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Bingo und andere Tiergeschichten

Ernest Thompson Seton: Bingo und andere Tiergeschichten - Kapitel 9
Quellenangabe
authorErnest Thompson Seton
titleBingo und andere Tiergeschichten
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung
printrunHunderteinundzwanzigste Auflage
yearo.J.
translatorKarl Ernst Poeschel
illustratorErnest Thompson Seton
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170520
projectid532744ec
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Der Paßgänger

I

Jo Calone warf seinen Sattel auf den staubigen Boden, koppelte die Pferde los und schritt sporenklirrend in das Farmhaus. »Bald Essenszeit?« fragte er.

»Siebzehn Minuten,« antwortete der Koch nach einem Blick auf seine dicke Tombakuhr mit der Würde und Sicherheit eines Zugführers, obwohl er diese noch niemals durch Beweise gerechtfertigt hatte.

»Wie steht's am Perico?« fragte er dann.

»Das Vieh ist in bestem Zustand, und Kälber gibt's die Fülle.«

Immer vorwärts im Trab.

»An der Antilopenquelle kam uns eine Herde Mustangs in den Weg, mit einigen Füllen, darunter ein kleiner, schwarzer Teufel, ein geborener Paßgänger. Eine Meile oder zwei folgte ich ihnen; der Schwarze leitete und immer im Trab. Dann ließ ich mein Pferd ausgreifen und jagte sie nur zum Spaß vor mir her, und kein Tropfen soll wieder über meine Lippen gehen, wenn der Kleine nur einmal seinen Trott gebrochen hat.« So erzählte Jo, und die anderen lachten ihn aus.

Am Tage darauf waren die Hirten in einer anderen Gegend und die Mustangs vergessen.

Im nächsten Jahre kam man bei der Viehzählung wieder in jene Ecke von Neu-Mexiko, und wieder wurden die Mustangs gesehen. Das dunkle Füllen war jetzt zum schwarzen Jährling herangewachsen, mit dünnen, zarten Beinen und glatten Flanken, und mehr als einer von den Hirten sah mit eigenen klugen dieses wunderbare Naturspiel – der Mustang war ein geborener Paßgänger.

Jo war dabei, und der Gedanke kam ihm, daß es wohl der Mühe wert wäre, das Füllen einzufangen. Einem, der im Osten ausgewachsen ist, mag diese Idee nicht so originell und außergewöhnlich erscheinen; aber im Westen, wo ein rohes Pferd zwanzig Mark wert ist und ein gewöhnliches Reitpferd sechzig bis achtzig Mark kostet, kommt einem Hirten schwerlich der Wunsch, einen wilden Mustang als Eigentum zu besitzen. Mustangs sind ungewöhnlich schwer einzufangen, und wenn man sie schließlich doch erwischt, sind sie ungebärdige, wilde Gefangene, nicht zu zähmen, und daher selten brauchbar. Die meisten Besitzer von Viehherden pflegen alle Mustangs, die in ihr Gebiet kommen, abzuschießen, denn sie fressen nicht nur dem Vieh das Futter weg, sondern verwirren auch die Herden der zahmen Pferde, führen sie hinweg und bringen folglich nur Schaden.

Jo Calone kannte die wilden Pferde von den Ohren bis zur Spitze des Schweifes. »Niemals habe ich ein weißes gesehen,« meinte er, »das nicht leicht zu ziehen, noch ein braunes, das nicht nervös war, keinen Fuchs, der unbrauchbar, wenn gut gezogen, und niemals einen Rappen, der nicht hart war wie Stahl und den Teufel in sich hatte.«

Wenn nun schon ein gewöhnlicher Mustang ein wertloser Kadaver ist, so ist ein schwarzer zehnmal schlimmer als wertlos. Jos Freunde hielten seine fixe Idee, den Jährling zu fangen, deshalb einfach für Blödsinn; doch er schien entschlossen zu sein, es jedenfalls zu versuchen, wenn sich ihm auch im selben Jahr keine Gelegenheit bot.

Jo war nur ein einfacher Kuhhirt, mit einem kleinen Gehalt. Wie die meisten anderen, hatte er den sehnlichsten Wunsch, einst eine eigene Farm zu besitzen. Sein Brandzeichen, von guten Freunden gewöhnlich der »Schweinekofen« genannt, war dunklen Ursprungs und bereits in Santa Fé im Register eingetragen, obwohl es nur von einer alten Kuh getragen wurde.

Im Herbst, wenn Jo ausgezahlt wurde, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, mit seinen Kameraden zur Stadt zu gehen und sich dort zu vergnügen, solange eben das Geld reichte. Infolgedessen bestand sein ganzes Eigentum aus wenig mehr als aus einem Sattel, seinem Bett und der alten Kuh. Jedoch er baute Luftschlösser wie zuvor, hoffte aus irgendeinen glücklichen Zufall, der es ihm möglich machen sollte, als kleiner Farmer zu beginnen, und als er nun den Paßgänger zum ersten Male gesehen, hegte er die unbestimmte Hoffnung, sein Fang würde ihn sofort zum reichen Manne machen.

