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Bingo und andere Tiergeschichten

Ernest Thompson Seton: Bingo und andere Tiergeschichten - Kapitel 5
Quellenangabe
authorErnest Thompson Seton
titleBingo und andere Tiergeschichten
publisherKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde Franckh'sche Verlagshandlung
printrunHunderteinundzwanzigste Auflage
yearo.J.
translatorKarl Ernst Poeschel
illustratorErnest Thompson Seton
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20170520
projectid532744ec
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Lobo

Der König von Currumpaw

I

Currumpaw ist eine unermeßlich große Rinderfarm im nördlichen Neu-Mexiko, ein Land mit saftigen, grünen Weiden, bevölkert mit kräftigen, fruchtbaren Herden und durchquert von ausgiebigen, frisch dahineilenden Bächen, die sich schließlich zum Currumpaw-Flusse vereinigen, nach dem die Gegend benannt ist. Und der Herrscher, vor dessen despotischer Macht das ganze Land zitterte, war ein alter Grau-Wolf. Alt-Lobo oder der König, wie die Mexikaner ihn kurzweg zu nennen pflegten, war der gigantische Führer einer berüchtigten Bande von Grau-Wölfen, jahrelang der Schrecken des Currumpaw-Tales. Hirten und Farmer kannten ihn nur zu gut, und wo immer er mit seinen Getreuen erschien, erfaßte Entsetzen die Herden, ohnmächtige Wut und Verzweiflung deren Besitzer. Alt-Lobo war ein Riese unter seinesgleichen, und Schlauheit und Stärke standen im Verhältnis zu seiner Größe. Seine gebieterische Stimme, die oft durch die Nacht erschallte, war wohlbekannt und leicht von den Stimmen seines Gefolges zu unterscheiden. Ein gewöhnlicher Wolf mochte die halbe Nacht nahe am Lager der Hirten heulen, ohne mehr als vorübergehende Aufmerksamkeit zu erregen, doch wenn das tiefe grollende Brüllen des alten Königs das Tal heraufhallte, dann mußte der Lauscher gefaßt sein, am anderen Morgen von neuen blutigen Einfällen in die Herde zu hören.

Alt-Lobos Bande war nur klein, eine Tatsache, die ich niemals ganz verstehen konnte; denn wenn sich ein Wolf zu der Stellung und Macht Lobos erhebt, so zieht er gewöhnlich ein zahlreiches Gefolge an sich. Es mag sein, daß er so viele um sich hatte, wie er wünschte, oder vielleicht verhinderte sein wildes Temperament ein Anwachsen der Bande. Gewiß ist, daß gegen das Ende seiner Regierung das Gefolge nur fünf Köpfe zählte. Immerhin war jeder ein Wolf von Ruf, der seinesgleichen an Gestalt überragte, besonders der zweite im Kommando war ein wahrhafter Riese, aber auch der stand weit hinter seinem Führer an Größe und Tapferkeit zurück. Noch verschiedene andere Glieder der Bande taten sich besonders hervor, darunter eine schöne weiße Wölfin, die die Mexikaner Bianca nannten, wahrscheinlich Lobos Geliebte. Dann war ein gelber Wolf von hervorragender Geschwindigkeit dabei, der nach umlaufenden Gerüchten verschiedene Male eine schnellfüßige Antilope überholte und für die Bande einfing.

Oft wurden die Bestien von Rinder- und Schafhirten gesehen, und fast Unglaubliches wurde über sie berichtet. Ihr Leben war mit dem der Viehzüchter eng verknüpft, die sie nur zu gern aus der Welt geschafft hätten, und da war nicht ein einziger am Currumpaw, der nicht bereitwilligst den Erlös einer beträchtlichen Anzahl Stiere für den Skalp Lobos dahingegeben hätte. Doch das Leben jener schien gefeit, sie entwischten jedem noch so sinnreichen Anschlag, verhöhnten die Jäger, verachteten die Fallen und Gifte und nahmen fast fünf Jahre lang von den Currumpaw-Züchtern ihren Tribut, d. h. jeden Tag mindestens eine Kuh.

Nach dieser Schätzung zerriß die Bande mehr als zweitausend Stück der ausgewähltesten Zucht; denn nur das Allerbeste befriedigte ihre Gier.

Der uralte Volksglaube, daß der Wolf sich stets im Zustand des Verhungerns befände, traf bei dieser Bande Freischärler sicher nicht zu. Sie waren wohlgenährt und fett und höchst wählerisch in ihrer Nahrung. Ein Tier, das eines natürlichen Todes gestorben oder mit einer ansteckenden Krankheit behaftet war, verschmähten sie und ließen es ruhig liegen. Gewöhnlich bestand ihre Mahlzeit aus den zartesten Stücken eines Jährlings, während sie einen alten Bullen oder eine alte Kuh nicht berührten. Auch Hammelfleisch war nicht nach ihrem Geschmack, obwohl sie sich oft damit begnügten, Schafherden aus purer Mordlust anzufallen. So erwürgten Bianca und der gelbe Wolf in einer Novembernacht des Jahres 1843 zweihundertfünfundfünfzig Schafe, sichtlich nur zur Belustigung; denn sie fraßen nicht einen einzigen Bissen vom Fleisch ihrer Opfer.

