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Biographie eines Pudels

Gottlieb Konrad Pfeffel: Biographie eines Pudels - Kapitel 4
Quellenangabe
typefiction
booktitleBiographie eines Pudels
authorGottlieb Konrad Pfeffel
year1987
publisherLangewiesche-Brandt KG
addressEbenhausen
isbn3-7846-0134-0
titleBiographie eines Pudels
pages7-36
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Zwölftes Kapitel

Mit schwermütigen Schritten schlich ich neben meinem neuen Gebieter her, der mich vergebens durch Pfeifen und Schnalzen aufzuheitern suchte. Gegen Abend langten wir in einer schwäbischen Reichsstadt an, wo wir ein Dachstübchen im Hause eines Buchdruckers bezogen, bei dem mein Patron das Amt eines Korrektors bekleidete.

Theudulf, so hieß mein Barde, war ein geschworner Feind aller französischen Namen; er vertauschte daher den meinigen mit dem Namen Hektor, und proklamierte mich zum Wächter seines Castells. Er überließ mir eine seiner alten Stutzperücken zur Matratze, und da sein Abendschmaus in einer Pfeife Toback bestund, so bewirtete er mich mit einem petrifizierten Stücke Brots, das er aus seiner Tasche hervorholte. Diese Mahlzeit machte einen schrecklichen Kontrast mit der Tafel meines Prälaten, und gab mir einen traurigen Vorschmack von der Kost, die mich bei dem Priester des Apollo erwartete. In der Tat war sie noch weit elender, als bei meinem Zyklopen, und wenn Theudulf mich nicht wöchentlich zwei bis dreimal mit ins Bierhaus genommen hätte, wo er einer Akademie von Küstern und Buchdruckern präsidierte, die mir nicht selten eine Scheibe Mettwurst oder eine Butterbämme darreichten, so würde ich in wenig Wochen den Tod des Ugulino gestorben sein.

Einst ward er auf eine Hochzeit gebeten, die er besungen hatte, und ließ mich aus Bescheidenheit zu Hause. Zwölf Stunden harrte ich auf seine Zurückkunft, und zwölf Stunden hatte ich zuvor schon gefastet. Endlich überwältigte mich der Hunger; ich sprang voll Verzweiflung auf den Tisch, und packte das erste beste Manuskript an, das mir unter die Zähne kam. Ich hatte bereits mehrere Bogen verschlungen, als Theudulf in die Stube trat. Der Becher des Hyminäus hatte sein Blut bereits erhitzt, und nun brachte mein Anblick den Vulkan zum völligen Ausbruche.

Mit dem Grimme einer Löwin, der man ihre Jungen raubt, sprang er auf mich los, und indem er mich vom Tische herabschleuderte, rief er in einem Tone, den noch keine menschliche Kehle ausstieß: Ha, Bestie, was tust du? mein Nationaltrauerspiel... das Meisterstück meiner Muse!... Stirb, Ungeheuer, fuhr er fort, indem er sein Federmesser nach mir zückte; doch nein, dein schwarzes Blut soll meine Hand nicht besudeln, das Schwert der Gerechtigkeit muß deinen Frevel rächen. Hierauf durchblätterte er die Reste des Manuskripts: Zween Akten sind vernichtet, und du konntest es dulden, Melpomene, daß das Busenkind deines deutschen Sophokles in der Wiege erstickt ward? doch es war meine Schuld, ich selbst habe das Heiligtum den Hunden preis gegeben. Stillschweigend warf er nun seine Kleider von sich, und legte sich zu Bette, ich schmiegte mich in einen Winkel, fest entschlossen, meinem Schicksale nicht auszuweichen, noch ein Leben zu verteidigen, das mir nie so sehr als in meinem poetischen Hungerturme zur Last geworden war.

Dreizehntes Kapitel

Es war schon hoch am Tage, als mein Sophokles erwachte; kaum war er in seine Hülse gekrochen; so warf er einen stieren Blick auf die Rudera seiner Unsterblichkeit, knüpfte mir einen Strick um den Hals und stieg mit mir die vierzig Stufen hinunter, die unsere luftige Residenz von der Gasse trennten.

Hier fragte er nach der Wohnung des Scharfrichters, die wir nach einem kurzen Zuge erreichten, den ich als meine letzte Wahlfart betrachtete. Da, Herr Freimann, sprach Theudulf im Hereintreten, bringe ich Euch einen tollen Hund, dem Ihr sein Recht antun werdet.

