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Blanche oder Das Atelier im Garten. Erster Teil

Paul Kornfeld: Blanche oder Das Atelier im Garten. Erster Teil - Kapitel 2
Quellenangabe
authorPaul Kornfeld
titleBlanche oder Das Atelier im Garten. Erster Teil
publisherRowohlt Verlag
year1957
printrun1.-6. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201903
projectid2ba56c0b
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Erstes Kapitel

I

Vor dem kleinen, alten, schmutzig-grauen Haus, das in einem Garten lag und in diesem inmitten eines Kreises von Bäumen, stand im Dämmer eines wolkigen März-Nachmittags eine etwa achtundzwanzigjährige Dame; neben ihr ein Mann, der um einige Jahre älter war. Sie trug einen langen braunen, gerade herabfallenden Mantel, dessen unterer Rand und dessen Ärmel mit Pelz abgesetzt waren, und an den Füßen hohe Überschuhe aus mattgrauem Leder. Über den Kopf hatte sie vom Nacken bis zur Stirn eine Mütze gezogen. Ihre Hand umspannte ein Bündel von Blumen, das sie eben an einer der Straßenecken gekauft haben mochte und das aus mehreren einzelnen Sträußen und Sträußchen bestand: aus Leberblumen, Veilchen, Märzbechern, Fräsien und Mimosen. Sie hieß Blanche und war die Tochter des Rechtsanwalts Riedinger; ihr Begleiter, ein Beamter der staatlichen Bibliothek, hieß Dr. Franz Friedrich Müller-Erfurt und war bucklig. Die beiden waren eben gekommen.

»Das also ist Ihr Atelier?« fragte er.

»Ja. Ist's nicht schön? Diese Ruhe! Hier ist man immer ungestört.«

Augenblicklich neigte er den Kopf zur Seite, sah schief zu ihr, die viel größer war als er, hinauf und fragte mit den prätentiös-akzentuierten Silben eines Menschen, der den Ehrgeiz hat, aus seinen Antworten immer schlagfertige Pointen zu machen: »Ungestört – wobei?«

Sie lachte auf. Allerdings klang es angesichts dieser so harmlosen Banalität ein wenig zu laut. »Bei der Arbeit natürlich!«, und sie bückte sich, um unter der Matte vor der Tür den Hausschlüssel hervorzuholen. Er wies hin: »Sie machen es aber den Einbrechern leicht – oder den anderen Leuten, die Sie überfallen wollen!«

Sie wandte sich schnell um und klagte mit gespielter Traurigkeit: »Denken Sie! Es kommen keine! – Im übrigen«, und sie hob den Schlüssel in die Höhe, »kann ich denn dieses Rieseninstrument bei mir tragen?«

Sie schloß auf und öffnete die Tür vor ihm. Er kam zwar näher, dann aber lud er sie mit weitausholender, karikiert-pathetischer Bewegung ein, vor ihm einzutreten. Sie versuchte mit einer Art von Hofknicks seine Geste zu erwidern, doch ihrem schweren Körper wollte die Bewegung nicht recht gelingen. Als sie wieder stand, deutete sie nun ihrerseits mit feierlicher Gebärde nach dem Eingang hin. Er streckte, die Innenflächen der Hände ihr zugekehrt, heftig beide Arme von sich, um dieses Ansinnen energisch von sich zu weisen. Zugleich trat er einen Schritt zurück, und dabei stieß er mit dem Buckel an den Türpfosten. Sie entschloß sich, ihm seinen Willen zu lassen, und mit einem lustigen Satz über die Schwelle kam sie ins Haus, doch sie war wohl ungeschickt oder zu hoch gesprungen, denn sie schrie auf: »Au! mein Knöchel!«, während er ihr mit rotem Kopf und in tänzelndem Gang folgte. Dann schloß sich von innen die Tür.

Dieses Haus, eigentlich die Miniatur von einem Haus, gehörte zu einer feierlich-pompösen Patriziervilla und durfte einmal die Gärtner- oder Kutscherwohnung gewesen sein. Der Garten, der die beiden Gebäude umfaßte, war groß und dehnte sich nach allen Seiten aus, er wurde aber nicht benutzt, fast niemals betreten und nur notdürftig gepflegt. An seiner rechten Seite war entlang des Gitters eine Reihe von Tannen gepflanzt, die, immer welkend, ohne jemals ganz zu verwelken, nur in traurigem Siechtum dahinvegetierten. Im Hintergrund stieß er an einen Park, und die Kastanien und Ulmen, diesseits und jenseits der Grenze, ließen ihre Zweige sich ineinander verflechten und bildeten in den Lüften eine Mauer. An der linken Seite lief der Garten entlang einer stillen Nebenstraße. Die zwei Häuser waren durch einen Weg verbunden, doch er war mit Laub und Zweigen bestreut, schon unregelmäßig mit Grasflecken bewachsen, und seine Ränder waren verwischt. Er wurde niemals begangen.

Als vor acht Jahren die Villa von einem Industriekonzern, der sie für seine Büros verwenden wollte, gemietet worden war, hatte man die Existenz dieses nun überflüssig gewordenen Nebengebäudes vollkommen vergessen. Es war Jahre hindurch einsam dem Wetter und der nagenden Zeit preisgegeben und wäre wohl auch weiterhin dem Verfall überlassen geblieben, wenn nicht einige sich ineinanderfügende Umstände es anders bewirkt hätten. Sechs Jahre später nämlich, vor zwei Jahren also, war eines Tages in das Zimmer des Herrn F. M. Schröder, eines Prokuristen jenes Industriekonzerns, seine Sekretärin getreten und hatte ihm mit übertrieben betonter Gleichgültigkeit mitgeteilt, was sie eben erfahren hatte: daß er sie betrüge und daß in diesem Haus nicht nur sie, sondern auch die Tochter des Portiers seine Geliebte sei. Er gefror in seinem Schrecken und seiner Angst, denn er wußte, daß ihre Gelassenheit nur eine Mauer sei, hinter der ihre Enttäuschung und ihre Empörung durcheinanderwirbelten, und die jeden Augenblick durch eine Explosion ihrer Gefühle erschüttert und durchbrochen werden könnte. Er aber mußte unter allen Umständen hier Lärm und Aufsehen vermeiden und kannte ihr umsichschlagendes Temperament. In seiner Not starrte er ihr wütend ins Gesicht und zischte sie an: »Und du –?« Er hatte bei diesen Worten an nichts Bestimmtes gedacht, hatte aber mit ihnen jene Schlagfertigkeit bewiesen, die immer darin besteht, daß man mit übermenschlichem Mut vollkommen unlogisch ist, daß man mit seiner sinnlos-inkonsequenten Antwort den Gegner von dem Gedankenweg, auf dem er dahinrast, überraschend und voller Hinterlist wegstößt, so daß er für Augenblicke die Besinnung verliert. Tatsächlich zuckte die Sekretärin zusammen, starrte ihn nun ihrerseits an, und dann erst hauchte sie mit versagender Stimme: »Wieso –?« Er nützte diesen Augenblick aus, um die Gefahr zu bannen, die ihm drohte, wenn es hier zu einer Aussprache käme, und bewies zum zweitenmal seine Geistesgegenwart; denn er, der in all den Jahren den Garten noch nicht betreten hatte, seine Existenz noch gar nicht ins Bewußtsein genommen, seine Bäume, Sträucher, die freiere Luft überhaupt noch niemals wahrgenommen zu haben schien, er rettete sich jetzt, indem er sich seiner erinnerte und ihr, ehe sie noch ein zweites Wort sagen konnte, in schroffem, Angst einflößendem Ton befahl: »Geh in den Garten! Ich komme nach!« Sie gehorchte ihm, und er folgte ihr bald.

Auf- und abgehend hatten sie nun ein langes Gespräch, das eigentlich nichts anderes war als ein Kampf um den offenen Skandal, den heraufzubeschwören sie große Lust hatte. Er mußte sich bemühen, sie zu versöhnen, und schließlich gestand er ihr, daß er schon oft überlegt habe, warum sie eigentlich noch nicht geheiratet hätten, sie aber erwiderte ihm, wobei sie schrill und höhnisch auflachte, daß sie noch niemals auch nur daran gedacht habe, ihre Freiheit aufzugeben; und auch ein alles wissendes Wesen kann nur ahnen, ob bei diesem Dialog beide die Wahrheit gesprochen oder gelogen hatten. Aber nachdem sie lange hin und her, auf und ab, kreuz und quer gegangen waren, standen sie überraschend und überrascht vor dem versteckten Kutscherhäuschen. Er versuchte, den Feind umschmeichelnd, zärtlich zu werden, legte den Arm um ihre Schulter und sagte: »Schau, was wir entdeckt haben! Dieses Häuschen müßten wir uns mieten!« Zwar konnte es nicht ausbleiben, daß lyrisch-romantische Vorstellungen von einem weltabgeschiedenen Glück inmitten der Stadt, von einer baumumstandenen Idylle über sie kamen. Als sie aber später, der Wallung des Moments längst enthoben und der Nüchternheit des Alltags zurückgegeben, wieder bei der Arbeit saß, dachte sie: wie immer alles kommen möge, in dieses Haus könnten sie auf keinen Fall ziehen, denn es sei viel zu klein.

Am selben Abend noch beichtete F. M. Schröder seinem Freund Heinzfurth diese Affäre und stellte ihm die Szene dar, die sich heute aus ihr ergeben hatte.

Heinzfurth war etwa vierzig Jahre alt und hatte einen großen, fleischigen Körper, der sich ohne Zweifel ins Kolossale ausgedehnt hätte, wenn ihn nicht tägliche Massagen und pflichtgemäß jeden Morgen ausgeführte Turnübungen davor bewahrt hätten. Er war außerordentlich sorgsam gepflegt und in gute Kleider eingepreßt, doch war die Gepflegtheit zu sehr in die Augen springend, und was er an sich trug, war immer zu neu, als daß er die eigentliche Eleganz hätte erreichen können. Alles an Heinzfurth leuchtete: seine Schuhe, seine Nägel, der gestärkte Kragen, doch am lebhaftesten leuchtete sein Kopf mit dem kräftigen Rot der großen Flächen seiner Wangen und dem Lackschwarz seiner Haare; hinter allem Sichtbaren aber war noch ein verborgener Glanz, der sich in den triumphierend-herausfordernden Blicken, in der vollen, lauten Stimme, in der Sicherheit seiner Bewegungen, in seinem ganzen breiten und etwas lärmenden Auftreten offenbarte; nicht nur der Glanz des Bewußtseins, sehr reich zu sein, sondern auch des Bewußtseins, daß noch niemals jemand so wie er es verdient habe, reich zu sein, denn er verwende das Geld dazu, einen Mann wahrhaft schön und prächtig zu machen, sich selbst nämlich.

In den Sessel zurückgelehnt, im Gefühl der Zufriedenheit und Selbstzufriedenheit, daß er sich doch noch aus der Verlegenheit gezogen, breitete sich Schröder hin und her aus und berichtete genießerisch alle Details des ganzen kleinen Skandals. Als er aber auch seine Entdeckung erwähnte: das in der Wildnis versteckte, heimlich-anheimelnde Häuschen, da unterbrach ihn Heinzfurth, indem er mit der Faust auf den Tisch schlug und ausrief: er habe einen genialen Gedanken: sie müßten nämlich, so meinte er, gemeinsam das Häuschen mieten, um es als Absteigequartier zu benützen. Sie malten sich das Leben aus, das sie dort führen würden, ein elegantes, raffiniertes, überschäumendes Junggesellenleben mit Damen, Frauen und Weibern. Doch der Plan geriet schnell in Vergessenheit.

Es war jene Zeit gewesen, in der Blanche Riedinger ganz plötzlich zu dem Gedanken gekommen war, daß sie Malerin werden könnte, und bald nachher zu dem Glauben, daß sie eine sei. Sie bereitete sich auf ihre neue Tätigkeit vor allem dadurch vor, daß sie ein Atelier suchte, doch wollte es ihr nicht gelingen, eines zu finden, das ihr gefiel und paßte. Zwar lief und fuhr sie vom Morgen bis zum Abend durch die Stadt, fuhr und stieg immer wieder vier, fünf, sechs Stockwerke, aber das eine war zu groß, das andere zu klein, das dritte hatte zu wenig Licht, eines wieder hatte keine Morgensonne, an jedem fand sie etwas auszusetzen.

Eines Tages aber traf sie Heinzfurth, der ein Klient ihres Vaters war, in dessen Kanzlei und klagte ihm ihre Not. Mit einem mokanten, zweideutigen Lächeln, das sie zwar nicht bemerkte, das aber seinem Zweifel Ausdruck geben sollte, ob es wirklich nur die Malerei sei, für die sie ein Obdach suche, fragte er sie, ob es denn ein richtiges Atelier sein müsse, ob es nicht statt dessen auch ein ganzes kleines Häuschen sein dürfe; er wisse von einem, wenn er es auch noch niemals gesehen habe und ihr deshalb nicht sagen könne, ob es sich für ihre Zwecke eigne, aber sie solle es doch besichtigen und sich, um das Nähere zu erfahren, an seinem Freund Schröder wenden. Sie war von seinem Vorschlag entzückt. Er hatte ihr erzählt, was er wußte, hatte von dem alten Garten, von der Verborgenheit des kleinen Häuschens gesprochen, und das Wenige, das sie gehört, hatte genügt, ihre Phantasie in Bewegung zu versetzen. Man müßte eben, meinte sie, einen der oberen Räume in ein Atelier verwandeln, und dann würde es herrlich werden. Sie überließ sich ihrer angeregt arbeitenden Vorstellungskraft und war gespannt und hoffnungsvoll neugierig.

Am nächsten Morgen rief sie Herrn Schröder an. Er stellte sich ihr zur Verfügung und bat sie, ihn aufzusuchen. Eine halbe Stunde später trat sie bei ihm ein. Er eilte ihr voller Beflissenheit und mit jener unoffiziellen Freundlichkeit entgegen, zu der er sich auf Grund der Tatsache, daß sie, wie er sagte, einen gemeinsamen Freund hatten, für berechtigt hielt, und die bewies, daß er im voraus, bevor er sie noch gesehen, bereit gewesen war, dieses zufällige Zusammentreffen als Anlaß für eine intimere Bekanntschaft oder Freundschaft zu benutzen; nach wenigen Minuten aber schon war er sich dessen bewußt, daß er für diese Frau niemals irgendein Interesse würde aufbringen können. Er fand sie nicht häßlich, aber es mißfielen ihm ihre ein wenig hervorstehenden Augäpfel und ihre Haare, deren Farbe eine bleiche Mischung aus einem fahlen Blond und einem sehr hellen Rostrot war. Er bevorzugte die herzigen Frauen, er liebte die neckische Liebe und setzte die Mädchen gern auf seinen Schoß. An diesem Fräulein Riedinger aber war alles recht schwer, alles solid und stark. Versetzte man uns in eine Welt der Riesen, dann wäre deren Grazie die letzte ihrer Eigenschaften, die wir bemerken würden; aber Blanche war nicht einmal eine Riesin, sie war nur groß und gesund, und das Leben hatte sich kräftig in ihrem Körper entwickelt. Innerhalb eines Geschlechts von Menschen, die im Durchschnitt nur um wenige Zentimeter größer wären und, diesen anderen Maßen entsprechend, kräftiger gebaut, hätte man sie nicht nur wegen ihrer Zierlichkeit bewundert, sondern auch wegen der vollendeten Proportionen ihres Körpers und des vollkommenen Zusammenklangs seiner Glieder; wie die Größenverhältnisse auf der Erde nun aber einmal sind und wie der Modegeschmack dieser Jahre nun einmal war, erschien alles an ihr zu massiv, ihr Gang zu schwer, ihre Glieder ungelenk, ihre Bewegungen manchmal ein wenig unbeholfen und ungeschickt.

Schröder konnte nicht mehr tun, als Blanche zu versprechen, daß er sich ihrer Angelegenheit annehmen und die notwendigen Erkundigungen einziehen werde. Als sie aber fragte, ob sie inzwischen das Haus nicht sehen könne, rief er seine Sekretärin und bat sie, Fräulein Riedinger hinzuführen. Sie schnitt hinter Blanches Rücken eine Grimasse. Eine Minute später gingen die beiden jungen Damen stumm nebeneinander die Treppe hinunter und in der trockenen Januarkälte die leblosen Wege des Gartens. Bei einer Biegung aber blieb die Sekretärin stehen, sagte: »Da ist es!«, verabschiedete sich kurz, wandte sich und lief zurück. Blanche ging noch einige Schritte, dann drehte sie sich um und rief der anderen nach: »Aber wie komme ich ins Haus?« Doch die Sekretärin hörte es nicht mehr, schüttelte sich vor Kälte und lief nur noch um ein wenig schneller.

Blanche wollte nicht zurückkehren und nochmals das Gebäude betreten, denn sie fühlte, daß man nicht freundlich gewesen war. So ging sie noch die kurze Strecke, und nachdem sie zwischen zwei mächtigen Ulmen durchgeschritten war, die am Ende dieses Weges standen, aber zu einem Kreis von Bäumen gehörten, die einen freien Platz umrahmten, und als sie diesen betreten hatte, sah sie sich plötzlich in der Einsamkeit, in einer Wildnis und Öde. Rings um sie, als Grenze zwischen dem Hier und der Welt, die runde Reihe der Stämme, um sie Reste des zerfressenen Rasens, verdorrtes Gebüsch, in den Vertiefungen der Erde gefrorene Tümpel und vor ihr das Haus, das sie gesucht hatte, mit dieser Umgebung verschmelzend, ein steinernes Gewächs, rissig, vom Wetter geschüttelt und angenagt, und doch, nun einmal in die Erde versenkt, nicht anders als ein Baum in ihr verankert. Es war einstöckig, aber nur wenig höher als ein Erdgeschoß, ein länglicher kleiner Kasten, schmucklos, in einer Zeit erbaut, in der nur die Armen sachlich geblieben waren. Unten waren zwei Fenster, oben eines mehr, jenes über der Tür. Die blätternden grauen Mauern, die roten Dachziegel, die braune Tür, das farblose Fensterglas, alles war einhellig mit der natürlichsten aller Farben, der des Alters und des Schmutzes, überzogen. Einige Dachziegel waren vom Wind heruntergeworfen worden, andere zerbrochen. Von unten her wuchsen entlang der Mauern, ein helleres Grau im dunkleren Grau, Linien und Ornamente und zeigten den Weg, den die Stengel und Ranken des wilden Weins einmal emporgeklettert waren. Seine Zweige und Blätter lagen noch im schmutzigen Durcheinander auf der Erde, nachdem sie zuerst vertrocknet und dann im Regen und Wasser des schmelzenden Schnees wieder aufgeweicht und faulend aufgetrieben worden waren.

Es war sehr still. Blanche sah erschreckt um sich, als habe sie Angst, daß ein Fremder kommen und sie fragen könnte: was tun Sie hier? – Sie hatte grundlos ein schlechtes Gewissen und war befangen in dieser Einsamkeit. Sie trat zur Tür, fand sie verschlossen, so ging sie zurück zu der Stelle, an der sie vorher gestanden hatte, und betrachtete das Haus. So oft ein Mensch mit keiner anderen Absicht irgendwohin gekommen ist als der, irgend etwas anzuschauen, gibt's bald zwischen beiden, dem Betrachtenden und dem Objekt, eine gewisse Verlegenheit. Sie stehen einander gegenüber, und schon nach den ersten Sekunden scheint zwischen ihnen die Frage zu schweben: und was nun?

