlichen Mythologie entschieden viel schlechtere Poeten und Stilisten gewesen seien als die Verfasser der hellenischen.

Sie werden zweifelsohne sagen, die Mühlerei sei ab und vorbei; wozu so alte Geschichten aufrühren? Dazu, Excellenz im Futurum, um Sie und Ihresgleichen, sowie die Brotherren von Ihnen und Ihresgleichen, immer wieder daran zu erinnern, daß die Schäden, an denen Deutschland dermalen so schmerzlich leidet, nur die naturnothwendigen Folgen der Ausschweifungen sind, welche eine verblendete Rückwärtserei sich zu schulden kommen ließ. Wo waren damals, beiläufig gefragt, die großen, größeren und größten Patrioten von neuester Mache? Wo die Herren Liberalen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung? Wo alle die Reichstrompeter und Reichspauker in der Livree Bismarcks? Ueberall, nur nicht da, wo es galt, ohne und sogar wider hohe obrigkeitliche Bewilligung für die gute alte Sache der Vernunft und des Vaterlandes zu streiten. Und jetzt will dieses im Hofsonnenschein aus dem Schlamme der Knechtschaffenheit hervorgekrochene Geziefer mit frechster Erdreistung uns anderen vordociren, was Patriotismus und Politik sei? Bleib' im Vorzimmer, Gesindel! Dort ist dein Platz und du bist ja dort auch am nächsten dabei, die Livree im Handumdrehen wechseln zu können, falls den Bismarck und Falk wieder die Manteuffel und Mühler folgen sollten.

Wäre das eine Möglichkeit? Warum denn nicht? Die Dummheit ist auf Erden immer das Möglichste in saecula saeculorum. Und es ist ja gar nicht wahr, daß mit dem Mühler auch die Mühlerei gegangen. Ein Schulmeister, der so naiv ist, das Gerede vom Staatsliberalismus für baare Münze zu nehmen und zu glauben, das Gesetz über die Civilehe müsste doch wohl auch für Schulmeister gelten, verheiratet sich civiliter. Klatsch! jagt ihn der Bonzenrath von Kuhschnappel vom Amte und der Herr Minister, in der Kammer interpellirt, erklärt, nichts von der Geschichte zu wissen. Oder ein Gymnasiallehrer gibt bei Gelegenheit seiner Beeidigung als Geschworener die Erklärung ab, daß die Formel »so wahr mir Gott helfe« für ihn nur soweit Bedeutung habe, als das Gesetz sie vorschreibe, weil nach seiner Ueberzeugung es eine Einwirkung eines persönlichen Gottes auf menschliche Handlungen nicht gebe. Krack! entsetzt das Provinzial-Schulkollegium der Provinz Sandenburg den Ketzer seines Amtes. Denn »in meinem Staate kann jeder nach Seiner Fasson Selich werden«. Die alte Geschichte! Man zeigt den Pfaffen den Drohfinger der rechten Hand, aber mit der linken streichelt man sie. Und da wundert man sich noch in Berlin, daß in Süddeutschland die alte Sage von der preußischen Heuchelei nicht verstummen will!

Winseln Sie mir nicht vor, die Reichsfreunde müssten alle früheren Differenzen vergessen, müssten zusammenstehen wie ein Mann. Man kann nicht zusammenstehen und zusammengehen mit Leuten, die man so gründlich verachtet, wie unsereiner die Staatssophisten und Salonjesuiten, die officiellen und officiösen Federknechte, die Antichambre-Gelehrten und Hofprofessoren verachtet, diesen Pöbel in Lackstiefeln und Glanzhandschuhen, welcher es mittels seiner reichsfarbig angemalten Bedientenhaftigkeit glücklich dahingebracht hat, daß die Sklaven des Vatikans, die Geisteigenen des » Al Gesù« mit einigem Schein von Berechtigung den Namen der Freiheit eitel im Munde führen können. In diesem liberal und vornehm thuenden Pöbel verflechten sich niedrige Instinkte und hochfahrende Begehrlichkeiten, der Neid der Mittelmäßigkeit und der Größenwahn der Ohnmacht, die ödeste Geistesarmuth und die selbstgefälligste Ueberhebung, die niederträchtigste Kriecherei und die übermüthigste Anmaßung zu einem Rattenkönig, welcher an Widerwärtigkeit kaum seinesgleichen hat. Mit solchen »Reichstreuen« zusammengehen? Niemals! Da ist mir, menschlich angesehen, der dickste altbairische Bierbonze in seiner autochthonen Dummheit immer noch lieber als so ein Pfiffikus Schmerle von Karrière-Keucher, welcher den Mantel reichstreu hängt, weil der Wind gerade so von Berlin herweht. Lasst einmal den Wind umschlagen und alle diese Patriotenmäntel werden wieder anders hängen. Der officielle Patriotismus und der officiöse Liberalismus, sie machen mitsammen jene Politik aus, von welcher geschrieben steht oder geschrieben stehen sollte: –

Was ist die Politik?
Die »Kunst des Möglichen«.
Drum such' mit Miene, Wort und Blick
Es zu ermöglichen,
Daß du mit richtigem Schwick und Schick
In jedem Augenblick
Gehörest zu den Möglichen ...