Die Hirten zogen hinab zum kanadischen Flusse und im Herbst zurück über den Don-Carlos-Hügel, und Jo sah nichts mehr vom Paßgänger, obwohl er des öfteren von ihm erzählen hörte, denn das Füllen, jetzt ein starkes junges Pferd, fing an, bekannt, ja beinahe berühmt zu werden.

Die Antilopenquelle liegt mitten in einer weiten, grasbewachsenen Ebene. Kein Baum und kein Strauch steht ringsumher. Ist das Wasser hoch, so dehnt es sich aus zu einem kleinen See, umgürtet von einem Kranz dürftigen Schilfes; tritt es zurück, so hinterläßt es ein weites schwarzes Moor, das stellenweise glitzert von weißem Salz und in dem die Quelle in der Mitte als ein Wasserloch erscheint. Sie hat keinen Abfluß, aber dennoch ziemlich klares Wasser und ist für viele Meilen im Umkreis die einzige Tränke.

Diese Ebene war der Lieblingsfutterplatz des schwarzen Hengstes, aber auch die Weide zahlreicher Herden von zahmen Pferden und Rindern, und besonders Fosters, eines unternehmenden Mannes Vieh, das mit einem L. und gekreuztem F gezeichnet war, hielt sich dort auf. Foster hatte, um seine Pferde zu veredeln, zehn Halbblutstuten eingeführt, und neben diesen schlanken, zartfüßigen, rehäugigen Wesen nahmen sich die struppigen Ponies aus, wie erbärmliche, verhungerte Glieder einer entarteten Rasse.

Eine dieser Stuten wurde zum Gebrauch im Stall gehalten, während die neun anderen sich auf der Prärie herumtummelten. Pferde haben eine feine Nase, die besten Futterplätze zu finden, und die neun Stuten zogen denn auch zwanzig Meilen nach Süden, nach der Antilopenquelle. Als Foster im Spätsommer die edlen Tiere heimwärts treiben wollte, fand er sie richtig, aber mit ihnen, und sie mit etwas mehr als nur Kameradschaft bewachend, den kohlschwarzen Hengst. Stampfend trabte er um sie herum, wie ein Schäferhund, und sein schwarzes Fell bildete einen lebhaften Gegensatz zu den goldenen Häuten seines Harems.

Die Stuten waren lammfromm, und leicht hätten sie sich heimwärts treiben lassen, doch da trat ein unerwartetes Hindernis ein. Der glänzende Rappe wurde erregt, er schien seinem Gefolge seine eigene Wildheit einzuflößen und trieb die ganze Herde im Galopp dahin, wo es ihm beliebte. Davon flogen sie, und die kleinen Kuhponies, die die Reiter trugen, blieben weit zurück.

Die Verfolger waren wütend und zogen schließlich ihre Revolver, in der Absicht, den Teufelshengst niederzuschießen. Aber da war neun gegen eins zu wetten, daß nicht der Hengst, sondern eine der Stuten fallen würde. Den ganzen langen Tag verfolgten sie die Herde, aber der Paßgänger hielt seine Familie dicht beisammen und verschwand schließlich zwischen den Hügeln im Süden. Die Reiter auf ihren abgejagten Ponies aber mußten rachebrütend ohne die Stuten nach der Farm zurückkehren.

Die Gelehrten sind sich nicht einig über die Ursache der Anziehungskraft, die Schönheit und Tapferkeit auf die Weibchen unter den Tieren auszuüben pflegen, aber es steht fest, daß ein Tier von ungewöhnlichen Gaben bald ein großes Gefolge aus den Harems seiner Nebenbuhler nach sich zieht. Der gewaltige Rappe mit der pechschwarzen Mähne, dem stolzen Schweif und den grün leuchtenden Augen durchzog die ganze Gegend, und sein Gefolge wuchs von Tag zu Tag. Die meisten waren nur einfache Kuhponies, die von der Weide davongelaufen waren, und die neun goldglänzenden Stuten blieben der Stolz seiner Herde. Ein Pferd, das sich einmal in diesem Haufen befand, war verloren, und die Züchter sahen bald ein, daß der Hengst ihnen mehr Schaden brachte, als alle anderen Unfälle und Verlust zusammengenommen.

II

Es war Dezember 1893; ich war ein Neuling in der Gegend und zog vom Farmhaus auf den Pinavetitos aus, um zu Wagen den kanadischen Fluß zu erreichen. Kurz vor meiner Abfahrt bemerkte Foster: »Und wenn Sie eine Gelegenheit haben, dem Teufelshengst ein Lot Blei in den glatten Leib zu pusten, zielen Sie gut!«

Dies war das erstemal, daß ich von dem berüchtigten Mustang hörte, und als wir dahinfuhren, erfuhr ich von Burns, meinem Führer, die ganze Vorgeschichte. Ich war im höchsten Grade gespannt, den berühmten Dreijährigen zu sehen, und war nicht wenig enttäuscht, kein Zeichen vom Paßgänger oder seiner Herde zu erblicken, als wir uns am zweiten Tage der Antilopenquelle näherten.