Noch zweimal versuchte Blanche, die Tür zu öffnen, zweimal kehrte sie wieder zurück. Schließlich kam sie auf den Gedanken, rings um das Haus zu gehen. An einer der Seitenfronten war eine Fensterscheibe zerbrochen. Sie schaute ins Innere und sah ein Zimmer, sah dumpfes graues Licht in einem trüben Raum. Die Wände waren mit einer billigen, gelb-grau gewordenen Tapete beklebt, auf der, Reihe neben Reihe, von der Decke bis zur Erde, Rosenstengel unter Rosenstengel stand, ein jeder mit einer pompös sich auftuenden roten Blüte, einer bleichen rosa Knospe und zwei smaragdgrünen Blättern. Der Boden war mit braunen Bohlen belegt, die voller Mulden und hie und da zersplittert waren. In einer Ecke des Zimmers stand ein kleiner schwarzer Eisenofen. Seine untere Tür war offen geblieben. Neben ihr lag, ein wenig in den Raum vorgeschoben, als einziges Ding, das man hier vergessen hatte, in leblos gewordener Farbe ein einziges Holzscheit, verloren in dieser halbdunklen Öde, einsam, eingesponnen in seine jahrealte Unbeweglichkeit, als träumte es nur noch, daß es ein Holzscheit sei.

Blanche sah, von dieser nackten Leere gebannt, lange in dieses Zimmer, dann ging sie abermals zur Tür und drückte die Klinke nieder. Schließlich lehnte sie sich an einen Baum und sah rings um sich und sah, selbst im Winter stehend, die anderen Jahreszeiten über diesen Ort kommen und hinweggehen. Sie sah die kräftigen Spitzen der Hyazinthen sich aus der Erde drängen, die Rinden sich beleben, an den Sträuchern die ersten gelblichen Knospen, dann, in maßlosem Reichtum des Sommers belaubt, die Bäume, eine runde Mauer bildend, Hüter der Ruhe, den Rasen wieder aufgeweckt und lebendig, das Haus wieder grünüberspannt, und schließlich die Buntheit des Septembers und die Oktoberfrüchte. Allmählich aber verschmolzen ihr die Zeiten, und sie sah nur eine einzige Jahreszeit, in der sie alle waren: die rote Kerze des Kastanienbaums wuchs aus seinem feurigen Laub des Herbstes, das Veilchen stand neben der Aster, die Tulpe bei der Dahlie, die Nüsse fielen in sanfter Dumpfheit in ein blühendes Maiglöckchenbeet, der Himmel war milchig und hell und war zugleich dunkel und strahlend, und die Weintraube hatte den Duft der Linde.

Sie schaute auf. Ein kalter Wind war herangekommen und hatte vorüberstreichend die Äste knistern, Bäume, Gras und Erde leise rauschen lassen und hatte zugleich Blanches Körper durchdrungen. Auch war es ein wenig dunkler geworden. Sie fröstelte, und ihr war ängstlich zumute, das Krachen eines Zweiges erschreckte sie, und das entfernte Geräusch der Stadt schien ihr ein zweiter, gefährlich heranbrausender Wind und Sturm zu sein. Nach einem letzten Blick auf diesen Ort und mit dem sicheren Entschluß, dieses Häuschen zu mieten, wandte sie sich und entfernte sich, festen und schnellen Schrittes, wie ein Mensch, der ein Geschäft erledigt hat und nun eilt, zum nächsten zu kommen. Sie nahm dieselben Pfade, über die sie hergekommen war, und geriet vor dem Hauptgebäude auf den breiten Weg, der zum Ausgang des Gartens führte. Oben wanderte Schröder auf und ab und diktierte Briefe. Beim Fenster angelangt, schaute er hinunter und gewahrte Blanche: »Da geht sie!« sagte er. Die Sekretärin sprang auf und stellte sich, den Stenographieblock in der Hand, neben ihn. Er kam ihrer Kritik zuvor und sagte: »Eigentlich hat sie einen Körper wie eine Kuhmagd!« Die Sekretärin rümpfte ihr Näschen und rief schnippisch: »Wie eine Kuhmagd? Eher wie eine Kuh!«

Am nächsten Tag rief Blanche Herrn Schröder an, und dieser setzte ihr auseinander, daß seine Gesellschaft nur das Hauptgebäude gemietet und deshalb nicht das Recht habe, über das Kutscherhäuschen zu verfügen, er also außerstande sei, etwas für sie zu tun. Auf ihre Frage, an wen sie sich also zu wenden habe, konnte er ihr keine Auskunft geben. Ihr Vater hatte keinen Rat für sie und lachte nur über diese ihm extravagant und närrisch erscheinende Sache; aber der Portier des Hauptgebäudes teilte ihr mit, daß ein Herr Klarens der Besitzer des ganzen Grundstücks gewesen sei oder noch sei. Sie schlug zu Hause das Telephonbuch auf und rief alle Leute an, die so hießen, aber keiner von ihnen war jener Mann, den sie suchte. Nach einigen Tagen hatte der Portier die Adresse dieses einen Herrn Klarens ermittelt. Eine Stunde fuhr sie, um ihn aufzusuchen, und stieg endlich in einer neuen Vorstadt aus der Elektrischen, in einer Kleinbürgersiedlung, die, als neue und frischlackierte Insel inmitten von unbebautem Land, aus fünf parallel laufenden Reihen von einander gleichenden Häusern bestand. Jede Reihe war mit einer anderen grellen Farbe bemalt, die mit ihrer bunten Lustigkeit über den Mangel an Raum in diesen Wohnungen, über die Dünne der Wände und die Unsolidität der Bauart hinwegtrösten sollte. In der blauen Straße wohnte Herr Klarens.

Er selbst, ein fast siebzigjähriger Herr, öffnete ihr. Die schmale, aufrechte, sich noch straffende Gestalt im abgetragenen, aber wohlgebürsteten Hausanzug, der vorn und an den Ärmeln mit verschlungenen Schnüren benäht war, die eisengrauen Haare glatt an den Schädel gelegt und zurückgestrichen, über dem Mund das weiße, gestutzte Schnurrbärtchen, vor dem mißtrauisch abweisenden Auge das Monokel im abgemagerten Gesicht, in rauhen und verbissenen Tönen sprechend, so stand er in der schmalen Tür zum engen Korridor, wie ein nach einem verlorenen Krieg weggestellter General. Dreimal mußte sie ihm erklären, weshalb sie gekommen war. Schließlich wandte er sich rückwärts zur Wohnung und rief: »Hermine! Hier ist jemand, der will das Kutscherhäuschen mieten!« Dann, wieder zu Blanche gekehrt: »Da gehen Sie zu den Banken!« und schlug vor ihr die Tür zu.

Herr Klarens benützte auch diesen Zwischenfall, um seinem Haß und seiner Verachtung für diese Zeit Ausdruck zu geben, und hielt draußen in der winzigen Küche, eingeklemmt zwischen den Tisch und den einzigen Stuhl, in den Rücken seiner Frau, die unbeweglich am Gasherd stand und quirlte, eine Rede und schloß mit den Worten: »Heutzutage sind eben alle Frauen Huren!«

Blanche war müde und verwirrt die vier Stockwerke hinuntergestiegen und stand nun verloren vor der Haustür. Sie phantasierte dumpf über die ihr mysteriös erscheinende Aufforderung, zu den Banken zu gehen, wenn sie das Kutscherhäuschen mieten wolle, betrachtete diese fremde Umgebung, die so unlebendig und künstlich um sie stand, und ihr Blick starrte lange auf die andere Seite der Straße, auf einen Laden, in dem die kleine Filiale gerade einer Bank untergebracht war und in dem eben der Beamte einer Dame ausführlich eine Auskunft zu geben schien. Schließlich fuhr Blanche nach Hause.

Ein erfahrenerer Mensch, der auch ein wenig hilfsbereit gewesen wäre, hätte Blanche die ihr rätselhaft scheinenden Worte des Herrn Klarens begreiflich machen können. Dieser hatte vor fünfunddreißig Jahren das jahrhundertealte Geschäft seines Vaters übernommen und hatte es nach den alten Grundsätzen des Patrizierhauses weitergeführt; nach dem Kriege aber hatte er die veränderte Welt nicht verstanden, wahrscheinlich auch nicht verstehen wollen, und den neuen Notwendigkeiten die übernommenen, erprobten Prinzipien, den neuen Zuständen den Trotz eines ordnungsliebenden, aber starren Charakters entgegengesetzt. Er hatte sich der augenblicklich herrschenden Verwirrung gegenüber, wie er es fühlen mochte, auf das Ewiggültige berufen und war dabei allmählich zugrunde gegangen. Die Katastrophe war zum Ausbruch gekommen – und erst damals hatte er seine Situation ganz übersehen, als ihm die Banken auf Grund seiner Geschäftslage die Kredite kündigten. Von jenen Tagen an glaubte er, daß nur sie ihn ruiniert hätten, und nur von ihnen sprach er, sooft von seinem Schicksal die Rede war und sooft sich irgendeine Gelegenheit dafür bot.

Man hätte Blanche aber auch sagen können, was sie tun müsse, um in den Besitz des Häuschens zu kommen: sie hätte sich nämlich nur an den Konkursverwalter des Klarensschen Vermögens wenden müssen, der es ihr gewiß gern überlassen hätte. Aber es orientierte sie niemand, ihr Vater war ihr nicht behilflich, er ergötzte sich statt dessen an ihrer Ungeschicklichkeit, und ihre Freunde gaben ihr zwar raffinierte, aber unbrauchbare Ratschläge. Lachend und mit vielen laut hervorgesprudelten Worten versuchte ihre Freundin Gisela ihr zu beweisen, daß sie, ohne noch weiter jemanden zu fragen, das Häuschen beziehen müsse; sie habe ihre Pflicht getan, und es würde ja doch kein Hahn danach krähen! Entsetzt wies Blanche diesen Gedanken von sich, denn ihm zu folgen, hätte ja Unsicherheit und die Angst mit sich gebracht, das Eroberte wieder zu verlieren. In ihrer Schwerfälligkeit nicht fähig, den Kreis zu verlassen, innerhalb dessen sie sich bei ihren bisherigen Bemühungen bewegt hatte, versuchte sie immer wieder, sich an dieselben Leute zu halten: sie klammerte sich an Herrn Schröder, der aber immer unfreundlicher wurde, sie sprach über ihre Angelegenheiten mit seiner Sekretärin, die keine andere Antwort hatte als die, daß dies alles sie nichts angehe, sie telephonierte mit Heinzfurth, der ihr nicht helfen konnte, sie wandte sich an einen der Direktoren des Industriekonzerns, der sie nicht empfing, und sie schrieb an Herrn Klarens, der ihren Brief ignorierte.

Ihre Hartnäckigkeit wäre kaum begreiflich gewesen, wenn man nicht in Betracht zöge, daß es ihr wohl so ging wie sehr vielen Menschen, die sich mit ihren Vorstellungen, ihren Wünschen, ihren Phantasien, vielleicht mit ihren Träumen so lange mit wachsendem Gefühl an eine Sache klammern, bis sie ihnen schließlich mehr wird als die Sache und sie gar keinen Blick mehr für ihre Größe oder Kleinheit, ihre Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit haben. Es ist, als ob sich die Sache mit der vom Menschen losgelösten Seele verbunden hätte, um ihm über den Kopf zu wachsen. Je mehr Zeit verging, desto begehrenswerter erschien Blanche der Besitz dieses Hauses.

Der einzige Mensch, der jederzeit bereit war, ausführlich über ihre Absichten mit ihr zu sprechen, blieb, immer wieder mit Trinkgeldern gestopft, der Portier des Hauptgebäudes. Er sprach eines Tages, nur um über die Sache zu sprechen, von Frau von Hamborn, der Schwester des Herrn Klarens, die ja mit ihrem Bruder gemeinsam das Grundstück geerbt habe, und riet Blanche, nur um ihr irgend etwas zu raten, es doch einmal bei ihr, die eine reizende, vornehme alte Dame sei, zu versuchen. Blanche war auch dazu bereit. Sie wurde in einem möblierten Zimmer von einer über achtzigjährigen Dame empfangen, die schon etwas schwachsinnig war. Seit dem finanziellen Zusammenbruch war sie mit ihrem Bruder verfeindet. Auch sie verstand lange nicht, was man von ihr wollte. Als sie es allerdings halbwegs begriffen hatte, wurde sie neugierig und interessiert. Blanche, die ihre nicht ganz verständlichen Reden hörte, war schon enttäuscht, weil sie dachte, wiederum einen Weg vergeblich gemacht zu haben, und war schon daran, sich zu verabschieden. Nur noch zaghaft, fast nur noch als Entschuldigung brachte sie vor: »Ja, gnädige Frau, man hat mich nämlich zu Ihnen geschickt –.« Da aber antwortete die alte Dame, blöd und schlau zugleich: »Ja, wenn man Sie zu mir geschickt hat, dann wird's schon stimmen!«, und ohne die geringste Berechtigung zu haben, vermietete sie Blanche das Kutscherhäuschen. Die beiden Frauen schlossen einen Vertrag miteinander ab, mit Klauseln, Punkten und Bedingungen, und Frau von Hamborn empfing von nun an jeden Monat ihre hundert Mark, die sie für Schokolade verwendete.

Dies alles also war vor zwei Jahren gewesen, und seit damals verbrachte Blanche täglich viele Stunden und manchmal ganze Tage in diesem Haus.

II

Nachdem Blanche mit Müller-Erfurt eingetreten war und abgelegt hatte, war sie vor allem zu einem kleinen Verschlag gelaufen, um dort Teewasser auf den Spiritusherd zu setzen; dann hatte sie aus den beiden Räumen des Erdgeschosses aus allen Vasen die Sträuße geholt, von denen kaum einer schon wirklich verwelkt war und die erst langsam zu welken oder nur müde zu werden begannen, und hatte sie durch die mitgebrachten ersetzt. Schließlich hatte sie den Tee aufgebrüht, Kannen, Tassen und Teller herbeigetragen und alles Nötige vorbereitet. Nun saßen sie im ersten der beiden winzigen Zimmer des Erdgeschosses, sie auf einem Sofa an der Wand, er an der Querseite des ovalen Tisches, der vor ihnen stand. Sie waren einander nur zufällig auf der Straße begegnet, waren stehengeblieben, dann hatte er sie ein Stück Wegs begleitet, und schließlich hatte sie ihn eingeladen, hier bei ihr eine Tasse Tee zu trinken. Sie kannten einander schon lange und gehörten, wenn man ihn nur groß genug nahm, demselben Kreis von Menschen an, aber sie kannten einander nicht gut, und es hatte sich in all den Jahren niemals zwischen ihnen ein intimerer Kontakt ergeben.

Nachdem die krampfhafte Lustigkeit, zu der beide neigten, sich nicht hatte entfalten können, und ihre Versuche, übermütig zu sein, unter der gegenseitigen Verlegenheit verpufft waren wie Feuerwerk unter feuchtem Wetter, mußten nun ihre vielen gemeinsamen Bekannten den Gesprächsstoff für sie hergeben. Sie sprachen von einem Vorfall, der sich unlängst ereignet hatte.

In einer der letzten Nächte war bei dem Arzt Doktor Krau, einem Freund von Müller-Erfurt und einem halben Freund von Blanche, eine kleine Gesellschaft beisammen gewesen. Es war schon nach Mitternacht, als man nochmals Lust bekam, Kaffee zu trinken; da man aber das Dienstmädchen schon zu Bett geschickt hatte, waren zwei der Damen, die diesen Junggesellenhaushalt kannten, selbst in die Küche gegangen. Durch fremdartige Geräusche, durch sonderbare Laute aufmerksam und mißtrauisch gemacht, hatten sie das Zimmer des Mädchens betreten und hatten dieses schnarchend und röchelnd in tiefer Bewußtlosigkeit vorgefunden. Krau konstatierte eine schwere Vergiftung. Die Richtigkeit dieser Diagnose wurde augenblicklich durch die Tatsache bestätigt, daß man auf der Tischplatte neben dem Bett eine leere Veronalröhre und in einem Glas den Rest einer trüben Flüssigkeit fand. Aber das war nicht alles, denn man entdeckte daneben auch noch zur entsetzten Verwunderung aller zwei gleich hohe Säulen aus sorgfältig aufeinandergeschichteten Veronaltabletten, die wohl die zweite und dritte Dosis hätten darstellen sollen, wenn die erste nicht ausgereicht hätte. Die beiden weißen Türmchen schimmerten aus ihrer farblosen Umgebung im matten Licht der Kammer dem immer wieder hingezogenen Blick schauerlich-blendend hervor.

Das Mädchen war seit zweieinhalb Jahren bei Doktor Krau in Stellung und hatte diese Zeit dazu verwendet, sich allmählich jene ungeheure Menge des Giftes anzueignen. Mit unveränderlicher Geduld hatte sie auf die Gelegenheiten gewartet, ihre kleinen Diebstähle ausführen zu können, mit immer wacher Aufmerksamkeit sie erspäht und ausgenützt und, vielleicht im Zweifel über die Stärke des Medikaments, vielleicht nur in ihrem nun einmal entfachten Sammeleifer, immer weiter Tablette zu Tablette gefügt und endlich diesen schreckenerregenden Vorrat aufgehäuft. Man konnte niemals erfahren, ob sie von Anbeginn die Absicht gehabt hatte, eines Tages ihrem Leben ein Ende zu setzen, oder ob sie nur durch den geheimnisvollen Seltenheitswert angelockt worden war, den dieses Todesmittel für sie haben mochte. Jedenfalls wurde sie, da sie sich schließlich den Tod geben wollte, den sie so sorgfältig und übersorgfältig vorbereitet hatte, ins Leben zurückgerissen und gerettet.

Müller-Erfurt sprach lachend über Doktor Krau, weil dieser unachtsam genug gewesen war, um diese Diebstähle zu ermöglichen.

»Weiß man«, fragte Blanche, »warum das Mädchen sich hat umbringen wollen?«

»Nein. Es weigert sich, darüber Auskunft zu geben. Krau vermutet«, und hier lächelte Müller-Erfurt ein wenig gönnerhaft, wie man eine Sache belächelt, über die man erhaben ist oder die man längst hinter sich hat, »Krau vermutet eine Liebesgeschichte. Aus einigen Worten, die es, aus der Bewußtlosigkeit erwachend, gemurmelt hat, schließt er, daß es von seinem Geliebten verlassen worden ist. – Im übrigen«, fuhr er fort, sein Lächeln verlor sich, und er sagte nun ernster seine Meinung, »im übrigen glaube ich nicht, daß es für einen Selbstmord nur einen und einen genau zu bezeichnenden Grund gibt. Das Leben ist so vielseitig und verzweigt, der Mensch hat so viele Hoffnungen und Interessen, daß ihm, wenn hier ein Unglück eintritt, noch dort und dort Möglichkeiten fürs äußere und innere Leben zur Verfügung stehen. Er tötet sich, wenn ihm eben alles zusammengebrochen ist und ihm keine einzige Hoffnungsstelle mehr bleibt, an die er sich anklammern kann.«

Blanche antwortete: »Und doch gibt es Menschen, für die das Leben in einem einzigen Punkt zusammengefaßt ist, die deshalb nur ein einziges Unglück kennen und also auch nur einen einzigen Grund für den Selbstmord.«

Indem er sie prüfend ansah, als ob er erforschen wollte, was ihr Inneres an Geheimnissen enthielt, sagte Müller-Erfurt in bedeutungsvollem und getragenem Ton: »So spricht ein leidenschaftlicher und unbedingter Mensch!«

Manche Leute, und zu ihnen gehörte Müller-Erfurt, haben die Gewohnheit, den andern, wenn sie ihn beobachten, aus zusammengekniffenen Augen scharf und stechend anzuschauen, als ob sie ihm zurufen wollten: Spürst du meinen Blick? Ich durchbohre dich! – Aber das Auge, das fähig ist zu sehen, sieht auch mit vorüberfliegendem Blick.

Blanche lachte auf, und das Gespräch war bald wieder zu seinem früheren Thema zurückgeglitten. Müller-Erfurt schimpfte weiter auf Doktor Krau, in einem gewissen Augenblick aber stockte er und verstummte, als wäre er in Gefahr, sich auf ein Gebiet zu verirren, das er lieber nicht betreten wollte. Blanche sah ihn verwundert an und munterte ihn auf, zu sprechen. Er zögerte noch, doch dann entschloß er sich und erzählte, was sich noch weiter zugetragen hatte.