Also unser Schulkamerad, der weggemühlerte Bonifaz Zimperle, stand von meinem Kanapee auf, ließ die Allgemeine Zeitung, worin er gelesen, zu Boden fallen und rief aus: »Das ist ja, um die Hände über dem Cylinder zusammenzuschlagen!« – Warum nicht gar! Erstens haben Sie keinen Cylinder auf und zweitens wären Ihre Arme viel zu kurz, um die besagte Turnübung zuwegebringen zu können. – »Thut nichts. Ich frage: wie kann man so lügen?« – Was ist denn? – »Da sehen Sie. Der Kardinal Manning, aus Rom nach London zurückgekehrt, empfing eine vom Herzog von Norfolk geführte Begrüßungsabordnung und in seiner Antwort auf die Anrede derselben versicherte er, vor Zeiten, als die Welt durch den christlichen Glauben und durch das christliche Gesetz regiert worden, da sei alles besser, friedlicher, menschlicher gewesen. Wo? Wann? Die verlogene Eminenz kann ja gar keine andere Zeit im Auge haben als etwa jene mittelalterliche, wo das Papstthum den Höhepunkt seiner Macht erreicht hatte. Und damals hätte das ›christliche Gesetz› regiert? Damals wäre es menschlich zu- und hergegangen? So etwas zu behaupten, ist doch nur ein Pfaffe unverschämt genug. Selbst Sir John Falstaff würde sich einer solchen Lüge schämen.« – Sie altes Kind! Was ist denn da zu verwundern? Wozu wären denn die Pfaffen da als zum lügen? Was ist denn am Ende aller Enden das sogenannte Christenthum selbst? Was die Religion überhaupt? – »Eine Illusion, ein Wahn, aber ein nothwendiger.« – Ganz gewiß. Jeder Mensch, der nicht geradezu ein zweibeiniges Stück Vieh ist, bedarf dieser Illusion, hat sie, hegt sie in dieser oder jener Form. Wenn man aber die Prämisse der religiösen Illusion als naturnothwendig erkennt und anerkennt, anerkennen muß, so muß man sich auch die Schlußfolgerungen gefallen lassen. Die Priester sind, weil sie sein müssen. Nur Hohlschädel können wähnen, es würde jemals eine religionslose Gesellschaft geben. – »Wohl, wohl. Aber man sollte doch nach so vieltausendjähriger Kulturarbeit erwarten dürfen, daß sich die Menschen nachgerade eine einigermaßen anständige, eine mit dem Einmaleins weniger gespannte, eine weniger pfahlbäuerische und mehr civilisirte Religion angeschafft und angewöhnt hätten.« – Meinen Sie? Wenn aber die katholische oder die lutherische Bonzenreligion, wie sie nun einmal sind, den religiösen Bedürfnissen der ungeheuren Mehrzahl unserer mehr oder weniger civilisirten Menschenbrüder entsprechen, wie dann? – »Dann haben alle unsere großen Denker und Dichter vergebens gelebt.« – Daran ist etwas wahres, sehr viel sogar, theuerster Magister. Was weiß denn das Volk vom Lessing und Kant, vom Göthe und Schiller? Nichts. Es sind jetzt hundert Jahre verflossen, seitdem diese großen Männer beschäftigt waren, Ströme von Licht über unser Land auszugießen, und noch gibt es Millionen von Deutschen, welche diese Lichtbringer nicht einmal dem Namen nach kennen. – »Das ist sehr traurig.« – Gewiß, aber noch trauriger als die Unkenntniß von seiten der Menge ist die schnöde Verleugnung alles Besten und Schönsten, was der deutsche Genius geschaffen, von seiten einer nicht geringen Anzahl solcher Deutschen und Deutschinnen, welche sich zu den »Gebildeten« zählen. Wenn dem nicht so wäre, wenn nicht zur Schmach unseres Landes tausende und wieder tausende von Junkern und Junkerinnen, von Pfaffen und Pfäfflingen der frohen Botschaft von Weimar die frechfanatische, vom Schlosse Loyola in Guipuzkoa ausgegangene vorzögen, wie könnte es im deutschen Reichstage ein »Centrum«, wie könnte es deutsche Bischöfe geben, welche mit vollem Bewusstsein vor dem Tag und Nacht auf das Verderben ihres Vaterlandes sinnenden Papst-Baal sich in den Staub werfen und bereit sind, die in Form von tausend Flüchen ausgesprochenen Verderbenswünsche ihres Götzen mit allen Kräften zu fördern? – »Nun, es ist ja anderwärts, z. B. in Frankreich, gerade so oder ähnlich.« – Nein, Liebster. Kein Franzos, selbst Erzjesuiten wie Dupanloup und Falloux nicht ausgenommen, wäre ehrlos genug, so vaterlandsverrätherisch zu reden und zu handeln wie unsere Römlinge. Die französischen Jesuiten bedienen sich des Ultramontanismus als eines Mittels, womit sie Frankreich wieder emporzubringen, wieder zur ersten Großmacht zu machen glauben; den deutschen Jesuiten dagegen ist der Jesuitismus Selbstzweck, das heißt, sie wollen demselben Deutschland unbedingt unterwerfen, wär' es auch mit Beihilfe der Franzosen. – »Diesen Unterschied geb' ich zu. Er rührt, scheint mir, daher, daß der französische Patriotismus ein elementarer, der deutsche dagegen ein Produkt der Bildung ist. Ein deutsches Heimatsgefühl allerdings gibt es von naturwegen; aber der deutsche Vaterlandsgedanke und vollends ein deutscher Vaterlandsstolz, sie sind erst durch unsere klassische und romantische Literatur – die letztere in ihrer patriotischen Auszweigung verstanden – geschaffen und großgezogen worden. Maßen nun unsere römischen Bonzen und ihr gesammter Anhang das deutsche Denken und Dichten, die deutsche Poesie und Philosophie, als von ihrem Tale Lama in Acht und Bann gethan, verleugnen und verabscheuen, so ist es nur folgerichtig, daß sie auch die nationale Idee und deren staatliche Verwirklichung im deutschen Reiche verwerfen und ihr Vaterland im Vatikan suchen und finden.« – Ganz recht. Wird aber, was meinen Sie, gegen einen Jesuitismus von dieser Sorte mit Strafgesetzen und Polizei etwas auszurichten sein? – »Im einzelnen, ja. Der von Berlin aus geführte Kampf wird, wenn mit Ausdauer fortgesetzt, wohlverstanden! – wenigstens derartigen Skandalien wie der Ueberwucherung des Reiches, sogar in protestantischen Gegenden, mit klösterlichen Giftpflanzen ein Ende machen. Auch von der Emancipation der Schule von der Kirche – von einer wirklichen und nicht bloß scheinbaren Emancipation, wohlverstanden! – sowie von der Heranbildung der katholischen Theologen auf deutschen Hochschulen ist immerhin einiges zu erwarten. Aber im ganzen und großen wird der ›Kulturkampf› nicht flecken. Warum nicht? Darum nicht, weil die Menschen nicht weise werden wollen und weil es demzufolge, wie Sie vorhin richtig bemerkten, allezeit Priester geben muß.« – Natürlich! Weil da und dort einer – im günstigsten Falle einer auf eine Million gerechnet – die Wahrheit aus Wahrheitseifer sucht, redet er sich und andern ein, der Mensch sei überhaupt ein Wahrheitssucher. Nichts kann falscher sein. Beweis hierfür schon die Thatsache, daß alle die Wahrheitssucher, falls sie »thöricht genug« waren, »ihr Gefühl, ihr Schauen dem Pöbel zu offenbaren«, sehr übel gefahren sind. Man könnte eigentlich sagen, es sei ihnen ganz recht geschehen. Wer hieß sie klüger sein wollen als ihre lieben oder unlieben Mitmenschen? Wenn die ungeheure Mehrzahl der federlosen Zweifüßler von der Wahrheit nichts wissen will, so ist sie in ihrem Rechte; denn sie handelt so nicht etwa infolge mehr oder weniger selbstverschuldeter Unwissenheit, sondern instinktmäßig, von Naturtriebes Gnaden. Der Mensch hungert und dürstet nach Illusionen. Weil sein Dasein ein schwerer Traum, fühlt er sich unwiderstehlich getrieben, die Schwere dieses Traumes der Wirklichkeit mittels Träumen der Phantasie etwas zu erleichtern und zu beflügeln. Täuschung, Wahn, Lüge sind für ihn unabweisliche, weil naturnothwendige Bedürfnisse. Wenn es denkbar sein könnte, daß die Menschheit – ich meine die sogenannte civilisirte – heute atheistisch wäre, morgen schon würde sie sich wieder Götter und Göttinnen, Heiligenfratzen und Madonnenfetische wie die von Loreto, Einsiedeln, Czenstochau und Lourdes machen, in zum voraus allerdings nicht genau bestimmbaren, aber doch errathbaren Formen; denn der Mensch kann ja überall nicht über den Menschen hinaus. Götter und Göttinnen, Fratzen und Fetische brauchen aber Wohnung und Haushalt: folglich muß und wird es immer wieder Tempel und Priester geben. Unsere Herren Kraftstoffel freilich meinen, weil sie sich einbilden, von allem Idealismus radikal kurirt zu sein, so könnten sie auch andern weismachen, mit dem Idealismus oder – falls mir dieser oder jener Pedant von Lexikokrassus die Wortbildung gnädigst gestatten will – Illusionarismus sei es jetzunder aus und vorbei. Thorheit! Das Wahnfieber ist die unheilbare moralische Krankheit der Menschheit und sie wird noch im letzten Menschen phantasiren und deliriren. Sollte es den Herren Rittern von der Materie wirklich ganz entgangen sein, daß genau in demselben Verhältniß, in welchem die Wissenschaft, die Literatur, die Kunst, die Kultur überhaupt sich vermaterialisirten, der Illusionarismus an Kraft und Stärke zugenommen hat und demnach die Pfaffen heute mächtiger sind, unendlich viel mächtiger als vor hundert Jahren? Leicht begreiflich! Dazumal konnte sich das illusionarische Bedürfniß in der Wissenschaft, in der Literatur, in der Kunst luftmachen und befriedigen; heutzutage, wo diese Gebiete auf seiten der Producenten nur noch eine Geschäftssache und auf seiten der Konsumenten nur noch eine Modesache sind, wirft sich der idealistische Trieb mit ganzer Macht auf das religiöse, auf das kirchliche Gebiet. Der sogenannte Kulturproceß, die Entwickelung der Civilisation kann nur in Gegensätzen und Widersprüchen vor sich gehen. Die Logik dieser Procedur will und bewirkt also, daß, je einseitiger und anspruchsvoller der Materialismus auftritt, desto thatkräftiger und herrschsüchtiger der Jesuitismus ihm zur Seite schreitet. Diese Thatsache hat sich neuestens sogar liberalen Plattschädeln, in welchen sonst nichts platzhat als ein bißchen Phrasenhäckerling, einigermaßen aufgedrungen. Daher ist das alberne Geschrei: »Trennung der Kirche vom Staat!« allmälig gedämpfter geworden. Als ob dem Jesuitismus etwas willkommener sein könnte als diese »Freiheit, die er meint«. Wie er sie zu benutzen versteht, hat er in Belgien und in den Vereinigten Staaten handgreiflich bewiesen. Sichtbarlich genug auch schon in England. Der moderne Staat kann, falls er existiren will, gar nichts anderes thun, als sich dem modernen Klerikalismus gegenüber fortwährend auf dem » Qui-vive?« halten. Jedes Kompromiß wäre für ihn nur eine Kapitulation. Will er sich nicht der Kirche unterwerfen, so muß er sie wenigstens so weit niederhalten, daß sie ihm nicht ans Leben kann. – »Unter solchen Umständen wird es lange währen, bevor zwischen den beiden Kämpfern ein auch nur leidlich friedliches Verhältniß hergestellt werden kann. Sollte es aber denn nicht möglich sein, in Deutschland mittels des sogenannten Alt-Katholicismus –« – Mittels des Alt-Katholicismus, Sie alter Träumerich? Bah ...

Umständlich wie ein Berg
Kreißte das Schisma-Mägdlein
Und brachte überzwerg
Zur Welt ein neues Sektlein.

– »Ja, Sie haben diese Döllingerei von Anfang an mit skeptischem Auge betrachtet.« – Wie konnte und könnte man denn das Ding anders ansehen? Dieses klägliche Wasch' mir den Pelz, aber mach' ihn nicht naß-Ding? Die Herren wollen den Katholicismus festhalten, wie er im Tridentinum steht, und möchten doch zugleich ein bißchen in den Rationalismus, ins Zeitgemäße hinüberschillern, ohne auch nur so viel Muth aufbringen zu können, das Messegewand mit dem Prädikantentalar zu vertauschen. Mit den scholastischen Subtilitäten, welche die altkatholischen Apostel ihren Zuhörern aufspielen, lockt man keinen Hund vom Ofen, geschweige die Schafemassen aus dem römischen Pferch. Was kümmert es denn die gläubige Schäfigkeit, wenn man ihr noch ein weiteres Pfund Blödsinn, die dogmatisirte Papstunfehlbarkeit, auf den Nacken legt? Sie trägt sogar die neue Last mit Stolz, sie hüpft darunter und ist fröhlich im Herrn. Ist das liebe neue Dogma nicht durch eine ganze Reihe auferbaulichster Wunder bestätigt worden? Da sehe man dagegen den armen Kahlmäuser von Alt-Katholicismus an! Er stellt sich, nicht zu wissen, daß das Absurde nur mittels des Absurden propagirt wird. Er möchte von Herzen gern auf das Volk, auf die Massen wirken und weiß doch nicht das kleinste Mirakel zuwegezubringen. Kann sich denn nicht in irgendeiner Felsengrotte am Rhein oder auch in einem altbairischen Tannenwald eine altkatholische Muttergottes sehen lassen? Ist denn unter den allerdings nicht sehr zahlreichen altkatholischen Frauen und Mädchen schlechterdings keine blutschwitzende Luise Lateau aufzutreiben? So ein Wunderchen, worauf die römischen Auguren und Haruspices sich allzeit so gut verstanden und verstehen, würde ganz anders wirken als alle die langweiligen Predigten und langweiligeren Synodaldebatten. Wer den Zweck will, muß auch die Mittel wollen: wer es für »zeitgemäß« und »liberal« und »rational« und »national« hält, die Deutschen und Deutschinnen an das Tridentinum glauben zu machen, der muß auch so altkatholisch sein, die alten katholischen Mittel, womit man früher den Leuten das trienter Evangelium annehmlich machte, zu handhaben. – »Wenn ich Sie recht verstehe, geht Ihre Meinung dahin, daß jeder Versuch, die katholische Kirche innerhalb der Schranken ihres Lehrbegriffes zu reformiren, eitel sei, eitel sein müsse?« – Errathen, lieber Alter. Von der katholischen Kirche gilt ganz, was jener Jesuitengeneral von seinem Orden sagte: » Sit, ut est, aut non sit!« Nur Unwissende können das » Non possumus!« des Vatikans für eine Formel der Willkür halten. Es ist vielmehr die Seele des Katholicismus. Dieser kann nicht anders sein, als er ist. Der »Fels Petri« ist kein leeres Wort. Starr, stolz, schroff, unveränderlich, unwandelbar, mit einem Worte steinern, so ist die katholische Kirche und so wird sie bleiben. – »Wie lange?« – Wer kann das sagen? Auch sie wird dereinst vergehen, weil eben auch sie wie alles Menschliche die Signatur der Vergänglichkeit trägt. Der Fels Petri wird in die Wogen des Zeitenstroms, welche seinen Fuß unablässig unterwühlen, hinabsinken. Mit den Geschlechtern der Menschen sterben ja auch ihre Religionen ab. Ueber jeden Olymp bricht einmal die »Götterdämmerung« herein. Wie viele Baalim sind schon zu den Todten geworfen worden! Auch der Papst-Baal wird es eines Tages werden. Und nicht nur er. Auch die Religionsgeschichte weiß von Stuarts, Bourbons und Welfen zu erzählen. Die göttlichen Dynastieen sind gerade so ewig wie die menschlichen. Auch im christlichen Himmel wird es dereinst Nacht werden, auch die christliche Götterdynastie wird zu den depossedirten und depositirten gehören. Es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen rein nur noch kunsthistorisch von den Madonnen Rafaels und Murillo's reden, wie wir heutzutage von den Aphroditen des Apelles und des Praxiteles. Vordem hieß es eines Tages: »Der große Pan ist gestorben!« Künftig wird es eines Tages heißen: »Der große Christ ist todt!« An Nachfolgern aber wird kein Mangel sein. Denn solange Menschen sind, müssen und werden sie sich Götter machen. Die höchste Illusion der Menschheit, das Gottbedürfniß, erlischt nur mit ihr selbst.