Am folgenden Tage jedoch, nachdem wir den Alamosa-Arroyo gekreuzt hatten und langsam nach der Hochebene hinaufkamen, duckte sich Jack Burns, der vorausritt, plötzlich auf den Nacken seines Pferdes, kehrte sich nach mir um und rief:

»Heraus mit der Büchse, dort ist der Hengst!«

Ich packte mein Gewehr und eilte vorwärts nach einem Aussichtspunkt über die Ebene. Drüben in einer Niederung graste eine Herde von Pferden, und an einem Ende sah ich den großen schwarzen Mustang. Er schien eine Ahnung von unserer Annäherung zu haben und witterte Gefahr. Mit erhobenem Kopfe und weit aufgeblasenen Nüstern stand er dort, ein Bild der Vollkommenheit und Schönheit. Das edelste Tier, das je auf diesen Weiden gegrast hatte und der bloße Gedanke, dieses herrliche Geschöpf zu vernichten, war mir furchtbar. Trotz Jacks wiederholtem Zuruf: »Schnell schießen« zögerte ich, und er, erregt und hastig, verfluchte meine Langsamkeit und griff nach meiner Büchse; wendete dabei die Mündung nach oben, und ganz zufällig ging der Schuß los.

Sofort war die Herde alarmiert, ihr schwarzer Leiter wieherte und kreiste um sie herum, und davon ging es mit klappernden Hufen, in eine dicke Staubwolke eingehüllt.

Jack machte anzügliche Bemerkungen über mich und mein Gewehr, aber ich hatte meine Freude an des Mustangs Kraft und Schönheit, und nicht um den Besitz der ganzen Herde hätte ich ihm etwas zuleide tun können.

III

Es gibt verschiedene Weisen, einen wilden Mustang einzufangen. Die eine ist bekannt unter dem Fachausdruck »Kitzeln« – d. h. man streift des Tieres Nacken mit einer Gewehrkugel, so daß es für eine Weile betäubt ist; das erfordert jedoch einen außergewöhnlich sicheren Schützen und wird deshalb äußerst selten mit Erfolg angewandt.

Zuweilen, wenn die Bodenbeschaffenheit es zuläßt, kann man die Herde in eine Einzäunung treiben, oft werden die Mustangs auch mit besonders guten Pferden müde gejagt, doch für gewöhnlich pflegt man sie durch ganz langsame, aber unausgesetzte Verfolgung zu ermatten und dann mit der Wurfleine zu fangen.

Der Ruf des Hengstes, den niemand je hatte galoppieren sehen, verbreitete sich schnell über das ganze Land, und wunderbare Geschichten waren im Umlauf über seine Gangart, seine Schnelligkeit und Ausdauer. Als nun eines Tages Montgomery, der Besitzer der mit einem »Triangel« gezeichneten ungeheuren Herden, in Wells Hotel in Clayton vor vielen Zeugen erklärte, daß er tausend Dollars in bar an denjenigen zahlen wollte, der ihm den Hengst heil und unversehrt bringen würde, faßten wenigstens ein Dutzend junger Hirten den Entschluß, den lockenden Preis zu gewinnen. Auch Jo Calone hatte davon gehört und sah ein, daß keine Zeit mehr zu verlieren wäre. Er brach alle bindenden Kontrakte und arbeitete Tag und Nacht, um die zur Verfolgung nötige Ausrüstung aufzubringen.

Unter tatkräftiger Beihilfe einiger uneigennütziger Freunde brachte er seine Expedition zusammen, die aus zwanzig tüchtigen Reitpferden, einem Küchenwagen und Proviant für drei Mann – Jo selbst, seinem Freund Charley und dem Koch bestand.

Eines schönen Tages zogen die drei von Clayton aus, in der felsenfesten Absicht, das wunderbare wilde Roß langsam durch hartnäckige Verfolgung müde zu hetzen. In der Nähe der Antilopenquelle fanden sie die Pferde mit ihrem schwarzen Führer, und Jo nahm die Fährte auf.

In weitem Bogen ging die Reise drei Tage und drei Nächte lang vorwärts, Jo und Charley folgten den wilden Pferden immer in Sehweite, und der Küchenwagen fuhr langsam hinterdrein. Eine schöne schneeweiße Stute ließ die Pferde auch zur Nachtzeit beim Lichte des Mondes erkennen und bei Tage der schwarze Teufelshengst, der seinen Harem vergeblich zu einer schnelleren Gangart anzustacheln suchte.

Am dritten Tage war der Kampf beinahe gewonnen, die Herde war den Verfolgern höchstens eine Meile voraus und schien sich an diese fremden Gesellen gewöhnt zu haben.