Als sich Krau mit der Kranken abgegeben, aber für einen Moment aufgerichtet hatte und als sein Blick dabei auf den kleinen Tisch und die Tabletten gefallen war, hatte er diese, gleichsam im Vorübergehen, mit der einen Hand in die andere, offene, vom Tisch hinuntergefegt und in die Tasche seines Rocks gleiten lassen. Er hatte seine Freunde aus dem engen Zimmer geschickt, um bei seinen ärztlichen Verrichtungen unbehindert zu bleiben, aber immer wieder war jemand herein- oder wenigstens zur Tür gekommen, um seine Hilfe anzubieten, sich nach dem Befinden des Mädchens zu erkundigen oder über ein Telephongespräch zu berichten, denn man hatte die Apotheke, die Rettungswache und, da Krau die Verantwortung in seinem Haus nicht hatte allein übernehmen wollen, einen seiner Kollegen angerufen. Alle liefen in dem entstandenen Trubel aufgescheucht durch die Wohnung und deren Zimmer. Doch der Rettungswagen fuhr bald vor, die Ohnmächtige wurde hinuntergeschafft, und Krau begleitete sie auf ihrem Weg ins Krankenhaus. Seine Gäste warteten auf seine Rückkehr. Als er nach einer Stunde wiedergekommen war, sprach man noch kurze Zeit darüber, was geschehen war, dann erschlaffte Krau nach seinem Schrecken, seine Aufregung fiel in Müdigkeit ab, und man ging fort.

Als er nun schlafen gehen wollte und daran ging, sich auszuziehen, erinnerte er sich des Veronals, das man auf dem Nachttisch gefunden hatte, und wollte es doppelt gut verwahren, nachdem er so gewarnt worden war. Doch da er, um es hervorzuholen, in die Tasche seines Rocks griff, faßte seine Hand ins Leere; auch in den anderen Taschen seines Anzugs waren sie nicht. Irritiert und überlegend, ob er es wirklich an sich genommen, ob er nicht, indem er es hatte tun wollen, nur die Vorstellung davon gehabt hatte, eilte er ins Mädchenzimmer, aber auch dort lagen sie weder auf dem Tischchen noch in dessen Schublade, die er herauszog, noch auf der Erde, wohin sie ja hätten rollen können, auch nicht im Bett und auch nicht darunter. Er lief wieder ins Ordinationszimmer, ins Schlafzimmer und schließlich ins Wohnzimmer, das er allerdings von dem Moment, da er hinausgerufen war, nicht mehr betreten hatte. Er durchsuchte wieder und abermals seine Kleider, alle Tischplatten und Schubfächer; er suchte überall und bald schon dort, wo die Tabletten unmöglich sein konnten. Alles war durchstöbert, es blieb vergebens. Er erinnerte sich genau, daß er sie in der Tasche seines Rocks verwahrt hatte; allerdings, er erinnerte sich auch, daß er kurz danach, etwas zu holen, ins Ordinationszimmer geeilt war und bei dieser Gelegenheit, um in seinen Kittel zu schlüpfen, den Rock ausgezogen und achtlos weggeworfen hatte; dieser war auf dem Sitz eines Stuhls liegen geblieben, und Krau hatte ihn erst wieder an sich genommen, als der Rettungswagen vor der Tür stand. Schließlich aber wurde ihm auch bewußt, daß die Tabletten auf der Fahrt ins Krankenhaus nicht mehr in seiner Tasche gewesen waren. Sie mußten also während jener wenigen Minuten verschwunden sein, die er, nur mit dem Kittel angetan, wieder in der Kammer des Mädchens verbracht hatte. Gewiß, sie hätten ja auch aus dem unachtsam und eilig weggeworfenen Rock im Ordinationszimmer zur Erde fallen, dort weiterrollen, sich im Zimmer verteilen und verstecken können; aber es waren ihrer so viele gewesen, und er fand nicht eine einzige! – Schließlich hatte er es aufgegeben weiterzusuchen.

Blanche hatte gespannt zugehört und war erschrocken. »Ja, aber, wie denn –? Wo waren sie also?«

»Wo waren sie! Fragen Sie lieber: wo sind sie? – Sie waren verschwunden und sind es bis jetzt!

Krau hatte zwar am nächsten Tag mit jedem seiner Freunde vertraulich gesprochen, hatte ihn gebeten und beschworen, ihm das Gift wieder auszuliefern, wenn er es an sich genommen habe, aber jeder einzelne hatte versichert, daß er mit der Sache nichts zu tun habe. »Aber selbstverständlich muß«, schloß Müller-Erfurt, »mit dieser Behauptung einer der Gäste die Unwahrheit gesagt haben. Sie sehen, der Dieb ist hartnäckig!«

Blanche hatte auf die letzten Sätze nicht mehr geachtet, sie war in sich gekehrt, und aus ihrer Grübelei her fragte sie: »Wer war außer Krau im Ordinationszimmer?«

»Alle, oder es können wenigstens alle dort gewesen sein!«

»Und wer war an diesem Abend bei ihm?«

»Wir waren sieben Personen: Krau, ich, Gisela, Alfred Unger, Frau Unger, Ruge, Carola Ruge.«

Blanche kannte alle diese Menschen, mit manchen von ihnen, besonders mit Carola, war sie befreundet.

»Kann es nicht sonst jemand gewesen sein?«

»Wer?« Und er bewies ihr, daß außer diesen Personen niemand in Frage komme, denn das Mädchen selbst war bewußtlos gewesen, der zweite Arzt hatte die Wohnung gar nicht erst betreten, da er gekommen war, als es schon abtransportiert wurde, und die Krankenwärter waren geradenwegs in die Küche geführt worden, wo sie vor der Kammer die Bahre niedergestellt und, ohne sich vom Fleck zu rühren, gewartet hatten, bis Krau die Kranke auf seinen Armen herausgetragen hatte; dann hatten sie mit ihrer Last die Wohnung sofort wieder verlassen.

Blanche lehnte sich zurück, die Hände rechts und links flach neben sich aufs Sofa gelegt, sie bog den Kopf in den Nacken, daß er die Wand berührte, und sah hinauf, in die leere Luft. Sie ließ wohl die Personen, die ihr Müller-Erfurt genannt hatte, an sich vorbeigehen, ihre Gedanken sprangen von einem zum andern, sie stellte sich die Verhältnisse und Lebensumstände jedes einzelnen vor und prüfte, wo etwas Unerfreuliches, das sie kannte, noch unerfreulicher oder vielleicht gefährlicher sein konnte, als sie geahnt hatte. Das Gespräch aber lief im Kreis und brachte nichts Neues mehr, denn das Eigentliche, worauf es ihnen und vor allem Blanche ankam, umgingen sie: Vermutungen anzustellen, wer das Gift an sich genommen haben könnte, und warum er es für nötig gehalten hatte, sich mit ihm gegen das Leben zu bewaffnen.

Da aber Müller-Erfurt einsah, daß sie von seiner Erzählung nicht so sehr wie von einer Sensation aufgewirbelt, als vielmehr in größeren Tiefen berührt zu sein schien, bemühte er sich nun, ihr die Angst zu nehmen: »Sehen Sie, wie viele Menschen hatten schon den Plan, sich umzubringen, und wie wenige haben ihn ausgeführt! Für manche Menschen ist das Leben nur durch den Gedanken an den Selbstmord möglich, ich meine: durch den Gedanken, daß ihnen, wenn alles nicht besser oder wenn es gar noch schlimmer werden sollte, dieser letzte Ausweg ja immer noch bleibt. Mit diesem Trost bringen sie sich von einem Tag zum anderen und schließlich über alle ihre Tage hinweg.« – Hier aber schien ihm etwas einzufallen, das er offenbar für ein Aperçu hielt, sein Wesen verbog sich wieder, mit diesem sein Körper, er legte den Kopf nach links, die rechte Schulter stieg, sein Leib verzerrte sich ein wenig, und er hob die Hand und hielt sie flach vor sich hin, als liege auf ihr die Pointe: »Was wollen Sie! Wir flirten alle mit dem Tode!« Da sie ihn aber überrascht ansah und er fürchten konnte, durch diese Worte sich selbst in einen, tatsächlich durchaus ungerechtfertigten, Verdacht zu bringen, ließ er die Hand wieder sinken und lachte auf: »Sie brauchen mich nicht anzuschauen! Ich war es sicherlich nicht, der die Tabletten gestohlen hat! Das war die Art einer Frau! Wir sind schlauer und geschickter!«

Blanche schwieg.

»Aber wußten Sie denn«, fragte er, »wirklich nichts von all dem, was ich Ihnen erzählt habe?«

»Nein. Ich habe in diesen Tagen niemanden gesehen. Wie hätte ich es also wissen können! Aber warum staunen Sie darüber?«

»Nun, weil Krau in seiner Verzweiflung sogar beim alten Feding war!«

»Bei Doktor Feding?«

»Ja, und ich bin mit ihm gegangen, weil er mich darum gebeten hat. Er wollte sich mit ihm beraten, ob man sich nicht an die Gerichte oder an die Polizei wenden solle, um eine Haussuchung zu beantragen; aber das alles ist natürlich unsinnig, und Feding hat ihm auch diese abenteuerlichen Gedanken ausgeredet.«

»Sonderbar!« lachte Blanche auf. »Alles führt zu Feding! Er sitzt in seinem Zimmer, kümmert sich um nichts, und alles kommt zu ihm!«

Feding war der ältere, fast siebzigjährige Sozius von Blanches Vater. Er war Riedingers Freund und der Vertraute der Frau Riedinger. Zwar verheiratet, aber kinderlos, hatte er die ganze Freundlichkeit seines nicht ganz ausgefüllten Herzens Blanche zugewendet, die er, kaum daß sie einige Stunden alt gewesen, schon auf seinen Armen getragen hatte. Sie spürte die Zuneigung des alten Mannes und erwiderte sie.

»Nein«, fuhr Blanche fort, »er hat mir nichts verraten, er hat es wohl als Berufsgeheimnis betrachtet. Aber was hat er denn zu der Sache selbst gesagt?«

Müller-Erfurt erzählte: »Sie kennen ihn: die Sache hat ihn nicht aus der Ruhe gebracht. Er hat abgewinkt und sogar gelächelt und Krau geraten, sich keine Sorgen zu machen; er hat gesagt: der Mensch, der das Gift an sich genommen hat, muß sehr geistesgegenwärtig und kaltblütig sein, ja, er muß etwas vom Verbrecher an sich haben, wenn er in einem Augenblick, da es darum geht, einem Menschen das Leben zu retten, keinen anderen Gedanken hat als den, die Tabletten in seiner eigenen Tasche verschwinden zu lassen!«

»Wenn aber dieser Mensch«, sagte Blanche, »selbst in einem Zustand der Verzweiflung oder in einem Rausch des Unglücks war?«

»Ja, das haben wir ihm auch gesagt, aber er hat geantwortet: eben dies, daß er es gestohlen hat, ist ein Beweis dafür, daß er kein Selbstmörder ist; denn wäre er es, hätte er wirklich mit dem Gedanken an den Tod gespielt, dann wäre ihm beim Anblick eines Sterbenden die Lust vergangen, selbst zu sterben! – Ja«, schloß Müller-Erfurt, »wir sollten nur keine Sensationen erwarten, meinte Feding, es werde sich alles schnell aufklären. Er wollte überhaupt die Sache nicht ernst nehmen und hat sie eigentlich eher mit Humor behandelt!«

Blanche schüttelte den Kopf und sah nachdenklich vor sich hin. Sie schien in ihrem Inneren zu schwanken, sie wußte nicht, was sie denken, fühlte nicht, was sie fühlen sollte, denn sie mit ihrem schwerblütigen Herzen nahm, was sie gehört hatte, schwerer auf, doch war wiederum Feding jener Mensch, auf dessen Meinungen und Urteile sie am meisten gab, fast immer mit Recht, wie die Erfahrung sie gelehrt hatte.

Sie sprachen noch ein wenig hin und her, Müller-Erfurt rief: »Es wird sich alles zeigen!« und wiederholte lachend: »Es war eine Frau, es war eine Frau! Wir sind schlauer und geschickter!«

Durch den Vergleich der beiden Geschlechter kam aber jetzt das Gespräch auf andere Wege, und sie versuchten zu scherzen. Die Abenddämmerung hatte längst eingesetzt, und Blanche stand auf: »Soll ich das elektrische Licht einschalten oder lieber die Kerzen nehmen?«

»Die Kerzen, natürlich die Kerzen!«, und Müller-Erfurt streckte sich erwartungsvoll in seinem Sessel, und nur der Buckel verhinderte ihn, sich auch behaglich zurückzulehnen.

Blanche holte von einem niedrigen Bücherregal zwei Leuchter aus weiß-blauem Porzellan, eine Streichholzschachtel aus Brokat und entzündete die wachsgelben Kerzen. Wie die Stille im Raum durch ein fernes Rauschen hervorgehoben wurde, so betonte nun der über die Dinge hinflackernde Schein ihre starre Reglosigkeit. Die Dunkelheit außerhalb des Lichtkreises hatte sich vertieft, und alles verlor in ihrer Schwärze seine Konturen. Blanche setzte sich wieder, die Flammen beruhigten sich und standen in ihrer zarten Stille unbewegt in die Höhe. Die beiden rührten sich kaum mehr und sprachen nur langsam, fast stockend.

»Ich halte Sie auf! Störe ich Sie nicht?«

»Nein, nein, gewiß nicht!«

»Wie still es hier ist!«

»Nicht wahr? Ich bin gern hier.«

»Das will ich glauben! – Ja, ja, das will ich glauben!«

»Ja, ich bin gern hier. Auch wenn ich nicht arbeite.«

Ihre Stimmen dämpften sich, ohne daß sie es wollten und wußten, und es war nun so, daß hier nicht vor allem zwei Personen zu sein schienen, um die der Raum mit seinen Gegenständen lag, es schien vielmehr zuerst der Raum, zuerst die allgemeine, unpersönliche Situation geschaffen zu sein: das kleine Zimmer im weltabgeschiedenen Gartenhaus, draußen die Dämmerung, die ins Nichts versinkenden Bäume, die Finsternis, die sich als dickere Mauer um die Mauern des Gebäudes stellte, innen die zitternde Helligkeit, umrahmt von der Dunkelheit entlang der Wände, die Einsamkeit und Ruhe, die Verborgenheit, fast die Heimlichkeit – und erst in diese Atmosphäre wie in ein vorbereitetes Nest waren die beiden Menschen gesetzt und gleichsam ihr ausgeliefert. Sie empfanden sie, und Müller-Erfurt spürte den Drang, sich ihr zu unterwerfen. Er fühlte, daß eine Frau neben ihm saß, er stand unter der Suggestion der Gelegenheit. Blanche saß unbewegt da. Er nahm einen Schluck Tee, dann eine Zigarette, und sie gab ihm Feuer. Ihn quälten offenbar ein wenig die bitteren Empfindungen der Unentschlossenheit. Seine Sicherheit war immer nur in der Balance, und er litt zu sehr unter jeder Niederlage, als daß er sich leichtsinnig einer hätte aussetzen wollen. Er hätte vielleicht für schüchtern gehalten werden können, aber er war nur vorsichtig. So begnügte er sich mit dem Versuch, ihr in einem günstigen Moment mit einer gewissen Bedeutsamkeit in die Augen zu sehen. Sie erwiderte automatisch mit einem freundlichen, aber starren Lächeln, das ihn nicht ermutigen konnte. Er verharrte in seiner Zaghaftigkeit, und sie war ein schwerfälliger Mensch. So unterblieb jeder ernstere Annäherungsversuch. Daran war allerdings in einem gewissen Maß auch die Tatsache schuld, daß sie einander nicht gefielen.

Müller-Erfurt suchte wieder ihren Blick. »Woran denken Sie? Noch immer ans Gift? – Aber wir, wir leben!« rief er mit dem Versuch, stark zu sein, doch mit belegter Stimme. Zugleich bedeckte er ihre Hand mit der seinen.

»Ja. Diese Affäre beschäftigt mich.« Sie ließ ihre Hand liegen, doch wie ein lebloses Ding, nicht wie einen Teil ihres Körpers. Plötzlich erschrak er: »Wie spät ist es?« rief er und holte seine Taschenuhr hervor. »Halb sechs! In fünf Minuten muß ich gehen!«

Die Unterhaltung ging, nach Themen suchend, nur zögernd weiter. Endlich stand er auf. »Haben Sie für heute abend etwas vor?« fragte er.

»Ja. Ich muß zu Hause sein. Wir haben Gäste.«

»Ich bin bei Ruge, aber ich wäre bereit gewesen, abzusagen, wenn Sie Ihrerseits bereit gewesen wären, mit mir in ein Kino zu gehen. Ja! Sehen Sie, so bin ich!« Dazu machte er eine komische Geste, und sie lächelte. Ihr Vater, sagte sie, würde Lärm schlagen, wenn sie nicht zu Hause wäre, jetzt sei es zu spät, ihn, Müller-Erfurt, einzuladen, aber vielleicht komme er nach Tisch?

»Am Ende werde ich auch dazu bereit sein! Allerdings, ich fürchte, daß es bei Ihnen zu gescheit zugehen wird, im Kino dagegen wäre es so herrlich dumm gewesen!«

Sie lachte aus Gefälligkeit auf, er aber setzte augenblicklich, als hätte er nur sich selbst das Stichwort geben wollen, zu einer fließenden Rede an: »Warum lachen Sie? Die einzig interessanten, weil wirksamen Äußerungen des menschlichen Geistes sind der Kitsch und die Blödheit! Warum? Weil sie die großen Massen bewegen! Und warum sollten wir uns von ihnen ausschließen? Haben wir nicht die gleichen Wünsche und Träume wie sie? Möchte nicht auch ich in einem Hotel an der Riviera ein Kellner sein, in den sich die entzückende amerikanische Milliardärstochter verliebt? Und möchten Sie nicht die Verkäuferin in einer Konditorei sein, in die plötzlich als männlicher Engel ein englischer Lord tritt?«

Blanche war von diesen Auseinandersetzungen überrumpelt, er aber fuhr unbeirrt fort, wobei es allerdings den Eindruck machte, als ob dies alles aus einem vorbereiteten inneren Lager stammte, wie es eben manche Menschen für jene Fälle anlegen, in denen sie geistreich und schlagfertig erscheinen wollen: »Es ist ja nur unser Fehler, daß wir wissen, wie blöd das alles ist! Wir sind zu skeptisch, es ist uns leider bekannt, daß all diese Träume, die man uns da zeigt, sich im Leben nur sehr selten verwirklichen. Darüber ärgern wir uns, nur aus Rache beschimpfen wir es dann und nennen es Kitsch! Aber man müßte an all das glauben, und man wäre ein glücklicher Mensch! Voilà!« Dieser letzte Ausruf war mit erhobener Stimme und mit abschließender Geste gebracht worden, nun drehte sich Müller-Erfurt auf seinen Hacken stramm-militärisch um und schritt hinaus.

Blanche folgte ihm, blieb aber in der Tür zum Vorraum stehen, beugte ein wenig ihren Kopf zurück, und zu seiner Überraschung begann sie plötzlich zu singen; es war aus Figaros Hochzeit das Rezitativ der Susanne: »Endlich naht sich die Stunde, wo ich dich, oh Geliebter –«, wobei sie nur die letzten Silben zum Scherz durch die anderen »englischer Lord« ersetzte. Sie hatte eine kleine, aber sehr sanfte und ausdrucksvolle Stimme; sie sang gern und immer mit liebevoller Vorsicht, als fürchte sie, die Melodie zu verletzen.