 

4.

Juni 1875.

 

Sie kennen, Zirbeldrüsester, das englische Sprichwort vom Skelett, das bei näherem Zusehen in jedem Hause irgendwo versteckt gefunden werde. Nun, sehen Sie, wenn das versteckte Ding auch nicht gerade immer ein Skelett sein mag, so birgt das Sprichwort diesmal doch ein tüchtig Korn Wahrheit. Es dürfte schwer sein, auf Erden ein Dach zu finden, unter welchem nicht schon eine Tragödie gespielt hätte. Nicht jede Tragödie muß ja mit obligatem Mord oder Todtschlag enden. Ach, die schmerzlichsten Trauerspiele verlaufen gewöhnlich ohne Geräusch und Spektakel und die wehvollsten Wunden bluten nicht nach außen, sondern nach innen. Wo ist denn in unserer auf Spitze und Knopf gestellten, geschraubten, komplicirten und raffinirten Gesellschaft von heute noch eine Familie zu finden, welche nicht an einem offenen oder geheimen Schaden krankte, eine Familie, in welcher es nicht irgendein Geheimniß des Leides oder der Lächerlichkeit oder der Schande gäbe? Wenn die Summe von Angst und Noth, von Weh und Wuth, Schuld und Gewissenspein, Rachsucht und Reue, welche von Jahr zu Jahr, von Tag zu Tag in Palästen, Häusern und Hütten insgeheim sich anhäuft, zu einer Wetterwolke sich zu ballen vermöchte, daraus müsste ein den Erdball zerschmetternder Blitz hervorbrechen.

Auch in dem großen Hause, genannt deutsches Reich, gibt es der Schäden genug, der offenen und geheimen. Der letztgenannten wenigstens insofern, als amtlich davon geschwiegen wird und weder im Reichstage noch in der Reichspresse davon die Rede ist. Das Dekorum, sagt man, gestattet es nicht. Es ist aber eine eigene Sache um das liebe Dekorum. Man gebraucht es zumeist als eine spanische Wand, um den Leuten zu verbergen, daß keine Ehrlichkeit und kein Muth dahinter.

Was die offen zu Tage stehenden Schäden am Reichskörper angeht, so sind es die bekannten schwarzen und rothen Blattern, welche, weil »was sich versteht, sich finden muß«, allbereits zu einem braunen Krebsgeschwüre zusammengewachsen sind. Ausschneiden! Ausbrennen! Aber das alte hippokratische Recept wird, fürchte ich, auch keine Radikalkur zuwegebringen. Die erwähnten Blattern werden immer wiederkommen. Denn stets wird es Pfaffen geben, und wo und wann es welche gibt, wollen sie herrschen. Ebenso wird die sogenannte sociale Frage niemals ruhen, maßen sie niemals beantwortet werden kann. Der Kampf zwischen Kapital und Arbeit ist so alt wie die menschliche Gesellschaft und er wird jung sein bis zum Ende der Tage. Weder Kommune-Mordbrände noch Kathedersocialismen werden dieses Problem lösen, weil es ebenso unlösbar ist wie das Problem des Menschendaseins überhaupt. Mit der Gleichheitsschablone und mit der Goldenen-Zeitalter-Chimäre mögen kleine und große Kinder spielen und kleine und große Gauner unwissende und faule Thoren äffen. Sonst sind diese Windeier aus Wolkenkukuksheim zu nichts nütze. Das einzige, was die Gesellschaft zu ihrer vorschreitenden Vermenschlichung wirklich thun kann und immer ernstlicher thun soll, ist, die heranwachsenden Geschlechter physisch und psychisch so zu schulen und auszurüsten, daß sie den Kampf ums Dasein zu führen vermögen, mit andern Worten, daß sie sich selber helfen können. Leuten aber, welche sich nicht selber helfen wollen, kann kein Mensch, kein Gott und kein Staat helfen, und ständen noch hundert Lugpropheten auf, welche ihren Anhängern weismachten, der Staat wäre so eine Wunder- und Zauberkuh wie jene Sabala, um welche der König Wiswamitra und der Brahman Wasischta im Ramajana stritten. Die Lugpropheten werden kommen und es wird daher allzeit eine sehr erkleckliche Anzahl von Ochsen geben, welche gläubig und sehnsüchtig nach der Zauberkuh muhen und brüllen ...

Der amtlich verschwiegene oder gelegentlich auch wohl amtlich geleugnete große Geheimschaden des Reiches ist seine Unfertigkeit. Denn die deutsche Einheit ist noch nicht da, der nationale Einheitsstaat noch nicht geschaffen. Er muß aber kommen, und da er nicht von selber kommt, muß man ihn holen, schaffen, machen. Die Logik der Geschichte will es und sie wird rechtbehalten, thät' es auch allen Partikularisten in allen den wenigen Zähnen weh, die sie noch haben. Die Zeit der Kleinstaaterei geht zu Ende und damit auch die Zeit des Föderalismus. Krähwinkler, Flachsenfinger und Uristiere mögen das leugnen, es ist doch so. Die föderale Schweiz treibt unaufhaltsam dem Einheitsstaat entgegen und der Zerfall der nordamerikanischen Föderation in mehrere große Einheitsstaaten ist ja auch nur eine Frage der Zeit. Die Tendenz des Jahrhunderts, alle gleichartigen Völkerbruchtheile zu großen Körpern, zu wirklichen Nationen, zu rechten Staaten zusammenzufassen, ist unwiderstehlich. Die Kleinwirthschaft will nicht mehr gedeihen, weder im Feldbau, noch in den Gewerben, noch in der Politik. Die Weltgeschichte will nur noch mit Massen arbeiten. Und bei sothaner Sachlage hat man eine Menge von Krähwinkeln erster, zweiter und dritter Unpotenz mit in das neue deutsche Reich herübergeschleppt, statt mit dem Siegesschwert von Sadowa den Vielstaatereizopf ein- für allemal wegzuschlagen. Das widrige Ding muß und wird ja doch weggeschlagen werden; wer weiß, ob die Operation später so glatt ablaufen wird? Aber, sagt ihr, der Zopfschnitt hätte anno 1866 oder anno 1871 doch vielen Deutschen recht wehgethan. Was für welchen? Nur solchen, welche aller geübten Schonung zum Trotz unversöhnliche Feinde des Reiches sind und bleiben. Um den Grimm und Zorn solcher Leute wäre doch fürwahr die Vollendung der nationalen Einheit nicht zu theuer erkauft gewesen.

Das Reich ist unfertig und die Reichsverfassung eine Zeit und Kraft vergeudende Schlepperei. Der Bundesrath, eine nicht eben glücklich verbesserte Auflage des Bundestags, hat viel zu viel, der Reichstag viel zu wenig zu sagen. Wenn die sehr gekünstelte Maschine bislang für die wirthschaftliche und die politische Entwickelung des Reiches vortreffliches, in mehr als einer Richtung sogar vorzügliches geleistet hat, so vorzügliches, daß nur verbissene Querköpfe die Anerkennung zu weigern vermögen, so darf doch nicht übersehen werden, daß so ein komplicirtes Räder-, Schrauben-, Stifte- und Walzenwerk durch einen Obermaschinisten wie Bismarck allenfalls zu gedeihlichem Arbeiten gezwungen werden kann, daß aber die Menschen kurz-, die Einrichtungen dagegen langlebig sind. Stellt euch einmal einen Reichskanzler vor von der Mache der Wittgenstein, Ancillon, Eichhorn, Savigny, Thile, Manteuffel, Raumer, Mühler, Gerlach u. s. w. und seht dann zu, wie die Reichsmaschine fungirt, falls sie das nämlich überhaupt noch thut, statt einfach aus Rand und Band zu gehen. Aber solche Reichskanzler sind unmöglich, meint ihr? Hm, wir haben schon allerhand preußische Möglichkeiten erlebt.

Einem so entschiedenen Einheitler, wie ich einer bin, muß es die Freude an der Reichsmünze schon vergällen, wenn ich die verschiedenen Kopfstücke der Münzen ansehe. Davon will ich nicht einmal reden, daß mir altem Republikaner so ein Kopfstück überhaupt nicht zur Erbauung gereichen kann. Ich weiß aber sehr gut, daß sich der Republikanismus nicht diktiren läßt, und maßen von 40 Millionen Deutschen und Deutschinnen ungefähr 39,900,000 an die Monarchie glauben, so wäre vorderhand gegen ein monarchisches Brustbild auf den Reichsmünzen nichts einzuwenden. Das Vorhandensein der mehreren beweis't, daß noch verschiedene Subtraktionsaufgaben nach dem Muster der vom anno 1866 zu lösen sind, bevor wir zu einer richtigen Einheitsrechnung gelangen können.