Der vierte und fünfte Tag ging vorüber, und die Verfolgten waren nun beinahe zum Ausgangspunkt der unfreiwilligen, ermüdenden Reise zurückgekehrt. Die Jagd war planmäßig vor sich gegangen und in einem weiten Kreisbogen verlaufen, während der Küchenwagen in einem kleineren gefolgt war. Die wilden Pferde waren wieder in der Nähe der Antilopenquelle angelangt, zu Tode ermattet und durstig, ihre Verfolger dagegen frisch und munter auf frischen Ponies. – Erst am späten Nachmittag trieben sie die Verdursteten nach der Quelle, und diese füllten ihre Leiber mit einer wahren Wasserflut. Nun war der rechte Zeitpunkt für die geschickten Lassowerfer gekommen, um auf ihren gut gefütterten Pferden der Herde näher zu reiten, denn ein plötzliches, langes Trinken wirkt fast lähmend auf die Glieder und die Lungen, und es wäre ein leichtes gewesen, in diesem Augenblick eins der Tiere nach dem andern mit der Wurfleine einzufangen.

Eines aber stand dem im Wege. Das Ziel der langen Verfolgung, der schwarze Hengst, schien geradezu von Eisen. Schnellfüßig und kräftig lief er auf und ab in seinem schwingenden Paßgang, wie am ersten Morgen, als die Jagd begonnen, und bemühte sich durch lautes Wiehern und sein glänzendes Beispiel, die Herde vorwärts zu treiben. Aber alles war vergeblich, sie war am Ende mit ihrer Kraft. Die alte, weiße Stute, die das Auffinden während der Nacht so erheblich erleichtert hatte, war schon Stunden zuvor tot zu Boden gesunken, und die übrigen schienen alle Scheu vor den Reitern verloren zu haben; die Herde war in Jos Gewalt. Jedoch der eine, der der lockende Preis der ganzen Jagd gewesen, schien unerreichbarer als zuvor.

Jos Kameraden standen vor einem Rätsel. Sie kannten ihren Freund genau und wären nicht erstaunt gewesen, hätte er in einem plötzlichen Wutanfall den Hengst niederzuschießen versucht. Doch Jo lag dieser Gedanke fern. Die ganze lange Woche hatte er das Pferd bei der Verfolgung beobachtet, und nicht ein einzigesmal hatte er es galoppieren sehen.

Des Pferdeliebhabers Bewunderung für das edle Tier war von Tag zu Tag gewachsen, und Jo fragte sich jetzt oft, ob er die ausgesetzte Summe annehmen oder ob er nicht lieber den Hengst zur Züchtung eines Stammes von Paßgängern für die Rennbahn behalten sollte. Ein großes Vermögen war ihm dann sicher.

Doch noch war der Hengst nicht in seiner Hand, aber der Zeitpunkt der Beendigung der Jagd schien gekommen, und Jo bestieg sein bestes Pferd, von edlem Blut, leichtfüßig und stark, zur großen Schlußjagd. Den Lasso sorgfältig aufgerollt in der linken Hand und zum erstenmal die Sporen benutzend, galoppierte Jo geradeswegs auf den Hengst los. Dieser trabte davon; die müden Stuten zerstreuten sich nach allen Richtungen und ließen die wilde Jagd an sich vorüber.

Es war unglaublich, Jo spornte und peitschte sein Roß, das wie der Wind über die Ebene dahinflog, aber der Raum zwischen ihm und dem Paßgänger verringerte sich auch nicht um einen Zoll. Der Schwarze wirbelte dahin, kreuzte ein schmales Tal, dann eine sandige, gefahrvolle Strecke, zerwühlt von Präriehunden, verschwand hinter einem Hügel, und als Jo ihn wieder in Sicht bekam, war die Entfernung nur größer geworden. Er fluchte, trieb und spornte sein Roß, bis das arme, gehetzte Tier nervös und unsicher wurde und nicht länger vorsichtig auf den Weg achtete. Es trat plötzlich in ein Erdloch, stürzte, und Jo flog in weitem Bogen zur Erde. Obwohl arg gequetscht und zerschunden, sprang er gleich wieder auf die Füße, um das aufgeregte Tier wieder zu besteigen. Aber das war unmöglich – das linke Vorderbein war gebrochen.

Jo fügte sich in das Unabwendbare, erlöste das Pferd durch einen Revolverschuß von seiner Qual, schnallte den Sattel los und trug ihn zum Lager zurück. Der Paßgänger rannte davon und war bald den Augen seines Verfolgers entschwunden.

Es war eine Niederlage, jedoch keine vollkommene, denn die Stuten waren jetzt lammfromm. Jo und Charley trieben sie nach Fosters Farm und erhielten eine gute Belohnung. – Jo aber war mehr als zuvor von dem Wunsche beseelt, den Paßgänger zu besitzen, nachdem er ihn längere Zeit beobachtet hatte. Er schätzte ihn von Tag zu Tag höher und suchte nur nach einem neuen Plan, um die Verfolgung von neuem zu beginnen.

IV

Der Koch aus dieser Expedition war Bates – Herr Thomas Bates, wie er sich selbst auf dem Postamt zu nennen pflegte, wohin er regelmäßig ging, um nach Briefen und Geldsendungen zu fragen, die niemals eintrafen. Tom Truthahnspur nannten ihn die Hirten nach seinem Brandzeichen, das, wie er sagte, in Denver eingetragen war und seinen Erzählungen nach von ungezähltem Herdenvieh auf den Weiden des unbekannten Nordens getragen wurde.

