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Blanche oder Das Atelier im Garten. Dritter Teil

Paul Kornfeld: Blanche oder Das Atelier im Garten. Dritter Teil - Kapitel 3
Quellenangabe
authorPaul Kornfeld
titleBlanche oder Das Atelier im Garten. Dritter Teil
publisherRowohlt Verlag
year1957
printrun1.-6. Tausend
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created201903
projectid2ba56c0b
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Zweites Kapitel

I

Am Tage nach jenem abendlichen Besuch hatte Gisela tatsächlich, wie sie es versprochen, Blanche angerufen, um mit ihr eine Zusammenkunft zu vereinbaren. Sie einigten sich, daß Blanche sie zu einer bestimmten Stunde besuchen solle; aber knapp vor der festgesetzten Zeit, als Blanche schon im Begriff war, das Haus zu verlassen, hatte Gisela abermals telephoniert, um ihr abzusagen und die Verabredung zu ändern. Nach langem Hin und Her, denn Gisela war, wie sie sagte, beruflich außerordentlich in Anspruch genommen und nur schwer imstande, über ihre Zeit im voraus zu verfügen, waren sie übereingekommen, daß, nun umgekehrt, sie selbst, Gisela, am Abend zu Blanche ins Atelier kommen werde. Diese hatte dort auch alle Vorbereitungen getroffen, um ihren Gast zu empfangen und bewirten zu können, denn sie richtete sich auf ein langes Beisammensein ein, dann aber hatte sie bis in die tiefe Nacht in aller Einsamkeit gewartet, ohne daß Gisela erschienen wäre.

Zwar hatte sie sich tags darauf mit einer sprudelnd vorgebrachten, etwas abenteuerlich klingenden Geschichte entschuldigt, aber leider, hatte sie hinzugefügt, übersehe sie im Moment auch die heutige Tageseinteilung noch nicht, doch werde sie jetzt sofort ein anderes Telephongespräch führen und dann wissen, woran sie sei. Nachher werde sie, damit endlich und endgültig ein Rendezvous besprochen werden könnte, nochmals Blanche anrufen, und zwar sofort, innerhalb von fünf Minuten, allerhöchstens könne es zehn Minuten dauern; aber kaum hatte sie dies gesagt, hängte sie ein, und von diesem Augenblick an hatte sie überhaupt nichts mehr von sich hören lassen und war verschollen. Als Blanche aber, wiederum tags darauf, im photographischen Atelier nach ihr fragte, teilte ihr die ältere Assistentin in nervös gehetzter Art geheimnisvoll-leise mit, daß Gisela in einer beruflichen Angelegenheit ganz plötzlich für einige Tage habe verreisen müssen. Sie sprach von telegraphischer Abberufung und von Interieuraufnahmen in einem Schloß auf dem Land und versuchte, sich überstürzend und für Blanche nicht recht verständlich, zu erklären, wie das so plötzlich gekommen sei und warum die Durchführung dieses Auftrags nicht habe verschoben werden können. Doch während sie dies alles wie eine zu gut gelernte Lektion herunterplapperte, vor lauter Hast über ihre eigenen Worte stolpernd, vibrierte ihre wie unter einem Schauer gedämpfte Stimme, und man mußte glauben, daß auch ihr ganzes Innere unter ekstatischer Wollust erzittere. Giselas Interieuraufnahmen aber schienen sich hinzuziehen, denn sie war nicht mehr zu sehen und nicht zu hören und blieb sowohl für Blanche als auch für ihre übrigen Freunde wie von der Erde weggestrichen.

So war mehr als eine Woche vergangen. Man lachte, scherzte und witzelte über dieses zufällige Zusammentreffen von Giselas geradezu Schauder erregender Arbeitsüberlastung, unter der sie zum Schluß noch zusammenbrechen werde, mit Lindes Rückkehr aus Rumänien. Sogar Feding beteiligte sich daran, allerdings als einziger mit ganzem Recht, und er amüsierte sich auf seine Art. In Erinnerung an sein Gespräch mit Gisela behauptete er immer wieder voll Spaß und Lustigkeit, er persönlich sei überzeugt, sie sei ein ganz raffiniertes Frauenzimmer, das eine Versöhnung mit diesem Mann nur fingiere, um ihm die alten Briefe zu entlocken. Auch als Blanche ihn in seiner Kanzlei aufsuchte, begrüßte er sie lachend, fragte sie nur kurz nach dem und jenem, und schon war er wieder bei Gisela: er habe gehört, daß sie ganz plötzlich während einer solennen Festlichkeit erkrankt sei, und wie es ihr denn gehe. Sie sei wieder gesund und sogar schon verreist, antwortete Blanche. »Was war's denn?« fragte er mit blinzelnden Augen. »Eine Grippe?«

»Wahrscheinlich!« erwiderte sie, ohne die heitere Ironie seiner Frage mit ihrer Anspielung auf Carola zu bemerken, von der es doch auch immer geheißen hatte, daß sie an Grippe erkrankt sei. Sie war überhaupt zerstreut und nicht aufgelegt zu lachen, führte das Gespräch schnell in andere Bahnen und fragte ihn, ob er in der Angelegenheit ihres Ateliers etwas erwirkt oder wenigstens erfahren habe.

Er winkte ab: verfahren sei verfahren, sagte er, sie habe nun einmal, damals vor zwei Jahren, bei ihrem Vertragsabschluß mit der alten Idiotin Pech gehabt; ihr Bruder, der Herr Klarens, bestehe auf seinem Recht; sie solle dem Groll und Zorn des verbitterten alten Mannes weichen und das Haus gutwillig verlassen, je eher desto besser. Er habe ja, wie sie wisse, den Weg der friedlichen Einigung zu gehen versucht, doch es sei vergeblich geblieben, der Gegner habe längst schon in seiner Wut, wie sie ja ebenfalls wisse, die ganze Maschinerie der Justiz in Bewegung gesetzt, und er selbst, Feding, gebe sich nicht dazu her, einen aussichtslosen Kampf zu führen. Zwar könne man mit juristischen Kniffen einen provisorischen Zustand aufrechterhalten, wenn aber der Gegner entschlossen sei, sie sozusagen mit den entsprechenden Handgriffen zu beantworten, die, von seiner besseren Position aus, um so wirksamer ausfallen müßten, dann fresse diese ganze sinnlose Spiegelfechterei nur sehr viel Geld auf, ohne daß man etwas Tatsächliches gewinne. Und überhaupt, es sei genug; er begreife sehr wohl, wie schmerzlich es sei, eine Arbeitsstätte, an die man gewöhnt sei, verlassen zu müssen, eine Arbeitsstätte, die vielleicht für sie mehr sei als nur dies, aber sie übertreibe, das habe er längst bemerkt, die Wichtigkeit der ganzen Affäre, sie solle sich endlich abfinden, abrechnen, zahlen, packen, auf die Suche nach einem anderen Atelier gehen, übersiedeln und basta! »Man muß«, schloß er, »das Vergangene immer in seinem Inneren nochmals abwürgen, damit es auch wirklich ganz vergangen ist! Übersiedeln und basta!«

Sie hatte seinen Argumenten nichts Rechtes entgegenzusetzen, aber obwohl alles gesagt war, blieb sie sitzen und brach noch nicht auf. So redete ihr Feding weiter zu, wobei sie ihm allerdings nur ungeduldig zuhörte. Alles sei immer nur. sagte er, wie ein Sprung ins kalte Wasser; sei man einmal drin, dann sei auch alles gut, schließlich liege hier nichts als eine Unannehmlichkeit vor, wie sie der Alltag mit sich bringe. Später einmal werde sie selbst einsehen, daß sie Luft und immer nur Luft in eine Sache geblasen habe, die, nehme man alles in allem, doch nur klein und unbedeutend sei.

Endlich unterbrach sie ihn: »Ich weiß schon alles! Das alles habe ich so oder ähnlich schon gehört!« rief sie. »Ich dachte«, und sie lachte mit einer gewissen Bitterkeit auf, »ich dachte, daß Sie so weise sind – und jetzt bekomme ich von Ihnen auch nur dasselbe zu hören wie von allen anderen!«

»Und, mein Kind? Welche Schlüsse ziehst du daraus? Soll ich anders sprechen als die anderen, nur damit ich mich von ihnen unterscheide? Es gibt eben Fälle, in denen uns nichts anderes übrigbleibt, als uns auf die mittlere Linie der vernünftigen Banalität zurückzuziehen!«

»Aber ich habe Sie«, antwortete sie, indem sie sich bemühte, durch ein Lächeln die Unfreundlichkeit der Worte zu mildern, »für klüger gehalten als die anderen!«

Er lächelte gutmütig mit, aber wie ein kaum sichtbarer Dunst oder Nebel, plötzlich herangeweht, schnell eine Landschaft verdüstert, so verdunkelte eine kleine Traurigkeit sein Gesicht. »Und jetzt hältst du mich für ebenso dumm wie sie? Aber selbst wenn ich der klügste und weiseste Mann wäre«, sagte er ein wenig klagend, »könnte ich kaum anders sprechen, als ich es tue, und dir kaum etwas anderes raten. Gott sei's geklagt, die größte Erfahrung, wenn sie tatsächlich helfen soll, mündet nach langem Suchen, nach vielen scharfsinnigen und besserwissenden Obwohl und Trotzdem schließlich doch nur in den gewöhnlichen Alltagsverstand, der dir so schlecht riecht. Es gibt viele Leiden und nur wenige Rezepte. Was soll ich tun? Soll ich in deine Seele kriechen?«

»Nein!« lachte sie mit erzwungener Lustigkeit auf. »Das sollen Sie wirklich nicht!«

»Wenn wir von der kühnen Hypothese ausgehen wollten«, sprach er weiter, »daß ich nicht ganz so dumm bin wie alle anderen, dann bliebe leider immer noch einzugestehen, daß sich die Klugheit und Einsicht eben nur durch die Einsicht, durch die bessere Beurteilung der Dinge, vielleicht durch die Fähigkeit, nach- und mitzufühlen, von der trivialen Dummheit unterscheidet, nicht aber durch die Fähigkeit, den Lauf der Dinge zu ändern, wobei ich auch und vor allem an die Dinge der Psyche denke. Dies eben ist die Tragik der Weisheit, wenn ich schon dein Wort gebrauchen will, daß sie, auf ihrem erhabenen Wolkenstuhl thronend, dennoch ihre eigene Ohnmacht fühlt, dennoch so schwach bleibt wie ein Windhauch, der zwar für einen Augenblick ein Wasser kräuseln, aber dem Strom kein anderes Bett geben kann. Sie sieht von ihrer Höhe aus die Räder laufen und ineinander greifen, vielleicht auch die geheimen, eigentlich treibenden Rädchen, und weiß genau, welcher Hebel anders zu stellen wäre, nur um einen Ruck, nur um einen Zentimeter, damit das Triebwerk anders laufe, ja, sie weiß es ganz genau, sie weiß es mit voller Bestimmtheit, mit unabweislicher Sicherheit, denn es ist ja vor ihren so überaus durchdringenden Augen das ganze Räderwerk nur wie unter einem Glassturz – aber sie hat nicht den Schlüssel, um ihn zu öffnen und im Innern den Hebel anders zu stellen, nur um einen Zentimeter, einen Ruck, nur um so viel, wie ein Stundenzeiger in einer Sekunde zurücklegt. Und das alles müßte für einen Menschen, der nicht ganz so dumm wäre, wie alle anderen, schmerzlich und oft quälend sein. – Nun, ich bin ein Schwätzer und bin abgekommen. Ich kann es mir leicht denken, wie gut es sich dort, in deinem Atelier, arbeitet, wie schön es dort zu hausen ist, wie fein sich's dort vielleicht auch träumt. Der Traum ist ein guter Ersatz für die Wirklichkeit, aber es muß der Augenblick kommen, da die Wirklichkeit wieder zum Ersatz für den Traum wird.«

Sie hatte, während er sprach, bewegungslos dagesessen. Nun sah er sie an und wartete, was sie antworten würde. »Ich habe Sie aber«, sagte sie, »für klüger gehalten als die anderen! Ich dachte, daß Sie mir einen guten Rat geben würden!«

Das war keine Antwort auf seine kleine Rede. Er blickte sie an und mußte erkennen, daß sie ihm kaum zugehört hatte. So sehr war sie von ihren eigenen Gedanken eingenommen.

»Sag einmal«, begann er nach geraumer Zeit, »hast du vielleicht dort, in deinem idyllischen Nest, an dem du so sehr hängst, einen Mann versteckt?«

»Sie sind aber doch –!« lachte sie auf.

»Eben!« brummte Feding. »Es ist mir nur im Augenblick durch den Kopf gegangen. Ich habe es ja selbst nicht geglaubt.«

Sie schwiegen.

»Habe ich nicht«, fragte sie schließlich, »das Recht auf das Haus schon ersessen?«

Er hob mit schneller Bewegung, die Augen zukneifend, den Kopf und verzerrte ein wenig das Gesicht wie ein Mensch, der rufen will: Höre ich recht? Höre ich recht? »Ersessen?« fragte er. »Ersessen? Das Recht ersessen? Was meinst du damit?«

»Nun, es gibt doch, denke ich«, antwortete sie unsicher, »es gibt doch, denke ich, dies – der Umstand, daß man eine gewisse ununterbrochene Zeit – es gibt doch das Gewohnheitsrecht? Nicht?«

Er beugte sich vor, indem er die verschränkten Arme auf den Tisch legte, und sah sie schärfer an. »Nicht?« fragte sie nochmals. »Ich denke –«, doch er schnitt ihr das Wort ab.

»Unsinn!« warf er ihr unfreundlich hin, daß sie verstummte. Er fixierte sie. »Sag einmal«, fragte er, »woher hast du diese Schlauheit? Was gibt's denn? Hast du dich vom juristischen Standpunkt aus mit diesem kapitalen Fall eingehend und scharfsinnig beschäftigt, ja? Oder hast du am Ende vor, gelehrte Kommentare zum Gewohnheitsrecht und zum Mietrecht zu verfassen?«

Er war böse geworden. Es war ihm ohnedies schon, was Blanche allerdings nicht wußte, von dritter Seite manches zugetragen worden: daß sie, unabhängig von ihren Beratungen mit ihm, auch noch auf eigene Faust, sozusagen hinter seinem Rücken, eine gewisse hartnäckige Tätigkeit entwickelt hatte, um im Besitz des Hauses zu bleiben; daß sie an Klarens und dessen Anwalt geschrieben und, als sie damit ohne Erfolg geblieben war, den Anwalt aufgesucht hatte, dann wieder Schröder und später sogar Heinzfurth um ihre Vermittlung gebeten und außerdem noch gemeinsame Bekannte von sich und Klarens ausfindig gemacht hatte, im Glauben, daß sie eine Brücke der Verständigung bilden könnten. Feding hatte zuerst, nur ein wenig unwillig, den Kopf geschüttelt, dann aber war er, als sich die Nachrichten häuften, sehr ärgerlich geworden. Klarens selbst blieb für Blanche unerreichbar. Seitdem sie einmal zu seiner Überraschung und Empörung vor seiner Wohnungstür gestanden hatte, seit damals pirschte er sich, so oft es an seiner Wohnung klingelte, auf Zehenspitzen an die Eingangstür, blickte durchs Guckloch auf den Flur, und wenn sie es war, die er dort sah, öffnete er gar nicht erst, sondern schlich unhörbar, wie er gekommen, ins Zimmer oder in die Küche, je nachdem, wo seine Frau gerade war, und flüsterte ihr triumphierend, mit trockenem, hartem Kichern zu: »Das Frauenzimmer ist wieder da!« – Blanche mußte glauben, daß sie weder ihn noch seine Frau zu Hause angetroffen habe, und so kam sie wieder.

Feding saß noch immer vorgebeugt, die verschränkten Arme auf dem Tisch, und sah mit strengem Blick unter der gerunzelten Stirn auf Blanche. »Nun?« fragte er, »hast du mir noch andere Rechtsideen zu vermitteln? Woher hast du nur den Unsinn? Hältst du es nicht für ratsamer, statt neue Schlachtpläne zu entwickeln, den Rückzug anzutreten, deinen Plunder zusammenzupacken und abzuziehen?«

»Aber ja! Natürlich! Wenn es notwendig sein wird, werde ich es auch tun! Aber man versucht doch eben alles!« Sie lockerte sich zu wachsender Lebhaftigkeit: »Es muß doch etwas geschehen! Schließlich, wenn er sich so feindselig, so ungefällig und gemein verhält – warum sollte man Rücksicht auf ihn nehmen?«

»Rücksicht? Worauf? Auf wen? Was meinst du?«

Sie zögerte, endlich aber sprach sie weiter. »Ich habe zufällig erfahren, daß Klarens einiges auf dem Kerbholz hat –.«

»Ach!«

»Ja. Wissen Sie es nicht? Er ist in Konkurs gewesen – wieso ist er in der Lage, das Grundstück zu behalten? Es soll ein Vermögen wert sein! Schließlich ist es doch das Vermögen seiner Gläubiger!«

»Und?«

»Nun, ein solcher Mensch sollte etwas vorsichtiger mit seinen Nebenmenschen umgehen!«

»Sonst könnte es ihm, meinst du, selbst an den Kragen gehen? Und dies könnte man ihm, meinst du, mitteilen? Man könnte ihm drohen?«

»Jedenfalls sollte er wissen«, warf sie hin, »daß eine Gefälligkeit der andern wert ist!«

Feding beugte seinen Oberkörper so weit vor, daß er über dem Tisch schon fast lag, und bohrte seinen Blick in ihr Gesicht. Einige Zeit verging. »Sag einmal!« begann er endlich mit klangloser Stimme, »was ist mit dir? Was ist aus dir geworden? Was hat deinen Scharfsinn so entwickelt, dir diese Schlauheit beigebracht? Ich erkenne dich nicht wieder! Hat diese Gedanken dein eigenes Gehirn produziert?«

Er stand auf und ging einige Male hin und her. Dann blieb er neben ihr stehen und faßte ihre Schulter: »Du hast mir wohl deine Kundschaft entzogen? Du gehst dir wohl anderswo Rat holen? Bin ich zu alt? Zu dumm? Zu schwach? Zu wenig kampflustig? Welcher Idiot hat dir vom Gewohnheitsrecht gesprochen? Welcher Esel dir den schönen Satz beigebracht, daß er etwas auf dem Kerbholz hat? Welcher Erpresser dich den ebenso dummen wie niederträchtigen Satz von der Gefälligkeit gelehrt, die der anderen wert ist? Welcher Lump berät dich? Oder denkst du dir selbst diese Lumpereien aus? Welchem Winkeladvokaten bist du in die Hände gefallen, der dich zum Narren hält?«

Sie protestierte. »Gar keinem Winkeladvokaten!« rief sie mit schwacher Stimme.