Müller-Erfurt wandte sich lachend um und dirigierte. Als sie geendet hatte, applaudierte er mit vorgestreckten Armen und zierlich-lautlosen Bewegungen. Sie verneigte sich, indem sie eine Sängerin auf der Bühne imitierte. So verfielen sie wieder in ihre Späße. Umständlich zog er seine Handschuhe an, schließlich streifte er den rechten wieder ab und reichte ihr die Hand: »Auf Wiedersehen! Es war ein sehr hübscher Nachmittag! – Wissen Sie, Sie gefallen mir sehr gut!« Sie machte abermals eine tiefe Verbeugung, die er nun erwiderte. Er war schon in den Garten getreten, die Schwelle war schon zwischen ihnen, aber sie konnten keinen Abschluß finden. Mit einer plötzlichen heftigen Gebärde breitete er die Arme aus, als ob er ihr leidenschaftlich um den Hals fallen wollte, und sie ahmte ihn nach. In dieser Stellung erstarrten sie für einige Sekunden. Endlich riß er sich los.

»Vielleicht also erscheine ich heute abend!« rief er und schwenkte den Hut.

»Das wäre nett!«

»Auf Wiedersehen!«

»Auf Wiedersehen!«

Nun drehte er sich mit energischem Ruck um und ging fort. Augenblicklich wurde sein Gesicht ernst, fast grübelnd. Sie schloß schnell hinter ihm die Tür und lief – und es sah aus, als hätte sie darauf nur gewartet – lief eilig ins Zimmer zurück, ans Fenster und öffnete es, um den Rauch seiner vielen Zigaretten abziehen zu lassen. Dann kehrte sie sich nach dem Tisch um und übersah dort die Unordnung, die Tassen, Kannen und Aschenbecher. Sie knipste das elektrische Licht an, löschte die Kerzen aus und machte sich schleunigst daran, alles wegzuräumen und das Zimmer in seinen gewöhnlichen Zustand zu bringen. Bei einem zufälligen Blick durchs Fenster sah sie gerade noch die Gestalt ihres Gastes, schattenhaft in der schattenhaften Nacht, bevor sie verschwand, klein, krumm und verzwickt. Er verließ eben den freien Platz vor dem Haus, und zwischen zwei Stämmen hindurchgehend, kam er auf den schmalen Weg, den Blanche mehr hatte andeuten als anlegen lassen und der zu einer kleinen Gittertür und in die Nebenstraße führte. Nun war Müller-Erfurt, vom Gebüsch verdeckt, nicht mehr zu sehen, aber seine Schritte hallten wie gedämpfte Hammerschläge durch die Dunkelheit herüber: ein wenig stampfend, nicht zu schnell und nicht zu langsam, in regelmäßigem Takt, ein wenig trotzig, als wollten sie betonen, daß sie sich durchaus nicht scheuten, auch in dieser Stille laut und weithin vernehmbar zu sein, Schritte eines Menschen, der seinen Mitmenschen beteuern will: Ich fühle mich sicher auf der Welt, mir geht's gut, mir geht's gut! Wer wagt da, etwas anderes zu denken?

III

Blanche blieb unzufrieden zurück. Der Nachmittag war anders verlaufen, als sie es sich vorgestellt haben mochte. Was sie über jenen Abend bei Doktor Krau gehört, hatte sie erschreckt und in ihr ein allgemeines drückendes Gefühl hinterlassen, aus dem von Zeit zu Zeit die bewußte Erinnerung aufstieg. Im übrigen hatte sie sich nicht nur gelangweilt, Müller-Erfurt hatte auch die größte Ungeschicklichkeit begangen, die in dieser Situation nur möglich gewesen war. Wie eben ein Mensch, der immer nur auf die eigene Wirkung bedacht ist, meistens eine schlechte Wirkung hervorruft, weil er, nur sich selbst zugekehrt, nicht bemerkt, was der andere wünscht oder erwartet, so hatte auch er nicht gespürt, was hier vor allem angebracht und notwendig gewesen wäre. Er hatte zwar, als er das Haus und die Zimmer betreten, nicht nur mehrmals lachend gedroht: »Hier also empfangen Sie Ihre Geliebten?«, worauf sie gewohnheits- und pflichtgemäß mit einem entsprechenden Scherz reagiert hatte, sondern auch ein- oder zweimal ausgerufen: »Reizend haben Sie es hier! reizend!« und: »Entzückend! wirklich entzückend!«, aber das war eben alles gewesen, und mehr hatte er nicht zu sagen gehabt. Sie hatte ungeduldig dagesessen, er jedoch hatte sich nicht, wie es ihre meisten Gäste zu tun pflegten, herumführen lassen, er hatte sich überhaupt nicht weiter umgeschaut, hatte nicht weitläufig über die kleine Wohnung, ihre Schönheiten und Vorteile gesprochen, nicht die Einrichtung im ganzen, die Möbel und anderen Gegenstände im einzelnen betrachtet, begutachtet und gelobt, kurz, er hatte nichts von all dem getan, was Blanche von einem Menschen verlangte, der zum erstenmal ihr Haus betreten hatte. Ja, wenn man es genau nahm, so war wohl das eigentliche Motiv, daß sie Müller-Erfurt eingeladen hatte, mit ihr herzukommen, der heimliche Wunsch gewesen, wieder einmal voller Stolz ihr Besitztum zeigen und sich an der Begeisterung eines anderen freuen zu können. Über die Tatsache aber, daß er hier, in ihrem Atelier, nicht einmal auf den Gedanken gekommen war, sich nach ihren Bildern zu erkundigen, über diese tölpelhafte Tatsache zuckte sie nur die Achseln.

Nachdem Blanche das Haus, um das sie so lange hatte kämpfen müssen, endlich hatte übernehmen können, hatte sie sich mit Jubel und Triumphgefühlen darauf gestürzt, es bewohnbar zu machen. Ein Traum war erfüllbar geworden, und sie tat nun alles, daß er sich auch wirklich so schnell wie nur möglich erfülle. Sie lief von Geschäft zu Geschäft, von Handwerker zu Handwerker, von einem Antiquitätenladen zum anderen, und man hätte glauben können, daß es sich darum handelte, ein ganzes Schloß einzurichten. Sie zögerte und überlegte lange, bevor sie etwas kaufte, ob es nun ein großes Möbelstück oder ein kleiner Aschenbecher, ein Lüster oder ein Teekessel war; hatte sie sich aber entschlossen, dann ging sie beglückt nach Hause. Jedes Ding löste sich augenblicklich, während es in ihre Hände überging, aus der Welt der übrigen Dinge und erhielt sehr schnell die Einmaligkeit und Einzigartigkeit des persönlichen Besitzes. Sie hatte niemals das Gefühl, etwas gekauft, sondern eigentlich immer nur, etwas ganz Besonderes entdeckt zu haben: zwischen tausend gleichgültigen Gegenständen eines gleichgültigen Ladens den einzig wirklich schönen Gegenstand, den es dort gegeben hatte.

Sie nahm Maße, überlegte, verhandelte, verglich die Farbtöne miteinander, wog die Nuancen gegeneinander ab, machte allerlei Proben, war, wenn sie etwas bestellt hatte, meistens unzufrieden und konnte sich immer alles noch schöner vorstellen, als es ausgefallen war. Es gab nichts, das nicht nochmals und nochmals hätte geändert werden müssen. Sie glaubte, daß ihr die Phantasie etwas Vollendetes zeige, das sie unbedingt erreichen müsse; die Leidenschaft für die Details war über sie gekommen, jene Leidenschaft, die keine Grenzen kennt.

Man beobachtete sie, schüttelte ein wenig den Kopf oder lächelte gutmütig über diesen Eifer. »Für wen ist das alles eigentlich bestimmt?« konnte wohl jemand hinter ihrem Rücken fragen, und der andere zwinkerte mit den Augen und antwortete: »Es wird schon für jemanden sein!« Ihre Freundin Gisela aber begnügte sich nicht, nur dritten diese Frage zu stellen, sondern attackierte Blanche geradezu in ihrer lustig-direkten Art mit tausend hervorgesprudelten Worten: »Ich bitte dich! Ich bitte dich! Was soll das? Für wen ist das alles? Du bist verrückt! Sag mir, für wen es ist, und ich werde dir sagen, ob es sich lohnt! Du wirst mir doch nicht weismachen wollen, daß man oben im ersten Stockwerk nicht malen kann, ohne daß unten im Parterre ein Zimmer mit einem idiotisch-lyrischen, hellblauen Bodenbelag bespannt ist, oder daß man im Atelier keinen kitschigen Sonnenaufgang zustande bringt, ohne daß neben dem Atelier ein Zimmer wäre, das nur mit einer Couch ausgefüllt ist! Bitte sehr, ich begreife die Couch und das blödsinnige Spiel, für das sie bestimmt ist, ich frage mich nur: wozu braucht der Mensch neben einem Zimmer, das ganz mit einer Couch ausgefüllt ist, ein Atelier? Ach geh, du mit deinen Geheimnissen! Sag mir doch endlich die Wahrheit! So herrlich, so prachtvoll, so großartig, so lieblich kann ein Mann gar nicht sein, daß es sich lohnte!« Aber Blanche lachte nur über Giselas Reden und wich aus.

Wenn Ordnung nichts anderes bedeutet, als daß alles an seinem Fleck steht, und Sauberkeit nichts anderes, als daß kein Schmutz zu finden ist, dann waren diese beiden Begriffe für dieses Haus nicht anwendbar. Denn hier herrschte eine höhere Art von Ordnung, eine höhere Art von Sauberkeit. So wie sich ein Rekrut, dem man ein Stillgestanden! ins Ohr gebrüllt hat, von einem Menschen unterscheidet, der zwar unbewegt, doch seinem eigenen Gleichgewicht überlassen, etwa vor einer Auslage steht, um sie zu betrachten, so war auch hier etwas Besonderes, etwas deutlich Sichtbares und Fühlbares hinzugekommen. Jedes Ding war wie zur Parade aufgestellt, das Metall blinkte, die Fenster strahlten, das Parkett leuchtete, was weiß zu sein hatte, war gleichsam doppelt weiß – aber dies alles war noch nichts. Die Reinlichkeit schien hier mit Hilfe einer Lupe, die Ordnung mit Hilfe besonderer Meßinstrumente aufrechterhalten zu werden. Die vier Zipfel einer ausgebreiteten Decke hingen auf einen Millimeter genau in gleicher Länge hinunter, ein überflüssiges Fältchen hätte einen Aufruhr der Dinge bedeutet, und der Mittelpunkt der unteren Fläche einer Vase fiel mathematisch mit dem Mittelpunkt des Tisches zusammen, auf dem sie stand. Man hätte glauben können, daß ein mit übermenschlich scharfen Sinnen begabtes Wesen, ein Engel der Pedanterie, Tag und Nacht über die Stufen und durch die Zimmer geisterte, um darüber zu wachen, daß nicht ein feuchter Hauch einen Spiegel trübe, daß nicht die Franse eines Stores aus der vollkommenen Parallelität mit den übrigen Fransen gerate, um hinzustürzen, wenn sich in mitternächtlicher Stunde im äußersten Blatt einer Rose die erste Runzel zeigte, es abzuzupfen und an der für welkende Rosenblätter bestimmten Stelle abzulegen.

Die Einrichtung wurde natürlich niemals ganz fertig, alles blieb im Fluß, immer gab es neue Veränderungen, neue Einkäufe, denn immer wieder kam es vor, daß Blanche in einer Auslage ein Kissen sah, das ihr noch schöner erschien als alle, die sie hatte, oder einen Aschenbecher, der noch praktischer war als jene, die allenthalben im Haus verteilt waren.

Blanche liebte dieses Haus, sie putzte es heraus wie eine närrische Mutter ihr Kind, sie pflegte es wie eine Wärterin einen Kranken, dem die geringste Bewegung den Tod bringen kann, sie hütete es, als könnte es durch ein einziges Stäubchen zum Einsturz gebracht werden. Ihre Mutter war nur ein einziges Mal hier gewesen. Sie war durch das Miniaturhäuschen geschritten, von Raum zu Raum, in immer größerer Verwunderung, sie hatte alles betrachtet, beguckt und bestaunt, war aber, nachdem sie ein über das andere Mal ausgerufen hatte: »Ich kann es nicht ansehen! Ich kann es nicht ansehen!«, gleich wieder fortgegangen. Sie war im Jahre 1870 geboren und hatte zwar alle Wandlungen der Zeiten, die begonnen, als sie etwa die Mitte ihres Lebens erreicht hatte, ohne Begeisterung und ohne Protest hingenommen, war aber den Idealen ihrer Jugend treu geblieben, die man ihr in einem Schweizer Pensionat beigebracht hatte. Wenn sie also ausgerufen hatte: »Ich kann es nicht ansehen! Ich kann es nicht ansehen!«, so gewiß nicht deshalb, weil ihr der Anblick dieser peniblen Ordnung, dieser überirdisch pedantischen Sauberkeit unangenehm gewesen wäre, im Gegenteil, sie wurde traurig beim Anblick dieses Paradieses, wurde wehmütig, weil sie den Zustand dieses kleinen Hauses mit jenem verglich, in dem sich immer das Zimmer ihrer Tochter in der elterlichen Wohnung befand. Denn zu Hause legte Blanche eine horrende Schlamperei an den Tag. Frau Riedinger wußte, daß sie, wenn ihr Mann schreiend ein Buch suchte, es in Blanches Zimmer unter einem Kleiderbündel oder in der Schublade ihres Waschtischs finden würde; und wollte sie ein Kleid ihrer Tochter in Ordnung bringen, dann war's vielleicht in der Küche. Niemals war auch nur zu erraten, unter welchen Umständen etwas irgendwohin gekommen war. Zweimal am Tag, am Morgen und am Abend, ging sie in das Zimmer ihrer Tochter, um alles an seinen Platz zu stellen, immer wieder den Kopf schüttelnd beim Anblick des Wirrwarrs, der sich ihr bot. Ein einziges Mal hatte Blanche genäht, am Abend jedoch fand ihre Mutter die Nadel von oben her in ein Stück Torte gesteckt. Sie erschauerte bei der Vorstellung, daß ihre Tochter diese genauso unachtsam hätte essen können, wie sie genäht und die Nadel weggelegt hatte, und sah sie schon unter fürchterlichen Qualen und Schmerzen sterben. Viele Nächte träumte sie davon. Seit damals fühlte sie sich gestärkt in ihrer ganzen Natur, seit damals bedeutete Ordnung für sie nichts anderes als Sicherheit und Leben, Unordnung aber war ein Zustand voll von tausend unkontrollierbaren Gefahren, die nicht zu vermeiden, weil sie nicht vorauszusehen waren; denn wer konnte auf den Gedanken kommen, daß ein Mensch eine Nadel, die er nicht mehr braucht, in eine Torte steckt! Seit damals war Unordnung für sie etwas Unheimliches, Dunkles, sie konnte den Schlüssel zum Schicksal eines ganzen menschlichen Daseins und den Tod mit all seinen grausamen Schauern in sich bergen.

So oft die Rede auf diese häuslichen Probleme kam, so oft es Streit um Blanches Nachlässigkeit gab und man Frau Riedinger vorwarf, daß sie dergleichen Dinge des Alltagslebens überschätze, blieb sie doch, mochte man auch sagen, was man wollte, unnachgiebig bei ihrer ängstlichen Meinung, und offenbar in der Überzeugung, ihren Gegner nun endgültig mit dem letzten vernichtenden Schlag zu widerlegen, beendete sie die Debatte jedesmal mit der gleichen, triumphierend hingeschleuderten Frage: »Und die Nadel? und die Nadel?«

Es ist begreiflich, daß Blanche ihre Besuche lieber in ihrem Atelierhaus empfing. Sie freute sich über jeden Gast, den sie hier hatte; war er aber gegangen, dann betrachtete sie ihre Zimmer, als hätten in ihnen Barbaren gewütet. Es schien ihr nämlich ein arger Mißbrauch der Dinge zu sein, daß man sie auch benutzte. Das Geschirr war schmutzig, die Stühle waren verrückt, die Kissen zerknüllt, da war ein Buch vom Regal genommen und dann achtlos beiseite gelegt worden, dort war die Ecke eines Teppichs umgeschlagen, ein bißchen Asche war auf den Boden gefallen – sie schaute sich um wie auf einem freien Platz nach einem Straßenkampf. Sie machte sich also, nachdem Müller-Erfurt sie verlassen hatte, augenblicklich an die Arbeit: sie räumte das Teegeschirr weg, entleerte, wusch und trocknete die Aschenbecher, rückte die Vasen an ihre Stelle, arrangierte die Blumen neu zu leichten, lockeren Sträußen, und erst, als alles wieder geglättet, in die vorgesehene Ordnung gebracht war, atmete sie, um sich schauend, auf. Jetzt erst war der Zwischenfall des Besuches erledigt, jetzt erst hatte sie gleichsam das Haus betreten, jetzt erst begann der Nachmittag – allerdings, er war zur Hälfte schon vergangen. Unentschlossen stand sie da und schien sich zu fragen, was sie nun tun solle. So setzte sie sich zuerst nieder und dachte nach. Manchmal sah sie auf und blickte um sich, manchmal schloß sie für einige Sekunden die Augen. Mit leisen Schritten ging die Dämmerung durch den Garten, ging die Stille durch das Haus. Es war zwar zu spät, als daß sie noch hätte anfangen wollen, zu arbeiten, aber sie ging dennoch ins erste Stockwerk hinauf.

War unten alles aufs Wohnliche, Gemütliche und Hübsche berechnet und konnte ein strengerer Mensch sogar den Eindruck der Verspieltheit haben, so war oben alles in überdeutlicher Weise nur für die Arbeit eingerichtet. Das Atelier war der größte Raum des Hauses, die Decke war durchbrochen und ein Fenster in sie eingelassen worden. Jetzt allerdings, da es Abend geworden war, durchstrahlte zu grell der bläuliche Schein einer Tageslichtlampe den Raum. Die Wände waren weiß gekalkt, der Boden mit ungestrichenen Brettern belegt, alles war kahl, das Zimmer war leer, nur in seiner Mitte stand die Staffelei, ein etwas kompliziertes Ungeheuer, und entlang der Fensterseite lehnten auf der Erde gegen die Wand, immer je fünf hintereinander geschichtet und nach ihrer Entstehungszeit geordnet, die fertigen Bilder. Die ersten, die ältesten also, stellten, durchaus anfängerhaft, impressionistisch gemalte Landschaftsausschnitte dar, meistens Partien aus dem vor den Fenstern liegenden Garten; dann schien Blanche in eine andere Lehre gekommen zu sein, denn von einem Bild zum andern hatte sich ihre Betrachtungs- und Malweise vollkommen gewandelt: nun standen auf der Leinwand Violinen, Frauenköpfe und Stehlampen, doch die Dinge waren aus ihrer Ganzheit gefallen, in Flächen und Würfel aufgelöst, und die Teile der Gegenstände sowohl als auch ihre Formen waren durcheinandergeschoben; wohl unter neuen Einflüssen stehend, hatte sich aber die Malerin nach einiger Zeit, wiederum mit einem Schlag, von den ästhetischen Problemen ab- und, voll eines guten, vielleicht eines übertrieben guten Willens, den sozialen Problemen zugewandt: jetzt waren elende, verhungerte, zerfressene Arbeitergesichter zu sehen, zerfallende Mietskasernen der Vorstädte und Karikaturen auf dicke Bürger. Alles war ohne Rücksicht auf die Wirklichkeit in entschlossenem, programmatischem Radikalismus ganz ins Extreme gesteigert: die Risse in den Mauern der Häuser waren leidenschaftlich breit und erweiterten sich hie und da zu so unnatürlich klaffenden Löchern, daß es unergründlich blieb, wieso die Reste der Wände nicht in sich zusammenstürzten; und die Bourgeois hatten ein so schweres, so tief herunterhängendes Doppelkinn, daß man sie eigentlich, wie ein Freund von Blanche einmal gesagt hatte, weder wegen ihrer Wohlgenährtheit und Wohlhabenheit beneiden noch auch sie hassen konnte, sie vielmehr wegen ihrer Fettleibigkeit bedauern mußte. Doch auch diese Periode schien abgeschlossen zu sein.