Als Bates zur Teilnahme an der Verfolgung des berühmten Mustangs aufgefordert wurde, hatte er spöttische Bemerkungen fallen lassen über Pferde, die nicht mehr wert wären, als zwölf Dollars das Dutzend, und hatte es vorgezogen, für einen geringen Lohn mitzugehen. Jedoch keiner, der den Paßgänger einmal in seinem stolzen Trab bewundern durfte, konnte den Gedanken an dieses edle Tier wieder loswerden. Auch Truthahnspur erfuhr es an sich selbst, und so hatte auch er nur noch den einen Wunsch, den Mustang zu besitzen. Wie dies auszuführen sei, war ihm nicht ganz klar, bis eines Tages ein befreundeter Hirte, namens Smith, allgemein bekannt als Hufeisen-Billy, zum Besuche auf der Farm erschien. Während das ausgezeichnete frische Fleisch, Brot und ein recht erbärmlicher Kaffee vertilgt wurden, bemerkte der vom Hufeisen, mit beiden Backen kauend:

»Ich sah den Paßgänger heute morgen, nahe genug, um einen Zopf in seinen Schweif zu flechten.

»Was? und du hast nicht geschossen?«

»Nein, aber ich war nahe daran.«

»Daß du mir keine Dummheiten machst,« rief ein Hirte vom anderen Ende des Tisches dazwischen, »ich wette, daß, ehe der Mond wechselt, dieser Teufelshengst mein Brandzeichen tragen wird.«

»Dann mußt du dich dazu halten,« meinte ein anderer, »oder du findest einen Triangel auf seinem Bug, wenn du ihn wiedersiehst.«

»Wo hast du ihn getroffen?«

»Die Sache war so: ich ritt über die Ebene an der Antilopenquelle und sah in einiger Entfernung einen Klumpen auf dem trockenen Schlamm liegen. Ich wußte, daß ich ihn nie vorher bemerkt hatte, ritt näher und entdeckte, daß es ein Pferd war, das flach ausgestreckt dalag. Der Wind war gegen mich, ich ritt dicht heran und sah, daß es der Paßgänger war, tot wie ein Stück Holz. Jedoch er schien unverletzt und nicht geschwollen, und ich wußte nicht recht, was ich denken sollte, bis ich sah, wie er mit dem Ohr eine Fliege wegjagte. Da wußte ich, daß er schlief. Ich nahm meinen Lasso, wickelte ihn auf, sah aber, daß er alt und stellenweise ziemlich abgerieben war, und mein Sattel hatte nur einen Gurt. So sagte ich zu mir selbst: ›Sei vernünftig, Billy, du zerreißt nur deinen Sattelgurt, stürzest und brichst das Genick.‹ Da gab ich denn dem Sattelhorn einen tüchtigen Schlag, und ich wünschte, ihr hättet den Mustang sehen können. Sechs Fuß hoch sprang er in die Luft und schnaufte wie eine Lokomotive. Die Augen traten ihm heraus, wie der Blitz sauste er davon in der Richtung nach Kalifornien, und wenn er die Gangart, mit der er losging, beibehalten hat, so muß er in dieser Stunde bereits am Ziele sein – aber ich wette was darum, nicht eine Sekunde fiel er aus seinem Paßgang.«

Diese Geschichte wurde nicht ganz so fließend erzählt, wie sie hier wiedergegeben ist. Sie wurde vielmehr unterbrochen durch Zwischenrufe und durch unausgesetztes Kauen und Schlucken, denn Billy war ein gesunder junger Mann ohne jede Schüchternheit.

Jedermann schenkte der Erzählung Glauben, denn Billy war als glaubwürdig bekannt. – Von allen, die dabei saßen, redete Truthahnspur am wenigsten, aber er dachte vermutlich am meisten, denn es war ihm ein neuer Gedanke gekommen.

Während er nach dem Essen gemächlich seine Pfeife rauchte, arbeitete er den Plan aus und kam zu der Einsicht, daß er ihn nicht allein ausführen könnte. Er nahm Hufeisen-Billy beiseite, und der Erfolg der Unterredung war, daß Billy bei dem erneuten Versuch, den Paßgänger zu fangen, sich mit betätigen und von den fünftausend Dollars, die jetzt als Preis ausgesetzt waren, seinen Anteil erhalten sollte.

Die Antilopenquelle war immer noch die Tränke des Paßgängers. Das Wasser stand niedrig und ließ einen breiten Gürtel von schwarzem, trockenem Schlamm zwischen der Weide und der Quelle. An zwei Stellen war der Gürtel unterbrochen von einer leicht erkennbaren Fährte, die die Tiere auf dem Wege zur Tränke getreten hatten.

Wilde Pferde pflegen für gewöhnlich immer den gleichen Pfad zur Quelle einzuhalten, und auf dem am meisten benutzten begannen die beiden Männer mit Hacke und Schaufel eine lange und tiefe Grube zu graben. Zwei Tage nahm diese harte Arbeit in Anspruch, und nachdem sie vollendet war, bedeckten die beiden die Grube sorgfältig mit Stangen, Zweigen und Erde und versteckten sich in einiger Entfernung.