Er setzte sich wieder. »Du bist wie ein dilettantischer Schachspieler, der die herrlichsten Pläne entwickelt, den Gegner matt zu setzen, dabei aber die eigene Verteidigung vergißt und sich in einem gewissen Augenblick selbst nicht mehr rühren kann. Du wirst so lange zögern und dich beraten lassen, bis eines Tages der Gerichtsvollzieher mit einigen Arbeitern vor deinem Palast erscheinen und dich mitsamt deinem Kram auf die Straße setzen wird!« Er schwieg, dann zwang er sich zur Gelassenheit: »Geht es wirklich nicht in deinen Kopf, daß eine Sache so und nicht anders ist und daß man daraus ganz bestimmte Folgerungen zu ziehen hat? Ihr Frauenzimmer nehmt immer nur eure Empfindungen als Grundlage an, und die Dinge sollen sich nach ihnen modeln. Geht es wirklich nicht in deinen Kopf, daß eine gewisse Sachlage das Gegebene ist und daß sich die Empfindungen mit ihr abzufinden haben? Überleg doch, Kind! Alles zwingt dich, nachzugeben: die Rechtslage, die ganzen Umstände und der Charakter deines Gegners, der, ich kenne ihn nicht, ein störrischer Esel zu sein scheint und so bös, wie nur ein Enttäuschter sein kann, der schon von Natur aus böse war!«

»Aber was wollen Sie denn? Ich werde doch ausziehen, ich bin eben nur der Meinung, daß man sich nicht so mir nichts, dir nichts fügt –.«

Ob man sich mir nichts, dir nichts füge oder einfach füge, sei jetzt gleichgültig, sagte er, sie habe sich eben zu fügen. Seine Augen lagen auf ihrem verlegenen Gesicht. »Mach dich an die Arbeit und basta! Hast du schon gepackt?«

»Nein. Noch nicht.«

»Wann wirst du es tun?«

»Morgen.«

»Warum nicht heute?«

»Weil ich heute keine Zeit habe!«

»Und wirst du es morgen bestimmt tun?«

»Aber selbstverständlich!«

Er schaute sie mißtrauisch an, doch sein Zorn hielt ohnedies niemals lange an, sein Ärger war so gut wie verflogen, und die Blicke seiner Augen wurden milder. Er erhob sich abermals und ging auf und ab, den Kopf gesenkt, die verschränkten Hände auf dem Rücken, und dachte nach. »Du mußt nämlich wissen –« begann er lächelnd, »ich muß meinem Größenwahn Ausdruck geben, der mir einflüstert, daß ich fast ein ebenso großer Narr bin wie du, und die Folge dieser horrenden, strafbaren Selbstüberschätzung ist es, daß ich mir schmeichle, dich einigermaßen zu verstehen. Ich kann es mir leicht vorstellen, wie dir zumute ist.«

Er setzte sich wieder, lehnte sich behaglich zurück, doch als er von neuem anfing zu sprechen, war seine Stimme tiefer geworden und begann, in leisen Melodien zu singen. »Ich kann es mir leicht vorstellen, wie dir zumute ist, denn ich kenne, mein Kind, ich kenne auch das geheime schwingende Leben der Dinge, ich kenne ihre Macht und die Macht eines Raums. Zuerst haben wir ihn verzaubert, und dann verzaubert er uns. Ich kenne dies, daß sich die Grenzen unserer Person erweitern und die Gegenstände miteinbeziehen, mit denen wir umgehen, daß die Grenzen eins werden mit den Mauern, zwischen denen wir leben. Die Feder des Schriftstellers wird allmählich die Fortsetzung seiner Hand, das Glas des Trinkers, an das er sich gewöhnt hat, wird ihm ein Teil des Weins. Das Alter der Dinge macht sie heilig, weil so viel Leben an ihnen hängt, und je stärker wir leben, desto schneller werden sie alt. Ich liebe nicht die Menschen, denen die Dinge tot sind. Stürzen die Mauern ein, ja, zerbricht nur eines der Dinge, dann klirren auch schon leise die Scherben unserer Person. Kennst du das Arbeitszimmer in meiner Wohnung, dieses schäbige Hinterzimmer? Dort sitze ich seit dreißig Jahren und trinke in der Stille der Nacht mein Glas Wein. Wehe dem, der mir den Ecktisch verrücken wollte, an dem ich immer sitze. Mein Feind, wer mir den alten schlissigen Lampenschirm durch einen neuen ersetzen wollte, und wäre er selbst aus der ewig frischen, duftenden Haut der Aphrodite geschnitten!«

Blanche rührte sich, als ob sie ihm antworten wolle, aber er ließ es nicht zu und fuhr fort: »Du meinst, es ist etwas anderes? Gewiß, wenn ich Etwas mit etwas Anderem vergleiche, dann weiß, ich wohl, daß es etwas Anderes ist. Denn wenn es nicht etwas Anderes wäre, dann wäre es ja Dasselbe oder das Gleiche, und es wäre also ohne jeden Sinn, Eines mit dem Anderen zu vergleichen. – Kennst du das Zimmer? Von Zeit zu Zeit geht der gefährliche Wirbel darüber hin, das große Aufräumen nämlich, und das Unterste wird zu oberst gekehrt, nachher wird ja alles wieder an seine Stelle gebracht, aber mir ist's doch, als habe dieser Sturm alles vernichtet und alles Leben mit sich gezogen, denn wenn der Staub aus den letzten Winkelchen verjagt ist, wenn der Tisch erglänzt, der uralte Teppich geklopft und, der Teufel weiß, womit! gesäubert ist, so daß ihm alle Patina genommen ist, dann schmeckt mir der Wein nicht mehr, er ist eine triviale Flüssigkeit, entzaubert und mit Mühe und Not nur sein Geld wert und nicht mehr. Aber ich will dir ein Geheimnis anvertrauen: nach zwei Tagen schmeckt er mir wieder. Nach zwei Tagen ist wieder alles beim alten! Wir bleiben nämlich dieselben, und dieselbe Kraft, die die alten Dinge gefärbt hat, wird auch die neuen färben. Aus dieser Erkenntnis und aus dieser Erfahrung würde ich mich, zwar schimpfend und fluchend, wenn man mich aus dem Haus jagen wollte, zusammenpacken und davontrollen, obwohl mir doch das Alte eine unendlich lange Vergangenheit und das Kommende nur eine kurze Zukunft hat.«

Er sah sie an und schwieg. Die Stille machte sie verlegen und zwang sie, zu sprechen: »Aber ich werde doch auch ausziehen!«

»Selbstverständlich! Es wird dir ja auch nichts anderes übrig bleiben. Du kennst das Zimmer, von dem ich gesprochen habe? Aber, siehst du, das ist noch nichts! Es gibt da ein Geheimnis.« Er hob die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger und lächelte ihr zu. Seine Augen wurden schmäler und fingen an zu leuchten. »Noch ein Geheimnis! Unter der Erde liegt's – dort, wohin ein Geheimnis gehört. Es gibt da einen Raum, dunkel, kalt und einsam und für manche Leute sogar schauerlich. Oft hatte ich ihn nur für eine Minute betreten und bin doch dann eine ganze Stunde dort gesessen! – Weißt du, was ich meine?«

Sie blickte fragend auf, denn sie war nach dieser Vorrede denn doch ein klein wenig neugierig geworden, und dies hatte er offenbar nur beabsichtigt. Er war heiterer geworden, und er wollte es wohl auch werden. Aber seine Empfindungen, mit denen er wünschte, sie zu trösten, mochten sich mit seinen Gedanken begegnen, die schon auf dem Sprung waren, ihm durchzugehen und zu schweifen, und es ergab sich ein freundlich fließender Strom der Erzählung. Vorerst aber hob er beide Arme zu einer lustig pathetischen Geste: »Es ist mein Weinkeller!« sagte er feierlich.

Blanche konnte nicht anders – als sie ihn betrachtete, mußte auch sie lächeln. Allerdings, bevor er weitersprach, erhob er sich und ging in einen Winkel des Zimmer, zu jenem Eckschränkchen, in dem er hier seine Weinvorräte untergebracht hatte. Er zog den Schlüsselbund aus der hinteren Hosentasche und bückte sich mühsam zum tiefliegenden Schloß. Während sich seine alten Glieder beugen mußten, drehte er auch noch den Kopf nach Blanche zurück. Die Anstrengung rötete sein Gesicht, zugleich aber war's von tausend Runzeln des Lächelns durchfurcht. »Du mußt mich nicht für einen Säufer halten«, sagte er. »Ich trinke in meinen Arbeitsstunden sehr selten, fast niemals, nur in besonderen Ausnahmefällen, nur wenn ich einen lieben, einen besonders, einen ganz besonders lieben Gast hier habe!«

Er wählte eine Flasche, holte Gläser aus der Tiefe des Schranks und goß ein. »Trink auch, mein Kind, trink auch!« sagte er und nahm einen Schluck. Dann setzte er sich nochmals nieder und ließ seinen Körper weit zurücksinken. »Ich weiß nicht, wann es war, einmal muß ich hinuntergestiegen sein und, vielleicht aus Neugier, ob ich gut gewählt habe, oder aus einem anderen Grund, die Flasche schon unten geöffnet haben, ich muß mich, um einen Schluck zu tun, dort niedergesetzt haben und sitzen geblieben sein, und das dürfte mir gefallen oder behagt haben. Ich erinnere mich zwar nicht, wie und wann es mir zur Gewohnheit wurde, wohl aber erinnere ich mich; wenn mich irgend etwas enttäuscht oder mir Sorgen verursacht hat – denn das Auf und Ab des Lebens ist mühsam, manches ist nicht gekommen, was man gewünscht hat, anderes gekommen, das nicht wünschenswert gewesen wäre, ganz abgesehen von den tausend kränkenden Erfahrungen, die man macht, von dem Ekel, den man oft fühlen muß, ach, zu welch häßlichem Bild entschleiert sich die Welt unsrem Blick! – wenn mich also etwas bewegt oder verwirrt hat, bin ich am Abend hinuntergestiegen und dort einige Zeit geblieben. Meine Frau hat's nicht gern gesehen, sie hat gezankt, sie hat gefürchtet, daß ich mich erkälte. Du bist ein Verrückter! hat sie gerufen. Ich habe ihr vorgeschlagen, daß ich mir eine Polarausrüstung kaufen werde.«

Er leerte das Glas und füllte es von neuem. »Siehst du, dort also war ich zu Haus. Es ist übrigens nicht nur der größte Keller der Stadt, sondern auch ein Musterkeller, ja, noch nach tausenden Jahren wird man von Fedingschen Kellern sprechen!« Er lachte über seine eigene Übertreibung, und ein leises Beben lief über seinen Körper. »Er ist gewachsen und gewachsen, ich habe Türen in die Holzwände gebaut, die Mauern für Pforten durchbrochen, da eine Stufe errichtet, dort ein Lämpchen angebracht und hier eines, ein ganzes Netz, hier eine Leiter und dort eine, ich habe auch quer durch die Räume Stellagen gezogen, und wenn kein Platz mehr war, aber der Raum, das Räumchen doch ausgenützt werden sollte, habe ich eine Etagere in Form einer Säule aufgebaut. Die Vorräte sind nach einem komplizierten, vielfach kombinierten System angeordnet: nach den Jahrgängen, nach den Ländern, Gegenden und Orten, nach Qualität und schließlich nach ihrer Reife und der Dringlichkeit, mit der die Weine getrunken werden müssen, ehe sie ihren Höhepunkt überschreiten. Immer weiter habe ich mich vorgekämpft und vorgeschlichen, längst habe ich die Urbevölkerung aus ihren Kohlenkellern verjagt, an die äußersten Ränder gedrängt, und längst bin ich der Herr unter der Erde!«

»Aber um Gottes willen!« rief Blanche lachend. »Wo haben die Leute ihre Kohlen?«

»Ich freue mich, daß du diese sachlich-vernünftige und logische Frage an mich richtest, denn sie beweist mir, daß du mir aufmerksam folgst und dich von meiner Erzählung fesseln läßt! Gewiß, die Ureinwohner grollen und drohen, seit dreißig Jahren drohen sie, aber ich habe es eingerichtet und organisiert, daß sie auch mit den Winkelchen, die ich ihnen gnädig übriggelassen habe, zurechtkommen, und trage alle Kosten, die sich ergeben, und, wie meine Frau behauptet, noch viel mehr. Ist eine Revolution im Anzug, was bei der unruhigen Natur der Menschen sehr oft der Fall ist, so weiß ich doch jedesmal mit Argumenten der Vernunft die Gefahr zu bannen, indem ich den Revolutionären eine und die andere Flasche schicke mit der Frage: ob's nicht lohnt, diesem Wein Konzessionen zu machen, und am Silvesterabend wandert die Hausbesorgerin von Stockwerk zu Stockwerk und von Mieter zu Mieter und verteilt mit meinen herzlichsten Neujahrswünschen und Danksagungen für ihre Untertanentreue neue Argumente. – Und nun denk dir, ich sollte diesen Keller verlassen, zerstören, das Werk aufgeben – es ist etwas anderes, meinst du? Nun ja, ich bin ja auch ein wenig abgewichen.«

Er hob gemächlich das Glas und nippte. Sein Schnurrbart begann sich zu wölben, die Brauen fingen an, struppig nach allen Seiten zu stechen, das Kopfhaar stand in die Höhe, und seine Stimme war zu einem tiefen Baß herabgesunken. »Ich bin ein wenig abgewichen. Ich sagte dir, wenn mich etwas bewegt oder verwirrt hat, bin ich hinuntergestiegen und habe dort gesessen, dort unten in der Tiefe, ein Einsiedler und Kellermensch. Stieg ich empor, so hat mich meine Frau schon empfangen: Kommst du endlich wieder, du Maulwurf? – Ja, ich komme endlich wieder, ich Maulwurf! habe ich gesagt, denn wenn ich wieder zur Erdoberfläche emporgestiegen war, dann war auch alles wieder gut. Der Raum ist von einer nackten Glühbirne an der Wand erleuchtet, und damit sie mich nicht blende, habe ich sie mit blauem Packpapier umkleidet. Ein eleganter Lampenschirm! Aus der Rumpelkammer habe ich mir einen alten Küchenstuhl gestohlen, hinterm Rücken meiner Frau natürlich, die jetzt noch von Zeit zu Zeit nach ihm fragt, so einen armseligen Hocker, dann habe ich einen alten Mantel hinuntergeschafft und schließlich unter die Lampe ein Brett an die Wand nageln lassen. Auf ihm stehen Flasche und Glas, aber wie oft habe ich auch vor der noch geschlossenen Flasche dort gesessen! – Siehst du, wie lebendig ist dieser Raum! Es schwebt jenes Unfaßbare zwischen seinen Mauern, das sich aus dem Wesen eines Menschen und aus dem Leben, das er hinter sich hat, zusammensetzt. Die Geister gehen dort um, die Geister der Vergangenheit, der Erinnerungen, der Träume und der Phantasien, dort unten kleben die Reste an den Wänden, die Schatten sind geblieben, sie winken mir zu, und ich winke zurück. Siehst du, dort war's, dorthin habe ich alles hinuntergetragen, dort habe ich alles zu Ende gefühlt, dort ist alles durch eine Mühle gegangen, und aus Kummer, Enttäuschung und Bitternis ist traurig-nüchterne Kenntnis der Welt geworden.«

Er lachte sie an, als ob er etwas sehr Glückliches gesagt hätte. »Noch immer etwas anderes? Zum Teufel! Nun ja, es läßt sich ja auch niemals eines mit dem andern vergleichen!«

»Aber nein!« rief Blanche und zwang sich, aufzulachen. »Nicht etwas anderes! Ich werde doch ausziehen!«

»Gewiß, es wird dir ja auch nichts anderes übrig bleiben! Ich wollte nur, daß du nicht so unglücklich bist!«

»Aber ich bin ja gar nicht unglücklich!«

»Um so besser! Ich hab's ja auch nur zum Spaß gesagt, ich alter Witzbold! – Nun aber sag einmal, wie würdest du es mir danken und lohnen, wenn ich dir die größte Ehre erwiese, die ich überhaupt einem Menschen erweisen kann, und den größten Sympathiebeweis für deine Person erbrächte, indem ich dir nämlich erlaubte, mich in meinem Weinkeller zu besuchen?«

»Gut! Dann trinken wir dort aber auch eine Flasche Wein!«

»Das will ich meinen! Rüdesheimer? Rauenthaler? Marcobrunner? Johannisberger? Oder zieht die Dame einen mächtigen Pfälzer vor? Deidesheimer? Forster? Forster Pechstein? Forster Ungeheuer? Oder einen großen Burgunder? Einen sehr alten Chambertin?« Er beugte sich weit vor, ihr zu, und wartete einen Moment, wie man wartet, bevor man etwas Gewichtiges sagt; dann streckte er seinen Kopf noch weiter zu ihr hin und flüsterte ihr zu: »Mein Weinkeller ist nämlich noch größer, als man weiß, und ich habe grandiosere Kanonen, als irgend jemand ahnen kann!«

Er schaute sie an, was sie zu dieser Eröffnung sagen werde, als ob er ihr ein Lebensgeheimnis anvertraut hätte. Noch lächelte sein Mund, doch seine Augen verdunkelten sich, während noch die tausend Fältchen der Fröhlichkeit um sie lagen, und ein Schatten legte sich über ihn, da er ihr ins Gesicht sah und sie betrachtete. Er wurde nachdenklich.