Der Scharfrichter betrachtete mich mit kritischer Aufmerksamkeit, seine Miene flößte mir Vertrauen ein, ich legte mich mit freundlichen Blicken zu seinen Füßen, schwenkte meinen Schwanz gleich einer Friedensflagge, und leckte ihm die Schuhe.

Der Hund ist nicht toll, Herr, sagte der Scharfrichter, dafür setze ich meinen Kopf zum Pfande.

Theudulf. Freilich ist er toll, hat er mir nicht gestern eine unschätzbare Urkunde gefressen?

Scharfrichter. Hättet Ihr ihm Brot zu fressen gegeben, so würde er vermutlich kein Papier gefressen haben; doch es ist mir leicht, Euch von der Wahrheit zu überführen. Hier nahm der Freimann sein Waschbecken von dem Tische, und setzte es mir vor. Ich trank es bis auf die Hälfte aus. Da sehr Ihr, daß ich recht hatte, ein toller Hund säuft nicht.

Theudulf. Er ist toll, sage ich, und soll sterben.

Scharfrichter. Ihr mögt selber toll sein, was soll ich das arme unschuldige Tier tot schlagen? Doch, setzte er nach einer kurzen Pause lachend hinzu, wenn ich es ja tun soll, so bezahlet mir vor allen Dingen sechs Batzen; dieses ist die Taxe!

Theudulf, der keine sechs Batzen in seinem Vermögen hatte, ergriff die Türe, und brummte im Hinausgehen, dafür mögt Ihr das Rabenaas selbst behalten. Ich fühlte gar keinen Beruf, ihn zu begleiten, sondern erhob mich auf meine Hinterbeine und machte meinem Retter die liebreichsten Dankbezeugungen. Er befreiete mich von meinem Stricke, und setzte mir die Reste seines Frühstücks vor, die mir um so willkommener waren, da ich seit meiner papiernen Mahlzeit keinen Bissen genossen hatte.

Ich war noch damit beschäftigt, als ein grauer Invalide in die Stube trat. Herr Doktor, sprach er zum Scharfrichter, man sagte mir, daß Ihr ein guter Mann seid, der den armen Leuten gerne hilft; ich habe im Kriege den Gebrauch einer Hand und mein rechtes Auge verloren. Nun fängt seit einigen Wochen das linke auch an dunkel zu werden, und ich fürchte ebenfalls darum zu kommen, möchtet Ihr mir nicht etwas geben, das mich alten, verlassenen Mann vor diesem Unglücke verwahren kann.

Bisher hatte ich über meinem Schmause keine Notiz von dem Patienten genommen; nun war ich fertig, und das erste, was mir an ihm auffiel, war seine Stimme. Ich trat ihm näher, und erkannte mit einem unbeschreiblichen Gefühle meinen Mentor Lafleur, ohngeachtet Alter und Elend ihn für jedes andere Auge unkenntlich gemacht hätten. Mit lautem Jubel sprang ich an ihm hinauf, küßte seine eingefallenen Wangen, und hörte nicht auf, ihn zu liebkosen, bis er auch mit seinem halben Auge seinen getreuen Joli erkannte.

Der Scharfrichter, der bisher ein stummer Zuschauer der Szene war, feierte sie mit einer Träne, schenkte dem alten Krieger ein Gläschen Augenwasser und obendrein ein Almosen. Dieser blieb unbeweglich vor ihm stehen, und ich schmiegte mich fester an seine dürren Beine. Ich verstehe Euch, sagte der Freimann; Ihr wünschet Euern alten Freund wieder zu besitzen, Ihr sollt ihn haben; ich fürchte ohnehin, daß Ihr bald einen Führer brauchen werdet.