In Erwägung nun dieser leidigen Thatsache, in Erwägung ferner der daraus resultirenden Weitschichtigkeit und Schwerfälligkeit der Reichsverfassung, in Erwägung endlich, daß seit der Reichsgründung erst so kurze Zeit verflossen ist, muß man anerkennen, daß Reichstag und Reichsregierung redlich mitsammen gearbeitet haben. Nicht zwar so, daß sie im einzelnen nicht fehlgegriffen hätten, sehr fehl, wie denn z. B. das Reichsmünzgesetz schon jetzt als ein nach vielen Richtungen hin vergecktes Ding sich herausstellt, wie extra zum Nachtheil der Nation und zum Vortheil der beschnittenen und beschneidenden, der unbeschnittenen und doch nicht minder beschneidenden Geldjuderei gemacht. Aber im ganzen war die vereinte Arbeit von Reichsregierung und Reichstag am innern Ausbau des deutschen Staatshauses eine solche, daß ihr nur Leute ohne alles Wahrheitsgefühl die Anerkennung versagen können. Auf die Zustimmung solcher Gesellen kommt es auch gar nicht an. Man muß die Esel schreien, die Köter kläffen, die Schweine grunzen und die Gänse schnattern lassen: das ist ihre Natur und ihr Recht. Deutsche, die in der Fremde leben, merken mit nicht geringer Befriedigung, daß genau in demselben Maße, in welchem die innere Erstarkung des Reiches wächst, dessen Ansehen nach außen zunimmt. Was aber Deutsche in der Fremde ebenfalls merken und zwar mit größter Unlust, ist, daß ein Rumoren, wie es die officiellen und officiösen berliner Schreibsklaven im Frühling von heuer getrieben haben, der Sache Deutschlands zum allergrößten Nachtheile gereicht und gereichen muß.

Ja, der publicistische und diplomatische Feldzug vom April 1875 ist kläglich misslungen und das Tüpfelchen auf das i des Fiasko setzte der Car, als er wie ein richtiger deus ex machina in Berlin erschien, um sein Frieden gebietendes » Quos ego!« zu sprechen. Alle die Reptilien der berliner Regierungspresse, item auch die Amphibien der nationalliberalen, werden sich vergebens krampfhaft krümmen und winden, um die unliebsame Thatsache, daß bei dem Caren die höchste Entscheidung war, wegzusophistisiren.

Doch was sag' ich? »Unliebsam« sollte diese Thatsache sein? Als ob man in Berlin nicht seit lange her gewohnt wäre, carische Entscheidungen sich gefallen zu lassen, ja sogar zu erbitten! Damit will ich keineswegs andeuten, daß die Schmachtage von Kalisch und Warschau wiederkehren könnten. Aber auf der andern Seite kann ich nicht finden, warum man die Wahrheit, daß, wie die Sachlage ist, das deutsche Reich die Allianz mit Russland pflegen und zu erhalten suchen muß, nicht frank und frei heraussagen soll.

Auf das Geschrei dummer Pressejungen über diese Allianz ist natürlich gar nicht zu achten. Alle Dümmlinge und Wissenslosen hassen allüberall instinktmäßig Deutschland, von den frommen Kindern Disrael in England bis hinab zu den parisisch gefirnißten Bojaren-Barbaren weit hinten in der Walachei. Wenn uns jemals etwas stolz machen darf, so ist es dieser gegen uns gerichtete Haß der Unwissenheit, der Scheinheiligkeit, der Pfafferei und der gedankenlosen Phrasendrescherei. Die letztere nimmt dem deutschen Reiche die russische Allianz höchlich übel. In ihrer Dummheit unergründlichem Gefühle beanstandet sie es freilich nicht, wenn die französischen sogenannten Republikaner alle Finger nach einer Allianz mit Russland lecken. Wenn dagegen Deutschland diese Allianz festhält, ja, dann ist es etwas ganz anderes, dann ist Russland plötzlich wieder nur der »verabscheuenswerthe Knutenstaat«, obzwar die Knute und Knutung bekanntlich längst abgeschafft worden.

Die verständige Politik Alexanders des Zweiten, des Bauernbefreiers, trägt bereits ihre Früchte: Russlands Ansehen ist nicht nur so groß wie jemals, sondern beruht auch auf besseren Gründen, weil der Car das Kulturwerk Peters des Großen wieder aufgenommen hat und mit Ernst, Aufrichtigkeit und Ausdauer betreibt. Soll dieses Werk gedeihlichen Fortgang haben, so bedarf das Carenreich des Friedens, wenigstens in Europa. Den Frieden von Europa sichert aber die deutsch-russische Allianz. Sie ist demnach nicht weniger ein russisches als ein deutsches Interesse, gegen dessen Thatsächlichkeit »altrussische« Barbarei vergeblich die Zähne fletscht, wie diesseits des Niemens der vulgär-liberale Unverstand ebenso vergeblich dagegen geifert.

Seines Rückhalts an Deutschland sicher, kann Russland in Asien seine gegen England gerichteten Pläne weiter verfolgen. Wir werden uns darüber nicht grämen, eingedenk, daß unser Land einen perfideren und gehässigeren Feind, als da die »oberen Zehntausend« von England sind, nicht hat. So lange das deutsche Reich seines Rückhalts an Russland sicher ist, kann es die schlechtverhehlte englische Feindschaft verachten, braucht die offene französische in keiner Weise zu fürchten, hat nicht nöthig, auf die sehr zweideutige, im besten Fall unausgiebige Freundschaft Italiens großes Gewicht zu legen, und wird es auch im stande sein, das Schreckgespenst einer »katholischen Liga«, falls sich ein solches wirklich unangenehm machen sollte, zu bannen, so zu bannen, daß demselbigen das Wiederspukenwollen vergehen würde, gründlich!

Kein Zweifel, die schwarze Internationale arbeitet aus Leibeskräften an einem solchen Liga-Werke und die rothe würde in ihrer Stupidität sich dazu vergnügt die Hände reiben. Mit Kreuzen und Fahnen würden die Römlinge die »glaubensbrüderlichen« Franzosen am Rhein einholen und ein oder der andere Infulträger übt sich ja wohl schon darauf ein, im Dome von Mainz oder Köln das gallische Triumphalhochamt zu celebriren. Deutsche Bischöfe, welche sich heute dem Papste zu Füßen werfen, die Jesuiten-Marionette anflehend, sie möchte den bekannten Größewahnsinnsstreich vom 18. Juli 1870 nicht begehen, und die morgen schon diesen Größewahnsinnsstreich als ein sakrosanktes Dogma proklamiren, sie sind zu allem fähig. Traurig genug, daß ein Deutscher befürchten muß, es könnte Deutsche geben, welche widerdeutsch genug wären, den römischen Bovist über das Vaterland zu stellen. Doch nein, sie werden es nicht wagen, oder wenn sie es dennoch wagten, werden sie sammt ihrem schäfigen oder auch kalkulirenden Anhang die Folgen ihres Thuns tragen müssen. Die Nation wird – sonst müsste man sie geradezu für bankerott halten und erklären – ja, sie wird angesichts einer wirklichen Gefahr den Verrath, sogar nur den Versuch eines Verraths energisch zu vereiteln und unerbittlich zu strafen wissen, und wenn der langweilige Anathemiker im Vatikan wähnt, der deutsche Episkopat sei das bekannte »rollende Steinchen«, welches bei günstiger Gelegenheit den deutschen Reichskoloß zum fallen bringen werde, so dürfte seine Unfehlbarkeit ein garstiges Loch kriegen. Denn sollte, wann etwa die Franzosen unter dem Banner der lieben Muttergottes von Lourdes gegen Deutschland sich aufmachen, das »Steinchen« sich gelüsten lassen, wirklich »rollen« zu wollen, so wird man ihm die Inful antreiben, daß ihm rollen und sehen und hören vergeht.

Für die nächste Zeit scheint das deutsche Reich Muße zu haben, den inneren Krieg durchzufechten und den Pfaffen Mores zu lehren. Die gründliche, logisch-folgerichtig-rücksichtslose Durchfechtung dieses inneren Krieges wird zur ferneren Abwendung eines äußeren höchst wesentlich beitragen. In demselben Grad und Maß, in welchem der Jesuitismus in Deutschland zur Ohnmacht herabgebracht wird, sinken auch die Hoffnungen unserer äußeren Feinde. Jeder in Deutschland gegen Rom geführte Schlag trifft zugleich die geplante katholische Liga. Sind die deutschen Katholiken, in der zweiten oder dritten Generation nämlich, einmal so weit, zu erkennen und anzuerkennen, daß es anständiger und ziemlicher, den Gesetzen ihres Vaterlandes als denen des Jesuitengenerals zu gehorchen, so wird man die Fluchkapuzinaden eines beliebigen Papstes als so harmlosen Zeitvertreib ansehen dürfen, daß der Kladderadatsch dannzumal dem heiligen Vater als einem beliebtesten Mitarbeiter glänzendes Honorar bezahlen mag.

Die entscheidenden Schlachten in dem alten, stets erneuten, jetzunder wieder zur äußersten Schärfe entbrannten Kampfe zwischen Deutschland und Rom werden natürlich nicht in Ministerkabinetten und Parlamentssälen, sondern in den Schulstuben geschlagen werden – soweit es eben in diesem Kampfe überhaupt eine Entscheidung gibt. Der deutsche Schulmeister wird auch hier wieder das beste thun müssen und wirklich thun, vorausgesetzt, daß von der reichbesetzten Tafel des Militarismus für ihn noch fernerweit ein Brosämlein abfalle. Man kann die bittere Nothwendigkeit, daß Deutschland dermalen und, ach, noch lange von Waffen starren muß, einsehen und doch des Dafürhaltens sein, daß es der deutschen Nation wohl anstände, ihren Lehrstand, dem sie doch alles verdankt, was sie ist, und namentlich ihren Volkslehrstand ganz anders auszustatten, als bislang geschehen ist. Macht sich doch der Mangel an Lehrern bereits in wahrhaft beängstigender Weise fühlbar. Begreiflich! Wer wird sich denn zu der ewigen Hungerleiderei am Ende noch hergeben wollen? Es ist eine recht schöne Sache um den Idealismus; aber auch der Idealismus hat einen Magen und sogar einen sehr guten, wie wenigstens die christliche Kirche dickbäuchig bewiesen hat und zu beweisen fortfährt.