Ungefähr um Mittag kam der Paßgänger, wie immer allein, seit man seine Herde gefangen hatte. Der Pfad auf der entgegengesetzten Seite des Schlammgürtels war wenig benutzt, und Tom hatte einige frische Zweige darüber geworfen, um sicher zu gehen, daß der Hengst von der anderen Seite kommen sollte.

Doch der Engel, der über den freien Wald- und Feldbewohnern wacht und sie vor Unheil warnt, schläft nicht.

Der Paßgänger kam den Pfad auf der entgegengesetzten Seite entlang getrottet; die verdächtig aussehenden Zweige hielten ihn nicht zurück, arglos lief er zum Wasser hinunter und trank. Es gab nur noch einen Ausweg, um ein vollkommenes Mißlingen des Anschlags zu verhindern. Als der Mustang seinen Kopf zum zweiten kräftigen Zug, den Pferde stets zu nehmen pflegen, niederbeugte, verließen Bates und Smith ihre Löcher, liefen schnell hinüber, und als er sein stolzes Haupt erhob, schickte Smith einen Revolverschuß in den Erdboden hinter ihm.

Davon trabte der Hengst, im berühmten Paßgang, gerade auf die Falle los. Noch eine Sekunde und er war gefangen. Schon war er auf dem Pfade, und schon glaubten seine Verfolger, daß sie ihn sicher hätten. Aber der Engel des wilden Geschöpfes schlief nicht, er warnte ihn noch zur rechten Zeit, und mit einem mächtigen Satz sprang der Hengst über die fünfzehn Fuß lange Falle und verschwand im Süden, um auf keinem der alten Pfade die Antilopenquelle je wieder zu besuchen.

V

Jo Calone war tatkräftig und ausdauernd. Er hatte nun einmal den Entschluß gefaßt, den Mustang zu fangen, und als er ahnte, daß andere ihm den Rang abzulaufen suchten, machte er sich daran, einen bisher unversuchten guten Plan auszuführen – den Plan, durch den der Präriewolf den schnelleren Feldhasen fängt und der berittene Indianer die bei weitem flinkere Antilope: den alten Plan der Stafettenjagd.

Der kanadische Fluß im Süden, sein Seitenfluß, der Arroya, im Nordosten und die Don-Carlos-Hügel mit dem Utebachtale im Westen bilden ein sechzig Meilen weites Dreieck, das die Gefilde des Paßgängers umfaßte. Man wußte, daß er die Grenzen niemals überschritt, und die Weiden an der Antilopenquelle waren stets sein Hauptquartier. Jo aber kannte jedes Wasserloch und alle Quertäler ebensogut wie der Paßgänger.

Zwanzig Pferde und fünf tüchtige Reiter hatte er zusammengebracht. Die Rosse, seit zwei Wochen mit kräftigem Hafer gefüttert, wurden vorausgesandt. Jedermann wußte genau, welche Rolle er bei der Jagd zu spielen hatte, und am Tage vor dem Beginn des Rennens war jeder auf seinem Posten. Am Morgen des ereignisvollen Tages erschien Jo mit seinem Wagen auf der Ebene an der Antilopenquelle, schlug in einer kleinen Niederung sein Lager aus und wartete.

Endlich kam er, der kohlschwarze Hengst, vom Süden herauf, allein wie jetzt immer, schritt ruhig nach der Quelle hinunter und trank.

Im Augenblick, als er den Kopf erhob und sich umwendete, spornte Jo seinen Renner. Der Paßgänger hörte das Klappern der Hufe, sah das Pferd aus sich zugaloppieren, und da er nicht den Wunsch hatte, es näher zu betrachten, trabte er davon. Quer über die Ebene mit der Nase nach Süden nahm er seinen Weg, und sein wunderbarer Paßgang wurde länger und länger. In den Sanddünen gewann er beträchtlich an Vorsprung, denn Jos beladenes Pferd sank bis über die Fessel in den losen Sand.

Aber vorwärts, immer vorwärts ging er, und Jo sparte weder Sporen noch Peitsche. Eine Meile – und noch eine Meile – und eine dritte Meile und in der Ferne tauchten die Felsenspitzen des Arriba auf.

Jo wußte, daß dort frische Pferde seiner warteten, und er trieb seinen Renner mitleidslos vorwärts, aber die nachtschwarze Mähne, die im Winde vor ihm herflatterte, rückte weiter und weiter von ihm fort.

Endlich war das Arriba-Tal erreicht. Der dort wartende Posten versteckte sich, um nicht vom Paßgänger gesehen zu werden und damit dem Rennen eine andere Richtung zu geben, und der Hengst sauste vorüber.

In mächtigen Sätzen kam Jo auf seinem schaumbedeckten Renner hinterdrein, sprang auf das bereitgehaltene Roß und zwang es mit Sporen und Peitsche zur rasenden Verfolgung, aber er gewann nicht einen Zoll.