Dieses Beispiel zeigt die Mordlust der Räuberbande zur Genüge. Jedes Jahr wurden unzählige neue Mittel zu ihrer Ausrottung vorgeschlagen und versucht, jedoch lebte und verwüstete sie ruhig weiter, den eifrigen Bemühungen ihrer Verfolger zum Trotz. Eine hohe Prämie war auf Lobos Kopf gesetzt, und Gift wurde in allen erdenklichen Formen und Arten ausgelegt, doch Lobo wußte immer, es augenblicklich zu entdecken und zu vermeiden. Nur eins fürchtete er, das waren Feuerwaffen. Da er wohl wußte, daß jedermann in dieser Gegend solche mit sich führte, griff er nie ein menschliches Wesen an, und es war die gewohnte Praxis seiner Bande, sich sofort zur Flucht zu wenden, wenn sie zur Tageszeit einen Menschen auch in noch so großer Entfernung entdeckte. In zahllosen Fällen rettete Lobos große Vorsicht das Leben seiner Gefolgschaft; denn er ließ sie nur das fressen, was sie selbst getötet hatten, und die Feinheit seines Geruchssinnes, mit dem er die Berührung menschlicher Hände oder das Vorhandensein von Gift sofort entdeckte, machte sie gegen alle Nachstellungen gefeit.

Eines Tages vernahm ein Kuhhirt den berüchtigten Kriegsruf des Königs. Er näherte sich Schritt für Schritt und fand in einer Talniederung die ganze Gesellschaft, die eben eine kleine Rinderherde umzingelt hatte. Lobo saß zur Seite auf einem Erdhügel, während Bianca sich mit den übrigen bemühte, das auserwählte Opfer, eine junge Kuh, von der Herde abzusondern. Aber die Rinder standen in einer dichtgeschlossenen Masse und wiesen ihren Angreifern eine Schutzwehr starker und spitzer Hörner, die nur unterbrochen wurde, wenn eine Kuh, entsetzt durch einen frischen Angriff der Wölfe, nach der Mitte zurückzuweichen versuchte. Dieser Umstand ermöglichte es den Wölfen, die dem Tode Geweihte zwar zu verwunden, aber nicht kampfunfähig zu machen. Lobo schien die Geduld zu verlieren, denn er verließ plötzlich seinen Posten auf dem Hügel, stieß ein tiefes Gebrüll aus und raste auf die Herde los. Die entsetzten Kinder stoben vor diesem Anprall auseinander wie die Sprengstücke einer berstenden Granate, und Lobo sprang mitten unter sie. Dahin flog das Schlachtopfer, vom Werwolf verfolgt. Binnen kurzem saß er ihm im Genick, biß sich dort fest, riß es plötzlich mit aller Kraft zurück und brachte es so zu Fall. Der Ruck mußte furchtbar gewesen sein; denn die Kuh überschlug sich und riß dabei Lobo mit sich. Der Riese erholte sich jedoch sofort von dem Sturze, sein Gefolge fiel über das arme Tier her und zerriß es in wenigen Sekunden. Der Alte beteiligte sich nicht an dieser Schlächterarbeit. Nachdem er die Kuh niedergeworfen, ließ er sich wieder auf seinem Beobachtungsposten nieder und schien zu sagen: »Warum konnte einer von euch das nicht längst getan haben, ohne so viel kostbare Zeit zu verschwenden?«

Die Kuh überschlug sich und riß dabei Lobo mit sich.

Der Kuhhirt ritt, seinen Revolver abfeuernd, heran, und die Wölfe suchten wie gewöhnlich ihr Heil in schneller Flucht. Er vergiftete den Kadaver an drei verschiedenen Stellen mit Strychnin und verließ den Schauplatz des Kampfes, da er wohl wußte, daß die Bande zum Fraß zurückkehren würde, da sie das Tier ja selbst getötet hatte. Aber am nächsten Morgen, als er nach den erhofften Opfern Umschau hielt, fand er, daß die Wölfe die Kuh zwar verschlungen, jedoch sorgfältig alle vergifteten Teile herausgerissen und beiseite geworfen hatten.

Die Furcht vor diesem Riesenwolf wuchs von Jahr zu Jahr, und jährlich wurde ein größerer Preis auf seinen Kopf gesetzt, der schließlich die Höhe von tausend Dollar erreichte, gewiß eine nie dagewesene Prämie für einen Wolf. – Manch braver Mann wurde für weniger zu Tode gejagt. – Angelockt durch die hohe Belohnung kam eines Tages ein Mann aus Texas, namens Tannery, das Currumpawtal herabgesprengt. Er besaß eine unübertreffliche Ausrüstung für die Wolfsjagd, die aus den modernsten Feuerwaffen, den ausdauerndsten Pferden und einer Meute ungeheurer Wolfshunde bestand. Draußen auf den weiten Gefilden von Texas hatte er mit seinen Hunden der Laufbahn vieler Wölfe ein jähes Ende gesetzt, und er zweifelte nicht daran, daß Alt-Lobos Skalp innerhalb weniger Tage an seinem Sattelknopf baumeln würde.

Tannery mit seinen Hunden kommt das Tal herabgesprengt.