Wenn es aber gerecht, die Stellung des Lehrstandes zu verbessern und seine Rechte zu mehren, so ist es auch billig, daß er es mit seinen Pflichten bedeutend ernster nehme, als er notorisch vielerorten thut. Es ist die höchste Zeit, daß der im Volke bedenklichst geschwächte Rechtssinn wenigstens in der Jugend wiederum gestärkt und das von dem Gifte socialistischer Schwarbeleien angefressene Pflichtgefühl wieder geheilt werde. Nur die pflichttreu geführte Volksschule kann der furchtbaren Verwilderung, welche in den Massen nur allzu sehr um sich gegriffen hat, wirksam entgegenarbeiten, und mit der Schule muß sich eine Strafgesetzgebung und Strafrechtspflege verbinden, welche sich vom pseudo-philanthropischen Schwindel emancipirt, die sentimentalen Marotten geistreichelnder Effekthascher beiseite liegen und es sich angelegen sein lässt, den Gaunern und Verbrechern den gehörigen Respekt einzujagen. Schon jetzt sehen Männer, welchen kein Modestichwort imponirt, die Abschaffung der Todesstrafe für eine empfindsame Thorheit an, nicht darum, weil sie auf die lächerliche Abschreckungstheorie etwas gäben, sondern desshalb, weil sie überzeugt sind, daß man bestialer Rohheit oder giftiger Raffinirtheit gegenüber der wirksamen Wegräumungspraxis bedarf. Wer der Gesellschaft den Krieg ansagt, nun wohl, der muß sich auch den Gesetzen des Krieges unterwerfen. Die Hätschelung der Missethäter ist ein auf Kosten der ehrlichen Leute geübter Unsinn und die angebliche Zuchthausbesserung ein Humbug. Nur Theoremespinner, welche niemals ein Stück wirklichen Lebens gesehen haben, können leugnen, daß es Bestien-Menschen und zwar leider viele, viele allzeit gab, gibt und geben wird, Bestien-Menschen, welche nichts scheuen als den Stock und nichts fürchten als den Tod. Wann vollends die materialistische »Moral«, der freie Wille des Menschen und folglich seine Zurechnungsfähigkeit und Verantwortlichkeit sei nur eine Einbildung, durchgedrungen sein wird, dann seht zu, wohin ihr mit eurer vom Fortschrittsdusel diktirten Straf- oder auch Nichtstrafrechtspflege kommen werdet. Ihr könnt dann die Gerichtsbude schließen und müsst froh sein, wenn »der legitime Naturtrieb« den Herren Verbrechern nicht gebietet, euch beförderlich den Hals umzudrehen.

Zur Ehre des gesunden Menschenverstandes will ich jedoch annehmen, daß es dannzumal noch eine ausreichende Zahl von ehrlichen Menschen geben werde, welche den Muth haben, im Kampf ums Dasein den Halunken den Meister zu zeigen und sich zu erinnern, daß in unsern Wäldern noch Eichen genug wachsen, um daraus für Schwindler und Schurken solide Galgen zimmern zu können.

Urmeisterin Noth sorgt ja glücklicher Weise immer wieder dafür, daß in Stunden der Entscheidung die blasse Phrase das Feld räumt vor der rothbackigen That.

Das muß überhaupt unser Trost sein in allen den Wirrsalen unserer Tage. In Stunden großer Entscheidungen weicht das zufällige dem nothwendigen und räumt für eine Weile die Närrin Phantasie dem guten alten nüchternen und handfesten Schaffner der Weltgeschichte, dem common sense, den Platz. Der fasst dann die schauderhaft durcheinander geworfenen Sachen an mit seinen schwieligen Händen, nicht gerade sanft, aber geschickt und entschlossen, und stellt alles wieder an den rechten Ort; so zwar, daß er wurmstichiges und verbrauchtes in die Rumpelkammer schafft oder auch in den Ofen schiebt und das beseitigte Gerümpel durch neue Hausrathstücke ersetzt. Dermalen sitzt er aber in der Ecke und schläft, woraus sich unter andern widerlichen Erscheinungen auch die erklärt, daß da drüben im Baierlande die Bierbonzen reichsfeindlicher als sonst zu rülpsen anfangen. Ja, der gute Alte schläft und scheint nicht ruhig zu träumen, denn ich höre ihn im Schlafe murmeln: –

Hier feist unfehlbares Pfaffenthum,
Dort dreist unfehlbares Affenthum,
Daneben die Botschaft vom Schlaraffenthum,
Gepredigt vom unfehlbaren Gnotenthum –
Alles nach Noten dumm!

 

5.

18. Juni 1875.

 

Heute vor sechsundzwanzig Jahren hab' ich in Stuttgart den brutalen Akt der Zersprengung des deutschen Parlaments durch wirtembergische Ulanen miterlebt. Sie auch, edler Kollega des Erfinders und Gründers der königlich preußischen Hofkommunisterei. Dazumal haben Sie sich es gewiß nicht träumen lassen, daß ein Tag kommen könnte, wo Sie Arm in Arm mit dem »Galgen-Zeitungs«-Wagener zwar nicht das Jahrhundert, aber doch alle laskerisch-parlamentarischen Untersuchungskommissionen in die Schranken fordern würden.

Erinnern Sie sich noch, wie Sie damals Feuer spieen und gern Blut getrunken hätten? Nämlich das Feuer des röthesten demokratischen Zornes und das Blut der schwäbischen Märzminister, welche armen Schlucker doch nur gethan hatten, was unter den obwaltenden Umständen von Märzministern erwartet werden konnte, musste. Der 18. Juni von 1849 setzte das notwendige Tüpfelchen auf das i der Diskreditirung des faulen Liberalismus, welcher, der Affe des französischen, achtzehn Jahre lang seine Grimassen geschnitten und dem deutschen Philister eingebildet hatte, eines schönen Morgens würde ihm die Einheit und Freiheit auf dem Phrasenteller dargereicht werden. Die Märzministerien, jammersäligen Andenkens, waren die in eine geschäftliche Formel gebrachte Quintessenz dieses Liberalismus, und wenn die Essenz mit hässlichem Geruche verdunstete, so kommt ihr doch das Verdienst zu, die Nichtigkeit der ganzen Erscheinung unwidersprechlich aufgezeigt zu haben.

Ich selber war an jenem Junitage noch so jung, daß es mir mit dem in der Kalwer Straße tragisch zu Ihnen gesprochenen Wort: » Finis Germaniae!« bitterer Ernst gewesen ist. Zum Glück war Mutter Germania anderer Meinung. Sie hat sich seither nicht übel herausgemacht, das muß man sagen. Auf dem liberalen Phrasenteller freilich ist ihr die nothdürftig zu Faden geschlagene Reichseinheit nicht kredenzt worden, sondern auf blutüberströmter Walstatt, und was die Freiheit angeht, nun, die mag ihr den Behauptungen des liebenswürdigen Schäkers Windthorst zufolge in vollem Maße zutheil werden, wenn erst der Syllabus als die Magna Charta deutscher Nation anerkannt sein wird ...

Wie die Zeit vergeht! Man merkt das recht deutlich, so man erwägt, wie man den paulskirchlichen Parlamentsschwatz vor sechsundzwanzig Jahren ansah und wie man ihn heute ansieht. Ich darf mich freilich rühmen, weil ich es schwarz auf weiß beweisen kann, daß meine Parlaments-Illusion schon im Juni von 1848 verflogen war; aber wenn ich so viele gescheide und obendrein ehrliche Leute rings um mich her mit deutschgründlicher Geduld glauben und hoffen sah, das Heil müsste und würde von der Paulskirche ausgehen, so wollt' ich mich mit meinen Zweifeln gar nicht hervorwagen. Zu meiner Zeit hatte es ja die Jugend noch nicht so herrlich weit gebracht in allermodernster »Bildung«, die Pietät für Schnickschnack zu halten und das angeblich »reindemokratische«, in Wahrheit scheindemokratische oder vielmehr schweindemokratische Lümmelgeschrei: »Nieder mit dem Respekt!« mitzubrüllen. Schreitet der alleinseligmachende »Fortschritt« nach dieser Richtung hin noch eine Weile rüstig fort, so wird er ja wohl bei jenem althottentottischen Grundgesetz anlangen, wonach die Väter, wann sie fünfzig Jahre alt geworden, von ihren Söhnen von staatswegen todtgeschlagen werden müssen.

Hätten die Menschen nicht eine förmliche Furcht vor der Wahrheit und verständen sie es, gerecht zu sein, so müssten sie zugeben, daß, was anno 1848 die deutschen Patrioten, mit Einschluß der Demokraten, obzwar mit Ausschluß der Phantasten und Phrasenstrohdrescher von der Firma Hecker, Struve u. Komp., wünschten und wollten, heute erfüllt sei. Die Frage, ob es so habe kommen müssen, wie es gekommen, und ob es nicht hätte anders kommen können und sollen, sie kann nur noch von müßigen Schwätzern aufgeworfen werden. Um was es sich für denkende und wissende Männer handelt, ist, die gewonnene nationale Basis, nicht weil, sondern obgleich sie preußisch angestrichen ist, festzuhalten und darauf weiter zu bauen. Das scheint mir verständiger und patriotischer zu sein, als mit schiefgezogenem Maul in einem Winkel zu stehen und in lächerlich ohnmächtigem Groll zu greinen: »Wir thun nicht mit, weil der Ball schwarzrothweiß statt schwarzrothgelb gefärbt ist.« Die Hauptsache ist doch wohl, daß man überhaupt einmal einen tüchtigen Ball hat, womit man werfen und treffen kann.

