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Blanche oder Das Atelier im Garten. Erster Teil

Paul Kornfeld: Blanche oder Das Atelier im Garten. Erster Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Kornfeld
titleBlanche oder Das Atelier im Garten. Erster Teil
publisherRowohlt Verlag
year1957
printrun1.-6. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201903
projectid2ba56c0b
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Zweites Kapitel

I

In Doktor Riedingers Wohnung hatte sich inzwischen die kleine Gesellschaft lange schon versammelt.

Der Haushalt der Familie gab sich einen großen Rahmen, innerhalb dessen im kleinen gespart werden mußte. Riedinger hatte sich vor zehn Jahren schon, als erst Dreiundfünfzigjähriger, von seinem Beruf zurückgezogen, nachdem er, als Teilhaber einer der ältesten und bedeutendsten Anwaltsfirmen, während einer fünfundzwanzigjährigen Tätigkeit ein großes Vermögen erworben hatte. Er war damals, Privatmann geworden, mit seiner Frau und seiner Tochter auf Reisen gegangen; heimgekehrt, konnte er jedoch sich im windstillen Dasein des Rentners nur schwer zurechtfinden. Das temperamentlose gesellschaftliche Treiben, das harmlose Klubleben, die abendlichen Vereinssitzungen konnten ihn nicht für das angeregte Leben einer Tätigkeit entschädigen, die ihn in vielfachem, nach allen Seiten gehendem Verkehr, manchmal in Gegnerschaft und Streit mit der Außenwelt gehalten hatte; es fehlten ihm die Berufs- und Arbeitstage mit ihren Besuchen, Verhandlungen, Konferenzen, Besprechungen, vielen Telephongesprächen und ihrer ganzen Turbulenz, denn er liebte die Bewegung, ja, den Wirbel, ließ sich gern von ihm drehen und hetzen, hetzte die anderen und gehörte zu jenen Menschen, die mit ihrer lärmenden Natur überall Betrieb um sich schaffen und ihn immer noch steigern, um schließlich atemlos auszurufen: schrecklich, schrecklich, welch ein Betrieb!

Zugleich aber, im Hin und Her der Nachkriegszeit, vielleicht auch dadurch, daß er die ersten Verluste durch allzu kühne Experimente hatte wettmachen wollen, sie tatsächlich aber nur vergrößert hatte, war sein Vermögen Teil um Teil kleiner geworden und schließlich auf einen letzten kleinen Teil reduziert worden. Er mußte besorgen, daß ihm auch dieser Rest seines Besitzes von neuen, nicht vorauszusehenden Umwälzungen verschlungen werden würde, und war mit schnellem Entschluß, ohne Ressentiment, im Gegenteil, mit einer gewissen Verve nach vierjähriger Pause zu seinem Beruf zurückgekehrt. Seine große Zeit aber war vorüber, seine persönliche Klientel hatte sich verlaufen, und bei all seiner dem geschwächten Herzen abgetrotzten Beweglichkeit, hatten doch seine Kräfte abgenommen. Sein Verdienst aus der neuaufgenommenen Tätigkeit stellte nur einen Teil seines früheren Verdienstes dar, doch konnte er es nicht über sich bringen, die Konsequenzen daraus zu ziehen, die notwendig gewesen wären: er konnte nicht auf eine gewisse Breite der Lebensführung, auf Reisen, auf geselliges Leben in seinem Haus, auf kostspielige Gewohnheiten verzichten und konnte es auch nicht lassen, in seiner launenhaften Gutmütigkeit seine Frau und seine Tochter mit Geschenken zu überhäufen, wobei er sich allerdings weniger von den Wünschen der Frauen als von seinem eigenen Temperament leiten ließ, das ihn etwa bei Betrachtung einer Auslage dazu trieb, kurzerhand den Laden zu betreten und eines der ausgestellten Dinge zu kaufen, nur weil es ihm im Moment gefiel, einmal eine kostbare Vase, einmal einen Muff oder Pelz, einmal eine neue Armbanduhr zu den mehreren, die jede von ihnen schon hatte. So fehlte das Gleichgewicht.

Hatte er sich früher, bei steigendem Einkommen und wachsendem Vermögen, den großartigsten Luxus leisten können: unter seinen Verhältnissen zu leben, wodurch man sich erst das Gefühl der Freiheit und die Empfindung der Fülle erwirbt, so war jetzt alles ins Gegenteil gekehrt, und es wurde nur mit Mühe vermieden, daß man über seine Verhältnisse lebe. Innerhalb einer weiten Lebensführung gab es überall Löcher, mußte alles zerdehnt und zerzogen werden. Es fehlte oft am Kleinen, und auch nur übers Kleinste mußte debattiert werden. Im Louis-Seize Salon war der Brokat an manchen Sesseln verschlissen, auf dem Tisch des Eßzimmers standen jetzt, recht dürftig, nur zwei kleine Vasen mit wenigen mageren Tulpen, Doktor Riedingers Smoking war seit langem nicht mehr repräsentativ, und obwohl Blanche ein recht großes Taschengeld bezog, waren es oft sehr kleine Summen, um die, darüber hinaus, zu bitten sie sich nicht getraute.

Wenn man dennoch überzeugt sein konnte, daß die Familie niemals der Not ausgesetzt sein und daß ihr geholfen werden würde, sobald es der Augenblick erfordern sollte, so war es Doktor Fedings Existenz zuzuschreiben, jenes Mannes, der am Nachmittag in dem Gespräch zwischen Müller-Erfurt und Blanche erwähnt worden war und von dem Blanche lachend gesagt hatte: Sonderbar! Alles führt zu Feding! Er sitzt in seinem Zimmer, kümmert sich um nichts, und alles kommt zu ihm! – Er war der um einige Jahre ältere Associé Riedingers, der Freund und Vertraute aller Familienmitglieder, und war auch heute unter den Gästen. Er wäre immer bereit gewesen, einzuspringen, und war auch in der Lage dazu, da ihm im Laufe eines langen Lebens ein großes Vermögen zugewachsen war, mit dem er, kinderlos und ohne große Bedürfnisse, nichts Rechtes anzufangen wußte. Sein einziger Luxus, dem er sich allerdings seit über vierzig Jahren, zwar in aller Stille, doch mit ununterbrochener Konsequenz, hingab, war sein Weinkeller, der mit der Zeit immens geworden war und dessen Flaschen auszutrinken der jetzt fast Siebzigjährige noch einige Jahrzehnte brauchen würde; doch war seine Erwerbung verhältnismäßig nicht kostspielig gewesen, denn er hatte, so oft es die Umstände erlaubt hatten, an den Auktionen teilgenommen, er kaufte seit jeher nur die jungen, billigen Weine in Fässern, überwachte ihre Entwicklung und ihren Werdegang, ließ sie reifen und abfüllen und sorgte dafür, daß jene, die es vertrugen, ungestört lagerten, älter und immer älter und immer köstlicher wurden, jene aber, die ihren Höhepunkt erreicht hatten, schleunigst ausgetrunken wurden.

Bei Tisch saß er zwischen Frau Riedinger und einer alten, kleinen, rotwangigen und weißhaarigen Dame, die, nicht ganz übersichtlich, in Tüll, Seide, Schals gehüllt und von schwarzen Spitzen überrieselt war. Es war die Baronin M., deren auf letzte Spuren zusammengeschmolzenes Vermögen von den beiden Anwälten verwaltet und die, in allen Angelegenheiten ihres kleinen Daseins so ratlos und hilflos, daß sie eine Aktie nicht von einem Lotterielos unterschied, auch im allgemeinen von ihnen betreut wurde. Wenn sie nach den beklemmenden Erfahrungen, die sie gemacht, von Panik erfaßt wurde, was denn aus dem letzten Rest ihres Lebens werden sollte, dann flüchtete sie in die Anwaltskanzlei, wo ihr die beiden Männer – allerdings ohne daß sie auch nur ein Wort von ihren Reden verstanden hätte – auseinandersetzten, was im Augenblick zu tun notwendig oder wenigstens ratsam sei; doch, was wichtiger war, sie gaben ihr Gelegenheit, sich auszusprechen und zu weinen, um ihr schließlich für die Zukunft das Beste vorauszusagen. Wenn Riedinger in seiner polternden Art ausgerufen hatte: »Baronin, Sie werden sehen, Sie werden sehen, wir werden alle noch große Millionäre! Suchen Sie sich nur beizeiten die Schlösser aus, die Sie sich dann kaufen!« – ein harmloser Scherz, über den sie aber, noch unter Tränen, herzlich lachen mußte – oder wenn Feding mit seiner tiefen, gleichmäßig tönenden Stimme ruhig und eben deshalb überzeugender als der andere, gesagt hatte: »Ja, ja, es wird schon alles werden! Wir werden dies und jenes tun, gehen Sie nach Hause und denken Sie nicht mehr an die Zukunft!«, wenn sie also ihren Kummer hergetragen und dann solche oder ähnliche, im Grunde doch inhaltsleere Sätze gehört hatte, dann ging sie erleichtert, fast heiter und mit dem Bewußtsein fort, daß es noch erfahrene, kluge, gütige und edle Männer gäbe. Ihre Dankbarkeit war grenzenlos, doch nicht geringer war ihr Gefühl der staunenden Verehrung, denn ihr erschien die Welt ihres winzigen Bankkontos mit all seinen Zahlen, Auszügen, Benachrichtigungen, Berechnungen und Abrechnungen als ein dichtes, für den normalen Menschen nicht zu durchdringendes Gestrüpp, in das sich nur ganz bestimmte, wahrscheinlich besonders dafür prädestinierte Männer wagen durften: sonderbare und gewaltige Beherrscher des Lebens, gegen den feindlichen Urwald vordringende Helden, fast schon Zauberer.

Der heutige Abend hatte fröhlich für die Baronin begonnen, denn kaum hatte man sich zu Tisch gesetzt, hatte sich auch schon Feding vertraulich zu ihr niedergebeugt und ihr mit seiner tiefen, ein wenig singenden Stimme gesagt: »Nun, Baronin, unsere Angelegenheiten stehen ja ausgezeichnet!« – »Wie!« hatte sie gefragt und war rot geworden. – »Ja, ja«, hatte er wiederholt, »die Angelegenheiten stehen gut! Es wird alles werden! Kein Anlaß, sich Sorgen zu machen!« Bewundernd und dankbar sah sie zu ihm auf. Er blickte auf sie nieder und nickte ihr zu. Er war sich dessen natürlich bewußt, daß mit diesen Redensarten gar nichts gesagt war, aber er wußte auch, daß sie selbst nur deshalb nicht die Sprache auf ihre Verhältnisse gebracht hätte, weil es ihr in diesem privaten Kreis unangebracht erschienen wäre. Und so hatte er ihr denn, worauf sie immer wieder reagierte, gleich zu Anfang der Mahlzeit diese Injektion freundlicher Worte verabreicht. Er hatte in dem so kurzen Gespräch nicht nur das Laster der Lüge an den Tag gelegt, denn die Angelegenheiten der Baronin standen sehr schlecht, sondern mit diesen nichts besagenden Phrasen auch das Laster der Unsachlichkeit; doch das machte ihm offenbar nichts aus.

Feding war eher von großer als von mittlerer Gestalt, elastisch und jugendlich. Wenn er sich langsam und gemächlich bewegte, so hatte dies seinen Grund in seinem Temperament und seiner Wesensart und nicht in seinem Alter. Sein durchgearbeitetes Gesicht war nur von wenigen schweren Falten durchzogen. Die Haare begannen erst in der Mitte des Schädels, über den Lippen hing ein grauer, etwas struppiger Schnurrbart. Seine Augen, unter dichten, oft zerzausten Brauen, waren schmal und klein, doch sie konnten sicher und ruhig schauen, und man durfte ihnen glauben, daß sie, was sie anschauten, auch erkannten; wenn sie sich aber bewegten, dann taten sie es schnell, dann gerieten sie in überraschenden Gegensatz zu der gemütlichen Langsamkeit, der Behäbigkeit seines Körpers, dann kam etwas anderes, Neues, Lachendes in sie, dann leuchteten sie in ihrem leise blinkenden und heiteren Glanz. Wer ihn schätzte, der schätzte in ihm jenen Menschen, der seine Augen ruhen ließ, wer ihn liebte, der liebte in ihm jenen andern, der sie als freundliche Blitze durch die Welt fahren ließ. Seine Stimme war ein nüchterner Baß, der sich allerdings in freundliche Schwingungen und zu einem schwebenden Auf und Ab löste, wenn er ins Erzählen kam, wenn er für seinen Zuhörer besondere Sympathie empfand oder wenn die Nacht vorgeschritten war, und dieser kleine Gesang schien aus derselben Quelle zu kommen wie das heitere Leuchten, das leise Blinken seiner Augen.

Riedinger und Feding waren seit vierzig Jahren Associés. War jener der bessere Verhandler, der ausdauernde Debattierer und, wenn es darauf ankam, der ehrgeizigere und trotzigere Streiter, so war dieser, war Feding, wahrscheinlich der bessere Jurist. Er kannte die Vielfalt der Gesetze und deren schimmernde Deutbarkeit, er wußte, wo sie einander unterstützen und wo sie gegeneinander stehen, aber er kannte auch, sobald all die Affären, Verhandlungen, Pläne, Interessendifferenzen und Kämpfe vor ihn gebracht wurden, die Vielfarbigkeit und zugleich die Grundfarben alles Menschlichen. Er schaute, er war ein Betrachter, er stürzte sich nicht auf die Dinge, wie Riedinger es tun mochte, er sah sie vielmehr vor sich hingebreitet, und so übersah er immer das ganze Netz, sah in ihm jedes Loch und jeden dünnen Faden.

Als sie vor vier Jahrzehnten zusammengekommen waren, da Riedingers Vater knapp vor seinem Tod Feding als Gesellschafter aufgenommen hatte, war dieser achtundzwanzig Jahre alt, Riedinger aber erst dreiundzwanzig. Dies war ein Altersunterschied, der nicht nur für ihre damalige Lebensepoche im allgemeinen beträchtlich war, sondern auch im besonderen für ihre Berufserfahrung, denn der eine war ein Anfänger, ein Lernender, der andere neben ihm verhältnismäßig ein alter Routinier. Jahrfünft um Jahrfünft, Jahrzehnt um Jahrzehnt verging, doch der Altersunterschied wollte nicht weichen. Immer blieb der eine der Erfahrene, Gemessenere, der Abwägende, Souveräne, und der andere, der jetzt Dreiundsechzigjährige, der stürmisch Jugendliche. Das konnte nicht verhindern, daß sie Freunde wurden. Natürlich, ein kleiner Rest verblieb, ein kleiner Wunsch, den Freund etwas anders zu haben, ein letzter kleiner Vorbehalt, der sich daraus ergibt, daß eben ein Mensch nicht wie der andere sein kann. Im Grunde aber bewunderte trotz manchem Streit jeder am Freunde, was ihm selbst fehlte. Sie waren miteinander verwachsen, und ein abwägendes Urteil des einen über den andern kam gar nicht erst auf.

Man hatte sich sehr spät zu Tisch gesetzt. Vor wenigen Tagen war aus dem kleinen Fabrikort S. die Frau des Industriellen Leonhardt, eines der besten Klienten der Anwaltskanzlei, für zwei Wochen in die Stadt gekommen und hatte Riedinger, um eine Auskunft zu erbitten, in seinem Büro aufgesucht. Er hatte es für nützlich gehalten, sie und ihre Zeit ein wenig mit Beschlag zu belegen, um durch gesellige Beziehungen die beruflichen zu vertiefen. So war sie noch am Tage ihres Besuches, es war vorgestern gewesen, für den heutigen Tag in sein Haus gebeten worden. Zu diesem einen Gast nun mußten andere hinzugefügt werden, und da er ihr etwas Repräsentables hatte bieten wollen, waren sowohl die dem Namen nach vornehmsten, als auch die interessantesten seiner Bekannten ausgewählt worden. Das Arrangement war nicht ganz gelungen, weil es zu spät in Angriff genommen worden war, doch war Riedinger im ganzen nicht unzufrieden. Frau Leonhardt also war es, die an der rechten Seite des Hausherrn saß, aber sie, die gewissermaßen den Ehrengast darstellte, sie verhielt sich am stillsten und sprach am wenigsten. Ihre Stimme war leise und schien sich nicht erheben zu können. Sie war von zierlicher Gestalt, sie saß ruhig, die Hände, wenn sie nicht aß, leicht auf den Tischrand gelegt, und bewegte sich sparsam und gemessen. Ihre Augen waren meistens gesenkt, und in ihrem hübschen, regelmäßigen Gesicht, aus dem die etwas vollen Lippen hervortraten, hoben sich nur langsam und nur, wenn es sein mußte, ihre ein wenig schweren Lider. Selten wandte sie sich jemandem zu, und man konnte den Eindruck haben, daß sie ihre eigenen schlanken Glieder als zu schwer empfinde oder daß sie ihren Körper wie ein übervolles Gefäß nicht aus dem Gleichgewicht bringen dürfe. Es war ein gefesseltes Wesen, das sie an den Tag legte, und nur die Tatsache, daß sie sich an ihre eigene Natur gewöhnt hatte und nicht versuchte, sie zu überwinden oder zu durchbrechen, bewahrte sie vor Ungeschicklichkeit.

Doch anders und freier als ihr Inneres, strahlte sich ihr Körper aus. Der Teint war fehlerlos, war vorbildlich, und man hätte glauben können, er sei ein Kunstprodukt und nicht den Zufälligkeiten des organischen Lebens ausgesetzt, ihre Haut war zart und sanft wie die einer köstlichen jungen Frucht aus dem Glashaus. Ihre weichen braunen Haare waren in wohlberechneten, freundlichen Wellen locker zurückgelegt. Sie trug ein mattpastellblaues Kleid aus Seide und Chiffon, dessen Eleganz in seiner kostbaren Schlichtheit und in dem raffiniert nachlässigen Fall bestand. Frau Leonhardt war wunderbar parfümiert, es war ein undefinierbarer Geruch, milde schwebend und herb zugleich, so stark, daß er nicht nur zu ihren Nachbarn und ihrem Vis-à-Vis, sondern in manchen Augenblicken auch, als wäre dies ihre stumme, ihre einzige Art, an ihre Anwesenheit zu erinnern, schräg über den Tisch zu den anderen Gästen als duftender Windstoß hinüber kam.

Ihr anderer Nachbar war der eleganteste der Herren, Ladislaus Joachim. Die Konversation, die er führte, ging in wohlgelernter Gewandtheit, in gleichmäßig sicherem Fluß dahin. Er war von der Februar- und Märzsonne der Berge gerötet und gebräunt. Hinter dieser Farbe, die wie eine Decke über seinem Gesicht lag, mußte man seine Züge erst suchen. Sie waren von Natur aus weichlich, ja, sie neigten zur Schwammigkeit, doch waren sie gehärtet und verschärft, vielleicht durch jene Momente, da er angespannt und verbissen im Hundertkilometer-Tempo chauffiert hatte oder von hohen Skischanzen gesprungen war. Der Smoking, den er trug, war exquisit. Die Smokingbinde war, nach der diesjährigen Mode für die Eingeweihten, besonders lang, nur lose gebunden und außerordentlich schmal. Sie erinnerte mehr an einen Schnürsenkel als an eine Krawatte. Keiner der Männer hier hatte in der Hemdbrust so große Perlen wie er, am linken Zeigefinger aber trug er als Ring nur ein dünnes, zartgliedriges, silbernes oder gar nur eisernes Kettchen, dessen Wertlosigkeit und himmelschreiende Schlichtheit, als Gegensatz zu seiner übrigen teuren Eleganz, auf Menschen, die Sinn für derartige subtile Feinheiten haben, geradezu sensationell wirken mußte. Dieser etwa fünfunddreißigjährige Mann hatte einen Körper, der, sich selbst überlassen, vielleicht schon Fett angesetzt hätte, der aber durchtrainiert und, wenn auch um eine Spur zu massig, doch muskulös und sehnig war. Die Schultern waren künstlich im Anzug verbreitert. Seine Augen waren hell und blau. Im ganzen stellte er eine nicht ganz sichere Mischung aus einem Dandy und einem Sportsmann dar. In Wirklichkeit war er ein Dichter. Mit seinem bürgerlichen Namen hieß er Ferdinand Müller, und er war der Sohn eines Lehrers aus einer norddeutschen Stadt mit dreißigtausend Einwohnern.

Er war vor über zehn Jahren mit seinem ersten Werk, dem Roman ›Die Bestie‹ an die Öffentlichkeit getreten. Es hatte Aufsehen erregt. Mit dem Titel des Buches war sozusagen das Leben selbst gemeint gewesen. Joachim war von der damals jüngsten Generation mit Enthusiasmus begrüßt worden, und sein Erfolg war schnell in jene Gesellschaft hinübergetragen worden, die sich gern mit allem schmückt, was berühmt ist und der Mode entspricht. Sie hatte ihn an sich gezogen und verwöhnt, um so mehr, als er das Talent hatte, gute Figur zu machen. Zwar hatte er, nach der politisch-sozialen Seite hin, einer durchaus revolutionären, extrem sozialen Richtung angehört, zugleich aber meinte er, daß er es sich schuldig sei, sich des Empfanges, den die mondäne Welt ihm bereitet, würdig zu zeigen, indem er sich, nicht nur als Dichter, sondern auch als Weltmann, ihren Interessen, ihrer Lebensart und ihrem Gehaben anzupassen suchte. Respektvoll und mit einem Prickeln im ganzen Leib horchte der Provinzlehrerssohn hin, wo große Namen und Titel genannt wurden, und erschauerte bis in die Zehenspitzen, wenn er in den Empfangsräumen jener ehrgeizigen Damen, die, wild wie die Hyänen, alles an sich reißen, was bedeutend ist oder bedeutend zu sein scheint, aus den unverbindlichen Plaudergesprächen der Diplomaten und Geldmagnaten die gewaltigen Pulsschläge des Daseins herauszuhören meinte. Bald suchte er das Herz jener »Bestie« nur noch in den Straßen der Weltkurorte, in den Hallen der internationalen Hotels und in den Salons der überseeischen Luxusdampfer. Seinen sozialen Radikalismus nahmen die Männer lächelnd als die Narrheit eines Schwärmers, weil sie ihn, nur weil er Bücher schrieb, für einen Träumer hielten, die Frauen empfanden es als erregende Gefährlichkeit hinter seiner glatten Oberfläche, als um so pikanteren haut-goût an dem sonst so schmackhaften Mann. Er fuhr seit Jahren von Land zu Land und berichtete darüber in Zeitschriften und Büchern.

Joachim war bemüht, sich ohne Unterbrechung mit Frau Leonhardt zu unterhalten. Er warf, wo immer es anging, Brocken fremder Sprachen ein, er sprach von eleganten Dingen, er badete in ihnen, er sprach von exklusiven Pariser Restaurants, von italienischen Automobilrennen, von den Frauen der vielen Gegenden, in denen er kürzere oder längere Zeit gelebt hatte, von den verschiedenen Arten ihrer Liebe, die er alle – er verbarg es nicht – genossen hatte, er lobte die sublime und zugleich leidenschaftliche Zartheit der Asiatinnen, die er besonders schätzte, er sprach von vertraulichen Informationen, die er von diplomatischer Seite erhalten, und von der alten Fürstin C., mit der er sich auf seiner Überfahrt nach Südamerika befreundet hatte. Frau Leonhardt hörte schweigend zu, man wußte nicht, mit welcher Teilnahme, und wenn er sie nach etwas fragte, antwortete sie mit einem leisen kurzen Wort. Von ihrem hübschen Gesicht, ihrer zierlichen Gestalt, ihrer stillen Eleganz berührt und von dem Duft irritiert, der einmal schwächer, einmal stärker zu ihm hinwehte, versuchte er, sachte einen intimeren Schritt zu tun, brachte die Sprache auf ihr Parfüm und bemühte sich zu erraten, was es für eines sei, das sie heute verwendet hatte. Bei dieser Gelegenheit erfuhr er denn auch endlich etwas über ihre Person: daß es ihre liebste Beschäftigung, geradezu ihre Leidenschaft sei, suchend und experimentierend selbst ihre Parfüms zusammenzustellen. Das heutige war eine Mischung aus drei französischen Parfüms, der ein Schuß eines schärferen englischen Herrenparfüms beigegeben war. Er lobte es voll Kennertum. Der Kontakt zwischen ihnen stellte sich allmählich her.

Joachim hatte es leicht, sich Frau Leonhardt ganz zu widmen, da die Nachbarin zu seiner rechten Seite, eben jene kleine, weißhaarige Baronin, es auch ihrerseits vorzog, sich mit ihrem zweiten Nachbarn, dem alten Doktor Feding, zu unterhalten. Dieser teilte während der Mahlzeit freundlich seine Aufmerksamkeit zwischen den beiden Damen, neben denen er saß und deren andere die Hausfrau war.

Frau Riedinger lenkte immer wieder, unzufrieden und bekümmert, ihre Augen auf ihre Tochter, diese war, wie man weiß, im letzten Augenblick erst nach Hause gekommen, dann war sie in aller Eile in ein hellgrünes Kleid geschlüpft, das erste beste, welches ihr unter die Hände geraten war, und hatte sich hastig Lippen und Wangen geschminkt. Die Grenze aber zwischen der natürlichen und der künstlichen Farbe war zu hart, deutlich wie das Ufer zwischen Land und See, und der Erfolg von all dem war, daß Blanche viel weniger hübsch aussah, als es hätte sein sollen. Ihrer Mutter mißfiel offenbar sowohl diese nachlässige Art, mit der sie sich für den Abend hergerichtet hatte, wie ihre einsilbige, fast unfreundliche Geistesabwesenheit, mit der sie auf die Worte ihres höflichen, bescheidenen und um eine Unterhaltung bemühten Nachbarn reagierte.

Aus den verstohlenen Blicken, die beide manchmal unwillkürlich auf sie warfen, war zu schließen, daß Frau Riedinger und Feding über sie sprachen. Feding hatte sie wachsen und alle Stadien ihres bisherigen Lebens durchlaufen sehen. Sie war ein verträumtes, zugleich ein trotziges und leidenschaftliches, im ganzen schwer zu lenkendes Kind gewesen. Wie oft hatte er in der Tür zu ihrem Kinderzimmer gestanden und sie betrachtet, wie sie in ihrem Spielbänkchen saß, mit großen Augen bewegungslos in die Luft schauend, in den Händen ein vergessenes Bilderbuch oder Spielzeug, und ihn gar nicht bemerkte; wie oft hatte er in den folgenden Jahren, wenn er bei ihren Eltern war, vom Fenster aus auf die Straße geblickt und zugeschaut, wie sie und ihre Freundinnen, aus der Schule kommend, Arm in Arm quer über den Gehsteig eine Kette bildeten und durcheinanderschwatzten und -lachten! Wie oft hatte sie sich vor ihn hingestellt und sich mit ein wenig abstehenden Armen vor ihm hin und her gedreht, um sich ihm in einem neuen Kleid zu zeigen, vom weißen Kleidchen mit den roten und blauen Tupfen, das noch nicht so lang wie ein Ärmel war, bis zum pompösen Abendkleid aus schwarzem Samt, sechsundzwanzig Jahre später!

Wenn man die vielen Geschenke, die er ihr im Laufe der Zeiten gemacht hatte, nebeneinander legte, dann würde sich eine übermäßig lange Reihe bilden, und man würde erkennen, daß er immer, Jahr für Jahr, gleichsam neben ihr gewesen war. Was würde man nicht alles sehen! Die Kinderrassel, das kleine nackte Püppchen, ein Kettchen um den Kinderhals, die Imitation einer Armbanduhr, die Schultasche, die große Puppe und den Puppenwagen, einen winzigen Sonnenschirm und eine winzige Handtasche, Mädchenbücher, eine kleine Handtasche, eine Armbanduhr an einem Seidenband, eine Füllfeder und ein verschließbares Holzkästen, ein Tagebuch, eine größere Handtasche und eine goldene Armbanduhr, ein Theaterglas, ein Flakon für Eau de Cologne, schöne Literatur, eine Schreibtischgarnitur, eine Puderdose und Parfüm, einen Necessairekoffer, eine Banknote, zwischen die Blätter eines Buches versteckt, ein bescheidenes Perlenkettchen und einen Fuchs, eine Couch für ihr Zimmer, einen Reisekoffer, Bücher über Malerei und Mappen mit Reproduktionen, eine Ampel aus Preßglas, die im Vorraum ihres Häuschens hing, und eine Biedermeiervitrine und schließlich, und das wäre das letzte in der Reihe, eine Serie von Pinseln, vom größten bis zum feinsten, der wie in eine Nadelspitze auslief.

Jetzt also sprach Feding mit ihrer Mutter über sie. Frau Riedinger sah zu Blanche hin wie zu einem Menschen, den man nicht versteht und den jemals zu verstehen man aufgegeben hat. An ihren Mann hatte sie sich längst gewöhnt, an seinen Lärm, seine Launenhaftigkeit und Unberechenbarkeit, sie hatte die wenigen Ereignisse ihres Lebens gelassen überstanden, und jetzt konzentrierten sich ihre Empfindungen nur noch auf Blanche. Sie hatte einen einzigen Wunsch: ihre Tochter verheiratet zu sehen.

Feding gegenüber, also schon an der anderen Längsseite des Tisches und ebenfalls neben Frau Riedinger, hatte Herr von Passow seinen Platz. Es war der Schein einer gewissen Andersartigkeit um ihn, er war wie ein Gast aus der Fremde und schien es selbst so zu fühlen, wie man aus der zurückhaltenden, vorsichtig-behutsamen Art seines fast schüchternen Betragens und aus jener übergroßen Höflichkeit schließen konnte, die sich nur bei weiten Distanzen einstellt. Sein Gesicht war wie ein ebener Acker, übersichtlich und friedlich, ohne Geheimnis, fast ohne Merkmal. Der Anzug, den er trug, war alt und offenbar zu eng geworden, sein Kragen zu hoch, und im Hemd steckten sonderbarerweise schwarze Knöpfe. Hie und da wandte er sich voll Bescheidenheit und Respekt mit höflichen Worten an die Hausfrau, im übrigen aber war er bemüht, mit Blanche, seiner anderen Nachbarin, eine Unterhaltung zu führen.

Herr von Passow war Offizier gewesen und hatte sich später in verschiedenen zivilen Berufen versucht. Er tat alles, sich in seine neue Welt einzugewöhnen, konnte aber seine Verwunderung darüber, was er in ihr zu sehen bekam und von dessen Existenz er früher nichts geahnt hatte, nicht überwinden. Immer staunte er. Er verkehrte außerordentlich gern in bürgerlichen Häusern, unterhielt sich gut in ihnen und glaubte, vieles zu lernen. Dankbar für alles, was geboten wurde, hörte er überall hin, wo es etwas zu hören gab, und war voller Bewunderung für den Witz des einen, das Temperament des zweiten, die Bildung eines dritten. Es war ihm bekannt, daß Blanche Malerin war. Zwar hatte er noch niemals ihre Bilder gesehen, doch allein die Tatsache ihrer Kunstbetätigung war für ihn ein Gegenstand des Staunens. Bewunderte er schon jeden Menschen, den er für gebildet hielt, fühlte er sich schon jeder Problemstellung, jedem auch nur ein wenig ins Allgemeine oder Abstrakte gehenden Gespräch gegenüber recht hilflos und erschien ihm manchmal schon das nicht mehr ganz Grobe als Subtilität, so war ihm ein Mensch, der eine Kunst betrieb, der etwas aus sich herausholte und es an den Tag brachte, der ohne ersichtlichen Grund aus dem Nichts etwas schuf, ein unbegreiflich-rätselvolles Wesen. Daß aber gar eine Frau sich dazu verstieg, war und blieb ihm durchaus unfaßlich. Er hätte gerne erraten und verstanden, wie es in einem solchen Geschöpf zugehe, und es war nicht nur die Zuvorkommenheit, mit der man sich in die Interessensphäre des andern begibt, es bewog ihn noch mehr sein eigenes Interesse, seine eigene Neugierde, sich immer wieder mit naiven und, gewiß, vielleicht ungeschickten Fragen an Blanche zu wenden. Sie aber schien eher bereit und fähig, an alles andere als an ihre Malerei zu denken, und fühlte sich offenbar bei den Gesprächen, die sich so ergaben, nicht recht wohl. Die Frage »Malen Sie schon lange?« war immerhin noch mit der Feststellung einer Tatsache zu beantworten: »Seit zwei Jahren.« Doch wenn er dann fortfuhr: »In welcher Art malen Sie?«, dann war's schon schwerer, und sie schwieg. Er aber wußte nicht, warum sie nichts erwiderte, schaute sie ruhig, mit gutem Gewissen an und wartete höflich und bescheiden.

»In welcher Art!« rief sie schließlich und lachte auf. »Das ist schwer zu sagen!«

»Gewiß«, gab er zu, »es läßt sich mit Worten wohl schwer beschreiben? Malen Sie modern?«

»Mein Gott, es weiß ja niemand, was gerade heute modern ist.«

Er dachte nach. »Die Richtungen wechseln wohl sehr schnell?« fragte er dann.

»Allerdings!«

»Und warum?« fragte er. Aber dies war wiederum eine jener Fragen, die von der Voraussetzung paradiesischer Zustände ausgehen, unter denen jedes einfache Warum mit einem eindeutigen, klärenden Weil zu beantworten wäre – eine jener Fragen, die dem unvorbereiteten und nicht geistesgegenwärtigen Menschen den Atem nehmen.

Blanche hob nur die Schultern. Gedankenvoll sah er sie an, die Geheimnisvolle, doch dann traute er sich nochmals vor und fragte: »Haben Sie auch schon alte Meister kopiert?«

»Nein. Warum?«

»Nun, ich denke, das muß das allerschwerste sein! Ich kann es mir gar nicht vorstellen, wie einem das gelingen kann!«

Sie zog ein wenig hochmütig die Brauen in die Höhe: »Gerade das? Und warum?«

»Weil diese Arbeit doch am leichtesten kontrollierbar ist. Wenn man eine Landschaft malt und sie fällt etwas anders aus, als sie wirklich ist, was doch immer möglich bleibt, dann kann man immer noch sagen: bei dem damaligen Wetter war sie so! Oder wenn man einen Menschen malt und verzeichnet ihn ein wenig, dann kann man immer noch sagen: er war damals so merkwürdig! So war er damals! Aber bei einem alten Bild? Da kann doch jeder die Kopie mit dem Original vergleichen, bis auf jeden Pinselstrich, bis auf jedes Tüpfelchen. Das muß furchtbar schwer sein!«

Sie murmelte undeutlich einige Worte und wandte sich, sobald es anging, nach der anderen Seite. Er sah dem sich wegdrehenden Kopf ein wenig traurig nach, wie einem Menschen, der einen verläßt, und blieb ganz allein.