Dahin stob die tapfere Schar auf ihrer Hetze, hinein in die Morgendämmerung eines schönen Sommertages, und bald gaben die Rüden freudig Laut, um zu melden, daß sie die Fährten ihrer Opfer gefunden hatten. Nach einem Ritt von zwei Meilen kam ihnen die graue Bande von Currumpaw zu Gesicht, und jetzt begann die Jagd hitzig zu werden. Die Aufgabe der Wolfshunde bestand darin, die Wölfe aufzuhalten, bis der Jäger heranreiten und sie niederschießen konnte. Dies war auf den offenen Gefilden von Texas leicht getan, jedoch hier kam eine durchaus fremde und ungünstig gestaltete Gegend in Betracht. Lobo hatte sein Revier klug gewählt; denn die felsigen Seitentäler des Currumpaw und ihre Ausläufer durchschnitten die Prärie nach allen Richtungen. Der alte Wolf, der die Gefahr sofort überblickte, beeilte sich, einen dieser Einschnitte zu erreichen, und entledigte sich dadurch der Hunde. Seine Bande zerstreute sich und zerteilte dadurch auch die Schar ihrer Verfolger; denn als sich die Wölfe in der Ferne wieder vereinigten, waren die Hunde bedeutend in der Minderzahl. Die Grauröcke wendeten sich nun zum Angriff und zerrissen oder verwundeten die Rüden nach kurzem Kampfe. Als Tannery am Abend seine Meute musterte, waren nur sechs zurückgekehrt, und zwei davon waren bis zur Unbrauchbarkeit verstümmelt. Er machte noch zwei weitere Versuche, den königlichen Skalp zu erbeuten, war jedoch genau so erfolglos wie das erstemal, und bei der letzten Jagd stürzte sein bestes Pferd und brach das Genick. Dies war Tannerys letzter Versuch, erbittert und entmutigt gab er die Jagd auf und kehrte zurück nach Texas. Lobo aber blieb als unumschränkter Herrscher zurück.

Im nächsten Jahre tauchten zwei andere Jäger auf, die mit dem unumstößlichen Entschluß kamen, die ausgesetzte Prämie zu erringen. Jeder von ihnen war sicher, er würde den berüchtigten Wolf vernichten, der eine mit Hilfe eines neu entdeckten Giftes, der andere, ein Kanadier französischer Abstammung, durch Gift in Verbindung mit gewissen Besprechungen und Amuletten; denn er hielt Lobo für einen richtigen » loup-garou«, einen Werwolf, den man nicht mit gewöhnlichen Mitteln aus der Welt schaffen könne. Aber weder die schlau ausgesetzten Giftköder noch die wunderkräftigen Amulette und Beschwörungsformeln hatten bei dem grauen Verwüster Erfolg. Er machte seine wöchentlichen Rundreisen, hielt seine Gastereien ab wie zuvor, und ehe einige Wochen ins Land gegangen waren, gaben Calone und Laloche die erfolglose Jagd in Verzweiflung auf, um ihr Glück anderswo zu versuchen.

Im Frühjahr 1893 machte Joe Calone nach seinem erfolglosen Versuch, Lobo zu übertölpeln, eine Erfahrung, die höchst demütigend für ihn war und die bewies, daß der Alte vom Berge seine Nachsteller einfach verachtete und unfehlbar an sich selbst glaubte. Calones Farm lag an einem kleinen Nebenfluß des Currumpaw in einem malerischen Tale, und höchstens eine Meile vom Hause entfernt hatten Lobo und seine Gattin sich ihren Wohnsitz errichtet, um dort ihre Nachkommenschaft zu erziehen. Hier lebten sie den ganzen Sommer, fielen allen Nachstellungen zum Trotz Joes Schafe und Rinder an und verbrachten ihre Tage im Frieden des höhlenreichen Tales. Joe zermarterte vergeblich sein Hirn nach irgendeinem Mittel, um die Gesellschaft auszuräuchern. Er versuchte sogar, sie mit Dynamit in die Luft zu sprengen. Immer aber entkamen sie unversehrt und setzten ihre Raubzüge fort wie zuvor. »Dort drüben hausten sie im letzten Sommer,« erzählte mir Joe, auf einen alleinstehenden Felsen deutend, »und ich konnte ihnen nichts anhaben. Wie ein Narr stand ich da.«

II

Alle diese von den Kuhhirten gesammelten Berichte schienen mir fast unglaublich, bis ich schließlich im Herbst des Jahres 1893 die persönliche Bekanntschaft des schlauen Räubers machte und ihn am Ende gründlicher kennen lernte, als irgendein anderer. Vor Jahren, in den Tagen Bingos, hatte ich eifrig der Wolfsjagd obgelegen; doch hatten mich später Beschäftigungen anderer Art an den Schreibtisch gefesselt. Eine Abwechslung schien für mich unbedingt notwendig, und als mich ein Freund, einer der Züchter am Currumpaw, bat, nach Neu-Mexiko zu kommen und mein Jagdglück unter dem Raubgesindel zu versuchen, nahm ich die Einladung an, da ich vor Verlangen brannte, die persönliche Bekanntschaft des alten Königs zu machen. Nach wenigen Tagen war ich mitten in den Tälern des Currumpaw. Die ersten Wochen durchstreifte ich die Gegend zu Pferde, um sie gründlich kennen zu lernen, und oft zeigte mir mein Führer das Skelett eines Rindes oder einer Kuh mit der Bemerkung: »Hier war Lobo!«

Bald wußte ich, daß in dieser zerklüfteten Gegend an eine Verfolgung Lobos mit Hund und Pferd einfach nicht zu denken sei, und daß man es nur mit Giften und Fallen versuchen könne, ihm beizukommen. Da nun zurzeit keine Fallen von der nötigen Größe zur Hand waren, begann ich mein Werk mit Gift.