Blanche stand vor der Staffelei, vor ihrem eben im Entstehen begriffenen Bild, doch nur mit leeren Augen und nur für eine Minute, sie ging zum Fenster und sah in den dunklen Garten hinunter, aber auch hier blieb sie nicht stehen, und sie wandte sich zum Zimmer nebenan. Es war winzig klein, mit Velours ausgelegt und zur Hälfte von einer breiten, mit einem Buchara bedeckten Couch ausgefüllt, neben der nur noch ein Tischchen mit einigen Büchern, einer zierlichen Uhr und einer primelngefüllten Vase stand; es war dämmrig von einer dunkelblauen Seidenampel erleuchtet. In diesem Raum würde sie schlafen, wenn sie einmal die Nacht hier verbringen sollte. Blanche setzte sich nieder und sah durch die offene Tür ins Atelier. Sie hätte sich wohl gelangweilt, wenn ihre eigene Unruhe ihr nicht die Zeit vertrieben hätte.

Langsam hob sie beide Hände vor die Brust und begann mit der einen Hand an den Fingern der anderen etwas abzuzählen, sie fing ein zweites, ein drittes Mal damit an und murmelte die Namen der Leute, die an jenem Abend bei Doktor Krau gewesen waren: Krau, Müller-Erfurt, Gisela, Alfred Unger, Frau Unger, Ruge, Carola Ruge –, und versuchte, nach Anhaltspunkten greifend, zu erraten, wer das Veronal an sich genommen und warum dieser und warum jener es getan haben könnte. Sie tastete nach Geheimnissen, sie wagte sich ins Innere der fremden Leben vor, und manche Worte oder Vorkommnisse, die ihr einmal unwesentlich erschienen waren, bekamen nun in ihren Vorstellungen eine große Bedeutung. Doch sie schien die Grübelei aufzugeben, lehnte sich zurück, legte sich auf die Seite und stützte den Kopf in die Hand. So blieb sie, mit jenem entspannten und leeren Gesicht, das der Mensch zeigt, wenn er nicht denkt und sich in seinem Innern nicht orientiert, sondern in passiver Hingegebenheit sich seinen Gedanken, Vorstellungen, Träumen überliefert, sie, Welle auf Welle, in sich aufsteigen und sich von ihnen überströmen läßt. Von Zeit zu Zeit veränderte sie ihre Lage, doch nicht anders als ein Hund, der stundenlang still zu Füßen seines Herrn träumt und nur manchmal den Kopf hebt, um ihn von einer Pfote auf die andere zu legen. Dann blieb sie wieder regungslos, war nicht ein menschliches Wesen, sondern nur eine menschliche Gestalt im Bild dieses Zimmers. Die einzige Bewegung im ganzen Haus war das Zwinkern ihrer Augenlider. Eine Zeit, die so vergeht, hat keine Grenzen, keine Ufer und ist nicht meßbar.

Endlich sprang sie auf. Sie hatte sich wohl plötzlich erinnert, daß sie ihr neues Bild, als sie vorhin bei der Staffelei gestanden hatte, eigentlich gar nicht betrachtet hatte. Nun ging sie hin und sah es prüfend an. War unter ihren früheren Arbeiten eine Gruppe von der andern sehr verschieden, so stand dieses noch unfertige, doch schon deutlich erkennbare Gemälde gegen alle anderen gemeinsam in einem bis auf den Grund gehenden Gegensatz: die Problematik, die Lust am Experimentieren war verschwunden. Alles war in einfach-flächiger Weise hingestrichen, und die Hand war nur vom Herzen geführt worden. Es war ein Seestück, voll friedlichen Überschwangs und harmlos freundlicher Ekstase. Die Künstlerin war gleichsam wieder Anfängerin geworden, denn was sie in anderen Epochen an Fertigkeit gelernt haben mochte, war hier nicht anwendbar.

Ein einsamer, bräunlich-rot gefärbter Kahn schaukelte idyllisch im leisen Wind. Sein Vorderteil war sanft gehoben, und das freundlich sprudelnde Wasser kräuselte sich an seinem Bug. Die Unendlichkeit und abgründige Tiefe der Wasserfläche war allerdings zu lieblichen Wellen verzierlicht, das gewaltige Himmelsgewölbe durch herzige Lämmerwölkchen um seine Größe gebracht, und als hätten gar vor lauter Innigkeit Äther und Wasser ihre Farben vertauscht, dehnte sich die himmelblaue Ebene des Meeres unterm marineblauen Gewölbe des Himmels. Am Horizont war die See mit kleinen weißen Schaumkronen dekoriert. Den Mittelpunkt des Bildes stellten zwei Figuren dar, ein seliges, schwärmerisches Liebespaar. Die eine hatte ihre Wange an die der anderen gelegt, und diese wiederum umfaßte mit ihrem Arm die Schultern der ersten. Die Gesichter waren mit etwas verkrümmten Hälsen zurückgelegt, und die Blicke träumten in die Höhe und Ferne. Die füllige Gestalt der Frau war in ein schleierartiges Gewand gehüllt, Körper und Kopf des Mannes waren noch nicht ganz ausgeführt und teilweise erst in den Konturen mit dem Bleistift vorgezeichnet. Soviel war deutlich: die beiden barsten vor Gefühl, aber sie waren ganz und gar unschuldig. Das Ganze war reinen und aufrichtigen, doch unkünstlerischen Herzens gezeichnet und gemalt, verzeichnet und vermalt, weichlich und süßlich und noch nicht in die Sphäre der Gestaltung gekommen. Aber wie oft hatte Blanche auch die Lehrer gewechselt, in der letzten Zeit und seit ihrer letzten Wandlung überhaupt keinen gehabt!

Blanche ließ das Bild auf sich wirken, trat zwei Schritte zurück, trat wieder vor, stellte die Staffelei schiefer und steiler, kurbelte die Leinwand hinauf und hinunter, ging rückwärts bis zur Tür des kleinen Zimmers, neigte den Kopf, kniff die Augen zusammen und kam wieder nach vorn. Sie schien unzufrieden und hob ihre Hand, um nach einem Pinsel zu greifen, hielt aber ein, als fühlte sie sich nicht fähig, es besser und so zu machen, wie sie geplant und gewollt, und, mit einer resigniert wegwerfenden Handbewegung nach der Leinwand hin, wandte sie sich ab, um zu ihrer Couch zurückzukehren.

Sie legte sich nochmals nieder, aber die Ruhe wollte nicht wiederkommen. So ging sie hinunter, setzte sich geschäftig an den Sekretär und holte aus einem der Fächer einen Stoß von Papieren. Es waren Rechnungen, die meisten waren nicht bezahlt; denn sie bekam zwar von ihrem Vater monatlich eine bestimmte Summe und ließ die üblichen Geschenke zu den verschiedenen Gelegenheiten von ihren Eltern durch bares Geld ersetzen, zwar bekam sie öfter von ihrer Mutter im geheimen etwas zugesteckt, das alles aber reichte nicht aus, das Atelier nicht nur zu erhalten, sondern auch immer noch weiter zu vervollkommnen. So war sie immer in einer gewissen Bedrängnis. Augenblicklich studierte sie eine Liste, auf der ihre Schulden notiert und dann addiert waren, daneben aber lag schon eine andere, noch längere Liste, auf der ihre Wünsche für die Zukunft sorgfältig und pedantisch untereinander aufgeschrieben standen: es waren auf ihr alle Veränderungen verzeichnet, die sie hier vorzunehmen beabsichtigte, alle Reparaturen, die ihr notwendig erschienen, und all die Dinge, die sie in ihrem Haus noch brauchte oder zu brauchen meinte.

Sie erinnerte sich, daß sie oben hatte Licht brennen lassen, lief hinauf, doch als sie wieder zurückgekommen war, hatte sie keine Lust mehr, sich weiter mit ihren Geldaffären abzugeben. Sie wandte sich den Blumen zu, nacheinander den Narzissen auf dem Tisch, den Mimosen auf dem Sekretär, den Veilchen in der Ecke, umfaßte mit ausgebreiteten Händen die Sträuße, um sie zusammenzuhalten, und dies tat sie mit so vorsichtig zärtlicher Behutsamkeit, als ob sie das Wunder zustande bringen wollte, die Blüten zu ordnen, ohne sie zu berühren. Sie öffnete ein Birkenholzkästchen und schob alle Zigaretten in seinem Innern an die eine Seitenwand, so daß sie mit ihren Enden eine gerade Fläche bildeten, nahm einen Zigarrenbehälter aus gehämmertem Messing zur Hand und richtete die sechs Zigarren aus, bis sie, die Schrift ihrer Binden gleichmäßig nach oben gewandt, in vollendeter Parallelität dalagen. Nun schnupperte sie, als ob sie noch Rauch spürte, und öffnete ein Fenster, eilte hinauf, lüftete auch dort und eilte zurück; kaum aber angelangt, kehrte sie nochmals in den Vorraum, mit dem Blick zur Kammer unter der Stiege, besann sich auf dem Weg anders, kam wieder ins Zimmer und sah sich unruhig-suchend um. Ihr Blick fiel auf die Kerzen, sie löste die erstarrten Wachsbäche von ihnen, richtete die Dochte in die Höhe. Bald stand sie vor dem Schreibtisch, um die Utensilien zu überfliegen, bald vor dem Blumentisch. Sie wandte sich dahin und wandte sich anderswohin. Es war etwas Flatterndes über sie gekommen. Sie suchte nach Falten im Teppich, visierte in hockender Stellung von der Seitenwand des Regals aus, ob die Bücher in einer Linie ausgerichtet seien, sie öffnete Fächer, um sie wieder zu schließen, nahm einen Gegenstand, nur um ihn wieder dorthin zu legen, wo er vorher gelegen hatte. Sie drehte sich ruckweise nach der einen und nach der anderen Richtung. Sie ging schneller, ging mit lauteren Schritten. Kaum hatte sie einen Raum betreten, hatte sie ihn wieder verlassen, kaum hatte sie ihn verlassen, war sie wieder zurückgekehrt. Wie sie so dahinfegte, war es, als ob sie da und dort zugleich wäre. Ihre volle Körperlichkeit füllte die Zimmer, den kleinen Korridor, die schmale Stiege aus. Die Türen schienen zu eng für sie zu sein. Die winzigen Räume waren den vielen Bewegungen, der Hast ihres Ganges nicht mehr gewachsen. Ein geheimer Tumult war im Haus ausgebrochen.

Endlich ließ sie sich, wie eine rollende Kugel schließlich in einem Winkel zur Ruhe kommt, in einer Ecke des Zimmers auf einen Stuhl niederfallen, und wie etwas Aufkochendes, das man von der Flamme hebt, in sich zusammensinkt, so zog sie sich ein und duckte sich. Sie blickte vor sich hin, kurze Zeit verstrich, und sie hob den Kopf, erstaunt um sich schauend, als werde sie jetzt erst, da er verebbt war, des Lärms gewahr, den sie selbst verursacht hatte. Sie stand wieder auf, ging, nun aber leise und behutsam, ins andere Zimmer und setzte sich nochmals nieder, diesmal vor dem Sekretär. Fragend sah sie über die Dinge hin, zwar rührte sich nichts mehr, aber die wirkliche Stille trat erst allmählich ein. Dann öffnete sie eine Lade, zog ein Briefpapier hervor und schrieb: ›Mein lieber Freund! Zuerst will ich Dir erzählen, wie ich den heutigen Tag verbracht habe. Im Augenblick sitze ich vor meinem Sekretär. Vor einer Stunde ist ein Bekannter, Müller-Erfurt, weggegangen. Ich hatte ihn auf dem Weg hierher getroffen und mitgenommen. Es war recht langweilig. Allerdings, er hat mir von einem Vorfall erzählt, der sehr befremdlich und geradezu unheimlich ist und an den ich immer wieder denken muß. Doch ich will der Reihe nach erzählen: Ich bin heute sehr spät aufgestanden, erst um zehn Uhr –‹.

Sie brach ab. Unzufrieden schüttelte sie den Kopf, riß das Papier in viele kleine Stückchen und nahm einen anderen Bogen zur Hand: ›Geliebter Freund, ich sitze vor meinem Sekretär. Draußen ist es schon Nacht, es ist sehr still um mich. Leider muß ich bald nach Hause gehen, weil Gäste zu uns kommen. Aber wie gerne bliebe ich hier! Was bin ich dort zwischen den Menschen! Nur die Einsamkeit, nur die Gedanken an –‹

Ärgerlich, fast wütend, warf sie die Feder weg und zerriß auch diesen Brief. Dann blieb sie regungslos. Mit angespannten Zügen starrte sie vor sich hin. Ihre Hände waren zu Fäusten geschlossen. Aber sie lösten sich, plötzlich wachte sie auf, mit schnellem Ruck entschloß sie sich, mit heftigen Bewegungen holte sie zum dritten Mal ein Briefpapier aus dem Fach und warf es vor sich hin. Sie schob mit ungeduldiger Energie den Stuhl hin und her, rückte ihren Arm, rückte ihren ganzen Körper zurecht, beugte sich mit ein wenig schiefem Kopf tief über die Platte und begann nun nochmals, ohne zu zögern oder zu überlegen, und schrieb, diesmal mit flüchtigeren Zügen und schneller:

›Das ist der dritte Brief, den ich beginne, die beiden ersten habe ich zerrissen! Es war Geschwätz! Was ist das nur, man will etwas schreiben und schreibt etwas anderes, man will eine Melodie spielen, hat man aber die Hände auf den Tasten, dann klimpert man wie eine Schülerin die Tonleiter herunter! Jetzt aber werde ich zu Ende schreiben, mag es ausfallen wie es will! Inzwischen nämlich habe ich dagesessen, ganz verzweifelt über meine Ohnmacht, ganz wütend auf mich selbst, und habe mir immer wieder zugerufen, habe mich selbst zu überreden versucht: Öffne dich doch! habe ich mir zugerufen, sag, was du willst! sag, was du fühlst! öffne dich! öffne dich! – und jetzt werde ich auch alles sagen, was mir einfällt und wie es mir durch den Kopf geht! Vielleicht wird es keinen Zusammenhang haben, nun gut, dann wird er eben fehlen!

Ich liebe Dich grenzenlos. So mußte ich natürlich beginnen. Den ganzen Tag habe ich an Dich gedacht, und wurde ich daran gehindert, dann war es mir, als hielte man mir den Mund zu und als könnte ich nicht atmen, ja, mußte ich an etwas anderes denken, dann war ich gar nicht mehr zu Hause, war in eine fremde Welt verschlagen, verstoßen, verbannt! Vielleicht bist Du es gar nicht wert, daß ich Dich so liebe, ihr Männer seid Schufte, aber besser ein Lump, der lieben kann, als ein noch so grandioses Genie, das dessen nicht fähig ist. Wie habe ich vorhin geträumt! Übrigens bist Du ein Genie, ich meine ein Genie der Liebe!

Ich habe Deinen Brief bekommen, ich danke Dir, ich habe Deine Depesche bekommen, ich danke Dir, ich habe die Blumen bekommen, ich danke Dir, ich danke Dir! Wir haben uns heute Nacht die Blumen vorgestellt, die Du mir schon geschenkt hast, zu einem Berg aufgehäuft. Daß sie verwelken müssen! Ah, der Berg müßte blühend in den Himmel wachsen! Darüber sind wir eingeschlafen, und im Traum war ich unter ihm begraben, ich wurde von ihm erdrückt und bin unter ihm gestorben. Ich höre noch alles, was Du gesagt hast, ja, Du hast recht, daß man so nebeneinander liegt und schläft, ist doch die höchste Vertraulichkeit, man liegt da und ist ausgelöscht, liegt nur da, Körper neben Körper, als ein Ding neben dem anderen, wie eben draußen ein Baum neben dem andern wächst, ein Stein neben dem andern liegt, so ist man nebeneinander hingeworfen, so hat uns das Schicksal selbst zu Nachbarn der Nacht bestimmt! Wenn Du so sprichst, Du großer, starker Kerl – Du bist doch ein Bär! –, wie kommt nur die Sanftheit, die Behutsamkeit, das empfindliche Verständnis für eine Frau in Dich? Wer hat Dich all das gelehrt? Wie ist's in Dich gezaubert worden? Heute nacht, es gab einen Augenblick, mein Freund, ich war schon an der Grenze des Glücks angelangt und habe gemeint, daß ich Dich mit meiner Umarmung erdrücken werde – da hast Du mir einige Worte zugeflüstert – daß Du in einem solchen Augenblick so zart sein konntest! wie wenn man von einem brüllenden Sturm herrlich hin- und hergeworfen wird, und plötzlich spürt man auch noch ganz leise einen lauen, streichelnden, freundschaftlichen Abendwind! Beides zugleich! Donner, Donner, und im Donner eingeschlossen zärtlicher Gesang! Das war zuviel, da war ich über die Grenze hinausgekommen, das war nicht mehr Glück, das war schon die Auflösung!‹

Sie unterbrach sich für einen Augenblick und schloß die Augen, dann aber raffte sie sich von neuem auf, mit um so größerer Energie beugte sie sich über den Tisch, und um so eiliger flog die Hand dahin; die Buchstaben wurden kleiner, die Abstände zwischen den Zeilen immer schmäler, sie führte die Worte und Silben gar nicht mehr zu Ende; die Feder schwebte von links nach rechts übers Papier, und man hätte gar nicht bemerken können, daß sie sich auch neigte und schrieb:

›Deine Orchideen stehen vor mir, all Deine Blumen stehen um mich, die gelben Rosen, die roten Rosen, die großen Blütenzweige, die Kamelienbäume. Und wo hast Du nur die phantastischen Orchideen gefunden? Bist Du wirklich durch die ganze Stadt gelaufen, von Laden zu Laden, um sie zu finden? So viele, so viele! Du wirst noch arm werden an mir, an der Liebe, an den Blumen, ich verbiete es Dir, aber ich verbiete es Dir aufschluchzend vor Glück. Es war immer mein Traum, daß Du arm bist, dann würde ich für Dich arbeiten, vielleicht für Dich stehlen, werde Dich ernähren, bedienen, pflegen und verwöhnen und doch zugleich immer schöner für Dich werden! Du hast unlängst gesagt, daß körperliche Schönheit eine Eigenschaft der Seele ist. Das war herrlich, aber wenn es so ist, wenn Glück schöner macht, dann werde ich immer schöner und schöner werden, und dann wirst Du mich immer mehr lieben, und wenn Du mich immer mehr liebst, dann werde ich immer glücklicher werden und wieder noch schöner – Du siehst, es hat kein Ende, kein Ufer, keine Grenze – ja, und so, ohne Ufer, ohne Grenze fühle ich mich auch! Es schmerzt fast, so zu lieben und so geliebt zu werden. Ich bin müde, Du mußt mich trösten! Zuerst warst Du das Licht, das mich aufgeweckt hat, und wenn's mich gar zu sehr blendet, dann nimmst Du mich in Deinen Schatten. Auch der Tod müßte einmal in Deiner Gestalt kommen. Vielleicht wird er auch einmal so kommen. Aber kein Wort mehr vom Tod! Jetzt will ich aufhören! Leb wohl!

Ich liebe Dich grenzenlos, das ist mein Refrain, und ich weiß es, daß Du mich liebst, das ist die zum Sterben süße Melodie, auf deren Rücken ich dahinfliege. Leb wohl! Ich küsse Dich, ich fühle mich von Dir umarmt, und mir wird ganz schwach zumut dabei. Leb wohl! Ich glaube nur an Dich und an die Liebe! – Blanche.‹

Die Unterschrift war groß und kräftig hingezeichnet. Blanche richtete ihren Körper gerade und atmete auf; die Feder entglitt ihrer Hand. Ein Augenblick der Ruhe, und sie erhob sich, ging zur Tür, verließ das Zimmer, dies alles mit schnellen, fast mechanischen Bewegungen, nur von dem Brief wegstrebend, da er nun einmal geschrieben war, schritt durch den Vorraum, zu der Treppe, und plötzlich stand sie mitten im Atelier, doch da sie sich umsah, runzelte sie die Stirn und schien, als ob sie in Trance heraufgestiegen wäre, nachzudenken, was sie denn hier suche, ja, warum und wie sie eigentlich heraufgekommen sei. Sie sah auf ihre Armbanduhr, zuckte zusammen. »Um Gottes willen!« rief sie aus. Es war ein Viertel vor acht. Sie lief wieder hinunter, holte ihre Kleider aus dem Vorraum und warf sie, damit sie nachher schon vorbereitet wären, im Zimmer über einen Stuhl.