Wäre Blanche sehr schlank gewesen, dann hätte Herr von Passow alles eher begriffen, denn Frauen, die schlank waren oder gar mager und dünn, waren für ihn keine Frauen. So war es nun einmal, und er hätte sich wohl vorstellen können, daß solch ein unglückseliges, verkrüppeltes, für die Liebe unbrauchbares Wesen sich in andere Gefilde rettet, um dort ein anderes, wenn auch ganz unweibliches Leben zu führen. Daß aber eine Frau mit solch einer gesunden, kräftigen Gestalt, mit solch herrlichen Rundungen und Wölbungen Malerin sein sollte, ging ihm nicht ein. Ihr Körper gefiel ihm ganz außerordentlich und schien ihm für alles eher geschaffen zu sein als dafür, stundenlang und tagelang vor einer Staffelei zu stehen und eine komplizierte Persönlichkeit zu beherbergen. Wann immer er ihr begegnet war, immer hatte er mit diskreten Blicken und angenehmen Gefühlen ihre vollen Arme betrachtet, ihre kräftigen Schenkel, ihren reifen Busen, wohlgefällig hatte er ihr entgegengesehen, wenn sie auf ihn zugekommen war, und wohlgefällig ihr nachgesehen, dem Muskelspiel ihres Ganges, wenn sie, ihm den Rücken kehrend, sich von ihm entfernt hatte. Er war einer jener Männer, die nur das Sichtbare, das Dargebotene schätzen, die, ein Stück Natur, sich zu einem anderen Stück Natur hingezogen fühlen. Er war abhängig von den Körperformen; und diese waren an Blanche gerade so, wie Passow sie liebte.

»Haben Sie«, begann er von neuem, sobald er ihrer wieder habhaft werden konnte, »auch schon Bilder verkauft?«

»Nein, noch nicht.«

»Nun, das wird gewiß auch sehr bald kommen. Wie lange pflegt es im Durchschnitt zu dauern, bevor man es soweit bringt?«

Sie warf den Kopf zurück. »Ich lege«, antwortete sie mit Ironie, »auf den Verkauf meiner Bilder nicht sehr großen Wert!«

»Warum?« fragte er staunend.

Sie schwieg, er sah sie beharrlich an und wartete auf Antwort. Vom Lärm an ihrer rechten Seite angezogen, wandte sie sich hin. Dort saß Alfons Stadel. Er war es, von dem die Blicke eines Eintretenden augenblicklich angezogen wurden, zu dem diejenigen eines Beobachters und Zuhörers, freiwillig oder unfreiwillig, immer wieder hätten zurückfinden müssen, denn sein Aussehen, seine Haltung und seine Gebärden stachen schreiend von dem aller Anwesenden ab. Sein Gesicht war seltsam. Mager, bleich und in die Länge gezogen, mit zurückweichendem Kinn und dünnlippigem Mund, schien es nur Fundament und Hintergrund für seine Nase bilden zu wollen, die außerordentlich schmal und messerscharf hervordrang, in der Mitte energisch und hart geknickt, ein überdeutliches Muster für eine Adlernase. Seine Haare waren in der Mitte gescheitelt, eingefettet und fielen ölglänzend zur Seite; die Spitzen reichten bis zu den Augenwinkeln, manchmal bis zu den Backenknochen. Mit dieser Frisur unterstrich Stadel noch die Betonung, die die Natur seinem Gesicht gegeben hatte. Er war sehr groß, hager und ganz wie sein Kopf ins Schmale zerdehnt. Richtete er sich auf, dann überragte er seine ganze Umgebung.

Doch er war es auch, der die Gesellschaft beherrschte, denn er sprach am meisten und, soweit man es zuließ, ohne Unterbrechung, er hatte die lauteste Stimme, er hielt die Zügel aller Gespräche in seiner Hand, aber er hatte auch das Bedürfnis, am meisten zu sprechen, er wollte die lauteste Stimme haben und konnte nicht darauf verzichten, die Zügel aller Gespräche in seiner Hand zu halten. Alles rüttelte ihn auf, ein Wort, das er hörte, veranlaßte ihn, es zum Ausgangspunkt einer Rede zu machen, der Name eines Menschen war das Stichwort, eine Anekdote über ihn zum besten zu geben, der erhaschte Fetzen eines Gesprächs, dieses an sich heranzuziehen.

In allen Sphären der Kunst zu Hause, informiert über alle Richtungen des geistigen Lebens, mit all seinen Vertretern bekannt, mit manchen befreundet, mit vielen verfeindet, wurde auch er als eine zum Literaturbetrieb gehörige Figur betrachtet, obwohl er selbst nur gelegentlich eine und die andere Sammlung von Aphorismen veröffentlicht hatte, die durch einen nach allen Seiten gehenden Radikalismus und durch einen gewissen paradoxen Witz charakterisiert waren. Woher er und ob er überhaupt einen regelmäßigen Unterhalt bezog, wußte man nicht, und es war nur bekannt, daß er sehr kärglich leben mußte; das Wenige aber, das er hatte, verzettelte er, und wahrscheinlich gab er für die Schnäpse und Kaffees in den Kaffeehäusern mehr aus als für seine Ernährung. Über sein Herkommen wußte man nur soviel, daß er der Sohn, wahrscheinlich der uneheliche Sohn, einer Hofdame an einer sehr kleinen Residenz war. Sie war eines Tages mit einem fremden Mann durchgegangen, mit einem Kutscher oder einem Zigeunerprimas oder einem berühmten Dichter. Da es dem Hof und der Residenz ganz gleichgültig war, ob es ein Kutscher oder ein Zigeunerprimas oder ein berühmter Dichter war, das Interesse sich vielmehr nur auf die unmoralische Tat ihrer Flucht bezog, wußte man nicht, wer wirklich sein Vater war.

Stadel unterbrach auch heute nur selten seine Reden, um sich tief über den Teller zu beugen und hastig einen großen Bissen in den Mund zu werfen, doch schnell ließ er seinen Kopf wieder in die Höhe schießen, um sich über die ganze Gesellschaft hin auszusprühen. So war denn Stadel inmitten des gemessenen und konventionellen Betragens aller anderen wie ein feuerspeiender Hügel in einer flachen Ebene oder inmitten dieser entlang der Tafel aufgereihten Taubenschar ein farbenprächtiger, flügelschlagender Kakadu. Selbst Doktor Riedinger blieb neben ihm nichts anderes als eben die lebhafteste der Tauben.

Auf Stadel folgte schließlich in der Reihenfolge Frau Feding, die Frau des älteren Associés von Doktor Riedinger. Sie mochte fünfundfünfzig Jahre alt sein. Ihr Körper war gut erhalten, ihre Figur schlank, ihr Gesicht milde und die Stirn klar. Sie war sehr schweigsam, in ihren Bewegungen behutsam, fast ängstlich, und in ihre stillen Augen trat bei Tatsachen und Vorgängen, die nur ein wenig aus dem gewohnten Rahmen fielen, unverhohlen eine kindliche Verwunderung. Sie und ihr Mann lebten seit über dreißig Jahren in bestem Einklang miteinander. Ihre Liebe hatte sich zur Freundschaft gesteigert, und diese wiederum zur Liebe. Der einzige Kummer ihres Lebens war, daß sie kinderlos geblieben waren. In früheren Jahren hatte sie manchmal in offenem Jammer darüber geklagt; sein Schmerz war still und zugedeckt. Nun war alle Hoffnung längst vergangen.

Rechts von Frau Feding saß der Hausherr, und so schloß sich der Kreis. Riedinger tat alles, die Stimmung warm zu halten oder gar noch anzuheizen. Er rief, sein Glas erhebend, bald dahin, bald dorthin ein aufmunterndes Prosit!, lachte immer als erster und übertönte, wenn Stadel besonderen Erfolg mit einer Bemerkung hatte, die allgemeine Heiterkeit mit den, seiner Nachbarin in aufgeregtem Entzücken zugeschrienen Worten: »Was sagen Sie nur! Was sagen Sie nur!« Er fühlte sich offenbar außerordentlich wohl, wie immer, wenn es rings um ihn Bewegung, Scherz und Lärm gab. Seine Augen hinter der großen Hornbrille liefen in freudiger Unruhe auf und ab, dahin und dorthin, sein Gesicht war vom Gelächter und dem wenigen Wein, den er getrunken hatte, gerötet. Von Zeit zu Zeit warf ihm seine Frau besorgte Blicke zu, denn sie wußte, daß sich nach jeder Überanstrengung, ja, schon nach jeder Anstrengung und manchmal schon nach zu lebhaften Debatten die atemraubenden Herzbeklemmungen bei ihm einstellten. Kein Zweifel, sie hätte ihn jetzt gern gebeten, sich zu mäßigen, aber sie wußte auch, daß ihn nichts so sehr in Zorn, also in jene ihm gefährliche Unruhe versetzen könnte, wie ihre Mahnungen zur Ruhe; denn es durfte im Haus nicht erwähnt werden, daß er auch nur schonungsbedürftig sei. Selbst vor seinen Freunden wurde die Krankheit verleugnet oder geheimgehalten.

Er stand im siebenten Jahrzehnt, und die Ärzte sagten ihm, daß sein Herz abgebraucht sei, aber er litt nicht so sehr unter den Beschwerden selbst wie unter dem Gedanken, daß jene grausamen Erscheinungen schon Alterserscheinungen seien. Er wollte nicht alt sein. Er wollte keine Glatze und beklebte sie mit den zur Seite gelegten Haarsträhnen, er wollte keinen grauen Schnurrbart und färbte ihn, er wollte kein abgebrauchtes Herz und vernachlässigte es, er wollte nicht die Meinungen eines erfahrenen, gealterten Menschen und hatte deshalb immer die Ansichten der Jugend, denn, so sagte er immer wieder, der Jugend gehöre die Zukunft – eine Behauptung, die zweifellos richtig ist, aber doch nichts anderes enthalten kann, als die Feststellung, daß ihr die Zukunft gehört, weil sie leben und an der Macht sein wird; wenn die jetzt Älteren schon tot sein werden, womit ihr aber doch keineswegs schon die geistige oder moralische Superiorität zuerkannt werden darf. Er, Riedinger, hielt es nicht nur für ein Glück, sondern auch für die Pflicht des Menschen, nicht zu altern. Deshalb teilte er immer die Meinung der jeweils jüngsten Generation, mehr aus Bedürfnis seines Wesens als aus Überlegung. Es gibt in disharmonischen, geschwächten Zeiten unendlich viele schwache Menschen, die vor einer jüngeren Generation kapitulieren, welche sich, im unübersichtlichen Wandel des psychischen Zustands der Menschheit, zur Herrschaft emporgeschwungen hat. Sie wollen nichts davon hören, daß es zwar möglich ist, auf die Vorteile seines eigenen Lebensalters zu verzichten, gänzlich ausgeschlossen aber, sich die eines anderen anzueignen; sie wollen nichts davon hören, daß es nichts Herrlicheres und Überwältigenderes gibt als den Bogen, der sich vom ersten quäkenden Greinen des Säuglings, vom ersten Aufschrei des nackten Lebens zum gemessenen Wort des Weisen wölbt; sie wollen nichts davon hören, daß nur durch den Zusammenklang aller Lebensalter das Leben lebensmöglich ist.

II

Er war es, Riedinger, der jetzt das Wort hatte. Seiner Neigung folgend, über Dinge der Liebe zu sprechen, und die Problematik eines Kriminalfalls vielleicht nur als Vorwand benützend, dies tun zu können, berichtete er über eine Gerichtsverhandlung, deren Gegenstand die Tatsache war, daß eine junge schöne Frau, eine Dame der besten Gesellschaft, wie er sich ausdrückte, auf eine viel ältere, mittelmäßig hübsche Dirne, die Geliebte ihres Mannes, aus Eifersucht ein Revolverattentat verübt hatte, wobei er ausführlich auf die Vorgeschichte einging und mit allen Einzelheiten die peinlich-verfängliche Situation schilderte, durch welche dieses Verbrechen aus Leidenschaft ausgelöst worden war. Man unterhielt sich auch tatsächlich nicht so sehr über den Prozeß selbst und über die Rechtslage wie über den sonderbaren und auffallenden Tatbestand, der ihm zugrunde lag. Die Sache interessierte jeden, man begann, sich zu ereifern, sprach über die Männer, die Frauen, die Liebe, die Veränderung der Zeiten, und die Gespräche gingen kreuz und quer; dann aber erkämpfte Stadel, in dieser gemessenen Gesellschaft der flügelschlagende Kakadu, das Wort für sich allein.

Er hatte sich lange genug darum bemüht. Mit allen Mitteln seines überhitzten Temperaments besiegte er endlich die Gesellschaft und setzte sich durch: »Meine Damen und Herren!« rief er, wie als Beginn einer langen Rede, und übertönte alle anderen. »Meine Damen und Herren! Worüber staunen Sie? Darüber, daß die schöne Frau in die Lage kommt, auf die häßliche eifersüchtig zu sein? Nun, das ist fürs erste, wie man weiß, eine Sache des Geschmacks, und fürs zweite dürfte die Häßliche ihre geheimen Vorzüge gehabt haben. Aber darum handelt es sich gar nicht, darüber staunen Sie gar nicht, Sie staunen vielmehr darüber – denn ich durchschaue Sie, weil ich nämlich nicht nur für gescheit gelte, sondern es auch wirklich bin! – Sie staunen darüber, daß die brave, gesicherte, erhabene Ehefrau aus der besten Gesellschaft« – hier machte er eine ironische Verbeugung – »sich herabläßt, auf eine Dirne eifersüchtig zu sein! Und fürwahr, man müßte darüber staunen, wenn man es nicht vorzöge, auf intelligente Weise festzustellen, daß man gar nicht staunen muß! Es ist unausweichlich, daß, was ich zu sagen habe, zu einem Vortrag über die Liebe wird!«

»Bravo! Los!« rief Riedinger, voll Erwartung, was da nun Lustiges und Geistreiches kommen würde. Stadel war sein Liebling, aber am anderen Ende des Tisches warf Feding, der ihn wegen seines überlauten Wesens nicht leiden mochte, Frau Riedinger im geheimen einen spaßig-verzweifelten Blick zu, als ob er sagen wollte: wir Armen! das hat uns noch gefehlt, daß dieser Mensch einen Vortrag über die Liebe hält!

Indessen fuhr Stadel fort: »Ein Vortrag über ein Thema also, das nicht nur wegen des Vortrags und des geistreichen Vortragenden, sondern auch schon wegen des Themas Sie alle gewaltig interessieren wird! Die Situation ist nämlich die – Doppelpunkt! Die herrliche, prachtvolle Ehefrau und jene Dirne, sie leben und lieben doch auf verschiedenen Ebenen, nicht wahr? Wie kann da überhaupt eine Konkurrenz entstehen, nicht wahr? So empfinden Sie es doch? Aber, meine Damen und Herren«, und er ahmte den Singsang eines Moritatenerzählers nach, »meine Damen und Herren, der Knall dieses Revolvers hat gräßlich und greulich die Situation beleuchtet! Die Situation ist nämlich die – Doppelpunkt! Jene Ehefrau und jene Dirne leben und lieben gar nicht auf verschiedenen Ebenen, sondern auf derselben, sonst hätte sie nämlich gar nicht geschossen! Daß es aber so ist, daß sich die beiden Kategorien von Frauen auf derselben Ebene gefunden, daß sie sich einander angeglichen haben, das ist ein Unglück! jawohl! ein Weltunglück, sage ich! Es ist Sache der Männer, ihren Trieb zu befriedigen, wo und wie sie wollen, aber es ist Sache der Frauen«, und er klopfte mit dem gekrümmten Zeigefinger auf den Tisch, wie man es tut, wenn man die Energie seines Standpunktes oder die Unnachgiebigkeit seiner Forderung unterstreichen will, »es ist Sache der Frauen, daß die Flut ihrer Begierde automatisch einen Riegel öffnet –!«

Jetzt schlug er die Arme auseinander, um die Bewegung der sich öffnenden Türflügel anzudeuten, und rief pathetisch: »Es wird ein Riegel zurückgeschoben, und es öffnet sich eine Tür, ein Tor, und es erscheinen neue Kräfte! Was sind das für Kräfte? Es sind die Kräfte der Seele! Jawohl, es erscheint die Seele selbst! Die Liebe und der Glaube an die Seele des Menschen ist aber, meine Herrschaften, der Urgrund der Welt! Jene Kräfte bedeuten den Beginn der Gesittung des Menschengeschlechts! Das ist die Liebe, die Seele!«

Man aß eben Kirschtorte. Es wurde nicht gut gekocht in diesem Haus, und das Menü war immer ohne jede Phantasie zusammengestellt. Riedinger war zu grobschlächtig, Blanche zu sehr verinnerlicht, als daß sie den Genuß des Essens und Schmeckens gekannt hätten, und da die Hausfrau selbst immer nur den Bedürfnissen ihrer Familie folgte oder, wie hier, ihrer Bedürfnislosigkeit, blieb alles einer längst nachlässig gewordenen Köchin überlassen. Die Kirschtorte also, die man jetzt aß, bestand aus einem mürben, zu trockenen, in Staub zerfallenden Teig, der mit gekochten Kirschen belegt und mit einem roten, dünnflüssig gebliebenen Gelee übergossen war. Jeder der Gäste hatte sich abzuplagen, seine Portion dieses fragwürdigen, sowohl zerbröckelnden als auch zerfließenden Gebildes auf seinen Teller zu bringen, und jeder sah, wenn sich ihm die Schüssel näherte, beim Anblick seines, mit diesem widerspenstigen Objekt sich quälenden Nachbarn schon im voraus ängstlich dem ihm bevorstehenden Kampf entgegen. Stadel hatte noch nicht gegessen. Jetzt, da die anderen beinahe fertig waren, entschloß er sich dazu, beugte, mit einem plötzlichen Ruck den Kopf abwärts stoßend, den hohen Rücken, indem er zugleich den linken Arm warnend in die Höhe reckte, zum Zeichen, daß er weitersprechen wolle, und warf, damit er nur schnell fertig werde und ihm niemand ins Wort fallen könne, voller Hast Löffel um Löffel in den Mund. »Die Liebe! – Ja, die Liebe! – Die Liebe!« rief er zwischen den einzelnen Bissen. Der feucht gewordene Staub des Kuchens klebte ihm an den Lippen, und der rote Saft tropfte ihm vom Mund. »Die Seele! Die Seelenkräfte!« rief er.

Endlich ließ er klirrend den Löffel auf den Teller fallen, richtete sich auf und fuhr fort: »Wir Männer sind Schweine, aber es waren die Frauen, die die Liebe sozusagen erfunden haben und die Kräfte der Liebe entbinden wollten. Wer von uns hat sie nicht schon gehört, diese Worte, die ein Frauenzimmer immer von neuem wiederholt, wenn es sich ziert« – und er ahmte quäkend eine Frauenstimme nach – »Ach, Sie lieben mich ja gar nicht! Lieben Sie mich denn? – Es kam ihnen eben nicht auf den Genuß an, sondern auf die Liebe! Aber jetzt haben sie herausgefunden, daß man sich auch mit dem Amüsement begnügen kann! Damit aber haben sie sich in die Welt jener Kleinbürgerinnen begeben, die wir Dirnen nennen, denn daß die einen als Honorar Geld, die andern ihr eigenes Amüsement einheimsen, stellt einen nur unwesentlichen Unterschied dar! Aber wer wird Geld ausgeben, wenn er den andern mit dessen eigenem Amüsement bezahlen kann? Ich nicht! Im übrigen müßte ich ihr das Geld schuldig bleiben!« Er wartete ein Gelächter ab, doch es fiel schwächer aus, als er gemeint haben mochte. So sprang er wieder mit wütend gerunzelter Stirn und mit noch lauterer Stimme schnell vom Scherz zum Ernst zurück. »Die neue Situation«, rief er, »mag ja für uns Männer recht vergnüglich sein, ich aber ziehe dennoch die Liebe und die Beseeltheit des Menschengeschlechts vor und den Glauben! den Glauben an die Liebe, den Glauben an die Seele und an den Schöpfer der Seele, an – Gott! Jawohl, meine Herrschaften, an Gott!«

Prahlerisch warf er dieses letzte Wort hin, das er mit einem Faustschlag auf den Tisch begleitete, und voll Stolz gingen seine Augen in die Runde, als wollte er einen Triumph auskosten. Man senkte, wie in einem Gefühl der Scham, die Blicke.

Passow, der immer Staunende, hatte sich ein wenig vorgebeugt, um, an Blanche vorüber, Stadel besser sehen zu können. Aus seinem fast kindlich verwunderten Gesichtsausdruck war zu schließen, daß er im einzelnen den Gedankengängen des andern gar nicht erst zu folgen suchte und nur damit beschäftigt war, diesen ihm kuriosen, durch keine Rücksicht, kein Vorurteil, keine Schüchternheit oder irgendwelche andere Grenze eingeengten Menschen zu beobachten und sich seiner Verblüffung über diese Redeweise hinzugeben, diese Redeweise mit ihrem Pathos, ihrer Ironie und ihrem scherzhaften Selbstlob, aus dem aber unverkennbar die wirkliche übermäßige Selbsteinschätzung, die immer virulente Eitelkeit hervorquollen. Mochte er nun begreifen, was gesagt wurde, oder nicht, es war genug der Sensation für ihn, zu hören, wie, bei allen Lobpreisungen der Liebe, die Frauen erbarmungslos kritisiert, ja, wie es ihm schien, verächtlich gemacht wurden, und mit ihnen auch die anwesenden. Endlich, da sich da und dort Stimmen erhoben und zu einem Summen vereinigten, wagte er es, sich Blanche zu nähern und sie flüsternd zu fragen: »Verzeihen Sie – ich habe bei der Vorstellung den Namen nicht verstanden – wer ist, bitte, der Herr?«

»Er heißt Alfons Stadel.«

»Ein origineller Herr, nicht wahr?« fragte er weiter und lächelte verlegen.

»Ja«, antwortete Blanche.

»Ist er berühmt?«

Zugleich benützte der elegante Dichter Joachim die Gelegenheit, versteckt hinterm allgemeinen Lärm, gleichsam unter vier Augen ein kleines Gespräch mit seiner schweigsamen hübschen Nachbarin, der Frau Leonhardt, zu führen, die Stadel, als dem Lautesten, dem Führenden, unentwegt zugehört hatte. »Finden Sie«, fragte er und neigte sich ihr zu, »finden Sie derartige Vorträge amüsant?« Sie blickte ihn an, als ob sie erkennen wollte, was er selbst denke, und dann sagte sie: »Nein, gar nicht.«

Er sprach weiter: »Warum redet der Mensch über die Liebe? Die Liebe ist«, und er sprach mit hartem Rhythmus, als wollte er mit seiner Betonung vorführen, daß jeder seiner lapidaren Sätze, daß jedes Wort der Schlag eines Hammers sei, »die Liebe ist kein Thema! Die Liebe ist ein Ereignis! Die Liebe ist der Sturz – hinauf – in den Abgrund! Man schweigt!« Doch wie wenn er sich selbst gleich Lügen strafen wollte, schwieg er nicht und fuhr fort, über die Liebe zu sprechen: »Die Liebe ist unfaßbar, weil jener Teil von uns, der sie erfassen könnte, von ihr mit ergriffen wird. Die Liebe ist der Sturz aus dem Zentrum des eigenen seelischen Kosmos in das Zentrum des fremden seelischen Kosmos – ist es nicht so?«

Sie saß, während es von ihrem Körper zu ihm herüber duftete und glänzte, aufrecht und still und antwortete hauchend mit ihrer verlegenen Stimme: »Wahrscheinlich!«

Riedinger strahlte. Zwar hatte er andere, ganz andere und, wie er meinte, viel modernere Ansichten als Stadel über diese Dinge, jetzt aber wollte er nicht kämpfen, denn er schien über die Rücksichtslosigkeit und Rückhaltlosigkeit, mit der jener gesprochen hatte, vor Freude ganz außer sich zu sein, und eben, da sich eine allgemeine Diskussion zu entwickeln begann, überschrie er sie und rief: »Ach was! Man soll nicht alles unter die Lupe nehmen! Die Frauen waren immer gleich und werden immer gleich bleiben!« Und dies war nun allerdings eine jener trivialen Allgemeinheiten, die immer bei der Hand sind, nach der Art jener Menschen hingeworfen, die sich zwar an einem Gespräch beteiligen wollen, doch, da sie nichts Rechtes zu sagen haben, immer nur Luft in die Debatte blasen. Und da wagte sich, nach diesem im Lauf ihres Lebens, in dieser oder ähnlicher Form, wahrscheinlich unzählig oft gehörten Ausruf, die kleine, alte, weißhaarige Baronin vor, um mit einer vielleicht ebenso oft gegebenen Antwort zu erwidern. Sie streckte aus ihren bis zum Kinn reichenden Shawls und Spitzen den Kopf nach Riedinger hin, neigte ihn anmutig zur Schulter, und mit einem leisen Lächeln in dem alten Gesicht, mit einem uralt-blassen Widerschein jener Koketterie, mit der sie vor fünfzig Jahren die Männer entzückt haben mochte, fragte sie: »Immer gleich? Und ist das so schlimm? Und wie sind sie denn? Wie sind die Frauen?«

Feding neben ihr sah belustigt auf sie nieder, weil sie den Mut aufbrachte, sich an diesem Disput beteiligen zu wollen, und tatsächlich, es bekam ihr nicht gut, denn schon wurde sie mit großem Gepolter zurückgejagt. Schallend und mit sich überschlagender Stimme rief Riedinger ihr zu: »Natürlich ist's schlimm! sie sind scheinheilig! falsch sind sie! Scheinheilige Kreaturen sind sie, die nichts wert sind!«

»Oh«, machte die Baronin in langgezogenem Ton und legte erschreckt beide Hände an die Wangen. »Oh«, machte sie nochmals und verstummte, und sie war wie ein Mensch, der tänzelnd in die Wiesen gegangen ist, Blümchen zu pflücken und Schmetterlinge zu haschen, sich aber unerwartet, mit Veilchen und Vergißmeinnicht im Herzen, einem brüllenden Ungeheuer gegenübersieht.

Feding, der dieses Resultat ihrer Kühnheit vorausgesehen hatte, amüsierte sich über ihr Entsetzen und lachte, von kurzen, stillen, schnellen Stößen geschüttelt, von niemandem beachtet, lautlos vor sich hin.

Stadel hatte inzwischen auf Frau Feding eingeredet, die ihm schweigend zuhörte, ohne Zustimmung, ohne Widerspruch, jetzt aber, da das Stimmengewirr in seinem Auf und Ab ein wenig leiser wurde, sprang er in dieses Tal und sprach nun wieder zu allen und über den ganzen Tisch hin: »Die Frauen! Sie verleugnen ihre Mission! Ah, es gibt heute Frauen nur noch anatomisch und physiologisch!« Mit einemmal begann er dröhnend zu lachen, offenbar im voraus über das Kommende, und dann erst fuhr er fort: »Der einzige Unterschied zwischen den Geschlechtern ist nur noch der, daß die Frauen hie und da ein wenig mehr Zeit brauchen, um sich zu der so erfreulichen Aktion zu entschließen – psychische Rudimente aus alten Zeiten! Da allerdings muß man unnachgiebig sein, da sage ich mit einer etwas gar zu gewöhnlichen Redewendung, die meiner sonstigen durchaus persönlichen Ausdrucksweise nicht entspricht, da sage ich also: wenn schon – denn schon! Ich habe unlängst einer Dame gesagt: ›Hören Sie, gnädige Frau‹, habe ich gesagt, ›entscheiden Sie sich! Es ist Ihr Vorteil, sich schnell zu entscheiden! Ich stelle Ihnen ein Ultimatum: heute bin ich noch bereit, die Hälfte des Hotelzimmers zu bezahlen, morgen zahle ich nur noch ein Drittel, übermorgen nur noch ein Viertel!‹«

Man lachte da oder dort auf, Feding aber, der eben sein ausgetrunkenes Weinglas niederstellte und seiner Nachbarin, der Frau Riedinger, mürrisches Gesicht sah, zwinkerte ihr mit fast jungenhafter Lustigkeit zu, als ob er sagen wollte: Wir wollen ihm den Gefallen tun, spaßeshalber!, und fragte langsam, in seinem tiefen Baß ein wenig singend: »Ausgezeichnet! Und wie ist dieser überaus interessante Prozeß ausgegangen, Herr Stadel?«

»Sofort!« schrie Stadel, »sofort! sofort sind wir gegangen, und sie hat das ganze Zimmer bezahlt!«

Das erst war die Pointe.

»Ausgezeichnet!« sagte Feding in langgezogenem Ton. »Ausgezeichnet!« und zwinkerte wieder seiner Nachbarin zu: spaßeshalber, spaßeshalber!

»Das einzig Wahre an dieser Geschichte ist«, flüsterte Joachim Frau Leonhardt zu, »daß er das Zimmer nicht bezahlt hat!«

Passow beugte sich zu Blanche. »Originell, nicht wahr?« fragte er, und sein Gesicht war von einem ratlos verlegenen Lächeln verzerrt. Blanche überhörte seine Worte. Sie saß zurückgelehnt und sah vor sich hin. Man hätte kaum sagen können, ob sie sich nur langweile oder ob sie träume. Seine Augen blieben auf ihr Gesicht geheftet, treuherzig auf Antwort wartend; während sie aber schwieg und er sie so unentwegt anschaute, vergaß er offenbar seine eigene Frage, und sein sich verändernder Blick schien nur scheu und bewundernd zu fragen: Warum schweigt sie? Warum hört sie mich nicht? Was geht jetzt in ihr vor? Hat sie am Ende eine Vision von einem neuen Gemälde? So soll es doch sein, daß es die Künstler manchmal unerwartet überkommt? Ist sie jetzt nur Geist, nur Geist, bei diesem herrlichen, herrlichen Körper?

»Prosit!« rief Riedinger lachend. »Prosit!«

Stadel breitete die Arme aus und fuhr predigend fort: »Halten Sie sich an die Liebe, meine Herrschaften, halten Sie sich an die Liebe, vor allem Sie, meine Damen!«

Man lächelte. Blanche sah ihn von der Seite her an, als wollte sie seine Reden mit seinem Gehaben und Wesen vergleichen, als wollte sie erraten, wo die Wahrheit dieses Menschen liege, in seinen Worten, die Liebe, Heiligkeit und Gott verteidigten, oder in dem eitlen, ungehemmten Lärm, den er um sich verbreitete.

Frau Riedinger ließ die Augen rings um den Tisch gehen, sah, daß niemand mehr aß, und erhob sich. Wahrscheinlich hoffte sie, daß Thema und Tonart nun gewechselt werden würden, aber sie täuschte sich, denn hatte sich Stadel bisher nur als Einzelredner dargeboten, so wollten doch nicht nur auch die anderen sagen, was sie dachten, er sollte vielmehr auch noch seine resolute Partnerin finden, seine Anklagen gegen die Frauen sollten von der Gegnerin ebenso temperamentvoll mit Verteidigung und Gegenangriff erwidert werden, und der eigentliche Spektakel der Diskussion sollte erst anheben – womit aber keineswegs versprochen wird, daß die in Frage stehenden Probleme nun an diesem Abend für alle Zeiten zu einer endgültigen, gedeihlichen und friedlichen Lösung gebracht werden, nicht einmal das kann versprochen werden, daß sie aus dem Chaos des nur halb Gedachten und nur undeutlich Empfundenen ins Licht der Klarheit hinaufgeführt werden, ja, vielleicht sollten – wie der Rauch auf den Brandherd zurückgetrieben werden kann – all die Worte und Reden, die sich aus diesen Problemen ergaben, nur vernebelnd auf die Dinge zurückfallen, sie noch undurchsichtiger und undurchdringlicher machen, und am Ende wäre ein im Denken ungeübter, aber lernbegieriger Mensch mit der Klage fortgegangen: und jetzt weiß ich erst recht nicht, was ich meinen soll!

Man ging durch den ersten Salon in den zweiten, größeren. Stadel unterbrach nicht seine Reden, während man aufstand und hinüberspazierte, und trug so die Kette des Gesprächs durch die offenen Türen.

 

Man hatte sich wiederum niedergelassen, die älteren Damen auf einem in der Ecke eingebauten Rundsofa, in dessen Fortsetzung die Stühle und Sessel rings um einen runden, ziemlich mächtigen Tisch aufgestellt worden waren. Joachim hatte dafür gesorgt, daß er wieder neben Frau Leonhardt zu sitzen komme. Er war dazu übergegangen, über sich selbst zu sprechen, und nahm an – oder er tat wenigstens so –, daß ihr alles bekannt sei, was er jemals geschrieben hatte. Er setzte ihr seine künstlerischen Thesen auseinander, zitierte in hingeworfenen Nebensätzen, was seine Bewunderer über ihn geschrieben hatten, definierte den Punkt, den er innerhalb der Geistesgeschichte einnehme, und erklärte ihr, worin das Einmalige, das eminent Revolutionäre seiner Erscheinung bestehe. Es bestand darin, so sagte er, daß er gewisse Prinzipien oder Extreme, die bisher getrennt und deshalb, wie er meinte, wirkungslos marschiert waren, in sich vereinigt hatte – in so etwas wie Ästhetik nicht auf ästhetischer, sondern auf sozialer Grundlage, oder Sozialismus, ästhetisch bedingt. Sie begriff es offenbar nicht. Daß sie noch niemals auch nur einen Satz von ihm gelesen hatte, erwähnte sie nicht, offenbar weniger, um ihn nicht zu kränken, als um sich nicht zu blamieren. In köstlicher Gepflegtheit, in duftender Appetitlichkeit saß sie aufrecht neben ihm. Wenn sie nicht ja oder nein oder vielleicht sagte, schwieg sie, nichts an ihr rührte sich, außer daß sie etwa bei einer für sie gar zu fremdartigen Redewendung oder einer überraschenden Schmeichelei ihre Augen erhob und, bei aller Befangenheit, im geheimen den Mann neben sich mit ihrem verschleierten Blick zu mustern und zu prüfen schien.

Die übrige Gesellschaft hatte sich indessen dadurch, daß sie aus einem Zimmer ins andere gezogen war, von ihrem Thema nicht abbringen lassen. Riedinger, der es heraufbeschworen hatte, hielt sich an ihm festgeklammert, aber nur, um auseinanderzusetzen und zu beweisen, daß er es als ein Thema ansehe, das erwachsener verantwortungsbewußter Menschen unwürdig sei. Er hatte Spaß und Gelächter beiseite gelassen und war dazu übergegangen, seinen Standpunkt oder, wenn man will, seine Weltanschauung zu vertreten. Nun polemisierte er gegen Stadel und gegen alles, was er gesagt, nannte ihn einen unmodernen Kerl, der die Zeit nicht erfasse, einen Romantiker und Anbeter der in Wirklichkeit längst verblühten blauen Blume. Es lohne nicht, über die Liebe zu sprechen, rief er voll Verve und fuhr fort: »Seit Jahrhunderten und Jahrtausenden werden die Dinge der Liebe und des Geschlechts überschätzt! Wer hat dem trivialen Bedürfnis der Kreatur nach Paarung dieses Gewicht angehängt? Verliebte Backfische, sentimentale Jungfrauen, von der Pubertät verwirrte Knaben, nichtsnutzige Romanschreiber und ganz und gar überflüssige Lyriker! Von diesen Narren hat sich das Menschengeschlecht irreführen lassen! Aber das Schicksal der Menschheit wird nicht dadurch entschieden, daß eine Frau den Richtigen findet und daß ein Mann zu seinem Vergnügen kommt! Die Menschheit muß sich endlich von diesen Interessen abwenden! Ah, das alles ist ja so unwichtig, so unwesentlich! Windige Angelegenheiten, nicht der Rede wert, windige Angelegenheiten!«

Seine Frau betrachtete ihn mit staunend-nachdenklichem Blick, während er so sprach, denn es konnte nicht ausbleiben, daß sie sich bei seinen Worten daran erinnerte, wieviel Zeit, schändlich viel Zeit, er selbst, und wieviel Kräfte, schändlich viel Kräfte, er an diese windigen Angelegenheiten vergeudet hatte; und tatsächlich, er pflegte seine einzelnen Lebensstadien und -stationen nie anders als mit den Namen verschiedener Frauen zu bezeichnen, und die einzigen ernstlichen Störungen seiner letzten Jahrzehnte waren nur durch kleine, aber wilde, oft unwürdige Liebesaffären herbeigeführt worden. Fragte man sich aber, warum er jetzt, in der Theorie, mit dieser Vehemenz Ansichten vertrat, die seiner Natur so sehr widersprachen, dann konnte man, wenn man ihn kannte, zu keinem anderen Schluß kommen als dem, daß er es deshalb tat, weil er sie oft von jüngeren Menschen hatte äußern hören. So war er nun einmal, er hätte sich geschämt, andere Meinungen zu haben als die Generation, die nach ihm kam.