Es sei mir erlassen, näher auf die Einzelheiten der Hunderte von Versuchen einzugehen, mit denen ich diesen » loup-garou« zu erwischen trachtete. Es gab wohl keine Verbindung von Strychnin, Arsenik, Zyankali und Blausäure, die ich nicht versuchte, und es gab keine Sorte Fleisch, die ich nicht als Köder auslegte. Aber Tag für Tag, wenn ich hinausritt, um endlich einen Erfolg festzustellen, fand ich, daß alle Bemühungen vergeblich gewesen waren. Der alte König schien eben zu schlau für mich zu sein. Ein einziges Beispiel wird diesen Scharfsinn beweisen. Dem Rate eines alten Fallenstellers folgend, zerließ ich ein Stück Käse zusammen mit dem Nierenfett eines frischgeschlachteten Rindes, verkochte die Mischung in einem Porzellannapf und schnitt sie mit einem knöchernen Messer, um auch den leisesten Geschmack oder Geruch von Metall zu vermeiden, in Stücke. Dann machte ich in die Klumpen auf jeder Seite ein Loch und füllte es mit einer Mischung von Strychnin und Zyankali, die in geruchsdichten Kapseln eingeschlossen war. Zum Schluß verschloß ich die Löcher wieder mit Käse. Während dieser Vorbereitungen trug ich Handschuhe, die ich in das warme Blut des Rindes getaucht hatte. Als aller fertig war, wickelte ich die Köder in die bluttriefende Haut und ritt aus, indem ich Leber und Nieren des Rindes an einer Leine hinterherschleifte. Dann beschrieb ich einen Bogen von zehn Meilen und ließ alle Viertelmeilen einen Köder fallen, wobei ich eine Berührung mit meinen Händen ängstlich vermied.

Lobo pflegte am Anfang einer jeden Woche in diese Gegend zu kommen und trieb sich, wie man annahm, die übrigen Tage am Fuße der Sierra Grande herum. Es war an einem Montag, als ich am Abend beim Schlafengehen das tiefe Baßgeheul Seiner Majestät vernahm, und mein Herz schlug in freudiger Spannung.

Früh am nächsten Morgen ritt ich in der sicheren Hoffnung aus, nun endlich mit dem langersehnten Erfolg gekrönt zu werden, und bald kam ich auf die frische Fährte des frechen Räubergesindels mit Lobo an der Spitze, dessen Fußtapfen mit den furchtbaren Klaueneindrücken leicht von den übrigen Fährten zu unterscheiden waren. Die Bande hatte richtig meine Köder gefunden, und ich konnte erkennen, wie Lobo sich an den ersten Köder herangemacht, ihn beschnuppert und schließlich aufgenommen hatte.

Nun konnte ich meine Freude nicht mehr verbergen: »Hab' ich dich endlich!« rief ich aus und sprengte vorwärts, meine Augen begierig auf die große, breite Spur im Staube geheftet. Sie führte mich zum zweiten Köder, und auch er war verschwunden. Die freudige Erregung, die mich erfaßte, ist nicht zu beschreiben, denn nun hatte ich ihn sicher und mit ihm wahrscheinlich mehrere seiner Bande. Aber immer noch sah ich den furchtbaren Kralleneindruck vor mir im Sande, und obwohl ich mich im Steigbügel aufrichtete, um die weite Fläche besser überschauen zu können, entdeckte ich nichts, was einem toten Wolfe ähnlich sah. Wieder nahm ich die Verfolgung auf und fand, daß auch der dritte Köder fort war und die Spur des Königs aller Wölfe zu dem vierten führte. Dort jedoch kam ich zu der niederdrückenden Erkenntnis, daß er keinen der Köder wirklich verschlungen, sondern sie einfach im Maule mitgenommen, auf einen Haufen geworfen und mit Schmutz bedeckt hatte, um mir kundzutun, wie sehr er meine Nachstellungen verachte. Dann hatte er diese Spur verlassen und seine Tagesarbeit an der Spitze seiner Getreuen begonnen.

Dies war nur eine von den Erfahrungen, die mich zu der Überzeugung brachten, daß Gift niemals anschlagen konnte, den Räuber aus der Welt zu schaffen. Obgleich ich fortfuhr, es anzuwenden, während ich die Ankunft der Fallen erwartete, tat ich es nur, weil es sich als ein sicheres Mittel bewährte, eine beträchtliche Anzahl Präriewölfe und anderes Raubgesindel unschädlich zu machen.