Vierzehntes Kapitel

Mit einem Vergnügen, für das selbst meine neue Sprache keinen Ausdruck hat, begleitete ich meinen grauen Pflegevater durch die Straßen der Stadt, wo er sich vor den Häusern und von den Vorbeigehenden seinen kümmerlichen Unterhalt erbettelte. Er teilte mit mir jeden Bissen Brot, jedes Überbleibsel von Zugemüse, womit die Hand des Mitleids die hölzerne Schüssel füllte, die ich ihm nachtrug. Nur um seinetwillen kränkte mich der Mangel, den wir bisweilen leiden mußten, und die Härte der Reichen, die uns von ihrer Türe scheuchten. Die Liebe des guten Alten gegen mich wuchs mit jedem Tage; das Unglück hatte sein Herz mürbe gemacht, und es jener gesetzten Frömmigkeit geöffnet, die den Dulder mit dem Schicksal aussöhnt, und ihm den Mut gibt, bis ans Ende auszuharren.

Nach einigen Monaten traf die Prophezeiung des Freimanns ein: Lafleur kam gänzlich um sein Gesicht, und ich wurde sein Führer. An einer dünnen Schnur, wozu hätte er eines Strickes bedurft? schritt ich langsam vor ihm her, und schützte seinen Fuß vor den Steinen, und seinen Körper vor den Stößen der noch fühllosern Menschen. Eine Strecke von fünf bis sechs Meilen war der Schauplatz unserer Wanderungen. Die Almosen fielen nun etwas reichlicher, und wenn die Quelle versiegen wollte, so holte ich einige meiner Kunststücke hervor, welche oft mehr als der Anblick eines leidenden Bruders auf die Gemüter wirkten.

Unsre Pilgrimschaft führte uns einst auf die Kirchmesse eines Landstädtchens, wo eine ergiebige Ernte zu hoffen war, ich übertraf mich selbst in meinen Exerzitien, und der vergnügte Lafleur war würklich beschäftigt, eine Hand voll Kupfermünze, die sie ihm einbrachten, aus dem Hute in die Tasche zu stecken, als ein wohlgekleideter Junge, der sich überall vorandrängte, und besonders mit mir zufrieden schien, mich durch Vorhaltung einer Semmel von ihm wegzulocken suchte. Ich wandte meinen Kopf weg, und sah meinen hülflosen Meister an, um jenen zur Wohltätigkeit gegen ihn zu bewegen, allein der Bube hatte sich in den Kopf gesetzt, mich entweder in seine Gewalt zu bekommen, oder doch den armen Blinden zu necken. Er trat mir näher, und schnitt mit einer Schere meine Leitschnur entzwei, die er anfaßte, um mich wegzuführen.

Länger konnte ich meinen Zorn nicht ersticken: ich fiel dem kleinen Bösewicht an die Beine, und riß ihm ein Stück Fleisch aus der Wade. Nun entstand ein allgemeiner Auflauf, der Junge schrie wie ein Mordbrenner, und wurde fortgetragen. Ich blieb neben meinem Freunde stehen, und sei es Furcht oder Beifall, niemand machte Miene, mich zu bestrafen.

Allein, in wenig Minuten sah ich zween Stadtknechte in scheckichten Röcken heraneilen. Es waren die Diener der Rache des regierenden Bürgermeisters, dessen einziges Söhnchen der kleine Satan war, den ich gebissen hatte. Beide Trabanten waren mit Flinten bewaffnet, und der vorderste hatte sich auf wenige Schritte genähert. Ich hätte fliehen können; allein ich schmiegte mich nur fester an meinen Meister. Dieser, der aus den Reden der Umstehenden die Gefahr vernahm, die mir drohete, beugte sich über mich hin, und flehte um mein Leben, allein umsonst: der Sklave drückte los, und eben die Kugel, die mir durch den Kopf fuhr, durchbohrte meinem alten Freunde die Brust. Legt ihn in mein Grab, waren seine letzten Worte, und zugleich die ersten, die ich mit meinen neuen Sinnen hörte. Unsere Schatten wollten sich küssen, als jeder durch eine unwiderstehliche Kraft hinweggerückt wurde. Im Auffliegen rief der Geist meines Freundes mir zu: wir werden uns wiederfinden.

Beschluß

Ja, das werdet ihr, rief mit einmütiger Stimme die ganze Gesellschaft, welche die Geschichte des neuen Gastes mit stummer Rührung angehört hatte. Nun wiederholten sie ihm mit verdoppelter Wärme ihre brüderlichen Grüsse, und der Aldermann des Klubs, es war Argus, der Hund des Ulysses, schüttelte ihm mit sympathetischer Treuherzigkeit die Pfoten, und sprach: Bravo, Bruder, wir werden Freunde werden.

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