Er fuhr fort: »Die Liebe, oder was man so nennt, ist eine Notwendigkeit und weiterhin ein angenehmer Zeitvertreib, sonst nichts! Aber wie belastet man diese Dinge mit der Seele! Weg damit, weg damit! Es sind immer die Frauen, die alles aufblasen, was damit zusammenhängt! Wie werden diese Dinge in andere Sphären hinaufgehoben! Weg mit der Problematik! Was kümmern mich die psychischen Komplikationen, die seelischen Differenzierungen, das selige Glück und das selige Unglück der Liebenden! Ah, ich beantrage: die Liebe wird abgeschafft!«

»Aber um Gottes willen!« rief die Baronin, und man lachte über ihre Verzweiflung. »Aber um Gottes willen!« Sie faltete die Hände vor der Brust. »Was bleibt denn da den jungen Leuten?«

»Was ihnen bleibt?« schrie Riedinger ihr zu. »Die eigentlichen Probleme der Menschheit! Wer sich von ihnen abwendet, um sich seinen egoistisch-individualistischen Gefühlen hinzugeben, begeht Hochverrat an der Menschheit! Wer ein Liebesgedicht schreibt, wer zu glücklich oder zu unglücklich um der Liebe willen ist – jawohl, Baronin, das verstehen Sie nicht! und auch Sie Stadel, verstehen es nicht! denn Sie sind noch aus der alten Schule! – wer also um der Liebe willen zu glücklich oder zu unglücklich ist, sollte lieber gleich ins Gefängnis abgeführt werden! Und wehe jenen, die noch Mitleid mit ihnen haben um ihrer jämmerlichen Gefühle willen! Sehen Sie doch auf unsere Welt der Äroplane und Maschinen, des Sports und der Rekorde, der sozialen Umwälzungen und des Umbaus der ganzen sozialen Struktur, der neuen Interessen und der neuen Ziele, der Hygiene und der Überwindung einer alten Moral, der Überwindung der alten Prüderie und der alten Vorurteile, der Gründung einer neuen Psychologie mit besserer Einsicht in die Triebwelt des Menschen – Sie aber sind noch eingewickelt in die alten staubigen Spinngewebe! Ach was!« schloß er und winkte heftig ab. »Wer glaubt denn noch an die Liebe!«

»Ich«, sagte Feding und lachte ihn an, und schon hob ihm Stadel beide Arme mit flachgestreckten Händen entgegen, als ob er ihm applaudieren wollte, und brüllte: »Bravo, bravo!« Feding aber beachtete nicht diese turbulente Beifallsäußerung, als ob er sich dagegen verwahren wollte, mit dem schreienden Menschen ein Gespann vor demselben Wagen zu bilden, und auch alle anderen wandten sich überrascht nur ihm selbst, dem alten Mann, zu, denn man hatte nicht erwartet, daß er sich an dem Gespräch überhaupt beteiligen würde, und man hatte, da er sich ganz in sich zurückgezogen zu haben schien, seine Anwesenheit so gut wie vergessen.

»Du?« lachte Riedinger, »Du, alter Kerl –?«

Als man in diesen Salon herübergekommen war, hatte sich Feding den bequemsten Sessel, der zu finden gewesen, herangeschoben, ein gewaltiges Möbelstück, halb Großvaterstuhl und halb Chaiselongue, mit großem weichem Sitz, mit gepolsterten Backen, Pulten an den Seiten und einer Lehne, die zurückgebeugt werden konnte, hatte dann den dazugehörigen Schemel ruckweise mit dem Fuß herangestoßen und sich schließlich, mit dem Recht des Alters, sich legerer zu geben, sehr behaglich hingelagert, weit zurückgelehnt, mehr liegend als sitzend, die Zigarre genießend, sein Glas und die Flasche vor sich. Nun hatte er sich ein wenig aufgerichtet und den Kopf vorgeschoben, so daß er hinter der riesigen Backe des Sessels hervorlugte.

»Du?« Riedinger lachte weiter. »Du, alter Kerl? Du? Und –? Was willst du damit sagen?«

»Nichts«, antwortete Feding. »Du hast gefragt, und ich habe geantwortet!«, und wie einer, der nichts mehr hinzuzufügen hat, begann er, sich wieder zurückzulehnen, doch Riedingers Gelächter brach nicht ab, und so blieb er aufrecht sitzen. »Worüber amüsierst du dich denn gar so sehr?« fragte er. »Weil ich ein alter Mann bin? Aber ich habe doch nur deine Frage beantwortet! Du meinst, ich habe nicht mehr mitzureden? Nun ja, es ist wahr, mich überkommt nicht mehr der Koller, wenn die Augen einer Frau verheißungsvoll blinken, und die Verheißung gilt ja auch nicht mehr mir, ach, in all den letzten Jahren hat mich nur ein einziges Mädchen auf der Straße angeschaut und angelächelt – weil ich die Garderobennummer hinterm Band auf meinem Hut vergessen hatte! Aber deshalb –? Ich glaube nicht nur an die Götter, wenn sie mir etwas zu geben haben. Und Gott weiß es, wer von uns beiden der alte Esel ist! Und jetzt lach weiter, soviel du willst!« sagte er abschließend. Doch Riedinger ließ ihn nicht los: Warum, höhnte er ihn, mit welchen Argumenten, im Hinblick worauf, auf Grund welcher Erfahrungen er an sie glaube, an die Götter und an die Liebe.

Fedings Lächeln wurde breiter, und seine Augen füllten sich mit Heiterkeit. »Ich glaube an sie, weil ich an sie glaube! Basta!« antwortete er. Nun lehnte er sich wirklich zurück. Die Debatte war für ihn beendet.

»Basta! Basta!« ahmte ihm Riedinger nach. Das sei eine Antwort und Auskunft, das sei eine Logik! Ich glaube, weil ich glaube, das sei denn doch gar zu bequem, das sei Flucht, das sei Angst vor dem Denken, aber hier seien sie nicht in der Kirche! Er fühlte sich als Angreifer überzeugend und kraftvoll und setzte triumphierend dem Feind nach. Er variierte seine Thesen und sprach immer wieder von den eigentlichen Problemen der Menschheit, worunter er ihre Organisierung zur Erreichung der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens und des allgemeinen größtmöglichen Glücks verstand, von der Pflicht jedes einzelnen, zu dieser Neuorganisierung beizutragen, ihr all seine Kräfte zu widmen und hinter dieses Ziel alles zurückzustellen, das ohnedies, sei es erst einmal erreicht, den Menschen wieder erlauben würde, sich ihren privaten Erlebnissen, ihren persönlichen Gefühlen, ihren sogenannten menschlichen Freuden hinzugeben.

Joachim, der in politischen und sozialen Dingen radikale Dichter, bekundete mit beistimmenden Gesten seinen Beifall, während Stadel heftige Qualen zu leiden schien, weil er nicht zu Wort kam. Passow hielt wie ein aufmerksamer Schüler den Blick auf den Sprechenden geheftet, wie immer unter der Suggestion jenes, der gerade seine Meinung sagte, und offenbar überzeugt, daß sie dadurch einleuchtend sei, daß gerade jetzt das letzte, endgültig entscheidende Wort zur Sache gesagt werde. Um so neugieriger wandte er dann seinen Kopf, wenn doch noch ein anderer zu widersprechen hatte, nach dem neuen Redner hin, um bald das Gefühl zu haben, daß, was dieser sage, nun aber wirklich ganz und gar unwiderleglich sei.

»Aber heute, aber heute?« fuhr Riedinger fort, weiter gegen Feding ankämpfend, heute sei keine Zeit für Privatgefühle, ihm werde übel, wenn er sähe, daß sich die Romanschreiber mit ihrer persönlichen Begeisterung für einen Sonnenaufgang oder mit der Nasenspitze einer Frau abgäben, aber das sei es eben, das sei es: die Frauen! die Liebe! sie sei durchaus uninteressant, und als wäre die Liebe gerade jenes Angriffsobjekt, das er am meisten liebte und das ihn deshalb immer wieder anzog, klammerte er sich an sie und polemisierte gegen sie als den Inbegriff des Egoistischen, aber glücklicherweise habe sie abgewirtschaftet, denn, so schloß er triumphierend wie mit einem schlagenden Trumpf, wer, außer gewissen Leuten, die er lieber nicht nennen wolle, wer glaube denn noch an sie, an die Liebe!

Er hatte so lang gesprochen, daß Feding schließlich denn doch ein wenig ungeduldig wurde und wenigstens an die letzten Worte anknüpfen mußte. Er stemmte seine Hände gegen die Seitenlehne des Sessels und zog sich nochmals nach vorn. »Was du für Fragen stellst!« sagte er. »Wer glaubt denn noch an die Liebe? Ebenso könntest du fragen: wer glaubt denn noch an die Gerechtigkeit? wer glaubt denn noch an die Kunst? wer glaubt denn noch an die Wahrheit? Aber wenn man dir antwortet: Niemand!, so ist damit nichts gegen die Liebe, gegen die Kunst, gegen die Wahrheit gesagt, sondern nur festgestellt, daß man nicht an sie glaubt.«

Er verstummte und schien Lust zu haben, sich in seinen Sessel zurückzuziehen, aber seine leise Stimme hatte nun einmal die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen, und man sah ihn an, als ob er weitersprechen müßte. Da er sich aufgerichtet hatte, benützte er die Gelegenheit, bedächtig sein Weinglas zu füllen, man sah ihm zu, während er es tat und während er langsam einen langen Schluck nahm. Dann wurde er doch von der allgemeinen, wartenden Stille bezwungen und setzte von neuem an. Ein aufmerksamer Beobachter hätte bemerken können, daß sich im Laufe des Abends winzige Veränderungen an ihm vollzogen hatten: sein Schnurrbart, der schlaff über dem Mund gehangen hatte, schien sich zu straffen, als ob er sich zu einem Bogen wölben wollte, aus den Brauen fingen einzelne der grauen Haare an, sich aufzustellen, seine Augen hatten sich ein klein wenig geschlossen, doch im schmäler werdenden Spalt der Lider war der leise Glanz des Lächelns angefacht.

»Die eigentlichen Probleme der Menschheit, sagst du? die neuen Ziele, sagst du? ins Gefängnis? sagst du?« Die ebene Ruhe seiner Stimme lockerte sich unter diesen Fragen, und sein Baß begann allmählich, in leisem Auf und Ab zu singen. »Warum bist du so streng? warum willst du die Menschen nicht glücklich oder unglücklich sein lassen, worüber sie wollen? Daß ihr immer nach irgendwelchen objektiven Maßstäben feststellen wollt, worüber die Menschen glücklich oder unglücklich zu sein haben! Wehe jenen, die noch Mitleid mit ihnen haben, sagst du. Nun denn, wehe mir, wehe mir! Sieh, worunter leiden denn die meisten Menschen? Der eine, weil bei einem Abendessen sein Gegner besser und erfolgreicher gesprochen hat als er selbst, der andere, weil er jetzt nur ein Auto hat, statt wie früher ihrer drei, der dritte, weil seine Karriere anders und weniger ehrenvoll verlaufen ist, als er erwartet hatte, und da erscheint es mir denn doch noch am menschenwürdigsten, wenn einer darunter leidet, daß er nicht jenen Menschen umarmen darf, den er mit seiner größten Inbrunst umarmen würde, oder weil er einsam bleibt, obwohl er lieben könnte. Ja, wenn du mir nachweisen könntest, daß eines Menschen Gedanken vor lauter Selbstlosigkeit wirklich nur der Menschheit gehören und daß er an dem Schicksal der Menschheit nicht nur soweit teilnimmt, wie er selbst von ihm mitergriffen wird, und wenn du mir nachweisen könntest, daß jene, die die Schicksale der Menschheit lenken, dies wirklich in ihrer Menschenfreundlichkeit nur um der Menschheit willen tun, ja, wenn du mir dies alles nachweisen könntest, dann würde ich die Liebe opfern und all ihre Gefühle. Aber nein, du kannst es mir nicht nachweisen, und ich opfere sie nicht. Ich weiß, was du sagen willst! Die eigentlichen Probleme! Aber schließlich gehört es auch zu den eigentlichen Problemen der Menschheit, ob sie an die Liebe, die Kunst, die Gerechtigkeit, die Wahrheit glaubt. Und wenn einer den andern mit jener Leidenschaft umarmen möchte, die mehr ist als Leidenschaft, und er darf es nicht, wenn einer voll Sehnsucht ist und dennoch einsam bleibt, so ist es eben sehr traurig – es ist sehr traurig, auch wenn in einem anderen Land eine Hungersnot wütet oder wenn die soziale Ordnung nicht befriedigend ist.«

Was habe denn, rief Riedinger endlich dazwischen, was habe denn, zum Donnerwetter, eines mit dem andern zu tun!

»Ganz recht, ganz recht!« fiel Feding ein, als habe er auf diesen Einwand nur gewartet. »Ganz recht! Das ist es, was ich sagen wollte. Eines hat mit dem andern gar nichts zu tun. Und eben deshalb sollst du nicht der Liebe fluchen, nicht dem Persönlichen, nicht dem Gefühl, nicht den Frauen, die nun einmal Wesen der Liebe sind, der kleinen und der großen, der süßen und der gemeinen. Das ist es, was ich sagen wollte. Nein, ich opfere sie nicht«, schloß er mit heiter-trotzigem Justament, »ich opfere sie nicht!« Er hob mit fröhlich blitzenden Augen sein Glas und blinzelte die drei alten Damen an, die ihm gegenüber auf dem Sofa saßen. Sie nickten ihm zu, doch Joachim, der seine Sonderunterhaltung mit Frau Leonhardt wenigstens für kurze Zeit unterbrechen mußte und zugehört hatte, griff nun ein.

»Das Parkett der Damen stimmt Ihnen zu«, begann er langsam, die Hand gegens Sofa ausgestreckt, und es war nicht feststellbar, ob wirklich in seinen Worten eine geheime Ironie lag, die auf die Unmaßgeblichkeit der alten Damen hinwies. Er wartete, bis die Aufmerksamkeit ihm zugewendet war, dann sprach er weiter, elegant zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, und wählte mit Bedacht die Worte, als müßte er Rücksicht darauf nehmen, daß jeder Satz als fertiges, als literarisches Gebilde zum Vorschein zu kommen habe. »Das Parkett der Damen stimmt ihnen zu«, wiederholte er. »Auch ich tue es! Durch die Problematik des Mensch-seins zieht sich die Liebe als köstlich-sublimes Problem. Mit dem geballten Gefühl des Mannes sei dies gesagt. Gesagt sei aber noch dies: Mensch-sein bedeutet ewige und ewig wechselnde Problematik. Menschheit-sein bedeutet – nicht weniger als Mensch-sein –: die Last der Verpflichtung zu haben, nicht nur global zu denken, sondern auch kosmisch! An jede Epoche ergeht aus dem Kosmos ein anderer Aufruf. Zeitgemäß ist, wer dem Kosmischen gewachsen ist! Wohin ist mein Geist gewendet? Ich höre aus Zeit und Kosmos den Ruf nach sozialem Umbau, nach mystischer Vereinigung von Urchristentum und Nationalökonomie!«

Mit einer Schnelligkeit, die man an ihm kaum kannte, hatte Feding beim Klang von Joachims Stimme seinen Kopf zur Seite und ein wenig rückwärts gedreht, um ihn ansehen zu können. So hörte er ihm zu und betrachtete regungslos mit langsam über die Gestalt hinwandernden Augen, ja, mit einer gewissen Neugierde den Sprechenden, dieses Gesicht, das von der rotbraunen Farbe der Hochgebirgssonne wie von einer Decke überzogen war; diese Figur in dem exquisit gearbeiteten Smoking, mit den zu großen Perlen in der Hemdbrust und der überaus schmalen Binde, die, nach der diesjährigen Mode für die Eingeweihten, mehr einem Schnürsenkel als einer Krawatte ähnlich war. Feding beobachtete ihn auch noch, nachdem er geendet hatte, und war offenbar im Zweifel, ob er ihm antworten sollte. Es eröffnete sich ein Feld verzwickter, tiefgründiger Problematik, die Antwort hätte lang und ausführlich sein müssen, und schon drohte eine rauchende Weltanschauungsdebatte, denn alle, wenigstens die Männer, waren auf dem Sprung, die große Diskussion zu entzünden.

Feding aber begnügte sich, die Arme auszubreiten und klagend zu singen: »An mich Armen ist kein Aufruf aus dem Kosmos ergangen, und so weiß ich nicht, was der zeitgemäße Kosmos von mir verlangt! Mein Blick geht nicht in die Weite, mein Horizont ist eng, und ich sehe nur, was ich sehe und was in meiner Nähe ist. Lassen Sie also mich kleinlichen egoistischen Menschen hinschauen, wohin meine kurzsichtigen Augen reichen, und jene Fäden des Knäuels erfassen, die meinen schwachen Händen zwischen die Finger kommen. Warum auch nicht? Wenn wir zuschauen und betrachten dürfen, wie die Menschen arbeiten, wie sie ihr armseliges Geld verdienen, welche Ziele sie haben, wie sie ihre Zeit verbringen und wie sie sich vergnügen, warum sollten wir nicht hinschauen dürfen, wenn sie lieben, und betrachten, wie sie lieben? Warum sollten wir nicht einen Blick auf die Frauen tun dürfen? Ob sie glücklich sind, ob sie gern lieben, ob sie gut lieben, ob sie einsam sind? Ob sie, die lieben möchten, vergebens warten und träumen? Warum nicht? Die Zeit ist ein Ganzes, und alles ist Zeichen und Beispiel für sie. Oh, ich weiß, auch die Männer haben ihre große, gewaltige, titanische Liebe, aber ich bin mißtrauisch gegen eine Liebe, die als Gegenstand gleich die ganze Menschheit oder wenigstens gleich ganze Völker braucht. Oh, ich weiß es, ihr habt die großen, guten Ziele im Auge und ich nur das, was vor mir liegt. Aber es kämpfen doch nicht die Ziele miteinander, sondern die leibhaftigen Menschen, und sie sind es, die ich vor mir sehe.«

Er hatte seinen Kopf wieder zurückgedreht und sah in die Luft vor sich hin. Blanche beobachtete belustigt und freudig, ja mit strahlenden Augen, wie er sich gelöst hatte, obwohl er ursprünglich nur ein einziges Wort hatte sagen wollen, wie er von jeder Antwort, von jedem Einwurf, den man ihm zurief, und schließlich von seinen eigenen Gedanken fortgezogen wurde.

»Es ist wahr«, fuhr er fort, indem er sich umsah und mit leiser werdender Stimme sprach, »es ist wahr, es geht ein Sturm der Problematik, der Umwälzungen und der neuen Ziele durch die Welt. Aber in der Schlacht sehe ich doch die Kämpfer und Waffen und nicht die Ziele, und manchmal ist's mir, als ginge, leise und von jenem Orkan nur übertönt, ein zweiter Wind durch die Welt, über alle Kämpfer hin, über die Anhänger aller Ziele, als hätten die Schutzengel aller Ziele ihre eigenen Anhänger verlassen und sie dümmer und schlechter gemacht. Es gehört nicht viel dazu, nur ein einziger Flügelschlag der guten Geister, und alles ist anders.« Er schwieg und verlor sich für einige Augenblicke in seinen Gedanken oder Vorstellungen.

»In unseren Breiten«, sprach er weiter, »mag der Unterschied zwischen dem heißesten Tag eines Jahres und seinem kältesten fünfzig Grad betragen oder gar sechzig, wobei ich gar nicht an Sibirien denke, wo sich die Temperaturen innerhalb eines Jahres um hundert Grad voneinander unterscheiden. Bei uns schwankt in manchen Monaten innerhalb eines einzigen Tages, innerhalb von nur vierundzwanzig Stunden, die Temperatur um zwanzig Grad. Das ist etwa! Minus zehn, plus zehn Grad! Wie gewalttätig die Natur mit uns umgeht, wie sie uns von einem Ende zum andern wirft! An einem bestimmten Datum eines Jahres kann die Temperatur um fünfundvierzig Grad höher sein als am selben Datum eines anderen Jahres! Aber was ist denn das alles! Die größte zu erreichende Kälte beträgt zweihundertunddreiundsiebzig Grad und die größte Hitze zehntausend. Gewiß, das sind künstlich erzeugte Temperaturen, aber die Oberfläche der Sonne mißt sechstausend Grad, die mancher weißen Sterne zwanzigtausend, und im Mittelpunkt der Erde herrscht, so nimmt man an, eine Hitze von einer Million Grad! Das sind Zahlen, das sind Zahlen! Sie wundern sich«, unterbrach er sich selbst und sah lachend im Kreis, »über meine Spezialkenntnisse, aber ich habe einen Freund, er ist Vorstand des meteorologischen Instituts, er spricht gern von seinem Fach und den angrenzenden Gebieten, und ich höre ihm gern zu. Ein netter, gescheiter Mensch.«

Was denn das alles mit ihrem Thema zu tun habe, rief Riedinger, und tatsächlich, man sah Feding erstaunt an, denn es war, als ob er seinem abschweifenden Gehirn ein wenig die Zügel habe schießen lassen, aber er ließ sich durch den Zwischenruf nicht beirren: »Dort unten in Italien ist's im Februar so warm wie bei uns im Mai, dort überschlägt sich alles in Farbe, Wärme und Fruchtbarkeit, die Oliven- und Feigenbäume tragen ihre Früchte, die Palmen säumen die Straßen, es gibt kaum einen Winter, und was für eine Besonderheit ist dort unten ein wenig Schnee! Anders glüht dort die Sonne – und doch: die Durchschnittstemperatur eines Jahres dort unten im Süden ist nur um drei Grad höher als bei uns, nur um drei armselige Grade! Das Leben steht zwischen den Extremen, aber es balanciert auf Nuancen. Wenn wir aber von unserer Durchschnittstemperatur drei Grad abziehen, dann sind wir schon in Schweden – sonderbar, nicht wahr, wie sich die Extreme zu Nuancen verflüchtigen und die Nuancen sich zu Extremen auswachsen!«

»Mein Gott!« rief Riedinger nochmals und ungeduldiger dazwischen. »Was soll uns hier die Klimatologie!« Man lachte, die einen über Riedingers lustigen Ausruf, die anderen, leiser und freundlicher, über Feding, der sich so gelöst hatte und nun mit blinzelnden Augen im Kreis hin und her sah.

»Ganz recht, ganz recht, weg mit der Klimatologie!« fuhr er fort. »Ich wollte nur sagen: zwischen Platon und einem ordinären Raubmörder ist ein gewaltiger Unterschied. Wir stehen zwischen den Extremen, aber wir balancieren auf Nuancen. Wenn hinter den Wolken für den Augenblick eines Jahrzehnts oder eines Jahrhunderts der breitmäulige Dämon der Dummheit ein wenig stärker die Backen aufbläst und mit ein wenig mehr Kraft über die Erde hinfaucht und jeder einzelne ein wenig mehr von seinem Atem berührt wird, jeder einzelne, der Kluge und der Törichte, der Moralische und der Unmoralische, der Rohe und der Sanfte, der Anhänger des einen und der Anhänger des anderen Zieles, nur um einen Hauch – wie ändert sich das Gesicht der Welt! Wenn die Dummheit nur um ein wenig selbstsicherer wird, die Besten nur um ein wenig schlechter, die Spannkraft der Weisen nur um ein wenig nachläßt, die Widerstandskraft der Einsichtigen nur um ein wenig schwächer wird, der Gläubige nur ein wenig wankend, der Feinere ein wenig gröber, der Wachsame nur ein wenig weniger wachsam, das Licht ein wenig matter wird und das Gewürm aus allen Ecken hervorlugt, ob sich's vorwagen darf, wenn das Warme nur ein wenig lauer, das Laue nur um ein wenig kälter wird, wenn's leise kracht unterm Wind aus den aufgeblasenen Backen, der schmallippige Gott der Erkenntnis und der Weisheit vor Schrecken verstummt und die Göttin der Zartheit ängstlich die Hand auf ihr Herz legt, so daß das Gewürm der Blödheit, der Frechheit, der Roheit schon wagen darf, seine unartikulierten Laute von sich zu geben, ach, wie ändert sich das Gesicht der Welt, und was helfen dann die besten Ziele! Sie sind nicht mehr wert als ausgedroschenes Stroh. Der heißeste Tag in Italien, der kälteste in Schweden – und die Durchschnittstemperaturen nur um sechs Grad voneinander unterschieden, um sechs armselige Grad!« Er verstummte abermals und überließ sich offenbar seinen fliehenden Gedanken. Dann aber winkte er ab. »Aber du hast recht, weg mit der Klimatologie, den Temperaturmessungen, der Meteorologie, der Wetterkunde, der Eiszeitkunde und der Integralrechnung!«

Riedinger wollte schon dazwischenfahren, und auch alle anderen sahen ihn neugierig an, als ob sie wissen wollten, was ihm da durch den Kopf gehe, aber er spürte es und klärte es freundlich auf. »Die Durchschnittstemperatur auf der Erde war in der Eiszeit nur um vier Grad niedriger als heute. Die Nuancen, diese Zwerge, wie sie bauen! Die Summe unendlich vieler, unendlich kleiner Teile ergibt doch eine reale Größe. Aber das ist wieder«, und er hob, lustig einen Schulmeister karikierend, den ausgestreckten Zeigefinger, »das ist wieder höhere Mathematik und Integralrechnung! Wie weit ich abgekommen bin! Wovon haben wir denn gesprochen?«

»Von der Liebe«, sagte Blanche lachend.

Er nickte. »Von der Liebe. Ich weiß, mein Kind, von der Liebe. Du hast es dir gemerkt. Du bist mir gefolgt. Brav! Ich war ihr Ritter und Verteidiger. Warum greifen sie sie aber auch an?« Es ging wie ein leichtes Beben des Gelächters durch seinen Körper. »Sieh an, sie glauben nicht an die Liebe, aber sie glauben mit heiligem Eifer nicht an sie! Sie glauben an mystische Verschmelzung, an Nationalökonomie, an die Organisation, an die Logik, an die Vernunft, an die neuen Ziele, an die neue Psychologie! Sie leugnen, glaube ich, die menschliche Seele, aber sie leugnen sie mit heiliger Inbrunst! Was habt ihr nur gegen die Liebe? Ist es ihre Gewöhnlichkeit, die sie euch verdächtig macht? Nun ja, die ewige Rückkunft der Dinge bringt sie in den Verruf der Banalität, so wie ja auch die Wahrheit darunter zu leiden hat, daß sie banal ist! Aber das kann mir doch ganz gleichgültig sein, ich habe, ich alter Mann, keine Angst mehr vor Banalitäten!«

Er wurde immer heiterer, und aus den schmalgewordenen Augen blitzte es lustig hervor. »Sieh an, wer hätte gedacht, daß ich alter Mann – ja, ja, das bin ich, widersprechen Sie nicht, meine Damen, ich bin es, und vielleicht krümmt schon der Tod seinen Arm, um mir ihn zu bieten – wer hätte gedacht, daß ich alter Mann noch eines Tages die Liebe verteidigen werde! Prosit! – Prosit! – Prosit!«, sagte er unvermittelt, nun wirklich entschlossen, kein Wort mehr zu sagen und sich nicht so bald wieder stören zu lassen, und lehnte sich endgültig zurück, nachdem er gemächlich den Wein ausgetrunken, vorher aber jeder einzelnen der drei Damen freundlich das Glas zugehoben hatte, der Baronin, die ein wenig unsicher und ängstlich auf ihn blickte, Frau Riedinger, die ihn unverhohlen anlachte, und schließlich seiner eigenen Frau. Mit einem kaum merklichen Nicken des Kopfes, dem Senken der Lider und einem leisen Lächeln erwiderte sie ihm auf ihre schweigsame Art, aber in ihrem Blick lag jene kleine Verwunderung über ihren eigenen Mann, die ihr während ihrer ganzen langen Ehe nicht vergangen war. Sie saß aufrecht, mit ihrer schlanken jugendlichen Gestalt, und betrachtete ihn unentwegt aus ihren stillen Augen unter der klaren Stirn und im milden Gesicht. Man hätte ihrer Erscheinung Unrecht getan, wenn man gesagt hätte, daß noch Reste ihrer früheren Schönheit an ihr sichtbar seien; es war vielmehr, ein wenig erschlafft, ein wenig verrunzelt, in abendlicher Müdigkeit noch ihre ganze weiche, schlichte Schönheit selbst.

Nun endlich stürzte Stadel vor. »Ich bin in manchen Dingen Ihrer Meinung, Herr Doktor!« rief er, und die aufgestauten Worte polterten lärmend wie durch einen endlich gebrochenen Damm. »In vielen Dingen! Nur bin ich natürlich viel radikaler! Ich habe nämlich, müssen Sie wissen, eine erotische Geschichts- und Weltauffassung!« Aber er wurde unterbrochen, denn es öffnete sich die Tür, und auf der Schwelle standen Gisela und Müller-Erfurt. Ihr Kommen war für alle überraschend, denn an Gisela hatte überhaupt niemand gedacht, und daß Müller-Erfurt doch noch ihre Einladung annehmen würde, hatte auch Blanche nicht mehr erwartet.

III

Gisela war zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren alt, war mittelgroß und hatte ein hübsches Gesicht; doch war's nicht eine kleine, gefällig-nette oder zierliche Hübschheit, vielmehr eine bedeutendere, höhere, die zwar für triviale Menschen hinter dem energischen und charaktervollen Ausdruck ihrer Züge verschwand, für alle anderen aber gerade durch ihn nur noch erhöht wurde. Ihr Körper war von ausgeprägten Formen, er war schön wie die Gesundheit, aber die Aufmerksamkeit jedes Menschen, der sie zum erstenmal erblickte, wurde weder auf ihre Gestalt noch auf ihr Gesicht gelenkt, sie wurde vielmehr unwiderstehlich von einer Besonderheit angezogen, die ihre Person markant und vielleicht allzu markant machte: es war ihre Frisur. Sie bestand aus kurzen Löckchen, die, winzig und dicht, hellblond und leuchtend, in unendlicher Zahl und jedes einzelne behutsam gekräuselt, vom Nacken bis zur Stirn ihren Kopf bedeckten; und dies war tatsächlich eine Frisur, die – mochte sie nur aus einer Laune hervorgegangen und dann von der Gewohnheit übernommen worden sein oder einen trotzig zur Schau gestellten Protest gegen die Konvention darstellen – mit ihrer Kindlichkeit und Herzigkeit weder zu ihrer frauenhaften Figur noch zu der starken Formung ihres Gesichtes passen wollte.

Sie war Photographin. Ihr Atelier war sehr beliebt, seitdem sie auf eine gewisse ostentative Originalität und Modernität verzichtet hatte und sich damit zufrieden gab, gute, konventionelle Ware zu liefern.

Jetzt stand sie herausfordernd in der Tür, in einem schlichten schwarzen Tuchkleid, das von einem breiten goldenen Gürtel zusammengehalten wurde, über der dunklen Gestalt das leuchtende, gerötete Gesicht, denn sie war eilig die Treppe heraufgelaufen, und darüber, in die Augen stechend, die flimmernden Löckchen der hellen Haare.

Man sah ihr erwartungsvoll entgegen, denn man kannte sie und wußte, daß mit ihrem Eintritt in eine Gesellschaft dieser kein Wasser zugegossen wurde. Blanche sprang auf und ging den neuen Gästen entgegen. Sie blieben auf der Schwelle und ließen lachend die Rufe der Überraschung und Begrüßung über sich ergehen, dann erst betraten sie das Zimmer, doch während sie sich noch zwischen den Stühlen und Sesseln hindurchschlängelten und -wanden, um den Freunden die Hand zu reichen oder sich mit den Fremden bekannt machen zu lassen, rief schon Riedinger Gisela an. »Gisela!« rief er. »Sie kommen zur rechten Zeit! Stadel beginnt eben, uns einen radikalen Vortrag über die Liebe zu halten!«

»Ja! Quatsch! Über die Liebe!« antwortete sie, während sie den Kopf nach ihm zurückdrehte. »Über die Liebe! Mit der Liebe ist's aus! Ein für allemal!«

Man lachte und verfolgte sie mit den Blicken, während sie rasch von Gast zu Gast trat, mit jedem Schritt die nach außen drängende Energie verratend. Der ungehemmten Lebhaftigkeit in ihren Zügen entsprach ihr ganzes Gehaben, die Schnelligkeit ihrer Bewegungen, die Kraft ihres Gelächters, ihr resolutes Auftreten und ihre burschikose, oft rücksichtslose Redeweise. Alles ließ auf Kampflust schließen. Diese war ihren Freunden auch tatsächlich gar zu gut bekannt, und man wußte, daß sie manchmal sogar in erschreckende Wildheit übergehen oder sich in explosivem Jähzorn entladen konnte, wie einerseits allerlei lustige Anekdoten bewiesen, die über sie im Umlauf waren, andererseits allerlei Berichte über gewisse Vorkommnisse, die ihr, der gutmütigen, kameradschaftlichen und freundschaftlichen Frau, nicht nur manche Feindschaften, sondern auch – wie vor gar nicht langer Zeit einmal – peinlich-bedenkliche Folgen eingetragen hatten.

»Da bin ich ja zur rechten Zeit gekommen!« rief sie, »Stadel über die Liebe!«

»Und über die menschliche Seele!« warf Joachim dazu, wie wenn er sie anstacheln wollte.