Ungefähr um die gleiche Zeit ereignete sich ein anderer Zwischenfall, der Lobos ganze teuflische Schlauheit ans Licht brachte. Die Bande betrieb das Morden von Schafen ausschließlich zum Vergnügen; denn ihren verwöhnten Zungen schien Schaffleisch nicht zu behagen. Man hält die Schafe im Westen gewöhnlich in Herden von tausend bis dreitausend Stück mit einem oder mehreren Hirten zum Schutze. Zur Nachtzeit treibt man sie an geschützten Plätzen zusammen, und auf jeder Seite der Herde schläft zur Bewachung einer der Hirten. Nun sind bekanntlich die Schafe so unvernünftig und dumm, daß sie durch die geringste Kleinigkeit in Verwirrung und Todesangst versetzt werden. Aber etwas ist ihnen tief eingewurzelt und vielleicht ihre größte Schwäche, das ist der blinde Gehorsam, mit dem sie ihrem Leiter folgen. Die Hirten pflegen deshalb ein halbes Dutzend Ziegenböcke unter die Herde zu verteilen. Die Schafe erkennen die höhere Intelligenz ihrer bärtigen Vettern an, und bei einem nächtlichen Alarm drängen sie sich dicht um sie herum. Auf diese Weise werden die Herden meistens vor einer allgemeinen Verwirrung bewahrt und sind leichter zusammenzuhalten. Aber dies ist nicht immer der Fall. Eines Nachts spät im November wurden zwei Perico-Hirten durch einen Angriff der Wölfe aufgeschreckt. Ihre Herden drängten sich um die Böcke, die, weder dumm noch feig, tapfer auf ihrem Platz verblieben. Doch es war kein gewöhnlicher Wolf, der den Ansturm leitete. Alt-Lobo, der Werwolf, wußte ebensogut wie die Hirten, daß die Böcke die Stütze der Herde bildeten. Er sprang gewandt über die Rücken der dichtgedrängten Schafe hin, fiel die Führer an, erwürgte sie alle in wenigen Minuten und hatte bald die ganze Schafherde in hundert verschiedenen Richtungen zerstreut. Noch vier Wochen später wurde ich fast täglich von geängstigten Hirten angehalten, die mich fragten, ob ich nicht vor kurzem ein verirrtes Schaf mit dem Brandzeichen der Herde gesehen habe, und meistens mußte ich es bestätigen. Einmal hatte ich fünf oder sechs Leichname nahe der Diamantquelle gesehen, ein anderesmal einen kleinen Trupp, der das Malpai-Tal hinauftrottete, und Juan Meira fand vierzig frisch gemordete am Fuße des Monte Cedra.

Endlich langten auch die Wolfsfallen an, und mit zwei Gehilfen arbeitete ich eine volle Woche, um sie wirkungsvoll auszusetzen. Wir ließen uns weder Mühe noch Arbeit verdrießen, und ich wendete alles auf, den Erfolg zu sichern. Am zweiten Tage, nachdem wir die Fallen ausgesetzt, machte ich mich auf, um unsere Vorbereitungen noch einmal zu prüfen, und bald fand ich Lobos Spur, die von Falle zu Falle führte. Im Sande konnte ich die ganze Geschichte seines nächtlichen Rundganges lesen. Er war im Dunkeln dahingetrottet, und obwohl die Fallen sorgfältig vergraben waren, hatte er die erste sofort entdeckt. Seiner Bande halt gebietend, hatte er vorsichtig um das Eisen herumgescharrt, bis er die ganze Falle mit der Rette und mit dem daranhängenden Holzklotz offengelegt hatte.

Lobo legt die Fallen bloß.

In derselben Weise hatte er auch die übrigen behandelt. Dabei hatte er, wie ich entdeckte, des öfteren angehalten und sich zur Seite gewendet, sobald er irgend etwas Außergewöhnliches abseits vom Wege wahrnahm. Auf diese Beobachtung baute ich einen neuen Plan. Ich setzte die Fallen in der Form eines H aus, d. h. eine Reihe auf jeder Seite des Weges und in der Mitte eine als Querriegel. Es währte nicht lange, und meine Erfahrungen waren um eine neue bereichert. Lobo war den Pfad herabgekommen und mitten zwischen den Fallen gewesen, ehe er die einzelne Falle in der Mitte entdeckte. Aber noch dicht davor hatte er angehalten. Woher und wie er es wußte, kann ich nicht sagen. Sein Schutzengel mußte wohl bei ihm gewesen sein; denn er hatte sich weder zur Rechten noch zur Linken gewandt, sondern war rückwärts, genau in seine alten Fußtapfen tretend, zurückgewichen, bis er außerhalb der gefährlichen Linien war. Dann hatte er sich von außen herangemacht und die Fallen mit den Hinterläufen mit Erdklumpen und Steinen beworfen, bis alle Federn zugeschnappt waren. Genau so verfuhr er auch später, und obgleich ich meine Methoden ständig änderte und meine Vorsicht verdoppelte, war er einfach nicht zu übertölpeln. Sein scharfer Spürsinn schien ihn nicht eine Sekunde zu verlassen, und er würde wohl noch heute seiner Räuberlaufbahn folgen, hätte nicht eine unglückliche Verbindung seinen Untergang herbeigeführt und seinen Namen der langen Liste von Helden angefügt, die allein unüberwindlich durch die Unbedachtsamkeit eines ihrer Getreuen gefallen sind.

III

Ein- oder zweimal fand ich Beweise, daß unter den Currumpaw-Wölfen nicht mehr alles beim alten zu sein schien; denn ich entdeckte sichere Zeichen von Unbotmäßigkeit und Ungehorsam. Die Fußspur eines kleinen Wolfes zeichnete sich klar von den übrigen ab und war oft dem Führer weit voraus. Dies konnte ich nicht begreifen, bis ein Hirte eine Bemerkung fallen ließ, die die Sache aufklärte.