Der Brief lag noch auf dem Sekretär. Sie trat hin, hob das Papier vor die Augen, und ohne sich zu setzen, las sie, was sie geschrieben hatte. Sie war in die Lektüre vertieft wie in ein fremdes Werk, gespannt, fast neugierig, verfolgte sie Satz für Satz, und als sie fertig war, senkte sich die Hand mit dem Bogen langsam auf die Platte.

Blanche starrte vor sich hin, mit leeren Augen, schließlich hob sie die andere Hand an die Stirn. »Ich bin verrückt!« murmelte sie, »ich bin verrückt!« Doch sie blieb nur einen Augenblick so stehen, schloß mit einem Seufzer ihre Gedanken ab, holte aus ihrem Handtäschchen einen Schlüsselbund hervor, sperrte eine Lade auf und zog sie heraus; nun drückte sie auf ein Knöpfchen an der Hinterwand des Sekretärs, es knackte, und an der Seitenwand, unten, öffnete sich ein Geheimfach. Schwerfällig kniete sie nieder und holte einen Stoß von sorgfältig aufeinandergeschichteten Briefen hervor. Alle sahen so aus wie jener, den sie vor wenigen Minuten beendet hatte. Keiner von ihnen war gefaltet. Einen Moment hielt sie den Packen in den Händen, sie schob ihn wieder zurück und legte den heute geschriebenen Brief oben auf ihn hin. Dann stand sie wieder auf und schloß Geheimfach und Lade. Nochmals führte sie die Hand an die Stirn, und nochmals sagte sie, und diesmal mit jenem bestärkenden, unterstreichenden Ton, mit dem man einem Staunenden oder Zweifelnden beteuern will: wirklich! wirklich! es ist so! ich meine es im Ernst! – nochmals murmelte sie: »Ich bin verrückt! ich bin verrückt!«, aber nachdem sie abermals einen Blick auf die Uhr geworfen und »Entsetzlich, entsetzlich!« ausgerufen hatte, begann sie nun wirklich, zu eilen und zu hetzen.

Zuerst ließ sie alle Fensterläden herunter. Krachend stürzten sie nieder. Dann suchte sie ihr Handtäschchen und fand es schließlich auf dem Tisch. Sie stellte die Blumen zwischen die Scheiben, lief hinauf und lief wieder hinunter. Sie sah sich um wie ein Mensch, der vor lauter Eile nicht weiß, was er zuerst tun soll. Sie rückte im Vorbeigehen hastig die Stühle zurecht, hielt sich gegen ihren Willen länger dabei auf und schob sie von einer Stelle zur anderen. Sie ordnete die Vorhänge und glättete die Decken. Sie wollte so schnell wie möglich hier weg und nach Hause kommen, denn sie fürchtete den polternden Zorn ihres Vaters, wenn sie sich gar zu sehr verspätete, doch sie hatte offenbar immer das Gefühl, daß hier irgend etwas in Unordnung zurückbleibe, und konnte sich nicht entschließen, das Haus zu verlassen. Sie vermißte ihre Handschuhe, den einen entdeckte sie im Täschchen, den andern, nach einem alles durcheinander wirbelnden Suchen, im Mantel; noch einmal prüfte sie die Fächer des Sekretärs, ob sie geschlossen und verschlossen seien, und überzeugte sich, daß im oberen Stockwerk keine Tür offengeblieben sei. Endlich stand sie, zum Weggehen bereit, im Vorraum vor der Garderobe, entsetzt, weil Mantel und Hut nicht da waren, aber sie erinnerte sich, daß sie ihre Kleider schon ins Zimmer gebracht hatte. Zum letztenmal lief sie hinein, zog sie schleunigst an, streckte, bei der Tür stehend, ihren Arm nach der Wand aus, ihre Hand griff nach dem Schalter, und während ihre Finger ihn schon hielten, zögerte sie noch, und ein letzter prüfender Blick glitt zum Abschied über alles hin. Sie löschte aus, stürmte aus dem Haus, warf den Schlüssel unter die Matte und jagte davon. In der stillen Gasse gingen nur wenige Menschen ihres Wegs. Sie lief in der Richtung des großen schwarzen Parks und kam an die breite Straße, die entlang seines Randes dahinlief. Plötzlich sah sie vor sich Licht und Bewegung, hörte den Lärm. Sie schaute nach rechts und links und hielt das erste freie Auto an. Darin saß sie den ganzen Weg über nur auf der Kante des Bänkchens. Sie reichte dem Chauffeur ein Silberstück, und indem sie gar nicht erst auf das Kleingeld wartete, das er ihr zurückzugeben hatte, lief sie schnurstracks ins Haus. Der Aufzug war gerade unterwegs, so stürmte sie die drei Treppen hinauf.

Oben schweifte schon Doktor Riedinger unruhig durch die Wohnung. Von Zeit zu Zeit rief er seiner Frau durch alle Zimmer etwas zu. Er war über sechzig Jahre alt und war herzkrank, doch von dieser Tatsache durfte weder in der Familie gesprochen werden, wenn es die Notwendigkeit nicht verlangte, noch durfte sie Fremden verraten werden, ja, sogar vor den Freunden sollte sie, soweit es anging, verborgen bleiben. Er war mittelgroß und trug eine große Hornbrille. Sein Gesicht war faltig und zerknittert, und seine Glatze war unter langen Haaren versteckt, die von der einen Seite her nach der andern über den Schädel gelegt und geklebt waren. Der gestutzte Schnurrbart war schwarz wie Tinte, und viele Leute nahmen an, daß er gefärbt sei.

Seit einer halben Stunde schon war er ungeduldig. Seine angeregte Stimmung, denn er hatte gern Gäste, gern Bewegung um sich, vermischte sich lärmend mit dem Ärger über seine Tochter, die noch nicht zu Hause war. Doch endlich kam sie. Ihre Mütze saß schief auf dem Kopf, und der oberste Knopf des Mantels war in das zweitoberste Loch gesteckt, so daß sich im Kragen ein häßlicher Buckel gebildet hatte. Keuchend und derangiert, mit kleinen Schweißperlen auf der Stirn und mit geblähten Nasenflügeln, abgehetzt und flackernd in nervöser Hast, betrat sie die Wohnung, warf einen Blick in die Garderobe, um sich zu überzeugen, ob schon Gäste gekommen seien, und stürzte, weil sie von ihrem Vater nicht ausgezankt werden wollte und weil sie sich noch umkleiden mußte, direkt in ihr Zimmer.

IV

Nachdem er Blanche verlassen hatte, ging Müller-Erfurt nach Hause. Er wurde bei Ruge und dessen Frau erst um halb neun erwartet, und seine Wohnung lag ohnedies, wenn man seine beiden möblierten Zimmer überhaupt so nennen darf, auf der Strecke nach jener neuen westlichen Villenkolonie, in der seine Freunde ein kleines Haus besaßen. Es hatte geregnet, jetzt nieselte es noch, und die Straßen waren naß und glatt; dennoch ließ er Autobus und Elektrische an sich vorüberfahren und entschloß sich, zu gehen, wahrscheinlich, weil er die Bewegung, in der er nun einmal war, nicht unterbrechen wollte und weil dem ohne Unterlaß sich drehenden Räderwerk seiner grüblerischen Gedanken der ungestörte Trott der gleichmäßigen Schritte besser entsprach. Immerhin wählte er den nächsten Weg, und so mußte er den Park durchqueren. Dieser war in seinem Inneren mit dumpfer Düsternis angefüllt.

Wie eben manchmal eine Jahreszeit sich von einer anderen einen Tag entleiht, so daß sich im Dezember – milde, lau und ermüdend – unerwartet ein Vorfrühlingstag auftut oder der Oktober für einen kurzen Nachmittag August und Juli vortäuscht, so hätte man auch diese dunklen Märzstunden für diejenigen eines trüben Novemberabends halten können. Die dichte Feuchtigkeit war, alles verhüllend, eintönig über die Gegend hingebreitet; die Luft war durchnäßt, kein Kleid und kein Mantel konnte den Körper vor dem zäh durchdringenden Nebel beschützen; der Sand unter den Füßen vermischte sich mit der durch das Wasser heraufgeschwemmten Erde zu einem Brei.

Alles verschwamm und verging vor den Augen. Soweit die nahen Bäume und Sträucher wahrnehmbar blieben, schienen sie, ohne Linien und Konturen, selbst nur aus Dampf geformt zu sein, ungefähre, zerrinnende Gestalten bildend. Die Bogenlampen, die den breiten Weg begleiteten, blieben unsichtbar, statt ihrer schwebten, rötlich schimmernd, Dunstkreise und Nebelkugeln in der Höhe. In diese Atmosphäre drang, auch nur dunkelgrau summend, der Lärm von den Rändern des Parks, aus den Straßen der Stadt, herein. Müller-Erfurt begegnete nur wenigen Menschen und ging, den Kopf gesenkt, den Mantelkragen aufgeschlagen, die Hände in die Taschen gestopft, immer weiter wie durch einen Wolkenraum. Doch es war nicht November, sondern März, und aus dem schon angewärmten und nun auch durchfeuchteten Boden stieg jedem, der es spüren wollte, durch allen Herbst, der Geruch des lebendig gewordenen, sich zersetzenden Erdreichs herauf, und schon waren überall versteckt, gestern und heute erst hervorgesprossen, am Tag noch kaum sichtbar in ihrer Winzigkeit, jetzt aber von der regendicken Luft verhüllt und in der nächtlichen Finsternis wie zu ungestörtem Schlaf verborgen, still, kindlich und bescheiden, die ersten Krokusspitzen, die ersten Gräser, die noch zusammengerollten Blättchen an den Zweigen, die ersten zarten Quellen des ungeheuren Stroms von Grün, der bald hervorbrechen mußte.

Müller-Erfurt dachte an seinen heutigen Besuch bei Blanche Riedinger. Obwohl er niemals ein Zeichen gegeben, daß er den Besitz dieser Frau anstrebe, ja, in den Zwischenzeiten, da er sie nicht gesehen, an sie auch nicht einmal gedacht hatte, war er jetzt doch von einem unbehaglichen Gefühl beschwert. Es schien ihm eine beschämende Ungeschicklichkeit, fast ein Mißerfolg zu sein, daß er, trotz der einladenden und suggestiven Situation in dem kleinen dämmerigen Haus, nicht anders fortgegangen, als er gekommen war. Er erinnerte sich eines Essays über das Privatleben und den Charakter des Marquis de la Robe, den er gelesen hatte. Der Marquis hatte bis in sein höchstes Alter alle Frauen bezaubert, sie hatten ihn, die Schönheit und Eleganz der jugendlichen Kavaliere mißachtend, umworben, der ganze Hof, ganz Paris war sein Harem gewesen, und dieses Glück der Liebe hatten ihm, der häßlich wie ein Geier und unappetitlich wie ein Tintenfisch gewesen, lediglich die Kraft, der Witz und der Charme seines Geistes verschafft. Müller-Erfurt hätte sich nicht für ganz unfähig gehalten, es de la Robe gleichzutun, denn er hatte in die Augen springende Ähnlichkeiten zwischen sich und ihm gefunden, ja, er war der Meinung, daß er ihn übertreffen könnte, wenn nur die Umstände für ihn günstiger wären, annähernd so günstig, wie sie für den Franzosen gewesen waren. Ein anderes Land, ein anderes Jahrhundert, andere Frauen, die Verstand und Grazie des Wortes zu schätzen wußten!

Er überlegte, ob er sich heute, bei seinem eben beendeten Besuch, richtig oder falsch verhalten hatte, ob er hätte dringlicher werden sollen und ob, wenn er dringlicher geworden, sie auch zugänglich gewesen wäre, er rief sich zurück, was gesprochen worden und was geschehen war, und so wiederkäute er die Stunde und zermahlte sie mit seinen Erwägungen. Dies alles wurde zum Anlaß für ihn, sich zu betrachten, seine eigenen Fähigkeiten und Gewohnheiten zu studieren und zu kommentieren, und er begann schließlich, sich zu analysieren. Wenn aber ein Mensch erst einmal anfängt, sich selbst durchzuwühlen und durchzugrübeln, dann ist er bald in einem Labyrinth, er kommt nicht weiter als ein in einem Gespensterreich Verirrter.

Als wollte die Stadt ringsumher den Park in ihrer Mitte überrennen und überschwemmen, als hätte sie schon an einigen Stellen ihre Ufer übertreten und flösse nun in mehreren Bächen durch diese grüne Insel, so wurde deren Gelände hier und da von einer breiten, eiligen Straße durchschnitten, auf der, mit ihren vernebelten Lichtern, in ihrem gleichmäßig schnellen Tempo, die Autos dahinfuhren. Müller-Erfurt sah in diesem Dunst nicht so sehr, was sich bewegte, als vielmehr nur die allgemeine, hastig strömende Bewegung. Vorsichtig überschritt er mehrmals den Damm, umging einmal im rechten Halbkreis einen freien Platz, der sich dort gebildet hatte, wo einige Wege einander kreuzten, und tauchte immer wieder in der Landschaft des Parks unter. Endlich kam er an dessen Peripherie und betrat wieder die harten Straßen. Es war ein mäßig belebtes Viertel, er ging, abwechselnd nach links und nach rechts einbiegend, noch einige Gassen und gelangte schließlich in jene breite Straße, in der vor dreißig Jahren, wenn auch nicht die reichsten, so doch wohlsituierte und solide Leute gewohnt hatten und in der er jetzt lebte.

Der Flur des Hauses, in dem er seine beiden Zimmer hatte, war groß und hoch, erweckte den Eindruck einer weiten Halle und demonstrierte mit seiner Raumverschwendung den einstigen Wohlstand der Bewohner. Die Seitenwände waren von unten bis zu zwei Dritteln der Höhe mit bunten Mosaikbildern ausgelegt, deren eines den Aufbruch eines Germanen zur Jagd und deren anderes die Krönung eines altdeutschen Königs darstellte. Auf jeden der beiden Pfosten, in die unten das Geländer der zum Hochparterre führenden Freitreppe auslief, war, aus dunkler Bronze, der nackte Oberkörper einer Frau gesetzt, die dem Eintretenden aus gebieterisch aufgerissenen Augen mit leerem Blick entgegenstarrte. Die beiden inneren, den Stufen zugekehrten Arme waren straff hinuntergesenkt, während die anderen, den Mauern zugewandten, triumphal in die Höhe gereckt waren. Jede der vier Fäuste umklammerte einen aufrechten Stab, auf dessen Ende oben, als Lampe, eine Milchglaskugel stand; doch brannte seit langem schon von der linken Figur nur die tiefere, von der rechten Figur nur die höhere Kugel.

Müller-Erfurt stieg den breiten Treppenaufgang empor und reinigte im zweiten Stockwerk am dicken braunen Vorleger vorsichtig und langsam seine Stiefel, indem er die Füße hin und her verrenkte und jede Kante, jede Ritze nach Schmutz absuchte; dies aber tat er, wie es schien, nicht nur aus Gewohnheit so umständlich und gründlich, sondern auch wie ein Mensch, der oft dazu ermahnt worden ist und offenbar Angst vor dem Ermahnenden hat. Währenddessen zog er seinen Schlüsselbund hervor. Als er aber die beiden Schlösser aufgesperrt hatte und nun die Wohnung betrat, stand schon, dem Eingang und ihm gegenüber, im Türrahmen zwischen dem Vorraum und ihrem eigenen Zimmer, groß und mit statuösem Gliederbau, von oben bis fast zu den Knöcheln schwarzgekleidet, über dem kräftigen, knochigen Gesicht die grauen, helleuchtenden Haare in der Mitte gescheitelt und hinten zu einem Knoten verschlungen, vorn aber so glatt, so geordnet, so ebenmäßig an den Kopf gelegt, daß man sie für ein Stück schimmernde Seide hätte halten können, stand also, ihn hochüberragend, unbewegt und ihm stumm entgegensehend, seine Wirtin, Frau Schöttler. Sie war im matten Licht wie eine dunkle Säule. Er schaute mit einer gewissen Beklommenheit zu ihr empor. Ihr kalter Blick, unbewegt wie ihre Gestalt, hatte wie immer etwas Tragisches und zugleich Vorwurfsvolles, dieser Blick, der zu sagen schien: Hier bist du also wieder, kleiner, nichtiger Mensch! Was wirst du wieder von mir verlangen? Wer grüßt zuerst? Die Vermieterin den Mieter oder umgekehrt?

Müller-Erfurt versuchte, diese ungemütlichen Momente des Empfanges, an die er sich im Laufe der Jahre noch immer nicht hatte gewöhnen können, mit kleinem Übermut zu überbrücken, indem er zum Scherz mit spielerisch-chevaleresker Geste in weitem Bogen den Hut durch die Luft schwang: »Ich begrüße Sie, Frau Schöttler!«

Sie senkte, und es war nur wie die Andeutung eines Grußes, leicht, steif und fast zeremoniell den Kopf: »Guten Abend, Herr Müller-Erfurt!«

Er streifte die Handschuhe ab und zog den Mantel aus, sie aber stand noch, ohne sich zu rühren und ihn mit kühlem Blick betrachtend, auf ihrem Fleck.

»Gibt es etwas Neues, Frau Schöttler?«

»Ja. Es ist ein Telegramm für Sie gekommen.«

»Ach –! Ein Telegramm –? Wo ist es?«

»Ich habe es natürlich auf Ihren Schreibtisch gelegt!«

»So. Danke!«

Sie senkte zum zweitenmal, wie als offiziellen Abschiedsgruß, den Kopf, sagte: »Bitte!«, trat zurück, schloß hinter sich die Tür und kam so wieder in ihr Zimmer, in dessen Mitte sie sich an der Schmalseite des großen, viereckigen Tisches niederließ. Mit aufrechtem Oberkörper auf ihrem Stuhle sitzend, neigte sie sich mit beiden Händen einen grünlich-schäbig gebundenen Leihbibliotheksband zu, der dort liegengeblieben war, und setzte ihre Lektüre fort, die sie nur unterbrochen hatte, um in den Vorraum zu treten und Licht zu machen, als ihr in der stetigen Stille ihrer Wohnung auf bestimmte Geräusche dressiertes Ohr die Ankunft Müller-Erfurts gemeldet hatte. Dieser Raum war ehemals ihr Speisezimmer gewesen, enthielt dessen schwere, reichgeschnitzte Möbel, doch jetzt außer diesen auch noch ein Bett, und diente Tag und Nacht zu ihrem Aufenthalt. Er lag fast im Dunkeln, in schattenhaft verschwimmender Düsternis, und nur eine dicht herangeschobene Leselampe warf helles Licht auf die Seiten des Buches und von unten her durch den dunkelgrünen Schirm einen gedämpften, schwächeren Schein auf ihr kräftig gebautes hartes Gesicht.