Die Vollendung der nationalen Einheit und der allseitige Ausbau des Reiches, sie haben zur Voraussetzung, daß Vernunft und Vaterlandsliebe mitsammen stark genug sein werden, alle Machenschaften der inneren Reichsfeinde zu vereiteln und die Zahl dieser Feinde selber bedeutend zu verringern, bevor die große Feuerprobe von außen an das Reich herantritt. Denn daß diese Probe erst noch kommen wird und bestanden sein will, fühlt und denkt jeder, wer überhaupt zu fühlen und zu denken vermag. Die gegenwärtig officiell und officiös hergedudelten Friedensarien gehen alle aus der Tonart Albernheit. Wie Deutschlands Feinde ihm auf den Dienst, das heißt, auf den bösen, bösesten, lauern, hat uns das Gebaren der englischen Diplomatie bei Gelegenheit des dummen belgischen Handels klärlich verrathen. Von dorther, von England, müssen wir – soweit es die Krämerfeigheit der »großherzigen« Briten gestattet – des schlimmsten gewärtig sein. Seit den Zeiten des spanischen Erbfolgekrieges, seit den Tagen des wiener Kongresses, seit dem londoner Protokoll vom 2. August 1850 sollte Deutschland doch wissen, daß es keinen gehässigeren Feind hat als die englischen Tories und Whigs. Nur gutmüthige Schwachköpfe können sich diese Thatsache ausreden lassen durch englische Heucheleien, wie unlängst zu München bei einem Festessen ein edinburger Professor eine aufgespielt hat, indem er uns das Kompliment machte: »Das deutsche Volk überragt in der neidlosen Anerkennung fremden Verdienstes alle übrigen Völker.« Ja wohl, so thut es. Aber lass' dich, bester Michel, ich bitte dich – nicht irre- und kirremachen durch so billige Höflichkeiten. Auch durch deine alten weltbürgerlichen Gewohnheiten nicht! Denn, siehst du? schon dein alter Klopstock hatte guten Grund, dich zu warnen:

»Nie war gegen das Ausland
Ein anderes Volk gerecht wie du;
Sei nicht allzu gerecht! Sie denken nicht edel genug,
Zu sehn, wie schön dein Fehler ist« –

und wie man dir Sadowa und Sedan nicht zu verzeihen vermochte, so wird man dir auch deinen Kant und deinen Göthe nie verzeihen. Ach, das verzeihen gehört überhaupt nicht zu den Liebhabereien der Menschen. Die Junker- und Muckerbande, welche unter dem Patronat allerhöchster Frauenzimmer den berliner Hof noch immer unsicher macht, hat es ja dem Bismarck auch nie verzeihen können, daß er aus dem pommerschen Krautjunker heraus- und in den großen Mann hineingewachsen ist. Das Geziefer ränkelt bekanntlich unausgesetzt gegen den Reichskanzler, und wenn dermaleinst klargestellt sein wird, wie es sich denn eigentlich mit der belgischen Dummheit von neulich verhalten habe, wird man zweifelsohne sehen, daß die Leitfäden der ganzen unerquicklichen Posse in den Händen der bezeichneten Bande zusammenliefen. War es vielleicht ein Gegenschachzug in diesem Spiele, wenn Bismarck am 14. April im preußischen Herrenhause mit seinem »evangelischen« Christenthum so auffallend staatmachte? Galt es, der Junkerei und Muckerei ein Pfand zu geben, daß dies zeitweilige Handinhandgehen mit dem obrigkeitlich patentirten Liberalismus nichts sei als ein »Man-So-Thun?« Wie dem sei, mit dem »evangelischen« Christenthum des Reichskanzlers scheint es trotz alledem doch nur so so la la bestellt zu sein, solange er jeden armsäligen Köter von Hetz-Kaplan seinerseits einer Presseproceßhetze würdigt. Warum solche Miserabilitäten, wie die schwarzen Judasse und die rothen Narren sie aufzuwenden haben, nicht verzeihen oder vielmehr gar nicht beachten? Sehen Sie, edler Gemahl der edleren Zigonia, ich bin weit entfernt, meines Christenthums im allgemeinen oder gar vollends meines »evangelischen« Christenthums im besondern mich rühmen zu können, ich bin nur ein armer verstockter Heide, aber trotzdem weiß ich, daß man die Esel schreien, die Köter kläffen, die Schweine grunzen und die Gänse schnattern lassen muß. ...

Also ich wollte vorhin sagen, ein bißchen weniger Kosmopolitik und ein bißchen mehr, ein bißchen viel mehr Nationalpolitik thäte den Deutschen gut. Am Ende aller Enden werden sie sich ja doch nur auf sich selber verlassen dürfen und können. Man soll sich, heißt es, dermalen in Berlin nach europäischen Bürgschaften für den gegenwärtigen Stand der Dinge, für die Unverletzbarkeit der Reichsgränzen u. s. w. umsehen oder gar umthun. Demnach wäre die vielbeposaunte »Friedensgarantie« des Dreikaiserbündnisses auch schon wieder wurmstichig geworden? Europäische Bürgschaften! Das kennt man. Wie lange hält denn so ein Kartenhaus? Bis der nächste beste Windstoß es umwirft. Was ist denn aus den europäischen Bürgschaften von 1814 geworden? Was aus der »heiligen Allianz« von 1815? Makulatur. Auch das dermalige mehr oder weniger aufrichtige Einvernehmen zwischen Deutschland, Oestreich und Russland wird gerade so lange währen, als die Interessen der drei Staaten es gestatten. Oestreich hat tausend und einen Grund, seiner stupiden Aristokratie zum Trotz Frieden zu halten und auch jenseits der Leitha rasselt man etwas weniger mit dem Säbel Attila's, seitdem der magyarische Größenwahn in allerdings nur spärlichen lichten Momenten erkennen musste, daß es eben mit dem Größenwahn allein, und wäre derselbe noch höher als die höchste Tatraspitze, nicht gethan sei. Eine Gefahr von seiten des alleinstehenden Frankreich existirt für das deutsche Reich noch auf Jahre hinaus nicht. Gefahrdrohend könnte es werden, wenn Russland mit England zur Theilung Asiens sich verbände. Denn der schweren ostindischen Sorge ledig, würde die englische Falschheit keinen Augenblick zögern, Frankreich gegen das verhasste Deutschland zu hetzen, und die Franzosen nicht nur so unter der Hand, wie annis 1870-71, sondern ganz offen unterstützen. Vorderhand ist jedoch so eine russisch-englische Allianz weiter nichts als ein Hoffnungsspielzeug der Feinde Deutschlands und eine neue Seeschlange für stoffhungrige Zeitungen. Uebrigens, falls Russland es einmal in seinem Interesse finden sollte, so oder so feindselig gegen das deutsche Reich aufzutreten, so könnte es ja dieses in seinem Interesse finden und hätte es in seiner Hand, dem moskowitischen Riesen einen polnischen Stachel in die Seite zu drücken, der ihm ein verteufelt schmerzender Pfahl im Fleische sein müsste. Summa: Deutschland hat Zeit, auf die große Probe und Prüfung, welche ihm noch bevorsteht, gehörig sich vorzubereiten.

Die Franzosen entwickeln neuerdings den guten Geschmack und Takt, von der Revanche nicht mehr zu brüllen, sondern nur noch zu brummen. Einstweilen rächen sie sich an ihren Besiegern dadurch, daß sie in Theaterstücken und Sensationsromanen häufig einen Deutschen zum Karnikel machen, das alles verbrochen und verübt haben muß. Dieses wohlfeile Vergnügen wollen wir ihnen von Herzen gönnen. Auch die Flohbisse, womit verschiedene mittelmäßige Skribenten, wie z. B. die beiden Schweizer-Franzosen Cherbuliez und Tissot – die welschen Schweizer scheinen sich überhaupt von rassewegen zur gehässigsten Feindseligkeit gegen Deutschland verpflichtet zu fühlen – die Mutter Germania behelligen möchten, sind böser gemeint als schwer empfunden. Im übrigen – und dies, theuerste Excellenz in Sicht, mag Ihnen beweisen, daß ich Nationalpolitik keineswegs mit Nationalbornirtheit verwechselt wissen möchte – muß jeder wissende und gerechte Mann den Franzosen die Anerkennung zollen, daß sie sich mit erstaunlicher Behendigkeit und Geschicklichkeit aus dem schrecklichen Morast, worin sie im Mai von 1871 bis an die Schultern steckten, herausgearbeitet haben. Sagen wir nur die Wahrheit: das, was Frankreich binnen vier Jahren vollbrachte, hätte Deutschland im gleichen Falle kaum binnen vier Jahrzehnten zuwegegebracht. Um nach einem so verheerenden Kriege, nach so furchtbaren Einbußen so rasch wieder zum Behagen, zum Komfort, zum Ueberflusse zu gelangen, musste denn doch ein tüchtig Stück Arbeit gethan werden, musste der Gunst, womit die Natur Frankreich bedacht hat, viel Fleiß, viel Geschicklichkeit, viel Thatkraft zur Hilfe kommen.

Zur selben Zeit, wo der Goldregen der fünf Milliarden in Deutschland nur das giftige Unkraut einer geilen und gewissenlosen Spekulation hervortrieb, nahm die französische Volkswirthschaft in allen ihren Zweigen einen bewundernswerthen Aufschwung. Man vergleiche nur die französische Ausfuhrbilanz der letzten Jahre mit der deutschen. Das französische Kunsthandwerk beherrscht mehr als je den Weltmarkt und Madame la Mode de Paris regiert in allen fünf Erdtheilen so souverän wie jemals.