Ga–lopp, ga–lopp, ga–lopp sauste der Renner in mächtigen Sätzen dahin, die Stunden verrannen, frische Reiter auf frischen Rossen lösten Jo ab, aber alles erfolglos. –

Carrington, der jüngste unter den Hirten, hatte seine Mähre durch allzu hitziges Galoppieren beim Beginn der Verfolgung verdorben, und als die Hetze nun durch Kaktussträucher und über die Erdlöcher von Präriehunden hinwegging, wurde das nervöse Tier aufgeregt, trat fehl, stürzte und brach das Genick.

Carrington kam mit dem Leben davon, aber das Gerippe des Ponys liegt heute noch dort, und der schwarze Hengst trabte davon.

Es war nahe der Stelle, wo Jo selbst erholt und auf einem frischen Rosse wartete, und binnen dreißig Minuten war er wieder auf der Verfolgung des Paßgängers.

Jetzt begann der wildeste und anstrengendste Teil des Rennens. Jo, grausam und unerbittlich gegen den Mustang, war noch mitleidloser gegen sein Roß und gegen sich selbst. Die Sonne brannte glühend heiß. Über der ausgedorrten Ebene flimmerte die heiße, drückende Luft, die von keinem Hauch bewegt wurde. Augen und Lippen waren verbrannt von Sand und Salz, aber das verzweifelte Rennen nahm seinen Fortgang. Die einzige Aussicht zu gewinnen war für Jo, wenn er den Mustang zurück nach dem Arroyo treiben konnte. Seit dem Beginn der Jagd konnte er an dem Schwarzen jetzt zum ersten Male Anzeichen von Müdigkeit und Schwäche bemerken. Mähne und Schweif waren gesenkt, und die halbe Meile Entfernung zwischen Jo und ihm war auf die Hälfte herabgesunken. Aber noch ging es vorwärts, im Trabe, immer im Trabe. Stunde auf Stunde verrann, und die Nacht zog heraus, als sie die Arroyo-Furt erreichten. Jo hatte gehofft, der schaumbedeckte Hengst würde trinken, aber er war zu klug dazu, steckte nur die Nase ins Wasser, platschte durch die Flut und trabte vorwärts mit dem Verfolger hinter sich. Dann verschwanden sie in der Dunkelheit.

Am Morgen kam Jo nach dem Lager zurück – zu Fuß. Er hatte nicht viel zu berichten: Acht Pferde gestürzt, fünf Mann zu Tode ermattet und der Paßgänger in Sicherheit und frei.

»Für Menschen ist er unerreichbar, und es tut mir nur leid, daß ich ihm nicht eine Kugel in die Teufelsknochen gejagt habe,« sagte Jo und gab die Jagd aus.

VI

Truthahnspur war auch auf dieser Expedition Koch. Er hatte die Hetze mit mehr Teilnahme beobachtet als irgendein anderer, und als sie mißlang, schmunzelte er in seinen Topf und sagte: »Dieser Mustang ist mein, oder Thomas Bates ist ein großer Dummkopf!«

Die unausgesetzte Verfolgung hatte den Paßgänger wilder gemacht als zuvor, aber sie hatte ihn dennoch nicht von der Antilopenquelle weggetrieben. Es war die einzige Tränke, die einem Feinde auch nicht das kleinste Versteck bot, und hierher kam er jeden Tag um die Mittagszeit und näherte sich, nachdem er vorsichtig umhergespäht hatte, um zu trinken.

Seit der Gefangennahme seines Harems hatte der schwarze Hengst ein einsames Dasein geführt, und auf diese Tatsache gründete Truthahnspur einen neuen Plan. Des alten Kochs Freund hatte eine kleine, hübsche braune Stute, und mit deren Hilfe hoffte er sein Ziel zu erreichen. Er nahm ein paar der stärksten Fußfesseln, einen Spaten, einen kräftigen Lasso und einen dicken Pfahl, bestieg die Stute und ritt nach der bekannten Quelle.

Ein paar schnellfüßige Antilopen sprangen vor ihm über die Ebene; das Vieh lag in Gruppen umher, und der laute, süße Gesang der Feldlerche erscholl aus der blauen Luft, denn der Winter war davongezogen und hatte dem Frühling Platz gemacht. Das Gras grünte, und die ganze Natur trieb und sproßte.

Tom prüfte den Wind und untersuchte die Gegend. Die Grube, die er einst gegraben hatte, war mit Wasser angefüllt, obenauf schwammen ein paar tote Feldmäuse, und daneben war der neue Pfad, den die Tiere jetzt zur Quelle nehmen mußten. Truthahnspur begann seine Vorbereitungen. Zuerst versenkte er den Pfosten fest in den Erdboden, grub dann ein Loch, tief genug, um sich darin verstecken zu können, und breitete seine Decke darin aus. Die kleine Stute band er kurz an, so daß sie sich kaum bewegen konnte, legte den offenen Lasso dahinter auf den Erdboden, befestigte dessen langes Ende am Pfosten und bedeckte die Leine mit Erde und Gras. Darauf kroch er in sein Versteck.

Ungefähr um die Mittagsstunde wurde das sehnsüchtige wiehern der Stute weit in der Ferne beantwortet, und der berühmte Mustang tauchte als schwarzer Schattenriß im Westen auf.