»Ha!« lachte sie auf. »Über die menschliche Seele! Stadel über die Seele!«

»Ja, warum denn nicht!« fragte Joachim, um sie zu necken, doch statt zu antworten, rief sie: »Stadel über die Seele! Laß sie einpökeln!«

Müller-Erfurt, der klein und schmächtig hinter Gisela einhertrottete, wollte nun auch an dem so lebhaft einsetzenden Gespräch teilnehmen. Er streckte sich, fügte die Fingerspitzen der erhobenen Hand zueinander und begann – kein Zweifel, er war im voraus stolz auf die elegante Formulierung seines Scherzes, den er schon zwischen den Lippen hatte – er begann mit preziösem Lächeln und rings im Kreis gehendem Blick: »Pardon, Pardon!« sagte er, indem er nun die Hand senkte und sie öffnete, als ob er die auf ihr liegende Pointe wie einen Edelstein vorweisen wollte. »Pardon! Ich möchte eine Frage tun, beziehungsweise eine Feststellung machen –«

»Schweig!« rief ihm Gisela zu. »Dir habe ich schon im Auto meine Meinung gesagt!«

Feding richtete sich ein wenig auf, streckte den Kopf vor, daß er neben dem Ohr des Sessels stand, und sah gemächlich von einem zum andern. Er betrachtete Stadel, betrachtete Müller-Erfurt, betrachtete Gisela mit kleinen, lachenden Augen, und während er den älteren Damen auf dem Sofa lustig zuzwinkerte, mit einem Ausdruck, der zu sagen schien: Jetzt geht's los! Jetzt wird's fein!, legte er sich wieder zurück, ganz wie ein Mensch, der nur einen Blick ins Freie hat tun wollen, um festzustellen, daß es Gewitter geben wird, dann aber wieder das Fenster schließt und sich in sein behagliches Zimmer zurückzieht. Die alten Damen aber lehnten sich zurück und rutschten noch ein wenig auf ihren Sitzen hin und her, um ihren Körper in die richtige Lage zu bringen, als wollten sie sich für längere Zeit einrichten, wie man sich im Theater, wenn der Zuschauerraum verdunkelt wird und der Vorhang aufgehen soll, in Erwartung des Kommenden bequem zurechtsetzt. Der Baronin Augen waren angesichts der beiden eben Gekommenen, die sie jetzt erst kennengelernt hatte, aufgerissen wie die eines staunenden Kindes. Sie konnte sich nicht sattsehen an des Buckligen prätentiösem Wesen und an Giselas origineller Löckchenfrisur.

Müller-Erfurt schob seinen Stuhl neben Blanche, an deren anderer Seite Passow saß, und fragte sie, wobei er jede Silbe akzentuierte, als ob seit Erschaffung der Welt einen solchen oder ähnlichen Satz noch niemals ein Mann an eine Frau gerichtet hätte: »Haben Sie, seitdem wir einander am Nachmittag gesehen haben, an mich gedacht?«

Sie lachte auf: ja, sie habe an ihn gedacht, man sei nämlich sehr spät zu Tisch gegangen, und da habe sie gedacht, er würde, wenn er käme, sich zu ihnen setzen und noch einmal zu Abend essen müssen.

»Und sonst nichts?« fragte er weiter.

Seine Augen gingen im geheimen an ihr abwärts, von den Haaren, deren Farbe eine bleiche Mischung aus einem Blond und einem sehr hellen Rostrot darstellte, von dem vollen, nicht gerade schönen, aber auch durchaus nicht häßlichen Gesicht über den üppigen Körper und die kräftigen Beine bis zu den Füßen, die recht groß waren, doch nicht größer, als es ihrer Gestalt entsprach. Er hatte, der Einsame, am Nachmittag, bei Kerzenschein vertraulich in der warmen Idylle ihres weltentrückten Häuschens neben ihr gesessen, und seine Erinnerung an Wärme, Idylle, Vertraulichkeit und Kerzenschein mußte mit ihrer Person in eins verschmelzen. Vor einer halben Stunde noch hatte er sich, unterm Regenschirm an der windigen Straßenecke, seinen kühnen Träumen von ihrer Liebe und ihrem Körper überlassen. Mochte es ihm auch nicht entgehen, daß sie sich jetzt in ungünstiger Verfassung zeigte, daß sie sich schlecht geschminkt hatte, daß zu den Haaren das hellgrüne Kleid nicht passen wollte und daß es übrigens auch zu kurz und zu eng für sie war –, nun, dem Gesättigten, auch dem nur halb Gesättigten, kann die Wirklichkeit enttäuschend werden, doch der Hungrige bleibt bei seinem Traum. Im übrigen ließ das Kleid, indem es sie einpreßte, eben dadurch ihre Formen prangend und verlockend hervortreten. Der kleine Mann hätte sich in sie einwühlen können wie in einen Berg von Kissen,

»Wo«, fragte Blanche, »haben Sie Gisela getroffen? War sie auch bei Ruges?«

»Bei Ruges? Ich war ja gar nicht dort!« Und er zitierte das Telegramm, das er erhalten hatte.

»Sonderbar!« sagte Blanche. »Haben Sie nicht angerufen?«

»Aber natürlich!«, und er berichtete ihr über seine Versuche, Ruge zu erreichen, seinen Kampf um die Verbindung, die Versicherung des Amtes, daß die Leitung nicht gestört sei, und erwähnte auch die Vermutung, daß man, da doch immer jemand in der Wohnung sei, aus irgendeinem Grund nicht an den Apparat gehe. Blanche horchte auf, und um so aufmerksamer, als der Ton seiner Erzählung auf etwas Bedenkliches hinzuweisen schien. Das beklemmende und fragwürdige Vorkommnis, von dem ebenfalls er, Müller-Erfurt, am Nachmittag gesprochen, wie an jenem Abend in Doktor Kraus Wohnung eine große Menge des Schlaf- und Todesmittels abhanden gekommen, wie es ganz rätselhaft geblieben war, wohin es sich verloren haben könnte – (hatte Blanche nicht am Nachmittag, da sie allein geblieben, die Gäste jenes Abends an ihren Fingern nachgezählt, um zu überlegen, wen am ehesten man in Verdacht haben dürfte, es an sich genommen zu haben?) –, wie der arme, hilflose Krau jede Ecke, jeden Winkel durchgestöbert und durchgewühlt hatte, dennoch das Gift unwiderruflich verschwunden geblieben war, irgendwo aber doch sein mußte, wahrscheinlich in irgendwessen Händen, als Waffe gegen übermäßige Unbilden des Lebens – es war dies alles die ganze Zeit über, wenn auch nicht in ihrem Bewußtsein, so doch in dessen Nähe gewesen. Jetzt sprang es sie an, und sie erschrak.

»Warum sind Sie nicht zu Ruges gefahren?« fragte sie, fast vorwurfsvoll.

Er habe doch hinfahren wollen, aber Gisela habe es ihm verboten, und er berichtete nun weiter über ihr Verlangen, daß man sich vorläufig nicht um Ruges kümmere, ihre Weigerung, eine Auskunft zu geben, ihre Aufgeregtheit, ihre Andeutungen und, wie er es nannte, ihre Zerfahrenheit und Geheimnistuerei.

Blanche hielt den Atem an, und ihre Augen waren drängend und scharf auf Giselas Gesicht gerichtet, als ob sie mit diesem bohrenden Blick die Kenntnis der Dinge, die im Kopf der Freundin sein mochten, in ihren eigenen herüberziehen könnte. »Wie Gisela auch aussieht!« sagte sie. »Als hätte sie zwei Nächte nicht geschlafen!« Und wirklich, jetzt, da sie nicht mehr vom Lauf über die Treppe und vom Temperament ihres überraschenden Eintritts erhitzt und gerötet war, mußte, wer Gisela kannte, sehen, daß sie blasser war als sonst, daß schwärzliche Ringe unter ihren unnatürlich leuchtenden Augen standen. Blanches Züge füllten sich mit Schrecken und Angst, denn nicht nur aus dem Äußeren ihrer Freundin, sondern auch aus deren ganzem Wesen, das heute noch turbulenter als sonst war, aus ihrer überhitzten Ruhelosigkeit, die nur eine Übermüdung zu bekämpfen schien, glaubte sie herauszulesen, daß etwas Besonderes geschehen sei, und wie man an einem Striemen die Energie des Schlags erkennt, mit der er geführt worden ist, so meinte sie beim Anblick von Giselas elendem Zustand zu fühlen, daß es etwas Schreckliches gewesen sein müsse.

Blanche stützte schon die Hände gegen die Seitenlehnen des Sessels und beugte sich vor, um aufzustehen und an ihre Freundin heranzutreten, aber sie zögerte und getraute sich nicht, es zu tun, denn Gisela war schon im Begriff, sich in den Disput mit Stadel zu verbeißen.

»Ei, du Naschkatze!« rief Gisela mit lautem Gelächter zu Stadel hinüber, »nein, nein! ich sage dir: schlagt euch nur die Liebe aus dem Kopf – wenigstens das, was ihr darunter versteht!«

»Huhuhu!« machte Stadel. »Revolution! Revolution! Wenn die Frauen Revolution machen, kann sie natürlich nur auf dem Gebiet der Liebe und der Erotik vor sich gehen!«

»Du bist verrückt!« rief Gisela, aber Blanche hörte nicht weiter hin und wandte sich wieder an Müller-Erfurt: »Wenn Carola oder Ruge erkrankt wären, hätte man uns doch benachrichtigen können!«

»Eben!« antwortete er.

»Und wenn –« wollte Blanche fortfahren, doch er unterbrach sie: »Wir müssen nicht alles aufzählen, was nicht in Betracht kommt, denn wir ahnen ja, was in Betracht kommt! Und wir ahnen ja, wie es scheint, beide dasselbe! Aber wenn wir das Richtige vermuten, dann ist das Schlimmste offenbar vorbei. Sonst wäre Gisela nicht hier. Ihr ganzes Benehmen sagt doch: Fragt nicht! Es ist alles erledigt!«

Die Vermutung, daß ein Unglück geschehen, und die Hoffnung, daß es ohne Katastrophe vorübergegangen sei, der Schrecken und das erlösende Aufatmen waren fast zugleich über Blanche gekommen. Sie konnte in diesem Augenblick nichts Rechtes denken und nichts Deutliches fühlen, und vor ihrem Geist blieb nur das Bild von Carola, Ruges Frau und ihrer nächsten Freundin, an die sie sich immer wieder anklammerte, von dieser großen, zarten, feingliedrigen Frau mit dem edlen Gesicht und den matten, braunen Haaren, die nur manchmal rötlichgolden aufschimmerten, das Bild dieser schönen, auch für Blanche nie ganz zu enträtselnden Frau, die nun bleich und regungslos in ihrem Bett liegen mochte, mit geschlossenen Lidern, umweht von Ohnmacht, Tod und Leiden.

Blanche sah nochmals ängstlich hinüber, ob sie es wohl wagen könnte, Gisela zu unterbrechen. Die Debatte war um ein Schrittchen weitergekommen. Gisela hatte mit einer heftigen Polemik gegen die Männer eingesetzt, zugleich gegen jede Unterscheidung, gegen jede Differenzierung zwischen den Geschlechtern, auf welchem Gebiet immer es sei, und eben rief Stadel, indem er seine schon einmal vorgetragenen Lehren zu wiederholen und fortzusetzen begann: »Die Frauen verleugnen ihre Mission! Sie verleugnen auf dem Weg der Tatsachen die Mission ihres Geschlechts –!«

»Huhuhu!« machte jetzt wieder Gisela, ihn imitierend und um das Pathos seiner Worte zu verhöhnen, doch er fuhr fort: »Auf dem Weg der Tatsachen, gedankenlos, wie sie sind, und vergnügungssüchtig, du aber, Gisela, du tust mehr, du verleugnest sie bewußt, machst ein Prinzip daraus, und dies eben ist die höhere Immoralität!«

»Immoralität, Immoralität!« lachte sie höhnisch auf, das sei gut, das sei ja ausgezeichnet, Stadel wage es, gegen die Immoralität zu wettern!

»Ich spreche nicht von der Moral und Unmoral im Verhalten des einzelnen«, widersprach er, »sondern von der Anerkennung der moralischen Prinzipien, also von einer anderen Moral!«

»Was sagst du da? Andere Moral?« Gisela fuhr auf, als ob man sie gestochen hätte, indem sie offenbar nur die beiden letzten Worte Stadels mit dem Geist aufgenommen hatte. »Andere Moral? Gibt's zweierlei Moral, ja? Für jedes Geschlecht eine andere, ja?«

Sie mißverstand ihn, und er rief es ihr auch zu, aber sie beharrte auf dem ihren und rief: »Du hast doch gesagt: eine andere Moral! Alle haben es gehört!«

»Ja, aber –«, begann er, um es ihr zu erklären, doch sie ließ ihn nicht zu Worte kommen und lief ihren Weg. »Ah, ich verstehe schon! Andere Moral! Ihr Erfinder der Moral habt das Recht, unmoralisch zu sein, wir unphilosophischen, ungeistigen, subalternen Geschöpfe sollen die Moral leben!«

Ob er denn das gemeint habe, als er von der anderen Moral gesprochen habe, rief er schon ärgerlich und laut, er habe vom Unterschied zwischen der Moral des Verhaltens einerseits und der Moral der Prinzipien andererseits gesprochen, doch sie hörte nicht auf ihn, lief immer weiter den nun einmal eingeschlagenen Weg und rief ebenso laut: »Merk' dir, was ich dir sage: selbst wenn der liebe Gott euch anders geschaffen hätte und aus eurer Andersartigkeit eine andere Moral hervorginge, so hätte er euch damit noch lange nicht das Recht zugestanden, euch hinzustellen als patzig-lächerliche Kerle und zu rufen: wir sind so überaus herrliche Geschöpfe, daß wir einer anderen Moral unterstehen! Ach geh! Ihr radschlagenden Pfaue auf der dreckigen Hühnersteige!«

Über dieses sonderbare Bild brach ein allgemeines Gelächter aus, das Stadel noch wütender machte. »Aber Himmeldonnerwetter!« überschrie er es. »Ich habe doch nicht in diesem Sinn von der anderen Moral gesprochen!« Aber es half ihm nichts, Gisela klammerte sich nun einmal an die andere Moral, an dieses Wort, das zwar nicht in dem abgebrauchten Sinn gemeint gewesen, den sie ihm unterschob, den sie aber offenbar in einem immer wachen Mißtrauen herausgehört hatte. Sie hatte Stadel nun einmal mißverstanden und war jetzt durchaus nicht geneigt, sich ihr Konzept stören zu lassen und ein Gleis zu verlassen, auf dem sie offenbar sehr eingefahren war. Gerüstet mit der Waffe ihrer Willkür, hinzuhören oder nicht hinzuhören, wenn ihr Partner sprach, geschützt durch ihre eherne Härte, sich ein Mißverständnis nicht aufklären zu lassen, wenn es ihr nicht paßte, entschlossen, sich die Logik nicht aufzwingen zu lassen, im Gegenteil, aus der Tiefe ihres Herzens mit jener ungebrochenen Kraft zu kämpfen, die nichts von Logik weiß – so saß sie da, mit rotem Kopf, kampflustig und bereit, bis zum Morgen zu streiten.

Blanche verstieg sich nicht erst zu dem Versuch, jetzt Giselas Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Sie mußte warten, und es war gar nicht anders möglich, als daß sie nur an Carola dachte und an deren Mann. Carola war nicht mitteilsam, was ihre eigenen Angelegenheiten betraf. Sie und ihr Mann hatten vor ihrer Ehe einige Jahre miteinander gelebt und waren dann auseinandergegangen. Er war damals nach Italien gefahren, nach fünf Tagen aber zur Überraschung aller Freunde unerwartet zurückgekehrt, und wenige Wochen später hatten sie geheiratet. Niemand wußte, was die Wandlung herbeigeführt hatte.

Blanche saß mit geistesabwesendem Gesichtsausdruck. Daß jene beiden einander damals verlassen hatten und einander doch nicht hatten verlassen können, wie mit einem unzerreißbaren Band aneinander gefesselt, daß sie schon nach einem kurzen Versuch, ohneeinander zu leben, wieder zueinandergestürzt waren, und dann für immer – war das die schicksalshafte Leidenschaft? Gab's dies, gab's dies, daß einer, hinausgetragen in die Welt, ganz und gar ausgefüllt mit seinen Empfindungen, enthoben der Häßlichkeit, der Niedertracht des Daseins, enthoben auch den eigenen Verwirrungen und der eigenen Problematik, für ewige Zeiten einen Mittelpunkt des Lebens im Geliebten findet? Blanche schaute unentwegt mit starrem Blick vor sich hin, verloren und wie entrückt. Da hörte sie eine Stimme neben sich, die leiser als die andern, schwach und nebelhaft neben den anderen schrillen Stimmen, dennoch aber mit tagesheller Deutlichkeit auf sie eindrang, mit unheimlicher Schnelligkeit gegen sie vorrückte und schon in ihr Ohr sprach. »Haben Sie auch schon ein Selbstporträt gemalt?« fragte Passow, der sich zu ihr neigte.

Sie erschrak. »Nein. Noch nicht«, antwortete sie.

»Noch nicht?« wiederholte er staunend.

»Nein. Warum wundern Sie sich darüber?«

»Ich habe eben darüber nachgedacht«, erläuterte er ihr in seiner langsamen höflichen Art. »Ein Porträt muß doch furchtbar schwer sein. All die winzigen Einzelheiten eines Gesichts! Und da dachte ich: es kann doch zu Beginn seiner Tätigkeit jedem Maler geschehen, wenn er zum erstenmal ein Porträt malt, daß ihm dies oder jenes mißlingt, daß etwa der Mund zu groß wird oder die Nase schief gerät – nicht? Das kann doch jedem geschehen, auch wenn er sich nachher zu einem Genie entwickelt, nicht? Und da dachte ich: man verunstaltet doch nicht gern einen andern, und da beginnt man vielleicht am besten bei sich selbst – nicht?«

Blanche wurde einer Antwort enthoben, da sie sich gegen den Lärm der Streitenden kaum vernehmbar machen konnte. Inzwischen war das Gespräch weitergegangen, allerdings ohne weiterzukommen, denn es hatte lange Zeit sozusagen den gleichen Fleck getreten. Aber Passow strengte seine Stimme an und versuchte, sich Blanche verständlich zu machen: »Außerdem: das Selbstporträt kann man verstecken, aber das Bild eines andern –? Der Gemalte will und will es sehen, er meint, wer weiß wie schön er auf dem Bild sein wird, schließlich läßt man sich überreden, es ihm zu zeigen mitsamt der schiefen Nase, und dann hat man's! Dann ist er beleidigt! – nicht?«

»Jawohl, mein Lieber!« rief Gisela. »Ich sage dir: es ist zum Kotzen! Es ist nämlich etwas anderes, ob sich jemand gegen seinen eigenen Willen seiner eigenen widerlichen Natur unterwerfen muß, weil diese widerliche Natur stärker ist als er selbst, oder ob er herumstolziert und flötet: Ach ich! ich habe eine so verdammt großartige, großzügige Natur, eine so reizend widerliche Natur, daß mir alles erlaubt ist und meiner Widerlichkeit keine Grenzen gesetzt sind! Ja, mein Lieber, eines ist etwas ganz anderes als das andere, eine ganz andere Moral oder Unmoral oder Moralität oder Unmoralität!«

»Siehst du!« schrie Stadel triumphierend auf. »Jetzt sprichst du selbst von einer anderen Moralität!«

»Jawohl! Aber nicht in dem Sinn, in dem du von ihr gesprochen hast!«

»Aber ich habe doch gar nicht in diesem Sinn von ihr gesprochen!«

»Das glaube ich«, höhnte sie ihn, »daß du nicht in demselben Sinn von ihr gesprochen hast wie ich!«

»Himmeldonnerwetter!« brüllte er auf. »Aber auch nicht in dem Sinn, den du mir unterschiebst!«

»Ich unterschiebe dir gar nichts! Es haben doch alle gehört, was du gesagt hast!«

Müller-Erfurt hatte vergeblich sich das Wort zu erkämpfen versucht. Jetzt sprang er auf und hob den Arm. »Ich durchschaue das Mißverständnis mit aller Deutlichkeit!« rief er, doch Gisela schrie ihn an: »Du hast gar nichts zu durchschauen, sondern mit aller Deutlichkeit zu schweigen!«

Man sieht, es wurde verwickelt und verzwickt. Jeder fuhr lärmend auf seinem eigenen Gleis, und die Stimmen wurden immer lauter. Die Zuschauer waren nicht enttäuscht, und schon begann man, den Streitenden gar nicht mehr zuzuhören, und begnügte sich, zu beobachten, wie sie schrien, gestikulierten und in Rage gerieten. Die kleine, alte, weißhaarige Baronin war entzückt. Mit rotem Kopf verfolgte sie die Diskussion und sah mit großen Augen immer auf den, der gerade sprach. Sie ging selten aus, genoß selten die Vergnügungen der Stadt, weil es ihre Verhältnisse nicht gestatteten, und kam fast niemals ins Theater, obwohl sie gleichermaßen für Oper, Operette, Posse, Zirkus, Varieté, Kabarett, Schauspiel und Tragödie schwärmte, für alles, was der Masse von jenen wildfremden, ein verwunderliches Gebaren an den Tag legenden Individuen vorgeführt wird, die da auf der Bühne, auf dem Podium oder auf der Leinwand singen und tanzen, lachen und scherzen, turnen und zaubern, diskutieren, streiten und schreien, über Welt und Leben tiefsinnige Gespräche führen und ungebräuchliche, verwegene, pathetische Worte verwenden, die man sonst niemals zu hören bekommt, und manchmal auch ein wenig unanständige. Nun, für all die entgangenen Freuden sollte sie offenbar durch das, was ihr hier geboten wurde, entschädigt werden. Sie konnte sich nicht sattsehen an Giselas Löckchenfrisur, an Stadel, dessen langes, bleiches, hageres Gesicht von den zur Seite fallenden öligen Haarsträhnen eingerahmt wurde und der immer mit seiner geknickten Nase wie mit einem riesigen Schnabel loszuhacken schien, an Joachim, dem Dichter, der ihre naive Lachlust anregte, sei es wegen seiner Krawatte, die so schmal war, wie sie es noch niemals, noch niemals gesehen hatte, sei es wegen seines ganzen Wesens, das so aufdringlich alle Register der weltmännischen Noblesse zog, an diesem Dichter, von dem man ihr aber zugleich gesagt hatte, daß er ein extremer sozialer Revolutionär sei, worunter sie sich wahrscheinlich nur einen verwahrlosten dreckigen Bombenschmeißer vorstellen konnte, so daß der leibhaftige Eindruck vom Anwesenden und ihre Vorstellung von ihm in unauflöslichen, verwirrenden Gegensatz zu einander gerieten; und schließlich an Müller-Erfurt, diesem kleinen, buckligen Mann, der jedesmal, wenn er etwas zu sagen hatte, die Spitzen der Finger zueinanderfügte, als hielte er zwischen ihnen eine Pointe. Im Dunkel ihrer Empfindungen wußte sie selbst nicht recht, ob das, was sie hier hörte, eher mit Kabarett, exzentrischer Posse oder mit einem Problem- und Debattierstück vergleichbar sei, durch die Darsteller selbst aber, die da agierten, mochte sie sich mehr ans Varieté erinnert fühlen, und sie wäre nicht gar zu sehr überrascht gewesen, wenn Stadel plötzlich aufgesprungen wäre und Rad und Purzelbaum geschlagen hätte, oder wenn sich Joachim mit einemmal erhoben, mit der Eleganz eines Zauberkünstlers verbeugt, die Ärmel zurückgestreift und, geschickt und geschmeidig, mit der Vorführung von Taschenspieler- und Kartenkunststücken begonnen hätte.

Blanche sprach nochmals Müller-Erfurt an: »Haben Sie Carola in der letzten Zeit gesehen?« Ja, antwortete er, vor vier Tagen, und sie habe ihm recht guter Dinge geschienen, »Ach!« sagte Blanche, ganz weich vor Mitgefühl. »Weiß man denn jemals, wie es in Wirklichkeit um sie steht!«

Carola litt nämlich an Melancholie. Sie war ein unglücklicher Mensch, und dies war eine der wenigen Tatsachen, die sie nicht verschwieg. Warum sie allerdings unglücklich war, wußte man nicht. Gewiß, Melancholie hat weder Grund noch Ursache, und dennoch fragte man und wunderte man sich.

»Haben Sie auch schon Ihre Eltern porträtiert?« fragte Passow, indem er sich wiederum zu ihr neigte.

»Nein, noch nicht!«

»Noch nicht?«

»Nein. Und warum staunen Sie jetzt wieder?«

»Nun, ich dachte, wenn man sich schon an die anderen hält, dann beginnt man bei den Eltern.«

»Warum?«

»Eltern sind gütig und nachsichtig, und sie verzeihen es, dachte ich, am ehesten, wenn man sie ein wenig verunstaltet.«

Blanche antwortete nicht und versank wieder in Gedanken. Stadels Stimme nahm eben einen neuen Anlauf, und aus irgendeinem Grund ganz und gar zornig geworden, überschrie er sich selbst: »Hör doch!« schrie er. »Hör doch, was ich sage! Die wahrhafte Liebe, die große Liebe!« – Durch die fast krächzende Stimme erschreckt, fuhr Blanche aus ihrem Traum, sie wandte sich Stadel zu und betrachtete ihn, den Verteidiger der Liebe, da aber seine Worte, so laut sie auch waren, sehr bald zwischen den anderen Rufen ihren Zusammenhang verloren, gab sie den Versuch auf, ihn zu hören und zu verstehen. So blickte sie wieder auf Gisela, immer noch zögernd, sie anzusprechen. Sie wartete, endlich aber entschloß sie sich. »Gisela!« rief sie hinüber, sich in einen schmalen Spalt zwischen die Stimmen drängend. »Gisela! Laß den Streit und komm lieber in mein Zimmer hinüber, ich will dir mein neues Kleid zeigen!«

Das war recht unvermittelt und – wie leider vieles, was Blanche tat – etwas ungeschickt, und es verfehlte auch sein Ziel. »Geh nur allein!« antwortete ihr Gisela. »Und zieh es an! Du hast ohnedies einen scheußlichen Fetzen an dir!«

Man lachte, und Blanche mußte mitlachen; auf die Debatte selbst nahm aber nun Riedinger Einfluß, indem er zwischen die Schreienden schrie, sie mögen ihre Stimmen dämpfen, denn schon war von den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern des unteren Stockwerks ein Diener mit der Frage heraufgeschickt worden, ob ein Unglück geschehen sei. Bei dieser Gelegenheit schlug Joachim vor, daß nicht mehr die Frage der anderen Moral erörtert werden solle, vor allem nicht mehr die Frage, in welchem Sinn dieses Wort einerseits von Stadel, andererseits von Gisela gemeint gewesen, und wie es, wiederum einerseits von Stadel, andererseits von Gisela, mißverstanden worden sei. Man stimmte ihm freudig zu, voll Heiterkeit wurde der Friede geschlossen und tatsächlich auch solange eingehalten, wie der Anlaß ausblieb, ihn zu brechen. Alle lachten, die Stimmen mäßigten sich, und man war entschlossen, in ruhig-würdiger Weise die Debatte zu führen. Friede und Heiterkeit zogen Hand in Hand durch den Raum.

Entspannt und aus der Tiefe her seufzte die Baronin auf. Sie war aufgeregt den Vorgängen gefolgt, in ständiger Erwartung und mit großer Angst, der in ihrem braven, etwas sensationslüsternen Herzen ein Schuß Hoffnung beigemengt war, daß etwas Schreckliches geschehen, daß etwa Stadel sich in gewaltigem Zorn erheben und Gisela mit überirdischem Pathos verfluchen würde, weil sie ihn mißverstand und so oft unterbrach, oder daß Gisela ihrerseits aufspringen und ihm eine Ohrfeige geben würde, jetzt rückte sich die Baronin, dem nächsten stillen und friedevollen Akt entgegensehend, von neuem zurecht.

Frau Riedinger hatte oft gelächelt, Frau Feding aber, die den ganzen Abend über noch kaum ein Wort gesprochen, hatte nur von Zeit zu Zeit mit einer gewissen besorgten Neugier nach ihrem Mann hingesehen, der, in seinem riesigen Sessel versteckt, sich nicht gerührt hatte, der kaum zu sehen und wie verschwunden war. Man hatte glauben können, daß er schlief, doch er war wach und hörte zu.

Frau Leonhardt schwieg, zierlich und reizend. Kein Fältchen ihres Kleides, kein Härchen ihrer Frisur war anders als in jenem Augenblick, da sie vor fast drei Stunden das Haus betreten hatte, kein Puderstäubchen war verflogen und kein Atom der Farbe auf den vollen Lippen abgeblaßt. Joachim beugte sich zu ihr. »Dieser Mensch«, sagte er, mit seinem Blick auf Stadel weisend, »ist wie eine trüb spritzende Fontäne. Aber es kommt doch darauf an, daß der Mensch sich verglast – finden Sie nicht? Gerade Sie, gnädige Frau, müßten das doch am besten verstehen!«

Sie hob den staunenden Blick und schien zu fragen, warum er denn gerade ihr, die er erst vor wenigen Stunden kennengelernt, dieses sichere Verständnis dafür unterschiebe, daß es nur darauf ankommt, ob der Mensch sich verglast. In Wirklichkeit verstand sie es auch gar nicht, daß es nur darauf ankomme, und sie hatte sich dieser Frage, noch niemals auch nur aus der Entfernung genähert.

Stadel wischte den Schweiß von der Stirn und begann also von neuem, friedfertig und gütig, in jenem Ton, mit dem man ein Kind zur Vernunft bringen will, offenbar entschlossen, ohne Lärm und Geschrei ein würdig-vernünftiges Gespräch zu führen, das alle Knoten der Mißverständnisse auflösen sollte: »Gisela, du bist doch schließlich eine kluge Frau! Und wenn du mir zugehört haben wirst, dann wirst du einsehen, daß das, was ich sage, logisch und sinnvoll ist. Hör mir zu, aber, bitte, hör mir bis zu Ende zu!«

»Bitte, Stadel, bitte sprich!« antwortete sie, ihn an Höflichkeit noch überbietend, um ihre Bereitschaft zu einem klug-sachlichen Gespräch kundzutun, und die beiderseitige, geradezu liebevolle Friedlichkeit war rührend. »Bitte sprich! Ich werde gern zugeben, daß ich dir Unrecht getan habe, wenn du mich davon überzeugst!« Sie lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander, stützte den Ellenbogen auf die Seitenlehne, legte die Wange in die Hand und brachte sich so, mit gerunzelter Stirn, mit seriösen Falten im Gesicht in die Haltung eines gewichtig-ernsten, mit gewichtigen Kollegen debattierenden Gelehrten. Wenn man sie so sah, wußte man nicht, ob man sagen sollte, daß diese Pose, im Gegensatz zu den tausend herzigen Löckchen stehend, affektiert wirke oder daß die tausend herzigen Löckchen und Giselas vollkommene Fraulichkeit ein reizender Gegensatz zu dieser männlichen Pose seien. »Bitte, Stadel, bitte sprich! Ich werde dir zuhören, wir wollen logisch und konsequent sein! Bitte!«

»Sieh«, begann also Stadel. »Womit hat die Debatte begonnen? Damit, daß ich gesagt habe: wenn die Frauen Revolution machen, dann kann dies nur auf dem Gebiet der Liebe und der Erotik vor sich gehen. Bitte sehr! Was habe ich damit gemeint? Achtung! Was habe ich damit gemeint?« Er richtete sich auf, bereitete sich auf eine lange Rede vor, und seine Blicke gingen im Kreis, als ob er kontrollieren wollte, ob sie niemand verabsäumte.

»Einen Moment!« sagte Gisela. »Entschuldige, bitte, daß ich dich gleich zu Beginn unterbreche! Aber ich muß es dir gleich sagen, daß ich deine Behauptung, was immer du mit ihr gemeint haben magst, unter allen Umständen für paradox, für einen Nonsens halte –.« Sie war schon daran, die Stimme wieder zu erheben, doch sie erinnerte sich offenbar an die Bitte um Mäßigung und sprach noch leiser, fast flüsternd, als ob sie ihm ein Geheimnis anzuvertrauen hätte: »Daß ich deine Behauptung, um es geradeheraus zu sagen, für eine hirnverbrannte Idiotie und Blödheit halte! Aber, bitte, sprich weiter!« Und sie lehnte sich wieder zurück, ein Bild der Friedfertigkeit und Einsicht. Aber schon hatte Stadel zwischen ihre Sätze hinein aufgebrüllt, nicht, weil er beschimpft, sondern weil er unterbrochen worden war, doch auch er hatte sich erinnert, daß er nicht schreien sollte, und so ließ er sie zu Ende sprechen. Nun aber ballte er mit zorngerötetem Gesicht und wie im Krampf die Fäuste und fuhr, zwar mit erstickter Stimme, doch mit furchterregender Intensität, gegen sie. »Laß mich doch reden!« zischte er.

Überraschend trat das Dienstmädchen ein und bat Gisela, zu Blanche in deren Zimmer zu kommen. Gisela erhob sich. »Bitte sehr!« sagte sie, Stadel schon den Rücken zeigend. »Jetzt kannst du reden!«, und sie verließ mit kräftigen Schritten und strahlend den Raum, vom Gelächter der ganzen Gesellschaft begleitet.

Blanche hatte, was nur von ihren Nachbarn bemerkt, sonst aber kaum beachtet worden war, schon vor einer Weile den Salon verlassen. Eilig und von der Debatte erhitzt, kam Gisela in ihr Zimmer. »Nun, was gibt's?« fragte sie hastig.

»Ich wollte dir mein neues Kleid zeigen«, sagte Blanche und hielt den Bügel in die Höhe.

Gisela stutzte. »Deshalb störst du mich? Ich dachte, es ist wer weiß was geschehen!« Doch sie fügte sich: »Nun, zeig mal, ja, es scheint hübsch zu sein – hm, ja. Dreh es um! Ja, gut, aber so kann ich es natürlich nicht beurteilen!«

»Soll ich es jetzt anziehen?«

»Selbstverständlich! Dieser grüne Fetzen ist scheußlich! Komm dann wieder hinüber!« Und Gisela wandte sich schon, um wieder zu gehen.