Sie war seit achtzehn Jahren Witwe. Ihr Mann war ein höherer Beamter in einem der Ministerien gewesen, und da er als fleißig und gewissenhaft gegolten, hatte sie insgeheim davon geträumt, daß seine Laufbahn eines Tages in einem gewissen, ihr gewaltig erscheinenden Titel endigen würde. Doch ihre Hoffnungen waren schnell zusammengebrochen, da eine entscheidende Veränderung seines Wesens eingesetzt, seine Pünktlichkeit sich in Nachlässigkeit, seine friedfertige Höflichkeit in anmaßende Aggressivität, sein gleichmäßiger Fleiß in Verachtung gegen jegliche Arbeit, dann wieder in sinnlos-hastigen Tätigkeitsdrang verwandelt hatte. Die Arroganz und die Verwilderung seines Wesens steigerten sich zu offenen Feindseligkeiten gegen seine Kollegen, zu bissiger, unverhüllter Kritik an seinen Vorgesetzten, zu unbegreiflichen Intrigen, zu schamlosem Geschrei und endlich zu allerlei Skandalen. Seine Umgebung war so sehr von den Gefühlen der Beleidigung, des Ekels und des Hasses gegen ihn beherrscht, daß sie gar nicht dazu kam, zu erkennen, wie es in Wirklichkeit um ihn stand. Diese problematisch-häßliche Zeit hatte mit einem schnell durchgeführten Disziplinarverfahren, bei dem er nur in frecher Selbstüberhebung aufgetreten war, und mit seinem endgültigen Sturz ihren Abschluß gefunden: er war nicht nur seines Amtes, sondern auch seines Titels und seiner Pension verlustig gegangen.

Zwar hatte Frau Schöttler keine Not gedroht, denn ihre Verwandtschaft hatte sich ihrer angenommen, doch damals war sie aus der Hierarchie, innerhalb derer sie einen, wenn auch nicht sehr hohen, so doch einen ganz bestimmten Rang innegehabt hatte, auf die breite, platte Ebene hinuntergestürzt, über der jene aufgebaut ist. Ein halbes Jahr später hatten Schutzleute ihren Mann, nachdem er achtundvierzig Stunden verschwunden und verloren gewesen war, zu Hause abgeliefert: schmutzig, verlottert, aufgelösten Geistes und lallend, ein elendes Bündel. So hatte er, als Wahnsinniger, noch einige Monate dahinvegetiert und war dann gestorben. Und nun hatte der Kampf ihres Lebens zu Ende geführt werden müssen, der schon eingesetzt hatte, während Schöttler noch dahingesiecht war. Es lag nämlich der Gedanke nahe, daß die Exzesse, die er sich während seiner Amtstätigkeit hatte zuschulden kommen lassen, nichts anderes als Vorzeichen seiner Krankheit gewesen seien, eine Annahme, deren wahrscheinliche Richtigkeit von den Ärzten bestätigt wurde. Deshalb verlangte Frau Schöttler, daß das Verfahren gegen ihren Mann nachträglich revidiert, der Urteilsspruch für nichtig erklärt werde, er als rehabilitiert, sie selbst aber als berechtigt, die Pension zu beziehen und als die Witwe des während der Ausübung seiner Berufstätigkeit tödlich erkrankten und in Amt und Ehren gestorbenen Regierungsrats Schöttler zu gelten habe. Doch sie stieß auf bürokratische Gleichgültigkeit, Widerstand und Härte.

Dies hing mit der Unklarheit der Gefühle und der dumpfstörrischen, durch keine Vernunft zu beirrenden Eigenliebe der Menschen zusammen. Hätte sich nämlich seine beginnende Verwirrung, als er noch Beamter gewesen, ungefähr so gezeigt, daß er eines Tages, in einem tollen Bedürfnis nach Ulk, mit einem Schmetterlingsnetz ins Amt gekommen wäre oder während einer Sitzung Tinte getrunken hätte, sie hätte heute noch ihre Pension beziehen können; aber seine Extravaganzen waren weniger harmlos gewesen, und jene Herren, die den Fall zu bearbeiten hatten, waren dieselben, die den Mann, den er betraf, gekannt, die all seinen Hohn und sein Geschwätz hatten über sich ergehen lassen müssen und unzähligemal von ihm beleidigt und durch seine Intrigen in ihrer Karriere geschädigt worden waren. Man versuchte, ihnen zu beweisen, daß sie es damals doch schon mit einem Kranken zu tun gehabt hätten – gewiß, gewiß, sie waren ja nicht abgeneigt, es zu glauben, wenn ihnen aber ganz bewußt gewesen wäre, was in ihnen vorging, und wenn sie ganz aufrichtig gewesen wären, dann hätten sie so etwa gesprochen: Gewiß, gewiß, wir verzeihen ihm seine Krankheit, niemals aber wird es uns in den Kopf gehen, warum sich seine Krankheit gerade nur in Frechheit und Unverschämtheit gegen uns zeigen mußte! Gewiß, gewiß, wir verzeihen ihm seine Krankheit, nicht aber deren Symptome, die darin bestanden, daß er uns verachtet und für Esel gehalten und uns dies auch nicht verborgen hat!

Kein Zweifel, sie waren voll von Ressentiments, sie waren kleinlich und parteiisch, dennoch läßt es sich nicht leugnen, daß ihren Gefühlen eine Erkenntnis zugrunde lag, nämlich die, daß auch diese Verwirrung, wie so manche andere, sich zuerst nicht in der Verleugnung des dem Menschen gegebenen Geistes geäußert hatte, sondern im Gegenteil, in dessen eigentlicher Offenbarung, in einer entsetzenerregenden Ehrlichkeit, in abgründiger Natürlichkeit.

Frau Schöttler kämpfte mit Verbissenheit und Ausdauer, es ging um die Entscheidung ihres Daseins: denn hätte man ihr die Berechtigung zuerkannt, sich – mit allen materiellen Folgen, die sich daraus ergaben – regulär und offiziell als die Witwe des Regierungsrates Schöttler zu betrachten und zu bezeichnen, dann hätte ihr Dasein wieder in die frühere, ihr vorgezeichnete Bahn zurückgefunden, und die beiden zuletzt vergangenen Jahre wären ihr eben nur als traurige Periode ihres Lebens in Erinnerung geblieben, denn schließlich, sieht man von jenen ganz seltenen Fällen ab, in denen Mann und Frau zugleich vom Tod ereilt werden, geschieht es, so mochte sie es empfinden, jedem zweiten verheirateten Menschen, daß der Partner seiner Ehe vor ihm stirbt; was ihr aber jetzt widerfahren sollte, daß man sie anläßlich dieses Todes auch noch auf eine tiefere Stufe innerhalb der Gesellschaft hinunterstoßen wollte, als es ihr nach ihrem ganzen Herkommen gebührte, denn ihr Vater war Oberst gewesen, daß man sie im Brei der anonymen Masse aufgehen lassen wollte, innerhalb deren es weder Rang noch Titel noch irgendwie merkbare Unterschiede gibt, das ging denn doch in unerträglicher Grausamkeit über das naturgegebene Schicksal hinaus.

Auf Formalitäten sich stützend, mit Paragraphen winkend, lehnten die Behörden in allen Instanzen die Ansprüche der Witwe Schöttler ab. Als ihr der Anwalt die entscheidende Mitteilung machte, straffte sie sich, lehnte alle Tröstungen ab und verließ erhobenen Hauptes die Kanzlei. In dieser Haltung verharrte sie nun. Die Höhe, von der sie hatte herabsteigen müssen, schien ihr unermeßlich, sie hielt es, eine entthronte Königin, nicht für vereinbar mit ihrer Würde, ihren Jammer zur Schau zu tragen.

Ihre aufrechte, ungebeugte Haltung, ihr sicherer, fast männlicher Gang, ihr ganzes entschiedenes und verschlossenes Wesen bewiesen, daß sie sich vorgenommen, über ihr Schicksal, eine Zimmervermieterin geworden zu sein, nicht mehr zu klagen, daß sie sich dazu durchgerungen hatte, als schweigende Märtyrerin zu leben; die Falten allerdings, die von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinunterliefen, diese Schmerzensstraßen in ihrem sonst noch verhältnismäßig glatten Gesicht, sprachen von Kummer und Elend, die diesen Entschluß und seine Durchführung begleitet hatten; ihre unbewegten, gleichgültigen Augen aber, ihre kalten, distanzierenden, immer zum Vorwurf bereiten, in unbeobachteten Momenten ihr Gegenüber messenden und kritisierenden Blicke ließen ahnen, wieviel unfreundliche Gefühle gegen die Welt, die ihr Unrecht getan hatte, wieviel Feindschaft und Grimm in ihre Stummheit mit hineingewachsen waren.

So lebte sie nun seit über siebzehn Jahren. Nach dem Krieg hatte sie auch ihr kleines Vermögen verloren, die Unterstützungen ihrer Verwandten wurden kleiner und hörten schließlich ganz auf. Nun war sie nur auf die Einnahmen aus ihrer Wohnung angewiesen. Jetzt allerdings standen ihr drei Zimmer leer, und Müller-Erfurt war ihr einziger Mieter. Wenn ihre weiblichen Verwandten sie nach ihrem Zimmerherrn fragten, dann erwiderte sie gewöhnlich: »Mein Gott! Ich tue eben meine Pflicht und verhalte mich ihm gegenüber in jeder Beziehung vollkommen korrekt!« Waren aber die Damen in ihrer Neugier mit dieser Antwort nicht zufrieden und bohrten sie noch ein wenig, um doch noch vielleicht etwas über ihn, seine Person und seine Lebensumstände zu erfahren, dann gab sie meistens die Auskunft, wobei zur Hervorhebung der Akzent auf dem ersten Wort lag: »Er verhält sich natürlich nicht immer ganz korrekt!«

Sie war noch niemals mit einem Mieter zufrieden gewesen. Jede an sie gerichtete Forderung oder Bitte war ihr eine Erinnerung an ihren Sturz aus großer Höhe, jeder Gruß ein Beweis für die Nichtachtung der Nebenmenschen, ein neues Zeichen für ihr Lebensunglück. So war sie von einem immerwährenden Leiden geplagt, unendliche Schmerzen häuften sich auf, ewig von neuem blutende Qualen wurden erduldet: wegen eines Scherzes, der ihr nicht angebracht erschien, wegen eines Wortes, das ihr nicht genug Respekt erwies, wegen eines Blickes, den sie aus irgendeinem Grund für beleidigend hielt; ihr Herz verkrampfte sich, ihre Seele fühlte sich zerrissen und entzweigeschnitten, und immer nur, immer nur wegen eines Nichts.

Müller-Erfurt betrat sein Wohnzimmer und machte Licht. Seine Augen suchten schnell das Telegramm, das auf die schwarze Schreibmappe gelegt war, und ließen es nicht mehr aus ihren gespannten Blicken, zugleich aber ging er selbst, wie um sich zu beweisen, daß die Ankunft einer Depesche ihn nicht beunruhige und neugierig mache, ging er mit erzwungen kühlen Schritten, gleichsam mit gebremster Eile, auf seinen Schreibtisch zu, ja, noch etwas langsamer, als es seinem gewöhnlichen Gang entsprach. Mit Nonchalance ergriff er das Papier, und erst als er es nur noch aufzureißen hatte, vergaß er das Spiel, das er da spielte, und tat es mit hastigem Ruck. Er runzelte die Stirn, da er das auseinandergefaltete Blankett anschaute. Das Telegramm lautete: ›Bitte heute nicht kommen – Ruge.‹

Erstaunt sah er auf das Blatt in seinen Händen. Er wunderte sich nicht über den Inhalt der Depesche, auch nicht, daß sie fast im letzten Augenblick gekommen war, wohl aber darüber, daß sein Freund sich nicht die Mühe nahm, ihm einen Grund für seine Absage wenigstens anzudeuten; vor allem war's erstaunlich und eigentlich unbegreiflich, daß er, statt zu telephonieren, überhaupt telegraphiert hatte, denn er, Müller-Erfurt, war den Vormittag über in der Bibliothek, in der er angestellt war, Frau Schöttler aber den ganzen Tag in der Wohnung erreichbar. Das Telegramm konnte erst vor kurzem abgegeben worden sein, denn es war um vier Uhr abgesandt.

Müller-Erfurt schritt in seinem Zimmer auf und ab, er schien nach Gründen für Ruges sonderbares Verhalten zu suchen. Schließlich tat er das eigentlich Nächstliegende: er ging selbst an den Apparat, um Ruge anzurufen, doch es meldete sich niemand in dessen Wohnung. Er schüttelte, nicht recht begreifend, den Kopf, ging zurück und wanderte wieder, eine Zigarette um die andere rauchend, auf und ab; in regelmäßigen Abständen jedoch, sooft er einen Stummel in den Aschenbecher abgeworfen hatte, wiederholte er seinen Versuch, doch es blieb beim gleichen.

Noch niemals war in Ruges Wohnung ein Anruf ohne Antwort geblieben, im übrigen war es jetzt seine Arbeitszeit und jene Stunde, zu der er täglich erreichbar war. Müller-Erfurt kannte zu gut die Gewohnheiten des Hauses, um annehmen zu müssen, daß mindestens ein Mensch: entweder Ruge oder dessen Frau oder das Dienstmädchen, zu Hause sei. Er stritt mit der Dame vom Amt, verlangte die Aufsicht, ließ den Anschluß überprüfen, wollte nicht glauben, daß er in Ordnung sei, und beharrte trotzig darauf, verbunden zu werden. Nach seinen vielen Klagen und Beschwerden erwog man schließlich auf dem Amt die Möglichkeit, daß eben niemand, auch wenn es läutete, an den Apparat herangehe. Aber gerade diese Möglichkeit war es, an die Müller-Erfurt am wenigsten gern glauben wollte und die ihn, in Verbindung mit dem rätselhaften Telegramm, einigermaßen beunruhigte.

Als er nach wenigen Minuten abermals sein Glück versuchte und den Hörer abhob, öffnete sich lautlos das Zimmer der Frau Schöttler, die innen, wenn auch nicht die Gespräche und den Zusammenhang verstanden, so doch seine lauter werdende Stimme und die immer gleiche, unentwegt wiederholte Nummer gehört haben mußte. Sie erschien auf der Schwelle und blieb dort regungslos stehen. Er wurde durch ihre Anwesenheit irritiert und fragte sie mit einem Blick und einer kleinen Geste, ob sie ihm etwas zu sagen habe, sie aber erwiderte ihrerseits mit gemessener Gebärde, er möge sich nur ja nicht stören lassen, sie wolle ihn nicht unterbrechen, dazu habe sie viel zuviel Lebensart, sie sei nur aus reiner Neugierde herausgetreten, um zu sehen, was hier wieder für ein Unsinn vor sich gehe. Sie schaute mit unerbittlicher, geradezu schmerzhafter Kühle auf ihn nieder. Er schielte zu ihr, die sich nicht rührte, hinüber, sie aber sah von ihrer Höhe dem kleinen Mann mit jenem stummen, prüfenden Blick entgegen, vor dem jedes Gewissen in Unsicherheit gerät, mag's auch eine Sekunde vorher noch leicht, rein und unbeschwert gewesen sein. Er fühlte sich veranlaßt, ihr, während er in den Hörer lauschte, Erklärungen abzugeben: er sei für den heutigen Abend eingeladen gewesen, man habe ihm aber im letzten Moment in auffälliger Weise abgesagt, nun glaube er aus bestimmten Gründen, besorgt sein zu müssen. Sie hörte seine Ausführungen an, ohne zu erwidern, doch ihre Augen, ihre ganze Haltung sprachen von ihrer Überzeugung, daß alle Menschen überflüssige, im Grunde bedauernswerte Wesen seien, die sich in unbegreiflich sinnloser Weise abhetzen, abstrampeln und ihre Umwelt irritieren, ärgern und plagen – wofür der hier anwesende Mann ein ausgezeichnetes Beispiel sei! – Unter ihren stummen Blicken verhaspelte er sich, die Worte und Silben stolperten übereinander, und wie er so zu der reglosen, schwarzen Gestalt hinaufstotterte, wurde er tatsächlich von Augenblick zu Augenblick eine immer armseligere Kreatur. Er mußte wohl das Gefühl haben, einzuschrumpfen, hängte den Hörer an und ging, zwar schnell, aufrecht und laut die Füße setzend, in sein Wohnzimmer, wahrscheinlich aber mit dem Lebensgefühl einer Mauerassel, die sich beim Nahen eines Menschentritts in ihr Loch verkriecht. Auch Frau Schöttler kehrte, stumm wie sie gekommen war, in ihr Zimmer zurück.

Müller-Erfurt gab die Versuche, Ruge zu erreichen, vorläufig auf, setzte sich an den Schreibtisch und holte aus einem der Fächer ein in einen festen Umschlag gebundenes, dickes Heft hervor, sein Tagebuch, begann zu schreiben und füllte mit seinen kleinen, unleserlichen Buchstaben Seite um Seite. Nur einzelne, oft wiederkehrende Worte waren zu entziffern, die Worte: Mann, Frau, Liebe, Erotik, Wirkung, Verführung, Eroberung, Hemmung, Gelegenheit, Verzicht und die Namen Blanche Riedinger, de la Robe, Don Juan und Casanova.

Nachdem er das Buch wieder weggesperrt hatte, zog er aus einer anderen Lade ein kleineres Heft hervor, in das er, in Form von Notizen und Aphorismen, seine Beobachtungen und Betrachtungen einzutragen pflegte. Er träumte davon, eines Tages mit einer Sammlung der besten seiner Sätze an die Öffentlichkeit zu treten. Es waren die alltäglichen Überlegungen eines Menschen, der sich viel mit sich selbst beschäftigt, mehr sich anschaut und beguckt, als die Welt erlebt, und zeichneten sich, ohne geradezu dumm zu sein, weder durch Originalität noch durch Tiefe aus.

Durch die Absage seines Freundes hatten sich seine Pläne geändert, und er war nun entschlossen, Blanches Einladung für den späteren Abend anzunehmen. So ging er jetzt ins Zimmer seiner Wirtin hinüber, um sie zu fragen, ob er vielleicht zu Hause essen könnte. »Sie haben mir doch gesagt, daß Sie nicht zu Hause essen werden!« erwiderte sie kühl und nicht ohne Strenge. Er nickte eifrig mit dem Kopf und beeilte sich, zuzugeben, daß er ursprünglich tatsächlich andere Absichten geäußert habe. »Die Läden sind schon geschlossen«, beharrte sie.

»Ich weiß es«, sagte er schuldbewußt, »ich habe ja auch nur für jeden Fall fragen wollen.« – Doch sie schien dies alles nur vorgebracht zu haben, um vor allem den Tatbestand festzulegen, und nachdem sie konstatiert hatte, daß er etwas zu fordern nicht das Recht habe, versprach sie ihm ein, wenn auch, wie sie sagte, sehr frugales Abendessen.