»Ich verstehe ja nichts von Weinen«, sagte sie. »Die Auswahl muß ich Ihnen überlassen.«

Er überhörte ihre Antwort und überlegte. Es schien, als suchte er irgend etwas, ja, als grübelte er, und tatsächlich, plötzlich hellten sich seine Züge wieder auf, als ob er zu einem Resultat gekommen wäre, und wie ein Mensch, der von einem Einfall überkommen worden ist, schlug er mit der flachen Hand auf den Tisch. Blanche erschrak. »Nichts!« sagte er, ehe sie noch eine Frage tun konnte, er habe sich nur an etwas erinnert.

Er erhob sich und ging auf und ab. »Ich muß weggehen«, sagte er, doch er ging noch nicht, sondern durchquerte nur hin und her den Raum. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen und nahm einen Schluck. »Ja, ich muß gehen«, sagte er zwischendurch. »Eine Verabredung! Ich hatte sie vergessen. Jetzt erst habe ich mich erinnert.«

Blanche betrachtete staunend sein verändertes Wesen. Schließlich ließ er sie allein und betrat das Büro. Dort schlug er das Adreßbuch auf. Als er zurückgekehrt war, nahm er einen Schluck und noch einen, bis das Glas geleert war, sperrte die Flasche weg, ließ sich Hut und Mantel bringen und machte sich mit entschlossener Eile zum Ausgang bereit. »Komm! Wir gehen miteinander weg! Deine Sache lasse ich mir durch den Kopf gehen. Vielleicht hörst du von mir! Komm!«, und er verließ schnell seine Kanzlei. Sie trottete verwundert und enttäuscht hinter ihm her. Wohin sie gehe, fragte er auf der Straße, und als er hörte, daß sie Carola besuchen wolle, sagte er: »So. Da haben wir ohnedies nicht denselben Weg« und verabschiedete sie schnell.

Sie bog nach wenigen Schritten um eine Ecke, aber als Feding eben die Straße überqueren wollte, um zum Standplatz der Taxameter zu kommen, fuhr Riedinger vor. Zwar war es ihm von den Ärzten noch untersagt, seinem Beruf nachzugehen, von Zeit zu Zeit aber zog es ihn doch hierher, denn er wollte wenigstens über alle Vorgänge unterrichtet sein und das Räderwerk laufen sehen. Erstaunt, daß sein Sozius zu dieser Stunde die Kanzlei verließ, rief und fragte er schon, während er noch ausstieg, in seiner lärmenden Art, was es denn gebe, wohin Feding denn wolle, ob er ihn vielleicht auf dem Weg zu einem reizenden Rendezvous ertappt habe. »Kein reizendes Rendezvous! Eine wichtige Konferenz!« antwortete Feding in guter Laune und hob die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger. »Eine große Verhandlung! Ein kapitaler Fall! Ich fahre zu Herrn Klarens!«

»Zu wem?« rief Riedinger. »Wer ist das?« Doch er erinnerte sich: »Ach so! zum Gegner meiner Tochter!«

»Ganz recht! Zum Gegner deiner Tochter!« sagte Feding und gab dem Chauffeur ein Zeichen, auf ihn zu warten.

Da habe Feding, lachte Riedinger, aber einen interessanten und einträglichen Fall erwischt. Er selbst ignoriere die Angelegenheit, und Blanche traue sich gar nicht mehr, sie vor ihm zu erwähnen. »Eine läppische Sache!« rief er.

»Ganz deiner Meinung!« antwortete Feding. »Eine läppische Sache! Aber wir wollen doch sehen, ob wir sie nicht aus der Welt schaffen können, eben weil sie so läppisch ist! Im übrigen: was ist denn eine Sache? Was ist die Sache selbst?«

»Ah! Du hättest ihr Vater sein sollen, nicht ich! Du bist ein Narr!«

»Ganz deiner Meinung! Ich bin wirklich ein Narr, daß ich nicht früher den Gedanken hatte, diesen Herrn aufzusuchen!«

Ah, fuhr Riedinger fort, er wisse schon, wie es stehe, Feding wolle wieder einmal den alten Zauberer spielen, der mit den Menschen umzugehen, sie zu ködern und mit Hilfe seiner charmanten Weisheit zu fangen wisse. »Nun, viel Glück! Aber es lohnt nicht die Zeit und nicht die Mühe!«

»Meine Zeit und meine Mühe!« antwortete Feding. »Nicht die deine!«

»Ich weiß schon, worauf es hinauslaufen wird!« lachte Riedinger weiter. »Zum Schluß wirst du in die Tasche greifen und ihm deine Brieftasche unter die Nase halten. Aber es ist ja dein Geld, nicht meines!«

»Ganz deiner Meinung! Mein Geld und nicht deines, wenn es tatsächlich so weit kommen sollte! Aber verrate vorläufig deiner Tochter nicht, wohin ich eben fahre! Auf Wiedersehen!« Er tat die wenigen Schritte zum Wagen.

»Warte, warte!« schrie Riedinger. »Soll ich oben auf dich warten? Wird's lange dauern?«

Feding winkte ab und kniff das eine Auge zu: »Warte lieber nicht!« sagte er.

Sobald er sich im Wagen niedergelassen hatte, lehnte Feding sich behaglich zurück, strich über die zerrauften Brauen, brachte den überhängenden Bart von den Lippen und war ganz wie ein Mensch, der für eine bevorstehende Unternehmung auch sein Äußeres in die richtige Form bringen will. Während der Fahrt sah er, mit dem Hauch eines Lächelns im Gesicht, unbewegt vor sich hin und machte offenbar seine Pläne. Da er angelangt war, stieg er gemächlich aus, entnahm der riesigen Mietstafel, in welchem Stockwerk Herr Klarens wohnte, und stieg langsam die vielen Stufen der fünf Etagen hinauf.

 

Klarens war vor kurzem erst nach Hause gekommen. Wie in der letzten Zeit jeden zweiten oder dritten Tag, so war er auch heute nur ausgegangen, um sein neues Besitztum aufzusuchen. Er pflegte es in großen Bogen zu Umschweifen und, von Büschen versteckt, zu beobachten, was dort vorgehe, um so von weitem, ohne daß er selbst bemerkt worden wäre, festzustellen, ob dort endlich Vorbereitungen für den Auszug getroffen würden.

Sobald er die Wohnung betreten hatte, war er, an der Küche vorüber, in der seine Frau beschäftigt war, schnurstracks ins Schlafzimmer marschiert, das von den zwei schmalen Betten und den zwei engen Kästen fast ganz ausgefüllt war. Dort hatte er den einen der Schränke geöffnet, den Hut in einen dafür bestimmten Papiersack geschoben, sich ausgezogen, Mantel, Rock und Weste über die Bügel gelegt, die Hosen in die Spanner geklemmt und die Leisten in die Stiefel gestoßen, denn er wollte offenbar ältere Schuhe und einen Hausanzug nehmen. Niemals behielt er auch nur um eine Minute länger, als es nötig war, seine besseren Kleider am Körper. Er trug sie nur auf der Straße, und so erreichte er es, daß er repräsentabel blieb und in der Öffentlichkeit als den bevorzugten Ständen zugehörig erschien. Bevor er noch in den Hausanzug schlüpfte, hing er den Haken der Hosenspanner über die Fensterklinke und ging so im Zimmer auf und ab, wie immer das Monokel vor dem Auge. Er trug lange, enganliegende, baumwollene Unterhosen, ein halbgestärktes, gefälteltes, blau-weiß gestreiftes Hemd, dessen Farbe schon ausgeblichen war, einen hohen Stehkragen mit abgebogenen Ecken und eine sehr schmale schwarze Krawatte mit kleinen weißen Phantasieblumen, in der ein kleiner, von goldenen Krallen gehaltener Diamant steckte.

Als er sich umgekleidet hatte, ging er in die Küche. Die schmale, aufrechte, sich noch straffende Gestalt im abgetragenen, aber wohlgebürsteten Hausanzug, der vorn und an den Ärmeln mit verschlungenen Schnüren benäht war, die eisengrauen Haare glatt an den Schädel gelegt und zurückgestrichen, über dem Mund das weiße, gestutzte Schnurrbärtchen, das Monokel im abgemagerten Gesicht, so stand er dort wie ein nach einem verlorenen Krieg vom Schauplatz des Lebens weggeschobener General und redete, die Faust gegen die kalte Herdplatte stemmend, in den Rücken seiner Frau, die vor dem Becken der Wasserleitung stand, um das Mittagsgeschirr zu waschen, und wiederholte von Zeit zu Zeit wie einen Refrain die hingehackten Worte: »Sodom und Gomorrha! – Sodom und Gomorrha!«

Als die Wohnungsglocke erklang, schlich er wie immer zur Eingangstür, um durchs Guckloch zu blicken, und sah den fremden, leger doch gut gekleideten Herrn auf dem hellen Flur. Er öffnete die Tür, soweit es die vorgelegte Kette erlaubte, und fragte mit unfreundlicher, fast grober Strenge durch die schmale Türöffnung: »Was wünschen Sie?« Der Korridor, in dem er stand, war finster, so daß Feding ihn kaum sehen konnte. Er hörte nur die knarrenden Töne der Stimme und nahm über der dunklen Gestalt im schmalen Spalt nur die bleichen Reflexe wahr, die das vom Flur in die Wohnung dringende Licht auf sein Gesicht warf, ohne es wirklich zu beleuchten. Sicherlich war dieser Empfang anders, als er es sich gedacht haben mochte.

Noch bevor Feding sich besonnen hatte, kam es abermals durch die Öffnung, diesmal noch unfreundlicher, strenger und lauter, aus der Finsternis des Ganges: »Nun? Bitte –? Was wünschen Sie?«

»Ich heiße Feding«, antwortete er, »und wünsche mit Ihnen zu sprechen, da ich annehme, daß ich das Vergnügen habe, Herrn Klarens vor mir zu sehen.«

»Allerdings! Und worum handelt sich's?«

»Ich werde Ihnen«, sagte Feding leise und freundlich, »darüber augenblicklich Auskunft geben, sobald Sie die Liebenswürdigkeit gehabt haben werden, mich in der Wohnung selbst zu empfangen. Ich bin gern bereit, mit hochgehobenen Armen einzutreten und mich nach Waffen durchsuchen zu lassen, wenn Sie mich im Verdacht haben sollten, ein Dieb oder Räuber zu sein.«

Aus der Dunkelheit kamen Laute, wie Scherben von zerknackten Worten, doch Feding ließ sich nicht beirren und fuhr fort: »Sie müssen mich nicht auf dem Flur stehen lassen, Herr Klarens. Ich bin weder ein Bettler noch ein Hausierer, ich will kein Almosen und will Ihnen nichts verkaufen, ich bin Akademiker, betrachte mich als Mitglied der gebildeten Stände und gehöre also derselben gesellschaftlichen Schicht an wie Sie!«

Feding hatte offenbar das richtige Argument gefunden, denn Klarens nahm, wenn auch noch immer knurrend und nur mit unwilligem Gehorsam, die Kette ab, machte Licht und öffnete die Tür. »Bitte!« sagte er, zur Seite tretend, mit schroffer Höflichkeit und wies in die Wohnung. Er ging Feding voran, stieß die Zimmertür auf und streckte den Arm in den Raum hinein. »Bitte!« wiederholte er knapp und scharf, und als sie eingetreten waren, zeigte er auf einen Sessel. »Bitte!« sagte er zum dritten Mal. »Worum handelt sich's?«

Nun erst, da beide einander gegenübersaßen, hatte Feding Gelegenheit, Klarens in deutlich-vollem Licht zu sehen. Er ließ leichthin und im Vorübergehen von unten her seinen Blick über diese straffen Züge gleiten, bis zu den unnahbaren, unbeirrbaren Augen, und schon senkte er ihn wieder. Aber wie ein vor der Sonne vorüberfliegendes Wölkchen über die Landschaft ein dunkleres Tuch hinzieht, so verloren auch seine eigenen Augen für eine Sekunde einen kleinen Schimmer ihrer natürlichen Helligkeit. »Vor allem«, begann er langsam, »muß ich um Entschuldigung bitten, daß ich so ohne alle Formalität, ohne Anmeldung hier eingedrungen bin. Ich bitte Sie mit aller Entschiedenheit, dies nur als eine Folge der Bequemlichkeit zu betrachten, zu der mich mein Alter manchmal verführt, denn ich weiß sehr wohl, wen ich vor mir habe: wenn auch nicht mehr den Chef des Geschäftshauses Klarens, was mir ganz gleichgültig ist, so doch das Haupt einer der ersten Familien! Ich bin ein konservativer Mensch und deshalb ist es mir wohl bewußt, daß die großbürgerliche Aristokratie seit Generationen am würdigsten durch den Namen Klarens vertreten wird!«

Klarens nahm Fedings Worte stumm entgegen. Es war nicht zu erraten, was hinter der steinernen Front seines Äußeren vorging. Er schwieg für einige Sekunden, dann antwortete er in seiner gewohnten, rasselnden Redeweise: »Danke! Ich bin heute nichts mehr!« Er setzte, wahrscheinlich ohne es selbst zu wissen, zu einer Bewegung an, die das Zimmer umfassen und auf die Armseligkeit der ganzen Umgebung hätte hinweisen sollen. »Aber bitte!« fuhr er fort. »Worum handelt es sich?«

Feding hob abermals seine Augen, und sein Blick strich über das Gesicht des Herrn Klarens, das nun, da er wieder schwieg und auf Antwort wartete, so reglos war, als ob ein Zauber alles Leben weggewischt hätte.

»Ich muß Ihnen also«, fuhr Feding bedächtig fort, als ob er Zeit gewinnen wollte, »um so mehr danken, daß Sie mich, trotz meiner Formlosigkeit, sofort empfangen haben. Doch genug der Einleitung! Sie scheinen mich noch immer für einen lästigen Bittsteller zu halten – ich versichere Ihnen, daß Sie in einem Irrtum befangen sind, denn ich stelle geradezu das Gegenteil von einem Bittsteller dar, das extreme, das konträre Gegenteil!« In seine Züge kam jenes kleine Lächeln, das sein Gesicht durchleuchtete und seine schmäler werdenden Augen erglänzen ließ, wenn er einen kleinen Spaß machen oder zu einer scherzhaften Redewendung übergehen wollte, um einer Sache mit Heiterkeit das Gift zu entziehen, jenes Lächeln, das schon so mancher Wut die Kraft genommen, so manche Härte angenagt hatte. »Ich bin als eine Art von Weihnachtsengel gekommen, wenn Sie mir diesen überaus kühnen Vergleich erlauben wollen, als ein Weihnachtsengel, der sein Ohr an Ihren Mund neigen möchte, um Ihre Wünsche entgegenzunehmen. Alles ist eine Sache der Klarheit, und wenn man seine Phantasie nur ein wenig freier spielen läßt, kann man auch zur Klarheit kommen, was man eigentlich am meisten möchte oder wünscht oder will –.« Er blickte Klarens an, wie um dessen Stimmung zu erkunden. Doch bevor er weitersprechen konnte, nahm schon der andere das Wort und sagte streng und abweisend, als müsse er mit einer Axt ein Spinngewebe zerhauen: »Ich habe keine Wünsche! Zur Sache, bitte, zur Sache!«

»Nun also«, sagte endlich Feding, ohne weiter zu zögern. »Es handelt sich um eine unbedeutende geschäftliche Angelegenheit. Als Freund und Sozius ihres Vaters bin ich auch der väterliche Freund von Fräulein Blanche Riedinger –«

»Dacht ich's mir doch!« rief Klarens, schlug mit der knöchernen Faust auf den Tisch und erhob sich. Sein Gesicht hatte sich gerötet, und die schnellen, energischen Bewegungen, mit denen er aufgesprungen war, der abschließende Tonfall seiner Worte bewiesen, daß er gewillt war, das Gespräch augenblicklich zu beenden.

»Würden Sie nicht«, bat ihn Feding, »trotz Ihres Unwillens die Liebenswürdigkeit haben, mich anzuhören?«

»Nein, mein Herr! Kein Wort weiter!« antwortete Klarens. Er stand vor Feding und sah unbewegt auf ihn nieder, als überlegte er, auf welche Weise er sich dieses Menschen entledigen könnte, ja, als wollte er schon fragen: was tun Sie noch hier? Unter der Suggestion dieses Blickes blieb Feding nichts anderes übrig, als sich auch seinerseits zu erheben. Indem jeder zu warten schien, was der andere tun oder sagen würde, standen sie einige Sekunden einander schweigend gegenüber.