»Willst du nicht auf mich warten?« fragte Blanche. »Nur das Kleid und andere Schuhe!« Sie setzte sich schon nieder, und während sie sich bückte, um den Riemen zu lösen, fragte sie mit einer, allerdings übertriebenen, Gleichgültigkeit: »Wie geht's eigentlich Carola? Ich habe sie seit einer Woche nicht gesehen.«

Mit schroffer Bewegung wandte sich Gisela um. »Ach so!« rief sie. »Jetzt verstehe ich alles! Jetzt verstehe ich, warum du mir gerade jetzt das Kleid zeigen mußtest! Bist du aber eine raffinierte Diplomatin! Ich habe euch ja tuscheln gesehen, dich und Müller-Erfurt!«

»Wieso?« fragte Blanche. »Was meinst du?«

»Nichts!« antwortete Gisela grob. »Nichts! Ich habe Carola auch seit einer Woche nicht gesehen! Ich gehe voraus!« Und sie tat die wenigen Schritte zur Tür hin, dort aber blieb sie nochmals stehen: »Was hat dir denn Müller-Erfurt erzählt, der Esel?«

»Nichts«, sagte Blanche etwas kläglich und furchtsam, immer die Schwächere von beiden. »Gar nichts! Was meinst du? Ich dachte nur – ich weiß nicht, was du hast!«

»Du weißt nicht, was ich habe? Gut, ich weiß auch nicht, was du hast!«

Gisela schwieg, schien zu überlegen und fuhr dann versöhnlicher fort: »Ich habe Carola auch seit einer Woche nicht gesehen, aber – ich weiß nicht mehr, wer es war – jemand hat mir erzählt, daß sie erkältet gewesen ist oder daß sie eine Grippe hatte, sie liegt zu Bett, aber es soll ihr wieder gut gehen. Also komm! Beeil dich! und frag mich nichts mehr! Es ist ohnedies alles zum Kotzen! Übrigens, sag einmal, warum sitzt du denn dort wie –? Weißt du, wie du aussiehst? Wie ein riesiger Pudding, auf den es geregnet hat! Es ist ja zum –! Ich möchte nur wissen, welchen Anlaß du hast! Wie? Hast du einen Anlaß?« fragte sie drohend, und Blanche hütete sich wohl, ihr eine Antwort zu geben. »Nun schön! Also komm! Zieh dich an! Und frisier dich auch! Übrigens, schmink dich besser! Oder schmier wenigstens die alte Schminke weg! Du hast dich ja bemalt, wie ein Kind seine gekritzelten Figuren koloriert! Es ist ja –!«

Auf der Schwelle der offenen Tür stehend, die ganze Zeit auf dem Sprung, das Zimmer zu verlassen, fügte sie immer noch ein schnelles Übrigens hinzu. »Weißt du, ich pfeife ja auf die Männer, aber wenn ich es nicht täte, würde ich mich ein wenig anders herrichten als du! Du pfeifst auch auf sie, ich weiß es, gut, gut, aber Carola hat ganz recht, wenn sie sagt, daß man dieser Bande von Männern keine Gelegenheit geben soll, auch nur über eine einzige von uns die Nase zu rümpfen! Du kannst ja übrigens dieser Tage Carola besuchen, wenn du so besorgt um sie bist, und kannst dich von ihrem Wohlbefinden überzeugen! Aber wie ich Carola kenne, will sie allein sein, wenn sie nicht wohl ist, also warte damit, bis man dich einlädt! Hörst du! Bist du fertig? Warum ziehst du dich nicht an? Ich warte nicht auf dich, mein Kind! Du, übrigens, ich denke, wir werden noch ausgehen, deine Eltern werden ja schlafen wollen, aber es fällt mir gar nicht ein, dann schon nach Hause zu gehen, ich könnte noch gar nicht schlafen! Zu diesem Kleid mußt du auch andere Strümpfe nehmen – weißt du übrigens, daß du sehr hübsch aussehen wirst? Deine Nachbarn – du hast es wahrscheinlich nicht bemerkt, daß beide Anspruch auf dich erheben! Nun ja, verlockend ist ja keiner von beiden, übrigens, der Passow, gar so übel ist er nicht, wenigstens ist er kein Rüpel und hat Respekt vor uns Frauen. Bist du fertig? Du, ich warte nicht auf dich, du ziehst dich ja gar nicht an, es würde ja doch zu lange dauern, ich gehe voraus! Und sitz dann nicht mehr dort wie ein naßgewordener Pudding! Auf Wiedersehen! Richte dich also her, wie es sich gehört! Übrigens ist es ohnedies am besten, wenn man schlecht gelaunt oder deprimiert ist, und das scheinst du ja, Gott weiß, warum! zu sein, sich vom Kopf bis zu den Füßen neu anzuziehen! Dann fühlt man sich wie ein Kind, das aus den nassen Windeln in trockene gelegt worden ist! Wenn man sichs aber ganz prachtvoll machen will, dann badet man, ehe man sich anzieht! Überdies gehört unter dieses Kleid ohnedies sehr zarte Wäsche. Antworte mir nichts Unanständiges! Ich will auch gar nicht wissen, was du im Augenblick für Wäsche trägst, aber draußen ist es warm, und du brauchst keine Höschen aus Persianer! Es gibt Männer, die behaupten, aus den Bewegungen und dem Gang einer Frau auf den Stoff der Wäsche schließen zu können, nun, das wird wieder eine ihrer Großmäuligkeiten sein, aber sicher ist, daß man es einer Frau an der Nasenspitze ansieht! Übrigens geht es weder um die anderen im allgemeinen noch um die Männer im besonderen, sondern um das Gefühl, das man von sich selbst hat! Also los! Und dann sitz nicht mehr dort wie ein naßgewordener Pudding! Und frag mich nichts mehr! Sonst gibt es Krach, daß auch noch deine scheußliche Schminke erbleicht! Es ist ohnedies alles zum Kotzen! Auf Wiedersehen!« Und endlich ging sie wirklich.

Blanche hatte vor dem Toilettentisch gesessen und mit Kamm und Bürste mehr gespielt, als daß sie sie tatsächlich verwendet hätte. Sie hatte geschwiegen, nicht nur deshalb, weil sie ja doch nicht hätte zu Wort kommen können, sondern wohl auch aus instinktiver Schlauheit und in der Hoffnung, daß Gisela, wenn man sie nur ungestört reden ließ, zwischen den hervorgesprudelten Worten doch mehr verraten würde, als sie wollte.

Jetzt erhob sich Blanche und trat vor den großen, in den Schrank eingelassenen Spiegel. Sie prüfte sich mit abwärts und aufwärts wandernden Augen, von oben bis unten, die Gestalt und das grüne Kleid, die Frisur, den Teint, die geschminkten Wangen, dann tat sie zwei Schritte rückwärts und betrachtete, nun aus größerer Entfernung, ihre ganze Erscheinung mit ernstem, trübem, verdämmerndem Blick. »Scheußlich!« sagte sie. Ihre Züge verwandelten sich, sie setzte sich auf den Bettrand und schien in Träume zu verfallen. Sie regte sich nicht, und alles im Raum schien, unterm Hauch der Stille, unbeweglich und starrer zu werden.

Woran dachte sie? Gisela hatte eben erst das Zimmer verlassen. Bei ihrem Temperament hatte sie nicht die Kühle und die Überlegenheit, ein Geheimnis zu bewahren. Wenn sie es überhaupt versuchte und wenn sie gar schlau sein wollte, indem sie etwa von einer Erkältung Carolas sprach, wurde sie geradezu ein wenig lächerlich. Müller-Erfurts Verdacht und ihr eigener, Blanches, waren gerechtfertigt; Carola hatte zwar, wie es schien, die Gefahr überstanden, doch ganz wiederhergestellt konnte sie noch nicht sein, da Gisela ihr verboten hatte, sie ohne weiteres zu besuchen. Was im einzelnen vor sich gegangen, wodurch es heraufgeführt worden war, blieb ein Geheimnis.

Die erstarrten Augen geradeaus gerichtet, saß Blanche und rührte sich nicht. Nach einer Minute der Ruhe und Bewegungslosigkeit jedoch sprang sie mit plötzlichem Entschluß eilig und hastig wieder auf: sie begann sich tatsächlich von oben bis unten auszukleiden und von neuem wieder anzuziehen. Daß dies sehr schnell geschehen müßte, war nur natürlich, denn drüben waren die Gäste. Sie zog das Kleid über den Kopf, doch sie tat es mit so heftiger Bewegung, daß es nur einem Zufall zu verdanken war, wenn es weder platzte noch riß. Dann stützte sie sich mit der einen Hand gegen die Seitenlehne eines Sessels, drückte mit dem rechten Fuß gegen den Absatz des linken und hob diesen mit gehörigem Schwung, so daß der eine Schuh im Bogen davonflog; schon flog auch der andere. Sie streifte die Wäsche, die Strümpfe ab und lief nackt mit ihrem kräftig und großzügig gestalteten Körper zum Wäscheschrank, und während sie vor Ungeduld mit beiden Händen in die Haare fuhr und sie zerwühlte, sah sie unentschlossen in sein Inneres, auf die von ihrer Mutter mit immer neuer Mühe aufrechterhaltene Ordnung; bevor sie aber nach der Wäsche griff, besann sie sich anders und eilte nach der anderen Seite des Zimmers, zum Kleiderschrank, öffnete auch ihn und begann, in ihm zu suchen und zu tasten; sie hatte nämlich den Einfall, zu baden oder wenigstens für einen Augenblick ins Wasser zu steigen, wenn sie schon ausgezogen war, und so wühlte sie zwischen den Kleidern, um einen Schlafrock hervorzuholen; da er aber hinten an einem Haken hing und schwer zu erreichen war, nahm sie, was ihr zwischen die Finger kam, einen alten Gummimantel, warf ihn über die Schultern, glitt in die schon vor dem Bett aufgestellten Pantoffeln und eilte hinüber ins Badezimmer, um die beiden Hähne zu öffnen. Als sie zurückgekommen war, streifte sie den Mantel wieder ab und warf ihn übers Bett. Da sie im Begriff war, nochmals zum Wäscheschrank zu eilen, hielt sie doch auf dem Weg wieder ein: denn im Vorüberfliegen hatte sie im großen Stehspiegel ihr eigenes Bild erblickt, es hatte sich ihr aufgedrängt, sie wandte sich ihm zu und betrachtete ihren nackten Körper. Ihre Arme hoben sich, als ob sie über ihn streichen wollte, doch sie sanken wieder abwärts; aber sie blieb stehen und sah ins Glas.

Die Zeit des Traums ist weder lang noch kurz, und sie verrinnt so leise wie der Sand in der Sanduhr. In der Ferne rauschte das Badewasser, sonst war es still und unbewegt.

Dachte sie noch an Carola? Oder schweifte sie schon ab? Ins Unpersönliche? Oder ins Eigene, gar zu Persönliche? War Carola dem Tod nahe gewesen? Gewaltige Leidenschaften bringen Stürme mit sich, und der großen Liebe wahrhaftig würdig ist nur der Tod. Mögen sich die kleinen Leute aus ihren Enttäuschungen und Kämpfen in die kleinen Vergnügungen retten – der reine, unverdorbene Mensch will lieber sterben.

Plötzlich gab sich Blanche einen Ruck, und mit einem kurzen, unartikulierten Laut, mit dem sie sich selbst zur Eile anzutreiben schien, setzte sie sich wieder in Bewegung und lief nun wirklich zum Schrank, um die Wäsche vorzubereiten. Mit einem Blick auf die Uhr schien sie feststellen zu wollen, wie lange sie schon der Gesellschaft ferngeblieben war. Sie zog Strümpfe und wiederum Strümpfe hervor, um die passende Farbe zu finden, nahm diese und jene Wäschegarnitur zur Hand, um die richtige auszusuchen, gewiß nicht aus wählerischer Spitzfindigkeit, sondern eben nur, weil sie schon ohnedies in hastiger Tätigkeit war. Schließlich legte sie jene auf einen Sessel beiseite, nach der sie zu allererst gegriffen hatte.

Ungeduldig sprang sie nochmals ins Badezimmer, doch war die Wanne erst kaum zur Hälfte gefüllt. So setzte sie sich vor den Toilettentisch und frisierte sich, etwas gewaltsam das Haar durchkämmend und es gar zu energisch zurückstreichend, dann aber lockerte sie es wieder behutsam mit der Hand, daß es, mit seinem leisen Glanz, leicht und hübsch gewellt über dem Kopf lag. Nun ging sie daran, ihre Nägel in Ordnung zu bringen, doch sie erstarrte für einige Sekunden, die eine Hand schon mit gekrümmten Fingern sich zugekehrt, in der anderen die Feile, und blieb regungslos mit leerem Blick. – Der großen Liebe wahrhaft würdig ist nur der Tod. Des Todes wahrhaft würdig ist nur die große Liebe. So geht es, so schließt sich's. Es dreht sich ein Mühlrad im Nebel. Ach, man soll nicht denken. Ach, was ist das Leben! Wie niedrig und sumpfig ist alles! Von der Liebe besteht auf der Erde nur der Traum von ihr. Wie ist doch alles verwirrend! Man soll nicht grübeln! Aber es muß das doch geben, die große Liebe!

Blanche besann sich, sprang auf, sah wieder nach der Uhr und schlug ein schnelleres Tempo an. Sie setzte sich wieder, um sich zu schminken, wischte die häßlichen Kleckse aus dem Gesicht, die plumpen Striche von den Lippen, und während sie diesen ihr eigenes Rot ließ, brachte sie auf die Wangen nur einen Hauch von Farbe, die Farbe der Haut imitierend, mit vergehenden Grenzen. Es wurde kein Meisterwerk, doch war's auch keine Pfuscherarbeit mehr. Nun erhob sie sich hastig, lief zum Stuhl, auf dem die Wäsche vorbereitet lag, zog sie an, lief zum Nachttisch, auf dem die Strümpfe lagen, streifte sie über, nachdem sie die Pantoffeln von den Füßen geschleudert hatte, und kehrte zum Toilettentisch zurück, um sich mit Eau de Cologne zu besprengen. Dabei allerdings gab es ein kleines Unglück: ihr Vater hatte ihr vor wenigen Tagen eine Flasche Parfüm geschenkt, und da sie, wie man weiß, zu Hause recht nachlässig war und also gar zu oft die Dinge dorthin stellte, legte, hing und brachte, wohin sie nicht gehörten, und da gerade der Eau de Cologne-Flakon fast leer gewesen war, hatte sie ihn unversehens für das neue Parfüm benutzt und mit diesem eben kräftig den halben Körper bespritzt. Sie bemerkte den Irrtum erst, als sie das vermeintliche Eau de Cologne zu verreiben begann und als ein betäubender Duft von ihr selbst auf sie eindrang, dann allerdings schrie sie leise auf. Sie sprang auf, blies abwärts auf ihre Brust, schüttelte die Arme, rieb den Hals, doch natürlich, ein Geruch läßt sich weder abschütteln noch abreiben. »Ach was!« sagte sie schließlich vor sich hin. »Es wird nicht so schlimm sein!« Sie blieb sitzen, ohne noch weiter etwas zu tun, und sah vor sich hin. Wie das Licht eines Lächelns ging es über ihr verschattetes Gesicht. Liebst du ihn nicht, diesen starken Geruch? Die Haut soll doch duften, magst du es nicht so? Alle Sinne zugleich sollen genießen und lieben. Wie schade, hast du einmal gesagt, wie schade, daß ich, während ich dich umarme, nicht zugleich sehen kann, wie du gehst. Und wie schade, habe ich geantwortet, daß ich ungeschickt bin und dir diesen Wunsch beim aller-, allerbesten Willen nicht erfüllen kann! Wie haben wir gelacht in der Umarmung! Was war das für ein Lachen!

Blanche saß noch immer, und die Zeit verflog. Endlich ging sie doch daran, sich ganz anzuziehen. Sie hatte nur noch das Kleid überzustreifen. Je mehr Zeit sie versäumte und verträumte, desto hastiger warf sie sich dann in die Arbeit, desto mehr hetzte sie sich selbst, desto schneller flogen ihre Hände, um die Dinge zu ergreifen und wieder beiseitezuwerfen.

Die Arbeit war getan. Sie stellte sich vor den großen Stehspiegel, um ihre ganze Gestalt einer Prüfung zu unterziehen. Da sie sich aber nicht gut genug beleuchtet fand und da sie sich in der Eile nicht anders zu helfen wußte, schob sie, schnell entschlossen, die schwere Stehlampe, die ihr weit über den Kopf ragte, mühsam aus der Ecke des Zimmers herbei und schief hinter sich, so daß sich die Kontaktschnur durchs halbe Zimmer zog; dann aber nahm sie sich kaum die Zeit für eine wirkliche, gründliche Prüfung, denn ihr Blick war abermals auf die Uhr gefallen. Sie sprang nur nochmals hinüber, um Schminke und Puderdose herüberzuholen, und wirklich, sie war in der Hast schon daran, alles wieder zu verderben, doch eben diese selbe Hast verhinderte sie, überhaupt etwas zu tun, und sie legte oder warf Schminkstift und Dose wieder beiseite, irgendwohin, wo im entstandenen Wirrwarr gerade noch ein Plätzchen war und wie es gerade ihrer Hand einfiel. Der Stift flog auf den Toilettentisch, und mit der Dose langte sie hinter sich, bis sie irgendwo lag. Noch fehlte ihr ein Taschentuch. Sie griff in den Schrank, doch da sie das Ding entfaltete, das ihre Finger erwischt hatten, war's irgendein altes großes Seidentuch. Sie warf es ärgerlich weg, so daß es, sich ausbreitend, davonflatterte, bis es von der durchs Zimmer gespannten Kontaktschnur der Stehlampe aufgefangen wurde.

Nun sprang Blanche nochmals, zum letztenmal, zum Toilettentisch. Sie ließ sich dort nieder, um noch einmal übers Haar zu streichen. Während sie Kamm und Bürste ergriff, sah sie, wahrscheinlich ohne sich selbst zu sehen, mit träumenden Augen in den kleinen Spiegel. Ihre Arme senkten sich wieder, ehe sie sich ganz zum Kopf erhoben hatten, und stützten sich auf die Platte des Tisches. Die Bürste entglitt ihrer Hand, fiel auf den Rand des Tisches und von dort polternd zur Erde. Blanche wandte mechanisch den Kopf ihr nach und sah auf die Erde, doch sie vergaß, sie aufzuheben. Abermals verharrte sie regungslos. Es wird einer kommen, es kommt einer, auf der Landstraße kommt er gegangen, mit dem sicheren Schritt des Mannes, mit jener Schönheit, die der Geist verleiht, und mit der Liebe im Auge. Man geht miteinander die Straße entlang, durch die Landschaft, durch die Felder, über Berge, über Gletscher, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang, mit immer leichterem Schritt, immer müder, immer glücklicher, immer seliger, und am Abend kommt man in ein stilles Haus, und dort bleibt man, dort ruht man, dort schläft man, dort liebt man, dort bleibt man vom Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang.

Mit einemmal erhob sich Blanche, sah zum letztenmal auf die Uhr, ließ endlich alles sein und rannte, ohne sich weiter umzusehen, schnell zu den Gästen zurück.

Zugleich aber war im Salon Frau Riedinger aufgestanden, ein wenig beunruhigt oder wenigstens neugierig, warum ihre Tochter so lange ausbliebe, und ging hinüber, nach ihr zu sehen; doch während Blanche durch das Herrenzimmer und den kleineren Salon lief, nahm ihre Mutter den Weg durch den Korridor, und so verfehlten sie einander.

Von weitem schon sah Frau Riedinger, daß die Tür zu Blanches Zimmer weit offen stand. Helles Licht drang hervor, denn sie hatte alle Lampen brennen lassen, die Decken-, die Nachttisch-, die große Stehlampe und die kleine im Rahmen des Toilettenspiegels. Frau Riedinger wollte das Zimmer betreten, doch erstarrend hielt sie auf der Schwelle ein. Mit fassungslosem Staunen gingen ihre Augen durch den Raum. Was war hier geschehen? Ihre Blicke wanderten hin und her. Was war geschehen, was war hier vor sich gegangen? Sie getraute sich gar nicht, einzutreten. Hatte sich durch das Zimmer eine Windhose gedreht? Es sah aus, als ob der Teufel der Schlamperei in einem Tobsuchtsanfall durch den Raum gerast wäre. Warum war alles durcheinandergeworfen, geschoben, gestoßen, geschüttelt und gerüttelt? Warum lag, jetzt im Winter, der dünne Gummimantel über dem Bett? Warum war die schwere Stehlampe fast mitten ins Zimmer geschoben? Warum stand der eine Schuh unterm Tisch, während der andere, mit der Spitze nach oben, gegen die Wand lehnte? Doch ein verdächtiges Geräusch ließ Frau Riedinger aufhorchen, sie eilte ins Badezimmer, und wirklich, dort floß das Wasser aus beiden Röhren, hatte die Wanne längst gefüllt, rann gleichmäßig und unaufhaltsam in mehreren Strömen über ihren Rand und bedeckte schon den Boden. Sie drehte die Hähne ab, ging zurück und stellte sich von neuem in die Tür. Was war hier geschehen? Warum lagen alle, aber auch alle Strümpfe auf der Erde? Warum war der Schlafanzug oben über den Spiegel gelegt? Warum stand, sonderbar und verwirrend, neben dem Schuh unterm Tisch ein Pantoffel, als ob sie miteinander ein Paar wären? Wo war der andere Pantoffel? Er war überhaupt nicht zu sehen, sie suchte ihn mit den Blicken, doch sie fand ihn nicht.

Frau Riedinger hörte draußen im Gang die Schritte des Mädchens und rief es heran. »Wissen Sie es vielleicht – was ist hier vor sich gegangen?« fragte sie.

Das Mädchen warf einen Blick ins Zimmer. »Ich weiß nicht, gnädige Frau«, gab es lächelnd zur Antwort. »Ich habe nur, wie ich vorübergegangen bin, gesehen, daß Fräulein Blanche ein anderes Kleid angezogen hat.«

Frau Riedinger schüttelte den Kopf. Sie blieb wieder allein. Daß Blanche vergessen hatte, auszulöschen, daß alle Läden, alle Fächer, alle Türen aller Schränke offen geblieben waren, daß das ausgezogene grüne Kleid auf die Erde gefallen war, zerdrückt wie ein Abwaschfetzen, daß nichts dort lag, wohin es gehörte, daß kein Stuhl an seiner Stelle stand und sogar der Tisch fortgestoßen war – gut, man kann's hinnehmen, man kann sich's noch irgendwie erklären, warum aber war, wie man Wäsche über eine Leine zum Trocknen aufhängt, über die Kontaktschnur, die quer durchs Zimmer lief, das hellblaue Seidentuch geworfen, das Blanche seit Jahren nicht mehr benützt hatte? Warum liegt die Haarbürste auf dem Boden? Warum ist der Kamm zwischen die Wäschestücke geschoben, die auf dem Tisch liegen, so daß man ihn tagelang vergebens suchen könnte, wenn nicht doch sein Ende hervorlugte und so zum Glück verriete, wo er ist? Warum ist der Strumpfbandgürtel über den Kasten geworfen, so daß sein Ende abenteuerlich herunterbaumelt? Wie ist die offene Puderschachtel obenhin auf den Schirm der Stehlampe geraten, auf diese schiefe Ebene, von der sie jeden Augenblick zur Erde gleiten kann? Und wie ist der Schminkstift gerade in jenen Tiegel geraten, in dem das Abschminkefett ist? Unheimlich! Wie der Selbstmordversuch eines Schminkstifts! Was ist hier vor sich gegangen? Sie selbst, Frau Riedinger, würde Stunden und Stunden, ja, tagelang arbeiten müssen, wenn man sie aus irgendeinem unvorstellbaren Grund zwingen wollte, ein Zimmer in die größtmögliche Unordnung zu bringen, wie sie hier erreicht war. Und wie ist es möglich, daß dies alles in so kurzer Zeit bewerkstelligt wurde?

Endlich trat sie ins Zimmer, machte einen Stuhl frei und setzte sich. Ihr Kopf drehte sich langsam, und ihre Blicke gingen im Kreis. Dann stand sie wieder auf und suchte zuerst den anderen Pantoffel. Sie schaute in alle Winkel, bückte sich mühsam, um unters Bett, unter die Kästen zu sehen, doch sie fand ihn nicht, und so gab sie es auf. Sie schob die Stehlampe in die Ecke, hob alles auf, was zur Erde gefallen war, sammelte die Kleider und Wäschestücke ein und brachte sie, wenn auch nicht genau in der vorgesehenen Ordnung, in die Schränke, legte die Toilettengegenstände wenigstens auf den Toilettentisch, stellte die Stühle gerade, glättete notdürftig das Bett und tat so das Gröbste. Sie wollte wieder hinübergehen, doch der Pantoffel ließ ihr keine Ruhe, denn dies irritierte sie offenbar schon bis ins Schmerzhafte: von einem Paar nur den einen Teil zu sehen. Unordnung war für sie immer schon ein unheimlicher Zustand gewesen, sie brachte alles ins Schwanken, sie brachte Gefahren, ja, am Ende veränderte sie alle Gesetze. Was gab's denn? Was war denn mit Blanche? Warum hatte sie sich wie der Teufel der Schlamperei benommen? Frau Riedinger suchte nochmals den Pantoffel, durchstöberte alle Winkel, doch er blieb und blieb verschwunden. Aufseufzend verließ sie das Zimmer. Draußen im Korridor sagte sie im Vorübergehen zum Mädchen: »Machen Sie Ordnung drin! Ich habe schon ein wenig begonnen. Und suchen Sie den anderen Pantoffel! Er fehlt.«

Da sie wieder den Salon betrat, fiel ihr erster Blick auf Blanche, die, nach ihrer langen Abwesenheit so anders zurückgekehrt, mit dem obligaten Ah! und Oh! und Bravo! begrüßt worden war. Frau Riedinger mochte nicht erwartet haben, daß sie ihre Tochter nun um so viel hübscher vorfinden würde, und bei allem Ärger verriet ein zufriedenes Lächeln, daß sie sich über die überraschende Verwandlung freute. Sie trat auf sie zu, doch sie zuckte zurück: »Um Gottes willen!« rief sie, »was hast du gemacht? Warum hast du dich so höllisch parfümiert?«

»Ja, denk nur«, rief Blanche, »jemand hat mein Parfüm in die Eau de Cologne-Flasche gegossen und –!«

»Jemand!« unterbrach Frau Riedinger sie und nickte ihr zu. »Wer mag der Jemand gewesen sein? Du bist unverbesserlich.« Sie seufzte auf. Durch ihr Leben zog sich eine Kette solcher Seufzer. »Aber sag einmal«, fuhr sie flüsternd fort, »fallen nicht deine Strümpfe?«

Blanche begriff zuerst nicht die Frage, dann aber, nach einer mechanischen Bewegung, schrie sie leise auf und lief davon. Frau Riedinger hatte den abenteuerlich vom Kasten baumelnden Strumpfbandgürtel heruntergezogen und über die Lehne eines Sessels gelegt. Blanche nahm ihn und kehrte schnell wieder zurück. Neu frisiert und besser geschminkt, in einer Wolke von Duft und vom Kopf bis zu den Füßen schöner angezogen, war sie ein neuer Mensch geworden. Ihre Haltung, ihre Bewegungen, ja, ihre Stimme, alles war anders geworden. Der Beifall, mit dem man sie begrüßte, war aufrichtig, alle sahen sie wohlgefällig an, das Ah! und Oh! kam aus den Herzen und Sinnen, sie fühlte Müller-Erfurts Blicke starren und Passows Blicke beten; aber wer vom grenzenlosen Glück träumt, ist kein Nutznießer des kleinen.

Sie setzte sich nieder, wo sie früher gesessen hatte. Als wäre in Passows Innerem kein Raum mehr für all die Bewunderung und als müßte sie endlich nach außen treten, ergoß sie sich in seine Augen, ließ sie größer werden und anschwellen, daß sie kugelig hervortraten. Es war keine Begierde in ihnen, nur scheues Staunen, daß diese doch sicherlich ganz der Kunst hingegebene Frau auch noch Zeit und Interesse für Fragen der Toilette habe und ihr Äußeres mit der gleichen Vollendung pflege wie ihr Inneres. Müller-Erfurts Blicke aber waren wie Pfeile, wie Widerhaken, die sich immer tiefer einbohren, wie Blutegel, die sich festsaugen, und wie gekrümmte Finger, die sich ins Fleisch krallen. Seine Nasenflügel weiteten sich; unverhohlen zog er immer wieder und voll von Begierde den Duft ein, der von ihr ausströmte.

Doch die Debatte ging weiter. Allerdings, man war dessen müde geworden, den beiden Stimmen allein, Giselas und Stadels, die Führung zu überlassen, denn schließlich hat jeder, wenn er auch nichts Rechtes zu sagen hat, doch seine persönlichen Erfahrungen, seine persönlichen Empfindungen von den Dingen, um die es hier ging, und so sprach denn ein jeder. Der von Anbeginn nicht feste Kern des Streites zerfiel, die Debatte zerfloß, es gab Wiederholungen, Variationen und Scherze, Kämpfe um Wortauslegungen und Begriffsdefinitionen, neue Einfälle, neue Gesichtspunkte, Kreuz- und Quer-, Hin- und Hergespräche, und eine höhere Instanz, nach dem Inhalt des Zimmers befragt, hätte geantwortet: Lärm! Es schwirrten die Worte Liebe, Freundschaft, Kameradschaft, Sport, Gesundheit, Frigidität, Vernunft und Romantik, man sprach über Liebeslyrik und Drüsen, über die Aufopferungsfähigkeit der Frau und über Hormone; Riedinger kam auf die Frauen- und Mutterherrschaft anderer Zeiten und Kontinente, auf die Vielmännerei in Tibet zu sprechen, und Passow erzählte Blanche, indem er mit seiner schüchternen Stimme zu schreien versuchte, um sich verständlich zu machen, was seine Urgroßmutter, an die er sich noch recht gut erinnere, immer gesagt habe: der Mann soll sein wie der Habicht, die Frau aber wie eine Taube. Joachim hielt Frau Leonhardt einen Vortrag, mit besonderer Berücksichtigung seiner eigenen Person, über die Zusammenhänge von Physiologie und Künstlertum im Künstler, den sie wie alles andere schweigend entgegennahm, Stadel aber schrie, alle übertönend, die Frauen seien in allen transzendentalen Fragen ganz unmaßgeblich, denn sie seien ganz unmetaphysische, durchaus nur irdische Geschöpfe, wogegen ihm Gisela über die Köpfe der anderen zurückrief, die Metaphysiker seien verlumpte Kerle, die ihre hochtrabende Gedankenrichtung nur dazu benutzten, desto hochmütiger sein zu können, die Frauen seien viel weniger verlumpt. In der Hitze des Gesprächs fiel ihr, dies zu belegen, nichts anderes ein, als die Tatsache, daß Lustmorde von Frauen so gut wie unbekannt seien, woraus sich denn ein allgemeiner Streit zuerst darüber ergab, ob damit überhaupt etwas bewiesen sei, dann aber über Probleme der Kriminalität, Perversität und der sexuellen Verbrechen. Die Baronin, weitab von Perversität, Hormonen und sexuellen Verbrechen, erzählte den beiden Damen, zwischen denen sie saß, wie sie vor fünfundfünfzig Jahren als erstes männliches Wesen, sähe man von ihrem Vater und ihrem Bruder ab, in ihrer ersten Tanzstunde ihren späteren Mann kennengelernt habe, ganz rosa sei sie damals angezogen gewesen, rosa Kleid, rosa Schleife im Haar und rosa Atlasschuhe; nun sei ihr Mann schon dreißig Jahre tot.

Schließlich erklomm Stadel wieder die Höhe und fegte alle anderen Stimmen weg. Er wollte nun einmal nicht darauf verzichten, seinen Vortrag fortzusetzen oder von neuem zu beginnen. »Ich habe nämlich, müssen Sie wissen«, rief er, »eine erotische Welt- und Geschichtsauffassung! Wie steht der Mensch, der Mensch als Teil der Natur, zu Gott, und wie steht die Seele zu Gott? – Ich muß mich unterbrechen!« Er schwieg und sah drohend im Kreis. »Es fällt mir auf – es fällt mir nämlich immer alles auf, was um mich vorgeht! –« fuhr er fort, »es fällt mir auf, daß sich die Augen immer senken, daß sich so mancher Mund zu ironischem Lächeln verzieht oder gar grinst, wenn ich Seele sage oder Gott sage!« Er hieb auf den Tisch und schrie: »Es gibt einen Gott, und es gibt eine Seele! Wenn man mich wegen dieses meines Glaubens steinigen will – bitte sehr!«

Er breitete mit wütendem Gesicht die Arme aus, der Steinigung sich darbietend, aber natürlich, niemand wollte ihn steinigen; doch etwas anderes geschah, etwas geringeres, das ihn aber mehr außer sich brachte, als wenn man ihn gesteinigt hätte: Joachim hatte sich zu Frau Leonhardt geneigt, und mit einem ironischen Blick auf Stadels pathetische Haltung flüsterte er ihr zu: »Nun wissen Sie, wie die heiligen Märtyrer ausgesehen haben!« Es war natürlich nur für sie bestimmt, doch da gerade Ruhe eingetreten war, wurde der Satz gehört und wirkte, da er so in eine Sekunde der Stille hineinzischte, wie ein listiges, aus dem Hinterhalt heranschwirrendes Geschoß. Da und dort wurde aufgelacht, doch Stadel geriet in gefährliche Wut, und es beeilte sich jeder, schnell wieder die Maske des unbeteiligten Ernstes aufzusetzen. Noch konnte sich Stadel nicht fassen. »Herr Dichter Joachim, Herr Dichter Joachim –!« begann er aufs Geratewohl. Man duckte sich. Riedinger mengte sich schnell und begütigend ein: »Ein Scherz, nichts als ein Scherz!« Allen wurde bedenklich zumut, denn nun war er deutlich in Sicht gekommen, der große, offene, ernste Skandal.

Man kannte das Verhältnis, das zwischen den beiden herrschte. Es war das Verhältnis der gegenseitigen, unbedingten Verachtung, der etwas Haß, ein wenig Neid und auch sonst eine gewisse Menge von allen unfreundlichen Gefühlen beigemengt war, die es da gibt. Stadel war dieser Mensch, der es gewagt hatte, ihn zu ironisieren, zuwider, mitsamt allem, was er mit seiner Person anzustreben und zu repräsentieren schien: diese Verschmelzung von Geist mit übertriebener Eleganz, diesen glattpolierten sozialen Radikalismus, diese Smokingkonversation, diese Freundschaft mit den zierlichen Seidenpüppchen, diese Weitläufigkeit des Emporkömmlings, diese Salonerotik und wie er sonst noch alles nennen mochte. Wenn es aber jemals zu einer alles preisgebenden Aussprache gekommen wäre, vielmehr zum offenen Krach, dann hätte Joachim seinem Feind wahrscheinlich lächelnd dargelegt, daß sie in ihrer Stellung zur menschlichen Gesellschaft durchaus gleich seien: sie schrieben oder sprächen für die gleiche Sorte von Menschen, sie verkehrten in denselben Häusern, ja, so manche kunstbeflissene Dame war zuerst des einen und dann des andern Freundin gewesen, und daß sie sich nur durch die andere äußere Form, sich zu geben, und durch die andere Art des Erfolges voneinander unterschieden.

Da jedoch hätte sich Stadel auf etwas berufen, was zu den Grundlagen seiner Existenz gehörte: er hätte Joachim nämlich auseinandergesetzt, daß dieser doch ein Bedienter der Gesellschaft sei, ein Überläufer, der nur so viel Geist dokumentiere, wie man ihm erlaube, während er selbst, Stadel, ein Angreifer der Gesellschaft sei, keiner Mode zugehörig, nur den Geist verteidige, die Geistlosigkeit angreife, wo er sie finde, als Oppositioneller in die bürgerliche Gesellschaft eingedrungen sei, als Feind in die Festung der Feinde, und, charaktervoll und schlau zugleich, jene Menschen, die sich um ihn rissen und ihm gute Abendessen verabreichten, auch noch verhöhne, empöre und verblüffe. – Aber eben darin täuschte sich Stadel. Es fühlte sich niemals jemand verhöhnt, niemand war empört, niemand verblüfft. Dies hätte er schon aus der Tatsache schließen können, daß er noch niemals aus einem Haus hinausgeworfen worden war.