»Ich sah die Bande heute morgen,« meinte er, »und die Ungehorsame, die immer vorausläuft, ist Bianca.« Da dämmerte mir die Wahrheit. Blanca, die Wölfin, durfte sich derartige eigenmächtige Handlungen erlauben, während ein Wolf von seinem Herrscher sofort erwürgt worden wäre.

Diese Tatsache gab mir einen neuen Plan ein. Ich schlachtete einen Jährling und setzte einige Fallen ziemlich auffällig bei dem Kadaver aus. Dann schnitt ich den Kopf ab, dem ein Wolf als Abfall keine Beachtung zu schenken pflegt, und warf ihn beiseite, vergrub aber rund herum sechs der stärksten Stahlfallen und bedeckte sie aufs sorgfältigste. Zu diesen Vorbereitungen beschmierte ich meine Hände, Stiefel und Werkzeuge mit frischem Blut und begoß auch den Erdboden so, als ob es von dem Haupte des Schlachtopfers geflossen wäre. Als dann alles in Ordnung war, schleifte ich das Fell eines Präriewolfes einige Male über die Stelle und machte mit dessen Tatzen eine Anzahl Fußspuren auf die Erde über den Fallen. Der Kopf war so gelegt, daß zwischen ihm und einigen Büschen ein schmaler Gang blieb. Auch dort vergrub ich zwei meiner besten Fallen und befestigte sie direkt an den Hörnern.

Die Wölfe haben die Gewohnheit, jeden Kadaver zu untersuchen, von dem sie Wind bekommen, selbst dann, wenn sie nicht die Absicht hegen, davon zu fressen. Auf diesen Umstand hatte ich meinen Plan gebaut und hoffte, daß die Currumpaw-Bande sich dem Leichnam nähern würde. Zwar zweifelte ich keinen Augenblick, daß Lobo sofort die Fallen neben dem Fleische entdecken und sein Gefolge davon zurückhalten würde, aber ich setzte große Hoffnungen auf den Kopf; denn er machte ganz den Eindruck, als wäre er nutzlos beiseite geworfen worden.

Lobo und Blanca.

Am nächsten Morgen ritten wir aus, um die Fallen zu untersuchen, und wer beschreibt unsere Freude, als wir die Fußspuren der ganzen Bande fanden. Aber der Platz, an dem der Kopf mit seinen Fallen gelegen, war leer. Eine hastige Untersuchung der Fährte zeigte, daß Lobo die Wölfe von dem Fleisch zurückgetrieben hatte. Ein kleiner Wolf war jedoch seitwärts gelaufen, um den Kopf näher zu untersuchen, und mitten in eine der Fallen hineingeraten.

Wir nahmen die Fährte auf und erblickten nach einem Ritt von einer Meile den unglücklichen Wolf – Blanca. Sie lief im Galopp davon, und obwohl sie durch den Kopf, der über fünfzig Pfund wog, behindert wurde, war sie bald außer Sehweite meines Gefährten, der zu Fuß folgte. Jedoch wir überholten sie, als sie zwischen den Felsen angelangt war, denn die Hörner des Kopfes hatten sich fest verfangen. Blanca war die prächtigste Wölfin, die ich jemals gesehen hatte; ihr Fell war weich und dicht und nahezu weiß.

Sie wendete sich zur Verteidigung, erhob ihre Stimme zum Kriegsgeschrei ihrer Rasse und sandte ein furchtbares Geheul das Tal hinauf. Weit aus der Ferne kam eine tiefgrollende Antwort – der Ruf Alt-Lobos. Es war ihr letzter Schrei, denn inzwischen waren wir herangekommen, und sie mußte ihre ganze Aufmerksamkeit der Verteidigung zuwenden.

Es folgte eine grausame Szene, wir warfen jeder unsern Lasso über den Hals der zum Tode verurteilten Wölfin, spornten unsere Pferde in entgegengesetzten Richtungen an und zogen die Leinen straff, bis Blanca das Blut aus dem Maule troff, ihre Augen hervorquollen, ihre Glieder erstarrten und sie tot zu Boden fiel. Dann ritten wir heimwärts und schleiften die tote Wölfin mit uns, triumphierend über den harten Schlag, den wir Lobo zugefügt hatten.

Während der schrecklichen Hinrichtung und später auf dem Heimritt vernahmen wir in kurzen Zwischenräumen das Geheul Lobos, der auf den fernen Gefilden umherirrte, auf der Suche nach Blanca. Er hatte sie nicht treulos verlassen. Da er aber wohl wußte, daß er sie nicht mehr retten konnte, hatte ihn seine eingefleischte Furcht vor Feuerwaffen davongetrieben, als er uns herannahen sah. Den ganzen langen Tag hörten wir ihn bei seiner vergeblichen Suche wehklagen, und mir wurde nun klar, daß die getötete Wölfin seine Geliebte gewesen war.

Als die Sonne sank, schien Lobo in der Richtung auf unser Tal näherzukommen; denn seine Stimme wurde stetig deutlicher, und es lag ein nicht zu verkennender Klang von Trauer darin. Es war nicht mehr der laute, gebieterische Schrei des Herrschers, sondern ein gedehnter, klagender Ruf, »Blanca, Blanca!« Lobo war nicht fern von dem Platze, wo wir sie überwältigt hatten, und auf einmal ertönte ein herzbrechender Schrei – er hatte die Stelle gefunden, wo wir Blanca töteten. Sein Geheul war jammervoll, und selbst die wenig empfindsamen Hirten meinten, sie hätten nie einen Wolf derartig klagen hören. Lobo mußte erkennen, was hier vorgegangen war; denn der Erdboden war an der Stelle, an der Blanca den Tod fand, mit ihrem Blute befleckt.