Feding und Klarens waren ungefähr gleichaltrig, sie waren auch ungefähr gleich groß, beide hatten eine schlanke Gestalt, einen schmalen Kopf und graue Augen. So standen sie voreinander. Nachdem eine halbe Minute vergangen sein mochte, nahm Feding wieder das Wort. »Herr Klarens«, begann er, und als wär's erst eine Einleitung, »Herr Klarens, wir sind zwei alte Männer –.«

Der andere schnitt ihm die Rede ab: »Und –? Was tut das zur Sache?«

»Nichts, nichts! Sie haben recht. Ich meinte nur, daß wir, vor denen nur noch der vielleicht mühsame und quälende, doch einfache und gerade Weg des Alters liegt, daß wir vielleicht großmütig bedenken könnten, wie holprig und verschlungen die Wege der Jugend sein können. – Erlauben Sie mir eine Frage: haben Sie Kinder?«

»Bitte –? Ob ich Kinder habe? Was geht denn Sie das an?« Klarens' Gesicht rötete sich im Zorn: »Herr! Wer sind Sie? Was wollen Sie? Sind Sie vielleicht ein Spion?«

»Ein Spion, ein Spion?« wiederholte Feding staunend, ja, fassungslos. »Ein Spion? Was sollte ich denn ausspionieren wollen?« Er zwang sich, zu lächeln und heiter zu sein: »Glauben Sie, weil ich Sie fragte, ob Sie Kinder haben, daß mich eine feindliche Macht von Haus zu Haus schickt, um die Soldaten unserer zukünftigen Armee zu zählen?«

»Was für Soldaten? Was für eine Armee?«

»Nichts, nichts, ein kleiner Scherz, verzeihen Sie!«

Klarens starrte ihn an. »Noch etwas?« fragte er, und seine Haltung zeigte, daß er entschlossen war, das Gespräch nicht weiterzuführen und, wenn es anders nicht gehen sollte, dem Gast die Türe zu weisen. Doch nun war's, als ob ein stiller Jähzorn über Feding käme. »Packen wir die Sache anders an!« rief er, während sich vor Wut seine Wangen röteten, doch zugleich vor Anstrengung, die Wut zu beherrschen. »Packen wir die Sache anders an, da Sie es vorziehen –« Er verstummte und würgte offenbar eine Unfreundlichkeit oder Grobheit hinunter, dann fuhr er gelassener fort: »Ich bin ein vermögender Mann und in der Lage, weiter zu gehen, als Sie vielleicht annehmen. Ich gedenke von Ihren Forderungen, wenn sie mir überhaupt erfüllbar erscheinen, nichts abzuhandeln. Welchen Betrag beanspruchen Sie –?« Abermals unterbrach ihn Klarens, diesmal mit einem lauten, heiseren Ha!, das halb ein Auflachen und halb ein Aufbellen war und in ein trockenes Gelächter überging.

Er bitte ihn, rief Feding ihm zu, ihn zu Ende sprechen zu lassen oder aber ihm, wenn er so ingeniös sei, zu erraten, was er im einzelnen ihn habe fragen wollen, eine Antwort zu geben.

»Eine Antwort? Aber bitte sehr!« rief Klarens und lachte noch immer. Es war ein Aufschwung in seiner Stimme, der rauhe Gesang eines glücklichen Herzens. »Eine Antwort? Bitte sehr! Welchen Betrag ich beanspruche? Wofür? Für die dreckige Baracke? Gar keinen, mein Herr väterlicher Freund, gar keinen, und wenn Sie mir Millionen bieten! Ich danke, ich danke und lehne mit aller Entschiedenheit das Geschäftchen ab!«

Feding blieb stumm und wartete. Endlich kam Klarens Körper, der sich lachend mit kurzen, harten Rucken schüttelte, wieder zur Ruhe. Nun sah er seinen Gast herausfordernd an, als ob er seine vorige Frage: Noch etwas? triumphierend und energischer wiederholen wollte. Feding musterte noch einmal dieses Gesicht, das der Prüfung standhielt, ja, sich ihm stolz und trotzig darbot. Dann entschloß er sich, ein Ende zu machen, sagte nur noch »Danke!« und wandte sich ab. Das Gespräch hatte keine fünf Minuten in Anspruch genommen.

»Bitte«, antwortete Klarens und öffnete die Tür vor ihm, ließ ihn vorangehen, überholte ihn aber im Korridor und riß mit übertriebener Eile, mit einem zweiten »Bitte!«, auch die Wohnungstür für ihn auf, indem er so den Anschein sich überstürzender Höflichkeit mit einem Hinauswurf vereinigte. Mit einem leichten Nicken des Kopfes einen Gruß andeutend, ging Feding an ihm vorüber. Klarens aber schloß lärmend die Tür und eilte, als könne er es nicht erwarten, zu seiner Frau zu kommen, die noch immer das Mittagsgeschirr wusch, mit hastigen Schritten zur Küche, blieb auf der Schwelle stehen und rief ihr zu: »Na also! Jetzt haben wir also auch den Bock hier gehabt!«

»Was für einen Bock?« fragte sie und drehte sich erschrocken um.

»Nun, den alten Bock, der die Dirne dort aushält!« Er eilte weiter, ins Zimmer zurück, ans Fenster, um auf die Straße zu blicken und noch einmal Feding zu sehen. Es dauerte geraume Zeit, ehe er sich zeigte. Klarens beobachtete ihn, wie er die Straße überquerte, stehenblieb und schon zu einer Bewegung ansetzte, um einen vorüberfahrenden Wagen anzuhalten, sich dann jedoch anders besann und mit langsam-gleichmäßigen Schritten seinen Weg nahm. Klarens verfolgte ihn mit seinen Blicken, bis er hinter einer Ecke verschwunden war; dann erst eilte er wieder in die Küche zu seiner Frau.

II

Blanche hatte die Begegnung ihres Vaters mit Feding nicht mehr wahrgenommen und war geradenwegs zu Carola gefahren. Bei ihrem Eintritt in Ruges Haus traf sie zu ihrer Überraschung auf Gisela, die heute morgen zurückgekehrt war, ebenso plötzlich, wie sie sich vor über einer Woche aus dem Staub gemacht hatte. Jetzt durchquerte sie laufend die kleine Halle. »Ah, Blanche! Servus!« rief sie bei Blanches Anblick, ohne stehenzubleiben, und mit dem leicht hingeworfenen Ausruf: »Na, daß man dich auch wieder einmal sieht!« nahm sie mit einem Satz die untersten Stufen und rannte ins obere Stockwerk, offenbar im Begriff, einen in ein Tuch gehüllten Gegenstand, den sie in den Händen hielt, vielleicht eine Wärmflasche, hinaufzutragen. Blanche trat an den Treppenfuß und rief ihr Fragen nach: was denn mit ihr sei, wo sie gewesen, wann sie zurückgekommen sei, Gisela aber hielt sich nicht auf oder hörte die Fragen nicht mehr und verschwand in Carolas Schlafzimmer. Zugleich trat eilig und erschreckt Ruge aus einem der unteren Räume, um mahnend hinaufzuweisen und Blanche mit dieser Geste zu bitten, leiser zu sein. Er hatte eben Stadel und Müller-Erfurt in sein Arbeitszimmer geführt, die miteinander hergefahren waren, um Carola zu besuchen, vorläufig aber nicht vorgelassen und gebeten worden waren, unten zu warten, da schon ein Gast bei Carola sei und es sie ermüde oder irritiere, zu viele Menschen zugleich in ihrem Schlafzimmer zu sehen.

Es herrschte hier ein bewegtes Kommen und Gehen. Man wußte nicht, ob die Besuche aus Teilnahme, aus Hilfsbereitschaft, aus Neugierde gemacht wurden, ob es noch Krankenbesuche waren oder, da es herumgekommen war, daß Carola wegfahren sollte oder werde, schon Abschiedsbesuche, die die Zurückbleibenden der Abreisenden abstatteten. Noch hatte Carola, trotz aller ärztlichen Ratschläge Kraus und trotz Ruges ängstlichen Bitten, nicht ihre Zustimmung gegeben, zu verreisen und ihren Mann zu verlassen, und gar für so lange Zeit, wie es geplant war, aber die Vorbereitungen waren im Gang und wurden von ihm selbst vorwärtsgetrieben. Zu müde, um sich ernstlich dagegen zu wehren, ließ sie alles geschehen, was er tat. Die Reiseprospekte türmten sich vor ihr auf, damit ihre Anpreisungen und verführerischen Bilder sie verlockten.

Längst war auch mit den notwendigen Bestellungen und Einkäufen begonnen worden, da aber Carola kaum ausging, oder nur, um ein wenig Luft zu schöpfen, war Ruge, allerdings zu seinem eigenen glückstrahlenden Vergnügen, gezwungen, viele Besorgungen für seine Frau zu tun, natürlich, wo es ratsam war, nur mit Hilfe ihrer Freundinnen, wenn er als Mann sie ihnen in manchen Fällen nicht ganz überlassen mußte. So bekam alles den Charakter des Geschenks, und eben dadurch erhöhte sich seine Freude. Er ging mit Leidenschaft daran, alles, aber auch alles herbeizuschaffen, was man, was im besonderen eine Frau für eine längere Reise braucht. Man kennt ihn, seinen liebevollen Eifer, seine Gutmütigkeit, die zum Maßlosen neigt, und so läßt sich's denken, wie sich das Haus füllte, wie es sich in ihm häufte und anschwoll. Carolas Wohnzimmer und ihr Schlafzimmer waren voll von noch uneröffneten Paketen und von all den neuen Dingen, die dort vorbereitet lagen, hingehängt und ausgebreitet waren: Lippenstifte und Koffer, Puderschachteln und Hüte, Wäsche, Kleider und Mäntel, Schleier und Necessaires, Nagellack und ein italienisches Wörterbuch. Es mußte vermieden werden, daß ihr eines Tages etwas fehle, was sie brauchte, und so entwickelte sich in Ruge ein pedantischer Ehrgeiz, nur ja an alles zu denken und nichts zu übersehen. Zum Schluß konnte man glauben, er habe vergessen, daß es auch im Ausland Läden gibt, die man betreten und in denen man kaufen kann, was man braucht, einen Taschenkamm, Füllfedertinte oder eine Sonnenbrille. Gewiß, bei all seinen Bemühungen und planvollen Überlegungen mochte es dennoch geschehen, daß ihm etwas entging, was notwendig war; viel öfter aber geschah es, daß er auch noch das Überflüssige für notwendig hielt; was ihm aber ganz und gar abging, das war der Sinn für die richtige Quantität dessen, was man brauchte; niemals war die Menge, die er für geboten und richtig hielt, zu klein, dagegen meistens viel zu groß.

Es nahm kein Ende, immer wieder kamen Boten, die etwas hertrugen. Nun war es dabei unvermeidlich und schlimm genug, daß im Haus ein immerwährender Wirbel herrschte und Carola vom häufigen Klingeln der Hausglocke, von den fremden Stimmen, die herauftönten, vom Gehen der Türen, dem ununterbrochenen Treppauf-Treppab gestört und irritiert wurde. Es kostete große Mühe, die Unruhe zu dämpfen, die durch all diese lärmenden, rücksichtslosen Überbringer von Paketen, übrigens auch durch die vielen Telephonanrufe, mit denen man sich nach ihrem Befinden, nach ihren Plänen und nach ihren endgültigen Entschlüssen erkundigte, ob und wann sie reisen werde, und schließlich durch die vielen Gäste verursacht wurde. Von Zeit zu Zeit kamen auch noch Unbekannte, die, als Mieter oder Käufer, das Haus besichtigen wollten, manchmal auch ein Wohnungsagent oder Häusermakler. Wenn diese fremden Leute auftauchten, geriet Ruge in einen geradezu panikartigen Zustand, denn er bestand darauf, Carola wenigstens vorläufig die Veränderung ihrer Vermögenslage zu verheimlichen. Die einen bestärkten ihn in diesem Vorhaben, die anderen waren der Ansicht, daß man endlich den Mut aufbringen müsse, ihr darzulegen, wie sich alles verhalte.

Aber Krau unterstützte immer wieder Ruges Meinung, indem er mit der Autorität des Arztes, ja, mit einem gewissen Pathos darauf hinwies, daß Carola gar nicht genug geschont werden könne, weil sie psychisch außerordentlich labil sei, eine Überzeugung, die er immer schon gehabt habe, in der er aber im Laufe der Zeit nur noch bestärkt worden sei, da sie – und dies sei das Zweite und Spezielle, was er zu sagen habe – gerade jetzt, kaum daß sie sich von ihrer Krankheit erholt hätte, am Ende gar als deren Folge, von Herzbeschwerden heimgesucht werde. Dies war auch tatsächlich der Fall, und Krau befand sich erneut um Carolas willen in den größten Ängsten. Er war sich nicht ganz im klaren über ihre Krankheit. Am liebsten hätte er ein großes und feierliches Consilium einberufen, aber nicht einmal einen Spezialarzt hinzuzuziehen erlaubte ihm Carola. So beobachtete er sie und ihre Zustände auf eigene Faust und untersuchte sie immer wieder und zermarterte seinen armen Kopf, ob ihre Beschwerden funktioneller oder organischer oder nervöser oder psychogenetischer Natur seien.

Wer mit den Verhältnissen hier nicht vertraut war, dem wäre es beim Anblick des Lebens, das hier herrschte, ganz unglaubwürdig erschienen, wenn man ihm gesagt hätte, daß noch vor einer Woche der Herr des Hauses geklagt habe, er sei ruiniert und stehe vor dem Nichts; er hätte vielmehr den Eindruck haben müssen, daß hier ein Sorgloser aus dem vollen schöpfe. Was inzwischen vorgegangen war, blieb ungeklärt, und niemand hatte eine Übersicht. Wer von Ruges Freunden, außer Gisela, die ihm Geld geborgt hatte, wer ahnte, welche Wege, um sich noch mehr zu beschaffen, als ihm seine Freunde leihen konnten, Ruge insgeheim ging, wie kostspielig diese Wege waren und zu welcher Sorte von Leuten sie ihn führten, ihn, diesen unpraktischen, unerfahrenen Menschen, der sich nicht einmal beraten ließ, weil er fürchten oder ahnen mochte, daß ihn jene Leute, die er um Rat anging, fragen könnten, wofür er denn so große Summen brauche, und sich dann am Ende, weil sie kein Verständnis für seine Situation und für Carolas Psyche hätten, weigern könnten, ihm zum Gelde zu verhelfen.

Jetzt also war er herausgeeilt, um mahnend hinaufzuweisen und mit dieser Geste Blanche zu bitten, leiser zu sein. Dann erst begrüßte er sie sehr herzlich und führte sie weg, allerdings nicht in sein Arbeitszimmer, sondern ins Eßzimmer, weil er mit ihr unter vier Augen etwas zu besprechen wünschte, doch wurde er, wenn auch nur, wie es hieß, für einen Augenblick, zu Carola abberufen. Er stürzte weg, aber er kam nicht wieder, und so blieb sie allein; doch nach einer Weile steckte im Vorübergehen Gisela den Kopf herein und rief ihr zu, daß sie gleich zu ihr kommen werde.

Währenddessen warteten in Ruges Arbeitszimmer noch immer Müller-Erfurt und Stadel. Dieser räkelte sich, die Beine von sich streckend und fast schon liegend, in einem der Klubfauteuils in einer Ecke des Zimmers, jener hatte sich im mächtigen Sessel vor dem Schreibtisch niedergelassen. Steif und aufrecht auf der vorderen Kante sitzend, hinter sich die hohe Rückenlehne, verlor er sich mit seinem kurzen und schmächtigen, mißwachsenen Körper in der großen Breite zwischen den Seitenlehnen. Sie waren mit dem Empfang, der ihnen bereitet worden war, und mit der Situation, in der sie sich hier befanden, unzufrieden und wurden von Minute zu Minute, je länger man sie warten ließ, mißgestimmter, besonders aber Stadel, der, den Mund schon voll Lärm, mit großem Hallo und mit der Erwartung hier eingebrochen war, auch seinerseits mit großem Hallo empfangen zu werden, statt dessen aber sofort von dem über seinen lauten Eintritt erschreckten Dienstmädchen und vom herbeieilenden Ruge schleunigst in dieses Zimmer wie auf ein Nebengeleise geschoben und so vorläufig außer Wirkung gesetzt worden war.

»Wie ist es eigentlich?« fragte Stadel. »Sind wir hier im Salon eines öffentlichen Hauses, um nacheinander einem sehr frequentierten Mädchen zugeführt zu werden, oder im Wartezimmer vor einem Audienzsaal, um der Reihe nach bei der Fürstin vorgelassen zu werden?« Müller-Erfurt lächelte in seiner maliziösen Art und erwiderte, indem er die offene Hand von sich streckte, als ob er eine auf ihr liegende Pointe vorweisen wollte: »Im Wartezimmer eines fürstlichen – Mädchens!«

Stadel verzerrte sein Gesicht zu einer Grimasse, blinzelte ihn aus zusammengekniffenen Augen an und antwortete mit gelangweilt zerzogenen Worten: »Das ist wieder einmal einer deiner überraschenden und bis zu jedem Buchstaben mit Esprit gefüllten Sätze. Nur ist er vollkommen geistlos. Diese Art, ohne Überlegung Gegensätze aneinanderzureihen, diese Art der lediglich mechanischen Wortverknüpfungen stellt die billigste Art dar, geistreich zu sein, und geht schon in Blödheit über!«

Müller-Erfurts Wangen röteten sich. »Du bist«, sagte er, »in deiner Eitelkeit verletzt, weil man dich hier warten läßt, statt dich mit Jubel und Triumphgesängen zu empfangen, aber die Art, gegen das nächstbeste Objekt loszubeißen, stellt die billigste Art dar, seine Wut loszuwerden, und geht schon in die Art der alten keifenden Weiber über!«

Man sieht, sie machten sich's bequem. Mit gemächlicher Bewegung zerrissen sie die Decke des gültigen Betragens und zielten nicht mit gespitzten Pfeilen aufeinander, sondern bewarfen einander mit Klötzen und Steinen. Stadel grinste. »Du hast wahrscheinlich recht. Ich habe nie geleugnet, daß ich ein eitles Schwein und ein widerlicher Kerl bin, Eigenschaften, die ich übrigens mit vielen bedeutenden Menschen gemeinsam habe, aber das nächstbeste Objekt, von dem du sprichst, macht es mir leicht, loszubeißen. Ich will es dir beweisen: ich habe die Situation, in der wir hier sitzen, mit anderen Situationen verglichen, in denen man auch wartet, wogegen du den Vergleich mechanisch auf die Person übertragen hast, auf die wir hier warten, wodurch er jeden Sinn verliert, da wir Carola weder mit einem jener Mädchen noch auch mit einer Fürstin vergleichen wollen. Du aber wirst, entgegen deiner ewigen Hoffnung, die schon einer fixen Idee gleichkommt, mit deinen witzlosen Wortwitzen niemals deine Chancen erhöhen, weder bei Carola noch bei irgendeiner Frau auf der ganzen Welt!«

Sie waren im Gang. »Du dagegen«, antwortete Müller-Erfurt mit Promptheit, »hättest erst alle Chancen, wenn sie eine Fürstin wäre. Denn dich lieben ja die Herzoginnen und Fürstinnen, und jetzt wirst du sicherlich gleich die Geschichte von deiner Prinzessin erzählen, die dich, wie du so gern erzählst, wegen deines Drecks und Gestanks geliebt hat!«

Stadel, der alte Kämpfer auf den Schlachtfeldern der Eitelkeit, behielt seine Ruhe. Er hob seinen Körper noch weiter vor, so daß seine Füße weit in das Zimmer hineinragten und sein Kopf sich schon gegen die Mitte der Lehne stützte, und sprach mit scheinbarem Phlegma. »Die Erinnerung an die kleine entzückende Person ist sehr süß, und du hast es erraten: ich würde gern von ihr sprechen, sowohl wegen der reizenden Vorstellungen, die sich damit verbinden, als auch deshalb, weil diese ganze Affäre, wie du ebenfalls errätst, meiner plebejischen Eitelkeit geschmeichelt hat. Aber sie hat nicht jeden Dreck geliebt, die süße Person, das darfst du mir glauben; ich versichere dir, sie war sehr exklusiv! Wie aber immer es sein mag«, und seine nach Müller-Erfurt hinschielenden Augen blitzten und lachten vor Freude am Wortgefecht und im vorweggenommenen Triumph an seinem Sieg, »es ist besser und erfreulicher, von den Prinzessinnen wegen des eingebildeten Drecks geliebt zu werden, als auf die tatsächlich dreckigen Huren angewiesen zu sein.«

Das war nun einmal ein gemütlicher Dialog. Die letzten Worte, die Spielregeln des Duells verletzend und hinterrücks nach schwereren, tückischen Waffen greifend, nahmen Müller-Erfurt alle Geistesgegenwart und Schlagfertigkeit. Es ist gar nicht abzusehen, wohin sie bei diesem steilen Anstieg des Gesprächs noch gelangt wären, was alles noch zum Vorschein gekommen wäre an Eiter aus ewig fließenden Geschwüren, an psychischem Geröll aus der Unterwelt, wenn nicht Ruge aufgetaucht wäre, um einen der beiden zu Carola zu holen. »Der Nächste, bitte!« sagte er scherzend und fügte mit verlegenem Lächeln hinzu: »Ich komme mir selbst vor wie ein Diener bei einem Arzt oder in einem Amt.«

Stadel erhob sich und verabschiedete sich mit einer ironischen Verbeugung von Müller-Erfurt. Dieser blieb allein, noch immer nur auf der Vorderkante des breiten Sessels sitzend. Er sah vor sich hin, wie in tiefem Nachdenken versunken; er suchte noch immer eine schlagende Erwiderung auf Stadels letzten Satz.