Vor zwei Jahren hatten einige reiche Damen für einen geschlossenen Kreis, der aber dank ihrer Propaganda recht groß geworden war, einen Vortrag von Stadel veranstaltet, um ihm auf schonungsvolle Weise Geld zukommen zu lassen. Der Titel seines Vortrags war gewesen: Der Geist der Zeit. Er hatte rücksichtslos und angriffslustig gesprochen, hatte den herrschenden Mächten, deren Vertreter vor ihm saßen, einen Spiegel vorgehalten, er hatte sie entgeistigt, verblödet, materialisiert, entseelt, unfromm, gottlos und idiotisiert genannt, er hatte sich ausgezeichnet vorbereitet, alles war auf die Spitze getrieben, jedes Wort war ein Dolch, den er, übers Rednerpult gebückt, hinunterwarf, das Finale jedes Absatzes eine Bombe, die er hinunterschleuderte. Doch die Dolche hatten nicht getroffen, die Bomben waren zwar mit dem dumpfen Knall eines schweren Gegenstandes niedergefallen, doch sie waren nicht explodiert. Niemand war verwundet worden, man hatte sehr laut und heftig, ja, begeistert applaudiert. Dennoch verharrte Stadel, als einer Voraussetzung seines Lebens, bei seinem Gefühl, in gegenseitiger Feindschaft und im Kampf mit der Gesellschaft zu stehen, als Verteidiger der Liebe, der Seele und Gottes. Aber Gott nimmt nicht jeden als Anwalt an. – Ohne diese seine Voraussetzung wäre Stadel vielleicht aller Lebensatem ausgegangen, sie gab ihm vor sich selbst seine Existenzberechtigung. Es liegt eben der Irrtum, in dem sich ein Mensch über sich selbst befindet, nicht in den Gedanken, die er über seine Person hegt, nicht in den Schlußfolgerungen, die er zieht, sondern schon in den undiskutierten, unbedachten Voraussetzungen, von denen er ausgeht.

»Märtyrer? Märtyrer?« schrie Stadel.

»Ruhe! Ruhe!« schrie Riedinger, doch nun war's Joachim selbst, der die Situation rettete: er sprach leiser, doch unbeirrt gegen alle andern, glitt zu neuen Themen und hörte, geschickt und energisch zugleich, nicht früher auf zu sprechen, als bis Stadel aufgehört hatte zu kochen.

Jenes Wort, sagte Joachim, sei selbstverständlich nur ein harmloser Scherz gewesen, ein augenblicklicher Einfall, dem er nur des Witzes wegen nachgegeben habe, doch jetzt möchte er auch wirklich und ernsthaft erwidern: Stadel irre natürlich, wenn er annähme, daß er, Joachim, ihn nicht verstehe, seinen Begriffen fremd und stumpf gegenüberstehe, kurz, daß er, Joachim, kein Metaphysiker sei, nein, im Gegenteil, auch er sei einer.

Stadel wiegte knurrend den Kopf. »Sie auch! Sie ein Metaphysiker?«, fragte er und schnitt häßliche Grimassen, die seinen Unwillen darüber offenbarten, daß er die Eigenschaft oder Fähigkeit, ein Metaphysiker zu sein, mit dem andern teilen sollte. Solch ein Meinungsstreit ist ein kompliziertes und verzwicktes Turnier: ein Gefecht der Streitenden um die Sache, zugleich aber ein Wettrennen, dessen Ziel ein Bergesgipfel ist: es möchte nämlich jeder gern auf der höheren, auf der eigentlichen Spitze stehen, von der aus er, mit weiterem Überblick, die Anschauungen und Ansichten des andern nur als Teile seiner eigenen, allgemeineren Betrachtung der Dinge nehmen kann, einer umfassenderen Betrachtung, die alles versteht und der nichts fremd ist. Deshalb wird oft ein Mensch, dem etwa Milde, Gerechtigkeitssinn und Mitgefühl, der wahrhaft lebendige Wunsch nach einer vernunftgemäßeren Ordnung der Welt durchaus unbekannt sind, der aber oft genug die Worte gehört hat, um ihren Sinn zu verstehen und ihren Inhalt ein wenig nachfühlen zu können, er wird so manchmal seinem Gesprächspartner sagen: Auch ich bin sozial! – und der Unfromme: Auch ich bin gläubig! Und dieses immerwährende Auch ich! Auch ich! wird den Frieden zwar scheinbar begünstigen, doch den Ideenstreit nur verwischen.

Joachim fuhr fort: jene Liebe, jene seelischen Kräfte, von denen Stadel gesprochen habe, seien eben nur leider in den wenigen Exemplaren des menschlichen Geschlechtes frei und entbunden, die meisten seien, versklavt durch die Not des Tages, noch nicht zu sich selbst erwacht; daß aber dies geschehe, sei die erste Notwendigkeit, diese aber könne sich nur durch eine radikale Veränderung der sozialen Verhältnisse verwirklichen, und sei es auch um den Preis, daß die heute Bevorzugten, um dabei mithelfen zu können, vorübergehend das Schönste, das Höchste, das Wertvollste, ja, das Wichtigste und Eigentliche vergäßen: Gott und die Seele!, an die er an und für sich selbstverständlich glaube!

»Ja, Dreck!«, sagte Stadel. »Sie sind gläubig?« Er verzog das Gesicht zu einer Grimasse und war noch immer sehr ungehalten, denn er wollte nun einmal der einzige sein, der an Gott glaubte; aber er hatte Joachim offenbar gar nicht mehr zugehört und wollte die Debatte nicht weiter fortführen. »Ja, Dreck!« brummte er. »Aber vielleicht erlauben Sie mir also jetzt, fortzufahren?« Er gab sich wieder Haltung und begann: »Ich habe also eine erotische Geschichts- und Weltauffassung!«, doch er kam nicht weiter, denn nun rief Gisela dazwischen: »Da allerdings sage jetzt ich: ja, Dreck!«

Er erstarrte. Ob sie denn nun wirklich und wahrhaftig endgültig wahnsinnig geworden sei, fragte er, sie wisse doch noch gar nicht, was er sagen wolle.

»Nein, ich weiß es nicht, aber ich will es auch nicht erst wissen! Ich will nicht!« Sie stampfte auf, und nun war wiederum sie sehr zornig. Sie war es offenbar aus der Tiefe her, ohne daß jemand recht gewußt hätte, warum und weshalb. Stadel begann loszuschreien. »Er soll schweigen!« rief sie. »Ich will ihm nur sagen, warum ich es nicht hören will!«

Nun standen beide in Flammen, und Riedingers immerwährendes, gegen das Geschrei gerichtetes Psst! Psst! klang wie das Zischen des Wasserstrahls, der das Feuer bekämpfen will.

Die Baronin konnte sich kaum ruhig verhalten und rutschte auf ihrem Sitz hin und her, denn nun schien ihr der Höhepunkt gekommen zu sein. In ihrer Erregung und auf sich selbst nicht achtend, trank sie von dem süßen Likör, der vor ihr stand, ein wenig mehr, als sie gewohnt war.

»Nur schön ruhig, nur schön ruhig!« sagte Riedinger und fuhr leise über Giselas Arm hin, doch war's deutlich, daß es ihm nicht nur darum ging, sie besänftigend zu streicheln, vielmehr wollte er auch in jedem Augenblick bereit sein, ihr Handgelenk zu packen, damit er sie zurückhalten könne, aufzuspringen und Stadel ins Gesicht zu schlagen; denn daß sie im Zorn fähig war, einem Mann Ohrfeigen zu verabreichen, wußte man, und davon wird noch eine kleine Geschichte zu erzählen sein. Doch jetzt war keine Gefahr. »Ich bin ja ganz ruhig«, sagte sie, und tatsächlich, sie schien sich abzukühlen; allerdings, es war nur eine Abkühlung der offenen Wut zur beherrschten und noch immer glühenden Empörung. Diese Haltung verschaffte ihr Ruhe im Zimmer. »Ich will ihm sagen, warum ich es nicht hören will!« begann sie. »Ich weiß es ganz genau, warum ich es nicht hören will! Dieses ganze Gewäsch von der Liebe und von der Erotik endet mit der Mission der Frau und mit der Feststellung, daß sie für die Liebe geschaffen ist! Ah, ich weiß es, wenn sie sagen: für die Liebe geschaffen, dann meinen sie: für uns geschaffen! Und das bedeutet nichts anderes, als daß die Frauen nur in bezug auf sie auf der Welt sind! Aber wir sind auch in bezug auf uns selbst da, mit unserem eigenen Mittelpunkt und Leben, nicht nur mit der Freiheit, unser Brot selbst zu verdienen, sondern auch mit der Freiheit des Denkens, Tuns und Fühlens, der Freiheit unserer eigenen Natur! Aber diese Kerle sind ja größenwahnsinnig! Gut, ich will gerecht sein, auch wir Frauen mögen größenwahnsinnig sein, die eine, so wie ich, indem sie sich einbildet, gut zu photographieren, die andere, weil einigen Männern bei ihrem Anblick die Zunge aus dem Hals hängt! Ihr Männer aber seid größenwahnsinnig, nur auf Grund der Tatsache, daß ihr Männer seid! Und müssen wir denn nicht auch zu euch emporsehen, wenn ihr eure Ideen offenbart, auf die ihr so stolz seid, weil sie so in sich geschlossen und so konsequent durchdacht sind? Und müssen wir nicht zu euch emporsehen, wenn ihr durch die Lüfte fliegt? Als die ungeistigen, unlogischen Geschöpfe, müssen wir euch zuhören, wenn ihr eure Ideen offenbart, denn sie sind groß und in sich geschlossen! Wir aber, was sind wir denn? Im besten Fall reizende Geschöpfe, an denen man seine Freude hat, denn wir sind nur für die Liebe geschaffen, im Bett zu lieben und im Bett zu gebären, die Männer zu lieben und die Kinder zu lieben, da unten auf der Erde! Ihr aber seid die Logiker, die Schöpfer der großen Idee und die Verwirklicher der Ideen, mit dem erhobenen Schwert! Und es ist ja auch wahr! Ist denn nicht wirklich die ganze Welt eine männliche Welt? Stammt denn nicht alles von euch? Von euch stammen die Künste, stammt die Philosophie, stammt die Moral, die Liebe, die Logik und das ganze Leben! Ja, wir leben in einer männlichen Welt, unter männlichem Geist, unter männlichen Gesetzen, in einem männlichen Staat, unter männlicher Politik, unter männlichen Einrichtungen, unter männlicher Gerechtigkeit, unter männlichen Kämpfen, unter männlichen Kriegen, unter männlicher Not, unter männlichem Hunger, unter männlichem Elend und Dreck!«

Sie schwieg einen Augenblick. »Nun, ist es nicht so?« schloß sie und sah zornig und herausfordernd im Kreis von einem zum andern.

Allmählich war's, während sie sprach, stiller geworden, und schließlich war's eine Stille von besonderem Klang. Es war, als hätte ganz plötzlich durch die Mauern des Hauses und Zimmers ein Atem der Welt hereingeweht. Feding mußte sich gerührt haben, denn während noch alle schwiegen, hörte man in der Ruhe des Raums das Knacken der Gelenke seines Sessels, doch war es – wenn man überhaupt aus dem bedeutsamen Krachen einen Schluß ziehen darf – ein durchaus freundliches Geräusch des Holzes.

Stadels Temperament war gebändigt. Sie habe ganz recht, sagte er freundlich, und eben deshalb, weil alles so mißraten und elend sei, eben deshalb sollten die Frauen gar nicht erst versuchen, es den Männern gleichzutun.

»Aber wer sagt denn«, unterbrach sie ihn, »daß wir es euch gleichtun wollen?«

Dann solle sie doch endlich sagen, was sie wolle, drang man weiter in sie. »Was ich will?« Sie suchte nach Worten. »Etwas Anderes, Besseres!« rief sie schließlich.

»Etwas Anderes, Besseres!« ahmte Stadel nach, den Mund verziehend, und man lächelte über ihre gar zu allgemeinen, ratlos-vagen Worte.

Joachim holte zu einer kleinen Rede aus. Er lehnte sich zurück, schlug die Beine übereinander und begann mit maliziösem Lächeln: »Nicht ohne Humor verfolge ich den Streit zwischen Ihnen und Stadel, nicht ohne Humor, sage ich, denn es scheint mir, daß Sie beide fast einer Meinung sind. Sie verargen es ihm, daß er ohne Unterlaß von der Mission der Frau spricht – und auch ich verarge es ihm, denn ich erwarte, unabhängig vom Geschlecht, von einer bestimmten Gruppe der Menschheit die erlösende Mission –, andererseits aber«, sein Lächeln wurde breiter, und er wollte sie offenbar necken, »andererseits haben Sie von uns Männern diese niederschmetternd schlechte Meinung. Warum also führen die Frauen, unabhängig von Stadels Anregung, nicht ihre Mission durch, indem sie das Andere, das Bessere herbeiführen?«

Alle sahen auf sie und warteten auf ihre Antwort. Kein Zweifel, sie war schon aus dem Konzept gebracht und schwieg einige Sekunden. »Es ist kein Verlaß auf die Frauen«, sagte sie dann, ein wenig wegwerfend und mürrisch. Abermals wurde gelächelt. Ach, es war ja auch wirklich eine magere, hilflose Auskunft, die sie da gab, aber wer weiß, ob sie nicht, bei all ihrer Ungenauigkeit und Unverbindlichkeit, treffend war, ob sie nicht mit einem einzigen, nicht ganz deutlichen Wort die undeutliche, vage, tragische Situation erfaßte.

»Und warum ist kein Verlaß auf sie?« forschte Joachim mit mokantem Lächeln sie weiter aus. Gisela zuckte die Achseln, aber in der Stille, die eintrat, nahm überraschend die Baronin das Wort, und nun kam der Wind von anderswo, von weither hinter den Bergen. Wie weit sie der Debatte und den Gedankengängen überhaupt gefolgt war, muß dahingestellt bleiben, aber zumindest hatte sie einzelne Sätze gehört, dies und jenes aufgefangen, das sie anregte und ihr Vorstellungen hervorrief, und vielleicht gab ihr der wenige Alkohol, den sie getrunken hatte, den unbekümmerten Mut. Ihr kleines Gesicht war noch röter geworden und stach gegen die weißen Haare ab. Die Augen begannen zu leuchten, und die Rede ging ihr leicht von den Lippen.

»Ach nein, ich bin böse auf Sie!« begann sie mit jener uraltneckischen Koketterie, mit der sie vor sechzig Jahren die Männer entzückt haben mochte. »Sie dürfen auf die Männer nicht so zanken! Wir verdanken ihnen doch auch so viel Schönes! Ich weiß nicht, wie Sie sind, meine Herren, ich habe nicht das Vergnügen Sie näher zu kennen, ich hoffe, daß Sie besser sind, als Sie tun, aber was meine Erfahrungen betrifft –: auf meinen Mann lasse ich nichts kommen! Gewiß, die Männer haben manchmal etwas Wildes, aber sie können auch so herrlich galant sein! Mein Mann wenigstens war es. Immer Blumen, immer höflich, immer galant! Sie sagen, daß die Männer den Krieg machen, und das ist ja auch wirklich häßlich von ihnen; wenn ich zu bestimmen hätte, dürfte es niemals einen Krieg geben! Schon jede Rauferei oder Prügelei ist etwas sehr, sehr Häßliches, und gar ein Krieg! Aber wir dürfen nicht vergessen, daß die Männer auch sehr mutig sind! Ich persönlich schätze das sehr! Wenn einer so einen Orden oder auch nur eine Tapferkeitsmedaille hat, dann weiß man doch, daß er sich bewährt hat! Einmal hatten wir auf unserem Gut einen Oberst zu Gast, einen englischen Oberst, er hatte irgendwo in Afrika oder Asien oder Indien gegen irgendwelche Eingeborenen gekämpft, er war verwundet und trug – denken Sie! nach dieser langen Reise! – noch immer seinen Arm in der Binde. Er war noch sehr jung und schon Oberst. Seien wir doch aufrichtig, meine Damen –: gibt es etwas Prächtigeres als einen noch jungen, verwundeten Oberst? Er mußte mir viel von dem Feldzug erzählen, ach, es muß schrecklich, schrecklich gewesen sein! Aber er hatte die Brust voller Orden, und da sieht man doch gleich, daß er sich bewährt haben muß! Und dabei so charmant! Es ist nicht wahr, daß alle Soldaten etwas Rohes an sich haben. Er jedenfalls war so charmant! und mein Mann war sehr galant! Gewiß, die Männer haben etwas Wildes, obzwar –«, doch sie legte erschrocken die Hand vor den Mund und verstummte für einen Augenblick, und da brach endlich das allgemeine, lange zurückgehaltene Gelächter los, während sich schon die Baronin, darum unbekümmert, den beiden Damen zuwandte, zwischen denen sie saß, und geheimnisvoll weitererzählte, offenbar von der Wildheit der Männer auf privaterem Gebiet.

Da es stiller geworden war, nahm Joachim das frühere Gespräch auf und beharrte auf seiner Frage. »Nun, Gisela«, sagte er mit breitem, bezüglichem Lächeln, »Sie haben noch nicht geantwortet! Warum ist kein Verlaß auf die Frauen? Wollen wir nicht ein wenig darüber nachdenken?«

Gisela winkte ärgerlich ab, aber Müller-Erfurt hatte schon lange zu Wort zu kommen versucht. Nun stand er feierlich auf. Er hatte sozusagen etwas auf der Pfanne, und endlich hatte er die Stille für sich. »Ich möchte etwas fragen«, begann er weitausholend. »Du hast, Gisela, von der Freiheit des Denkens, Tuns und Fühlens gesprochen – bitte sehr! Die Freiheit des Denkens und Fühlens hattet ihr ja immer schon, denn wer konnte es euch verwehren, zu denken und zu fühlen, wie ihr wolltet, nicht wahr? Es bleibt also nur die Freiheit des Tuns, nicht wahr? und wofür also«, schloß er triumphierend mit mokantem Lächeln, »wofür, wenn man fragen und indiskret sein darf, wofür also und in welcher Beziehung soll die Freiheit des Tuns ausgenutzt werden oder, wenn man noch indiskreter sein darf, wofür wird sie schon ausgenutzt?«

»Mein Gott!« rief Gisela. »Was für ein langer Satz für eine so gewöhnliche Bemerkung! Aber ich weiß schon, was du meinst, du Witzbold! Und ich kann dir gut darauf antworten, wenn dich unsere Freiheit, zu tun, was wir wollen, gar so sehr interessiert!«

Nun ging man geraden Wegs auf ein Thema los, dessen Erörterung alle, mit offener oder geheimer Freude, entgegensahen; aber Gisela sollte sich die Sympathien, die sie vorhin erst gefunden, da sie ihren Empfindungen Ausdruck gegeben, schnell wieder verscherzen, als sie nun zu Theorien überging, die sie für philosophisch halten mochte; sie dürften zwar auch wiederum nur aus Empfindungen entstanden sein, doch, von weither, aus vielfältigen, unübersichtlichen und unkontrollierbaren Empfindungen, und der Weg von diesen zur Philosophie lag im Nebel.

»Los, los!« rief Riedinger, da sei er aber neugierig, und alle setzten sich zurecht, um die versprochene Antwort zu hören.

»Die Teilung der Menschheit«, begann Gisela, indem sie sich zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug, »die Teilung der Menschheit in zwei Geschlechter«, dozierte sie, »ist lediglich eine Organisationsfrage, deren Lösung der Natur nicht ganz gelungen ist. Ihr fiel leider nichts Besseres ein, um die Fortpflanzung des Menschengeschlechtes zu sichern. Da sie es aber nun einmal für gut befunden hat, die nächste Generation nicht auf den Wiesen wachsen oder von den Erwachsenen ausspucken zu lassen, sondern sich auf die uns allen bekannte Methode verlegt hat, glaubte sie, sehr klug und schlau zu sein, als sie zum Anreiz für die Fortpflanzung den Menschen die Begierde eingab – da aber hat sich die Natur an eine Sache herangewagt, der sie nicht gewachsen war: aus dem Vorhandensein der Begierde und der Teilung der Menschheit in zwei Geschlechter haben sich die größten Unzukömmlichkeiten ergeben. Lachen Sie nicht!« fuhr sie zornig auf. »Ich meine es anders, als Sie denken: aus der Teilung in zwei Geschlechter haben die Männer die Frechheit bezogen, gewisse Schlüsse zu ziehen: aus der physischen Verschiedenheit haben sie auf eine Verschiedenheit überhaupt geschlossen, auf eine Verschiedenheit der Psyche und Moral, sie haben ihre Philosophie aufgebaut und die Liebe erfunden –«

»Aber Stadel hat uns doch vorhin gelehrt«, warf Joachim ein, »daß die Frauen es sind, die die Liebe erfunden haben!«

»Nein!« rief sie, als hätte man sie persönlich beleidigt. »Das ist nicht wahr! Das zu behaupten, ist eine unverschämte und echt männliche Verdrehung!«

Mit Rufen und Ausrufen, Gelächter und Protesten brandete der Lärm auf, denn hier hatte jeder etwas zu sagen, und jeder mußte es aussprechen, lebhaft und laut, da es von der Hitze eigener Empfindungen und Erfahrungen angeheizt war. Der Lärm wuchs, und längst war der Portier erschienen, von sämtlichen das Haus bewohnenden Familien entsandt, um in ihrer aller Namen die Klage wegen nächtlicher Ruhestörung anzudrohen. Im allgemeinen Gewirr sprach Gisela weiter, ob man sie hörte oder nicht. Als ihre Stimme in einem Tal der verhältnismäßigen Stille wieder vernehmbar wurde, war sie um ein tüchtiges Stück weitergekommen. »Drüsen sind Drüsen!« rief sie voll Leidenschaft. »Und Unterleib ist Unterleib! Begierde ist Begierde! Treue ist Treue! Und Untreue ist Untreue! Und warum sollten da die Frauen ein anderes Wesen haben, und wo überhaupt ist die Seele?«

Stadel saß vorgebeugt, die Ellenbogen auf die Knie gestützt, das Gesicht in die Hände vergraben, als wollte er mit dieser Stellung die Qualen andeuten, unter denen er litt. »Seitdem die Menschheit denkt«, klagte er weinerlich, »hat sie über das Verhältnis des Geistes zum Körper gegrübelt, es ist ein Zentralproblem, unsereins hat nächtelang, jahrelang darüber debattiert, in die Poren der Kaffeehauswände sind sie eingedrungen, diese Probleme, und da kommt so ein Frauenzimmer und will mit ihren Plattheiten –!«

Riedinger aber war von Giselas Rede entzückt. »Bravo! Bravo!« rief er. »Gleiches Recht für alle! Das ist die junge Generation! Gleiches Recht für alle!«

Frau Riedinger sah wiederum ihren Mann, da er über das gleiche Recht entzückt war, mit nachdenklichem Blick an und mochte daran denken, wie er gerast und getobt hatte, als er seine Freundin, eine kleine Bartänzerin, in Verdacht hatte, auch mit einem Operettentenor ein Rendezvous gehabt zu haben.

Naturwissenschaft und Romantik, Philosophie und Physiologie, Naivität und Gewitztheit, Aufrichtigkeit und halbe Unaufrichtigkeit, zweideutige Scherze und Biologie, uralte Trivialitäten, originelle Spitzfindigkeiten und Banalitäten, die an Weisheiten grenzten, dies alles vermengte sich, und wie man einen Menschen, der einen mit Gestrüpp und Bäumen bewachsenen Serpentinenweg hinaufsteigt, nur von Zeit zu Zeit erblickt, dann aber jedesmal um ein Stück höher, so hörte man Gisela, deren Reden von Lachen und Rufen verdeckt waren, nur in Abständen, dann aber mit immer lauterer Stimme und in ihrem Zorn gesteigert, durch die Proteste gereizt und um so verbissener. »Die Prostitution!« rief sie, und es war nicht zu übersehen, mit welchen Sprüngen sie zu diesem Problem gekommen war. »Die Prostitution! Ich finde es niederträchtig, jawohl, niederträchtig, daß es nur weibliche und keine männlichen Prostituierten gibt! Ah, wenn ich Lust habe, was sollte mich daran hindern, auf die Straße zu gehen und mir ein Bübchen heraufzuholen?«

Eine Sekunde wars still. Es war, als ob über die Ecke, in der das Sofa eingebaut war, ein Sturm ginge, der die Damen, die dort saßen, durchwehte und schüttelte. »Was denn?« rief Gisela, die es fühlen mochte. Sie hielt für einen Augenblick ein, und da offenbar die lebendige Vorstellung erst nachträglich ihren Worten gefolgt war, mochte ihr unbehaglich zumute werden, doch sie überwand den Augenblick und rief um so trotziger: »Jawohl! Ich bleibe bei meiner Meinung!«

Wenn es stiller gewesen wäre, dann hätte man gehört, daß leise der große Lehnstuhl krachte, in dem Feding halb saß und halb lag. Er hatte sich wieder gerührt, diesmal allerdings richtete er sich auch auf, und unerwartet, überraschend stand sein Kopf neben dem großen Ohr des Sessels. Die Stunden waren nicht spurlos an ihm vorübergegangen: sein Schnurrbart wölbte sich in weitem Bogen vor, die Brauen stachen wirr nach allen Richtungen, und die grauen, leichtgewellten Haare in der Mitte des Schädels hatten sich aufgestellt. So sah er, die Hand um den Stiel des Weinglases gelegt, in die Gesellschaft, aus halbgeschlossenen Augen, um die ein dichter Kranz winziger Fältchen gelegt war und durch deren schmalen Spalt Heiterkeit blinkte und sprühte. Man sah erstaunt, fast erschreckt auf ihn, als ob sich, wie hergezaubert zu so später Stunde, ein neuer Gast eingeschlichen hätte und nun in der Mitte des Zimmers stände.

Er hüstelte, dann begann er leise, nach seiner langen Stummheit mit eingerosteter Stimme, in der doch ein mildes Auf und Ab der Melodie war. »Fräulein Gisela«, sagte er, »Sie sind reizend –« Er schwieg, man wartete, dann setzte er von neuem an: »Sie sind reizend, wirklich reizend, obwohl Sie so etwas wie eine Suffragette der Erotik sind, wirklich reizend, und überhaupt –«, und abermals verstummte er und fiel in sich selbst zurück. Jemand rückte unversehens den Stuhl, und dies Geräusch holte ihn wieder her. Er ließ langsam seinen Blick über die Gesellschaft gehen, über die erhitzten Gesichter, dann sah er in die Luft vor sich hin, als rollten dort irgendwelche Bilder vor ihm ab.

»Nun, und –?« rief ihn Gisela an, als ob sie ihn wecken wollte.

»Nun also! Was willst du uns denn sagen?« rief ihm auch Riedinger zu.

Man konnte nichts anderes meinen, als daß die wenigen Worte, die er hingesungen, nur die erste Einleitung gewesen seien, daß er nun das Eigentliche sagen, auf all die Reden, Diskussionen, Streitigkeiten, Prinzipien seine Antwort geben würde, und man sah ihn an, wartend, was noch kommen würde; aber es kam gar nichts mehr, es ging vielmehr nur eine Veränderung mit ihm vor, ein zitterndes Beben durchlief seinen Körper, und er begann zu lachen: es löste sich los in ihm, stieg in ihm auf und überkam ihn. Lautlos setzte es ein, und lautlos stieg es höher, doch unaufhaltsam, unwiderstehlich. Er machte gar nicht den Versuch, zu widerstehen, er ließ es über sich kommen, immer stärker, immer mächtiger, er gab sich diesem lustigen Sturm preis, er überließ sich diesem heiterem Krampf und schüttelte sich in kurzen, schnellen, geradezu leidenschaftlichen Stößen. Alles an ihm kam in Bewegung, der Schnurrbart wippte, die Uhrkette wackelte, der Körper erzitterte, die Spitzen seiner grauen Haare schaukelten, und die harten Manschetten schlugen in ununterbrochenem, gleichbleibendem Wirbel gegen die hölzernen Seitenlehnen des Sessels.

Als ob ein Damm geborsten wäre, hinter dem sich seit Stunden Gelächter gestaut hat und zu unmäßiger Menge angeschwollen ist, so brach es jetzt mit der ganzen gesammelten Kraft aus ihm.

Man schaute auf ihn und wußte nicht, was man denken sollte. Manche der Gäste wurden verlegen, er aber bemerkte es nicht, er bemerkte überhaupt nichts um sich, hatte Gisela, das Zimmer, die Debatten, hatte alles, hatte das ganze Leben vergessen, schüttelte sich und lachte, wie aus der Welt gehoben, stumm und mit offenen Augen. Die einen versuchten, mitzukommen, und lächelten ungeschickt mit, den anderen wurde es unbehaglich zumut, seine Frau blickte neugierig, ein wenig besorgt auf ihn. Das einzige Geräusch im Zimmer war das leise Klappern der Manschetten gegen das Holz. So verging geraume Zeit, und es dauerte lange, ehe man sich wieder getraute, zu sprechen und von neuem nach den Problemen zu greifen.

Man kann die Fruchtbarkeit oder Unfruchtbarkeit einer Debatte daran ermessen, wie oft und in wie schneller Aufeinanderfolge wiederholt wird, was schon gesagt worden ist. Nun, jetzt wurde der Disput in diesem Zimmer zu einem Karussell, das sich immer rascher dreht und immer rascher dasselbe vorbeiträgt. Deshalb soll diese Zeit, da es, in allen Scharnieren krachend, dahinläuft und -fliegt, dazu benutzt werden, von einem Umstand zu sprechen, der zwar keineswegs von großer Bedeutung ist, immerhin aber Fedings aus dem Rahmen fallendes und aufsehenerregendes Verhalten, wenigstens zu einem gewissen Teil, erklärt – nicht seine Meinungen und Ansichten, nur sein Verhalten, sein Benehmen!

 

Feding trank sehr gern Wein und trank, so oft sich die Gelegenheit dazu ergab. Auch jetzt, während die anderen Kognak und süße, blutrote oder giftgrüne, klebrige Liköre tranken, lag neben ihm im Eis des Kühlers die nur für ihn bestimmte Flasche, nicht die erste an diesem Abend. Frau Riedinger kannte seine Gewohnheiten, und es war sein Vorrecht in dieser Familie, schon während der Mahlzeit der Hausfrau anzuvertrauen, ob er auch später bei diesem leichten Tischwein bleiben wolle, oder lieber zu einem anderen, fülligeren übergehen möchte. War dies der Fall, dann gab er auch gleich, nach einigen Überlegungen des Gaumens und Erwägungen der Zunge, den Wein an, nach dem er Lust oder Sehnsucht verspürte, denn er kannte die Bestände dieses Hauses nicht weniger gut als seine eigenen, weil er selbst es ja war, nach dessen Ratschlägen, da Riedinger kein Kenner war, dessen Lager von Zeit zu Zeit vervollständigt wurde.

Er trank bedächtig und mit gleichmäßiger Ruhe, doch wie eben überall die Stetigkeit das höchste Maß erreicht, so war es auch hier. Es geschah in aller Stille, ohne Aufsehen und Aufwand und erst recht natürlich ohne die Prahlerei jener Leute, die als tolle Kerle gelten, weil man sie oft betrunken sieht, und dabei sind sie es schon nach zwei Gläsern eines leichten Mosel, die sie mit barbarischer Hast in ihren Schlund gegossen haben. Er hätte sich ebenso gegen die Meinung gewehrt, daß er ein Trinker sei – und tatsächlich hatte auch niemals jemand Anlaß, diese Behauptung aufzustellen –, wie gegen die andere, daß ihn der Alkohol aus seiner normalen Lage bringe, und wirklich, das Gegenteil traf zu: er versetzte ihn nur in den ihm gemäßen Zustand, es öffneten sich nur alle Türen in ihm, er wurde durch ihn nur er selbst.

Er trank niemals bei der Arbeit, denn deren unnatürlicher Zwang, so hatte er es einmal erklärt, erfordere eine übertriebene, unnatürliche Nüchternheit. Sonst aber trank er, wann es sich fand, bei den Mahlzeiten, wenn er Gast in einem Hause war oder wenn er selbst Gäste bei sich hatte; wenn er aber keine Gesellschaft hatte, dann trank er auch, nicht weniger gern, allein. Manchmal, um zehn Uhr abends, wenn seine Frau sich rüstete, schlafen zu gehen, sagte er: ich bleibe noch ein wenig auf – wenn sie aber, nach schon stundenlangem Schlaf erwachend, das Bett neben dem ihren leer fand, dann stand sie auf, warf einen Morgenrock über, schlüpfte in die Pantoffeln, und ging hinüber. Sooft sie auf der Schwelle zu seinem Arbeitszimmer erschien, in dem er saß, war er auf ihren Eintritt schon vorbereitet, war sein Blick schon der Tür zugewandt, denn er hatte ja in der Stille der nächtlichen Wohnung die Angeln ein wenig kreischen, ihre Schritte sich nähern gehört. Er sah ihr freundlich entgegen und sagte, bevor sie noch ihrerseits beginnen konnte, mit ein wenig eingerosteter Stimme: »Ja, ja, ich komme schon, gleich, gleich!«

»Es ist ein Uhr!« sagte sie mit leisem Vorwurf.

»Schon?« antwortete er, »ich komme schon, gleich, gleich!«

»Aber wirklich!« mahnte sie, und nachdem sie ihn noch einen Augenblick nachdenklich, fast ängstlich und besorgt gemustert hatte, zog sie sich wieder zurück. Es war ihr noch niemals gelungen, bei ihm zu erscheinen, ohne durch die Geräusche der Türen und durch ihre Schritte angemeldet worden zu sein, und doch war es ihr großer Wunsch, ihn einmal, ein einziges Mal nur, indem sie sich etwa bei ihm einschliche, zu überraschen. Allerdings, wobei hätte sie ihn überraschen können, das hätte sie selbst nicht zu sagen vermocht. Wenn sie öffnete und auf der Schwelle stehenblieb, saß er im alten ledernen Klubfauteuil in der Ecke des Zimmers, auf dem runden Tisch vor ihm nur die Gläser und Flaschen, ein Aschenbecher, die Zigarrenkiste und auf einem Teiler ein Stück trockenen Brotes, das er aus der Küche geholt hatte. Sie wußte nicht, was er in all den Stunden tun mochte, ja, dieses ganze Betragen war ihr ein wenig unheimlich, und seit den vierzig Jahren, die sie miteinander verheiratet waren, klagte sie, daß sie das alles nicht begreifen könne; er aber lachte und versicherte ihr immer wieder, daß es gar nichts gäbe, das erst zu begreifen, zu verstehen oder zu erklären wäre, er trinke eben gern ein Gläschen Wein, und wenn niemand mit ihm trinken wolle, dann trinke er eben allein.

Und so war es auch. Es gab weder ein Geheimnis, noch weniger eine Unheimlichkeit. Er saß da, trank und tat nichts anderes. Die Lampe ließ in gleichmäßigem, gleichbleibendem Strom ihr Licht über die Dinge fließen, ein jedes stand auf seinem Fleck, die Stühle, die Regale, der Schreibtisch, auf dessen Platte die verschiedenen Utensilien, ein aufgeschlagener Akt oder ein offenes Buch, und in einer Ecke eine Vase, in der einige Zweige standen, und über allem die nächtliche Stille. Er schwenkte ein wenig das Glas, um den Geist des Weins zu entbinden, hielt es sich entgegen, um den aufsteigenden Duft in sich aufzunehmen, betrachtete seine Wände, um zuzusehen, wie das Öl an ihnen abwärtsglitt, hob es gegens Licht und prüfte die Farbe des Weins. Der eine war dünn und hell wie Wasser, in dem aber ein Körnchen Grün und ein Körnchen Gold aufgelöst worden war, der andere gelb wie das erste Gelb der Blätter im September, und wieder einer hatte die satte Farbe des Oktoberlaubs; denn an solchen Abenden baute er eine wohlbedachte Folge auf, der er wie einer Hierarchie Respekt entgegenbrachte, so daß er dem folgenden immer mehr Ehrfurcht erwies, als dem schon ausgetrunkenen.