Dann folgte Lobo unserer Spur bis zum Farmhaus, ob in der Hoffnung, Blanca dort zu finden, oder in der Absicht, Rache zu nehmen, weiß ich nicht. Es waren aber doch wohl Rachegelüste, die ihn trieben; denn er überraschte unsern armen Hofhund außerhalb der Einzäunung und zerriß ihn in tausend Stücke, kaum fünfzig Meter vor unserer Tür. Allem Anschein nach war Lobo in jener Nacht allein gewesen; denn ich fand am nächsten Morgen nur eine Fährte; er war in einer sinnlosen Weise hin und her gelaufen, die ungewöhnlich bei ihm war. Ich hatte das vorausgesehen und deshalb eine größere Anzahl Fallen über die Prärie zerstreut, nicht ganz ohne Erfolg; denn er war tatsächlich in eine davon gefallen. Doch seine Stärke war so groß, daß er sich losgerissen und die Falle von sich geschleudert hatte.

Ich nahm an, daß er sich jetzt längere Zeit in der Nachbarschaft herumtreiben würde, um Blanca zu suchen, und ich wendete alle meine Energie auf, Lobo zu fangen, ehe er die Gegend verlassen hatte und solange er noch in diesem ungewöhnlichen Gemütszustand war. Es wurde mir klar, daß ich mit Blancas Hinrichtung einen großen Fehler begangen hatte; denn hätte ich sie lebend als Köder benutzt, so würde ich wohl Lobo in der zweiten Nacht gefangen haben.

Alle Fallen, derer ich habhaft werden konnte, raffte ich zusammen – hundertunddreißig starke, stählerne Wolfsfallen, und setzte sie zu vieren in jeden Wildpfad, der in das Tal hinableitete. Jede dieser Fallen war für sich an einen Holzklotz angekettet und jeder Klotz sorgfältig vergraben. Vor dem Eingraben stach ich den Rasen in Stücken heraus und sammelte die Erde in Decken, so daß kein Auge die Arbeit menschlicher Hände entdecken konnte, nachdem der Rasen wieder auf seinen alten Platz gelegt war. Als die Fallen verborgen waren, schleifte ich den Leichnam der armen Bianca darüber hin und rund um die Farm herum, und zum Schluß schnitt ich eine ihrer Tatzen ab und drückte Fußtritte über jede Falle. Alle mir bekannten Vorsichtsmaßregeln hielt ich dabei im Auge, und erst zu später Stunde zog ich mich zurück, um den Erfolg abzuwarten.

Einmal während der Nacht glaubte ich Alt-Lobo zu vernehmen, jedoch war ich dessen nicht ganz sicher. Am folgenden Morgen begann ich schon früh die Runde, aber die Dunkelheit überraschte mich wieder, ehe ich meinen Ritt durch das nördliche Tal vollenden konnte, und ich hatte nichts ausgerichtet. Beim Abendessen bemerkte einer der Hirten: »Heute morgen war eine ungewöhnliche Unruhe und Aufregung unter dem Vieh im Norden, möglicherweise hat sich dort etwas gefangen.«

Der Nachmittag des nächsten Tages kam heran, ehe ich zu der erwähnten Stelle gelangte. Als ich näherkam, erhob sich eine gewaltige, graue Gestalt vom Boden und versuchte vergebens zu entfliehen – Alt-Lobo, der König von Currumpaw, stand vor mir, festgekettet in den furchtbaren Klauen der stählernen Fallen. Armer, alter Tyrann. Bis zuletzt hatte er nach seiner Geliebten gesucht, und als er die Spur ihres Leichnams gefunden, war er blindlings gefolgt und in die für ihn gelegten Fallen geraten. Da lag er nun festgefaßt von vier starken Eisen, vollkommen hilflos, und rund umher bewiesen zahllose Fußspuren, daß die Rinder sich dort gesammelt hatten, um den gefallenen Despoten zu verhöhnen, ohne es aber zu wagen, in greifbare Nähe zu kommen. Zwei Tage und zwei Nächte hatte er dort gelegen, und nun war er zusammengebrochen, entkräftet durch die vergeblichen Anstrengungen, loszukommen. Doch als ich näher kam, erhob er sich mit gesträubter Mähne, und zum letztenmal erzitterte das Tal von seinem tiefen, grollenden Baß, einem Schrei um Hilfe, dem Kriegsruf seiner Bande. Aber keine Antwort ertönte, und verlassen in seinem letzten Verzweiflungskampf wandte er sich gegen mich, um verzweifelte Anstrengungen zu machen, auf mich loszuspringen. Alles vergeblich, jede der Fallen hatte ein Gewicht von über dreihundert Pfund. Mit diesen stählernen Gebissen an jedem Fuß und die Ketten und Holzklötze alle ineinander verwickelt, war er vollkommen ohnmächtig. Seine gewaltigen, wie Elfenbein schimmernden Fangzähne knirschten in die grausamen Ketten, und als ich ihn mit meinem Büchsenlauf zu berühren versuchte, ließ er tiefe Male darauf zurück, die noch heute zu sehen sind. Seine Augen glühten grün vor Haß und Wut, und seine Kiefer schnappten laut vernehmlich zusammen, als er mich und mein zitterndes Pferd vergeblich zu erfassen suchte. Aber er war erschöpft von Hunger und Blutverlust und sank bald ermattet zu Boden.