Kein übermenschlich gutes Aperçu, dessen er sich doch wahrhaftig für fähig hielt, kein noch so messerscharfes Wort hätte als Antwort auf Stadels niederträchtigen Angriff genügt, auf diese rohen Worte über Müller-Erfurts Erfolglosigkeit, über seine Unfähigkeit, Frauen zu erobern, so daß er gezwungen sei, sie zu kaufen, der arme Hund. Sicherlich, in diesem Augenblick hätte Müller-Erfurt alles hingegeben, um zu zeigen, daß er kein armer Hund sei, er hätte alles hingegeben, was er hatte, was er liebte und worauf er stolz war, sein Eigentum, seine Freunde, seine Stellung, die ihm seinen Lebensunterhalt gab, die Erinnerungen an die besten Stunden seines Lebens, seine mit Aphorismen angefüllten Hefte, die ihm eines Tages den Ruhm eintragen würden, der geistreichste Mann des Jahrhunderts zu sein, alles, alles hätte er hingegeben für eine einzige Minute, in der er Stadel hätte nachweisen können – was wollte er ihm nachweisen? Wie hätte er es ihm nachweisen können? Müller-Erfurt rührte sich nicht, er saß, den erstarrten Blick vor sich hin auf die Schreibtischplatte geheftet.

Ein Wäldchen vor der Stadt, eine stille Nebenstraße. Er geht einher, neben ihm eine Dame. Sie ist eingehüllt in ihre Keuschheit und Sprödigkeit, und dennoch wirft sie sich ihm mit geradezu schamloser Begehrlichkeit an den Hals, in eben jenem Augenblick, da Stadel, der sich zufällig an diesen abgelegenen Ort verirrt hat, vorübergeht. Ein Zimmer, ein Saal, eine Terrasse in einer abendlichen Landschaft, dort sitzt Stadel mit seiner Geliebten, doch da kommt er, er selbst, Müller-Erfurt. Er sieht sie, er strafft sich, ein Satz, ein Wort und noch ein Wort, auf dem sanften Strom seines Charmes sprüht das Feuerwerk seines Geistes – und es ist um sie geschehen! Wie ein liebenswürdiges Raubtier stürzt er sich auf die Frauen und frißt sie alle. Sie fürchten sich vor ihm wie vor einem unwiderstehlichen, herrlich-fürchterlichen Element, sie fliehen vor ihm und beten nur um eines: daß er sie einholen möge …

Müller-Erfurt wurde aufgeschreckt, denn nebenan im Zimmer ertönte ein Schlag, wie der Schlag einer auf einen Tisch niederfahrenden Faust, und dann das Aufschluchzen einer Frau.

Es stand heute kein guter Stern über diesem Haus. Es war, als ob irgendwelche in die Menschen greifenden Krallen alle Bosheit und Wildheit aus ihnen zerrten, als überkäme sie alle die Lust, zu schlagen oder zu schreien, wie wenn sie das Bedürfnis hätten, die wohlbehütete Stille zwischen diesen Mauern, die samtene Rücksicht, die in jedem Schritt und in jedem Wort vorherrschte, mit Gewalt zu durchbrechen, wie wenn sie unter dem Zwang ständen, mit Lärm und Brutalität gegen Schwermut, Melancholie und ängstlich schleichende Zartheit einen Ausgleich zu schaffen. Selbst Gisela vergaß alle Rücksicht, die sie von den anderen Gästen verlangte, und bald gab es auch hier, zwischen den beiden Freundinnen, nur Wut und Tränen.

Gisela war gesund, frisch aufgebügelt und mit neuem Temperament von ihrem Ausflug zurückgekehrt. Sie hatte gleich nach ihrer Ankunft Blanche angerufen, ohne sie zu erreichen, und dann Ruge, dessen flatternde Hilflosigkeit sie bewog, gleich herzukommen. Ihr Gewissen mochte ihr Vorwürfe machen, daß sie ihre Freunde wortlos verlassen und in schweren oder unübersichtlichen Situationen vernachlässigt hatte. So warf sie sich mit doppelter Energie in alle fremden Angelegenheiten und tat so, als müsse sie jetzt, da sie nun wieder da sei, innerhalb einer Stunde alles in Ordnung bringen. Sie war bei Blanche hastig und mit schnell hervorgesprudelten Fragen eingetreten, die vielleicht auch verhindern sollten, daß man sie nach ihr selbst und ihrer Reise frage. »Nun, wie geht es dir?« hatte sie begonnen. »Was gibt es Neues? Wie siehst du aus? Ein wenig abgehetzt! Fehlt dir etwas? Hast du schon ein neues Atelier gefunden?«

»Nein, noch nicht.«

»Aber übersiedelt bist du doch schon?«

»Nein. Wohin hätte ich denn übersiedeln sollen?«

»Also ausgezogen? Nein? Wann gedenkst du, auszuziehen?«

»Ich werde morgen zu packen beginnen.«

»Morgen?« Sie sah Blanche zweifelnd an: »Warum ziehst du dich so lange mit der Sache? Ich habe dir doch gesagt, daß du dich so schnell wie möglich zusammenpacken sollst!«

»Aber ja! Ich werde mich schon zusammenpacken! Sag mir lieber, wie es dir ergangen ist! Wo warst du?«

»Ich hatte Aufträge, auf dem Land, auf einem Schloß –.« Sie lenkte wieder ab: »Ich sehe es dir an, daß du dich nicht zusammenpacken wirst! Du wirst es so lange hin- und hertreiben, bis man dich mit Gewalt auf die Straße setzen wird und du mit deinem ganzen Kram im Freien stehst! Dann haben wir den Krach und die Tränen! Die Bilder sind verdorben, und der Schrank ist angeschlagen, und Gott weiß, was noch! Worauf wartest du noch?«

»Mein Gott, bevor ich endgültig ausziehe, will ich doch wissen, daß es wirklich notwendig ist!«

Gisela wurde ärgerlich. »Hast du noch nicht eingesehen, daß es notwendig ist?«

»Ich war jetzt bei Feding und habe den Eindruck, daß er noch irgendeinen Gedanken hat.«

»Unsinn! Er hat dir doch schon auseinandergesetzt, daß du dir keine Hoffnung machen sollst!«

»Aber ich war heute nochmals bei ihm.«

»Dadurch, daß du hundertmal zu ihm läufst, ändert sich gar nichts!«

»Schön, wenn es wirklich notwendig sein sollte, werde ich eben ausziehen!«

Gisela sah Blanche schärfer an. »Das sagst du und kannst dich doch nicht dazu entschließen! Was hält dich denn dort? Hast du vielleicht einen Mann dort versteckt?«

»Du bist verrückt!«

»Gut! Aber ich bin gar nicht verrückt, denn ich glaube es ja selbst nicht! Ich habe dich nur für jeden Fall gefragt. Was also hält dich denn gar so gewaltsam zurück?«

Blanche zuckte mit den Achseln. »Mein Gott, du weißt es ja selbst, wie schön es dort ist!«

»Gewiß, aber schließlich wird vielleicht noch ein ebenso schönes Atelier zu finden sein?«

»Das glaube ich eben nicht.«

»Mein Gott, so wird es eben um einen Grad weniger schön sein! Deshalb wirst du noch nicht in der Hölle sein!«

»Es geht nicht um einen Grad, sondern um viele Grade. Es gibt kein solches Atelier mehr. Und laß mir meine Ruhe, Gisela! Sag mir lieber, wo du warst!«

»Ich habe dir doch schon gesagt: Aufträge! Mußt du unbedingt die Namen meiner Kunden kennen? Sag du mir statt dessen: warum es nicht ein zweitesmal eine solche Bude geben sollte!«

»Es gibt eben keine«, sagte Blanche, nun schon zornig. »Und es ist keine Bude! Laß mir endlich meine Ruhe! Es ist keine Bude, und die Lichtverhältnisse sind ideal!«

Gisela sah sie mit offenem Mund an. »Wie?« fragte sie dann. »In der ganzen Stadt wird es kein Atelier mit ebenso guten Lichtverhältnissen geben?«

»Nein!«

»Man kann rasend werden!« rief Gisela.

»Du verstehst es nicht!« rief Blanche empört zurück.

»Hör einmal!« begann Gisela noch einmal. »Deine Bilder mögen herrlich und prachtvoll sein, und ich will dir glauben, daß die Malerei deinen Lebensinhalt bildet, aber –«

»Ich bin eben ein Gewohnheitsmensch«, unterbrach Blanche sie, »und wenn es sich gar um eine Gewohnheit handelt, die die Malerei betrifft –«

Da hieb Gisela in ihrer Wut auf den Tisch, und Blanche schluchzte auf.

Müller-Erfurt lauschte durch die Wand hinein. Was mochte dort vorgehen? Er hörte nur in Abständen das kurze Aufschluchzen, und mit einer winzigen Bewegung deutete er ein Kopfschütteln an, als ob er staunend dächte: Was doch die Menschen treiben! Was sie treiben! Das Schluchzen einer Frau! Er lehnte sich zurück. Ach, warum weint die Frau?

Da öffnete sich die Tür, und Blanche stand auf der Schwelle. Gisela war ganz und gar in Zorn geraten, weil Blanche weinte, und in ihrer Wut war ihr nichts Besseres eingefallen, als zu schimpfen und zu rufen, sie sei eine blöde Gans. Blanche wiederum, die das Gespräch gar zu gern beendet gesehen hätte, benützte diese Gelegenheit, zu entweichen. Sie glitt in längst verlassene und vergessene Bahnen ihrer Kindheit zurück, und mit den stolzen Worten eines zwölfjährigen Schulmädchens: »Mit einer blöden Gans brauchst du nicht zu sprechen!« verließ sie den Raum, um in Ruges Arbeitszimmer zu gehen, doch bei Müller-Erfurts Anblick hielt sie erschrocken ein, denn, natürlich, sie wollte ihr verweintes Gesicht niemanden sehen lassen.

Müller-Erfurt fuhr auf und sah sie einen kurzen Augenblick voll Überraschung an, doch ehe sie wieder zurückgewichen war, sprach er sie an: »Blanche!« rief er. »Sie also sind es, die ich gehört habe? Was gibt's denn?«

»Ach, nichts!« brummte sie. »Gisela ist verrückt geworden!«

Er lächelte: »Und deshalb weinen Sie?« Er betrachtete sie in ihrem verwirrten Zustand. Sie setzte zu einer Bewegung an, als ob sie von der Schwelle wieder zurücktreten wollte, doch er rief freundlich: »Kommen Sie nur herein!« und tat einen Schritt auf sie zu. »Kommen Sie nur und sagen Sie mir, weshalb Sie geweint haben! Kommen Sie!« Von seinem sanften Ton hereingezogen, trat sie wirklich ein und setzte sich. Er stand neben ihr. »Nun?« fragte er. »Was gab's?«

»Ach was!« sagte sie und machte eine wegwerfende Geste. Er hob die Hand, als ob er ihre Schulter streicheln wollte: »Nun, vertrauen Sie sich mir an! Ich will versuchen, Sie zu trösten! Aber selbst, wenn es mir nicht gelingen sollte, so werden Sie sich wenigstens jemandem anvertrauen und nicht allein in Ihrem Unglück sein!«

Sie sah zu ihm auf, mit einem Blick, in dem ein leises Staunen, doch auch schon eine gewisse Dankbarkeit war. Das Ahnen eines Lächelns ging um ihren Mund, doch dann murmelte sie: »Nein. Ich gehe. Lassen Sie mich gehen!«

»Gut!« sagte er. »Aber ich gehe mit Ihnen!« Ja, sagte Blanche, sie bleibe nicht hier, denn so wie sie aussehe, wolle sie sich Carola nicht zeigen.

Draußen wurden Geräusche hörbar. Stadel kam zurück, mit ihm Ruge, und Müller-Erfurt benützte die Gelegenheit, aufzubrechen; er werde, sagte er, Carola ein anderesmal besuchen, denn es sei zu spät geworden. Heute sei er ohnedies nur gekommen, um sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, und im übrigen habe er Blanche, die auch nicht mehr warten könne, versprochen, sie zu begleiten. Obwohl Ruge mit Blanche über etwas hatte sprechen wollen, war er's im Grunde doch zufrieden, wie er es immer war, wenn er das Haus sich leeren sah. So lief Blanche denn weg, um aus dem Nebenzimmer Hut und Mantel zu holen, und kam gleich wieder. »Gehen wir?« fragte Müller-Erfurt.

»Gehen wir!« antwortete sie. Stadel beobachtete die beiden voll Spannung und Mißtrauen, und als Ruge sie zum Haustor begleitete, ging er mit. Als sie den kurzen Weg durch den Garten zurücklegten, sah er ihnen mit zusammengekniffenen Augen nach, und schließlich machte er eine tiefe ironische Verbeugung hinter ihnen her. Er war gewitzt, die vielen Jahre seiner Vergangenheit hatten seine Instinkte geschärft, er kannte, wie er selbst sagte, den Betrieb, er spürte es schon von weitem, wenn zwei Menschen zueinander strebten, er spürte es, wenn sich nur nebelhafte Fäden zwischen ihnen spannen, er spürte alles und grinste und feixte, wie er es jetzt tat. Und es war, als spüre Müller-Erfurt, daß hinter seinem Rücken etwas vorgehe; beim Gartentor angelangt, drehte er sich nochmals um, in eben jenem Augenblick, da sich Stadel wieder aufrichtete.

 

Eine halbe Stunde später saßen Müller-Erfurt und Blanche in ihrem kleinen Haus, unten im Biedermeierzimmer, sie auf dem Sofa an der Wand, er an der Schmalseite des ovalen Tisches, dem Fenster gegenüber; denn es war, sobald sie Ruge verlassen hatten, schnell klargestellt worden, daß Blanche für den Augenblick nichts vorhatte, während Müller-Erfurt erst für den späteren Abend mit einem Freund verabredet war. So forderte sie ihn auf, bei ihr eine Tasse Tee zu trinken, und da er mit dieser Einladung ohnedies gerechnet hatte, machten sie sich gleich auf den Weg; damit sie aber schneller hinkämen, rief er das erste freie Auto an, und sie stiegen ein. Blanche war nach dem Streit mit Gisela und nach ihrem kleinen Tränenerguß immer noch etwas verwirrter Stimmung; da er sie voll Milde und Freundschaft bat, ihm doch endlich zu gestehen, warum sie geweint habe und was denn vor sich gegangen sei, wich sie ihm aus oder winkte nur ab. Doch er drang in sie, verlangte, daß sie Vertrauen zu ihm habe, und versicherte ihr voll sicherer Überzeugung, daß es ihm ganz bestimmt gelingen werde, sie zu trösten. Er sprach in jenem sanften Ton, den man noch niemals von ihm gehört hatte und der auch tatsächlich Blanche immer wieder staunend aufschauen und aufhorchen ließ, aber er hatte ihn nun einmal angeschlagen, und wer weiß, am Ende hatte sich wirklich unter seiner eigenen weicheren Stimme, unterm eigenen wärmenden Gefühl, gütig zu sein, unter der ungewohnten, neuartigen Freude daran, am Ende hatte sich wirklich unversehens eine kleine verborgene Reserve an Güte in ihm eröffnet.

Als sie den Garten betreten hatten, war Müller-Erfurt voll Verwunderung stehengeblieben. Ah, rief er, das sei ja nicht wiederzuerkennen, es sehe anders aus als damals. Ja, damals, antwortete sie, seit damals sei eben eine lange Zeit vergangen, seit seinem ersten und, wie sie hinzufügen müsse, letzten und einzigen Besuch; damals sei es Mitte März gewesen, und jetzt sei es Ende April, aber nicht nur dies, nicht nur die Zeit, auch der Gärtner habe gearbeitet, zwei volle Wochen sei er täglich hier gewesen, und auch jetzt noch komme er übern Tag für einige Stunden her.