Doch da der Mensch sein Gehirn nicht so ruhen lassen kann wie seine Glieder, blieb auch sein Geist nicht untätig. Von den Notwendigkeiten des Tages befreit, aus seinem Zwang entlassen, lockerte er alle Zügel, und wie der Wirbelwind von allen Seiten zugleich das leichte Laub, die winzigen Äste, die Körnchen Sandes heranträgt, so kamen aus allen Richtungen die Gedanken und Erinnerungen. Vorerst blieben noch Reste des Tages: da war eine Klientin, die seinem Rat nicht gefolgt war, nun hatte sie ihren Schaden davon, die dumme Person – wie könnte man ihr jetzt noch helfen? Hier ein Brief, den zu beantworten er vergessen hatte, und dort wieder flog nochmals eine Nachricht heran, die er heute erhalten hatte und über die er morgen mit seiner Frau sprechen wollte. Die Zeit verging, er tat größere Schlucke, wandte sich der Vergangenheit, dann wieder der Zukunft zu und dachte etwa an seinen bevorstehenden Urlaub. Sie planten, wieder in jenen bescheidenen Gebirgsort zu fahren, in dem sie den vergangenen Sommer verbracht hatten. Jetzt hatte er wieder den Ausblick vor sich, den er von seinem Zimmer aus gehabt hatte: vor seinen Fenstern die Wiese, die, im Frühsommer noch in allen Farben aller Blumen spielend, nach der Mahd in gleichmäßigem Grün und später noch einmal, wenn auch in dürftigerer Buntheit dalag, nach zweihundert Metern aber den Augen entschwand, weil sie sich in einen Abgrund hinüberneigte, der steil in ein tiefes, schmales Tal hinunterfiel. Jenseits dessen aber stieg gewaltig das ungeheure Massiv empor, das er bei jedem Wetter und zu jeder Stunde, in allen Farben und allen Beleuchtungen betrachtet hatte: die Gletscher matt und schmutzig, dann wieder silbern strahlend, die Felsen hellgrau, fast ins Weiße gehend, dann wieder schwärzlich und zwischen Schwarz und Weiß in allen Tönungen, bei Regen, im Dämmer, im Sonnenschein, am Morgen, zum Mittag, am Abend.

Ohne Wahl und ohne Zusammenhang schwebten ihm die Erinnerungen entgegen, leicht und locker tanzten ihm die Bilder aus den Abgründen des Nichts empor. Eines Tages, es waren die stillen Stunden des frühen Nachmittags, hatten sie sich zeitig aufgemacht, um das bequemere Gelände nordwärts zu einem Hügel aufzusteigen. Kaum aber hatten sie die Dorfstraße betreten, scholl ihnen ein wirres und wildes, erschreckendes Geschrei entgegen, dem sie keinen Satz, kein Wort, noch weniger einen Sinn entnehmen konnten. Es hatte unvermittelt eingesetzt, war eilig und hastig angestiegen und schnell zu seinem Höhepunkt gekommen, auf dem es nun verharrte. Es war, als ob die Urwelt brüllte und das Chaos grölte. Sie gingen neugierig – Frau Feding schon ein wenig ängstlich und besorgt – dem höllischen Lärm nach, und um eine Ecke biegend, erkannten sie, was vorging: auf einer Wiese am Ende des Ortes, zwischen zwei Häusern, deren Wände den hin- und hergeworfenen Schall vervielfachten, hatte sich eine Schar von Kindern versammelt, Buben und Mädchen, Kinder aus dem Dorf und aus den Hotels, es mochten ihrer nicht weniger als zwanzig sein, und hatten sich, eines hinterm andern, aufgestellt und marschierten nun im Kreis, immerzu im Kreis, mit aller Kraft auftretend, die Füße niederstoßend, stampfend und trampelnd. Während sie so einherschritten, schrien sie, brüllten, kreischten, krächzten sie mit der ganzen Kraft ihrer Kehlen und erzielten einen Spektakel, daß die Berge hätten einstürzen können. Es gab für den Lärm, den sie vollführten, offenbar keinen anderen Grund als den, daß plötzlich das unabweisbare Bedürfnis über sie gekommen war, Lärm zu machen. Außerhalb des Kreises standen schüchtern Hand in Hand, wie brave Püppchen, zwei dreijährige Mädchen, in sanftem, rührendem Gegensatz zu der grölenden Horde. Da sie nicht den Mut hatten, sich einzufügen, blieben sie abseits und sahen, von diesem Schauspiel gebannt, festgewurzelt und entgeistert zu. Die Sechs- und Achtjährigen, die da brüllten, mochten ihnen mit ihrer noch nie gehörten Art, zu kreischen und zu toben, überwältigende Wesen und Erscheinungen von gigantischer Kraft sein.

Das war alles, im ganzen nichts Besonderes, doch jetzt hatte Feding nochmals die Vorstellung davon. Er und seine Frau, er erinnerte sich genau, waren damals stehengeblieben, hatten gelacht und vor allem die abseits stehenden sanften kleinen Mädchen betrachtet.

Ein anderes Mal gingen sie zwischen steilen Bergwänden durch ein enges Tal, in dem außer dem schmalen Weg nur noch ein steiniger Wiesenstreifen Platz hatte und zwischen beiden der in der Tiefe tosende Bach. Plötzlich hörten sie Donnern, Krachen und Poltern. Sie hielten ein und horchten, doch es war schon vorbei, nur noch einige Schläge, und der Lärm tröpfelte nur noch nach, während sich das Echo des ersten Schlags durch die Berge weitertrug. »Was war das?« fragte Frau Feding. »Ein Steinschlag«, antwortete er. Sie standen noch einige Sekunden, und jetzt erst, so verspätet, verirrte sich der Widerhall des Krachens in diese Klamm, in der sie standen, tobte aufbrausend von Wand zu Wand, warf sich, leiser werdend, spielerisch von einer Seite zur andern, bis er, brummend und grollend, verklang und es wieder stille war. »Vorbei!« sagte Feding, »nun, das war kein schwerer Steinschlag!« – »Es werden genug Bäume daran glauben müssen!« antwortete sie. – »Ach nein!« meinte er. »Es war in der Höhe, über den Gletschern.« – Über den Gletschern, in der Höhe, wohin noch jemals zu kommen, er schon viel zu alt war, obwohl er in früheren Jahren nichts mehr geliebt hatte, als vom Morgen bis zum Abend in den Felsen auf- und abzusteigen, über die Gletscher und Schneefelder zu wandern!

Wie lange saß er schon da? Wieviel Zeit war über den kleinen Erinnerungen vergangen?

Dann hatten sie wieder eines Tages, während schon die schrägen Nachmittagsstrahlen kühler die Wiese beschienen, am Rand einer Alm gestanden und hatten die Rinder und Kälber betrachtet. Die jungen Tiere waren noch nicht sicher auf ihren Beinen und hielten nur schwankend ihr Gleichgewicht. Manche hatten sich mit ihren kleinen sauberen Körpern niedergelegt und blieben regungslos. Sie wirkten unnatürlich in ihrer Unbeweglichkeit, mit der sie schon die phlegmatische Weisheit der Kühe nachahmen zu wollen schienen. Doch von der Kraft des eigenen Lebens gejagt, würden sie sich wieder erheben. Frau Feding hatte einen Topf Milch ausgetrunken, nicht so sehr, weil sie hungrig oder durstig gewesen wäre, als aus Freude, so an der Quelle zu schöpfen, und aus Lust am Geschmack der natürlichen Frische.

Das war alles.

Die kleine Almhirtin hatte für die Milch kein Geld annehmen wollen. Gut, dachte jetzt Feding, während er hier saß, wenn ich wieder hinkomme, will ich sie wieder besuchen, und sie wird uns abermals einen Topf Milch präsentieren. Aber wenn sie wieder kein Geld annimmt? Nun, dann werde ich eben irgendwann einmal, wenn es nötig sein sollte, ihr Rechtsberater sein – für diesen Topf Milch! Oder gar einen Prozeß für sie führen! Warum nicht? Ein Urgroßonkel könnte nach Amerika ausgewandert sein, und sie ist nun die Erbin seines unübersehbar großen Vermögens. Wie es immer geht –: man will sie ihr streitig machen, die unzählbaren Millionen, aber ich erkämpfe sie ihr – für den Topf Milch! Und wenn sie dann eines Tages kommt und sagt: ich danke Ihnen, Herr Doktor, ohne Sie wäre ich heute nicht eine der reichsten Damen der Welt, jetzt aber, bitte sagen Sie mir auch, was ich Ihnen schulde! – dann antworte ich: Nichts! Ich bin schon bezahlt worden, ich habe das alles nur getan für jenen Topf Milch! Jawohl, gnädige Frau, und selbst, wenn es kein ganzer Topf gewesen wäre, sondern nur ein Töpfchen, ich hätte es doch getan und will kein Geld! Ja, wenn's auch kein Töpfchen gewesen wäre, sondern nur ein Fingerhut, und wenn es nicht einmal ein Fingerhut gewesen wäre, sondern nur ein Tropfen, ja, wenn's nicht einmal ein Tropfen gewesen wäre, sondern nur ein Tröpfchen, so groß wie der Tau, der am Morgen an den Gräsern hängt – ich nehme kein Geld! Jawohl, mein Fräulein, ich verstecke schüchtern meine Hände hinterm Rücken, wie Sie es damals getan haben, schüttle nur grinsend den Kopf und streckte die Hand nicht aus, um das Geld zu nehmen, und wenn man mich fragt: aber warum denn nicht, mein Kind? warum nimmst du denn nicht das Geld, Kleiner? Dann schüttle ich wieder nur grinsend den Kopf und strecke die Hand nicht aus und nehme kein Geld!

Die Stunden vergingen. Nun würden wohl, dachte er, bald die Türen knarren, die Pantoffelschritte geistern, und seine Frau würde erscheinen. Jetzt lächelte Feding. Er erinnerte sich eines Streites, den er mit ihr gehabt hatte. Es war um eine Gemse gegangen, eine Gemse hoch oben im zackigen Gebirge. Sie waren entlang des großen Abhangs gegangen, und er hatte sie in der Ferne auf einem Felsvorsprung entdeckt. Er wollte sie ihr zeigen, sie aber konnte das Tier nicht finden, denn das ganze Gebirge war so sehr in Licht getaucht, daß im allgemeinen Glanz Linie von Linie nicht zu unterscheiden war. So bemühte er sich denn, ihren Blick allmählich hinzuführen. »Paß auf!« sagte er, »hier rechts ist der große Felsvorsprung – ja?« – »Ja«, sagte sie. – »Gut!« und er nickte befriedigt. »Links davon das kleine abfallende Schneefeld – ja?« – »Ja!« – »Dann die drei Zacken – ja?« – »Ja!« – »Siehst du das alles? Konntest du mir folgen?« – »Ja!« – »Gut! Also: neben den drei Zacken, links, ist wieder ein Felsvorsprung, ein kleinerer – siehst du ihn?« – »Ja!« – »Nun also!« schloß er triumphierend, »auf diesem Vorsprung steht die Gemse! Siehst du sie?« – »Nein! Ich sehe keine Gemse!«

Er begann von neuem, führte wieder ihren Blick, aber es endete jedesmal mit den gleichen Worten: Ich sehe keine Gemse! Schließlich ärgerte er sich und sprach in ungehaltenem Ton, da aber sagte sie, daß sie, wenn er grob werde, leicht darauf verzichten könne, die Ziege zu sehen. Und nun geriet er in einen gewissen Zorn. Wenn sie, rief er, das Tier entdeckt hätte, dann würde sie auch wollen, daß er es sehe! Und überhaupt, wie oft man denn eine Gemse im Freien sehe! Er habe ihr doch nur ein Vergnügen machen wollen! »Zanken wir nicht!« sagte sie, »versuchen wir es lieber noch einmal!« – »Gut!« erwiderte er knurrend. »Aber zum letztenmal!« Doch als er den Blick wieder hob, war das Tier schon weggesprungen. »Da hast du es!« rief er. »Jetzt ist sie weg!« – »Da hast du es! Du sagst das so«, erwiderte sie, »als ob ich die Schuld hätte!« – »Ja! Du hast auch die Schuld! Denn du hast sie eine Ziege genannt! Glaub nur nicht, daß sie es nicht gehört hat! Gemsen hören mit den Hörnern, das sagt ja schon das Wort! Ziege! Man darf einer Ziege nicht sagen, daß sie eine Gemse ist, und einer Gemse nicht, daß sie eine Ziege ist! Weißt du nicht, daß alles Lebende stolz ist, daß es das ist, was es ist? Darauf gründet sich die Welt! Laß es dir einfallen, diesem nackten Felsen dort drüben zu sagen, daß er ein sanfter, lieblicher Hügel ist, und er wird vor Zorn Feuer speien und einstürzen!« – Sie fügte die Hände zu einem Schallrohr. »Hügel!« rief sie hinüber »sanfter, lieblicher Hügel!« – »Bist du toll?« rief er aus, und schon schossen die Feuergarben in die Höhe, die Berge stürzten, das ganze Gebirge fiel in sich zusammen, die Erde bebte, und die Himmel dröhnten, sie aber liefen davon und versteckten sich hinter einem riesigen Enzianbusch. – Nun, daß die Alpen nicht eingestürzt sind, weiß man, aber auch der Streit, der ganze Disput damals war ein wenig anders gewesen, und seine Phantasie hatte ihm jetzt so manches hinzugefügt.

Gewiß, es mag ja sein, daß er auch sonst den Dingen etwas hinzufügte, daß er sie etwas anders machte, als sie waren, daß etwa die Wiese, die er vor sich sah, nicht mehr aus Gras und Halmen, Blüten und Stengeln bestand, sondern nur noch ein wogendes, ineinanderfließendes Meer von Farben war, ein Ozean der Düfte, oder daß die kleinen, sanften dreijährigen Mädchen, die der im Kreis gehenden, grölenden Horde zusahen, immer sanfter und sanfter und schließlich so sanft, so unirdisch wurden, daß sie, wenn auch noch soviel Zeit verging, niemals zu wirklichen richtigen Menschen heranwachsen könnten, vielmehr schon süße Engel wurden, denen Flügel wuchsen – gewiß, das mag ja sein, doch was hat's zu bedeuten! Er saß still in seinem Klubfauteuil, als ein unteilbares Band lief die Zeit vorüber, ohne Minute und Stunde, gemächlich setzte er seinen Körper in Bewegung, wenn er die Asche von seiner Zigarre abzustreifen hatte oder die Flasche aus dem Eis hob, und wenn seine Frau erschien, dann sagte er freundlich: Ja, ja, ich komme schon!

Wenn es ihm aber geschah, daß die Dinge ein wenig durcheinandergerieten, daß ihm ein kleines Chaos unterlief, daß statt der Knaben und Mädchen die Kälber auf der Alm im Gänsemarsch daherschritten und tobten oder daß sich die Gemse mit einem einzigen ungeheuren Sprung in die Höhe warf, um, in tausend Stücke zersplittert, mit dem Gedröhn des Steinschlags niederzufallen; oder daß die sanften Mädchen, die eben noch auf der Wiese in langgezogenen Tönen gejauchzt hatten, auf einen Gletscher und in einem peitschenden Schneesturm verschlagen wurden, der nicht mehr in Flocken, sondern schon in großen weißen Fetzen niederging, sie in tausend Schleier, Nebel und Dämpfe hüllend, so daß ihre Haut immer bleicher, immer blasser, in immer größerer Entfernung schimmerte, als wäre es der letzte entgleitende Schein der für immer entschwindenden armen kleinen Leiber, und daß gar Blanche zwischen sie geraten war, mit ihnen in den Tod entglitt, so wie sie als Kind gewesen, trotzig und mit großen träumenden Augen, doch jetzt geschwächt und mit gebrochenem Trotz; oder wenn es ihm geschah, daß das Gurgeln des Baches in eine Melodie überging, von einer Frauenstimme gesungen, klar wie der Bach, rein wie der Schnee der Felder, leuchtend wie das sonnenbeschienene Eis, strahlend wie der Mittagshimmel, alles beherrschend, alles überspannend wie das Licht, von dieser Frauenstimme, bei deren sieghaft und unheimlich schönem Klang den Mann, den Knaben und den Greis ein Schauer der Unruhe und der Sehnsucht überkommen muß; wenn ihm also solch ein kleines Chaos unterlief, dann kniff er nur, plötzlich aufgeschreckt, ein oder zweimal die Augen zusammen, richtete sich, mit vorgeschobenen Lippen und drohend zusammengezogenen Brauen, energisch auf, als ob er mit seinem strengen Blick die Ordnung wiederherstellen wollte, und streckte mit fast zorniger Bewegung, wie um den Wirrwarr ins Herz zu treffen und die Welt wieder nüchterner zu machen, den Arm aus, um von neuem nach dem Weinglas zu greifen und einen neuen Schluck zu tun.

Mancher Tropfen des vergangenen Tages, des vergangenen Jahres, des vergangenen Jahrzehnts, mancher Tropfen seiner achtundsechzig Jahre fiel in seinen Wein, der alles dankbar aufnahm; sein Duft färbte das Gewesene, und seine Blume schwebte über manchem kleinen Ereignis und mancher Gestalt.

Niemals hatte jemand Feding betrunken gesehen, niemals jemand ein unvernünftiges Wort von ihm gehört, und jener stille, schüttelnde Sturm des Lachens, der ihn eben in Riedingers Salon überkommen hatte, stellte den größten aller Exzesse dar, zu denen er sich jemals hatte hinreißen lassen.

IV

Wie ein hübscher Vogel auf einem Riff über den brandenden Wellen hatte Frau Leonhardt inmitten all der Reden und des Gelächters schweigend neben dem Dichter Joachim gesessen. Hie und da hatte er sie durch eine Frage zu einem Ja, einem Nein, einem Vielleicht gebracht, im übrigen unterhielt er sie auf seine konsequente und sichere Art und zwang sie, ihm zuzuhören oder wenigstens ihm zugewendet zu bleiben. Gisela war ganz und gar abgekämpft, und doch war gerade sie es gewesen, die zwar schon vom Aufbruch gesprochen, gleichzeitig aber hinzugefügt hatte, daß sie damit durchaus nicht den Vorschlag machen wolle, schon nach Hause zu gehen. Sie hatte offenbar das Bedürfnis nach Ruhe übergangen und verlangte nur noch nach Abwechslung und neuer Bewegung. Jetzt stand sie in einer Ecke des Zimmers. Da das Temperament von ihr gewichen war, kam ihre Blässe, ihre übernächtige Ermüdung um so mehr zum Vorschein.

Blanche, noch immer auf ihrem Platz, doch auch sie schon ermüdet und abgestumpft durch den Lärm, betrachtete von weitem gedankenvoll ihre Freundin, als bemühte sie sich noch immer, zu erraten oder zu ahnen, was die andere wußte, doch wie schon so oft, wurde sie durch Passows Stimme aus ihrer Träumerei aufgeschreckt. »Darf man fragen«, erkundigte er sich, »woran Sie im Augenblick arbeiten?« Bescheiden, aber beharrlich, schüchtern und zäh zugleich, konnte er nicht aufhören, über ihre Malerei zu sprechen.

»Im Augenblick? Im Augenblick male ich ein Seestück.«

»Aus dem Gedächtnis?« fragte er, und nun schien er schon in einen Abgrund der Erschütterung zu stürzen. »Das muß ungeheuer schwer sein! Hier in der Wohnung malen Sie das Meer?«

»Nicht hier, ich habe mein eigenes Atelier, vielmehr ein ganzes kleines Haus. Dort ist es stiller, es liegt mitten in einem Garten.«

Er dachte nach: »Und Sie fahren täglich hin und wieder zurück?«

»Fast täglich!«

»Und heute?« fragte er weiter, vor Respekt fast nur noch hauchend, »heute waren Sie auch dort?«

»Ja.«

Er forschte immerzu, als müßte er erschauernd dem Unverständlichen und Unerforschlichen folgen: »Und heute haben Sie auch gemalt?«

»Natürlich! Was täte ich sonst dort!«

Er verstummte.

Das Interesse am allgemeinen Disput war erschöpft, und man verstreute sich im großen Zimmer. Da und dort wurden unabhängig voneinander kleine Gespräche geführt. Stadel hatte sich erholt und war wieder ganz zu Kräften gekommen. Da der große Kreis zerstört war, hatte er seinen Stuhl näher an den Tisch herangeschoben und verteidigte nun seine Theorien und begründete neue vor der kleinen Gesellschaft, die ihm geblieben war. Sie bestand aus den älteren Damen, die auf dem Sofa saßen, aus Riedinger und Feding; dieser allerdings war kaum mitzuzählen, denn er war in seinem Sessel vergraben und wie verschwunden; doch auch Riedinger war kein ganzer Gesprächspartner, kaum noch ein Zuhörer. Was seine Frau gefürchtet hatte, schien sich zu verwirklichen: er war still geworden und geknickt, da er nun selbst eine Herzattacke nahen zu fühlen glaubte, und sein Gesicht verfiel.

»Bitte sehr!« rief Stadel. »Es ist wahr: wir alle glauben an keinen Gott mehr, sondern nur an ein Fragezeichen! Vielleicht glaube auch ich nur an ein Fragezeichen, aber ich bilde mir ein, daß es ein Gott ist!« Er verzog den Mund und lachte auf: »Vielleicht bilde ich mir auch nur ein, daß ich mir einen Gott einbilde, und es ist vielleicht nicht einmal ein Fragezeichen, sondern überhaupt nichts, aber wie es sich auch verhalten mag, glauben Sie mir, daß ich recht habe, Gott zu sagen! Denn jenes Nichts ist alles! Verstehen Sie, was ich meine?«

Die Damen nickten geistesabwesend und nur mechanisch, und Riedinger knurrte, ohne sich zu rühren. Joachim sah von weitem herüber, den Blick voll von Ironie und Feindschaft. Aber die kleine alte Baronin rief Stadel zu: »Ach! wie haben Sie recht! Ein guterzogener Mensch glaubt an Gott!« Sie war aus ihrer schüchternen Zuhörerschaft erwacht. Die kleine Menge des Alkohols tat ihre Wirkung. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Augen leuchteten. »Ein guterzogener Mensch glaubt an Gott!« wiederholte sie. »Zu meiner Zeit wäre es ganz unmöglich gewesen, sich mit einer Ziviltrauung zu begnügen. Ach, diese Feierlichkeiten in der Kirche! Eine Erinnerung fürs ganze Leben! Die Orgel, die Brautjungfern, der Priester! Dort bekommt das Leben die Weihe der Liebe und der Reinheit! Dort wird der Grundstein für die Treue gelegt! Alle haben mir gesagt, daß ich ausgesehen habe wie eine Rosenknospe!« Das sähe man ihr heute nicht mehr an, meinte sie, aber alle versicherten ihr, daß sie sehr hübsch gewesen sein müsse, und tatsächlich, man konnte sie sich als junges Wesen nicht anders als reizend vorstellen.

»Gott ist alles!« predigte Stadel weiter; er fühlte sich offenbar durch die Zustimmung der Baronin nicht gekräftigt, durch ihre Reden eher gestört, und so argumentierte er denn auf eigene Faust weiter: »Gott ist alles! Also ist er auch die Liebe! Aber die Liebe ist nicht nur Gott – verstehen Sie, was ich meine?« Abermals nickten die Damen geistesabwesend, um ihm zu verstehen zu geben, daß sie ganz genau wüßten, was er meinte, und Riedinger knurrte.

»Ach! wie haben Sie recht!« rief abermals die Baronin und stellte sich ihm so mit ihrer Beistimmung wiederum in den Weg, und er wurde nicht mit ihr fertig, mit der kleinen alten schüchternen Dame, die sich nun ein wenig aufzulösen begann. »Ach, wie haben Sie recht!« rief sie und lächelte schelmisch. Die Liebe, sagte sie, sei wirklich nicht nur göttlich, sondern auch irdisch. Aber von der Zartheit und Galanterie ihres Mannes könne man sich gar keine Vorstellung machen, nur sie könne es beurteilen, denn sie habe doch ihr ganzes Leben mit ihm verbracht. Sie wandte sich an ihre Nachbarinnen, Frau Feding und Frau Riedinger, flüsterte mit ihnen und beschrieb ihnen in allen Einzelheiten die Ausstattung, die sie vor über fünfzig Jahren gehabt hatte, ihre Brautkleidung, die Kleider der Brautjungfern.

Plötzlich aber brach Stadel in ein schallendes Gelächter aus und zog auf diese Weise doch endlich die Aufmerksamkeit mit Gewalt auf sich. »Gibt's denn das noch überhaupt, die Liebe? Gibt's denn das noch: Frauen? Ich will Ihnen etwas sagen!« begann er weitausholend eine Erzählung, ganz mit vollem Mund und im voraus seines Erfolges sicher. »Wissen Sie, worin der ganze Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht? Es ist ein Zeitunterschied, sonst nichts! Er besteht nur darin, daß die Frauen manchmal ein klein wenig mehr Zeit brauchen, um zu der so erfreulichen Aktion zu schreiten! Aber da bin ich unnachgiebig und rücksichtslos! Wissen Sie, was ich unlängst einer Dame gesagt habe? Ich habe ihr gesagt: ›Gnädige Frau‹, habe ich ihr gesagt, ›ich stelle Ihnen ein Ultimatum! Entscheiden Sie sich! Heute wäre ich noch bereit, die Hälfte des Hotelzimmers zu bezahlen, morgen zahle ich nur noch ein Drittel, übermorgen nur noch ein Viertel!‹«

Er hatte offenbar vergessen, daß er diese Geschichte schon einmal erzählt hatte, und niemand hatte Lust, ihn darauf aufmerksam zu machen. So schwieg man denn einen Augenblick, doch überraschend, wie ganz aus der Ferne, aus der Tiefe des Sessels, in dem er lag und fast unsichtbar war, kam die Stimme Fedings mit ihrem leise singenden Baß: »Und, Herr Stadel –? Wie ist dieser überaus interessante Prozeß ausgegangen, Herr Stadel?«

»Sofort, sofort! Sofort sind wir gegangen, und sie hat das ganze Zimmer bezahlt!« – Das erst war die Pointe. »Ausgezeichnet, ausgezeichnet!« sang Feding in langgezogenen Tönen.

Jetzt lachte man, doch Stadel bezog es auf seine Geschichte und war zufrieden. »Ich glaube an die Mission der Frau«, fuhr er fort, nun wieder in Fluß, »doch das bedeutet nicht, wie Gisela es mir unterschiebt, daß ich an die doppelte Moral glaube –«

Doch da geschah etwas. In dem entfernten Winkel, in dem sie stand und von dem aus sie, allerdings nur mit halbem Ohr, zugehört haben mochte, setzte sich Gisela in Bewegung, mit schnellen, herrischen Schritten. Hochaufgerichtet ging sie quer durch den Raum auf Stadel zu. Nun stand sie schon drohend vor ihm.

»Jetzt aber«, begann sie mit einer gewissen Feierlichkeit, »habe ich dich erwischt, du Lügner und Feigling!«

Niemand wußte, was sie wollte. Bevor sich Stadel von seiner Überraschung erholen konnte, fuhr sie schon fort: »Vorhin hast du es geleugnet, jetzt aber habe ich deine letzten Worte gehört! Du hast gesagt: daß ich an eine doppelte Moral glaube!«

Endlich begriff Stadel, weshalb sie ihn überfallen hatte. »Geh wieder in deine Ecke!« rief er kreischend und gequält, als zerre jemand mit einem Widerhaken in seinem Fleisch.

Zwischen diesen beiden Stimmen sitzend, zuckte Riedinger immer wieder zusammen und atmete, die Augen schließend, mühsam aus der Tiefe her auf.

Wie eine Göttin des Zornes stand Gisela vor Stadel. Die beherrschte Empörung, mit der sie sprach, verschönte ihre Züge, und in den tausend Löckchen ihrer hellen Haare blinkten tausend kleine Lichter. Wer sich vor ihr fürchtete, mußte jetzt noch mehr Angst vor ihr haben; wem sie gefiel, dem konnte sie jetzt noch besser gefallen. »Weißt du, was dir fehlt?« sagte sie. »Das Einfachste, Primitivste, ohne das wir überhaupt nicht zu denken vermögen: die Logik! – Schweig!«

Frau Riedinger beugte sich zu Frau Feding. »Wenn man«, sagte sie, »Giselas Temperament so aus der Nähe sieht, dann begreift man manches, wie?« Und ihr Blick sagte: Sie wissen, was ich meine! Frau Feding, die immer Schweigende, antwortete nicht, aber sie nickte und schmunzelte verständnisvoll. Beide betrachteten Gisela mit jenem aufmerksamen, nachdenklichen Blick, mit dem man in seinem Geist versucht, die Taten eines Menschen, von denen man nur aus der Entfernung die Kenntnis hat, mit seiner Erscheinung, die man körperlich vor sich sieht, in Einklang zu bringen. Frau Riedinger aber hatte mit ihrer Bemerkung auf ein Vorkommnis angespielt, das, einige Monate zurückliegend, ganz danach angetan gewesen wäre, ein Geheimnis der beiden Beteiligten zu bleiben, das aber doch, ohne daß Gisela es ahnte, keines geblieben war und bei jenen, denen es bekannt geworden, die verschiedenartigsten Gefühle, die der Empörung, des Schreckens, des Mitleids, der Schadenfreude, zugleich aber und vor allem auf allen Seiten stürmisches Gelächter ausgelöst hatte. Es muß sich eben doch eine der handelnden Personen einem Dritten, einem Freund oder einer Freundin, anvertraut haben, und wie es bei Geheimnissen nun einmal geht: der Dritte ist die Tür in die Welt. Nun also, dies ist's, worum es ging:

Gisela war zum Bewußtsein ihrer selbst und zum Bewußtsein der Probleme des menschlichen Daseins gekommen, zu einer Zeit, in der sich in der Welt vieles änderte, auch die soziale Stellung der Frau, in der aber, wie immer in solchen Zeiten, leidenschaftliche Optimisten und große Temperamente glaubten, daß sich alles ändern werde, auch das Unveränderliche. Ihre erste Jugend im konventionell-bürgerlichen Haus der Eltern noch in allen Gliedern, hatte sie sich, berstend vor Protest gegen die Vergangenheit, der Zukunft stürmisch an die Brust geworfen. Die Debatten, die sie damals mit ihren Freundinnen geführt haben mochte, von denen so manche in Dingen der Liebe nicht nur die volle Freiheit genossen, sondern sich auch, wie aus Prinzip, nur um sich und der Umwelt ihre Befreiung von der traditionellen Moral zu beweisen, zur Freiheit und dann zur Willkür geradezu gezwungen hatten – diese Debatten über Gleichberechtigung, gleiche Rechte der Frau, Gleichheit in materieller, gesetzlicher, sozialer und erotischer Beziehung sind leider nicht überliefert, aber man kann sie, zurückschließend, wohl ahnen. Was Gisela in jener Zeit getan, erfahren und erlebt hatte, ist unbekannt, sicher ist, daß sich in die empfangsbereite Seele ihres damaligen Lebensalters jene Debatten, Probleme, Konflikte und Erlebnisse eingegraben und sie mit geformt haben müssen, und daß sie, wie die Intensität bewies, mit der sie an den heutigen Disputen teilgenommen hatte, nie ganz von ihnen loskam. So war es nur natürlich, daß sie auch mit ihrem Geliebten, vielmehr mit jenem Mann, der bis zu dem Vorkommnis, von dem die Rede ist, ihr Geliebter gewesen war, über diese Themen Erörterungen zu führen das Bedürfnis hatte. Es mag sein, daß der schreckliche Verdacht in ihr aufgestiegen war, er glaube, ein Mann sei mehr wert als eine Frau – in Wirklichkeit aber hatte er eine Waage für solche Messungen niemals auch nur in die Hand genommen; vielleicht aber hatte sie den noch schrecklicheren Verdacht, er hege die Meinung, ein Mann sei etwas anderes als eine Frau – und dieser Meinung allerdings war er tatsächlich. Als kluger Mann war er weit davon entfernt, das Verhältnis zu seiner Geliebten mit Dogmen und Prinzipien zu belasten. Er freute sich des guten Einvernehmens zwischen ihnen, genoß die leidenschaftlichen Freuden, die es ihm brachte, und fuhr dahin, von ihrer Liebe getragen, der Glückliche, ihre Liebe erwidernd, und wußte nicht, der Ahnungslose, wo eine Mine auf ihn wartete. Es müssen sich rebellische Kräfte in ihr angesammelt und um so wilder in ihr gebrodelt haben, als sie sich in ihrer Zuneigung abhängig von ihm und immer abhängiger fühlen mußte. Diese Abhängigkeit verwechselte sie mit Unterdrückung; daß sie an ihn gebunden war, wollte sie als Fessel betrachten, und daß sie ihm und nur ihm gehörte, als Sklaverei.

Eines Tages besuchte er sie und saß in jenem Sessel, in dem er schon so oft gesessen hatte. Er war von einer langen Reise zurückgekehrt, Gisela hatte ihn zwar am Morgen beim Zug erwartet, ihn aber beim Frühstück in einem Kaffeehaus nur eine kurze halbe Stunde gesehen; dafür hatte sie, jetzt am Nachmittag, unter dem Vorwand auswärtiger beruflicher Besprechungen ihr Atelier verlassen und sich in ihre danebenliegende Wohnung zurückgezogen. Nun saß er also bei ihr. Das Telephon klingelte, nach einigen Minuten klingelte es noch einmal, und damit sie nicht weiter gestört wurden, hatte sie auf seine Bitte die Glocke des Apparats verstopft. Sie entzündete, als die Dämmerung kam, die Lampen und zog die dicken Gardinen vor, holte, was sie vorbereitet hatte, Likör, Kuchen und belegte Brote, und in einem blinkenden Nickeltopf brodelte schon das Wasser für den Tee, freundlich summend die Stille des Hauses belebend.

In der Mitte des Zimmers saß behäbig der Engel der Eintracht, in einer Ecke stand mit freudig geröteten Wangen der Engel der Zärtlichkeit, in einer anderen stampfte schon der wilde Engel der Liebe, denn durch den Raum flog und flatterte seit einiger Zeit der ungeduldige Engel des Kusses.