Etwas wie Bedauern überkam mich, als ich mich anschickte, mit ihm abzurechnen und ihm zu vergelten, was unzählige Geschöpfe unter seinen Klauen erduldet hatten.

»Großer, alter Räuber, Held tausend gesetzloser Raubzüge, in wenigen Minuten bist du nichts als ein elender Kadaver.« Dann schwang ich meinen Lasso, und pfeifend sauste er über seinen Kopf. Doch es ging nicht so schnell; noch fühlte er sich nicht überwunden. Ehe sich die geschmeidige Schlinge um seinen Nacken geschlossen hatte, packte er sie und durchschnitt mit einem wütenden Biß die starke Leine, die in zwei Stücken niederfiel.

Zwar hatte ich meine Büchse als letzte Hilfe, aber ich wollte sein königliches Fell nicht verderben. Deshalb galoppierte ich nach dem Lager und kehrte in der Begleitung eines Hirten mit einem festen Lasso zurück. Wir warfen Lobo einen Stock zu, den er mit seinen Zähnen packte, und ehe er ihn durchbissen hatte, pfiff unsere Leine durch die Luft und schloß sich fest um seinen Nacken.

Schon war das Licht in seinen glühenden Augen am Erlöschen; da besann ich mich eines anderen und rief: »Halt, wir wollen ihn nicht erwürgen, laßt uns ihn lebendig nach der Farm bringen!« Er war jetzt vollkommen machtlos, und es war uns ein leichtes, einen kräftigen Knüppel hinter den Fangzähnen durch sein Maul zu stecken und seine Kiefer mit starken Stricken zusammenzuschnüren. Sobald er fühlte, daß er gebunden war, gab er jeden Widerstand auf und betrachtete uns, ohne einen Laut von sich zu geben, ruhig, als ob er sagen wollte: »So, jetzt habt ihr mich am Ende doch, nun macht, was ihr wollt!« Dann ließ er uns unbeachtet.

Wir banden seine Füße, doch er knurrte nicht, noch wendete er seinen Kopf. Dann hoben wir ihn mit vereinter Anstrengung auf mein Pferd. Sein Atem ging ruhig wie der eines Schlafenden, seine Augen waren wieder hell und klar, doch sie ruhten nicht auf uns. Auf die fernen, weiten Gefilde waren sie gerichtet, auf sein geschwundenes Königreich, in dem seine berüchtigte Bande nun ohne ihren großen Führer umherirrte. So starrte er in die Weite, bis wir den Weg in das Tal hinabstiegen und die Felsen die Aussicht versperrten.

Langsam ging es vorwärts, bis wir die Farm ungefährdet erreichten, und nachdem wir unser Opfer mit einem Halsband und einer starken Kette gesichert hatten, banden wir es an einen Pfahl auf der Weide und entfernten die Leinen. Zum erstenmal konnte ich Lobo nun genau betrachten und feststellen, wie unglaubwürdig die umlaufenden Gerüchte über diesen gewaltigen Tyrannen waren. Da lag kein goldenes Halsband um seinen starken Nacken, noch war an seiner Schulter ein Kreuz, das das Zeichen eines Paktes mit dem Satan sein sollte. Aber an seinem Schenkel fand ich eine tiefe, breite Narbe, die Juno, der beste von Tannerys Rüden, dort eingegraben hatte, bevor Lobo ihn leblos in den Sand streckte.

Ich setzte Fleisch und Wasser neben ihn, aber er rührte es nicht an. Unbeweglich lag er da und starrte mit den klaren, gelben Augen an mir vorüber in die Weite, durch die Öffnung des Tales über die fernen Gefilde, über seine Gefilde. Als die Sonne sank, war sein steter Blick noch auf die Prärie gerichtet. Ich vermutete, er würde seine Bande zusammenrufen, sobald die Nacht anbrach, und war darauf vorbereitet. Doch er hatte in der tiefsten Verzweiflung schon einmal gerufen, und niemand war erschienen – so blieb er jetzt stumm.

Ein Löwe, den man seiner Kraft beraubt, ein Adler, dem man seine Freiheit genommen, oder eine Taube, der man den Geliebten entrissen hat, sie alle sterben, so sagt man, an gebrochenem Herzen. Auch dieser furchtbare Bandit konnte den dreifachen Schlag, den er erlitten hatte, nicht mit unversehrtem Herzen ertragen. Bis der Morgen dämmerte, lag er noch in der gleichen Stellung voll friedlicher Ruhe. Sein königlicher Leib war unverletzt, aber das Leben war entflohen – der Herrscher tot.

Ich nahm die Kette von seinem Halse, und ein Hirte half mir, ihn in den Schuppen tragen, in dem Blanca lag. Dort betteten wir auch den Leichnam des alten Helden, und sein letzter Wunsch war so erfüllt: Die beiden, die nur der Tod getrennt, waren wiedervereinigt.

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