Hält man nun mit diesem ganz unzweifelhaften materiellen Gedeihen Frankreichs, so kurz nach der » année terrible«, den Umstand zusammen, daß solches Gedeihen nicht nur nicht gehindert, sondern eher sogar noch gefördert wurde durch den gleichzeitigen Aufschwung des Papalismus, Alacoqueismus und dergleichen Ismen des Blödsinns mehr, so gelangt man zu dem Schlusse: Der Katholicismus mit allem, was drum und dran hängt, ist die richtige Religion der Franzosen, weil diese Autoritätsgläubige und Fetischanbeter von Natur sind. Dieser Satz wird keineswegs umgestoßen dadurch, daß sie – » novarum rerum cupidi« – zeitweilig die Fetische zerschlagen, die geweihten Hostien mit Füßen treten, an die Stelle der Muttergottes eine Bühnendirne oder Straßenmetze und an die Stelle vom »heiligen Herz Jesu« das »heilige Herz Marats« setzen. Das sind nur mittelalterliche »Narren- und Eselsfeste« in modernisirter Form und der Umschlag zur Reue- und Bußestimmung geht immer wieder rasch genug vor sich. Die Kirche ist ja die größte Komödiantin und erfindungsreichste Theaterdirectrice von jeher gewesen und das frommsein ist demnach so amüsant! Wer nicht nach Lourdes oder nach Paray-le-Monial wallfuhr, ist gar nicht mehr comme il faut. Ja, der Katholicismus ist den Franzosen so auf den Leib geschnitten, daß sie ihn erfinden würden, wäre er nicht schon da. Desshalb ist auch der französische Katholik ein glühender Patriot. Er hält sein Land für das heilige Land par excellence, sein Volk für das auserwählte Volk Gottes und er glaubt ganz aufrichtig, die Weltgeschichte sei oder müsste wenigstens von rechtswegen betitelt sein » Gesta dei per Francos«.

Ergibt sich aus alledem vielleicht auch ein Rückschluß auf Deutschland? Mir scheint so. Wie dem Franzosen der Katholicismus naturgemäß ist, so dem Deutschen der Protestantismus, worunter ich natürlich nicht das lutherische Bonzenthum verstehe. Deutschsein heißt protestiren, will sagen, die freie Persönlichkeit entwickeln und das befreite Ich jedem Dogma-Despotismus entgegenstellen. Hieraus erklärt es sich, daß der ehrliche deutsche Katholik in den höchsten Resultaten der deutschen Kulturarbeit etwas ihm fremdartiges, ja sogar etwas ihm feindseliges sieht. Das ist sehr betrübsam, aber es ist so. Und weil gerade das, was Deutschlands höchster Stolz und Ruhm, seine Wissenschaft und seine Literatur, dem ehrlichen deutschen Katholiken gleichgiltig oder gar ärgerlich ist, kann er auch kein überzeugter Patriot sein, kein deutscher Patriot, sondern, wenn's hoch kommt, ein tirolischer, ein altbairischer, ein oberschwäbischer, ein westphälischer. Die ideale Einheit der Nation im Reiche des deutschen Gedankens ist für ihn nicht vorhanden.

Der unversöhnliche, todfeindselige Gegensatz von Deutschthum und Romanismus macht es auch klar, warum der Katholicismus in Deutschland, verglichen mit dem französischen, geistig so impotent und steril erscheint. Wie sollte Madonna Romana Katholika von dem dreimal und dreihundertmal zu vermaledeienden Ketzer, dem deutschen Genius, Kinder haben können oder wollen? Daraus brauchte fürwahr im Syllabus nicht ein Extra-Anathem gesetzt zu werden, denn die Unmöglichkeit lag längst erwiesen zu Tage.

In Frankreich dagegen ist der Katholicismus zeugungskräftig und fruchtbar, weil die Nation wesentlich katholisch. Darum hat auch die geistige Arbeit der Franzosen seit dem Kriege so wenig gerastet wie die materielle. Die Besiegten haben sogar Grund, zu sagen, der Krieg sei für sie schöpferisch-anregender gewesen als für die Sieger. So hat z. B. auf dem Gebiete der Kunst, soweit sie von dem ungeheuren Kriegsspiel beeinflußt wurde, meines wissens kein deutscher Maler ein Bild geschaffen, welches im deutschen Sinne das leistete, was im französischen Meissonniers Kürassire von Reichshofen wirklich geleistet haben. Ueberhaupt brauchen die Deutschen mit den idealen Gewinnsten ihrer kolossalen materiellen Erfolge in den Jahren 1870-71 keineswegs dickzuthun. Bislang ist in Deutschland kein Werk geschaffen worden, weder ein literarisches noch ein künstlerisches, welches der Größe der vollbrachten Thaten auch nur annähernd entspräche. Auch die Geschichtschreibung ist hinter der Größe, der Vielseitigkeit, dem Reichthum und dem Glanz des Gegenstandes weit zurückgeblieben. Das Generalstabswerk verdient um seiner Lauterkeit als geschichtliche Quelle willen, verdient auch als kriegsgeschichtlich-fachmännisches Buch gewiß das höchste Lob. Es ist gründlich, genau, gewissenhaft und gerecht. Aber es ist unbelebt und farblos, es ist trocken wie – Pulver. Ein Skelett von Geschichte weit mehr als Geschichte selbst. Für Soldaten von Handwerk ein Schatz, für Historiker eine Fundgrube, für die Nation nichts. Man halte doch einmal Umfrage, wie viele Deutsche, von Offizieren und Gelehrten abgesehen, mit Wahrheit behaupten können, die bis heute erschienenen acht Hefte ganz durchgelesen zu haben. Ein lesbares Buch dagegen ist »Der Krieg gegen Frankreich« von Th. Fontane, der uns ja auch in seinen beiden Schriften »Kriegsgefangen« und »Aus den Tagen der Okkupation« aus eigener Anschauung Frankreich nahegebracht hat, wie es während und unmittelbar nach dem Kriege war. Fontane's Geschichtswerk ist, vom literarischen Standpunkt angesehen, sicherlich das beste bisher veröffentlichte. Hier ist nicht nur die geometrische Figur und die mathematische Formel des Krieges, sondern auch Herzschlag, Leben, Farbe. Von höchst vortrefflicher Wirkung sind insbesondere die von Fontane in seinen Text zahlreich und geschickt verwebten Mittheilungen von Augenzeugen und Mithandelnden, unmittelbar nach den bezüglichen Ereignissen aufgezeichnet. Ich wünsche von Herzen, daß es dem Verfasser gegönnt sein möge, sein schönes Werk glücklich zum Ende zu führen. Nicht weniger lebhaft ist mein Wunsch, daß die meisterhaften Skizzen »Aus dem inneren Leben der Armee«, welche im sechsten Bande der »Deutschen Warte« veröffentlicht wurden und deren Verfasser sich unter dem Namen Ludwig Kapitano verborgen hat, vermehrt und zu einem ganzen abgerundet werden möchten. In gewissem Sinne sind diese »Studien« das erquicklichste in der ganzen durch den großen Krieg erzeugten Literaturmasse. Mit wahrhaft genialer Kraft der Veranschaulichung wird uns hier ein deutlicher Einblick in den Bau und in das arbeiten des deutschen Heeresorganismus aufgethan.

 

6.

20. Juni 1875.

 

Was ich dazu sage, daß die französische Nationalversammlung durch ihre Beschlüsse vom 15. des Monats den höheren Unterricht auch noch den Jesuiten überliefert habe, fragen Sie?

Nun, mein Lieber oder Unlieber, ich denke, meine Antwort ist im vorstehenden schon gegeben. Frankreich ist sich seiner Katholicität wieder einmal recht bewusst geworden und will es daher, nach Vernutzung aller möglichen monarchischen und republikanischen Charten, nunmehr alles Ernstes mit dem Syllabus probiren. Folglich entsprach die Versailler Versammlung nur dem Willen und Wunsche der Nation, wenn sie der hochwürdigen Klerisei, welche die niederen und mittleren Schulen schon seit lange beherrscht, auch noch die höheren auf Gnade oder Ungnade hingab. Denn daß diese Hingabe durch den Beschluß vom 15. Juli gemeint und gewollt war, kann keinem Zweifel unterstellt werden.

Bei dieser Gelegenheit hat der Jesuitismus wieder einmal seine ganze Ueberlegenheit über den Liberalismus triumphirend manifestirt. Es war hochkomisch anzusehen, wie der Jesuit Dupanloup am Leitdraht der doktrinären Phrase den liberalen Flederwisch Laboulaye als Freiheitspolicinell tanzen ließ.

Am folgenden Tage, 16. Juni, feierte die Kirche ihren Sieg mittels der feierlichen Komödie der Grundsteinlegung zur Sacré-Coeur-Kirche auf dem Montmartre. Haben Sie in der von den Zeitungen gebrachten Schilderung dieser Ceremonie einen kleinen, scheinbar nur komischen, in Wahrheit aber symbolisch-bedeutsamen Umstand wahrgenommen? Ich meine diesen, daß, während drinnen in der Kirche Saint-Pierre der Erzbischof von Paris die andächtig Versammelten dem »heiligen Herzen Jesu« weihte und das » Sauvez Rome et la France, au nom du sacré-coeur!« angestimmt wurde, draußen die Musikbande des in Parade aufgestellten 87. Infanterieregiments das »Oh, welche Lust, Soldat zu sein!« aus der Weißen Dame Boildieu's aufspielte.

Der Zufall ist bekanntlich ein Humorist, aber ein solcher, dessen Späße mitunter den schwersten Ernst maskiren.

Mir kam dabei zu Sinne, daß Chateaubriand – diese Inkarnation des Franzosenthums – einmal gesagt hat: » La France est un soldat.« Ja wohl. Aber heute würde Chateaubriand, so er noch lebte, sagen: Frankreich ist ein katholischer Soldat! und er würde das » katholisch« dick unterstreichen, jubelnd unterstreichen, er, der es liebte, zeitweilig, häufig sogar mit dem Atheismus zu tändeln und mit der Republik zu kokettiren, und der dabei doch in innerster Seele ein fanatischer Katholik und Royalist blieb.

Die Emporhissung eines mittelmäßigen, aber frommen Generals, der von einer frömmeren Generalin kommandirt wird, auf den Stuhl des Staatsoberhauptes von Frankreich war kein Witz des Zufalls, sondern eine geschichtliche Nothwendigkeit. Der katholische Soldat Frankreich marschirt unter dem Kommando eines katholischen Generals oder, wenn man will, einer katholischesten Generalin – das ist die logische Formel der Situation.

Frankreich vertritt also oder ist vielmehr ein Princip: es ist der Soldat des Romanismus.