Linde, so hieß er, und Gisela unterhielten sich währenddessen noch über dies und jenes, über die Ereignisse, die sich seit seiner Abreise zugetragen, und sprachen eben über den Selbstmordversuch eines ihnen beiden bekannten Mannes, der von einer Frau um sein Vermögen gebracht und zugrunde gerichtet worden war, nur damit sie Kleider und Schmuck und immer noch mehr Kleider und Schmuck habe, und der an jenem Tag von ihr verlassen worden war, an dem er sein letztes Geld aufgebraucht hatte und, wie man sagte, auch schon fremde Gelder. Diese Frau hatte diesen Mann weder gehaßt noch geliebt, sie war nicht einmal berechnend gewesen und hatte es vielmehr nur natürlich gefunden, ihn zu verlassen, sobald er arm geworden war. Sie hatte ihn nicht unglücklich machen, nicht zugrunde richten, nicht zur Unredlichkeit verleiten, ihn nicht in den Selbstmord treiben wollen, und ihre ganze Niedertracht bestand im Grunde nur darin, daß nichts in ihr war, das sie gehindert hätte, dies alles doch zu tun. Gisela und Linde waren ganz und gar einer Meinung über den Charakter dieses armselig verlorenen Mannes. Gisela meinte, er sei dumm wie eine Schweinsblase, und sie waren auch ganz und gar einig über den Charakter der Frau, die sie gewissenlos nannten, ein Tierchen, eine Katze, die sich immer wieder leckt und putzt.

»Ja, siehst du«, sagte Linde, sich im Gespräch seinen Gedanken überlassend. »So ist es eben: die Frauen haben eine große Seele, wenn sie lieben; wenn sie aber nicht lieben, dann haben sie überhaupt keine! Daher das doppelte Gesicht, das sie zeigen, daher die Größe, die Tiefe, die Bedingungslosigkeit ihres Gefühls, und wirklich, sie könnten die Lehrmeisterinnen der Welt sein. Daher aber auch, auf der anderen Seite, die vollkommene Herrschaft der Dämonen über sie, ihre Uferlosigkeit, ihre geheimnisvolle Abgründigkeit, ihre Niedertracht, die auch der böseste Mann nicht begreift, die Rätselhaftigkeit des Nichts, ihre in den Sumpf ziehende Kraft –«

Er hätte darüber gern noch weiter gesprochen, doch Gisela hörte ihm längst nicht mehr zu. Sie wollte von seinen Erörterungen, von seinen Erläuterungen zu der These, die er aufgestellt, gar nichts wissen, die These selbst war ihr schon genug gewesen, um so mehr als sie wie die meisten Frauen geneigt war, alles Gesagte zur eigenen Person in Bezug zu setzen.

»So!« sagte sie, indem sie sich energisch vor ihm aufpflanzte, und über den Engel der Eintracht lief ein leiser Schauer. »So! Ich habe also keine Seele?«

»Doch!« antwortete er lächelnd und freundlich, strich über ihre nackte Schulter, den nackten Arm entlang, und seine Hand war schon daran, in andere Gegenden hinüberzuirren. »Doch! Du liebst mich doch!«

»Äh! Äh! Äh!« machte sie abwehrend und ärgerlich. »Daß du glaubst, ich liebe dich – gut! Wir wollen es einmal annehmen! Wenn ich dich aber nicht liebte? Wie? Dann –? Dann hätte ich also keine Seele? Dann wäre ich ein Dreck?«

»Wie kann man denn in solchen Dingen mit einem Wenn denken! Du liebst mich eben, und wenn du mich nicht liebtest, dann würdest du eben einen anderen Mann lieben. Du kannst ja doch nicht anders!«

»Keine Ausflüchte!« rief sie und trat zurück, um sich seiner Berührung zu entziehen; noch immer lächelte harmlos der Ahnungslose, sah sie verliebt an und streckte seinen Arm nach ihr aus, aber er erreichte die Seide ihres Hemdes nur mit den Fingerspitzen. »Keine Ausflüchte!« rief sie. »Antworte mir! Bleib konsequent! Wenn ich dich nicht liebte und auch keinen anderen Mann – dann? Was wäre dann? Dann hätte ich also keine Seele? Dann wäre ich ein Dreck!«

»Mein Gott!« sagte er und tappte immer weiter. »Mein Gott, dann wärest du eben nicht du, und dann allerdings, als die andere –«

»Dann –?« rief sie wieder und stieß ihn vorwärts. »Dann –? Nun –?«

»Dann allerdings, nun ja, dann hättest du am Ende wirklich keine Seele –. Und jetzt komm zu mir!« Und er beugte sich vor, damit seine sehnsüchtigen Hände sie erreichen könnten.

»So!« rief sie, mit einemmal ans Ziel gelangt und die zurückgehaltene Empörung mit voller Kraft offenbarend. »So! Das wollte ich nämlich nur hören!«

Sie kam auch wirklich näher, aber anders, als er es gewünscht hatte, und jetzt geschah es. »Das wollte ich nur hören!« sagte sie und verabreichte ihm eine Ohrfeige.

Der Engel der Zärtlichkeit legte mit wehem Stöhnen die Hand an sein Herz. Man soll über Gisela nicht gar zu sehr entsetzt und empört sein, denn sie verhielt sich nicht anders als die großen Kaiser, Könige und Tyrannen der Weltgeschichte, die auch so manches Mal vom Gedanken- und Ideenstreit zum Kampf der Waffen übergegangen waren, um zu entscheiden, welcher Glaube der wahre sei. Linde aber wollte es nicht eingehen, daß ein einzelnes Individuum, eine Privatperson, sich so zu verhalten wagt, wie es den großen Kaisern, Königen und Tyrannen der Weltgeschichte vorbehalten ist, er rief fassungslos und erschreckt: »Bist du verrückt geworden?« und fing ihre Hand ab, um sie festzuhalten.

»Nein! Ich bin nicht verrückt geworden!« schrie sie und versuchte vergebens mit wütenden Bewegungen, den rechten Arm aus seiner Umklammerung zu befreien. »Nein! aber damit du weißt, ob ich eine Seele habe –!« Und sie schlug ihn zum zweitenmal ins Gesicht, nun mit der linken Hand.

Da aber verlor er die Geduld, um so mehr, als der zweite Hieb seine Brille von der Nase geworfen hatte und eines der beiden Gläser in Scherben auf der Erde lag. Der Jähzorn überkam ihn; sei es aber, daß er mit einem letzten Rest von Bewußtsein, mit einem letzten Rest von Sorgfalt und Liebe, Angst hatte, sie ernstlich zu verletzen, wenn er drauflos schlüge wie sie, sei es, daß er, mit der Empfindung, ein wildes, ungezogenes Kind vor sich zu haben, das Bedürfnis hatte, sie auch als solches zu behandeln, er brachte sie in jene Lage, die Kinder in solchen Momenten einzunehmen gezwungen werden, hielt sie mit sicherem Griff fest, verprügelte sie und ging nach Haus.

Der Engel der Liebe brach in Schreikrämpfe aus, und der Engel des Kusses versiegelte unter Schmerzgeheul seinen Mund.

Unentwegte Psychologen, Verdunkler der Realität, Leute, die den aufs einzelne gehenden Instinkt, der ihnen fehlt, durch allgemeine Lehren und Systeme ersetzen wollen, die von dem Alphabet der menschlichen Natur nur den einen und anderen Buchstaben kennen: sie schnupperten und witterten hinter dieser Prügelszene geheime Gelüste und verborgene Freuden einer abirrenden Natur, aber sie waren Detektive auf falscher Spur: es war wirklich nur eine Ohrfeigen- und Prügelszene.

Gisela blieb weinend zurück. Die Tränen entströmten vielen Quellen: dem körperlichen Schmerz, und dies um so mehr, als sich die Schläge nicht mit der Symbolik des Schlags begnügt hatten und als die Kriegführenden auf halbem Weg zu einer Situation gewesen waren, in der man der Kleidung nicht bedarf; der Wut über diese Tränen selbst; der Empörung, daß ihre Niederlage auf so erniedrigende und beschämende Weise stattgefunden hatte, denn alles wäre ja anders gewesen, wenn es ein ebenbürtiger Kampf gewesen wäre, ein Ringkampf etwa wie unter Männern, ein Kampf von gleich zu gleich; und schließlich dem zornigen Gefühl, daß es ihr nicht ganz gelungen sein dürfte, ihm zu beweisen, daß die Frau, ob sie nun liebt oder nicht, eine Seele habe, denn – so mochte sie noch immer glauben – wenn die beiden Ohrfeigen stillschweigend hingenommen worden wären, dann hätte sie triumphierend rufen können: Ich habe es ihm aber gezeigt, ob die Frau eine Seele hat! Aus ihrem Verhalten aber, nachdem die Tränen getrocknet waren, läßt sich auf das Gefühl schließen, von dem sie im ganzen beherrscht gewesen sein mochte und das sich wohl in dem Ruf hätte Luft machen können: Es muß etwas geschehen! Etwas Entscheidendes! Nicht aus Rache! Sondern aus Prinzip! – Denn in der Unterredung, die bald folgte, kehrten diese Worte: aus Prinzip, aus Prinzip! immer wieder.

Es mochte bei ihr gewesen sein, wie bei vielen Menschen, die starken Affekten zugänglich sind: die aufwallende Hitze des Zorns kann nicht so lange anhalten wie der Zorn selbst, er verwandelt sich in kalten Zorn – und dann glauben sie, daß sie gar nicht mehr zornig seien, und rufen: aus Prinzip, aus Prinzip!

Es soll sogar der Gedanke an den Tod umgegangen sein, an Mord und Sühne für die Entwürdigung der Frau. Blanche war unter Giselas Freundinnen jene, die den Vorfall, sobald sie Kenntnis von ihm erhalten, am wenigsten schwer nehmen wollte; warum ohrfeigt sie ihn auch! sagte sie, recht geschieht ihr! – Doch eine andere Freundin war der Meinung, daß das ganze weibliche Geschlecht in Gisela beleidigt worden sei, und diese hätte den Linde, diesen Wahnsinnigen, niederknallen sollen wie einen tollen Hund! Gisela aber bewegte sich in bürgerlichen Bahnen. Eine Stunde nach Lindes Weggang saß sie bei einem Anwalt, um durch ihn einen Prozeß einleiten zu lassen. Ein gewiß richtiger Instinkt hatte ihr geraten, nicht einen aus ihrem Bekanntenkreis, sondern einen fremden zu wählen. Er hörte, was geschehen war, und hüllte sich in beruflichen Ernst. Indem er ihr Paragraphen zitierte und die Rechtslage erörterte, kam er zu dem Schluß, daß eine Klage wegen tätlicher Beleidigung nicht ratsam sei, da sie ja selbst es gewesen, die sich als erste zu ihr habe hinreißen lassen, und da man nicht erwarten könne, daß irgendein Gericht jene diffizile Unterscheidung werde machen wollen, auf die sie so großen Wert lege: nach welcher Methode geschlagen worden sei, ob auf mehr oder weniger entehrende Weise; es bleibe also, im Bereich der juristischen Möglichkeiten, so beendete er seinen kleinen Vortrag, eine Klage wegen Körperverletzung, die einzubringen er natürlich bereit sei, da sie nun einmal auf einer gerichtlichen Austragung bestehe, aus Prinzip. Er legte ihr eine Vollmachtserklärung vor, die sie, kampflustig und im voraus triumphierend, mit gewaltig hingeworfenen Lettern unterschrieb, und riet ihr – dies sei der erste Schritt, der getan werden müsse, damit die Klage eine solide Grundlage habe – unverzüglich einen Arzt aufzusuchen, um sich die Verletzungen bezeugen zu lassen.

Nun aber gehen die Versionen auseinander, denn es läßt sich denken, daß die Geschichte, während sie von Mund zu Mund ging, ihre Veränderungen erfuhr, ganz abgesehen natürlich von den Ergänzungen, den gemutmaßten Details, die man ihr hinzufügte, von den Lichtern, die die Phantasie ihr aufsetzte, und von all den Verzierungen, die hier gar nicht erst erwähnt werden sollen. Die einen sagten, schon das Ansinnen des Anwalts habe Gisela von ihrer Absicht abgebracht, die anderen behaupteten, sie sei schnurstracks zu einem alten weißbärtigen Arzt gefahren, als er aber von ihr verlangt habe, daß sie ihm die Verwundungen zeige, habe sie von ihrer Aktion Abstand genommen, die dritten wiederum meinten, er sei zwar bereit gewesen, ihr Spuren von Schlägen zu attestieren, nicht aber gesundheitsstörende Verletzungen.

Diese Geschehnisse also sind es, auf die Frau Riedinger mit ihrer Bemerkung schmunzelnd angespielt hatte. Es kam nicht zum Prozeß, doch waren Gisela und Linde nun geschiedene Leute. Dies war noch dadurch bekräftigt worden, daß sie ihm alle Briefe zurückschickte, die sie von ihm im Laufe der zwei Jahre bekommen hatte. Er nahm sie schweigend an, was sollte er anderes tun! Nach kurzer Zeit hatte sie ihn mit wenigen hingeworfenen Worten gemahnt, nun auch seinerseits ihre Briefe zurückzuschicken, doch auch darauf hatte er nicht reagiert, und sie war sehr zornig geworden. Sie hatte ihm übrigens auch die Trümmer seiner Brille durch die Post zustellen lassen, und als die geöffnete Schachtel vor ihm lag, in der mit übertriebener Sorgsamkeit das verbogene Gestell eingebettet war, schien ihm aus der weichen Watte ein leiser Triumphgesang der Absenderin entgegenzutönen und aus den Scherben des zerbrochenen Glases, die alle, bis zur kleinsten, beigefügt waren, ein klirrendes höhnisches Gelächter. Dann hatten sie einander nur noch einmal, zwei Wochen nach diesen Ereignissen, gesehen, da sie auf einer mündlichen Unterredung bestanden hatte, bevor er wegfahre.

Er hatte tatsächlich schon seit einiger Zeit eine längere Reise geplant; sie hatten davon geträumt, ja, schon verabredet und also um so intensiver davon geträumt, daß sie ihn begleiten werde. Nun mußten natürlich beide darauf verzichten, und er verließ auch wirklich einige Tage später allein die Stadt. Sie hatte diese Zusammenkunft verlangt und ihn gebeten, an einem bestimmten Tag gegen Abend zu ihr zu kommen, da sie fürs erste gewisse Geldangelegenheiten erledigen wollte, denn sie, die nicht nur ihre armgewordenen Eltern unterhielt, sondern auch immer bereit war, allen Freunden und Freundinnen beizustehen, sie war ihrerseits, eben als Folge ihrer Gefälligkeit und Freigebigkeit, so manches Mal gezwungen gewesen, bei ihm Anleihen zu machen, und nun bestand sie darauf, daß zusammengezählt werde, was sie ihm schulde. Er mußte sich fügen. Sie hatte die Summe, die sich ergab, nicht zur Verfügung und machte ihm den Vorschlag, daß sie in Raten ihre Schulden tilgen werde. Dies tat sie nachher auch wirklich. Fürs zweite aber hatte die Unterredung den Zweck, ihn zu veranlassen und energisch von ihm zu fordern, daß er auch seinerseits die von ihr erhaltenen Briefe zurückerstatte, nachdem er nun einmal nicht selbst das Gefühl gehabt habe, es aus eigenem Antrieb tun zu sollen, ja, ihre ausgesprochene Bitte nicht einmal beachtet habe. Doch er weigerte sich auch jetzt, ihrem Wunsch zu folgen. Zwar sei, so sagte er, wie die Dinge nun einmal lagen, alles zu Ende, doch die Briefe zurückzugeben, würde bedeuten, daß man auch das Vergangene verleugne. Eben, eben, warf sie gelassen und hochmütig ein, eben darauf komme es ihr an, dies eben tue sie! Er aber antwortete, er tue es keineswegs, so sei er nicht. Der Streit um die Briefe wurde also nicht entschieden und wurde von ihr, da sie auch weiterhin nicht nachgab, mit Trotz, Kampflust und mit wer weiß welchen Gefühlen weitergeführt und erstreckte sich bis in die Gegenwart.

Sie hatte ihn bei diesem letzten Besuch mit heiterer Ruhe empfangen, angetan mit einem neuen Kleid und reizend hergerichtet, damit er sehen konnte, was er verlor. Sich den ewigen Gesetzen der Eitelkeit, der Selbstbewahrung und des Bedürfnisses, Eifersucht zu erwecken, gehorsam fügend, erwähnte sie – ganz nebenbei, doch zugleich auch ganz gegen alle Wahrheit –, daß sie leider nicht viel Zeit für ihn habe, da sie für den Abend noch einen Besuch erwarte, und er konnte angesichts der peniblen und raffinierten Sorgfalt, mit der sie sich herausgeputzt hatte, dem erwarteten Gast jede Rolle zuschreiben, die seine Phantasie ihm eingab. Er mußte sich erheben, sobald die Unterredung zu Ende geführt war, er sagte nur noch, daß er sich dieses Endes schäme, daß sie sich beide schämen sollten, versicherte ihr, wie sehr er sie geliebt habe, doch sähe er leider ein, wie unmöglich es sei, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten, die zu Rauferei und Prügelei führt. So nahmen sie, ohne daß der Streit um die Briefe erledigt gewesen wäre, Abschied, und nur ganz zum Schluß noch schworen sie einander feierlich, während schon die ganze Stadt über das Geschehene lachte, daß niemals irgendein menschliches Wesen auch nur den Schatten von einer Ahnung erhalten dürfe, was zwischen ihnen vorgefallen sei.

Man war nur noch beieinander, weil bisher niemand die Energie aufgebracht hatte, Schluß zu machen und sich zu verabschieden. Längst war es Schlafenszeit. Im ganzen waren alle in dem Hell-dunkel jenes Zustandes, der aus Übermüdung und übertriebener Frische besteht. Die Gesellschaft zerbröckelte, und die Gäste waren in den beiden Zimmern verstreut. Blanche stand gegen eine Wand gelehnt, neben ihr Stadel. Er hatte auf sie eingeredet, aber sie antwortete kaum auf seine mit ermüdender Emphase vorgetragenen Abhandlungen. Schließlich beugte er sich näher zu ihr. »Warum antworten Sie mir nicht?« fragte er. »Ich bin ein Widerling, wie? Ich weiß es!« Er grinste sie an und schob seinen Kopf näher an ihr Gesicht. »Ich weiß es«, wiederholte er feixend, »aber die Hauptsache bleibt doch, daß ich an die große Liebe glaube!«

Da näherte sich ihnen Gisela. Er schien nun wirklich Angst vor ihr zu haben und schlenderte davon. Schließlich hatte er sich neben Riedinger gesetzt, der sich abseits in einen Winkel geflüchtet hatte, wahrscheinlich, um ungestört und freier atmen zu können, und nun hatte sich zwischen den beiden noch einmal eine Debatte entwickelt. »Es kommt darauf an«, rief Stadel, »nicht die große Übersicht zu verlieren! Der Moment ist immer trügerisch! In Äonen muß man denken, in Äonen!«

Aber gerade von Äonen, von der Ewigkeit, wollte Riedinger nichts hören. »Nicht soviel«, sagte er und versuchte, übermütig zu sein. »Nicht soviel sind mir Ihre Äonen wert! Es kommt nur darauf an, daß man der Gegenwart zugewandt bleibt! Ich glaube nur an die Jugend, der die Zukunft gehört und an die man sich halten muß!«

»Man muß«, antwortete Stadel, »mit umfassendem Blick auf die Dinge schauen! Der Moment ist immer trügerisch! In Äonen muß man denken, in Äonen!«

»Nicht soviel sind mir Ihre Äonen wert!« erwiderte Riedinger, gegen seine armselige Müdigkeit und Atemnot ankämpfend. »Ich glaube nur an die Jugend, die Jugend! Ihr gehört die Zukunft, und an sie muß man sich halten! Nicht soviel«, und er ließ die schwachen Finger schnippen, »nicht soviel sind mir Ihre Äonen wert!«

»Die Jugend«, antwortete Stadel, »ist nur ein Moment, und der Moment ist immer trügerisch! Man darf nicht die große Übersicht verlieren! In Äonen muß man denken, in Äonen!«

So entspann sich zum Schluß noch ein Streit, der allerdings nur mit hartnäckiger Wiederholung der fast gleichen Sätze geführt wurde. Die Thesen wurden von ihnen immer wieder hingestellt, wie ein Besitz verteidigt, auf den man nicht verzichten kann, und man konnte glauben, daß es für jeden der beiden nicht so sehr eine Sache der Überzeugung wie eine Lebensnotwendigkeit war, gerade diese und keine andere Überzeugung zu haben. Stadel sprach immer wieder voll Selbstzufriedenheit von den Äonen, als ob er sie in der Tasche hätte, und holte sich aus den stolzen Begriffen neue Kraft, neuen Atem, neues Gefühl von seiner eigenen Person, ja, mehr als das, sie waren wie eine Wolke, die ihn über die Umwelt emportrug; Riedinger aber beharrte trotzig darauf, daß er sich nur an die Jugend halte, komme, was da wolle. Schließlich erhob er sich, weil er sich darüber zu ärgern begann, daß die Jugend gegen Äonen nicht ankam, und floh wieder zu den alten Damen, die auf dem Sofa saßen. »Die Jugend, die Jugend!« wiederholte er, während er hinging.

»Ja, die Jugend!« empfing ihn die Baronin. »Ach, wie haben Sie recht! Wie schön ist die Jugend!« rief sie und strahlte.

Sie war nun fröhlich wie am ersten Frühlingstag, wurde immer munterer, und in ihrer Munterkeit trank sie noch ein und das andere Gläschen des süßen, roten Likörs. Da ihr immer heißer wurde, warf sie einen Schal um den anderen ab, so daß sich um sie ein ganzer Berg aus schwarzem Tüll und schwarzen Spitzen bauschte und man jetzt erst gewahr wurde, wieviel davon sie an sich gehabt hatte und ein wie hageres, mageres Körperchen unter all diesen Verhüllungen verborgen gewesen war. »Aber die hübschesten jungen Damen«, fuhr sie fort und sprach, indem sie den Umstehenden lustig zublinzelte, mit Absicht und wie zum Spaß recht laut, damit Blanche und Gisela, die sich eben näherten, sie auch hörten konnten, »die hübschesten und reizvollsten jungen Damen malen und photographieren heutzutage, und wahrscheinlich malen und photographieren sie ebensogut wie nur einer der berühmten Männer, aber sie wissen nichts von der Seligkeit einer glücklichen Ehe und einer lebenslangen Treue!«

»Ich verzichte auf diese Seligkeit!« brummte Gisela.

»Sie verzichtet!« rief die Baronin verzweifelt. »Und wissen Sie auch, worauf Sie da verzichten? Ich meine es doch gut mit Ihnen! Und ich habe doch Erfahrungen! Und Sie verzichten auch, mein Kind?« wandte sie sich an Blanche.

»Ich erst recht«, antwortete diese, »ich gehe ganz in meiner Kunst auf.«

»Das kommt daher«, dozierte die Baronin, indem sie nun ganz die Oberhand gewonnen hatte, »weil die Männer nicht mehr so höflich und zart sind wie früher. Von der Galanterie meines Mannes kann man sich gar keine Vorstellung machen! Wenn ich behauptet hätte, diese weiße Rose ist blau, dann hätte er mir nur ganz kurze Zeit auf die feinste Weise widersprochen, und dann hätte er mir nachgegeben! Wenn aber nachher jemand gekommen wäre und gewagt hätte zu behaupten, die Rose ist weiß, dann wäre er bereit gewesen, sich mit ihm zu duellieren, um zu beweisen, daß sie blau ist. Und der Oberst zum Beispiel, von dem ich schon vorhin gesprochen habe, obwohl er doch ein Soldat war und da unten in Indien den Eingeborenen die Köpfe gespalten hat – sobald er einer Dame gegenüberstand –! Die Brust voller Orden! Da sieht man doch gleich, daß er sich bewährt haben muß. Ein prachtvoller Mensch! Mein Mann hat sogar behauptet, daß ich in ihn verliebt bin, aber ich habe ihm geantwortet: Kann man als Frau nicht einen fremden Mann schätzen und achten? Gibt's zwischen Menschen verschiedenen Geschlechts keine reine Freundschaft? Oh pfui!« Sie legte den Kopf zur Seite und lächelte schelmisch.

»Merk es dir, habe ich ihm gesagt«, und sie drohte neckisch mit dem Finger. »Merk es dir, mein Lieber: honny soit qui mal y pense! – Ja, so konnte ich mit ihm sprechen! Ist das nichts, meine jungen Damen, ist das nichts? Zwanzig Jahre haben wir auf dem Gut gelebt. Ich hatte den Hühnerhof und den Gemüsegarten unter mir und natürlich das Haus. Im übrigen habe ich dafür gesorgt, daß die Bestände an Tisch- und Leibwäsche und Bettwäsche nie kleiner wurden, als sie zur Zeit meiner Hochzeit waren. Mußten einige Stücke ausgeschieden werden, wurden sofort mindestens ebensoviel neue angeschafft. Von meinem Nähtischchen aus konnte ich vom Morgen bis zum Abend die Lerchen hören. Und wenn es dunkel wurde, sangen die Nachtigallen. Und eine Lindenallee gab es dort! Wer die an einem Juniabend entlangging, mußte verzaubert werden. Ist das nichts, meine jungen Damen, ist das nichts? Einmal gab es sogar wegen dieser bösen, bösen Nachtigallen einen Skandal. Mein Mann hat in seinem Schreibzimmer mit dem Verwalter Papiere durchgesehen, und als er fertig war, wahrscheinlich früher, als er es erwartet hatte, rief er nach mir, aber ich war nicht im Haus, man suchte mich und fand mich nicht, auch die Dienstboten wußten nicht, wo ich war – mein Gott, kann ich denn bei jedem Schritt, den ich tue melden: jetzt gehe ich dahin, jetzt gehe ich dorthin?

Endlich suchte mich mein Mann im dunklen Garten, nun, ganz einfach, ich ging mit dem Oberst, der gerade zu Besuch bei uns war, in der Allee auf und ab, und wir hörten den Nachtigallen zu. Er hielt meine Hand. Mein Mann war natürlich viel zu gut erzogen, um seine Eifersucht zu zeigen, nachher aber, als wir allein waren, nun, Sie kennen ja die Männer, aber ich habe ihm gesagt: Schämst du dich nicht? Hast du Vertrauen zu mir oder hast du es nicht? Wie lange im Jahr hört man denn schließlich die Nachtigallen?« Sie neigte wieder neckisch den Kopf und drohte schelmisch dem seit dreißig Jahren toten Mann: »Schäm dich, und merk es dir, honny soit qui mal y pense! Es ist eben wahr, daß die Männer schon damals etwas Wildes und Ungezügeltes an sich hatten. Aber dazu waren wir ja Frauen, um sie zu hobeln und zu polieren!«

Sie wandte sich schnell an Frau Feding und flüsterte ihr geheimnisvoll zu: »Wahrscheinlich hatten sie diese Roheit aus ihrer Junggesellenzeit, wo sie mit ihren kleinen Verhältnissen und mit Dirnen zu tun gehabt hatten! – Aber im Grunde«, fuhr sie wieder lauter fort, »waren uns die Männer ja dankbar für unsere Erziehung. Dafür haben sie uns wiederum geistig gehoben. Wie oft hat mir mein Mann dies und jenes erklärt, und an den langen Winterabenden hat er mir vorgelesen. Nun, bei dieser Güte und Liebe konnte man auch seine Launen und Tücken hinnehmen. So sind eben die Männer. Einmal zum Beispiel ist es ihm eingefallen – ach, ich erinnere mich daran, als ob es gestern gewesen wäre –, denken Sie, er hat durchs Schlüsselloch in mein Boudoir gespäht, um mir nachzuspionieren! Wie unvornehm! Wie ordinär! Es war nämlich damals wieder der Oberst bei uns zu Besuch, und er war gerade in meinem Boudoir –« Sie legte den seitlich geneigten Kopf verschämt in die offene Hand. »Und was er durchs Schlüsselloch gesehen hat –! Aber ich habe ihm nachher gesagt: Was immer du gesehen haben magst, mein Lieber – honny soit qui mal y pense!«

Nun brach denn doch lautes Gelächter los, und diesen Augenblick der allgemeinen Unruhe benützte Gisela, um mit dem Abschied zu beginnen. Der und jener folgte ihrem Beispiel, doch die Baronin ließ sich nicht stören, und da sie nicht mehr die ganze Gesellschaft als Zuhörer hatte, hielt sie sich eben an ihre Nachbarinnen, Frau Riedinger und Frau Feding, und sprach flüsternd auf sie ein, um in die Vergangenheit zurückzuschwärmen. Sie sprach von ihrem kleinen Gut, der Seligkeit der lebenslangen Treue, von ihrem Mann, von den Nachtigallen und von ihrem Brautkleid, von ihrer Ausstattung, den Toiletten der Brautjungfern und vom unendlichen Glück einer einzigen Liebe. Einmal habe sie sich entschlossen, sich Seidenwäsche anzuschaffen, ihre Mutter habe nichts davon wissen dürfen, denn sonst hätte sie bestimmt gefragt: ›Annemarie, Seidenwäsche –? Bist du eine Dirne geworden?‹ Nun, so habe sie eben selbst die Wäsche genäht, in ihrem Schlafzimmer eingeschlossen. »Aber nie werde ich«, fuhr sie fort, »den einen schrecklichen Augenblick vergessen, es war vielleicht der schrecklichste Augenblick meines Lebens! Denken Sie, ich gehe in den Laden und sagte: ›Zeigen Sie mir etwas weiße Seide!‹ und denken Sie, da fragt mich doch die Person: ›Was soll es für Seide sein, Frau Baronin, wofür ist sie bestimmt?‹ Wofür! Ich habe gedacht, daß ich in den Boden sinke und schon die ganze Welt mit Fingern nach mir weist! Ich habe der Person gar keine Antwort gegeben, aber später, als ich die Seide ausgesucht hatte, habe ich gesagt: ›So, und jetzt zeigen Sie mir noch gutes, dauerhaftes Leinen, für Leibwäsche, für mich!‹«

Doch nun endlich war es zu Ende mit ihren Erzählungen, denn als sie sich umsah, war ringsherum Aufbruch, und so mußte auch sie aufstehen und sich verabschieden.

Riedinger erinnerte sich, daß er sich um Frau Leonhardt, die doch für ihn die Hauptperson hätte sein sollen und um derentwillen die anderen Gäste eingeladen worden waren, kaum gekümmert hatte; um so herzlicher verabschiedete er sich von ihr. Im übrigen machte er ihr den Vorschlag, daß seine Tochter, da er tagsüber beschäftigt sei, ihr die Stadt zeigen und sich ihr überhaupt ein wenig widmen würde. Sie nahm das Anerbieten an, Blanche trat herzu und versprach, sie schon morgen anzurufen oder zu besuchen.

Draußen im Vorraum entschied Gisela, wohin man noch gehen würde: in »La Princesse!« Dies sei ja doch, erklärte sie, das einzig interessante Nachtlokal.

Passow wäre gewiß gern mitgegangen, aber seine Verhältnisse erlaubten es ihm nicht. Das Abenteuer würde ihn, mochte er denken, soviel kosten wie alle Mahlzeiten einer ganzen Woche. Er kam auf Blanche zu. »Würden Sie mir erlauben«, fragte er fast demütig, »einmal Ihre Bilder kennenzulernen?« Er wisse wohl, dies sei eine sehr unbescheidene Bitte, aber es sei nicht Neugier, die ihn zu der Frage treibe, sondern aufrichtiges, er möchte sagen, leidenschaftliches Interesse für ihre Kunst.

»Meine Bilder?« wiederholte sie, wie immer aus ihren eigenen Gedanken gerissen und überrascht, wenn er von ihrer Malerei sprach. »Meine Bilder? Warum nicht?« entschied sie. »Wenn Sie die Kleckserei interessiert – bitte sehr! Kommen Sie!«

»Kleckserei –!« wiederholte er und lachte verlegen.

»Kommen Sie einmal ins Atelier! Aber melden Sie sich vorher an!«

Natürlich, natürlich, versicherte er voller Glück, er werde doch nicht unangemeldet kommen und sie zu stören wagen.

Frau Riedinger trat an das Mädchen heran, das eben der Baronin den Mantel entgegenhielt. »Haben Sie«, fragte sie es leise, »den Pantoffel gefunden?«

»Nein, gnädige Frau, ich habe ihn gesucht, aber ich kann ihn nicht finden!«

Frau Riedinger schüttelte den Kopf. »Unbegreiflich!« murmelte sie.

Feding suchte Blanche. »Gute Nacht, mein Kind!« sagte er, nahm ihren Kopf zwischen seine Hände und küßte sie auf die Stirn.

»Gute Nacht!« antwortete sie lachend. »Gute Nacht!« Aber, meinte sie, sie hätten sich auch unten voneinander verabschieden können, denn sie gehe ja noch weg.

»Ah, du gehst dich noch amüsieren!« sagte er und blickte sie freundlich aus seinen halbgeschlossenen Augen wie einen Menschen an, den man bis zur letzten Faser und bis in die letzte Regung kennt. Sie gehe Hut und Mantel holen, rief sie, ein wenig beunruhigt, entzog sich ihm schnell und lief in ihr Zimmer.

Frau Leonhardt knöpfte vor dem Spiegel ihren Pelzmantel zu, der, mächtig und fast wie ein Sack gearbeitet, in raffiniert kokettem Gegensatz zu ihrer delikaten Figur stand. Joachim sah ihr zu. Da sie den Doppelkragen aufgeschlagen hatte, erhob sich über dem schweren Pelz um so hübscher ihr kleiner Kopf, und unten lugten zierlich die wohlgeformten Beine und die winzigen Füße hervor. Als sie aber auch noch hohe, pelzgefütterte Überschuhe angezogen hatte, als ihre Gestalt ganz und gar verhüllt und von oben bis unten versteckt war, mußte es geradezu rührend und in jeder Weise erregend sein, sich vorzustellen, was für ein reizender, appetitlicher und zierlich geformter Körper sich unter dieser plumpen Formlosigkeit verberge.

Riedinger war im Vorraum nicht zu sehen. Nachdem man sich erhoben und er immer wieder ausgerufen hatte, daß man noch nicht weggehen dürfe, hatte ihn doch noch die Atemnot und Beklemmung gepackt. Er verabschiedete sich schon im Zimmer von den Gästen. Kaum hatten sie es verlassen, ließ er sich stöhnend aufs Sofa fallen, und er, der eben noch versichert hatte, daß er zur Jugend halte und gehöre, lag dort, mühsam mit leisem Krächzen die Luft einziehend, sich bäumend und mit unartikulierten Lauten nach seiner Frau rufend. Sie hörte ihn nicht, doch sie ahnte wohl, daß er sie brauche, denn sie kannte ja seine Zustände und auch schon die Merkmale, mit denen sie sich ankündigten.

Stadel zog Müller-Erfurt in einen Winkel und fragte ihn, ob er ihm etwas Geld leihen könne, Gisela hetzte zum Aufbruch, die Baronin aber ergriff herzlich mit beiden Händen die Rechte der Frau Riedinger, drückte und preßte sie, dankte der Hausfrau immer wieder mit strahlenden Augen, in die das Entzücken die Tränen trieb, und versicherte ihr, dies sei der schönste und interessanteste Abend ihres ganzen Lebens gewesen, sie habe heute für den Rest ihres Lebens unendlich viel gelernt, und sie hätte nicht gedacht, daß sich soviel Geist in einem einzigen Zimmer versammeln könne.

Man wartete nur noch auf Blanche. Endlich kam sie, abermals verwandelt und vielleicht ein wenig zu großartig hergerichtet, auf dem Kopf ein Barett, wie es die neueste Mode forderte, die Gestalt in ein schwarzes, mit weißen Federn garniertes Samtcape gehüllt, lebhaft und lachend an, und man brach auf.

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