Langsam trabte er näher, aber argwöhnisch gemacht durch die hartnäckige Verfolgung, hielt er öfter an, sah sich vorsichtig um, wieherte und erhielt eine Antwort, die sein männliches Herz erzittern ließ. Wieder kam er näher, trabte im weiten Bogen um die Stelle und schien im Zweifel. Sein Schutzengel flüsterte: »Geh nicht weiter!«, aber die braune Stute rief wieder. Seine Kreise wurden enger, er wieherte noch einmal und erhielt wieder eine Antwort, die ihn alle Vorsicht vergessen ließ.

Noch ein paar Schritte, und er hielt vor der Stute, berührte liebkosend ihre Nase und machte einige Freudensprünge um sie herum. Dabei standen seine Hinterhufe einen Augenblick inmitten der tückischen Schlinge. Ein kurzer, scharfer Ruck, die Schleife schloß sich und – er war gefangen.

Ein entsetzliches Stöhnen entrang sich seiner mächtigen Brust, und ein Satz in die Luft gab Tom Gelegenheit, auch um die Vorderfüße eine Wurfleine zu schleudern, die Schlinge zog sich zu und band schlangengleich die gewaltigen Hufe.

Schreck und Entsetzen liehen dem Mustang für einen Augenblick doppelte Kraft, aber das Ende des Lassos war erreicht, und er stürzte zu Boden, ein hoffnungsloser Gefangener. Toms kleine, häßliche, verwachsene Gestalt sprang aus dem Versteck hervor, um die Unterwerfung zu vollenden. Die strotzende, urwüchsige Kraft dieses herrlichen Wesens hatte sich als nichts erwiesen gegen die Schlauheit eines kleinen, alten Mannes.

Tom stand vor seinem Opfer, beobachtete es, und ein fremdartiges Gefühl kam über den alten Hirten. Er zitterte aufgeregt am ganzen Körper, wie er es nicht getan seit dem Tage, als er seinen ersten Stier fing, und eine Weile konnte er nichts tun, als seinen zitternden Gefangenen anzustarren. Aber bald hatte er das Gefühl überwunden. Er sattelte die Stute, schlang dem Hengst eine Leine um den Hals und befestigte die Fußfesseln. Schnell war alles geschehen, und Tom war schon dabei, die Reise anzutreten, als ihn ein plötzlicher Gedanke halten ließ. Etwas ungemein Wichtiges hatte er vergessen. Nach dem Gesetz des Westens war der Mustang Eigentum des Mannes, der ihm als erster fein Brandzeichen aufdrückte, und wie war dies ohne ein Brandzeichen auszuführen?

Tom ging nach der Stute hinüber, hob ihr abwechselnd die Hufe und untersuchte die Eisen. Richtig, das eine war etwas locker. Er zerrte und riß, half mit dem Spaten nach und bekam es los. Dürres Schilf gab es eine Menge, und ein Feuer war schnell angezündet. Bald war eine Hälfte des Hufeisens rotglühend, und Tom drückte mit roher Hand auf die linke Schulter des Mustangs eine Truthahnspur, sein Brandzeichen, tatsächlich das erstemal, daß es angewendet wurde. Der Paßgänger erbebte, als das glühende Eisen zischend in sein glänzendes Fell drang, aber es war bald geschehen, und das edle Tier war schimpflich gebrandmarkt für immer.

Das einzige, was noch zu tun übrigblieb, war, ihn heimzubringen. Die Leinen wurden etwas gelöst, Der Mustang fühlte sich frei und sprang auf die Füße, stürzte aber sofort wieder nieder, als er auszuschreiten versuchte. Die Vorderfüße blieben gefesselt. Die einzig mögliche Gangart war ein schleppender Schritt oder ein verzweifeltes Bäumen, und jedesmal, wenn er versuchte, davonzurennen, stürzte er hilflos zu Boden. Tom auf seinem leichten Pony trieb den schäumenden, wilden Gefangenen vor sich her in der Richtung nordwärts, nach den Pinavetitos zu. Es war ein langer, grausamer Kampf. Wutschnaubend versuchte der Hengst, mit unsinnigen Sätzen zu entfliehen. Seine glänzenden Flanken dick mit Schaum bedeckt und der Schaum gerötet von Blut. Jedoch sein Meister, kühl und unbarmherzig, zwang ihn vorwärts. Die Senkung ins Tal hinab waren sie gezogen, jeder Schritt ein Kampf, und nun standen sie vor der einzigen Stelle, wo sie das Tal kreuzen konnten, der nördlichsten Grenze der angestammten Gefilde des Paßgängers.

Das erste Farmhaus war in Sicht. Tom atmete erleichtert auf, aber der Mustang sammelte seine letzte Kraft und nahm einen verzweifelten Anlauf. Aufwärts, immer aufwärts sprang er, ungeachtet der schleppenden Leine und der Schüsse, die Tom in die Luft feuerte, um seine Richtung zu ändern. Aufwärts, immer aufwärts, auf die steile Klippe sprang er, machte einen wahnsinnigen Satz ins Leere, stürzte hinab – zweihundert Fuß in die Tiefe – und schlug auf die schroffen Felsen auf – zerschmettert – aber frei! –

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