»Bah!« sagen die Leute, welche jedem Erfolg die Schleppe tragen, »mit euren Principien! Ueberwundener Standpunkt. Lasst Frankreich ein Princip, uns aber eine Macht sein und die Zukunft soll uns nicht bange machen.«

Das glaub' ich, maßen ja der Bornirtheit und dem Dünkel die Zukunft noch nie bange gemacht hat. Denkende Menschen wissen, daß die Principien, welche von den Herren Opportunitätspolitikern, deren ganze Weisheit auf Charakterlosigkeit und Feigheit sich reducirt, beiseite gestellt sind, auf die Dauer doch immer wieder als Großmächte sich erweisen, die alles vor sich niederwerfen. Haben die Deutschen dem französischen ebenfalls ein Princip entgegenzustellen?

»Den deutschen Staatsgedanken«, sagt man.

Aber was für einen Staatsgedanken?

»Den Gedanken des deutschen Rechtsstaates.«

Ist derselbe verwirklicht?

»Nein, aber doch in der Verwirklichung begriffen.«

Gut, ich will dahingestellt sein lassen, bis wie weit diese Verwirklichung zur Stunde vorgeschritten sei; aber vollendet kann sie nicht werden auf dem principlosen Wege der Opportunitätspolitik. Dem katholischen Frankreich muß sich ein protestantisches Deutschland gegenüberstellen. Damit ist alles gesagt, so man, wie ich thue, unter »protestantisch« jenes germanische Princip der Freiheit versteht, wie unsere großen Seher, unsere Lessing und Schiller, es gefunden und verkündigt haben. Ich weiß gar wohl, daß die Herren, welche sich Realpolitiker dünken, wenn sie das ideale Moment im weltgeschichtlichen Processe leugnen, sich gewöhnt haben, das Wort Freiheit nur mit Achselzucken auszusprechen. Und doch fasst dieser Begriff alles in sich, was das Leben werth macht, gelebt, gekämpft und gelitten zu werden.

Wenn sich gegen den breitspurig einherwälzenden, alles vergemeinernden, verschlammenden, versumpfenden und verpestenden Strom des Materialismus nicht eine ideale Gegenströmung aufmacht, nicht bald und gewaltig aufmacht, so wird das deutsche Reich nicht ausgebaut, der deutsche Rechtsstaat nicht begründet, das dem romanisch-katholischen Autoritätsprincip entgegenzustellende germanisch-protestantische Freiheitsprincip nicht in Thätigkeit gesetzt werden.

Kein unbefangen und gerecht Urtheilender wird verneinen, daß die Folgen der von Kathedern und Dächern und Ecksteinen gepredigten materialistischen Weltanschauung in traurigster Weise sich spürbar machen. Wie ein hungriger Wolf geht der Genußteufel um und die Zahl seiner Anhänger heißt auch in Deutschland Legion. Ein Pfui der Arbeit und ein Hoch dem Müßiggang! Lasst uns gaunern und genießen, lasst uns schwindeln und schwelgen! Was Geist! Was Ideal! Das Gold ist Gott und der Genuß das höchste Gut! Die Tugend ist ein Thorenwahn und die Ehrlichkeit das einzige Laster! Lasst uns die Lust als höchstes Gesetz proklamiren, lasst uns die Orgie der »freien Liebe« durchrasen, und wenn wir ausgeschwindelt und ausgeschwelgt, wenn die Bitterkeit der Daseinshefe unsern Lippen naht, dann her mit der Cyankaliphiole oder mit dem Revolver!

So die höllische Botschaft, und wer kann bestreiten, daß ihr heißer Pesthauch auch schon die Zukunftssaat, die Jugend, zu versengen angefangen habe?

Aber wir müssen durch!

Die Schlammflut hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Dann muß sie sich ja erst verlaufen, bevor die Leute die von ihr verursachten Verwüstungen ganz überblicken können. Damit wird eine Zeit der Trauer und Noth anheben, eine jener Zeiten, wie sie nach den großen weltgeschichtlichen Krisen und Katastrophen einzutreten pflegen. Aber solche Passionszeiten der Menschheit sind sehr gesund für sie und hochnothwendig. Sie lassen die Menschen die Sünden ihres Hoch- und Uebermuthes gehörig abbüßen, überführen sie ihrer Schwäche und stacheln doch zugleich alle ihre besseren Kräfte zu neuer Thätigkeit auf. Dann regt sich im Menschen alles »was sterblich nicht in ihm«. Die Kulturarbeit beginnt von neuem und zwar unter Anrufung der Götter, der Ideale, der durch keinen Syllabus materialistischer Unfehlbarkeit dem menschlichen Bewusstsein zu entfremdenden Urideen des Rechten und Schönen.

Aber was ist eigentlich das Rechte? Was ist eigentlich das Schöne? Sind es am Ende aller Enden nicht auch nur Uebereinkommnisse, Einbildungen, Illusionen?

Möglich, wahrscheinlich, gewiß sogar. Wenn jedoch die Menschheit nicht zur Thierheit rückschreiten soll, kann sie dieser Uebereinkommnisse, Einbildungen, Illusionen nun und nimmer entbehren. Ebensowenig des Pflichtgefühls, welches ja die Konsequenzenzieher der Kraftstoffelei ebenfalls als ein verbrauchtes Möbel beiseite stellen wollen. Man kann vollständig mit dem Herrn von Hellwald einverstanden sein, wenn er meint, das Gesammtergebniß der Kulturgeschichte in ihrer natürlichen Entwickelung werde sich in dem Satze zusammenfassen: »Das Menschengeschlecht, seine Kultur, sein Ringen und Streben, seine Schöpfungen und Ideale sind gewesen – wozu?« und man kann dennoch wünschen, daß die Menschen nicht bestialisch, sondern menschlich mitsammen leben möchten bis zuletzt.

Das zu erreichen, festzuhalten, zu vervollkommnen wird aber auf dem Wege materialistischer Mechanik nicht möglich sein. Der menschheitliche Lebensproceß bedarf nicht nur stofflicher, sondern auch sittlicher Elemente. Am Ende ist es doch immer wieder der menschliche Gedanke, welcher die Antriebe materieller Nothwendigkeit civilisatorisch wirksam macht. Ideen, Ideale, Götter müssen sein, die Kraftstoffel mögen dagegen toben, wie sie wollen.

Die deutsche Philosophie trifft das richtige, wenn sie, nachdem sie aus dem Irrgarten der Hegelei endlich sich herausgearbeitet hat, wieder an Kant anzuknüpfen sucht. Der große Prophet von Königsberg hat seine Mission noch lange nicht erfüllt. Denn um unseres Landes willen wollen wir hoffen, daß auch ferne Geschlechter noch von Kant lernen werden, was dem gegenwärtigen so sehr zu wünschen wäre: Arbeitsfreudigkeit, neidloses Sichbescheiden und den kategorischen Imperativ der Pflicht.

Können doch nur Thoren darüber sich täuschen, daß unser Volk seiner besseren und besten Eigenschaften und Kräfte gar bald benöthigt sein dürfte. Hinter dem Kampfe mit Rom warten weitere Kämpfe. Und schon dieser Kampf mit Rom, in welchem Deutschland – natürlich ohne Habedank – die Sache aller civilisirten Völker führt, schon dieser Kampf ist ein Streit mit einem Riesen, welcher keineswegs gleich den Riesen der alten Sagen »so dumm wie lang ist«. Die Vorschritte, welche der Jesuitismus – denn dieser beherrscht ja nicht nur, sondern ist jetzunder die katholische Kirche – in den letzten fünfzig Jahren gemacht hat, sind erschreckend, – erschreckend wenigstens für jeden, welcher in einem Religionskriege etwas erschreckliches sieht. Daß die Jesuiten auf einen solchen Krieg hinarbeiten, untersteht für einen Betrachter dessen, was sie in Deutschland, in Oestreich, in Frankreich, in Holland, in Belgien, in England, in Amerika vor sich gebracht haben, kaum einem Zweifel. Ihre Erfolge wären erstaunend, ja geradezu erstarrend, so man nicht wüsste, daß allzeit auf Erfolg rechnen darf, wer auf die Dummheit und Nichtswürdigkeit der Menschen spekulirt.

Oh, heilige Dummheit, dreimal heilige, du bist und bleibst doch das A und O der sogenannten Weltgeschichte! Denn du, fürwahr, bist der »ruhende Pol in der Erscheinungen Flucht«. Beim Immermann hab' ich einmal gelesen, ein gutes Hohenstaufendrama zu dichten sei unmöglich, weil der Kampf zwischen Kaiser und Papst, das heißt zwischen Staat und Kirche, um welchen ja die Geschichte der Staufer sich drehte, dem Verständniß und der Theilnahme unserer Zeit allzu fern liege. Immermann ist im Jahre 1840 gestorben und hatte kurz vor seinem Tode so geredet. Und jetzt? Und heute? Jetzt und heute ist der vor etlichen dreißig Jahren von einem doch gewiß gescheiden Manne für ganz versunken und verschollen, für so zu sagen unvorstellbar und undenkbar angesehene Kampf zwischen Kaiser und Papst wiederum im heftigsten Gange, und lebte der Schöpfer des westphälischen Hofschulzen und der blonden Lisbeth noch, so könnte er aus diesem Kampfe Verständniß, Theilnahme und Stimmung genug schöpfen, um selber ein Hohenstaufendrama zu schaffen, das seinen Kaiser »Friedrich den Zweiten« abstäche.

Aber es braucht ja nicht erst eins geschrieben zu werden, es spielt ja leibhaftig vor unsern Augen, wie es vormals in den Jahrhunderten des Mittelalters gespielt hat. Es liegt doch eine recht anständig lange Spanne Zeit – sechshundert Jahre ungefähr – zwischen damals und jetzt und trotzdem heute wiederum derselbe Streit um – wie ja wohl ein Humorist sagen würde – um des Kaisers Bart und um des Papstes Tonsur!

Hochheilige Dummheit, unsterbliche, gepriesen sei du! Denn dein ist die Kraft der Trägheit und die Macht der Gewohnheit und das Reich des Unverstandes und der Beifall des größten Haufens in Ewigkeit! Amen.

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