Sie hatte recht; es war eine zweifache Wiedergeburt, die zu erkennen und zu fühlen war. Die verwahrloste, struppige, fast noch winterliche Wildnis war zu einer geordneten Frühjahrslandschaft geworden, das ungezähmte, ziellose Wachstum, über das die Märzsonne wahllos nur da und dort den kleinen Schein einer Knospe, einer ersten Blüte hingeworfen, hatte sich zum großen Frühling verwandelt, der in wohlgepflegten Bahnen grüßte und blühte. Was verdorrt, verfault, verkommen gewesen, war weggeräumt und verschwunden, und wie hergezaubert zeigte sich in der wärmeren Luft überall Farbe und blinkendes Leuchten. Der Weg, der vom schmalen Gittertor zum Hause führte, war längst von allem Unkraut und wuchernden Gras befreit, die Rasenkanten waren gerade gezogen und die Hecken, die den Pfad einsäumten, gelichtet und beschnitten, so daß sie um so kräftiger ausgeschlagen waren und sich nun als zwei mittelhohe, gleichmäßige Wände in vielen Schattierungen von Grün hinzogen, das nur hie und da vom flimmernden Gelb der Glocken eines späten Forsythienstrauchs unterbrochen wurde. Noch waren an manchen Zweigen die frischen Schnitte, die neuen, zarteren Triebe zu erkennen, und selbst das Braun der Rinde schimmerte unterm neuen Leben leise mit geheimem Glanz. Sogar Müller-Erfurt, der doch niemals einen Blick für etwas hatte, das außerhalb seiner selbst war, blieb erstaunt vor der Verwandlung stehen. Der Weg sei ja, sagte er, mit frischem Kies bestreut. Sie freute sich, daß er's bemerkte. Ob es nicht hübsch sei, fragte sie; sie habe mit Absicht den hellsten Kies bestellt, der zu haben sei, weil er so schimmere; am schönsten sei es, wenn er nach dem Regen, noch feucht, von der Sonne beschienen werde und die Flächen der einzelnen Steinchen aufglänzten.

»Wunderbar ist's jetzt hier«, sagte Müller-Erfurt. »Und das sollen Sie jetzt verlassen, nachdem Sie es so schön hergerichtet haben?«

»Nicht wahr?« antwortete sie. »Schrecklich!«

Die beiden hielten ein, und Müller-Erfurt sah sich um. Seine Blicke schweiften über die ganze Umgebung, über die Mauern des Hauses und musterten schließlich den Kreis der alten Bäume, die abermals kahl und nackt standen, nachdem der Schleier, in den die Blüte des März sie gehüllt hatte, wieder abgefallen und verschwunden war. »Prachtvolle alte Bäume!« sagte er.

»Ja. Nicht wahr? Prachtvoll!« antwortete sie. »Es sind Ulmen«, fügte sie hinzu. »An den Ulmen haben die alten Römer die Weinstöcke hochgezogen.«

Sie gingen im Halbkreis den neu angelegten Weg um den frischen, schütteren Rasen und, beim Tor angelangt, wandte sich Blanche zurück und umfaßte mit ihrem Blick den jungen Garten, als ob sie Abschied nehmen wolle für die halbe Stunde oder Stunde, bis sie ihn wieder betreten werde.

Als Blanche, die Schwelle überschreitend, den Lichtschalter andrehte, warf plötzlich die zu starke Glühbirne in der würfelförmigen Ampel aus Preßglas einen grellen Schein über den kleinen Vorraum, und alles sprang ihnen, wie mit einem Aufschrei, strahlend und leuchtend aus der Dunkelheit entgegen: die hellgelbe Strohmatte, die noch helleren gelben Wände, in der Ecke die hohe weiße Porzellanvase für Schirme und Stöcke, die Messinghaken, die Glasplatte für Mäntel und Hüte und der kleine ungerahmte Spiegel mit abgeschliffenen Rändern. Jedes Ding blinkte, jedes Ding war gesäubert, gerieben und poliert, bis es all sein ihm innewohnendes Funkeln hergegeben hatte.

Blanche lief davon, um das Teewasser aufzusetzen und alles Nötige herbeizuholen. Müller-Erfurt schlenderte zum Fenster und sah durch die Scheiben ins Freie. Draußen war's windstill, alles ruhte in der Dämmerung, nicht das leiseste Rauschen, kein Vogelruf war zu hören. Im Vorraum stand Blanche und wartete unbewegt, daß das Wasser koche. Müller-Erfurt wandte sich zum Zimmer zurück. Auch hier war es windstill, alles stand starr und regungslos, als träume es; in der Luft nur der Duft von Hyazinthen und Narzissen.

Draußen war alles getan, das Wasser hatte gesiedet, und endlich kam Blanche wieder. Sie trug auf einem Tablett den Teekessel und eine Kanne mit heißem Wasser herein, stellte sie auf den Tisch, ließ sich auf dem Sofa nieder und lud ihren Gast mit einer Handbewegung ein, sich neben sie zu setzen, auf den Sessel dem Fenster gegenüber. Sie stülpte die Mütze über Kessel und Kanne; er sah ihr zu, und einige Sekunden des einleitenden Schweigens vergingen.

»Wunderschön ist es hier!« begann er dann das Gespräch und stützte sich, ihr zugeneigt, behaglich gegen die Seitenlehne des Sessels. »Wunderschön! Man spürt die Liebe und Sorgfalt, mit der Sie alles ausgesucht und angeordnet haben!«

»Ja, ich habe mir Mühe gegeben.«

»Ich habe mich hier nämlich umgesehen, während Sie draußen fleißig gearbeitet haben.«

»Und dabei waren Sie noch gar nicht oben! Sie kennen ja das Atelier noch nicht. Die Lichtverhältnisse sind ideal!«

»Sie dürfen mir nicht böse sein, aber ich habe weder ans Atelier noch an die Lichtverhältnisse gedacht – hier unten ist es so hübsch, daß man alles andere vergißt.«

»Nun, ja, schließlich verbringe ich ja auch nicht meine ganze Zeit vor der Staffelei.«

Sie plauderten, ein wenig zögernd und tastend. Draußen wurde die Dämmerung immer schwärzer, so grenzte sich das Zimmer von der wachsenden Finsternis ab und wurde zur hellen Insel innerhalb der dunklen Welt. Oben unter der weißen Decke brach sich flimmernd und bunt das Licht in den Kristallen des kleinen venezianischen Lüsters, über den Tisch aber fiel es in gleichmäßigem sanftem Strom herab. Müller-Erfurt betrachtete Blanche, und seine Blicke gingen an ihr abwärts, von den Haaren, die jetzt in einem rötlichen Blond leuchteten, über die Augen, die in etwas starrer Verträumtheit vor sich hinsahen, über das ganze volle, großflächige Gesicht, über ihre reife, füllige Gestalt, und hielten dort erst ein, wo die Tischplatte den Körper abschnitt. Er blieb bei seinem Gegenstand: »Ja, ich kann es mir gut vorstellen«, sagte er, »wie gut Sie sich hier auf Ihre Arbeit konzentrieren können.«

»Ja.«

»Aber auch sonst muß es gut sein, hier seine Tage zu verbringen. Es muß schön sein, dort, an diesem reizenden Sekretär, seine Korrespondenz zu erledigen, die Briefe müssen ja Meisterwerke werden, und wenn es gar Liebesbriefe sind! – oder hier an diesem Tisch zu sitzen und zu lesen oder auch nur beim Fenster zu stehen, in den Garten zu schauen und ein wenig zu träumen!«

»Pah!« machte sie. Er erkannte nicht, worauf sich dieser Ausruf bezog, und sah sie fragend an. »Wovon sollte man denn träumen!« warf sie hin.

Er lächelte und dachte nach. »Wovon?« sagte er dann. »Mein Gott! Das weiß ich doch nicht! Wovon träumen denn die Menschen? Von der Erfüllung ihrer Wünsche. Wahrscheinlich gibt es derer nicht viele. Es ist wohl immer dasselbe.«

Sie lächelte: »Und was ist es?« Er zählte es ihr an den Fingern auf: »Die große Liebe, der große Reichtum und die große Geltung.« Sie zuckte mit den Achseln. »Alte Geschichten! Nicht sehr verlockend! Für mich wenigstens. Für Sie vielleicht?«

»Für mich?«

»Ja. Ich meine, wovon würden Sie träumen?«

»Ich? Mein Gott, ich bin ein phantasieloser Mensch und im ganzen zufrieden mit allem, was ich habe, und genügsam. Aber lassen Sie mich nachdenken! Wovon würde ich träumen?« Er legte den Kopf zurück und sah zur Decke hinauf, als dächte er nach. »Am Ende«, sagte er schließlich, »wäre es nicht doch der große Reichtum, von dem ich träumen würde, sondern vielmehr die großen Sammlungen, die ich dann auf Grund dieses Reichtums hätte. Vor allem die Trecentisten würde ich sammeln. Aber nicht nur sie. Auch sonst würde ich alles sammeln, was schön ist, indianische Tonfiguren etwa oder chinesische Grabskulpturen – denken Sie: ein Saal, und nichts als Trecentisten an den Wänden, Giotto, Pisano, ja, davon, das gestehe ich, träume ich manchmal, dann ein Zimmer voll mit Kästen, in denen die chinesischen Figuren stehen, und dann wieder die indianischen Skulpturen! Oh, und die Bibliothek, die ich hätte! Ich würde sicherlich Inkunabeln sammeln!«

»Inkunabeln«, fragte sie, »sind die ältesten Bücher?«

»Genauer: jene Bücher, die bis zum Jahre Fünfzehnhundert gedruckt worden sind.«

»Aha! Wunderbar!«

»Ja, das wäre mein Traum: Trecentisten und Inkunabeln!« Er lachte auf: »Oder haben Sie vielleicht gedacht, daß ich von der großen Liebe träumen würde?«

Sie lachte mit: »Nein, das habe ich nicht gedacht!«

»Vor zwanzig Jahren vielleicht«, fuhr er lässig fort, »hätte ich von ihr geträumt. Aber heute –? Mein Gott, das Leben hat uns die Wirklichkeit und die Erfüllung gebracht, die große Liebe, die kleine Liebe, die mittlere Liebe, man hat geliebt, man wurde geliebt, man hatte all die Affären und Abenteuer, man ist sozusagen gesättigt, der Traum aber lebt doch vom Hunger. Man ist befriedigt und gesättigt – was sollte man da noch träumen? So geht es dem Mann. Ich weiß nicht, wie es den Frauen geht?«

»Im Grunde ebenso«, antwortete Blanche, aber sie erschrak, sah auf die Uhr und goß den Tee ein. Die fünf Minuten, die sie ihn ziehen zu lassen pflegte, waren längst vorüber, er war zu stark geworden und mußte verdünnt werden. Müller-Erfurt war heute ein guter Gast: er zog bedächtig den ersten Schluck ein und schmeckte ihn nachdenklich. »Ausgezeichnet!« sagte er dann. »Wirklich ausgezeichnet! Ein prachtvolles Aroma!« Sie freute sich. Er setzte sich wieder zurecht und sah sie an. »Und Sie?« fragte er. »Wovon würden Sie träumen?«

»Mein Gott!« rief sie. »Meine Phantasie geht ganz in meiner Malerei auf, und für private Träumereien bleibt nichts übrig!«

Sie schwiegen. Wodurch unterschieden sie sich von unaufrichtigen Kindern, die die Geheimnisse ihrer Hirne und Herzen verbergen? Durch das größere Raffinement ihrer Unaufrichtigkeit.

»Ich weiß nicht, was es ist«, begann nun Blanche, »was ist's mit Ihnen? Sie scheinen mir heute ganz anders zu sein als sonst! Viel angenehmer. – Aber bleiben Sie so! Bleiben Sie so!« fügte sie schnell und lachend hinzu, da er schon mit mokantem Lächeln seinen Mund spitzte, als ob er, zur Antwort auf ihre Freundlichkeit und durch sie angestachelt, ein Aperçu von sich zu geben sich anschickte; und tatsächlich ließ er von diesem Vorhaben ab.

»Gut«, sagte er, »ich will so bleiben. Aber wenn ich anders bin, so vielleicht deshalb, weil ich vorhin Ihr verweintes Gesicht gesehen habe.«

»Es spricht für Sie, daß gerade das Sie verwandelt hat!«

Er deutete lächelnd eine Verbeugung an, stützte sich wieder gegen die Seitenlehne seines Sessels und sah sie an: »Nun also! Keine privaten Träumereien?«

»Nein!«

Sie legte die Hände mit gespreizten Fingern rechts und links neben sich auf den Sitz des Sofas, lehnte sich an, bog den Kopf zurück, daß er die Wand fast berührte, und sah in die Luft. »Nicht vom Reichtum?« fuhr er fort und sah sie gespannt an. »Nicht von der großen Geltung und nicht von der großen Liebe?« Sie deutete mit leichter Bewegung ein Achselzucken an und schob, wie verächtlich, die Lippen vor. »Sonderbar!« sagte er. »Kaum glaublich! Man sagt immer, daß die Frauen gerne träumen.«

»Und die Männer nicht?«

Er lachte auf. »Nach meiner eigensten persönlichen Erfahrung tun sie es niemals!«

»Nun gut, dann bin ich eben ein Mann!« Diese Worte, von Blanche gesagt, mußten denn doch zum Widerspruch reizen, wenn nicht zum Lachen, und Müller-Erfurt hatte schon eine Antwort auf den Lippen, während er sie betrachtete, doch er besann sich und schwieg, und sie fuhr unbedenklich fort: »Wenn es richtig ist, was Sie von den Frauen sagen, daß sie so gern träumen, dann sind eben die Männer besser und klüger! Wovon sollte man auch träumen? Etwa von der großen Liebe? Pah!« Sie machte eine wegwerfende Geste, und auch er winkte mit ironischem Lächeln ab. »Was sollte auch«, fuhr sie fort, »das unfruchtbare Phantasieren!«

»Sie haben recht! Das Gehirn ist dazu da, die Welt zu beherrschen, und nicht, um eine wesenlose Welt zu schaffen, die keinen Sinn und keinen Wert und keine Idee enthält.«

»Eben.«

»Manche Menschen verträumen ihr halbes Leben, aber es hat etwas Verrücktes an sich. Man könnte die Menschen geradezu danach einteilen oder abmessen, wieviel von ihren Kräften sie dazu verwenden, ihre Wünsche oder Ziele zu verwirklichen, und wie viele Kräfte nur, zu wünschen und von den Wünschen zu träumen.«

»Ja, da haben Sie recht.«

»Sie haben mich vorhin gefragt, wovon ich träumen würde, nun, ich sagte es Ihnen schon: ich bin ein phantasieloser Mensch und im übrigen ein bescheidener Mensch, denn schließlich, jenes notwendige Mindestmaß, das man auf allen Gebieten des Lebens braucht, habe ich ja doch –.«

»Ich hoffe es!« warf sie lächelnd ein.

»Ja, das wollen wir hoffen«, wiederholte er und lächelte mit einem vielsagenden Lächeln, »ich also – Sie sehen, wie aufrichtig ich bin, ich also bin hier außer Betracht, aber ich habe beobachtet und festgestellt, daß die Menschen voller Geheimnisse sind; ja, ihre verborgenen Träume sind ihre eigentlichen Geheimnisse.«

»Mag sein!«

»Wenn ich Kinder hätte und die Möglichkeit, in ihr Innenleben einzugreifen, das wär's, was ich ihnen verbieten und was ich verhindern würde, ich würde sie lehren, zuzugreifen und zuzupacken und ihnen zeigen, daß jede Minute des Traums ihnen eine bestimmte Menge von Kraft raubt, jenes Ziel zu erreichen, von dem sie träumen. Sie haben großen Mut in ihren Phantasien, und dann im Leben fehlt ihnen der kleine, notwendige Mut; sie haben große Kraft in ihren Gehirnen, aber in der Wirklichkeit sind sie dann gelähmt.«

»Ja. Sie haben recht.«

»So mancher weiß selbst nicht, was er erreichen könnte, wozu er fähig wäre, und die anderen wissen es natürlich erst recht nicht, weil er sich damit begnügt, es in einer körperlosen, imaginären Welt zu erreichen!« »Gewiß«, sagte sie.