Vorläufig legte er sich auf die Chaiselongue und nahm die Zeitung, doch er schlief ein. Nach einiger Zeit wurde er durch den Lärm des Telephons geweckt, hörte draußen die Stimme der Frau Schöttler und gleich darauf ihre Schritte, die sich seinem Zimmer näherten. Als sie an die Tür klopfte, war er schon aufgesprungen. »Ich komme!« rief er, und während sie ansetzte, ihm zu melden, daß er am Apparat verlangt werde, eilte er schon erwartungsvoll in den Vorraum, an ihr vorbei, und ergriff schnell den Hörer; sie aber blieb auf ihrem Fleck, vollendete den Satz, den sie nun einmal begonnen hatte und den sie offenbar nicht unterdrücken konnte oder wollte, und sprach so unerbittlich in seine längst schon angefangene Unterhaltung. »Sie werden«, sagte sie, »am Apparat verlangt, es ist eine Dame, ihren Namen habe ich nicht verstanden, obwohl ich zweimal nach ihm gefragt habe. Sie spricht sehr undeutlich. Vielleicht bitten Sie gelegentlich Ihre Bekannten, etwas deutlicher zu sprechen.«

Müller-Erfurt hatte gehofft, daß es Ruge sei, der ihn anriefe, doch er war es nicht; vielmehr schrie ihm eine laute, temperamentvolle Frauenstimme entgegen: »Grüß dich Gott, du Schweinehund! Was hast du für heute abend vor?«

»Gisela!« antwortete er. »Du bist's! Ich gehe zu Blanche Riedinger – gehst du mit?«

»Warum? wieso?«

Er lachte: »Warum! wieso! Sie hat mich eingeladen, es sind ohnedies einige Gäste dort!« Bevor sie aber wieder zu Worte kam, sprang er gleich über: »Hast du etwas von Ruge gehört?«

Wiederum rief Gisela: »Wieso?« Doch es klang etwas gepreßt, als wäre weniger Atem in ihrer Stimme, es klang erschreckt und leiser, wie von einem Menschen gesprochen, der sich plötzlich einer Frage gegenübersieht, auf die er nicht vorbereitet war. Es entstand eine Sekunde der Stille, die um so tiefer war und um so länger anzudauern schien, als sie, mit einem Schlag eingetreten, in frappantem Gegensatz zu der anfänglichen Lebhaftigkeit des Gespräches stand. Er wiederholte seine eigenen Worte: »Nun, hast du etwas von ihm gehört?« Sie fand zu ihrer früheren Lebhaftigkeit, zu ihrem unbekümmerten Tonfall zurück: »Wieso? warum fragst du?« Er erzählte das Notwendige. »Aha!« rief sie, als sie alles gehört hatte. »Da wird dich Ruge wohl morgen anrufen!«

»Aber ich bin besorgt. Wer weiß, was dort vorgeht!«

»Ja! Wer weiß es! Ich weiß es auch nicht! Aber laß nur! laß nur! Er wird dich morgen anrufen!«

»Weißt du etwas?«

»Ich weiß gar nichts!«

»Sollte man nicht zu ihnen hinausfahren?«

»Um Gottes willen! Bleib, wo du bist! Kümmere dich um nichts!«

Er wiederholte: »Was geht dort vor?«

Sie schrie: »Himmeldonnerwetter! Ich weiß doch nichts!«

»Aber Gisela –! Das ist doch nicht wahr! Natürlich weißt du irgend etwas! Mir ist's nicht geheuer!«

»Geheuer oder nicht! Du wirst nichts ändern! Bleib, wo du bist, und schweig!«

In dieser Art stritten sie noch einige Zeit, doch Müller-Erfurt verlor schnell seine Kraft, wurde zaghafter und sprach ungeschickt, denn Frau Schöttler war zwar wieder in ihren eigenen Wohnraum zurückgekehrt, dann aber wieder herausgetreten, allerdings nur, um den Vorraum zu durchqueren und in die Küche zu gehen, doch sie hatte hinter sich die Tür zu ihrem Zimmer offengelassen, und eben von dort her, aus diesem Zimmer, fühlte er sich nun von einem Augenpaar beobachtet und war irritiert. Tatsächlich war er ja, als er dabei gewesen war einzuschlafen, nochmals durch den Klang der Wohnungsglocke aufgeschreckt worden und hatte gleich nachher die Stimme eines Mannes gehört, offenbar eines Gastes, der von Frau Schöttler begrüßt wurde.

Schließlich wollte Gisela von Ruge überhaupt nichts mehr hören und sprang schnell und lebhaft, wie es ihre Art war, zu ihrer ersten Frage zurück: »Nun? Was hast du für heute abend vor? Ach ja, richtig, du gehst zu Blanche! Ich weiß nichts mit mir anzufangen. Es ist ohnedies alles zum Kotzen, da habe ich in meiner Not dich angerufen! Soll ich mitkommen?«

»Selbstverständlich! Komm!«

Sie verabredeten, daß sie einander um halb zehn an einer bestimmten Straßenecke erwarten würden, die beide ohnedies passieren mußten.

Während Müller-Erfurt zurückging, warf er, noch immer im Gefühl, beobachtet zu werden, einen Blick ins Zimmer der Frau Schöttler, und tatsächlich, dort saß, aufrecht, fast steif, das Monokel vors Auge geklemmt, ein alter Herr und betrachtete ihn in jener ungenierten, ja, unverschämten Art, mit der manche Leute einen Menschen wie ein Ding oder ein Tier aus reiner Neugierde anschauen, ohne das Gefühl oder, in ihrem Hochmut, trotz des Gefühls, daß sich der andere durch diese Blicke doch belästigt fühlen muß.

Dieser alte Herr war ein Vetter der Frau Schöttler. Es war Herr Klarens, derselbe Herr Klarens, den Blanche vor zwei Jahren vergebens aufgesucht hatte, um ihm das alte Kutscherhäuschen abzumieten.

Vor zwanzig Jahren, als Klarens noch reich gewesen, als Frau Schöttler unter der Sonne der Reputation ihres Mannes und im vorausgeworfenen Licht der ihm prophezeiten Zukunft gestanden hatte, in jenen besseren Zeiten, die ihnen heute andere Äonen in anderen Weltzuständen unter anderer Sternenkonstellation zu sein schienen, hatten die beiden Ehepaare freundschaftlich miteinander verkehrt. Gegenseitige Besuche und Einladungen, kleine Teegesellschaften, große Abendgesellschaften, gemeinsame Besuche der Frauen bei der Schneiderin, Gespräche über gemeinsame Bekannte, durch gesellschaftliche Skandale und Liebesgeschichten hervorgerufene Emotionen – es war, ihren Bedürfnissen angemessen, ein Paradies der Nichtigkeiten. Die Herren hatten sich beim Mokka und Likör behaglich zurückgelehnt, sich über die wachsende Begehrlichkeit der niederen Stände geäußert und einander genau, scharf und dezidiert erläutert, wessen das Land, wessen der Staat, wessen die Allgemeinheit bedürfe, und die Frauen hatten geplaudert, hatten geplaudert wie die Frösche quaken und die Stare schwatzen.

Jetzt war ihr Verkehr nicht weniger befriedigend und ergiebig. Frau Klarens beteiligte sich zwar selten an ihm, da sie sich von der Sorge um ihre kleine Wirtschaft, die sie ohne fremde Hilfe führte, ans Haus binden ließ, doch Klarens und Frau Schöttler sahen einander gern, ja, bei ihrem zurückgezogenen Leben stellte einer für den andern die ganze Außenwelt dar. Beide waren vom Schicksal tätlich beleidigt worden, indem es sie von einer gewissen Höhe in eine gewisse Tiefe gestoßen hatte. Sie verglichen die früheren Zeiten mit der Gegenwart und rühmten das einstige Glück. Jeder wollte einen größeren Abstand zwischen dem Damals und dem Heute, jeder eine schauerlichere Erniederung als der andere erlebt haben. So zeigten sie einander wetteifernd den Abglanz des einstigen Lichts: ihre gute Lebensart und Vornehmheit, zugleich aber überboten sie einander prahlerisch an jetzigem Elend. Am liebsten hätte Frau Schöttler ihrem Gast, um ihm die Zustände ihres Daseins exemplarisch vor Augen zu führen, auf dem mit ihrem schönsten Damast gedeckten Tisch in einer Tasse ihres teuren chinesischen Porzellans, ihres stolzesten Prachtstücks, nichts als kaltes Wasser serviert.

Es ist nicht zu entscheiden, ob Müller-Erfurt es nur in seinem Mißtrauen so empfand, oder ob es sich tatsächlich so verhielt, daß Frau Schöttler mit Absicht und nur zu dem Zweck die Tür offengelassen hatte, damit Klarens ihn, Müller-Erfurt, sehen könne. Dieser hätte nicht anzugeben vermocht, welches Ziel sie damit verfolgen könnte, es wäre auch wirklich kein vernünftiger Grund für ein solches Verhalten zu finden, und man könnte eben nur den unvernünftigen in Betracht ziehen, daß sie ihrem Verwandten demonstrieren wollte, was für einen gewöhnlichen Menschen sie in ihrer Wohnung dulden, was für einen Krüppel sie bedienen müsse, und daß sie also mit dieser Vorführung nur den Beweis führen wollte, daß gegen sie das Schicksal grausamer vorgegangen sei als gegen ihn.

Von der Höhe jenes Selbstgefühls aus, für dessen Berechtigung der von ihm Beherrschte weder Beweise anzuführen wüßte noch auch anführen wollte, das ihm vielmehr gegeben ist wie Atem und Pulsschlag, vom Gipfel seines ganzen verbissenen und verbitterten Hochmuts, beobachtete Herr Klarens Müller-Erfurt wie ein exotisches Tierchen. Dieser mochte sich, einem so kritischen Publikum ausgesetzt, wenn es auch nur aus einem einzigen Menschen bestand, etwas schwindlig fühlen, doch er straffte sich und marschierte in sein Zimmer.

 

Um halb zehn, um keine Sekunde zu spät und um keine zu früh, kam Müller-Erfurt zu jener Straßenkreuzung, an der Gisela und er ihr Rendezvous hatten. Da sie im allgemeinen unpünktlich war, wunderte er sich nicht, daß er warten mußte. Es war eine dunkle und stille Ecke. Der Himmel war finster und von schwärzlichen, jagenden Wolken bedeckt, nur die Fläche um den blassen Mond schimmerte weißlich und silbern; für Augenblicke war auch er unter vorüberfliegenden Schleiern versteckt, denn unten wehte zwar der Wind nur leise, oben aber, unterm Gewölbe, schien er zu hetzen.

Müller-Erfurt war kaum zwei Minuten auf und ab gegangen, als es zu regnen begann und der Sturm wirbelnd herunterkam. Er hatte einen Schirm bei sich und spannte ihn auf. Die Tropfen prasselten von oben her auf die Seide, doch der sich drehende Wind umtanzte ihn und warf sie ihm bald auch von der Seite, bald von vorn ins Gesicht. So stellte er sich unter einen Balkon und drückte sich ängstlich an die Hauswand. Es war kein Passant zu sehen, selten fuhr ein Wagen vorüber, die Straße war in dem häßlichen Wetter fast ausgestorben. Müller-Erfurt schaute verdrießlich und gelangweilt um sich. In den umliegenden Häusern waren allenthalben die Fenster erhellt, sie leuchteten friedlich in die Nacht hinaus und mochten die Vorstellung erwecken, daß hinter ihnen, in den geschützten Räumen, Wärme und Behaglichkeit herrschten. Da und dort, in manchen Wohnungen, wurden seine Blicke auch von den hängenden Lampen und Lüstern angezogen, die ihr stilles, gleichmäßiges Licht auf die unsichtbaren Tische unter ihnen warfen. Vielleicht beschienen sie eine Idylle, und in den schon verdunkelten Zimmern war vielleicht gar die Liebe.

Müller-Erfurt war ein Träumer. Während die Frauen gern von der Liebe träumen und alles tun, um Erfolg zu haben, träumen die Männer lieber von Erfolgen und vergessen darüber gar zu oft die Liebe. Ein kurzes Schweifen und Tasten des Geistes – Müller-Erfurt brauchte nicht lange zu suchen: am Nachmittag war er in einem einsam-verschwiegenen Häuschen bei einer wahrscheinlich einsamen Frau gewesen. Schon stiegen Vorstellungen aus dem Nichts und wallten durch sein Gehirn, schon gingen, während er verlassen und krumm im Regen stand, die Phantasieblüten auf, sie wurden größer, bunter und greller, und schon schwamm er in den Fluten seiner schnellfließenden Träume davon.

Er blieb unterm Schirm und unterm Balkon und war offenbar darauf eingerichtet, noch lange zu warten. Wie er so dastand, mit seiner verwachsenen Gestalt, einsam in der leeren Straße, im nächtlichen Dunkel, sich bewegungslos an die Mauer pressend und ängstlich sich und seine Kleider vor der Nässe bewahrend, bildete er eine etwas klägliche Figur.

Das gewalttätige Wirbeln des Windes war aber nur ein wilder Auftakt gewesen, dem eine sanftere Musik folgte. Der Sturm verging und war plötzlich selbst wie weggeblasen, das Brausen verstummte, die Wolken vereinigten sich zu einer gleichmäßigen grauen Fläche, das Wasser wurde nicht mehr gejagt, es fiel mit kleinen Tropfen in geraden, regelmäßigen Strahlen, und was blieb, war nur ein freundlicher Frühlingsregen, der flüsternd niederging, den Raum mit leisem Rauschen füllend, und nur von Zeit zu Zeit knallte dumpf ein schwerer Tropfen vom Balkonrand auf den Schirm.

Müller-Erfurt sah sich in Blanches Atelier und wurde ihr täglicher Gast. Er verblüffte, blendete, ja, er erschütterte sie mit seinen Aperçus, hinter deren delikater Form sich tiefe Erkenntnis, Größe des Geistes verbargen, und warf die Sätze, die er vor einer Stunde in sein Notizbuch eingetragen hatte und die ihm ausgezeichnet geschliffen und subtil erschienen, leichthin und elegant, als entstünden sie erst im Augenblick des Gesprächs, aus der unermeßlichen Fülle seines Geistes in die Unterhaltung. Sie aber horchte auf und lächelte verständnisvoll, wenn solch ein Kristall aus seinem Munde glitt, und es ging ein leichter Schauer über sie, die Zeugin der Geburt des Lichts. Die Stille des abgelegenen Häuschens, der Kerzenschein im halbdunklen Zimmer gaben die Stimmung dazu, Geheimnis umhüllte die aufgehende Leidenschaft. Er lag zu ihren Füßen, doch sie duldete es nicht, und dann lag sie zu seinen Füßen.

Sie hatte ihm heute nicht gefallen, so wenig wie jemals früher, doch da er jetzt die Vorstellung von ihr und ihrer Liebe hatte, war die Lust angeregt, sein allgemeineres Bedürfnis griff nach ihr, ihr Körper blühte ihm auf, der Traum machte ihn schöner, die Hoffnung reizvoller, die Einmaligkeit eines Menschen verwandelte sich in die Einmaligkeit einer begehrten Frau. Übermächtig schlug über ihm ihre Leidenschaft zusammen. Sie liebte ihn bis zum Wahnsinn. Doch wer tauchte auf? Wer stand dort im Schatten? War's nicht eine zweite Frau, die ihre Hände rang, in verzweifelter Liebe zu ihm? Wer war's? Gisela? Seine reizende Kollegin in der Bibliothek, die, Müller-Erfurt zuliebe, ihren Verlobten verließ, den sie in zwei Tagen hätte heiraten sollen? Oder jene elegante Dame, die gestern in ihrem prächtigen Wagen an ihm vorbeigefahren war? Ach nein, wer anderes konnte es sein, als Carola, die Frau Ruges, die schönste, interessanteste, umworbenste aller Frauen, die er kannte, die geheimnisvolle und rätselhafte! Jetzt lösten sich eben ihre Rätsel: sie hatte in zielloser Sehnsucht mehr vegetiert als gelebt und erwachte nun zum wahren, beglückten Dasein, da sie sich endlich aufgerafft hatte, ihm ihr schmerzendes Geheimnis zu offenbaren: ihre Liebe zu ihm!

In einer Theaterloge war's. Er streifte zufällig ihren Arm, und sie erzitterte; er sah sie an, und da entquollen die Tränen ihren Augen; er griff nach ihrer Hand, und sie verlor allen Halt, ihr Kopf sank auf die Brüstung, dröhnend, daß das ganze Parkett mit einem Schlag und Ruck sich zu ihnen wandte und ganz weiß war von den herstarrenden Gesichtern. In raffinierter Geschicklichkeit verstand er es nun, seine doppelten Beziehungen zu verbergen und das Glück zu genießen, das von daher, und jenes, das von dorther kam. Die Waffen, mit denen sie um ihn kämpften, bestanden in ihrer Zärtlichkeit, in der Hingabe, in dem immer präziser sich entwickelnden Gefühl für seine geheimsten Wünsche, es war ein inniger und zugleich heroischer Wettstreit, dem die ganze Stadt mit aufgerissenen Augen zusah. Doch was war das? Es krachte ein Schuß, und eine der leidenschaftsbesessenen, liebestollen Frauen hatte die andere verwundet. Man bemühte sich, zu verheimlichen, was geschehen war, doch leider war dies nicht mehr möglich, die Stadt widerhallte von Gerüchten, die Nachrichten verbreiteten sich, und es kam zu einem Sensationsprozeß. Da saß er denn auf der Zeugenbank, Tausende von Frauen im Zuschauerraum betrachteten ihn und dachten, sagten, flüsterten, fühlten: das ist er!

In der ersten Reihe saß der große Filmstar Mariana, die Kühle, Unnahbare, Unbegreifliche, das Vorbild von Millionen Frauen und der Traum von Millionen Männern, sie saß dort, schaute ihn an, hörte ihm zu, hängte sich mit ihren Blicken an ihn – und überhaupt, überhaupt, es war ja alles ganz anders, es war alles viel schöner, die ganze Tragödie hatte sich nicht zwischen Blanche und Carola, sondern zwischen den beiden Filmdiven Mariana und der herzigen, nicht weniger berühmten Heidi abgespielt! Sie waren es, die miteinander um ihn gekämpft hatten! Und Blanche und Carola? Ach was, sie waren eben angesichts dieser unerreichbaren Konkurrenz mitsamt ihrer ganzen Liebe am Weg geblieben, die eine hatte sich erhängt, die andere erschossen, Gisela aber siechte zart in die Arme des Todes.

Endlich, um zwanzig Minuten verspätet, kam Gisela in Sicht. Sie war in einer Parallelstraße aus einem Autobus gesprungen, war durch eine Quergasse gelaufen und fegte ihm nun mit offenem Mantel entgegen, mit ihren schnellen Bewegungen, dem aufgeregten Winken der Hand und ihren lauten Zurufen, die er noch gar nicht verstehen konnte, ihr immer wirbelndes Temperament offenbarend. Müller-Erfurt ging ihr, den aufgespannten Regenschirm in der Hand, gemessenen Schrittes entgegen, sie aber verlangsamte nicht ihren Gang, als ob es auch jetzt noch auf jede Sekunde ankäme. Bevor sie noch beieinander waren, begann sie schon, etwas kompliziert und unübersichtlich, ihre Verspätung zu erklären, wobei in der sprudelnden Eile die Sätze einander so drängten und stießen, daß sie alle in etwas zerrissenem Zustand und nicht ganz erkenntlich zum Vorschein kamen. Er schwieg und lächelte nur, ein wenig nachsichtig, ein wenig maliziös, womit er sagen zu wollen schien, daß er, da sie große Anstrengungen mache, sich zu entschuldigen, darauf verzichten wolle, zu untersuchen, was wahr und was Ausrede sei.

»Aber jetzt nehmen wir ein Taxi!« rief sie zum Schluß. »Komm! Ich lade dich ein!« Wie gerufen kam ein Taxi des Weges. Sie hielten es an und stiegen ein. Offenbar nicht nur von ihrem Lauf abgehetzt, sondern auch müde und nervös, über ihr normales Maß aufgepeitscht, ließ Gisela sich aufseufzend auf den Sitz fallen: »Gib mir eine Zigarette! Ich brauche einen Kognak! Ah, es ist alles zum Speien, mein Lieber!«

Er öffnete seine Dose, bot ihr an und gab ihr Feuer.

»Alles zum Speien, alles zum Speien! Ah, ihr Männer seid Schweine!« Er sah sie von der Seite an, als ob er von ihrem Gesicht ablesen wollte, auf wen im besonderen sich dieser allgemeine Ausruf beziehe, doch sie sog nur den Rauch tief und hörbar in ihre Lungen und schwieg. Erst nach einer Weile wiederholte sie: »Ja, ihr Männer seid Schweine!« Er zog die Brauen in die Höhe, streckte wie zur Vorbereitung seiner Antwort den Arm aus und hielt die Hand vor sich hin, wie wenn nun gleich eine Pointe auf ihr liegen würde. Sie blickte ihn an, wartend, was kommen würde. Er fragte lächelnd: »Und ihr Frauen –?«

»Nein!« rief sie aus. »Wie schlagfertig du bist! wie geistreich! Du findest doch immer eine originelle und treffende Antwort! Ich glaube, du bist auch zum Speien! Aber du hast recht! Auch wir! Wahrscheinlich auch wir! Warum denn nur die Männer! Es ist alles zum Speien!« Und da er etwas sagen wollte: »Frag nichts, mein Goldkind, frag gar nichts! Aber glaube mir: es ist alles zum Speien! Aber lassen wir's!«

Sie ging nach einer kleinen Pause zu einer gleichgültigen Unterhaltung über, und ehe sie sich dessen versahen, waren sie, da die Strecke, die sie zurückzulegen hatten, nicht lang war, am Ziel angelangt.

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