Sie schwiegen, aber er blieb bei diesem Gegenstand und fuhr dann fort: »Und dabei habe ich bisher nur von dem Schaden gesprochen, den solche Menschen sich selbst zufügen, und ich habe noch nicht«, und er hob die Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger, »das Moralische erwähnt, denn das ist es, was ich an diesen Träumereien so hasse, was so quälend sein muß: das verzweifelt Unfruchtbare, dieser Mangel an Kontakt mit der Welt, dieses, daß einer sich ganz auf sich stellt, sein Glück aus sich selbst herausholt, statt es von der Welt zu empfangen und ihr zurückzugeben, dieses extrem Egoistische. Ja, manchmal scheint es mir etwas Verbrecherisches zu haben.«

»Mein Gott!« sagte sie. »Verbrecherisch! Sie gehen vielleicht gar zu sehr ins Extrem!«

»Nein, in dieser Sache würde ich, wenn ich Kinder zu erziehen hätte, ganz ins Extrem gehen. Im übrigen, jene Phantasien mögen wild und grandios sein, und doch stelle ich sie mir leer, inhaltslos und langweilig vor neben einer kleinen wirklichen Wirklichkeit. Dieser ekelhafte Dunst im Gehirn!«

Blanche richtete sich auf, hob die Haube von Kessel und Kanne und goß nach. Er beobachtete sie. »Sicherlich! Dem Wesen nach haben Sie recht. Und doch, wenn ich von mir sprechen darf –: ich träume viel, muß ich nicht träumen? Denn wenn ich mir ein Bild vorstelle, das ich malen will, mit allen Einzelheiten, in aller Klarheit – ist das nicht schon ein Traum?«

»Gewiß«, sagte er, »gewiß«, und war aus dem Konzept gebracht. »Aber das spielt doch sozusagen in einer anderen Sphäre. Im Gebiet der Kunst mag der Traum eine Vorbereitung auf die Verwirklichung und deshalb notwendig sein, ich weiß es nicht, ich verstehe nichts davon, wie es im Kopf eines Künstlers zugeht, davon habe ich nicht gesprochen –.«

»Eben. Ich verstehe Sie.« Sie lehnte sich wieder an, legte die Hände auf das Sofa neben sich und bog den Kopf zurück und sah in die Luft. »Als Kind und als Mädchen«, sagte sie und sprach langsam und ein wenig monoton, »habe ich viel geträumt. Es ist lange her. Wovon habe ich geträumt? Nicht von Bildern, nicht von Reichtum, nicht von der großen Geltung, sondern natürlich von der großen Liebe. Diese Träume waren herrlich, grandios und einmalig in ihrer Herrlichkeit, aber wahrscheinlich unterschieden sie sich nicht von den einmaligen Träumen anderer kleiner Mädchen. Ich erinnere mich genau, wie ich wachbleiben wollte, um weiterträumen zu können, und wenn der Schlaf kam, habe ich mich schnell auf die andere Seite gedreht, um mich durch diese Bewegung zu wecken und wieder eine Minute zu gewinnen. Es waren große verwickelte Romane und Liebesgeschichten, die mit einer unwahrscheinlich schönen und feierlichen Hochzeit endeten. Was nach der Hochzeit kommen sollte, wußte ich nicht, und als mir's meine Freundinnen zugeflüstert hatten, kümmerte ich mich nicht darum. Das Schöne an diesen Träumen ist, daß sie noch etwas von der tatsächlichen Erwartung haben, denn man weiß ja nicht, daß sie unerfüllbar sind. Aber natürlich, das ist lange, lange her. Als kleines Mädchen habe ich es geträumt. Aber es kommt der Augenblick, Sie haben ganz recht, da man ablassen muß von den Träumen. Der Erwachsene träumt nicht, er handelt, er ist, er will, er bezweckt etwas, er muß sein Leben formen, ihm einen wirklichen Erfolg geben, und da darf er nicht träumen. Sie haben ganz recht.«

»Eben«, sagte er. »Das meine ich. Sie haben es sehr gut formuliert.«

»Ist es so schwer?« fragte sie und zuckte mit den Achseln.

Sie schwiegen und schienen nachzudenken. Draußen im Garten war es Abend. Lange Zeit verging. Müller-Erfurt sah auf seine Knie nieder, aber von Zeit zu Zeit hob er verstohlen die Augen und betrachtete Blanche, die regungslos saß, den Kopf zurückgeneigt, das Gesicht vom Licht überflutet. Hie und da schloß sie langsam die Lider und hob sie wieder. Sie schwieg, schien entschlossen, zu schweigen und zu warten. Auch er sagte nichts, doch ihre Geduld war größer. »Dennoch«, sagte er schließlich, und mit diesem Dennoch begann die klügste und beste halbe Stunde in Müller-Erfurts Leben. »Dennoch«, sagte er, »ganz frei ist niemand davon. In jedem bleibt doch ein wenig vom Mädchen oder Knaben. Glauben Sie nicht? Eben weil sich die Wünsche nicht erfüllt haben und deshalb noch in den Menschen rumoren. Ja, seien wir doch aufrichtig: ganz frei ist niemand davon.«

»Nun ja«, gab sie zu, »ganz frei vielleicht nicht!«

Sie schwieg abermals, und er fuhr fort: »Der Traum vom Vollendeten, also auch der Traum vom vollendeten Glück, ist dem Menschen eingeboren.«

»Zumindest«, warf sie ein, »der Wunsch danach!«

»Ja! Aber wo ist die Grenze? Man stellt sich vor, was man wünscht, und schon das ist ein Traum oder der Beginn von ihm.«

»Das ist wahr.«

»Und bleibt schließlich nicht jedem Menschen viel zu wünschen übrig?«

Er sah sie wartend an, sie sah in die Luft. »Nicht?« fragte er.

»Gewiß, gewiß!« antwortete sie endlich, und er wußte selbst nicht, ob sie kaum merklich aufseufzte, oder ob er sich's nur eingebildet hatte. Eine Sekunde der Stille schlich durch den Raum.

»Sehen Sie, die meisten Menschen«, sagte er, »sind ja doch arme Hunde. Da möchten sie gern viel sein, viel gelten, als großes Licht zwischen den anderen Menschen leuchten, und sind doch nur arme glimmernde Funzeln, kleine Läuse in der Menge der anderen Läuse. Sie möchten gern reich sein, große Herren sein und alle Genüsse des Lebens haben, und es reicht gerade für ein Stück Brot, und sie sind glücklich, wenn es noch für ein Stück Fleisch langt; da träumen sie von der großen, strahlenden, alle Wünsche erfüllenden Liebe, und sie bringen es gerade noch zur Befriedigung ihrer gewöhnlichsten Wünsche.«

»Nun ja«, bemerkte sie, und mehr wußte sie offenbar nicht zu sagen, »so ist eben das Leben!« Sie schob ihm geschäftig die Schüssel mit dem Gebäck, die Zigarettendose zu, bot ihm an und öffnete die Deckel der Kanne und des Kessels und sah hinein. Dann lehnte sie sich wieder zurück, sah in die Luft und lachte auf: »Sie haben recht, wahrscheinlich haben Sie recht, ich möchte nur wissen, ob dieser Traum von der großen Liebe wirklich so schön ist.«

Er sah sie an, nachdenklich und mißtrauisch: »Mein Gott! Sie sind doch eine Frau! Wie merkwürdig Sie sind!«

Sie zuckte die Achsel: »Mag sein, daß ich merkwürdig bin, aber ich bin bereit, mich belehren zu lassen. – Nun, warum ist der Traum so schön?«

Er beugte sich weit übern Tisch, ihr zu, und sprach leise doch eindringlich auf sie ein, während sich sein Gesicht rötete: »Wissen Sie es nicht? Wirklich nicht? Weil es uns vorspiegeln würde, daß wir doch keine armen Hunde sind, daß wir nicht verloren in der Welt sind, nicht ganz ins Nichts geworfen, daß wir eine Hand ausstrecken können, um eine andere zu spüren, daß sich auch eine andere nach uns ausstreckt, um unsere zu fühlen, daß wir uns nicht um uns selbst drehen, daß wir nicht Kreis und Mittelpunkt zugleich sind, sondern Kreis um einen anderen Mittelpunkt für einen andern!« Er schwieg.

»Wie Sie sprechen können!« sagte sie. »Ich erkenne Sie nicht wieder! Ich hätte nie gedacht, daß Sie so sprechen können!«

»Mein Gott!« Er lachte auf. »Ich bin doch auch ein Mensch!«

»Tatsächlich, tatsächlich!« Sie lachte leise, und es war etwas Gurrendes in ihrem Lachen. »Tatsächlich, diese Beobachtung habe ich jetzt erst gemacht!«

Er legte seine Hand auf die ihre. Sie entzog sie ihm, doch nur mit zarter Bewegung, als ob sie vermeiden wollte, ihn zu kränken. Er saß vorgebeugt, sein Kopf, sich zu ihr drängend, stand über dem Tisch, sein Gesicht war gerötet, sei es vor Scham, sei es von einem inneren Kampf, mit dem er sie überwand. Dann sprach er weiter: »Schließlich ist in einem Winkel jedes Menschen dieser große Wunsch, daß sich in einem anderen Menschen alles verkörpert: die Freundschaft und die Hilfe, die man braucht, die Hilfe, die man geben will, das Vertrauen, das man braucht und geben will, das Zutrauen. Und die Freude. Sprechen wir auch getrost von der Freude. Daß alle Freude, die wir empfangen, von einem einzigen Menschen kommt, und alle, die wir geben können, einem einzigen gehöre. Das ist doch der Sinn der Treue!«

»Ich glaube«, warf sie ein, »nicht der einzige Sinn.«

»Gewiß!« gab er zu. »Es geht in allem um die Ausschließlichkeit, und wenn wir es so sagen wollen: um die Unteilbarkeit der Seele.« Sie nickte. »Sehr gut! Aber Sie vergessen vielleicht«, belehrte sie ihn, »daß aus der Freude, an die Sie denken, lebendige Wesen hervorgehen; der Mann vergißt das vielleicht, eine Frau aber nicht.«

»Sie haben recht«, stimmte er ihr bei, und sie schwiegen. Er legte abermals seine Hand auf die ihre, doch abermals entzog sie sie ihm. »Lassen Sie doch«, bat er, »lassen Sie doch Ihre Hand liegen!«

»Ich habe noch niemals bemerkt«, lachte sie, »daß Sie Wert darauf legen, meine Hand zu halten.«

Er lächelte: »Sie irren. Aber wie immer es sein mag, heute lege ich Wert darauf, heute habe ich das Bedürfnis.« Er dachte lange nach, dann sagte er leise: »Es kommt nicht darauf an, wie etwas beginnt, sondern darauf, wohin es führt.«

»Das war ein kluger Satz!« sagte sie.

Sie sah regungslos in die Luft, und er musterte sie. »Habe ich nicht recht mit allem, was ich gesagt habe?«

»Vielleicht!«

»Vielleicht? Nur vielleicht? Sie sind nicht aufrichtig!«

»Oh doch! Ich bin es!«

»Nein, Sie sind es nicht ganz, nicht vollkommen!« Sie lachte leise auf: »Ja, das dürfen Sie von einer Frau niemals verlangen: ganze und vollkommene Aufrichtigkeit!«

»Sie mögen recht haben. Sie erreicht den Gipfel der Aufrichtigkeit, wenn sie die Wahrheit ahnen läßt!«

»So ist es!« sagte sie und neigte langsam bejahend den Kopf. Aus seinem roten Gesicht starrten seine Augen auf sie hin, und es mochte ihm scheinen, daß ein Lächeln über ihr Gesicht hinging.

Es war, als gingen sie mit Riesenschritten aufeinander zu, und alles hätte plötzlich mit Umarmung und Kuß, dieser heiligen Trivialität, beendet sein können, aber dahin kam es nicht.

Die Liebe lebt davon, daß sie nicht nach Verdienst und Wert geht, und noch die armseligste Kreatur wird nach diesem Gesetz der gnadenreichen Ungerechtigkeit geliebt; und dieser Mann hier, dieser Krüppel, dieser an Liebe unterernährte, verhungerte und einsame, dieser eitle, im ganzen nichtssagende Mensch, für den sicherlich niemand betete und der seinen Geist, von dem er so viel hielt, und allen Ruhm, von dem er träumte, für eine einzige warme Zärtlichkeit hingegeben hätte, auch über ihm hätte die Liebe, ja, die Leidenschaft einer Frau zusammenschlagen, sein Leben lang ihn erwärmen und aus der Hölle seiner armseligen Einsamkeit herausheben können; es hätte wahrscheinlich endlich einen Menschen gegeben, dem er jener eminente Geist und jener tiefe Mensch gewesen wäre, für den er sich selbst hielt; die eine Stunde, die er menschlich war, hätte ihm belohnt werden können, die wenigen aufrichtigen Sätze, die er im richtigen Augenblick gesagt hatte, hätten ihn die Jahrzehnte, die ihm noch bevorstanden, beglücken können.

Sie sah ihn an und wartete, ob er noch etwas sagen würde, und er sprach auch wirklich weiter. Während sie ihm mit zurückgeneigtem Kopf zuhörte, wollten sich immer wieder ihre Augen schließen, doch sie zwang sich jedesmal, sie wieder zu öffnen. »Die Frauen«, sagte er, »haben es leichter mit ihrem Ahnenlassen, sie versuchen gar nicht erst, zu sprechen, die Männer versuchen es, aber schließlich sagen auch sie nichts. Ach, alles nur Worte! Und gar wenn man von der Liebe spricht! Die Männer sprechen von ihr, und die Frauen kennen sie besser. Aber es gibt etwas, das größer ist als die Liebe: das ist die Verschmelzung zweier Leben.« Sie nickte. »Die Liebe«, fuhr er fort, »ist nur das Mittel, dies zu erreichen. Nicht?«

Sie richtete sich auf und holte die Hände wieder zu sich heran, als wollte sie sich aus der Ruhe, mit der sie ihm zuhörte, aus Traum und Dämmer heraufholen. »Wie Sie sprechen können!« sagte sie. »Haben Sie schon oft so gesprochen? Haben Sie viele Frauen erobert? Wurden Sie oft geliebt?«

Einen Augenblick lang antwortete er nicht und sah vor sich hin. Dann hob er den Kopf und sah sie an. Er zog die Brauen in die Höhe, daß die Stirn sich faltete, ein süßliches und mokantes Lächeln verzog seinen Mund, er hob beide Arme und sie ausbreitend, den Kopf zur Seite neigend, fuhr er mit den Händen langsam durch die Luft. Es war eine Geste, die diskret und bescheiden die Antwort auf ihre Fragen, besonders auf die letzte Frage, verschweigen und dennoch sehr viel sagen sollte. Die beste und klügste halbe Stunde in Müller-Erfurts Leben war vorüber.

»Sie wollen nicht antworten«, sagte sie.

»Davon spricht kein Mann!« antwortete er stolz und schnitt energisch mit der flachen Hand durch die Luft. Sie nickte verständnisvoll: »Sie müssen mir meine Frage verzeihen, jedenfalls gefällt es mir, daß Sie sich weigern, sie zu beantworten.« Sie mochte Scharen von Frauen sehen, die ihn geliebt hatten, und sie mochte es ihnen zutrauen. Sie bot ihm Kuchen an, und er nahm ein Stück, sie goß ihm ein, und er trank. Dann lehnte sie sich wieder zurück, die Hände rechts und links neben sich aufs Sofa gelegt und den Kopf zurückgeneigt, daß er die Wand fast berührte. »Nun«, sagte sie, »haben Sie nichts mehr zu sagen? Sie sehen, ich habe Ihnen zugehört und versucht, mich belehren zu lassen!«

»Es gibt Männer«, sagte er, »die Frauen erobern, nur um ihr Selbstgefühl zu erhöhen und dann womöglich mit ihren Siegen prahlen zu können. Ich gehöre nicht zu ihnen und begnüge mich mit dem Glück in der Liebe.«

»Ich hoffe es.«

»Ich sage dies, weil Sie mich so gefragt haben –.«

»Nein, gut, gut, ich will nichts hören, ich nehme meine Frage zurück!«

Sie rührte sich nicht, und ohne den Kopf zu bewegen, sah sie von der Seite her nach ihm hin. »Die meisten Menschen sind außerordentlich eitel«, sagte er.

»Sicherlich«, antwortete sie.

»Und der eitelste von allen«, fuhr er fort, »ist Stadel. Ich kenne ihn schon lange, ein wenig verkehren wir ja auch miteinander, aber es ist nur eine alte Gewohnheit, im Grunde mag ich ihn gar nicht, ja, er ist im ganzen widerlich!«

»Ich mag ihn auch nicht«, sagte sie.

Er sprach weiter über Stadel und schimpfte auf ihn. »Er gehört auch zu jenen, für die die Frauen nur auf der Welt sind, damit er mit seinen Siegen über sie prahlen kann.«

Blanche winkte ab: »Warum so viel über ihn sprechen! Schade um jedes Wort!«

»Nun ja, es ist wahr«, gab er zu, schwieg und dachte nach. »Glauben Sie«, fragte er dann, »daß Gisela und Linde heiraten werden?«

»Ich denke.«

»Wie komisch das alles ist!« rief er und lachte nochmals über Giselas Geschichte und kaute alles nochmals wieder: die Ohrfeigen, die Linde, die Prügel, die Gisela bekommen hatte, die Kämpfe um die Briefe und die plötzliche Versöhnung.

Blanche blieb, wie sie gewesen war: den Kopf zurückgeneigt und die Hände mit gespreizten Fingern rechts und links neben sich auf den Sitz des Sofas gelegt. Sie rührte sich kaum, warf nur hie und da ein kurzes Wort in seine Reden und sah in die Luft. »Sonderbar«, sagte sie, als er einen Augenblick schwieg, »daß gerade Sie jenen Traum von der großen Liebe verteidigt haben!«

»Ja«, antwortete er, »und habe ich nicht recht? Sehen Sie Gisela an! Schließlich hat auch sie nur die Erfüllung dieses Traums erlangt! Wenn auch nach vielen Hindernissen und Hürden!«

»Sehr gut! Wahrscheinlich muß man zuerst Hürden und Hindernisse nehmen.«

Er streckte die flache Hand von sich und zeigte sie hin, als ob eine Pointe auf ihr läge. »Hindernisse sind dazu da, um überwunden zu werden«, sagte er und verzog seinen Mund zu einem pikanten Lächeln. Sie war gefällig und lächelte auch über dieses nichtssagende Aperçu.

Er sah auf die Uhr, und Blanche betrachtete ihn staunend. »Warum sehen Sie auf die Uhr?« fragte sie.

»Ich werde gehen müssen«, sagte er. »Sie wissen ja, daß ich eine Verabredung mit einem Freund habe.«

»Ich hatte es vergessen und schon überlegt, was für ein Abendessen ich uns aus meinen Vorräten zusammenstellen könnte.«

»Sehr verlockend, sehr verlockend! Aber ich könnte meinen Freund gar nicht erreichen, um ihm abzusagen.«

»Schade. Sehr schade!«

»Nun denn«, sagte er, »noch eine Zigarette, dann aber muß ich eilen!«

Warum ging er? Warum blieb er nicht? Längst war die klügste und beste halbe Stunde seines Lebens vorüber. Sie war gekommen, wie sich ein Wind erhebt. Wer kann nachrechnen und nachweisen, warum und aus welchen Ursachen er sich erhebt, warum gerade in dieser Stärke und aus jener Richtung, und warum gerade in diesem Augenblick, warum er sich in einem andern Augenblick dreht und nochmals in einem andern wieder legt? Warum ging Müller-Erfurt? Warum blieb er nicht? Vielleicht hatte ihn die Erinnerung an Stadel irritiert, vielleicht hatte er sich jenes ironischen Blicks erinnert, mit dem Stadel ihm und Blanche, als sie Ruges Haus verlassen, gefolgt war. Hätte er seinen Freund nicht warten lassen können? Wahrscheinlich bemerkte er gar nicht, daß er jetzt hier hätte bleiben sollen. Er hatte verlernt, das Richtige zu tun. Mehr läßt sich kaum sagen.

»Glauben Sie«, fragte er, nachdem er sich die letzte Zigarette angezündet hatte, »daß Carola abreisen wird?«

»Ich denke.«

»Bald?«

»Wahrscheinlich!«

»Ruge betreibt ja auch die Abreise mit allen Kräften.«

»Eben.« So plauderten sie weiter, und dann stand er auf und verabschiedete sich. Im Vorraum zog er umständlich den Mantel an und nahm Hut und Handschuhe. »Mademoiselle«, sagte er schließlich, breitete die Arme und vollführte eine tiefe zeremoniöse Verbeugung, »Mademoiselle, ich beurlaube mich und danke Ihnen für die reizende Stunde, die Sie mir bereitet haben!«

Sie ging auf seinen Scherz ein und deutete ihrerseits einen Knicks an: »Ich hoffe, mein Herr, Sie recht bald wiederzusehen!«

»Sehr liebenswürdig, Mademoiselle, sehr liebenswürdig!« Er wiederholte seine Verbeugung. Dann wandte er sich und ging.

Blanche begleitete ihn bis vor's Tor und sah ihm nach, wie er mit zurückgeworfenem Kopf, zufriedener Miene und festen, hallenden Schritten davonmarschierte.

Bis zum letzten Augenblick verfolgte sie ihn mit ihren Blicken, freundlich und lächelnd, versonnen und fast bewundernd.

Er hatte eine Viertelstunde Wegs bis zu jenem Kaffeehaus, in dem sein Freund ihn erwartete. Kaum hatte er Blanches Garten verlassen, als sein stolz zurückgeworfener Kopf sich gerade richtete und dann auch schon ein wenig nach vorn neigte. Er sah zu Boden, das leise zufriedene Lächeln aus seinem Gesicht verschwand. Was er dachte, läßt sich kaum nach-denken, was er fühlte, kaum nachfühlen. Warum auch sollte man's versuchen! Er zerkaute und zermahlte die vergangene Stunde. Hatte er sich gut, hatte er sich richtig verhalten? Welche Rolle hatte er gespielt? Hätte er sie weitertreiben sollen? Und wenn er sie weitergetrieben hätte, wie hätte Blanche dann reagiert? Schon grübelte er mit zusammengekniffenem Mund und strengem, sich ins Pflaster bohrendem Blick. Wie kam's, welche Gründe hatte es, daß er sich so und nicht anders benommen hatte?

Nicht rechts und nicht links schauend, ging er mit den mechanischen Bewegungen eines Automaten seinen Weg. Er hatte gesagt, daß die meisten Menschen arme Hunde sind – hatte am Ende Blanche gemeint, daß er auch sich selbst damit gemeint hatte? Gott behüte ihn davor! Hatte er sich verraten? Die Welt stürzte ihm ein vor Schrecken! Hatte sie ihm geglaubt, daß er nur von Trecentisten und von Inkunabeln träumte?

Er zerrieb die vergangene Stunde, und in seinen Händen blieb nur Staub. Er hatte die Seele dieser Stunde nicht verstanden, er hatte Blanche nicht verstanden, ja, er hatte sich selbst nicht verstanden, und jene paar Sätze, die Blanche wärmend ins Herz gefahren, waren aus einer fernen Tiefe gekommen, die sich längst wieder geschlossen hatte. Statt eines Gefühls des Glücks blieb ihm eines der Beunruhigung.

Unversehens war die Viertelstunde vergangen, war der Weg zurückgelegt. Sein Freund kam fast zur gleichen Zeit, und sie aßen miteinander zu Abend. Es ergab sich schnell, sie wußten selbst nicht wie, eine Unterhaltung über die Liebe, und Müller-Erfurt sprach angeregt, fast sprudelnd über die Frauen. Er erklärte, definierte und analysierte sie, teilte sie in Arten und Unterarten, in Kategorien und Unterkategorien ein, er zeigte sich als großer Kenner und erwähnte lässig, daß ein einziges, richtig gewähltes Wort eine Frau fällen könne wie die Axt einen Baum, ja, der Geist des Mannes sei die Axt, das Wort sei die Schneide. Solange sie beisammen waren, blieben sie bei diesem Gegenstand, doch sobald sie gegessen hatten, hielt es Müller-Erfurt nicht mehr lange. Er sagte, daß er müde sei, und verabschiedete sich früher als sonst, in Wirklichkeit aber, man spürte es, war er gar nicht müde, im Gegenteil, er war wach und in lebhafter Laune und hatte offenbar nur das Bedürfnis, allein zu sein, denn es war noch viel zu denken, zu überlegen und aufzuklären. So ging er denn fort und durch die Straßen, bis er zu Hause angelangt war. Dort wanderte er in seinem Zimmer lange und voll Unruhe auf und ab. Etwas bohrte in ihm, etwas biß und zwickte ihn, etwas blieb ungeklärt und unverstanden. Je länger er nachdachte, desto unzufriedener wurde er. Schließlich setzte er sich an seinen Schreibtisch und schrieb an Blanche. Das Gespräch, das sie heute miteinander gehabt hatten, schrieb er ihr, gehe ihm nicht aus dem Kopf, und er habe das Bedürfnis, noch einige Bemerkungen hinzuzufügen: er habe gesagt, die meisten Menschen seien arme Hunde, nun denn, er selbst fühle sich nicht als armer Hund, ganz im Gegenteil, er habe das Gefühl, einer der wenigen Menschen zu sein, die keine armen Hunde seien, aber trotzdem oder eben deshalb maße er sich ein Urteil an und wolle einige Beobachtungen niederschreiben. Er füllte vier Seiten, und dann zerriß er den Brief.

Er legte sich aufs Sofa und dachte nach. Bald entspannten sich seine Züge, und unbeweglich, mit großgeöffneten Augen träumte er in die Luft. Seine Lider schlossen sich, der Hauch eines Lächelns ging über sein Gesicht, er atmete auf, seine Nasenflügel begannen sich zu blähen, und er warf sich von der linken auf die rechte Seite. So blieb er, ohne sich zu regen. Plötzlich aber sprang er auf, wie mit einem neuen Entschluß, eilte, sich überhastend, an den Schreibtisch und begann augenblicklich einen anderen Brief: »Blanche! Es muß gesagt sein: Ich liebe Sie!« – Er hielt ein, seine Hand erstarrte, er warf die Feder weg und zerriß auch diesen Bogen. Nun ging er wieder lange auf und ab. Es war sehr spät geworden, längst war es tiefe Nacht.

In der Wohnung ging eine Tür. Frau Schüttler, Müller-Erfurts Wirtin, kam aus ihrem Zimmer und ging, in Filzpantoffeln schleichend, durch den Vorraum in die Küche, um ein Glas Wasser zu holen – tatsächlich wollte sie nur konstatieren, ob in seinem Zimmer immer noch Licht brenne wie vor anderthalb Stunden, als sie selbst zu Bett gegangen war. Zwar hatte er noch niemals gegen die Höhe der Lichtrechnung, die sie ihn zahlen ließ, protestiert, doch sie erwartete, daß er es eines Tages tun werde, und für diesen Fall wollte sie gerüstet sein, und sie träumte davon, ihm dann einwandfrei aufzählen zu können, an welchen Tagen und bis zu welcher Stunde sie Licht in seinem Zimmer gesehen habe. Jetzt blieb sie für einen Augenblick vor seiner Tür stehen: sie hörte seine Schritte und sah im Schimmer des Lichts, das durch den Spalt herausdrang, nochmals auf die alte goldene Taschenuhr ihres Mannes, die immer neben ihrem Bett lag und die sie jetzt in der Tasche ihres Schlafrocks mitgebracht hatte, um sie, für den Fall, daß Müller-Erfurt heraustreten sollte, wie zufällig hervorziehen und so festnageln zu können, daß jetzt, um halb zwei, bei ihm noch nicht ausgelöscht sei; aber er hörte sie nicht und kam nicht heraus. So ging sie in die Küche, das Glas Wasser zu holen, und kehrte, wie sie gekommen war, in ihren Filzpantoffeln schleichend, in ihr Zimmer zurück. Sie legte sich wieder zu Bett, doch sie schlief nicht, sondern nahm ihren schäbigen, grünlich gebundenen Leihbibliotheksband und las. Das Bedürfnis zu wissen, wie lange er noch wach sein würde, hielt auch sie noch wach; aber es war da noch eine Neugierde und eine gewisse Empörung, es ging nicht nur um die Lichtrechnung, es ging auch um die Unordnung, die ihr der Mieter in die Wohnung brachte, um diesen Unfug, die Nacht zum Tag zu machen.

Er macht sich's leicht, der Herr Mieter, indem er sich leise verhält und sie nicht stört, so daß sie keinen Anlaß hat, einzuschreiten, und indem er widerspruchslos die Lichtrechnung bezahlt! Was doch die Menschen für widerliche Wesen sind! Wer hätte das damals gedacht, als ihr Mann ein junger Regierungsrat war und im vorausgeworfenen Licht der zukünftigen großen Karriere stand, wer hätte es damals gedacht, daß sie jetzt so hier liegen werde, als Zimmervermieterin! Was geht dort vor bei ihrem Mieter? Was tut er jetzt? Zu einer Zeit, da andere Menschen nach ihrem Tageswerk ruhen und schlafen? Arbeitet er? Jetzt? Was arbeitet er? Oder grübelt er nur? Er geht dort auf und ab wie ein vom bösen Gewissen getriebener Mensch. Hat er etwas auf dem Kerbholz? Was bedeuten die roten Rosen, die er unlängst bekommen hat? Sie zwang sich weiterzulesen, doch ihre Augen schlossen sich von Zeit zu Zeit, und sie gab es auf. Jetzt mußte sie auch noch seinetwegen die Lampe in ihrem eigenen Zimmer angezündet lassen! Eigentlich hätte er dafür aufzukommen! Die roten Rosen, die er bekommen hatte, hatten mehr gekostet, als die Lichtrechnung für einen ganzen Monat beträgt! Warum verkauft er nicht die Rosen? Ihre Gedanken verwirrten sich, und schließlich schlief sie bei brennendem Licht ein, doch vorläufig war's nur ein dünner Schlaf, aus dem sie nach wenigen Sekunden wieder aufschreckte; noch phantasierte sie, halb war's schon Traum, und sie sah, wie Müller-Erfurt wegen eines Lustmordes an einem Kind verhaftet wurde. Sie sah sich in ihrem herrlichen Salon aus alten Zeiten, ihr gegenüber saß, elegant zurückgelehnt, Herr Klarens, eine außerordentlich vornehme Erscheinung, und sie sagte ihm: Exzellenz, ich bin gar nicht erstaunt, Exzellenz, ich hab's gewußt, Exzellenz, er war mir immer unheimlich, Exzellenz! Ich habe es meinem Mann, dem Geheimrat, immer gesagt, Exzellenz! – Dann stand sie vor Gericht als Zeugin, sprach über Müller-Erfurt, und die Geschworenen schrien: Tod!

Müller-Erfurt ging noch immer auf und ab. Noch einmal schrieb er an Blanche, noch einmal zerriß er den Brief. Dann gab er es auf und nahm sein Tagebuch zur Hand. Er füllte viele Seiten, die Schrift war klein und unleserlich, und nur einzelne, öfter vorkommende Worte waren zu entziffern: Blanche, Liebe, Traum, Hund, armer Hund, reicher Hund, armer Mensch, reicher Mensch, großer Mensch, Herz, Verzicht, Eroberung, Gelegenheit, Erotik, Casanova, Don Juan, schwache Stunde, große Stunde, Fliege in der Not, Würde, Stadel, Marquis de la Robe, Genie, Talent. – Die Hand flog übers Papier und füllte Zeile um Zeile, Seite um Seite. Sein Kopf war tief herabgebeugt, sein Gesicht unter der kochenden Arbeit seines Gehirns und von der Anstrengung des hetzenden Schreibens gerötet. Von Zeit zu Zeit atmete er aus der Tiefe her auf. Er war ganz hingerissen, und zugleich mußte er schon müde sein. Es war halb vier. Schließlich warf er mit einem großen, befriedigten Seufzer die Feder weg, stand auf und ging mit energischen Schritten, angeregt und grübelnd, hin und her. Dann nahm er sein Aphorismenbuch aus dem Fach und schrieb einige Sätze nieder.

Er wanderte auf und ab, vom Fenster zur Tür und von der Tür zum Fenster, dann schrieb er wieder eine Seite in sein Tagebuch, dann reckte er sich abermals und ging hin und her, und als der Tag durch die Scheiben kam, nahm er noch einmal das Aphorismenbuch und schrieb mit großen festen Lettern: »Mancher Mensch verzichtet, mancher nicht.« Er blickte, die Feder in der Hand, auf dieses Aperçu, dann zog er eine feierliche, weitausholende Schleife darunter und sah wieder lächelnd, befriedigt und liebevoll auf die Worte nieder. Offenbar war er so sehr in einem verwirrenden Rausch der Grübelei und Selbstzersetzung, daß er diesen nichtssagenden und eigentlich schon fast blöden Satz für eine ausgezeichnete Formulierung eines ausgezeichneten Gedankens hielt.

Frau Schöttler wachte auf, sah sich erschrocken um, und es dauerte geraume Zeit, ehe sie sich orientierte und begriff, wieso es kam, daß auf ihrer Bettdecke der aufgeschlagene Leihbibliotheksband lag und daß jetzt, in tiefer Nacht, bei anbrechender Dämmerung, in ihrem Zimmer Licht brannte. Schließlich erfaßte sie die Situation und war wieder in der Wirklichkeit: noch lebte Müller-Erfurt, noch war er nicht wegen eines Lustmords an einem Kind verhaftet, wohl aber hatte er um halb zwei in seinem Zimmer noch Licht gebrannt; ihr Mann war gestorben, bevor er Geheimrat geworden war; noch war Müller-Erfurt ihr Zimmerherr, den sie bedienen mußte und der ihr niemals jenen Respekt erwies, der ihr zukam. Sie stand nochmals auf, um zu sehen, ob nicht am Ende auch jetzt noch Licht bei ihm brenne, und tatsächlich, durch den Spalt der Tür drang der Schein in den Vorraum. Einen Augenblick zögerte sie, dann aber, als ob sie sich dafür rächen wollte, daß er noch immer nicht wegen Lustmords an einem Kind verhaftet war, klopfte sie in der Stille der Nacht an seine Tür, so daß er fürchterlich zusammenzuckte, und sobald er mit einer Stimme, aus der der Schrecken allen Atem gezogen hatte, ein hauchendes »Herein!« gerufen hatte, öffnete sie die Tür. Groß und aufrecht, den streng fragenden Blick auf ihn gerichtet, über dem harten, knochigen Gesicht die grauen Haare in der Mitte gescheitelt und so glatt, so ebenmäßig an den Kopf gelegt, daß man sie für ein Stück schimmernde Seide hätte halten können, die Gestalt aber in einem farblos grauen Flanellschlafrock, der von der Schulter bis zu den Zehen und Absätzen wie ein Sack herabfiel, so stand sie unbewegt auf der Schwelle wie eine mächtige graue Säule, vom Zimmerlicht beschienen und hinter sich die Dunkelheit des Vorraums.

»Was gibt es?« stammelte er. »Ist etwas geschehen?«

»Ich bitte natürlich um Entschuldigung, daß ich Sie zu nachtschlafender Zeit störe, aber ich habe die ganze Nacht Licht in Ihrem Zimmer gesehen und habe gefürchtet, daß Sie krank sind.«

Er dankte ihr und sagte, daß er arbeite. Sie schaute auf die Hefte, die auf seinem Schreibtisch lagen. »Ich freue mich natürlich«, sagte sie, »daß meine Befürchtung unbegründet war, und bedauere es, Sie in Ihrer Arbeit gestört zu haben, aber ich dachte, daß Sie vielleicht meiner Hilfe bedürfen. Ich war besorgt, weil die ganze Nacht Licht in Ihrem Zimmer brennt. Der Tag bricht an.« Noch immer lagen ihre Augen auf den Heften, als ob sie sich diesen Anblick einprägen und zur Kenntnis nehmen wollte, daß er tatsächlich die Nächte durcharbeitete, ohne daß – auffallenderweise – jemals irgend etwas von diesen Schriften an die Öffentlichkeit gekommen wäre; sie wollte es zur Kenntnis nehmen für den Fall, daß er eines Tages verdächtigt werden sollte, sich an revolutionären Umtrieben zu beteiligen – ein Gedanke, der ihr angesichts seines unsympathischen Wesens ohnedies schon oft gekommen war – und sie gezwungen wäre, über seine Lebensart und seine Gewohnheiten auszusagen.

Mit einem vor Schrecken verzerrten Gesicht und mit dem Versuch, zu lächeln, sagte er, es sei sehr liebenswürdig von ihr, sich um ihn zu sorgen, dankte ihr nochmals und bedauerte, daß er ihre Nachtruhe gestört habe. »O bitte!« sagte sie und wies mit bedeutsam-stummer Gebärde auf die Hefte, zum Zeichen, daß er weiterarbeiten solle und daß sie gebildet genug sei, um zu wissen, wie wichtig es für Schriftsteller sei, nicht aus ihrer Inspiration herausgerissen zu werden. Müller-Erfurt stotterte weiter. »O bitte!« sagte sie und wiederholte ihre Geste. »Arbeiten Sie ruhig weiter! Ich wollte mich nur überzeugen, daß Sie nicht krank sind. – Gute Nacht!« Und sie neigte zum Abschied leicht, steif und fast zeremoniös den Kopf, trat zurück und schloß wieder die Tür. Dann gingen endlich beide schlafen.

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